Grau stand auf. Es ziemt einem Manne dem Schicksal ins Antlitz zu blicken
ohne zu zittern, sagte er. Aber seine Knie bebten, ihm schwindelte. Nun
erst fühlte er, daß seine Stirne glühte. Er hatte Fieber. Er legte sich auf
das Sofa und blickte zur Decke empor. Er staunte. Sein Gesicht war erstarrt
in einem großen, schrecklichen Staunen.
Die Schwestern Sinding stiegen die Stufen herauf und plauderten von Adele.
»Wie ruhig und gefaßt sie Abschied nahm!« sagte Marie Sinding, die ein
wenig mit der Zunge anstieß.
»Ja, so merkwürdig ruhig. Sie lachte und plauderte bis der Zug fuhr. Sie
beherrscht sich so. Wir sind nicht so -- haha!«
»Nein, nein!« Die Schwestern lachten.
Plötzlich sagte eine tiefe Männerstimme: »Was wird der Tennisklub als
Hochzeitsgeschenk geben?«
Grau lag still. Er regte sich nicht. Er hörte wohl, was die Mädchen sagten,
er lächelte nicht, er weinte nicht, er staunte. Gegen Abend schleppte er
sich an den Schreibtisch und schrieb so gut es ging einen Brief an einen
Gärtner, bei dem er einige Tage zubringen wollte. Dann versank er wieder in
ein leichtes, fast angenehmes Fieber. Er lag einige Tage auf dem Sofa, er
fieberte, schlief, aber selbst im Schlafe wich der Ausdruck des Staunens
nicht aus seinem Gesichte.
Die Antwort des Gärtners traf ein. Grau packte langsam, mit Anwendung all
der Klarheit, die ihm das Fieber noch ließ, seine Sachen, auch den roten
gestickten Reisesack mit der zornig aussehenden Henne. Er füllte nochmals
den Teller für seinen Kostgänger, den gelben, zottigen Hund und legte alle
Speisereste unter den Schrank für die Maus. »Eine Maus findet ja immer
etwas,« murmelte er vor sich hin und wiegte langsam den Kopf hin und her,
»sie ist auch klein und ißt nicht viel.«
Es ist Zeit, Zeit! flüsterte eine Stimme in ihm. Er antwortete: »Ja!« und
ging.
Er wollte Mütterchen Adieu sagen und wählte den Weg durch den Wald, hoch
über der Stadt. Er ging langsam und trotzdem schmerzte seine Brust und
glühte seine Stirn.
Die Sonne schickte sich an zu sinken, sie war verborgen hinter einer langen
Wolke, deren Ränder gleißten, der Himmel war weinrot. Das Tal schien schon
leise zu schlummern. Aber da zerschmolz der untere Rand der Wolke und die
Sonne flammte plötzlich hell auf. Das Tal funkelte und erwachte wieder, wie
ein Kind, das nochmals lebhaft wird, wenn die Mutter mit dem Lichte durchs
Zimmer geht.
Grau nahm den Hut ab, er strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und
versuchte zu denken, das zu erfassen, was ihn so mächtig beschäftigte. Da
stand er lange Zeit, die Brauen hoch gezogen, den Mund halb offen und
starrte mit großen Augen in die sinkende Sonne. Endlich lachte er. Er
lachte leise und fiebrisch und nickte. Unklare Gedanken zuckten durch
seinen Kopf, daß das Tal da unten ein Altar sei, auf dem zur Ehre Gottes
geopfert werde, daß die Menschen kleine wandernde Sonnenstäubchen seien und
tausend Altäre bauten zur Ehre Gottes. Ach, er konnte ja nicht denken, aber
er fühlte, daß etwas Herrliches in ihm war. Ihre Kunst, ihre Wissenschaft
waren Altäre und sie opferten Tag und Nacht darauf.
Er sah sie wandern, zu Millionen, diese kleinen Sonnenstäubchen und opfern.
Sie zerschmolzen, Königreiche und Völker und Rassen zerschmolzen, eine neue
Rasse ging daraus hervor, eine herrliche Rasse. Neue Städte, neue Tempel,
immer herrlicher und schöner. Ein Jubelbrausen künftiger Jahrtausende --
Schönheit, Adel --
»Es ist ja alles gut, alles gut!« sagte Grau und lachte. Er war nicht
imstande zu denken, aber eine mächtige Freude durchströmte ihn. Er begann
rasch den Weg hinab zu steigen und lachte immerzu vor sich hin.
So groß, so herrlich und unfaßbar schön war ja alles!
Auf der Brücke traf er einen Landstreicher, einen kleinen, alten Kerl mit
rostroten Borsten auf dem Kopf und im Gesicht. Er war buchstäblich in
Lumpen gehüllt. »Wohin geht die Reise?« fragte Grau und gab ihm die Hand
und lachte. »In die Stadt,« antwortete der Vagabund, der nicht einmal ein
Hemd an hatte, »ich will dort einen Herrn aufsuchen, den man mir empfohlen
hat, einen Herrn Grau. Wissen Sie, wo er wohnt?«
Grau lächelte. »Er ist abgereist, heute!« sagte er. »Aber was schadet es?
Nehmen Sie, nehmen Sie!« Er gab dem Landstreicher seinen Geldbeutel, sein
Taschentuch, sein Messer. »Nehmen Sie, nehmen Sie! Es ist ja einerlei, daß
er abgereist ist. Keinen Dank! Nehmen Sie! Haha!« Er zog seinen Rock aus
und warf ihn dem verdutzten Vagabunden in die Arme.
Dann lief er rasch davon in die Wiese hinein.
»Guten Tag, Mütterchen!« rief er aus. »Ich komme um dir Adieu zu sagen. Da
bin ich nun, siehst du?«
Mütterchen sah ihn zuerst teilnahmslos an, aber dann erstaunte sie, als sie
gewahrte, daß er in Hemdärmeln gekommen war. Sie starrte ihn an. »Du gehst?
Ja, wohin gehst du denn? Tritt ein!«
»Es geht fort, Mütterchen. Zu einem Gärtner, einem Freund von mir, ein
seelenguter Mensch. Ich kann getrost zu ihm kommen, er schrieb es und er
unterstrich getrost. Verstehst du, er unterstrich es! Da werde ich dann
sitzen und die Blumen ansehen, er ist ja ein Gärtner, du begreifst wohl
nicht, ein Gärtner ist er! Blumen, Treibhäuser -- Er wartet auf mich.
Morgen früh! Ein guter Mensch, Mütterchen, ich habe ihn im Gefängnis kennen
gelernt. Verstehst du, er sah mich an und ich dachte, kein Mörder, nein! Er
war verurteilt wegen Mords, aber es war ja nicht wahr. Ich wußte das
sofort. Ich machte Eingaben, Eingaben, fortwährend Eingaben, der Prozeß
wurde wieder aufgenommen -- Lüge! Sein Schwager war es, er, sie machten ihn
betrunken --«
»Ja, was ist dir denn?« sagte Mütterchen erschrocken.
»Daher kennen wir uns. Er liebt mich und ich liebe ihn. Ich werde ihm nicht
lästig fallen --«
»Warte!« stotterte Mütterchen und ging in die Küche hinaus, um eine
Erfrischung zu holen. Als sie zurückkehrte saß Grau im Sessel und schlief
und flüsterte im Schlafe und lächelte. Eisenhut, der sein Gepäck zum
Bahnhof gebracht hatte, kam und legte ihn zu Bett. Das Fieber brach heftig
aus, es dauerte einige Wochen.
Sobald Grau aus dem Fieber erwachte, kehrte wieder der Ausdruck des
Staunens in sein Gesicht zurück.
»Ich mache dir wohl viele Mühe, Mütterchen!« flüsterte er. »Verzeihe!«
Nun lag er in Susannas Stube und sah durch das Fenster hinaus, bis zur
Brücke, wo Susannas Pappeln standen. Zweimal im Tage kroch die gelbe
Postkutsche über die kleine Brücke. Des Nachts schleppten sich die
Güterzüge in der Ferne vorüber und der Expreßzug sauste jeden Nachmittag
vorüber und sein Rauch hing lange in der Luft.
Häufig versuchte er aufzustehen; »Ich muß ja fort!« sagte er. »Mein Gott,
es gibt ja so viel zu tun!« Aber seine Füße trugen ihn nicht. Dann lag er
wieder ruhig und sah mit dem Ausdruck des Staunens vor sich hin.
Man mähte das Gras, es wuchs von neuem, man mähte es wieder, es verfaulte
im Regen. Der Herbst kam.
Grau lag und fieberte. Er hatte nur wenig klare Tage. Dann schrieb er, aber
er zerriß alles wieder, endlich schrieb er drei Briefe, zwei lange und
einen kurzen.
»Hier,« sagte er, »Eisenhut, nimm sie. Ich werde dir alles erklären. In
diesem Brief befindet sich ein Schreiben an das Gericht. Du öffnest ihn in
einem Jahre, wenn nicht Ereignisse eingetreten sind, höre wohl zu,
Ereignisse, von denen in dem Briefe an dich die Rede ist. Vergiß nichts. Es
ist eine alte Angelegenheit, die ich in die Hand nahm, als ich hier in der
Stadt eintraf. Ich möchte sie zu Ende bringen.«
Grau lag im Fieber und er winkte Eisenhut heran und flüsterte: »Die
Pioniere, siehst du, man muß sie loben. Sie sind immer da, wo die
Menschheit noch nicht ist. Man verfolgt sie, haßt sie, sie sind entsetzlich
dran, aber sie sind immer, immer am Werke. Sie sind Säemänner, Eisenhut,
auch ich, auch ich, wollte solch ein Säemann werden. Im kleinen natürlich,
im kleinen nur --«
»Still, still!« sagte Eisenhut und legte ihm Eis auf die Stirn.
Grau schloß sofort die Augen. »Mein Bruder!« flüsterte er und drückte
Eisenhuts Hand. Als Grau schon sehr schwach war, richtete er sich eines
Tages plötzlich auf und sagte erschrocken: »Eisenhut, deine Mutter?« Er
schwieg lange, dann fügte er hinzu: »Da ging ich ein und aus in diesem
Hause und dachte nicht an sie. Stricken, Nähen, Gartenarbeit. Ihr
geschwächter Geist, man kann ihn stärken -- Gott verzeihe mir! -- Versprich
es mir, Eisenhut!« Er umklammerte Eisenhuts Hand und sank lächelnd ins
Kissen zurück, als Eisenhut ihm das Wort gegeben hatte.
Dann kam die Zeit, da Grau still lag und immerfort leise flüsterte und
lachte. Er lebte mit einer schönen Frau mit hellen Augen und schwarzen
Haaren am Meer. Er ging im heißen Sande und sammelte Muscheln. Er blickte
ins Haus hinein, bald in dieses Fenster, bald in jenes: Sie war da! Er
lachte und trommelte an die Fenster. Er schrieb ihren Namen riesengroß in
den Sand.
Einmal ging er hinein in einen Wald. Es war Sommer. Die Sonne glühte in den
grünen Wipfeln. Da ging er dahin und sang. Plötzlich wurde es totenstill im
Walde, die Hitze wurde unerträglich und langsam fiel Blatt um Blatt, mit
einem singenden, seufzenden Laut. Die Blätter fielen dichter und dichter,
sie schrumpften zusammen, knisterten, wie versengt von der großen Hitze,
fielen, fielen, regneten auf ihn herab, die Äste starrten kahl und immer
mehr Blätter regneten und drohten ihn zu ersticken --
-- Da erwachte er mit einem Schrei und fuhr auf. Sein Mund war voller Blut.
Tagelang lag er nun geschwächt und atmete nur leise.
Eisenhut kam ans Bett. »Worüber staunst du doch nur?« fragte er. »Du
staunst immer!«
Grau lag und staunte.
Dann kamen die Tage, da Grau schwer atmete und Mütterchen ihm immerfort die
Stirne trocknen mußte.
Das war der Glutwind! Er trug ihn dahin und viele, viele trug er dahin. Es
ging durch die kahlen Äste eines endlosen, verdorrten Waldes. Die Seelen
jammerten. Wir kleinen schäbigen Seelen, Erbarmen! jammerten sie. Es fegte,
Tag und Nacht, immerzu und endlich hoch über den Wipfeln des verdorrten
Waldes, in balsamischer Luft. Tief unten jammerten die Seelen. Wir sind zu
schwer, Erbarmen. Aber er flog und sauste und viele sausten mit ihm. Es
wurde glühend heiß -- er erwachte.
Sein Kopf war ganz klar. Er war durstig und seine Lippen brannten. Aber es
war Nacht und er wollte Mütterchen nicht wecken. Er kühlte die Hände am
Fenster und kühlte dann die Lippen.
Sofort versank er wieder. Er wanderte. Eine Felsenecke, wieder, wieder,
eine endlose, schreckliche Wanderung. Ein Tor, eine Schlucht, ein
furchtbarer Weg. Er kam in einen großen Felsenhof und hier waren viele
Millionen Seelen und warteten. Wir sind die armen Seelen! beteten sie. Er
wanderte und wanderte durch das Heer von Seelen hindurch und kam auf eine
Heide. Hier ließ es sich gut ausschreiten.
Aber plötzlich warf ihn eine Stimme zu Boden.
»Mit Versprechungen hast du die Menschen getröstet und von Hoffnungen hast
du gelebt!« sprach die Stimme, die furchtbar klang.
»Ich wollte beginnen! Vergib mir armen kleinen Seele!«
»Wie das Schwirren von Pfeilen und ein Schall von Hörnern hätte deine Rede
sein sollen, deine Zunge war Stroh! Ich habe Antrieb und Neigung in dich
gelegt, ich habe über deine Seele Ahnungen geschleudert wie Hagelschauer
über das Feld, ich habe gefunkelt in dir wie der Mond am schwarzen Himmel
funkelt, ich stand am Wege als kleine Blume, aber du hast mich nicht
gesehen! Ich kam zu dir und fand dich schlafend, ich habe meinen Gedanken
auf dich geworfen wie einen Felsblock, aber du bist nicht aufgewacht. Auf
deiner Zunge saß ich als süßes Lied, warum hast du nicht gesungen? Zehnmal
in deinem Leben ging mein großer Verkünder an dir vorüber, du sahst ihn an,
aber du hast ihn nicht erkannt?«
»Ich habe dich als Feuer entsandt und du bist als Asche wiedergekommen!«
»Sprich, elende Seele, wo sind deine Früchte, wenn ich dich schüttele?
Sprich, sprich, elende Seele?«
Er begann zu stammeln, verwirrt zu reden. Er stotterte Entschuldigungen. Er
suchte in seinem Kopfe, nichts fiel ihm ein. Nichts, nichts. »Erbarmen,
Erbarmen!« schrie er und krümmte sich.
»Sprich, sprich!« sagte die furchtbare Stimme.
Da fiel ihm ein, daß er einst für ein krankes Kind ein Bilderbuch gemacht
hatte, geschrieben, gemalt, Tag und Nacht hatte er gearbeitet.