Grau lächelte wieder. »Ja,« sagte er, »weshalb denn nicht? Ich mache zu
viele Schwierigkeiten. -- Übrigens, um offen zu sein, ich werde selbst um
Entlassung einkommen. Ich kehre nicht mehr hierher zurück,« setzte er
leise, wie beschämt, hinzu. »Es gibt so viele Dinge, die sich mit meinen
Anschauungen, trotz des besten Willens --«
Was er aber dann beginnen wolle?
Grau lachte leicht. »Das?« sagte er, »Oh, das macht mir nicht die
geringsten Bedenken. Ich finde auch in einem andern Beruf ein großes
Arbeitsfeld. Ich werde Medizin studieren, ich trug mich schon früher mit
dem Gedanken.«
»Also Arzt wollen Sie werden?« rief Adele freudig aus. »Ich liebe die
Ärzte. Was für ein Arzt?«
»Nun, ein guter Arzt, denke ich, für die, die krank sind,« erwiderte Grau
lächelnd.
Sie kamen an eine Lichtung und sahen tief unten die Stadt mit ihren
blinzelnden Lichtern liegen. Man sah Adeles Park. Hier duftete es stark
nach Honig. Ein Insekt schwirrte über den Kräutern.
»Wie hoch wir doch sind!«
»Ja!«
Sie stiegen höher und plötzlich sahen sie den Mond in einem Himmel so
dunkelblau wie ein Kirchenfenster stehen. Er erschien wie ein bleiches
Gesicht, das voll namenloser Sehnsucht immerzu in die ferne Sonne starrte.
Sie kamen ganz auf die Höhe und Adele war überrascht, eine Ebene vor sich
zu sehen. Sie hatte gedacht, es gehe hier wieder bergab. Im Mondschein lag
ein kleines kalkweißes Dorf. Die Ebene sah auffallend hell aus im Licht des
Mondes, die Grillen zirpten in den Feldern und ihr schrilles feilendes
Gezirpe schien alles ringsum in Silber zu verwandeln. Einen Augenblick lang
blickte Adele auf das kalkweiße, gespensterhaft aussehende Dorf, dann
wandte sie sich wieder dem Walde zu. Hier war es warm und schwül. Der Mond
lag in Streifen und silbernen Tümpeln im Walde und auf dem Wege und warf
fortwährend ein glitzerndes Netz über Adele, gleichsam um sie darin zu
fangen; sie aber schlüpfte jedesmal aus dem Netze heraus. Sie sah zu Boden.
Wie schön war es doch an ihrer Seite zu gehen!
Graus Seele füllte sich mit Heiterkeit. Er ging leicht und lautlos, er
lächelte, und nie hatte er den Wald stärker gerochen. Er sah und hörte mit
wacheren Sinnen. So schön war alles, solch feine Geräusche waren da drinnen
in der Tiefe.
In seiner Seele begann es zu singen. Laß uns gehen durch die Wälder, laß
uns wandeln in den Au'n! sang es in seiner Seele ganz von selbst. Er lachte
leise und räusperte sich.
In seinem Kopfe wisperten die Gedanken -- und sie flüsterten im Rhythmus
der Schritte. Er wehrte ihnen nicht. Gib deinem Kinde Mondscheinnächte,
flüsterten sie (weshalb sagten sie doch Kinde?), gib ihm Sonnenschein, Wald
und Feld. Gib ihm den Anblick der Tiere. Es ist wichtig, wieviele
Sonnentage es erlebte. Die Formen, die Farben, das Werk der Wurzeln, das
Werk der Wipfel, sie bauen die Seele und machen sie reich. Von den Tieren
lernt es Schönheit der Bewegung, Adel des Blickes, Fassung und Ruhe -- ohne
daß der Mensch es weiß -- hahaha -- der Mensch weiß ja nichts --
Er lachte leise. Wie merkwürdig das war! Er verlor alle Befangenheit und er
fühlte wie seine Wangen vor Freude heiß wurden.
»Wie es duftet!« begann er mit freier klarer Stimme. »Es riecht, als ob der
Wald eine Pfanne voll Harz und Wurzeln wäre. So schön! Wie regungslos diese
Fichten dastehen, nicht wahr? Und sehen Sie die Sterne, die durch die
Wipfel blitzen? Da ist besonders ein großer, geschliffener Stern, der immer
wieder auftaucht und im Walde umherleuchtet, als suche er etwas, etwa Sie.
Eben wieder! Wie herrlich! Dann dieser Friede, bei Gott! Er durchdringt
einen. Ich habe auch das Gefühl, als ob der Herr des Waldes in der Nähe
wäre, der Geist des Waldes. Er schleicht neben uns her, belauscht uns,
beobachtet uns, zuweilen glaubt man seine Augen sehen zu können, aber
sobald man hinblickt, zieht er sich ins Dunkel zurück. Die Nacht ist
wundervoll! Ja, diese Nacht ist so herrlich! Fühlen Sie? Sprechen Sie ein
wenig, es ist so schön die Stimme einer Frau des Nachts im Walde zu hören.
Ihre Stimme ist sehr schön und weich. Sie sprechen auch ein wenig
eigentümlich, einen fremden Akzent --«
»Das ist gemacht,« sagte Adele. »Ich liebe das Fremde!« Sie lächelte und
sah Grau an, dann blickte sie wieder zu Boden und fuhr fort: »Wie leid tut
es mir nun doch, daß Sie auf dem Liederkranzball nicht in ein Gespräch mit
dem Baron gekommen sind, Sie würden eine ganz andere Meinung von ihm
bekommen haben. Er ist sehr gebildet und sehr klug und liebenswürdig.
Freilich, er ist zumeist so müde, daß er nicht spricht. Er liebt das
Herrische, er hat zwei schwere Duelle ausgefochten; wegen seines Armes
konnte er ja nicht dienen, aber er ist trotzdem mit Leib und Seele
Offizier. Ich liebe ebenfalls das Heldenhafte, Kampf und Krieg und was es
auch sein mag. Das Leben aufs Spiel setzen, ein Leben unter Gefahr -- ich
liebe das! Der Baron ist ja nicht gerade schön, aber er sieht sehr gut aus,
männlich sieht er aus, sogar etwas rauh. Aber so soll ein Mann aussehen.
Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er etwas altmodisch denkt, das ist der
Einfluß seiner Familie, seiner Mutter und Tanten -- er sagt zum Beispiel,
der Mann gehört auf die Jagd und die Frau ins Boudoir, der Mann ist der
Beschützer der Frau und betet sie an, die Frau habe nichts anderes zu tun
als schön zu sein und ihn zu lieben und ihre Kinder zu erziehen. Nun, Sie
sagen gar nichts, Herr Grau?«
»Ich habe kein Recht, mich zu äußern,« antwortete Grau ausweichend.
»So müssen Sie es nicht auffassen, Herr Grau.« Adele lachte leise. »Es ist
ja gut, wenn wir uns aussprechen, nicht wahr? Vielleicht tun Sie dem Baron
doch unrecht --«
»Ich habe ja gar keine Meinung über den Baron,« entgegnete Grau, »ich kenne
ihn ja gar nicht. Es handelt sich ja auch nicht darum, ich glaube nur --«
»Nun?«
»Es ist vielleicht besser, wenn ich nichts sage. Ich habe kein Recht dazu.«
»Aber ich bitte Sie darum, Herr Grau.«
Grau schüttelte den Kopf. »Ich habe kein Recht dazu, Fräulein von
Hennenbach. Aber ich kann eines eigentümlichen Gefühls nicht Herr werden --
ich fühle das, fühle das so unsagbar stark -- daß in Ihrem Verhältnisse zu
dem Baron etwas nicht in Ordnung ist. Verzeihen Sie mir, bitte. Vielleicht
ist Ihre Neigung --«
»Ich liebe ihn sehr!«
»Aber vielleicht lieben Sie ihn nicht genug, um seine Frau zu werden?«
Adele blickte auf den weißen Stamm einer kleinen Birke, der im Mondlicht
leuchtete, und sagte: »Ich liebe ihn, ja. Oft denke ich, ich liebe ihn
nicht genug, aber je mehr ich ihn kennen lerne, desto mehr liebe ich ihn.
Ganz abgesehen davon, zumeist sind sogenannte Vernunftehen glücklicher als
Liebesheiraten -- ich sage ja nicht, daß ich den Baron nicht liebe, aber
--«
»Trotzdem erscheint es mir besser, an einer Liebesheirat zugrunde zu gehen
als in einer Vernunftehe zufrieden zu werden,« entgegnete Grau.
Adele lachte leise. »Sie sind ein Träumer!« sagte sie. »Man nimmt die Ehe
ja gar nicht so wichtig in meinen Kreisen.«
»Nicht?« fragte Grau verwundert, beinahe erschrocken.
»O nein,« sagte Adele und fröstelte, während ihre Lippen lächelten.
»Unmöglich!« Grau schüttelte den Kopf. »Ich habe darüber nachgedacht,«
sagte er nach einer Weile, »und die Ehe gehört zu jenen Dingen, die ich nie
zu Ende denken kann. Es gehört ein beispielloser Mut oder ein großer
Leichtsinn dazu, eine Ehe zu schließen. Ja, denken Sie sich: Die Ehe! Sie
sind nicht mehr allein, Sie sind zu zweien. Sie haben zu jemandem gesagt,
wir wollen bis zum Tode zusammen durchs Leben gehen! Sie sind plötzlich ein
anderer Mensch geworden. Es ist als ob Sie immerfort einen vornehmen Gast
im Hause hätten. Sie waren vielleicht gut genug, um allein zu sein, aber
jetzt finden Sie, daß Sie sich bessern müssen, in jeder Beziehung, da Sie
den Gast im Hause haben. Wenn Sie allein sind und Sie haben einen
schlechten oder kleinlichen Gedanken, Sie sind allein, versuchen Sie mit
sich selbst fertig zu werden -- nun aber? Wenn er wüßte, daß Sie diesen
niedrigen Gedanken haben, würde er nicht von Ihnen gehen? Beleidigen Sie
ihn nicht durch den niedrigen Gedanken oder ein armseliges, kleinliches
Gefühl. Sie müssen Ihre Gedanken und Gefühle veredeln, nun, da Sie den Gast
im Hause haben, gleichsam geschmückt wie zu einem Feste muß allezeit Ihre
Seele sein. Sie konnten früher nachlässig und träge sein, aber jetzt wäre
es ja eine Kränkung Ihres Gastes, Sie müssen dreifach eifrig sein. Sie
müssen den Gast bewirten mit guten Gedanken und großen Gefühlen, Sie müssen
seiner würdig zu werden trachten. Das Leben ist lang und Sie müssen doch
jeden, jeden Tag und jede, jede Stunde und jede, jede Minute mit einer
festtäglich geschmückten Seele vor ihn hintreten. Und jeden, jeden Tag, der
kommt, müssen Sie neu sein, erneuert, denn Sie dürfen ja nicht still
stehen, was würde Ihr Gast dazu sagen? Keinen unschönen Gedanken, kein
unschönes Gefühl dürfen Sie mehr haben, ja nicht einmal eine unschöne
Gebärde -- keine Müdigkeit, kein Sichgehenlassen -- es ist ja schwer, es
ist ja unendlich schwer und Sie müssen alle Ihre Kraft zusammennehmen, um
vor Ihrem Gaste bestehen zu können, um seine Nachsicht zu verdienen.«
»Ich denke, es ist, als ob die beiden, die bis zum Tode durchs Leben
zusammen wandern -- als ob die beiden eine Kathedrale zusammen errichten
wollten -- eine herrliche stolze Kathedrale aus Schönheit und Reinheit. Von
dem Tage an, da sie einander begegneten, beginnen sie zu bauen. Nur mit den
schönsten und reinsten Gefühlen können sie die Kathedrale errichten. Die
beiden sind vielleicht im Leben schon da und dort angestreift -- aber die
Kathedrale, die Idee ihrer Ehe, die können sie ja herrlich und groß
errichten. Und die beiden haben vielleicht nicht das Recht, diese heilige
Kathedrale zu betreten, die sie bauten und schmückten, nein, vielleicht ist
die Kathedrale nur ein großes kühles Heiligtum über der Wiege ihres
Kindes!«
»Ach, es ist ja so schwer, so schwer!« fügte Grau kopfschüttelnd hinzu.
»Und denen, die es wagen, denen soll man Glück und Ausdauer wünschen! Ja,
man soll für sie beten. All die Tausende, die es nicht wagen oder nicht
wagen können, die sollen für die wenigen beten, die es wagen. Weil es so
schwer ist -- und so herrlich, es zu unternehmen.«
Adele sah lächelnd auf den Weg. »Wie Sie es doch auffassen!« sagte sie
leise. »Und die Liebe? Wie denken Sie darüber?«
Sie wandte Grau ihre hellen Augen zu.
Grau lauschte. »Hören Sie das feine Sausen, das rings im Walde geht?« sagte
er. »Hören Sie es? Bald ist es ferne, bald ist es ganz nahe bei uns. Es
macht alles zum Traume, daß wir hier gehen, ist es nicht wie ein Traum?
Sind wir nicht wie ein Traum im dunkeln Haupte des Waldes? Ich lebe und bin
reich, weil ich hier mit Ihnen gehen darf. Sie hören mir zu, wenn ich
spreche, wenn ich in meinen dürftigen Worten auszudrücken versuche, was ich
empfinde, wie ich es empfinde, so geduldig und aufmerksam hören Sie mir zu.
Ich danke Ihnen dafür, Fräulein Adele. Ich bin Ihr Freund und das macht
mich glücklich. Sie sagten vorhin, es freue Sie, wie glücklich mich das
gemacht hat!«
»Sie fragen, wie ich über die Liebe denke? Lassen Sie mir Zeit. Sehen Sie
wie das Licht überall glitzert, es hängt in Tropfen an den Zweigen, es
klettert an den Bäumen empor, bis in die feinsten Nadeln! Wie schön ist
das! Ja, ich sage -- Sie singen ein Lied, und es gibt ja wundervolle Lieder
-- Sie singen es und mitten darin bricht Ihre Stimme -- denn plötzlich
fühlten Sie, wie schön das Lied ist. So ist die Liebe! Es gibt im Werke der
Orgel eine Stimme, die die menschliche Stimme heißt, ein süßer, flötender,
lebendiger Ton, der durch alle andern Töne dringt, über ihnen schwebt --
das ist die Liebe. Ich will Ihnen gern sagen, wie ich darüber denke -- denn
es ist ja so schön zu sehen, wie Sie zuhören.«
Grau schwieg eine lange Zeit und sah sie an. Er hatte plötzlich den Mut zum
Sprechen verloren. Adeles Miene hatte ihn betroffen gemacht. Sie blickte
auf den Boden, ihr Antlitz war kühl, fast abweisend, sie lächelte leise,
fast spöttisch.
»Nun?« sagte Adele und sah auf.
Aber Grau schwieg und blickte sie an.
»Sprechen Sie doch!« sagte Adele ungeduldig. »Sprechen Sie doch. Es ist
schön Ihnen zuzuhören und ich möchte gern wissen wie Sie über dies und
jenes denken.«
Er sah, daß sie an der Lippe nagte.
»Was ist Ihnen?« sagte er. »Ich spreche ja gern, aber was ist Ihnen? Sie
erscheinen bedrückt, ja, fremd erscheinen Sie mir. Wollten Sie doch
glücklich sein? Aber Sie sind ja nicht glücklich!«
Adele lachte leise. Ja, mein Gott, was tue es? Was schade es im großen und
ganzen, daß sie nicht glücklich sei? Sie rechne stets damit unglücklich zu
sein und zu werden, es müsse so sein. Ja, wenn man ihr hier das Glück
herlege und hier das Unglück --
»So werden Sie das Glück wählen!« sagte Grau.
»Wirklich?« Adele sah ihn an. »Nein, nein, ich werde es nicht tun. Ich
werde das Unglück wählen, es liegt in meiner Natur. Und sobald ich etwas
Glück in mir fühle, zerstöre ich es ja doch! Ich würde das Unglück wählen
--« sie hielt inne und fügte zögernd und leise hinzu: »Oder würde ich das
Glück wählen?«
»Sie würden es wohl tun!« sagte Grau. »Denn alle -- wie wir leben -- wir
mögen uns noch so gleichgültig und trotzig gebärden, wenn wir allein sind,
verzehrt sich unser Herz doch vor Sehnsucht nach dem Glücke. Nein, nein,
Sie sind in einem Irrtum über sich selbst befangen, wenn Sie das glauben.«
Adele nickte. »Ich bin in einem Irrtum -- in einem Irrtum über mich selbst
befangen,« sagte sie. »Vielleicht, vielleicht? Oft scheint es mir selbst
so, Sie haben recht. Oft scheint es mir, als ob ich meine Vision vom Leben
verloren hätte. Was früher für mich groß und schön war -- wüßte ich es doch
noch! Ich habe mit so vielen Menschen gesprochen, jeder sagte etwas andres
und keiner das gleiche, ich habe so viele Bücher gelesen und gelesen und
gesucht -- jeder große Geist hat mich überzeugt und mitgerissen -- nun weiß
ich gar nichts mehr. Wer bin ich eigentlich und was bin ich? Oft habe ich
Sehnsucht nach Ruhe, nach dem Vergessen und oft bin ich müde und ich möchte
mich fallen lassen -- wohin ich auch falle. Ja, oft hab' ich ein Verlangen
nach unten -- denn da ist kein Kampf mehr, es ist verlockend zugrunde zu
gehen und gar nichts mehr zu sein. Oft habe ich diesen Wunsch, es ist die
Wahrheit, ach, Sie brauchen mich nicht so entsetzt anzustarren und nicht
den Kopf zu schütteln -- ich kenne mich ja am besten. Wenn ich nun den
Baron heirate, was schadet es? Zumal er mir ja sehr sympathisch ist. Sie
können recht haben, es ist vielleicht nicht alles, wie es sein sollte und
wie ich es mir wünsche, aber was schadet es, was liegt schließlich an mir?
Nichts. Alle machen es so, denn alle werden nach und nach müde und geben
sich auf und gehen nach unten. Vielleicht ist das ein Gesetz der
menschlichen Natur? Ach, lassen Sie mich sprechen -- ich liebe den Reichtum
und der Baron ist reich. Ich habe unaussprechliche Furcht vor Armut und
Dürftigkeit -- grauenhafte Furcht und vor nichts habe ich solche Furcht wie
davor, selbst vor dem Tode nicht. Ich liebe Bequemlichkeit, Luxus und
Nichtstun. Ich bin ehrlich und sage Ihnen all das, es ist die volle
Wahrheit. Oft denke ich an das Glück und an die Liebe -- so fern ist es für
mich -- und ich denke, es ist nicht für mich, es liegt nicht in meiner
Natur. Wenn ich eine junge Schwester hätte, die ich liebte, sie sollte es
haben, das Glück und die Liebe, die Schönheiten des Lebens, sie und ich
würde es mit ansehen. Für mich ist es ja nicht geschaffen. Ich höre Ihnen
zu, ja, es lockt mich, aber ich glaube nicht daran, das ist es. Es ist
alles so schön, zu schön, ich glaube nicht daran.«
Sie schwieg und brach einen Zweig in kleine Stücke. Die Stücke streute sie
auf den Weg. Das letzte Stückchen wollte nicht brechen, sie bog es zwischen
den Fingern, aber es brach nicht. Sie ließ es fallen.
Ihre Schritte glitten lautlos dahin, denn hier lagen Nadeln und der Weg war
von Moos überwachsen.
Es hauchte hoch oben in den Wipfeln. Wie ein Bach im flachen Lande, mit
vielen Inseln und Kanälen und Adern, so floß über ihren Häuptern der
tiefblaue Nachthimmel dahin, kleine und große Sterne trieben darauf und
glitzerten.
Nach langem Schweigen sagte Grau: »Wir Menschen fürchten uns ja nicht so
sehr vor dem Unglück, aber es graut uns davor elend zu werden!«
Adele zuckte zusammen.
»Davor graut Ihnen ja so sehr!« fuhr Grau eindringlicher fort, indem er
Adeles Arm leise berührte. Ihr erschrockener Blick streifte ihn. »Tag und
Nacht graut Ihnen davor. Nicht davor würde Ihnen grauen, etwas Schlechtes
zu begehen, denn es wäre vielleicht Trotz und Wille und Tat darin, aber es
graut Ihnen davor unterzusinken in Unwürdigkeit. Ich habe auch wieder von
jener Frau geträumt, die Ihnen ähnlich sieht -- der Traum erschreckte mich,
warnte mich --«
Adele machte eine abwehrende, fliehende Bewegung. Aber Grau berührte
wiederum ihren Arm.
»Begehen Sie kein Verbrechen an Ihrer Seele, Adele!« flüsterte er.
»Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch!« sagte Adele bleich. »Weshalb
quälen Sie mich denn?«
Sie legte die Hände an die Ohren, als Grau wieder zu sprechen begann, und
sah ihn mit zu schmalen Spalten zusammengezogenen Augen an.
Grau blickte sie an. Er war bleich vor Erregung.
»Verzeihen Sie!« stammelte er. »Oh, was habe ich doch getan. Es ist ja so
unrecht von mir.«
Er lächelte schmerzlich und fuhr leise fort: »Ich sehe Sie an, wie schön
sind Sie doch! Wie Sie den Kopf tragen, Ihr Gang, Ihr Wandeln! Es steht ein
großer Geist auf und alle Menschen lauschen auf ihn und sie sagen: Der
Weltgeist spricht aus ihm. Sie sehen eine Rose an, die Rose ist schön, ein
eigentümliches Gefühl erfaßt sie: Der Weltgeist ist in der Rose, er duftet
aus ihr, er glänzt aus ihr. Ich sehe Sie an. Adele -- der Weltgeist strahlt
aus Ihnen! Sie sind seine Priesterin, geschaffen umherzugehen und die
Menschen mit Ehrfurcht zu erfüllen vor seinem Werke. Ihre Bahn sollte wie
die Bahn eines Gestirnes sein, erhaben und gewaltig und sichtbar allen
Blicken. Das ist Ihre Mission, ich will Ihnen sagen, was Ihre Mission ist!
Das ist sie! So fasse ich es auf, so scheint es mir. Jeder Mensch muß doch
eine bestimmte Mission haben und das ist die Ihrige!«
Adele hatte die Hände halb sinken lassen und hörte ihm zu, den Blick in
seine Augen gerichtet.
»Sie sind ein vollendetes Werk des Schöpfers und haben Ihre Mission zu
erfüllen,« setzte Grau hinzu, »und deshalb hat er Ihnen jenes schreckliche
Grauen vor der Unwürdigkeit in die Brust gelegt.«
»Nein, nein --« stammelte Adele und entfloh.
»Adele!« sagte Grau und sie blieb stehen. Ihre Lippen bebten und sie sah
ihn nicht an. Sie hatte abwehrend die Hände an die Brust gezogen und Grau
ergriff ihre Hände.
Er sah sie an und lächelte wehmütig und scheu. »Sie sollen nicht vor mir
fliehen,« flüsterte er, »denn ich habe ja kein Arg im Herzen gegen Sie.
Hören Sie: Einmal lag ich als Knabe in einer Wiese und alles war so
wunderbar schön, so ganz anders schön, und ich hörte zum erstenmal eine
Stimme in mir sprechen. Dieser Augenblick bestimmte mein Leben. Als ich
Abschied nahm aus dem Blindeninstitut, da kamen alle meine Kinder und
küßten mich auf die Wange. Alle waren blind und alle spitzten die Lippen
und drückten sie heiß an meine Wange. Was ich damals fühlte! Seitdem
änderte sich abermals mein Leben. Dies sind meine größten und schönsten
Erlebnisse. Dann sah ich Sie -- ich war ja so scheu Ihnen gegenüber, weil
Sie so vornehm und schön gekleidet sind und weil Sie so schön sind. Aber
daß ich Ihr Freund geworden bin, das ist das schönste und größte Erlebnis
meines Lebens, Adele. Aus Ihnen strömte mir Kraft und mein Leben wird sich
ändern, ich weiß es, vielleicht werde ich jetzt gut und gerecht werden. Ich
danke Ihnen, Adele! Sie sollen mir vergeben, alles vergeben. Was ich jetzt
sagte, was ich über Ihr Verhältnis zu dem Baron sagte, alles, alles, ich
habe ja nicht das Recht dazu. Als Sie mir sagten, daß Sie reisen wollten,
von diesem Augenblick an hatte ich nicht mehr das Recht zu sprechen. Sie
wissen wohl warum, Sie wissen es recht gut.«
Adele zog ihre Hände zurück und blickte ihn erschrocken an, aber in ihren
Augen begann es zu leuchten.
»Es ist nicht nötig, daß Sie mir antworten, ich werde Sie nichts fragen.
Sie sollen nichts sprechen, kein Wort, ach, das will ich ja alles nicht.
Reisen Sie! Reisen Sie ruhig. Ich möchte nicht auf Ihre Entschlüsse
einwirken. Sie gehen, gut, ich bleibe. Sie sollen mir nicht antworten, ich
frage nichts, aber ich will Ihnen alles sagen. Ich habe Sie geliebt, als
ich Ihr Haar gesehen hatte, Ihren Gang. Das war als ich ankam hier, auf dem
Bahnhof. Aber ich habe es nicht gewußt. Der Schnee lag auf dem Dache Ihres
Hauses und er kam mir wie etwas ganz Besonderes vor. Im Frühling stand in
Ihrem Garten ein blühender Apfelbaum und ihn liebte ich am meisten von all
den blühenden Bäumen. Nie in meinem Leben werde ich ihn mehr vergessen,
seine Gestalt, seinen Glanz in der Sonne, nie mehr, obgleich ich so viele
blühende Apfelbäume gesehen habe. Damals wußte ich das schon! Wissen Sie,
wie das ist, Sie sitzen ruhig und plötzlich steigt Ihnen das Blut zu Kopf,
Ihr Kopf wird heiß, glühend heiß, und Sie wissen eigentlich nicht warum --
ein Gedanke, eine Ahnung, die in Ihnen aufsteigt! So kam es über mich und
dann wußte ich es. Ich habe nicht gegen das Gefühl angekämpft, nein, ich
habe es nicht getan, denn tat es Ihnen weh, tat es Ihnen Unehre? Ich habe
Ihren Namen nie ausgesprochen, aber er war in mir, er lebte in mir
verborgen, wie ein Vogel im Walde lebt. Wenn Sie kamen, wenn Sie gingen,
wie mir da war! Nie werde ich es sagen können. Sonnenaufgang,
Sonnenuntergang -- und ich sagte guten Tag und Adieu, kleine Worte.«
Je länger Grau sprach, desto bleicher wurde er, desto verzückter wurde sein
rasches Lächeln, desto glänzender und begeisterter sein Blick. Adele wich
gleichsam mehr und mehr zurück, obgleich sie sich nicht von der Stelle
bewegte, der Ausdruck ihrer Augen wechselte rasch, Freude, Schreck, Liebe,
Scheu.
Aber Grau hielt ihre beiden Hände und sprach und sprach.
»Ich werde die Stelle in meinem Zimmer nicht mehr vergessen, wo Sie
standen, immer werde ich Sie sehen und ob ich auch hundertmal im Tage hin-
und herginge. Ich sage es Ihnen, ich muß, Sie brauchen mir nicht zu
antworten. Sie haben mich ja so reich beschenkt --«
Plötzlich stockte er, er wurde totenbleich, er zitterte, er schloß die
Augen und schwankte.
»Was ist Ihnen?« fragte Adele.
Er lächelte und schüttelte den Kopf und öffnete wieder die Augen. Er atmete
tief auf.
»Verzeihung,« sagte er, »es war nur ein Augenblick -- Antworten Sie mir
nicht, ich frage nichts, ich will nichts -- ich danke Ihnen, daß Sie
zuhörten. Vergeben Sie mir. Reisen Sie! Reisen Sie und werden Sie
glücklich.«
Adele faßte Graus Hände fester, sie schüttelte leicht den Kopf, schüttelte
ihn immerzu, ein feines, frohes Lächeln erschien auf ihren Wangen.
»Nein, nein!« flüsterte sie. »Ich werde nicht reisen, nein, nein.«