An einem Nachmittage kam Adele zu ihm. Er schrieb gerade, als er ihren
Schritt hörte und hielt die Feder an und erblich.
Sie war ohne Hut und ihre schwarzen Haare rahmten scharf das schmale
Gesicht ein. Ihre Wangen waren von der Wärme gerötet, so erschienen ihre
Augen noch heller und lebendiger. Ihre Lippen glänzten. Im Winter waren sie
schmal und blaß, im Sommer geschwungen und rot, wie merkwürdig war doch
das. Sie trug ein dünnes Kleid von der Farbe verblaßter Veilchen, eine
große hellrote Koralle hielt es an der Brust zusammen. Kühle und Duft
gingen von ihrem leichten Kleide aus.
Sie blieb lächelnd an der Türe stehen.
»Ich habe Sie wohl in der Arbeit gestört?« sagte sie. »Sie schrieben
gerade.« Sie sah ihn mit klaren Augen an.
»Bitte, es ist eine höchst nebensächliche Sache, ich bitte Sie Platz zu
nehmen. Sie befinden sich wohl?«
»Wie immer, danke!« Sie sah sich um und öffnete halb den Mund, während sie
Graus Zimmer betrachtete. Dann duckte sie den Kopf ein wenig und sah zum
Fenster hinaus. »Wie eigentümlich ist es doch, den Park von hier aus zu
sehen!« sagte sie, ein wenig verlegen, da sie Graus Blick fühlte.
Sie schwieg und blickte Grau an, der totenblaß aussah.
Da saß sie und das Licht sprühte aus ihren Augen, das ewige Licht, das um
Gottes Haupt wogt.
Ob eine besondere Angelegenheit sie zu ihm führe?
Adele lächelte fein. »Muß es denn eine besondere Angelegenheit sein, die
mich zu Ihnen führt? Ich denke mir, daß Sie jetzt recht einsam sein müssen.
Man sieht Sie ja gar nicht mehr. Sind Sie denn immer zu Hause?«
»Im Gegenteil, ich bin viel unterwegs.«
Pause. Adele sah ihn an. »Sie kommen mir verändert vor,« sagte sie und
schüttelte den Kopf. »Sind Sie krank? So entsetzlich bleich sehen Sie aus!«
»Nein, ich fühle mich wohl,« antwortete Grau und dankte.
Adele blickte ihn prüfend an. »Sie sehen leidend aus,« setzte sie hinzu,
dann sprach sie von andern Dingen.
Grau war schweigsam. Er sah sie nur und lächelte. Aber er fand nicht den
kleinsten Gedanken in seinem Kopfe.
»Wie wunderbar sind doch die Nächte jetzt!« sagte Adele, aber sie brach
plötzlich ab und lachte leise. »Aber sehen Sie doch, da sitzt ja eine
Maus!« rief sie aus.
»Es ist eine zahme Maus,« sagte Grau und raffte sich auf. »Das heißt alle
Mäuse sind ja zahm, aber diese Maus hier ist an mich gewöhnt. Sie heißt
Mirza und lebt hier. Sie ist sehr klug und schön. Sie ist sehr zutraulich
und oft wenn ich ruhig dasitze, knappert sie an meinen Schuhen.«
Adele lachte und sah Grau erstaunt an. »Mit einer Maus leben Sie?« sagte
sie.
»Es ist ja wohl nichts Wunderliches dabei?« fragte er lächelnd.
Adele lächelte leicht. »Sie haben ja auch einen Hund, nicht wahr?« forschte
sie. »Man sieht zuweilen einen gelben zottigen Hund in Ihrem Garten.«
»Ja,« erwiderte Grau, »aber er ist sehr untreu. Er läßt sich oft wochenlang
nicht blicken. Es ist ein verwilderter Hund, dessen Herr gestorben ist, ein
Waldhüter. Ich stelle ihm manchmal etwas Fressen hin. Wollen Sie sehen, wie
klug diese Maus ist?«
»Ja!«
»Nun, sofort!« Grau legte ein Stückchen Speck auf den Boden in die Nähe des
Schrankes, unter dem die Maus sich aufhielt. Er stieß einen zirpenden Laut
aus. »Vielleicht kommt sie nicht, weil Sie da sind.«
Die Maus hatte das Stückchen Speck bemerkt, sie streckte die spitzige
Schnauze unter dem Schranke vor und lugte mit den runden, glänzenden Augen,
die wie pechschwarze Perlen aussahen, auf den Speck und auf Adele zu
gleicher Zeit. Dann kam sie näher, lief in einem Bogen um den Speck herum
und huschte wieder unter den Schrank. Sie mußte sich blitzschnell umdrehen
können, denn die spitzige Schnauze wurde zur selben Sekunde wieder sichtbar
als der Schwanz verschwand.
»Sie hat einen Versuch gemacht,« sagte Grau, »ob sie sicher sein könne. Nun
aber werden Sie sehen, auf welche Weise sie den Speck fortschleppt!« Er war
plötzlich gesprächig geworden.
Die Maus kam wieder unter dem Schranke vor. Sie saß eine Weile vor dem
Speck, dann beschrieb sie einen Bogen und saß nun so, daß der Speck
zwischen ihr und dem Schranke lag. Sie wartete noch ein Weilchen, dann lief
sie blitzschnell auf den Speck zu und verschwand mit ihm.
»Es wäre ihr zu gefährlich, mit dem Speck im Maule umzuwenden, haben Sie
das beobachtet?« erklärte Grau. »So klug ist sie.« Er erzählte noch einige
Geschichten von der Maus, dann war er wieder still.
Grau kämpfte mit dem Gedanken aufzustehen und zu sprechen: --! Aber er tat
es nicht.
Plötzlich hatte Adele einen Brief in der Hand.
»Ich habe einen Brief für Sie,« sagte sie leise, »er ist von Susanna.«
»Von Susanna?« Er begriff es nicht. Er starrte Adele an.
»Ja, sie hat mir diesen Brief übergeben -- wann war es doch? -- in der
Zeit, da sie still lag um Kräfte für die Reise zu sammeln. Da gab sie mir
diesen Brief. Ich solle ihn eine Woche nach ihrem Tode abgeben -- im Falle
sie doch sterben sollte. Ich habe nun gewartet und gewartet, denn es schien
mir grausam Sie durch den Brief -- nun ich wartete. Aber nun hat mich
Susanna sozusagen daran erinnert.«
Grau nahm das Messer vom Schreibtisch und schnitt den Brief auf. Er hielt
inne und sagte nach einer Weile: »Sie hat Sie sozusagen daran erinnert?«
Ja, sie habe geträumt von Susanna und dem Briefe.
»Ich habe ja jeden Tag an den Brief gedacht und an Susanna und schob es
doch von Tag zu Tag hinaus ihn abzugeben,« sagte Adele. »Es ist also nicht
zu verwundern, daß ich davon träumte. Ich habe geträumt, ich ginge mit
Susanna zum Bade. Wir unterhielten uns und plötzlich sagte sie etwas von
einem Briefe und ich lachte, denn ich wußte ja nichts von einem Briefe.
Aber am Morgen erinnerte ich mich an den Traum und nahm mir vor, den Brief
aus dem Hause zu schaffen.«
Grau sah Adele an.
Und Adele zuckte ein wenig die Achseln und fügte hinzu: »Ich wollte Ruhe
haben. Ich liebe es nicht, an Verstorbene zu denken. Ich weiß nicht warum.«
Sie ging. Grau gab ihr das Geleite bis zur Gartentüre. Man fühlte, wie man
sich durch die Wärme hindurch gleichsam Bahn brechen mußte, und Duft und
Schwüle der Luft betäubten ein wenig. Adeles reiches Haar sprühte wie eine
schwarze Flamme und hob sich scharf vom tiefblauen Himmel ab. Es war das
einzige ringsumher, das schwarz war, denn alles war grün, golden und blau.