Adele ging immer mehr rückwärts, an das Gitter gelehnt.
»Leben Sie wohl,« wiederholte sie und sie sahen einander lange an.
Grau schwindelte. »Gute Nacht und Dank für den Abend!« sagte er mechanisch.
Adele wandte sich um und blickte über die Schulter zurück. »Leben Sie wohl
-- bis wir uns wiedersehen!« sagte sie und Grau sah ihre schmalen Zähne
schimmern. Sie ging hinein in den dunkeln Park. -- -- -- --
Grau sah sie gehen und ihr helles Kleid im Dunkel untertauchen. Unter der
Lampe des Eingangs leuchtete es wieder auf und verschwand.
Er schloß langsam das Gitter. Es konnte doch nicht die ganze Nacht hindurch
offen stehen. Er blickte auf den Weg, wo sie gegangen war und schüttelte
den Kopf: Sie wußte ja nicht alles, ja, beim Himmel, sie wußte ja nicht
alles!
Wußte sie denn, daß er wach lag und nur an sie dachte? In ihrem Garten
stand ein blühender Apfelbaum und ihn liebte er am meisten von allen
blühenden Bäumen im Lande.
Wußte sie denn das?
Er sah sich immer wieder um und sah dieses Eisengitter an. Leben Sie wohl
-- bis wir uns wiedersehen! Hatte sie nicht die gleichen Worte gesprochen
wie jene Frau im Traum?
Es rieselte im Laube, das Rieseln ging ringsum im Walde und die Gräser
flüsterten. Wie ein Schauer rann es über die Erde und dieser Schauer des
Frühlings durchrieselte auch ihn. Plötzlich war alles von fahlem Lichte
erfüllt und der Wald zitterte im bleichen Scheine des Mondes, der über die
Höhen heraufstieg. Grau ging langsam dem Monde entgegen und das Licht
durchflutete ihn wie einen Baum. Ist alles Traum, ist alles Wunder? dachte
er. Ich selbst ein Traum im Traume der Welt? Etwas wie Betäubung befiel
ihn, er hatte das Gefühl, als ob er an einem Abgrund stände. Plötzlich roch
er die Kräuter wie in jenem Traume, derselbe Geruch war es und vor seinem
innern Auge erschien jene seltsame Frau und fragte, wie damals in mildem
Vorwurf: Hast du mich heute nicht wiedererkannt! Er schloß die Augen, da
sah er Adeles schmales Gesicht vor sich. Eine Stimme begann in ihm zu
flüstern. Sie flüsterte Worte, die er nicht verstehen wollte. Lehne deinen
Kopf an meine Schulter, flüsterte sie. Küsse mich, küsse mich tausendmal.
Grau wandte sich um und blickte auf Adeles Park.
»Ich werde ja schweigen,« sagte er laut. Aber die Stimme ihn ihm fuhr fort
zu flüstern: Küsse mich, küsse mich tausendmal --
Er lauschte und lächelte. »Ja, ja!« sagte er.
Er stand und wartete bis alle Lichter in Adeles Haus erloschen. Die Luft
war feuchtwarm, duftend und so stark, daß ihm die Brust bei jedem Atemzuge
weh tat. Er dachte an Adele und der Gedanke an ihre Schönheit schmerzte
ihn. Das letzte Licht erlosch und er ging weiter. Erst gegen Morgen kam
Grau nach Hause. Das Herz war ihm schwer von schönen Träumen. Als er sich
auskleidete fiel jenes Paketchen aus seiner Tasche, das Mütterchen ihm
zugesteckt hatte.
Er öffnete es. Kleine gelbe Kinderschuhe waren darin.