Erstes Kapitel

Grau lag in leichtem Fieber und dachte über die Menschen nach. Diese

Zwietracht in vielen Familien! Daran dachte er. Ein geistiges Band fehlte.

Man sollte in den Abenden ein gutes Buch vorlesen. Geld? Nein. Es gibt

Bücher zu lächerlichen Preisen. Der Sohn oder die Tochter liest vor, die

andern arbeiten nebenbei -- es ist ein Genuß! Gewiß, er mußte eine

Broschüre schreiben: Wegweiser --

Grau erwachte.

Da standen die Fenster offen und die Luft war lau und würzig. Die Bäume

grünten. Es war Frühling geworden.

Plötzlich erschien Adeles schönes Bild in seinem Geiste. Er lächelte und

stand auf.

Die Stadt hatte sich vollständig verändert, grüne Wipfel und blühende Bäume

ragten über Häuser und Mauern. Man blickte in eine Gasse hinein und sah

einen kleinen blühenden Kirschbaum leuchten, man blickte durch einen Torweg

und sah zu seiner Überraschung ein ganzes Beet von Tulpen brennen. An den

Häusern und Erkern kletterte allerlei Rankenwerk empor, als wolle der

Frühling die kleine alte Stadt in ein grünes Netz einspinnen.

Der Fluß strömte rasch und jung dahin und die Schiffe und Fähren zogen an

der Stadt vorüber. Ein kleiner Kettendampfer heulte und schleppte eine

Reihe flacher Frachtschiffe hinter sich her. Am letzten Schiffe schaukelte

ein kleines Boot und darin saß ein Mann mit einer Pfeife im Munde. Im

Schaukeln des Bootes war der Frühling und auch in der Art, wie der Mann im

Nachen saß und auch im lustigen Rauche der Pfeife war der Frühling.

Die Ebene glänzte in der Sonne, die Dächer ferner Dörfer leuchteten; Burgen

auf den Höhen und weite grüne Wälder.

Grau saß in seinem Garten, noch geschwächt und müde von dem langen

Krankenlager und lächelte. Seine Seele in diesen Wochen der Genesung war

empfänglicher, fröhlicher noch als sonst und voller Dankbarkeit.

Er lauschte, blickte umher und wunderte sich. Sein Herz klopfte. Zuweilen

kam das Fieber zurück, ein leises, fast angenehmes Fieber, dann empfand er

alles wie einen Traum. Eine wunderbare Frische stieg aus dem jungen Rasen

und wehte von Adeles Park her, alles war so frisch und neu. Die Vögel

zwitscherten in allen Wipfeln und zuweilen vereinigte sich das Klingeln all

dieser kleinen Vogelstimmen zu einem einzigen schwingenden Ton: Der

Frühling stand auf grüner Wiese und blies auf seiner Flöte einen betörenden

Schmeichelsang.

Graus Blick glitt über die Stadt hinweg bis zu den kleinen Dörfern, die in

der Ferne lagen. Da standen Häuser, vor den Häusern lagen Gärten. In den

Gärten wuchsen Blumen, unter den Hecken Veilchen, auf den Hängen

Schlüsselblumen. Die blauen Höhenzüge am Himmelsrande waren grün, hinter

ihnen dehnte sich grünes Land. Grün, grün -- die ganze Erde war nichts als

eine grüne Insel, die im Äthermeere schwamm.

Im Tale arbeiteten Leute auf den Feldern, die Erde zu bestellen. Bei der

großen Steinbrücke wimmelte es von Arbeitern, die einen neuen Bahndamm

aufwarfen. Schaufeln und Picken blitzten in der Sonne. Auf einem Neubau

kletterten die Zimmerleute im Dachstuhl und hämmerten, auf der Landstraße

knarrten Wagen mit Steinen, die zum Ausbessern der Wege bestimmt waren.

War es nicht schön hier zu sitzen und zu sehen, wie der Mensch sich seine

Wohnstätte bereitete?

Und Grau dachte daran wie klein die Erde vordem war. Eine flache Insel von

einem Meere umbraust, über ihr der Himmel als Decke. So klein war die Erde

und so klein war die Welt. Aber die Erde sprach: Entdecke mich! Und der

Mensch spähte aus und die Erde wuchs. Die Erde ruhte nicht, und flüsterte

und flüsterte und plötzlich stand ein Mensch auf, einer von den

Schlaflosen, und sagte: Nach Ost und West, Nord und Süd kannst du wandern,

die Erde hat kein Ende, sie ist ein Ball, um den Sonne, Mond und Sterne

kreisen. Aber die Erde ruhte nicht, sie flüsterte und flüsterte und ein

Mann erwachte in der Nacht und erschrak und sagte: Die Erde steht nicht

still, sie bewegt sich! Und fand keinen Schlaf mehr. Die Erde wuchs und die

Welt wuchs. Die Gestirne rückten auseinander, in erschreckende Fernen

rückten sie, aber sie hörten nicht auf, den Menschen anzustarren und er

ersann Mittel ihnen bis in die fernste Ferne zu folgen. Und mit jedem Tage

wächst die Welt. Der Astronom schreibt die unfaßbare Ziffer nieder, in

jeder Nacht starren hundert Rohre in den Raum, spähen und suchen -- und

morgen wird eine Depesche über die Länder fliegen: Die Welt ist gewachsen,

abermals ist sie größer geworden!

Und mit jedem Tage wächst die Erde. Die Pioniere sind an der Arbeit. Wenn

jener Mann zurückkehrt, der jetzt den Nachen durch den fernen Schilfwald

stößt, wenn das Schiff im Norden nicht vom Eise zerdrückt wird: Sieg! Die

Erde ist gewachsen, sie ist größer geworden! Erobere mich, spricht die

Erde, ich bin dein!

Grau lächelte. Wahrhaftig, dachte er ergriffen, ich liebe den Menschen, den

Entdecker, den Eroberer, den Pionier, den Rastlosen!

Und er sah zu, wie die Menschen im Tale arbeiteten und Schaufeln und Picken

triumphierend in der Sonne blitzten.

Niemals hatte sich Grau reicher gefühlt als in diesem Frühling, niemals

empfand er stärker die Wunder der Welt und verwebte er sich inniger mit

ihnen. Unausgesetzt durchschauerte ihn das Gefühl lebendig zu sein, selbst

in den Nächten. Er erwachte oft und hörte sein Herz pochen und Freude

erfüllte ihn und er dachte: Und morgen und übermorgen und jeden Morgen

beginnt ein neuer Tag.

Jedes kleinste Ding bekam Sinn und Beziehung. Das Leben war wie das Buch

des Meisters, wo man es öffnet, Wahrheit, Schönheit, tiefes Gleichnis und

tiefes Geheimnis -- aber was ist das Buch des Meisters anders denn ein

Gleichnis des Lebens?

Die Sonne ging unter und ein leiser Wind trug Duft und Wärme über die Stadt

und berührte Graus Wangen. Grau errötete und wußte nicht warum. Er blickt

sich um, ob niemand seine sonderbare Erregung beobachtet habe. Dann ging er

zurück in sein Haus.

Selbst der Wind, dachte er, wie kostbar ist er? Ohne ihn wäre das Leben

nicht das Leben und nicht so reich wie es ist. Der Wind und der Sturm, die

Morgensonne und die Nachtfrische, die warmen Regentropfen und der

Hagelschauer -- sie alle erwecken ein geheimnisvolles Leben in uns, wir

atmen, es rieselt in uns, es erfüllt uns, wir erschrecken, erschauern: Das

ist das Leben.

Der Tor: Roman · 第 52 / 86 题