In purpurroter Seide stand sie da. Mächtige, weitausgreifende Chrysanthemen
waren in lackroter Farbe auf das Kostüm gestickt. Ihr Hals war frei, er war
lang und weiß und ganz besonders nackt, die Linien ihrer weißen Arme
verschwammen in den weiten hängenden Ärmeln und ihre schmalen Hände waren
besät mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit flimmernden Steinen.
Ihre schwarzen Haare waren zu einer Art lebendigem Helm geflochten, durch
den ein silberner Pfeil sauste. Große gelbe Rosen schmückten das Haar, die
Schulter, den Gürtel. Sie lächelte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen
so rot. Aber ihre Augen waren hell und tief wie zwei Quellen, auf deren
Grund Licht brannte.
Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lächelte. Er sah sie an und eine Weile ruhten
ihre Blicke tief ineinander. Grau errötete langsam. Adele lächelte.
»Ich gratuliere Ihnen herzlich, mein Freund!« sagte sie dann.
»Danke!« Adeles Hand war brennend heiß.
»Susanna wird wohl sehr glücklich sein. War sie nicht ein wenig überrascht,
als Sie um ihre Hand anhielten?«
Sie sei einigermaßen überrascht gewesen, ja. Es habe einen langen Kampf
gekostet, bis sie einwilligte.
Adele blickte ihn mit einem eigentümlichen Blicke an. Sie schüttelte
unmerklich den Kopf, dann öffnete sie die Lippen zu einem schnellen
Lächeln. »Heute ist Fasching!« sagte sie. »Kommen Sie, wir wollen fröhlich
sein. Ich bin in solch ausgezeichneter Stimmung. Sie sollen mir etwas
erzählen, wollen Sie? Sehen Sie den Kiosk dort? Dort bin ich engagiert, wir
machen Geld. Oh, wie heiß es ist! Und ich habe auch so viel Sekt
getrunken.« Sie preßte die Rücken der Hände an die langen flächigen Wangen
und kühlte sie mit den Steinen. »Erzählen Sie mir Ihr schönstes Erlebnis,
wir werden dabei umhergehen.«
Grau lächelte. »Mein schönstes Erlebnis erzähle ich nicht,« sagte er »aber
wenn ich Ihnen eines von meinen vielen schönen Erlebnissen erzählen darf?
Ein kleines hübsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich des Nachts
in einem Zuge und an meiner Seite saß ein junges Mädchen, ein auffallend
schönes und zartes Geschöpfchen. Sie war sehr müde, immerfort fielen ihr
die Augen zu und ihr Köpfchen schwankte hin und her. Ich dachte, wollte sie
doch den Kopf an meine Schulter legen -- und so geschah es. Plötzlich sank
ihr Kopf an meine Schulter, sie schlief. Sie schlief die ganze Nacht an
meiner Schulter und atmete so tief.« Das erzählte er.
»Wie hübsch!« sagte Adele und lachte. »Sehen Sie die Lauben und all die
närrischen Leute? Wie gefällt Ihnen der Ball?«
»Prächtig!«
»Echte Provinz -- haha! -- echte, gute Provinz, Herr Grau. Ich glaube Sie
sind noch nicht oft auf Bällen gewesen, wie? Ich werde Sie später meiner
Mutter vorstellen, sie hat mich gebeten darum. Wir werden auch ein Glas
Sekt zusammen trinken. Lassen Sie mich eines wissen, können Sie tanzen?
Aber ich befürchte Sie können es nicht --«
»Doch,« sagte Grau, »ich habe tanzen gelernt als ich zwölf Jahre alt war.«
»Unmöglich!«
»Zu Hause, ja. Meine Mutter gab mir Unterricht.«
»Ah! -- Ja, das Kostüm ist echt, da haben Sie recht. Ein Onkel, ein
Gesandter, hat es mir geschenkt. Auch der Fächer ist echt. Sie sind der
erste, der das fragt, denn der Fächer ist ja so schlicht. Oh, welches
Geschrei! Sie fühlen sich hier nicht heimisch, wie? Ich protegiere Sie ein
wenig, wenn Sie mir das erlauben. Wollen wir jetzt tanzen? Ja! Kommen Sie!«
Sie legte ihre Hand in seinen Arm.
»Sie haben doch in den letzten Tagen soviel Orgel gespielt? Sie waren es
doch, nicht wahr?« fragte sie während sie sich geschickt durch die Menge
bewegte.
»Ja, zuweilen kommt es über mich, dann muß ich ganze Tage spielen,«
antwortete Grau.
»Ich hörte es bis in mein Zimmer. Was haben Sie denn da? Einen Ring?«
Graus Finger spielten mit einem Ring, einem schmalen silbernen Reif mit
winzigem blauen Stein. Das sei ein Ring, den er sozusagen gefunden habe.
Sie habe ihn wohl nicht verloren? Er steckte den Ring wieder in die
Westentasche.
Adele lachte. »Ich habe niemals einen solchen Ring gehabt,« rief sie aus,
»sicherlich gehört er einer Köchin. Weshalb sehen Sie mich denn so
verwundert an?«
»Tat ich das?«
»Ja, zuweilen können Sie recht wunderlich sein!«
Als sie in den Tanzsaal kamen, war der Walzer gerade zu Ende und die
erhitzten Paare strömten heraus. Die Herren wischten sich den Schweiß von
der Stirne und grüßten Adele, die Damen wechselten ein paar Worte mit ihr
und blickten erstaunt auf Grau, der Adele am Arme führte.
»Warten wir bis zum nächsten Tanze,« sagte Adele und lächelte. »Hier ist es
übrigens kühler. Guten Abend, Klara! Vielleicht könnte man sich auch einen
Augenblick irgendwo hinsetzen, nicht wahr? Mein Gott, dieser Herr Eisenhut
glaubt, man erkennt ihn nicht. Ist das nicht komisch? Dann werden Sie mir
jene Geschichte, erzählen, die Sie mir schon solange schuldig sind.«
»Welche Geschichte? Jede Geschichte, die Sie wollen, natürlich, denn Sie
sind so freundlich zu mir, daß ich mich gerne dankbar zeigen möchte, aber
ich erinnere mich ja gar nicht --?«
Ein schmetterndes Trompetensignal erscholl und alles rannte in die
chinesische Straße hinaus. Herr Bezirksamtmann Häberlein sprach einige
Worte, die einen lauten Beifall wachriefen. Ein kleiner Mann mit weißer
Künstlermähne trat auf die Bühne. Das war Herr Photograph Leistlein, der
eine Extranummer zum besten gab.
Adele lachte. »Was für ein Unsinn! Es ist zu dumm. Sie lachen, weil Sie
nicht begreifen können, daß die Leute über einen solchen Unsinn lachen
können. Nun sind wir Gott sei Dank allein.«
Der Saal hatte sich geleert und nur zwei junge Mädchen gaben sich
gegenseitig Anweisungen im Tanzen; sie hüpften hin und her und kicherten
und quiekten. Eine Mauer von Rücken versperrte den Eingang zur chinesischen
Straße, die in all dem Rauch wie ein Bild in einem blinden Spiegel aussah.
Man hörte Herrn Leistlein in verschiedenen Stimmen sprechen, zuweilen
unterbrach ihn rasender Beifall.
»Wie wohl das tut, diese Ruhe!« sagte Adele und ließ sich auf eine kleine
Bank nieder. »Sehen Sie doch, die vielen Lampione, wie hübsch! -- Die
Geschichte von jener Frau, der ich ähnlich sehe, Sie erinnern sich wohl?«
»Gewiß erinnere ich mich,« antwortete Grau. »Ist es nicht merkwürdig, daß
ich seitdem wieder von dieser Frau geträumt habe? Sie sieht Ihnen übrigens
nicht so sehr ähnlich, es ist nur Ihre Art den Kopf zu tragen und vor allem
Ihre Augen.«
Adele unterbrach ihn. »Sind denn so schreckliche Dinge in jenem Traume
geschehen!« rief sie lachend aus. »Setzen Sie, sich Herr Grau. Weshalb muß
ich Sie erst dazu auffordern? Lassen Sie alles Zeremoniell beiseite, Sie
sind auf einem Maskenball und sprechen mit einer Japanerin. Beginnen Sie
mit dem Traum. Ein Traum, das war es doch?«
»Danke,« sagte Grau und nahm neben Adele Platz. »Ja, es war ein Traum. Es
war übrigens einer der schönsten und einer der merkwürdigsten Träume, der
mir je geschenkt wurde. Es kommt ein Sternschnuppenregen darin vor und was
diese Frau mir alles gesagt hat -- ich träumte, ja, nun will ich endlich
beginnen -- ich träumte, daß ein Geist mich dahintrage.«
»Ein Geist?« Adele stützte das Kinn in die Hand und blickte gerade aus. Sie
hatte ein feines anliegendes Ohr.
»Ja. Ein Geist, der wie ein Wind sauste, er trug mich dahin über die Lande
in schwindelnder Schnelligkeit durch Wolken hindurch, plötzlich näherten
wir uns der Erde und flogen über schlafende Städte, riesige, schlafende
Städte mit hohen steilen Häusern. Die Städte waren ohne Licht, ohne Laut,
ungeheuer stumm und tot. Sie schliefen und wir flogen an einem Heer von
Fenstern vorbei. Ich sah in all diese Fenster hinein und obgleich es dunkel
war, sah ich sehr genau.«
»Was sahen Sie denn da?« fragte Adele.
»Ich sah Kinder, die schliefen, Tausende und Tausende von schlafenden
Kindern sah ich, alle schliefen sie, friedlich, müde, gesund, ihre Backen
glänzten rot und ihre Münder standen halb offen, ich sah all diese kleinen
Brustkörbe atmen, Millionen solcher Kinder habe ich gesehen, es war ja im
Traum, gelbe, braune, weiße Gesichter, alle Rassen.«
Eine Lachsalve raste durch den Saal.
»Wie schön!« Er möge doch fortfahren.
»Ja. Ich denke daran, wie schön es war, nie mehr habe ich soviel Frieden
gesehen und auch nie mehr diesen Frieden gefühlt. Aber wie rasch es doch
dahinging, mit welch rätselhafter Leichtigkeit ich an diesen Fenstern
vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Städte, plötzlich tauchten sie stets
unter mir auf, riesenhaft und alle schrecklich stumm und tot. Als ich nun
in eines der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner Überraschung ein
kleines Licht im Zimmer brennen und einen Mann, der am Tische saß; er hatte
reiches, aber ergrautes Haar.«
»Was tat er?«
»Er tat nichts. Er saß an dem Tische und starrte in das kleine Licht und
lächelte seltsam. Ich zog an tausenden von Fenstern vorüber und überall sah
ich den Mann mit den grauen Haaren und dem seltsamen Lächeln vor der
kleinen Kerze sitzen. Ich sah nicht nur ihn. Ich sah auch andre und alle
tausendfach. Ich sah eine Frau, die ein Licht in der Hand hatte und auf
einem Stuhle saß. Aber sie las nicht, sie blickte über das Buch weg und
lächelte, ebenfalls seltsam. Ich sah einen jungen Mann, der leise tanzte
und einen Kuß in die Luft warf, er war sehr bleich und auch er lächelte
seltsam, ich sah junge Mädchen, die die Lippen öffneten und ohne Laut
sangen. Tag und Nacht könnte ich wohl erzählen, wollte ich all diese
Menschen beschreiben, die ich gesehen habe. Alle waren sie allein mit einer
kleinen Kerze, wach, während die andern schliefen, alle lächelten sie
seltsam. Sie beschäftigten sich alle so sonderbar, lasen ohne zu lesen,
sangen ohne zu singen, sie spielten, runzelten die bleichen Stirnen,
lächelten, ihre Beschäftigungen waren mannigfacher Art, sie bauten
Kartenhäuser, einer hatte ein dickes Buch in Zettel geschnitten und mühte
sich damit ab es wieder zusammenzusetzen. Sie waren alle allein. Verstehen
Sie?«
»Ah!« sagte Adele und sah rasch auf. »Es waren die einsamen Menschen der
Erde, die Sie sahen. Wie merkwürdig!«
Grau nickte. »Ja, ich denke es. Aber weit merkwürdiger ist es, daß ich
wußte, was die Menschen dachten. Vergessen Sie nicht, daß es ein Traum war.
Nun habe ich seitdem -- es ist ja sechs Jahre her -- die meisten dieser
Gesichter in Wirklichkeit gesehen, oder es wird richtiger sein, im Traum
sah ich alle Gesichter, die ich in der Wirklichkeit gesehen hatte, ein
wenig verschieden vielleicht -- kurz und gut, ich sage, ich sah die meisten
dieser Gesichter in Wirklichkeit und es schien mir nun, als wisse ich, was
sie ausdrückten. Ich sehe ein Gesicht auf der Straße und es erinnert mich
an eines jener Gesichter im Traume -- aber ich wollte das ja nicht sagen,
Pardon.«
»Fahren Sie doch fort!« sagte Adele.
Grau lächelte leise, schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte: »Wie
sonderbar aber ist es doch, daß wir im Antlitz des Menschen zu lesen
wünschen! Daß uns jeder Mensch so sehr beschäftigt, daß wir wissen möchten,
wie er ist!«
»Ja, wie eigentümlich ist das,« sagte Adele und blickte Grau an. »Man sagt,
an den Augen erkenne man den Menschen am besten. Wie meinen Sie?«
Grau lächelte. »An den Augen?« sagte er. »Vielleicht. Ein wenig an den
Augen, ein wenig am Gang, an den Händen, an den Ohren, an den Lippen. Ganz
besonders an der Nase! Aber das alles kann trügen. An den Worten? Auch sie
können trügen, sie verbergen den Menschen und der Mensch verbirgt sich
hinter ihnen. Selbst wenn er die ehrliche Absicht hat, aufrichtig zu sein,
er kennt sich ja selbst nicht, seine Worte sind alle ein wenig falsch,
schief gleichsam -- oder er ist ein großer Dichter. All das kann trügen.
Vielleicht ist das Lächeln noch am zuverlässigsten -- wie meinen Sie? --
Das Lächeln, sagte ich, das unbewußte und kaum bemerkte, leiseste Lächeln.
Vielleicht. Der Mensch kann lachen, schreien, weinen -- und es kann sein,
daß er nicht im Lachen, Schreien oder Weinen steckt, aber im Lächeln? Das
Lächeln ist schwer zu heucheln, ganz wenig Menschen können es auch
unterdrücken, es ist unkontrollierbar, es kommt und geht, schnell, es kann
die ganze Niedrigkeit und den ganzen Adel eines Menschen ausdrücken, den
ganzen wahren Schmerz, wahre Freude. Vor allem aber die Entwickelungsstufe
des Menschen.«
»Haben Sie das ebenfalls aus jenem Traume?« fragte Adele. »Aus dem Lächeln
dieser Einsamen? -- Hören Sie die Narren lachen, haha?«
»Gewissermaßen,« fuhr Grau eifrig fort. »Gewissermaßen ja. Aber ich mache
zu viele Worte. Ich sage, auch das Lächeln kann trügen, es bleibt Ihnen
also nichts als das Gefühl. Vielleicht fühlen wir die Menschen! Der
seelische Zusammenhang der Menschen ist vielleicht so stark, daß wir
erschrecken würden, könnten wir ihn erkennen, ja, es ist möglich, daß
zwischen den Menschen -- zwischen den Seelen -- überhaupt keine scharfe
Trennung existiert -- ich für meine Person glaube das -- vielleicht können
Sie an keinen Menschen denken, ohne daß er es fühlt, ja, ohne daß er weiß,
was Sie denken. Nicht wahr? Wenn Sie ihn lieben, er wird es fühlen und wenn
Sie nur auf der Straße aneinander vorbeigehen, er wird es fühlen, er wird
Ihren Haß fühlen, alles, vielleicht überkommt ihn nur ein leises Behagen
oder Unbehagen, vielleicht weiß er es nicht, aber seine Seele weiß es ganz
genau. Jeder Mensch könnte Ihnen aus seinen Erfahrungen Beispiele erzählen
und Sie selbst haben gewiß ähnliche Beobachtungen gemacht. Ich sage zum
Beispiel, es begegnet Ihnen auf der Straße ein Mensch, er blickt Sie an,
blinzelt, sieht weg. Sie denken: Das ist ein armer, einsamer und guter
Mensch. Die Leute erzählen Ihnen alle denkbaren Schlechtigkeiten von ihm --
jener Mensch selbst spricht mit Ihnen, ja er beleidigt sie und legt es fast
darauf an, einen ungünstigen Eindruck auf Sie zu machen -- und doch können
Sie den Glauben nicht lassen -- er ist einsam, arm, aber gut.«
Adele sah auf. »Sprechen Sie von einem bestimmten Menschen? Nein? Ich
dachte, weil Sie sagten, er sieht Sie an, blinzelt --«
Grau antwortete ihr darauf nicht. Er lachte plötzlich und sagte: »Ich bin
ja ganz vom Thema abgekommen!«