Zweites Kapitel

In purpurroter Seide stand sie da. Mächtige, weitausgreifende Chrysanthemen

waren in lackroter Farbe auf das Kostüm gestickt. Ihr Hals war frei, er war

lang und weiß und ganz besonders nackt, die Linien ihrer weißen Arme

verschwammen in den weiten hängenden Ärmeln und ihre schmalen Hände waren

besät mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit flimmernden Steinen.

Ihre schwarzen Haare waren zu einer Art lebendigem Helm geflochten, durch

den ein silberner Pfeil sauste. Große gelbe Rosen schmückten das Haar, die

Schulter, den Gürtel. Sie lächelte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen

so rot. Aber ihre Augen waren hell und tief wie zwei Quellen, auf deren

Grund Licht brannte.

Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lächelte. Er sah sie an und eine Weile ruhten

ihre Blicke tief ineinander. Grau errötete langsam. Adele lächelte.

»Ich gratuliere Ihnen herzlich, mein Freund!« sagte sie dann.

»Danke!« Adeles Hand war brennend heiß.

»Susanna wird wohl sehr glücklich sein. War sie nicht ein wenig überrascht,

als Sie um ihre Hand anhielten?«

Sie sei einigermaßen überrascht gewesen, ja. Es habe einen langen Kampf

gekostet, bis sie einwilligte.

Adele blickte ihn mit einem eigentümlichen Blicke an. Sie schüttelte

unmerklich den Kopf, dann öffnete sie die Lippen zu einem schnellen

Lächeln. »Heute ist Fasching!« sagte sie. »Kommen Sie, wir wollen fröhlich

sein. Ich bin in solch ausgezeichneter Stimmung. Sie sollen mir etwas

erzählen, wollen Sie? Sehen Sie den Kiosk dort? Dort bin ich engagiert, wir

machen Geld. Oh, wie heiß es ist! Und ich habe auch so viel Sekt

getrunken.« Sie preßte die Rücken der Hände an die langen flächigen Wangen

und kühlte sie mit den Steinen. »Erzählen Sie mir Ihr schönstes Erlebnis,

wir werden dabei umhergehen.«

Grau lächelte. »Mein schönstes Erlebnis erzähle ich nicht,« sagte er »aber

wenn ich Ihnen eines von meinen vielen schönen Erlebnissen erzählen darf?

Ein kleines hübsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich des Nachts

in einem Zuge und an meiner Seite saß ein junges Mädchen, ein auffallend

schönes und zartes Geschöpfchen. Sie war sehr müde, immerfort fielen ihr

die Augen zu und ihr Köpfchen schwankte hin und her. Ich dachte, wollte sie

doch den Kopf an meine Schulter legen -- und so geschah es. Plötzlich sank

ihr Kopf an meine Schulter, sie schlief. Sie schlief die ganze Nacht an

meiner Schulter und atmete so tief.« Das erzählte er.

»Wie hübsch!« sagte Adele und lachte. »Sehen Sie die Lauben und all die

närrischen Leute? Wie gefällt Ihnen der Ball?«

»Prächtig!«

»Echte Provinz -- haha! -- echte, gute Provinz, Herr Grau. Ich glaube Sie

sind noch nicht oft auf Bällen gewesen, wie? Ich werde Sie später meiner

Mutter vorstellen, sie hat mich gebeten darum. Wir werden auch ein Glas

Sekt zusammen trinken. Lassen Sie mich eines wissen, können Sie tanzen?

Aber ich befürchte Sie können es nicht --«

»Doch,« sagte Grau, »ich habe tanzen gelernt als ich zwölf Jahre alt war.«

»Unmöglich!«

»Zu Hause, ja. Meine Mutter gab mir Unterricht.«

»Ah! -- Ja, das Kostüm ist echt, da haben Sie recht. Ein Onkel, ein

Gesandter, hat es mir geschenkt. Auch der Fächer ist echt. Sie sind der

erste, der das fragt, denn der Fächer ist ja so schlicht. Oh, welches

Geschrei! Sie fühlen sich hier nicht heimisch, wie? Ich protegiere Sie ein

wenig, wenn Sie mir das erlauben. Wollen wir jetzt tanzen? Ja! Kommen Sie!«

Sie legte ihre Hand in seinen Arm.

»Sie haben doch in den letzten Tagen soviel Orgel gespielt? Sie waren es

doch, nicht wahr?« fragte sie während sie sich geschickt durch die Menge

bewegte.

»Ja, zuweilen kommt es über mich, dann muß ich ganze Tage spielen,«

antwortete Grau.

»Ich hörte es bis in mein Zimmer. Was haben Sie denn da? Einen Ring?«

Graus Finger spielten mit einem Ring, einem schmalen silbernen Reif mit

winzigem blauen Stein. Das sei ein Ring, den er sozusagen gefunden habe.

Sie habe ihn wohl nicht verloren? Er steckte den Ring wieder in die

Westentasche.

Adele lachte. »Ich habe niemals einen solchen Ring gehabt,« rief sie aus,

»sicherlich gehört er einer Köchin. Weshalb sehen Sie mich denn so

verwundert an?«

»Tat ich das?«

»Ja, zuweilen können Sie recht wunderlich sein!«

Als sie in den Tanzsaal kamen, war der Walzer gerade zu Ende und die

erhitzten Paare strömten heraus. Die Herren wischten sich den Schweiß von

der Stirne und grüßten Adele, die Damen wechselten ein paar Worte mit ihr

und blickten erstaunt auf Grau, der Adele am Arme führte.

»Warten wir bis zum nächsten Tanze,« sagte Adele und lächelte. »Hier ist es

übrigens kühler. Guten Abend, Klara! Vielleicht könnte man sich auch einen

Augenblick irgendwo hinsetzen, nicht wahr? Mein Gott, dieser Herr Eisenhut

glaubt, man erkennt ihn nicht. Ist das nicht komisch? Dann werden Sie mir

jene Geschichte, erzählen, die Sie mir schon solange schuldig sind.«

»Welche Geschichte? Jede Geschichte, die Sie wollen, natürlich, denn Sie

sind so freundlich zu mir, daß ich mich gerne dankbar zeigen möchte, aber

ich erinnere mich ja gar nicht --?«

Ein schmetterndes Trompetensignal erscholl und alles rannte in die

chinesische Straße hinaus. Herr Bezirksamtmann Häberlein sprach einige

Worte, die einen lauten Beifall wachriefen. Ein kleiner Mann mit weißer

Künstlermähne trat auf die Bühne. Das war Herr Photograph Leistlein, der

eine Extranummer zum besten gab.

Adele lachte. »Was für ein Unsinn! Es ist zu dumm. Sie lachen, weil Sie

nicht begreifen können, daß die Leute über einen solchen Unsinn lachen

können. Nun sind wir Gott sei Dank allein.«

Der Saal hatte sich geleert und nur zwei junge Mädchen gaben sich

gegenseitig Anweisungen im Tanzen; sie hüpften hin und her und kicherten

und quiekten. Eine Mauer von Rücken versperrte den Eingang zur chinesischen

Straße, die in all dem Rauch wie ein Bild in einem blinden Spiegel aussah.

Man hörte Herrn Leistlein in verschiedenen Stimmen sprechen, zuweilen

unterbrach ihn rasender Beifall.

»Wie wohl das tut, diese Ruhe!« sagte Adele und ließ sich auf eine kleine

Bank nieder. »Sehen Sie doch, die vielen Lampione, wie hübsch! -- Die

Geschichte von jener Frau, der ich ähnlich sehe, Sie erinnern sich wohl?«

»Gewiß erinnere ich mich,« antwortete Grau. »Ist es nicht merkwürdig, daß

ich seitdem wieder von dieser Frau geträumt habe? Sie sieht Ihnen übrigens

nicht so sehr ähnlich, es ist nur Ihre Art den Kopf zu tragen und vor allem

Ihre Augen.«

Adele unterbrach ihn. »Sind denn so schreckliche Dinge in jenem Traume

geschehen!« rief sie lachend aus. »Setzen Sie, sich Herr Grau. Weshalb muß

ich Sie erst dazu auffordern? Lassen Sie alles Zeremoniell beiseite, Sie

sind auf einem Maskenball und sprechen mit einer Japanerin. Beginnen Sie

mit dem Traum. Ein Traum, das war es doch?«

»Danke,« sagte Grau und nahm neben Adele Platz. »Ja, es war ein Traum. Es

war übrigens einer der schönsten und einer der merkwürdigsten Träume, der

mir je geschenkt wurde. Es kommt ein Sternschnuppenregen darin vor und was

diese Frau mir alles gesagt hat -- ich träumte, ja, nun will ich endlich

beginnen -- ich träumte, daß ein Geist mich dahintrage.«

»Ein Geist?« Adele stützte das Kinn in die Hand und blickte gerade aus. Sie

hatte ein feines anliegendes Ohr.

»Ja. Ein Geist, der wie ein Wind sauste, er trug mich dahin über die Lande

in schwindelnder Schnelligkeit durch Wolken hindurch, plötzlich näherten

wir uns der Erde und flogen über schlafende Städte, riesige, schlafende

Städte mit hohen steilen Häusern. Die Städte waren ohne Licht, ohne Laut,

ungeheuer stumm und tot. Sie schliefen und wir flogen an einem Heer von

Fenstern vorbei. Ich sah in all diese Fenster hinein und obgleich es dunkel

war, sah ich sehr genau.«

»Was sahen Sie denn da?« fragte Adele.

»Ich sah Kinder, die schliefen, Tausende und Tausende von schlafenden

Kindern sah ich, alle schliefen sie, friedlich, müde, gesund, ihre Backen

glänzten rot und ihre Münder standen halb offen, ich sah all diese kleinen

Brustkörbe atmen, Millionen solcher Kinder habe ich gesehen, es war ja im

Traum, gelbe, braune, weiße Gesichter, alle Rassen.«

Eine Lachsalve raste durch den Saal.

»Wie schön!« Er möge doch fortfahren.

»Ja. Ich denke daran, wie schön es war, nie mehr habe ich soviel Frieden

gesehen und auch nie mehr diesen Frieden gefühlt. Aber wie rasch es doch

dahinging, mit welch rätselhafter Leichtigkeit ich an diesen Fenstern

vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Städte, plötzlich tauchten sie stets

unter mir auf, riesenhaft und alle schrecklich stumm und tot. Als ich nun

in eines der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner Überraschung ein

kleines Licht im Zimmer brennen und einen Mann, der am Tische saß; er hatte

reiches, aber ergrautes Haar.«

»Was tat er?«

»Er tat nichts. Er saß an dem Tische und starrte in das kleine Licht und

lächelte seltsam. Ich zog an tausenden von Fenstern vorüber und überall sah

ich den Mann mit den grauen Haaren und dem seltsamen Lächeln vor der

kleinen Kerze sitzen. Ich sah nicht nur ihn. Ich sah auch andre und alle

tausendfach. Ich sah eine Frau, die ein Licht in der Hand hatte und auf

einem Stuhle saß. Aber sie las nicht, sie blickte über das Buch weg und

lächelte, ebenfalls seltsam. Ich sah einen jungen Mann, der leise tanzte

und einen Kuß in die Luft warf, er war sehr bleich und auch er lächelte

seltsam, ich sah junge Mädchen, die die Lippen öffneten und ohne Laut

sangen. Tag und Nacht könnte ich wohl erzählen, wollte ich all diese

Menschen beschreiben, die ich gesehen habe. Alle waren sie allein mit einer

kleinen Kerze, wach, während die andern schliefen, alle lächelten sie

seltsam. Sie beschäftigten sich alle so sonderbar, lasen ohne zu lesen,

sangen ohne zu singen, sie spielten, runzelten die bleichen Stirnen,

lächelten, ihre Beschäftigungen waren mannigfacher Art, sie bauten

Kartenhäuser, einer hatte ein dickes Buch in Zettel geschnitten und mühte

sich damit ab es wieder zusammenzusetzen. Sie waren alle allein. Verstehen

Sie?«

»Ah!« sagte Adele und sah rasch auf. »Es waren die einsamen Menschen der

Erde, die Sie sahen. Wie merkwürdig!«

Grau nickte. »Ja, ich denke es. Aber weit merkwürdiger ist es, daß ich

wußte, was die Menschen dachten. Vergessen Sie nicht, daß es ein Traum war.

Nun habe ich seitdem -- es ist ja sechs Jahre her -- die meisten dieser

Gesichter in Wirklichkeit gesehen, oder es wird richtiger sein, im Traum

sah ich alle Gesichter, die ich in der Wirklichkeit gesehen hatte, ein

wenig verschieden vielleicht -- kurz und gut, ich sage, ich sah die meisten

dieser Gesichter in Wirklichkeit und es schien mir nun, als wisse ich, was

sie ausdrückten. Ich sehe ein Gesicht auf der Straße und es erinnert mich

an eines jener Gesichter im Traume -- aber ich wollte das ja nicht sagen,

Pardon.«

»Fahren Sie doch fort!« sagte Adele.

Grau lächelte leise, schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte: »Wie

sonderbar aber ist es doch, daß wir im Antlitz des Menschen zu lesen

wünschen! Daß uns jeder Mensch so sehr beschäftigt, daß wir wissen möchten,

wie er ist!«

»Ja, wie eigentümlich ist das,« sagte Adele und blickte Grau an. »Man sagt,

an den Augen erkenne man den Menschen am besten. Wie meinen Sie?«

Grau lächelte. »An den Augen?« sagte er. »Vielleicht. Ein wenig an den

Augen, ein wenig am Gang, an den Händen, an den Ohren, an den Lippen. Ganz

besonders an der Nase! Aber das alles kann trügen. An den Worten? Auch sie

können trügen, sie verbergen den Menschen und der Mensch verbirgt sich

hinter ihnen. Selbst wenn er die ehrliche Absicht hat, aufrichtig zu sein,

er kennt sich ja selbst nicht, seine Worte sind alle ein wenig falsch,

schief gleichsam -- oder er ist ein großer Dichter. All das kann trügen.

Vielleicht ist das Lächeln noch am zuverlässigsten -- wie meinen Sie? --

Das Lächeln, sagte ich, das unbewußte und kaum bemerkte, leiseste Lächeln.

Vielleicht. Der Mensch kann lachen, schreien, weinen -- und es kann sein,

daß er nicht im Lachen, Schreien oder Weinen steckt, aber im Lächeln? Das

Lächeln ist schwer zu heucheln, ganz wenig Menschen können es auch

unterdrücken, es ist unkontrollierbar, es kommt und geht, schnell, es kann

die ganze Niedrigkeit und den ganzen Adel eines Menschen ausdrücken, den

ganzen wahren Schmerz, wahre Freude. Vor allem aber die Entwickelungsstufe

des Menschen.«

»Haben Sie das ebenfalls aus jenem Traume?« fragte Adele. »Aus dem Lächeln

dieser Einsamen? -- Hören Sie die Narren lachen, haha?«

»Gewissermaßen,« fuhr Grau eifrig fort. »Gewissermaßen ja. Aber ich mache

zu viele Worte. Ich sage, auch das Lächeln kann trügen, es bleibt Ihnen

also nichts als das Gefühl. Vielleicht fühlen wir die Menschen! Der

seelische Zusammenhang der Menschen ist vielleicht so stark, daß wir

erschrecken würden, könnten wir ihn erkennen, ja, es ist möglich, daß

zwischen den Menschen -- zwischen den Seelen -- überhaupt keine scharfe

Trennung existiert -- ich für meine Person glaube das -- vielleicht können

Sie an keinen Menschen denken, ohne daß er es fühlt, ja, ohne daß er weiß,

was Sie denken. Nicht wahr? Wenn Sie ihn lieben, er wird es fühlen und wenn

Sie nur auf der Straße aneinander vorbeigehen, er wird es fühlen, er wird

Ihren Haß fühlen, alles, vielleicht überkommt ihn nur ein leises Behagen

oder Unbehagen, vielleicht weiß er es nicht, aber seine Seele weiß es ganz

genau. Jeder Mensch könnte Ihnen aus seinen Erfahrungen Beispiele erzählen

und Sie selbst haben gewiß ähnliche Beobachtungen gemacht. Ich sage zum

Beispiel, es begegnet Ihnen auf der Straße ein Mensch, er blickt Sie an,

blinzelt, sieht weg. Sie denken: Das ist ein armer, einsamer und guter

Mensch. Die Leute erzählen Ihnen alle denkbaren Schlechtigkeiten von ihm --

jener Mensch selbst spricht mit Ihnen, ja er beleidigt sie und legt es fast

darauf an, einen ungünstigen Eindruck auf Sie zu machen -- und doch können

Sie den Glauben nicht lassen -- er ist einsam, arm, aber gut.«

Adele sah auf. »Sprechen Sie von einem bestimmten Menschen? Nein? Ich

dachte, weil Sie sagten, er sieht Sie an, blinzelt --«

Grau antwortete ihr darauf nicht. Er lachte plötzlich und sagte: »Ich bin

ja ganz vom Thema abgekommen!«

Der Tor: Roman · 第 34 / 86 题