Und Grau sagte leise: »Warum sollte es nicht mehr kommen?«

Susanna schüttelte langsam den Kopf. Sie antwortete nichts. Dann schüttelte

sie wieder den Kopf und sie sagte heiter: »Nein, ich glaube es nicht mehr,

das ist es. Früher hoffte ich und ich glaubte, daß es käme, jetzt hoffe ich

zuweilen noch -- ach, selbst wenn man verzweifelt, hofft man ja noch --

aber ich glaube es nicht mehr. Ich bin nicht unglücklich. Das kommt

vielleicht von der Krankheit, daß ich nichts mehr wünsche. Einen Wunsch

habe ich noch, wissen Sie welchen?« Aber ehe Grau antworten konnte, fügte

sie hinzu: »Ich möchte noch einmal die Blumen auf dem Felde sehen.«

Grau stand hastig auf und ging in der Stube umher. »Hören Sie, Fräulein

Susanna,« sagte er und lachte halblaut, »hören Sie, Fräulein Susanna,«

wiederholte er und lachte, »Sie sind bescheiden, das muß man sagen, zu

bescheiden!«

Susanna betrachtete ihn erstaunt und folgte ihm mit den Blicken.

Grau ging an ihren Sessel heran und lächelte. »So übermäßig bescheiden

brauchen Sie nun gerade nicht zu sein. Vielleicht werden Sie noch die Welt

sehen, ja, wer kann es wissen, vielleicht werden Sie noch dieses Paris

sehen, wo ein ewiges Feuerwerk knattert und die Statuen in den kühlen,

grünen Grotten der Museen stehen und diese Sonne, die wie ein heißer Nebel

ist, diese Muselmänner mit den Pfeifen. Sie und Mütterchen, wer kann es

denn wissen? Und das, worauf Sie warten, das Seltene, ja, warum um alles in

der Welt sollte es denn nicht mehr kommen? Nun sind Sie krank und müde,

aber sobald es Frühling wird -- meine Freundin, meine liebe Freundin?«

Susanna blickte ihn an und ihre Augen füllten sich langsam mit Traurigkeit.

Sie schüttelte langsam den Kopf und lächelte mit den traurigen Augen. Sie

sagte nichts.

»Sobald es Frühling wird,« wiederholte Grau, und seine Augen nahmen einen

bannenden Ausdruck an, »da werden Sie ganz anders denken!« Er lächelte und

begann im Zimmer umherzugehen. Sie sprachen nichts mehr. Die Uhr tickte und

schnarchte und in der Küche draußen gackerten die Hennen, die gefüttert

wurden. Grau stand am Fenster und blickte hinaus, der Schnee leuchtete in

tiefem Violett. Er ging an den Glasschrank und blickte hinein, er

betrachtete eine Photographie an der Wand. Von Zeit zu Zeit richtete er den

Blick auf Susanna. Es wurde ganz dunkel im Zimmer. Plötzlich ging Grau auf

Susannas Sessel zu. Es war so dunkel, daß er nur ihre Hände, ihr Gesicht

und den Glanz der Augen sah. Er legte eine Hand auf die Lehne des Stuhls

und blickte Susanna lange an.

»Haben Sie da droben auf der Bank nicht auch von Liebe geträumt?« fragte er

flüsternd.

Susannas Blick wurde starr. Ihr Gesicht sah plötzlich viel dunkler aus, sie

errötete. Sie regte sich nicht, sie sah ihn an.

Grau ging langsam weg; er trat ans Fenster. Hier stand er lange, dann

verabschiedete er sich hastig. »Grüßen Sie Mütterchen, Susanna,« sagte er.

»Auf Wiedersehen.« Er ging.

Als er das Gärtchen durchschritten hatte, blieb er am Türchen stehen und

zögerte es ins Schloß zu werfen. Er blickte auf das Fenster und wartete. Da

erschien ein kleines, fahles Gesicht an der dunkeln Scheibe, er warf das

Türchen ins Schloß und ging rasch weg.

Der Tor: Roman · 第 31 / 86 题