Der Fremde stieg aus und er wäre beinahe in den großen Filzhut gestiegen,
den der Lehrer vor ihm bis zur Erde schwang. Er lachte laut und fröhlich.
»Sie konnten sich wohl vorstellen, daß ich nicht verschwinden würde, ohne
Ihnen zuvor unter vier Augen gedankt zu haben!« sagte er und half dem
Fremden beim Aussteigen. Das heißt, er griff nach dem rechten, dem linken
Arm, der Achselhöhle des Fremden, ohne ihn jedoch zu berühren. »Erlauben
Sie Ihre Tasche -- bitte -- nur bis Sie richtig auf den Beinen sind.«
Der Fremde lächelte fein und gütig. »Danke, ganz und gar unnötig,« sagte
er. Er hatte schöne Augen, denn sie waren golden. Ihr klarer und
leuchtender Blick machte den Lehrer einen Moment lang betroffen. Der Fremde
sprach leise, als ob er sehr müde wäre. Er lächelte und sah den Lehrer an,
wie wenn er ihn schon Jahr und Tag kennte. Der Lehrer betrachtete ihn eine
Weile, er bog sogar den Kopf zurück, um ihn genau ansehen zu können; dann
stürzte er sich wieder auf die Reisetasche. Er strömte über von
Freundlichkeit und Diensteifer.
»Erlauben Sie, nur bis Sie über die Geleise sind!«
»Bitte, oh, ich kann ja selbst --« sagte der junge Mann und zog mit einer
geradezu lächerlichen Besorgnis die Tasche an sich, und verbeugte sich
leicht gegen den Lehrer. Er blickte sich um. Er sah die Leute an, die über
den beschneiten Bahnsteig eilten, er sah in die Höhe, nach rechts, nach
links, er sog die Luft ein. Jede Kleinigkeit schien ihn zu interessieren.
Aber der Lehrer verneigte sich abermals, zog den Hut und ergriff endlich
die Tasche. »Ich betrachte es als eine Auszeichnung, mein Herr!« sagte er.
»Welche Kälte, nicht wahr? Eine verfluchte, angenehme Kälte, bei allen
Teufeln! -- Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen,« fuhr er fort,
indem er unvermittelt seinem beweglichen, von vielen Falten durchzogenen
Gesicht einen ernsten Ausdruck gab. »Das war eine echte Edelmannstat!«
Seine kindlichen Augen leuchteten.
Der Fremde sah umher. »Aber die Sache ist ja nicht der Rede wert,« sagte
er.
Der Lehrer lachte. »Da haben Sie recht! Klar gesehen ist es etwas ganz
Selbstverständliches, ein Edelmann springt dem andern bei, ja, er springt
jedem bei, der in der Klemme sitzt. Ganz einerlei wer es auch sei, und sei
es der Teufel selbst. Aber trotz alledem, ich freue mich und danke Ihnen!
Wenn Sie nun nicht dagewesen wären -- nehmen wir an -- oder keine zehn Mark
gehabt hätten? -- Hol' mich der Teufel, wie wäre ich vor diesen
Scherenschleifern und Schuhflickern dagestanden. Es juckt mich immer, sehen
Sie, dieses Gesindel mit Worten niederzuschmettern, aufzudonnern -- zum
Beispiel, einmal wollte ein Lump von einem Gastwirt mich hinauswerfen,
buchstäblich hinauswerfen aus seiner Bude. Er hetzte den Hund auf mich!
Immer heran mit deinem gichtbrüchigen Hund, schrie ich und breitete die
Arme aus -- heran mit diesem Floh von einem Hund! -- Was glauben Sie, was
passierte? Es war eine Ulmer Dogge --«
»Nun?« fragte der junge Mann lächelnd.
»Haha, er riß mich zu Boden, buchstäblich, wie einen Pfahl rannte er mich
um -- aber, bin ich gegangen? -- Nein -- werde doch vor keinem Hunde
ausreißen -- hahaha!«
Auch der Fremde lachte.
»Dann hören Sie, einmal, da donnere ich also, donnere vor Wichten und
Schneidern und sage, ich bin ein Mann, der ein Pferd an den Zähnen in die
Höhe hebt und einen Kilometer weit damit springt. Hebe den Tisch, sagen
sie, hebe diesen Tisch. Ich hob diesen Tisch, ein schwerer Tisch, mein
Herr, ich hob ihn und brach mir einen Zahn dabei aus -- sehen Sie hier --
sehen Sie in der Mitte, diesen schönen Zahn, auf den ich immer stolz war,
brach ich mir ab -- aber ich hob den Tisch! Entschuldigen Sie einen
Augenblick!« Er wandte sich ab und zog den Hut vor einer jungen Dame mit
auffallend reichem schwarzen Haar und stolzem Profil, die, gefolgt von
einem Diener in ledergelber Livree, die Geleise überschritt. Der Diener war
mit Schachteln und Paketen beladen. »Guten Abend, gnädiges Fräulein!« sagte
der Lehrer und verbeugte sich mit großer Würde.
Die Dame aber schenkte ihm nicht die geringste Beachtung.
Der Lehrer lachte gutmütig und wandte sich an den Fremden. »Sie ist sehr
stolz? Haben Sie es bemerkt?« sagte er mit gedämpftem Baß. »Sie dankte mir
nicht, aber ich grüße sie -- erstens ist sie sehr schön und zweitens ist
sie eine Freundin meiner Tochter Susanna! -- Deshalb grüße ich sie und
deshalb werde ich sie immer grüßen, wenn sie mir auch hundertmal nicht
danken sollte. Denn, wer meiner Tochter Susanna nur zulächelt, den küsse
ich auch schon, sehen Sie,« fügte er mit einem leisen zutraulichen Lächeln
hinzu. »Geben Sie acht, eine Schiene. Welche Rattenfalle von einem
Bahnhofe, nicht wahr? Sie kommen in Geschäften in die Stadt, mein Herr?«
Der Fremde, der der Dame mit dem auffallend reichen schwarzen Haar
nachblickte, sagte: »Ja, man könnte es so nennen.« Und er nickte. Die Dame
verschwand.
Der Lehrer berührte die Schulter des Fremden. »Verzeihung!« Er lachte und
sein lautes, gesundes Lachen hallte in dem schmalen nach Papier riechenden
Gange wieder, den sie durchschritten. »Es war mehr eine Verlegenheitsfrage
als Neugierde. Ich hoffe aber, ja, ich wünsche Ihnen ganz speziell, daß Sie
nicht lange hier zu tun haben werden. Eine recht elende Stadt, von
bürgerlichem Volke bewohnt. Ohne Würde, ohne schöne Gebärde, ohne Ziel und
Wunsch, mit verächtlichen Maßstäben. Eine Grube voller Ausschuß, Scherben
von Menschen, wie in den meisten kleinen Städten, wo die geistige
Konkurrenz gleich Null ist und dickranzige Bürger jeden Gedanken in Grund
und Boden hineinlächeln. Sind Sie Sammler von Abnormitäten, so werden Sie
auf Ihre Kosten kommen. Gewissermaßen ein Museum von Bürgerlichkeit und
Dummheit. Aber was wollen Sie, verehrter Herr: Ein Kork kann sich so schwer
machen wie er will, er sinkt nicht unter! Dies ist wiederum eines meiner
dreitausend Sprichwörter über den Bürger.« Der Lehrer lachte zufrieden;
dann fuhr er fort: »Da haben Sie zum Beispiel den geistlichen Rat, fett wie
ein Schwein -- aber, ich bitte Sie, welch prächtiges kluges Geschöpf ist
ein Schwein im Vergleich zu ihm! Er treibt Teufel aus, am lichten Tag und
verbrennt sie auf einem Spirituskocher. Da haben Sie wimmelnde Beispiele.
Der Bürgermeister allein -- von einer Essenz aus ihm gewonnen, würde ein
einziger Tropfen hinreichen, ein Genie augenblicklich zu verblöden. Solch
eine Stadt ist das! Geist ist alles, sehen Sie, auf Moral pfeife ich!«
Der Lehrer war wieder im Schwunge. Er zog den Hut in die Stirne, so daß
sein halber Kopf darunter verschwand, sprach, gestikulierte, lachte, und je
länger er sprach, desto glücklicher und zufriedener sah er aus. Er streckte
die Arme bald gerade aus, bald gegen den Himmel, er wiegte sich hin und her
und drehte sich auf dem Absatze.
Vor dem Bahnhofe wartete eine Art Wagen, einer großen Hutschachtel ähnlich,
die ganz oben ein winziges Fensterchen hatte. Aus dem Fenster blickte das
fette, zufriedene Gesicht des Viehhändlers, der sich im Zuge so gut
amüsiert hatte. Eine Zigarre glimmte in seinem Munde und sein Gesicht
füllte das ganze Fenster aus. Auf dem Bock des Wagens saß ein dunkles
Bündel und dieses Bündel rief: »Weißer Elefant?«
»Nein, danke!« antwortete der Fremde, der in der eisigen Luft heftig zu
zittern begann. »Ist es denn weit zur Stadt?«
»Höhö! Eine halbe Stunde! Der Herr fahren also nicht mit? Hü!«
Die Hutschachtel rollte davon und die glimmende Zigarre des Händlers
erlosch in der Nacht wie ein kleines Fünkchen.
Der Lehrer lachte herzlich. »Sie können sich doch denken, verehrter Herr,«
rief er aus, »daß der Bahnhof weit außerhalb der Stadt liegt! Man
befürchtete, die Häuser würden einfallen. Ich werde mir erlauben, Ihnen in
aller Eile eine Skizze von dieser Stadt zu entwerfen und Sie werden mir in
einer Woche, nein, morgen schon sagen können, ob ich ein Talent zu
Schilderungen habe oder nicht. Diese Stadt also --«
»Verzeihung!« unterbrach der Fremde den geschwätzigen Lehrer. »Darf ich mir
eine Frage erlauben? Hier in der Stadt hat sich ein Unglück ereignet, nicht
wahr?«
»Ja.«
»So viel ich hören konnte, ein Mädchen hat sich das Leben genommen?«
»Ja -- ja -- richtig!« Der Lehrer blickte den jungen Mann prüfend von der
Seite her an. »Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er, ohne seine
Überraschung verbergen zu können.
»Nein!« Der Fremde lächelte fein. »Ich habe nicht geschlafen, ich habe
jedes Wort gehört.«
»Ah!« Das größere Auge des Lehrers erweiterte sich vor Erstaunen, das
kleinere prüfte den Fremden mit einem langen scharfen Blick.
»Aber Sie haben sich schlafend gestellt?« sagte der Lehrer langsam,
gleichsam für sich; und er fügte rasch hinzu: »Ja, ich habe dies und jenes
gehört. Interessiert Sie der Fall?«
Der junge Mann nickte. »Ich habe das allergrößte Interesse!« sagte er.
Der Lehrer erzählte. »Was für merkwürdige Dinge auf der Welt passieren!«
schloß er. »Nicht wahr?« Er lachte leise. Wenn man des Lebens komischen
Spuk recht ins Auge fasse, murmelte er, indem er sich den schwarzen Bart
strich, man müsse die Folgerung ziehen, daß Gott wahnsinnig sei.
Der Fremde blickte den Lehrer mit klaren, ernsten Augen an. »Sie kennen
vielleicht die unglückliche Mutter des Mädchens?«
Der Lehrer erstaunte immer mehr. Er trat einen Schritt zurück und vermochte
nicht sofort zu antworten. Aber er faßte sich und lächelte. »Diese kleine,
alte Frau?« sagte er und blickte den Fremden mit einer gewissen Scheu an,
die immer wieder in seinen Zügen auftauchte, so oft er sie auch zu
unterdrücken versuchte. »Sie ist eine Eierhändlerin, wissen Sie, geht herum
in den Dörfern und kauft Eier ein, um sie in der Stadt zu verhandeln. Ein
armes Dingchen, sie wohnt neben dem Armenhaus, dicht daneben, fast im
Armenhaus selbst, im Hexengäßchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.«
»Danke!« sagte der Fremde und streckte dem Lehrer mit einer offenherzigen
Bewegung die Hand entgegen. »Danke Ihnen aufrichtig!« Die Herzlichkeit in
seiner Stimme besiegte die sonderbare Scheu des Lehrers vollständig. Ein
Lächeln verklärte sein männliches, wildes Gesicht. Er streckte ihm beide
Hände hin.
»Verehrter!« rief er aus. »Verehrter! Es ist mir eine große Freude, Ihnen
auf meiner Wanderschaft begegnet zu sein. Ich hoffe, das Glück wird nicht
ohne Nachwuchs bleiben, das heißt, Sie verstehen mich wohl, ich hoffe, daß
ich Sie wiedersehen werde. Vielleicht schenken Sie mir die Ehre Ihres
Besuches? Ich bin in Acht und Bann, ohne jeglichen bürgerlichen Kredit, ein
entlassener Volksschullehrer -- sage es gleich, ohne zu befürchten, daß Sie
das abhalten könnte mein Haus zu betreten.« Und als der Fremde mit
herzlichen Worten für die Einladung dankte und seinen Besuch zusagte, fügte
er mit strahlendem Gesichte und aufrichtiger Freude flüsternd hinzu: »Ah,
herrlich! Mein Heim ist bescheiden, aber die Flagge des Glückes flattert
darüber. Sie werden Mütterchen kennen lernen, meine Frau! -- Mütterchen, so
heißt sie in der ganzen Stadt -- haha -- Sie werden sie kennen lernen, so
klein wie sie ist! Ich bezahle Ihnen hundert Flaschen Wein, wenn Sie sich
vorstellen können, wie klein sie ist und wie leicht! Oft, wenn ich in den
Feldern herumliege, denke ich, wie klein ist sie doch -- wie klein und
leicht -- wie ein Kork. Und Susanna werden Sie kennen lernen -- meine
Tochter -- ein herrliches Geschöpf, herrlich an Körper und Geist -- eine
Art Heldin -- nun, Sie werden sie ja sehen! Ich bin eben auf dem Wege zu
ihnen, zu Mütterchen und Susanna, seit einem Jahre bin ich nicht mehr da
gewesen -- aber plötzlich hat mich die Sehnsucht gepackt, so daß ich sogar
den Zug nahm, was seit sechs Jahren nicht mehr passierte, ich mache alles
zu Fuß --«
»Sie arbeiten also auswärts?« fragte der Fremde.
»Wie?«
»Sie arbeiten also auswärts, nicht hier am Platze?«
Der Lehrer gab seinem Kopfe einen Ruck und beugte das Ohr lauschend herab.
»Ah!« rief er, »arbeiten?« Er schüttelte langsam den haarigen Kopf und
seine Augen glühten. »Ich hasse die Arbeit! Ich bin ein freier Mann, ein
Wanderer, wandere umher, jahraus -- jahrein -- in Sturm und Wetter, in
Sonne und Tau -- ein Bruder der Vögel, ein Freund der Bäume, ein Sohn der
Sonne« -- hier legte er die Hand aufs Herz und seine Augen glänzten
schwärmerisch -- »ein Schrecken für alle eingesessenen Bürger! Ein Komet,
der unterwegs ist, wenn Sie wollen. Nein, ich arbeite nicht, junger Freund,
haha, was Ihnen doch einfällt!« Er betrachtete den Fremden mit einem
gönnerhaften, väterlichen Blick. »Meine Familie lebt in angenehmen
Verhältnissen -- sozusagen in sehr angenehmen Verhältnissen. Ich hoffe, Sie
werden den Besuch nicht vergessen, gleich hier beim Bahnhof!«
»Auf keinen Fall.«
Der Lehrer sah den jungen Mann lange an, gleichsam, um sich sein Antlitz
für alle Zeiten einzuprägen; er bewegte den Kopf in kleinen Rucken, um
genauer zu sehen und tiefer in die Züge eindringen zu können. Dann
schüttelte er leicht den Kopf.
»Sie sind ein eigentümlicher Mensch!« sagte er leise. »Ich habe auch Ihr
Gesicht noch nicht gesehen, alle anderen Gesichter habe ich ja tausendfach
gesehen. Ich schätze es mir zur Ehre, Ihnen begegnet zu sein. Allezeit Ihr
Diener!« Darauf nahm er den Hut ab, drückte ihn gegen die Brust und
verbeugte sich. »Erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen zum Abschied
vorstelle!« sagte er in tiefstem Baß. »Heinrich Löwenherz, ein fahrender
Gesell!«
Der Fremde nahm den Hut ab und verbeugte sich seinerseits.
»Richard Grau,« sagte er.
Der Lehrer verschwand wie ein Phantom irgendwohin und der Fremde sah ihm
mit einem nachdenklichen und erstaunten Blicke nach. Aber dieser Heinrich
Löwenherz hatte eine schöne Empfindung in ihm zurückgelassen, und er nahm
sich vor, ihn sobald als möglich aufzusuchen.