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[Illustration]
Von _Anton von Perfall_ erschien bei _Albert Langen_:
_Die Malschule_ Novelle 5. Tausend
Kleine Bibliothek Langen Band 50
Anton von Perfall
Die Hexe von Norderoog
Novelle
Viertes Tausend
[Illustration]
_Albert Langen_
Verlag für Litteratur und Kunst
~München 1908~
[Illustration]
Der Herbst hatte seinen Einzug gehalten in den Halligen.
Scharen wilder Gänse grasen zwischen den Lämmern; um die Wattströme mit
ihrem vielverschlungenem Netz von kleinen Wasserläufen streichen mit
ohrenbetäubendem Gezeter unzählige Mövenenten, während Langbeine aller
Art, welche die Wanderschaft nach fernen Ländern hier zusammengefunden,
in dem zähen Schlick herumstechen nach Meergetier, und in den grünen
Wasserläufen selbst, die vom Meere hereindrücken, der Tümmler sein
lustiges Wesen treibt.
In der Nacht aber saust und braust es in den Lüften von Tausenden von
Flügeln, mit der Brandung um die Wette, die weit draußen sich bricht,
oft so dicht über dem Strohdach, daß die Schläfer erschreckt auffahren
und den seltsamen Lauten aufhorchen. Die Alten bekreuzigen sich wohl
und drehen sich auf die andere Seite, die Jungen aber packt das Sehnen
nach fernen Ländern, und Bild auf Bild verscheucht den Schlaf.
Gestern kehrte man vom Markte zu Wyk zurück, die Schiffe vollgestopft
mit Winterwaren. Jetzt konnte es losgehen! Man hatte nichts mehr zu
suchen draußen.
Die Binnenarbeit hob an. Der erste „Aufsitz‟ sollte bei den Götreks
genommen werden auf der Götrekswarf, die acht Giebel umfaßte.
Mutter Götrek hauste dort seit zwölf Jahren mit ihren beiden Söhnen
Lars und Knut. Den Vater hatte die Nordsee geholt, die Mordsee, wie sie
Mutter Götrek nannte; es vollzog sich damit nur ein altes Hausgesetz
-- kein Götrek lag bis jetzt auf dem Kirchhof von P...
Lars war damals sechs Jahre alt, so fiel Last und Pflicht des Vaters
auf den acht Jahre älteren Knut und trug nicht wenig dazu bei, den
ohnehin ernsten, verschlossenen Jungen rascher zum Manne heranreifen
zu lassen und den Altersunterschied der beiden Brüder fühlbarer zu
machen. Knut war der Herr im Hause, das kindliche Verhältnis zur Mutter
war allmählich ganz erloschen; ebenso sah Lars in ihm bald nur noch
das Haupt der Familie, dem er sich willig unterordnete, zumal Knut ihm
wirklich väterliche Liebe und Sorgfalt angedeihen ließ. Ja, Lars war
seine einzige Schwäche; er wetteiferte mit der Mutter in Zärtlichkeit
für den hübschen, sonnigen Jungen, der an Leibesgestalt und Aussehen
nur ein heller, freudiger gehaltenes Bild seiner selbst war, an
Sinnesart und Wesen zugleich Widerpart und Ergänzung.
Die Wirkung dieses Verhältnisses konnte nicht ausbleiben.
Lars gewann kein Auge für die harten Lebensbedingungen des
Halligmannes, die rings um ihn die Gesichter hart, die Stirnen faltig
machten, die den trotzigen Zug verliehen um den scharfgeschnittenen
Mund.
Für ihn war das alles nur ein lustig Spiel, das seine Phantasie
erregte, das ewig drohende Meer, der Sturm, der die Firste zittern
machte, die Berichte der Männer von schwerer Fahrt und Abenteuern.
Er sah mit seinen blauen Kinderaugen die grünen Halligwiesen von den
Silberfäden der Wattströme durchzogen, die weißen Lämmer darauf,
die lustigen Möven, die drolligen Austernfischer und die flinken
Seeschwalben. Er hörte an den Winterabenden in den Spinnstuben die
alten Märchen und Nordseesagen: von der Jungfrau von Cordouan, vom
König Abel, dem Friesenkönig, und Holger Danske, dem Riesen, von den
Wogenmännern und seltsamem Meervolk. Was brauchte er da ernst zu
blicken und die Stirne in Falten zu legen? Es gab ja kein schöneres,
lustigeres Land als P...
Daran konnte auch der düstere schwarze Turm nichts ändern an dem
Westrand der Insel, gegen dessen zerfressene, von Tang bewachsene
Quadern die See grollte zur Flutzeit mit weithin schallendem Getöse,
von dem allerhand unheimliches Raunen ging, von bösem Spuk, und
allerlei dunkle Geschichten von Seeräubern und dergleichen.
Darum liebte Lars ihn geradezu. Und wenn man ihn nirgends fand,
so steckte er sicher in dem alten Gemäuer, entweder in dem Schutt
grabend und kratzend nach irgend einem Stück Eisen, aus dem sich
seine Phantasie rasch etwas zurechtschmiedete, oder aus irgend einem
Mauerloch, das er mit Lebensgefahr erkletterte, hinausträumend in die
schäumende See.
Knut arbeitete schwer, brachte das Heu herein, sorgte für das Vieh und
die Schafschur -- da war er ihm höchstens im Wege.
Nur im Boot, wenn es auf den Fischfang ging oder einer Meerfahrt
galt nach Nordstrand, nach Amrum oder gar nach Beenshallig zum
Möveneiersammeln, da fehlte er nie, da stellte er seinen Mann --
glaubte er. Unterdessen brachte er das Netzzeug durcheinander, spielte
mit dem bunten Tand des Meeres, der sich in den Maschen verstrickte,
machte Ausbeute für seine Sammlungen und vergaß über dem Seltenen das
einzig Nützliche: die ihm viel zu gemeinen, langweiligen Fische, von
denen einer dem anderen glich. Und Knut lachte dazu und schwitzte sich
zu Tode unter dem Drucke des Netzwerkes.
Der vierschrötige Mann, mit dem Geiste so zäh wie der Schlick, der die
Insel umgab, mit dem dumpfen Groll im Herzen, den früher Lebenskampf
verleiht, das friedliche, ewig drohende Meer, das ihm den Vater
geraubt, brauchte Wärme, Licht, Sonne -- das war ihm Lars, ja mehr noch
war er ihm, seine eigene verlorene oder vielmehr nie besessene Jugend.
Lars war heute der erste in der Spinnstube, nicht einmal eine
Segelfahrt nach der Seehundsbank bei Nordstrand, auf welche Knut ihn
gerne mitgenommen hätte, sonst sein Leibspaß, zog heute.
Aber es war das auch kein gewöhnlicher „Aufsitz‟, der heute zu erwarten
war, bei dem man die alten und jungen Gesichter vom vorigen Jahre,
nur um ein Jahr älter, zu sehen bekam, auch handelte es sich nicht um
die alten Geschichten, denen er sich doch auch allmählich entwachsen
fühlte, etwas ganz Außerordentliches war in Sicht, so recht etwas für
den Lars.
Und daß er der Einzige war, der das Seltsame so recht begriff, daß ganz
P... that, als habe sich gar nichts Besonderes ereignet in den letzten
Tagen, daß keine Spur von Neugierde, Spannung sich zeigte, daß der Knut
ihn anknurrte: „Was kümmert's mich! Ich sehe das Wundertier noch früh
genug!‟ Alles das freute nur den Lars. So ging es ihm ja immer, mit
allem, er war eben ein ganz Besonderer -- und das Besondere war darum
auch nur für ihn.
Lars saß auf der Ofenbank und wartete.
Zuerst kamen die beiden Wittrichs, zwei Prachtmädels, besonders Grete,
die jüngere. Er sah sie sonst gerne, es plauderte sich von allen am
besten mit ihr, und ihr Lachen klang ganz anders, als man sonst in P...
gewohnt war.
Heute beachtete er sie kaum. Über was sie alles zu schwatzen begann!
Über das albernste, gewöhnlichste Zeug, über den Markt zu Wyk, über
das Wetter, über den und jenen, über die und die -- nur über das eine
kein Wort, das einzige, das von ihm so sehnsüchtig erwartete, das ganz
besondere -- da hatte man es wieder! Ist das ein dummes Volk! Wie er
nur darunter kam!
Und andere kamen, Mädchen und Männer, Alt und Jung, und alle machten
es so, keines nannte den Namen, auf den er lauerte -- auch die Mutter
nicht.
Zuerst erzürnte er sich über diesen Stumpfsinn; dann aber freute er
sich, war er ganz stolz darauf. Sollte er selbst davon anfangen? Oder
abwarten? Es litt ihn nicht länger.
„Habt ihr die Hennings schon gesehen?‟ fragte er plötzlich.
„Die Hennings haben wir schon gesehen,‟ meinte Grete mit spitziger
Zunge, „nur _die Hennings_ nicht, die du meinst, Lars. Ist überhaupt
gar keine Henning, laß dir was weismachen. Weiß Gott, wo er sie
aufgegabelt!‟
„Wär' noch schöner, so ein schwarzes Ding in die Gemeinde bekommen,‟
bemerkte die Schwester.
„Schwarz?‟ Lars sprang von seinem Sitze auf. „Wirklich ganz schwarz?
Hast du sie denn gesehen?‟
„Alle Wilden sind schwarz,‟ erwiderte das Mädchen.
Allgemeines Gelächter.
„Ist ja gar keine Wilde, eine Indierin ist sie,‟ erklärte ärgerlich
Lars, „und von nun an als Hennings Tochter eine P... Da ist nichts
daran zu ändern.‟
„Na, na, eine P...‟, meinte die alte Götrek, „das wollen wir doch mal
abwarten. So rasch geht das nicht, mein Junge! Da muß zuerst bewiesen
sein, daß sie wirklich Hennings ehelich Kind. Vor allem aber, daß sie
eine Christin ist --‟
„Nun, wenn sie es nicht ist, kann sie es ja werden,‟ meinte Lars
lachend, „das hat der Pastor rasch. Ehelich Kind! Da mußt du den
Henning selber fragen. Da drüben in Indien wird wohl etwas rascher
gefreit, als in unserem Nebelland.‟
„Und das gefiel dem Herrn Lars wohl, das rasche Freien,‟ meinte boshaft
ein altes Mütterchen.
„Weiß man denn eigentlich etwas Näheres über die Geschichte mit dem
Henning und seiner Tochter?‟ fragte einer der Männer.
„Alles weiß ich,‟ erklärte Lars voll des Eifers, „der junge Märtens
hat es mir erzählt, gestern in Wyk, sein Vater ist Steuermann auf dem
‚Cyklop‛, der vorige Woche den Hennings brachte.‟
Man rückte näher, ließ das Rädchen stehen, nahm die Pfeifen aus dem
Munde.
Lars kribbelte es in allen Knochen vor Erzählerlust.
„Das war so. Vor zwanzig Jahren,‟ begann er, „da brach ein Aufstand
los da drüben in Indien irgendwo, in den Bergen. Da sind nämlich
Berge, hundertmal höher, wie die höchste Woge -- tausendmal, sagt der
Märtens -- und in den Bergen lebt ein freies, starkes Volk, das einmal
vor langer Zeit die Herrschaft hatte weit und breit, bis die Engländer
kamen und sie ihm nahmen. Ein tapferer Häuptling rief das ganze Volk zu
den Waffen -- Nena Sahib hieß er -- und nun ging's los! Zuerst kriegten
die Engländer ihre Hiebe. Dreitausend Engländer mit Weib und Kind
wurden in einer Nacht ermordet. Dann aber kam die Rache. Die Engländer
warben ein großes Heer. Der Henning war damals Vollmatrose auf einem
Bremer Schiff. Das lief gerade zur rechten Zeit in Kalkutta ein. Die
höchste Löhnung wurde geboten, die reichste Beute versprochen. Der
Henning ließ sich anwerben von dem Engländer. Und es war sein Glück.
Die Aufständigen wurden geschlagen. In einer Stadt -- Dinapur heißt
sie -- machten die Engländer reiche Beute, jeder Soldat bekam sein
Teil. Auf den Henning traf ein schönes Mädchen -- die Sklavin eines
Stammesfürsten, Nizam hieß sie -- und, nun ja, sie gefiel ihm wohl, das
schwarze Ding. Er kaufte, als der Krieg zu Ende, einen kleinen Kutter
von dem Beutegeld und fuhr auf eigene Rechnung. Die schöne Nizam nahm
er mit an Bord, und dort schenkte sie ihm das Mädchen; fünfzehn Jahre
ist es alt, sagt Märtens.‟
„Fünfzehn Jahre?‟ Grete kicherte mit den Mädchen, „also noch
schulpflichtig!‟
„Und was war denn mit dem Henning?‟ meinte einer der Männer. „Wo steckt
jetzt die reiche Beute von -- ich weiß nicht, wie du das nennst --
Senk--‟
„Die Beute von Dinapur? Die liegt jetzt auf dem Meeresgrund, da bei dem
Kap der guten Hoffnung irgendwo, samt der schönen Nizam. Das Mädel ist
wohl das einzige, was er davon mit heimgebracht! Darum schon, dächte
ich -- was lacht ihr denn? Ist da etwas zum Lachen, zum Spötteln?‟
Lars' Antlitz, dessen mädchenhafte Weiße ein leiser Flaum um Lippen
und Kinn zu vergolden begann, rötete sich im Unmut über die völlig
unerwartete Wirkung seiner tragischen Erzählung.
„Was willst du denn eigentlich mit dem Kind,‟ fragte die Mutter
erstaunt, „daß du dich so ereiferst darum?‟
„Was ich damit will?‟ Er erhob sich jäh. „Schützen will ich es gegen
allen Hohn und Spott, der ihr hier droht; jawohl, das will ich, verlaßt
euch darauf!‟
Jetzt war er zum Küssen schön, der Lars! Wie ihm die blonden Locken in
die weiße Stirn hineinfielen, und in den sonst so sanften blauen Augen
ein seltsames Feuer sich entzündete.
Die Mädchen lachten nicht mehr, nur Grete konnte jetzt ihren Unmut erst
recht nicht unterdrücken.
„Lächerlich! Wer wird denn so ein Püppchen kränken. Die läuft uns allen
gut!‟
In diesem Augenblicke hörte man Tritte in dem Flur.
„Da kommt er vielleicht, dein schwarzer Schatz!‟ spöttelte Grete.
Doch das allgemeine Gelächter brach sonderbar jäh ab, als die Thür sich
öffnete.
Ein riesiger Mann beugte sich unter dem Thürpfosten. Die grobe blaue
Wolle, in die er gekleidet, ließ seine Glieder noch hünenhafter
erscheinen -- der Henning!
„Nur immer herein!‟ rief er zurück in den Flur. Und über die Schwelle
trat ein Wesen, das in diesem Raum jeden Blick bannte, ein Mädchen!
Eine schlanke, geschmeidige Gestalt, die dem Riesen kaum bis an die
Brust reichte, in ein grellrotes Tuch dicht gehüllt; schwarzes,
fettglänzendes, geringeltes Haar umrahmte ein dunkelbraunes Antlitz,
in dem zwei große dunkle Augen wie Glühwürmer brannten. Goldene Ringe
blitzten in den zierlichen Ohren aus dem Haargeringel. Es war weniger
Scheu, als herber Trotz, Hochmut fast, der aus diesen Augen blickte.
Rasch durchstreiften sie den engen Raum, um auf Lars haften zu bleiben.
Alles starrte mit offenem Munde auf die Fremde, auf die Tochter der
Sklavin.
Etwas Schwüles, Gefahrdrohendes war mit ihr in die friedliche Stube
getreten. Man dachte unwillkürlich an Schlangen und Giftpflanzen,
an all die seltsame Mär von dem Wunderlande am Ganges, die manchen
Winterabend ausgefüllt. Man schloß sich enger zusammen und faßte sich
bei den Händen, als wolle man einen Bund schließen gegen sie.
Ein sauberes Kind! Ein nettes Püppchen! Und eine Heidin war sie sicher,
so blickt kein Christenmensch!
„Habt ihr euch nun satt gesehen?‟ fragte der Henning lachend. „Das
ist meine Tochter ‚Nizam‛. Hab' sie schon gemeldet am Gerichte, auch
bei dem Pastor. Ist alles in Ordnung, verlaßt euch darauf. Und wenn
ihr gute Christen seid, woran ich nicht zweifle, so nehmt das Kind in
eure Mitte auf und macht ihm die neue Heimat lieb. Es liegt ja viel
dazwischen, zwischen P... und ihrem Vaterlande. Das müßt ihr wohl
bedenken, wenn euch manches fremdartig scheint an ihr. Sie ist wohl das
beste Ding, und sprechen thut sie, als wäre sie hier geboren. -- Na,
Nizam, nur keine Scheu! Leg den roten Fetzen ab, unsere Wasseraugen
vertragen nicht die grelle Farbe.‟
Das Mädchen öffnete zögernd den Schal, unter welchem sie ein schlichtes
blaues Kleidchen trug.
Da kam ihr Lars zu Hilfe. Er nahm das Tuch von ihrer Schulter und bot
ihr Platz.
Ein dankbarer Blick traf ihn. Nizam saß unbeweglich. Der Feuerschein
des Ofens spielte in ihren Ohrringen. Das Gespräch stockte. Die
Spinnräder schnurrten, als wollten sie das peinliche Schweigen
ausfüllen.
„Ihr habt schlechte Fahrt gehabt, Henning?‟ begann Mutter Götrek. „Lars
erzählte uns eben von eurem Unglück.‟
„Woher weiß denn der Lars --‟
„Martens erzählte es mir, der Steuermann vom ‚Cyklop‛‟, erklärte Lars.
„Ah so, der Märtens! Ja -- ja -- ich hab's fast schon wieder vergessen.
Zwei Jahre sind's ja schon wieder -- was will man machen -- wie
gewonnen, so zerronnen -- es hat nichts Bestand bei Unsereinem. Da --
das Mädchen ist das einzige, was mir geblieben. Fünfzehn Jahre hat's
doch gedauert. Der Teufel ist nur, das Dienen schmeckt nicht mehr,
wenn man so lange der Herr war. Dann kam das Heimweh! Es ist ja, recht
besehen, eine Dummheit, aber was will ich draußen mit dem Mädel!‟
„Und glaubst du, daß es deiner Tochter hier gefällt, in unserem
Nebelland? Das ist eine böse Sache, dächte ich.‟
„Böse Sache oder nicht, es geht einmal nicht anders. Hielt es ihre
Mutter auch aus auf dem Schiff, im Norden und Süden. Sag mal, Nizam,
ist's nicht schön hier bei uns -- hinterm Ofen? Wart' nur erst ein
paar Wochen, wenn P... seinen schönen weißen Eisgürtel bekommt und der
Schnee bis an die Knie reicht, da träumt sich's wunderschön von der
heißen indischen Sonne, von Palmen und Mandragoras. Bis der Sommer
kommt, hat der steife Wind dir alles Heimweh aus dem Herzen geblasen,
und du bist ein Halligkind, wie die anderen auch, samt deiner braunen
Haut.‟
„Das soll er aber nicht, der garstige Wind,‟ sagte Lars. „Sie wollen
doch Ihr Vaterland nicht vergessen?‟ wandte er sich an Nizam.
„Nein, das will ich nicht.‟
Es klang wie ein energischer Einwand gegen die Worte des Vaters.
„Das freut mich, Fräulein Nizam! Brauchen auch keine Angst zu haben, es
vergißt sich schwer in unserem Einerlei. Da krallt sich alles doppelt
fest. Aber dann müssen Sie uns auch recht viel erzählen; ich denke mir
das herrlich, wenn es draußen stürmt und schneit, von Palmenwäldern,
von Tigern und Schlangen und Zauberern und all den Wundern, von denen
man so liest. Ja, das müssen Sie, Fräulein Nizam. Sie hören alle gern
zu. Wollen Sie?‟
„Gern -- was ich weiß -- aber es ist nicht viel, was die Mutter mir
erzählt -- ich war ja noch ein Kind, als wir Indien verließen --‟
„Sie war ein Kind?‟ Mutter Götrek lachte. „Bist's ja noch.‟
„Für da drüben ist sie's nicht mehr,‟ bemerkte Henning, „da heiraten
sie schon mit vierzehn. Das macht die Rasse.‟
„Heiraten, sagst du?‟ griff die Alte rasch die Wendung auf. „Sag mal,
Henning, wie ist's denn eigentlich da drüben mit dem Heiraten?‟
Allgemeine Aufmerksamkeit. Alle Rädchen standen still.
Henning schob die blaue Wollmütze auf die Seite und kraute sein Haar.
„Je nun, Mutter, so wie in P... geht's da drüben nicht. Der Pastor hält
keine langen Reden, und das Gericht -- das Gericht kümmert sich auch
nicht viel darum. So eigentlich machen es die Menschen dort unter sich
selber ab -- auch nicht mit langen Sprüchen und Redensarten und wie die
Katze um den Brei herum -- ja, das ist schwer zu erklären -- das kommt
so wie der Blitz in schwüler Gewitternacht, so gewissermaßen wie ein
Überfall, raubtierartig, aber ich sage euch doch --‟ Hennings tiefblaue
Augen zogen sich seltsam zusammen und die Fäuste drückten sich nervös
an die Tischkante. „Nein, ich sag's euch nicht -- ihr würdet mich doch
nicht verstehen, und der Pastor erst --‟. Er lachte auf.
„Sag's nur, Henning,‟ meinte Mutter Götrek, „du hast schon so viel
gesagt, was dem Pastor schwerlich passen würde.‟
„Ja, lieber Henning, wir bitten darum.‟
Die Mädchen wandten sich mit aufgehobenen Händen an ihn.
„Es gruselt einem so angenehm, wenn Ihr so erzählt,‟ meinte das
Gretchen mit feuerroten Wangen.
Lars sah immer auf Nizam, welche die schwarzen Wimpern senkte bei der
Erzählung des Vaters.
„Soll ich's euch sagen? Ja?‟ begann Henning. „Na, dann sag ich's!‟
Er stemmte den Arm auf die Tischplatte und beugte seinen riesigen
Körper vor, während auf seinem breiten Antlitz ein höhnisches Lächeln
erschien. „Eure ganze Liebe, wie ihr sie hier zu Lande fühlt und
treibt, von der ihr weiß Gott was glaubt, von der ihr euch zuraunt
hinter jeder Thür, voll Angst und Gewissensbisse, mit der ihr umgeht
wie mit einem Dieb, der sich bei Tage verstecken muß -- eure ganze
Lieb, mit allem, was darum und daran hängt, ist ein armselig,
schwindsüchtig Ding, so kalt und nüchtern wie ein Nebeltag, gegen die
da drüben.‟
„Hört auf, Henning,‟ meinte die Mutter. „Das ist keine Rede für junge
Mädchen, in meinem Hause.‟
„Ach was, sie sollen's nur hören! Was nennt man denn hier Liebe -- zum
Lachen! Der Hans hat Haus und Hof, und die Marie bringt auch was mit
-- also zum Pastor damit, und eher nicht aufgemuxt, bis alles richtig
im Kirchenbuch steht. Da drüben, ein Blick, ein Wink mit Mund und Auge
und fertig, ohne Fragen. Es muß einfach sein! Der Mond und die Sterne
sind die einzigen Zeugen -- und dann die schwüle Nacht -- das Leuchten
am Himmel, Glühwürmer, so groß wie ein Thalerstück -- ein Summen und
Surren, manchmal ein wilder Aufschrei von irgend einem Getier -- ich
sag euch, ich war ja auch nichts, als ein ausgewässerter Seebär, aber
es hat mich doch gepackt.‟
„Ja, die Sünde hat dich gepackt, Henning,‟ fuhr jetzt Mutter Götrek
auf.
„Es ist nichts als Sünde, was du uns da sagst, nichts als eitel Sünde,
vor der uns Gott bewahre in unserem Nebelland.‟
„Vor der ich vor allem _mein_ Haus bewahrt wissen will,‟ ließ sich
plötzlich eine rauhe Stimme von der Thüre her vernehmen. Knut Götrek
war es, der während des allgemeinen Horchens unbemerkt eingetreten war.
Salziger Meergeruch ging von ihm aus, und ein grauer Dunst umgab seine
ganze Gestalt. „Wem P...er Sitt' und Art nicht paßt, braucht ja hier
nicht zu weilen.‟
Henning erhob sich. „Das ist deutlich genug gesagt, und recht hat er
auch. -- Nur mußt du wissen,‟ wandte er sich an den Herrn des Hauses,
„daß sie keine Ruhe gaben, bis alles heraus war. Da packt es mich dann,
wie das Fieber. -- Komm, Nizam! Das Mädchen ist an allem schuld, ihre
Augen erinnern mich an so manches.‟
Knut blickte zum ersten Male auf die Fremde.
Lars hielt ihre Hand noch immer in der seinen, als wolle er sie nicht
gehen lassen.
Knut stutzte und trat näher.
Nizam sah ihm trotzig in das Gesicht.
„Wenn es so ist,‟ erklärte er dann, ohne seinen Blick von dem Mädchen
zu wenden, „dann bleib nur, Henning.‟ Dann sah er auf Lars, auf die
verwirrten flüsternden Mädchen. „Von wegen dem jungen Volk meint' ich
nur, dem verdreht so was gleich den Kopf, mir nicht, mir gewiß nicht!
Wegen mir kannst du den Teufel selber an die Wand malen! Bleib nur,
Henning!‟
„Danke, Knut, für deinen guten Willen,‟ entgegnete dieser, „aber wir
gehen! Ein andermal! Ich wollt' sie euch nur einmal zeigen, damit die
Mädels nicht am Sonntag in der Kirche die Köpfe zusammenstecken über
mein braunes Kind. Komm, Nizam!‟
Das Mädchen drückte Lars die Hand, dann folgte sie dem Vater, ohne die
Übrigen zu beachten.
Unter der niederen Thür blieb sie noch einmal im Dunkeln stehen, nur
ihre Augen leuchteten, und die waren fest auf Lars gerichtet.
Ein Blick -- ein Wink -- mit Mund und Augen -- gerade so war es, wie
der Henning eben erzählte.
„Was gaffst du denn, Lars? Sie sind ja schon lange fort!‟ greinte die
Mutter, und die Mädchen kicherten.
Da fuhr er sich mit der Hand über die heiße Stirn. Die dicke Luft in
der Stube und das fahle Licht der Kerze und diese runden Gesichter mit
den wasserblauen Augen!
„Ein Teufelsmädel!‟ brummte Knut, ein Glas Gin aus dem Schranke holend,
„wenn die nur kein Unglück anricht' den langen Winter.‟
„So eine Kaffeebohne,‟ meinte die Mutter; „wär' noch schöner!‟
Allgemeines Gelächter.
„Und doch ist was daran! Mir kommt sie nicht mehr ins Haus.‟
„Das ist ja sehr christlich gedacht, Mutter, recht nachbarlich!‟
erklärte Lars, mit Mühe seine Erregung verbergend. „Was sagst du dazu,
Knut?‟
„Ich?!‟ Knut machte sich überall zu schaffen, als ob er in seinem
Gesichte etwas zu verraten fürchtete. „Nun, wenn die Mutter es nicht
will, am Ende ist es wirklich besser.‟
„Du traust dir wohl nicht, Knut? Oh, das hast du wahrlich nicht nötig,
verlaß dich darauf.‟
Lars lachte höhnisch, wie sonst nicht seine Art.
Knut wandte sich jäh und trat dicht vor den Bruder. Der Lichtschein
traf gerade die beiden Köpfe.
Jetzt war die Ähnlichkeit eine auffallende, wie sie sich beide mit
seltsam gespannten Zügen ansahen. Allen fiel sie auf.
„_Wem_ ich nicht traue, ist meine Sache. Die Henning betritt nicht mehr
unser Haus. Richte dich danach.‟
„Das werde ich auch, verlaß dich darauf!‟
Lars verließ mit einem herausfordernden Blick über die ganze
Versammlung die Stube.
Als die Leute sich verzogen -- man wollte nicht mehr in die Stimmung
kommen, das fremde Arom der Nizam erfüllte noch immer die Stube --
trat Mutter Götrek in das Freie und rief nach Lars. Keine Antwort. Der
Junge gefiel ihr nicht. Gewiß war er den Hennings nachgegangen. Sie bat
Knut, ihn zu suchen.
Ein rauher Wind blies von Westen und jagte graues schweres Gewölk von
der See her, deren weiße Wogenkämme in der Ferne blitzten.
Knut ging schweren Schrittes dem Hause Hennings zu.
Wenn er ihn erwischte, ging's ihm schlecht. Er haßte diese Liebeleien,
heute mehr wie je. Von so ein paar schwarzen Augen sich den Kopf
verdrehen lassen! Da stand er schon vor dem Hause.
Er schlich näher, stieg auf die Bank vor der Thüre und blickte hinein.
Nizam saß am Tisch, das schwarze Haar gelöst, die Augen voll Thränen.
Der Vater ging unruhig im Zimmer auf und ab.
Rückwärts am Ofen saß der ältere Bruder, der Besitzer des Hauses.
„Ich kenne das Muckervolk! Der Teufel hat mich hergeführt! Was kann
denn das Mädel dafür?‟ polterte Henning. „Und der Winter vor der Thüre.
Wo will ich denn hin?‟
„Betteln, Vater, auf der Straße frieren und hungern, nur bei diesen
Menschen laß mich nicht bleiben. Ich hasse sie -- ich -- ich -- bleibe
nicht!‟
Nizam sprang auf wie eine gereizte Katze und warf das Haar zurück.
„Unsinn!‟ grollte der Vater. „Du bleibst wo ich bleibe. Sie meinen
es auch nicht so. Die Götreks sind sonst brave Leute. Der Lars zum
Beispiel, ich sah's ihm an, es that ihm leid, wie sein Bruder uns
sozusagen die Thüre wies, ein guter Mensch, der Lars --‟
Nizam trocknete sich die Thränen mit dem Haar.
„Das ist wahr! Ich werde es ihm auch nicht vergessen, ich hab' ihn
lieb, den Lars.‟
„Sei so gut,‟ Henning blieb vor ihr stehen; „das fehlte gerade noch, du
und ein Halligmann!‟
„Mit Hunden würden sie euch hetzen,‟ bemerkte der Mann am Ofen.
„Das wär' wohl nicht nötig, wenn's so weit käme,‟ sagte Nizam erregt,
„wir gingen schon selbst --‟
„Wie?‟ Der Alte hinten am Ofen lachte. „Du vielleicht! Aber der Lars
doch nicht!‟
„Meinst du?‟ bemerkte Nizam, „nun, ich meine anders.‟
„Weibergeschwätz!‟ brummte Henning. „Nimm dich in acht! Geh in dein
Bett.‟
Knut lauerte vorsichtig am Fenster, kein Wort entging ihm. Sein Auge
sog sich an Nizam satt. Sein ganzes Leben lag so öde hinter ihm, wie
das Watt ringsumher. Ein neues, stürmisches regte sich in seiner
breiten Brust. Das Unglück war schon fertig, das er geweissagt.
Da legte sich eine Hand auf seine Schulter; Lars stand hinter ihm mit
einem bösen Lachen.
„Ei, Knut, was suchst du denn die Sünde auf in ihrem eigenen Hause,
nachdem du sie aus dem deinen vertrieben?‟
„Dich sucht' ich auf, Schleicher!‟
„Schleicher? Wer schleicht denn? Du, meine ich. Daß ich nicht drinnen
bin, hast du ja längst gesehen, und doch ließ es dich nicht los -- da
brauch' ich mich ja gar nicht zu schämen, wenn du, der vernünftige
Knut, mein Herr und Meister -- oh, jetzt sag ich's gerad heraus -- sie
hat mir's angethan, die Indierin --‟
Knut packte Lars am Arm und zog ihn gewaltsam fort, als ob er dem
Zauber ihrer Nähe entrinnen wollte.
„Und ich sag dir‟ -- er sprach im rauhen Flüstertone, und seine Finger
krallten sich in den Arm Lars' -- „ich ersäufe sie eher, als daß ich
sie als dein Weib dulde --‟
„Weil du selber sie begehrst --‟
„Du lügst, weil es dein Unglück wär', deins und meins.‟
„Weißt du, was das größte Unglück ist?‟ erwiderte Lars, „so zu leben,
wie ich bis jetzt gelebt, wie ein stumpfes Tier, wie ein Maulwurf, den
das Licht der Sonne blendet.‟
Lars lief davon. „Gute Nacht, Knut,‟ rief er aus der Ferne, „ich kann
nicht schlafen. Ich geh' in meinen Turm, zu meinen Eulen, die verstehen
mich noch besser, als ihr.‟ Fort war er.
Knut ging nach Hause, das schwere Haupt in hellen Flammen. Von diesem
Jungen ertappt zu werden! Wie Haß war es eben in ihm aufgestiegen.
Deshalb! Deshalb nur? Er fühlte das Blut in das Gesicht steigen. Sein
Lars, sein Liebling! An dem er Vaterstelle vertrat seit Jahren! Und
an dem allen war diese Teufelin schuld. Er entschuldigte Lars bei der
Mutter, er sei nun wieder einmal auf sein Lugaus gegangen im Turm und
komme gleich nach.
Knut wachte noch, als Lars nach einer Stunde in die gemeinschaftliche
Kammer trat, bleich und verstört.
„Lars,‟ sagte er, „sei nicht böse, ich meine es ja gut mit dir. Laß
das Weib, es taugt nicht für einen Halligmann. Es zehrt einem Leib und
Seele auf.‟
Lars war ganz kleinlaut. Er drückte des Bruders Hand, wie er es täglich
gewohnt, sprach ein kurzes Gebet, von Knuts Stimme begleitet, und kroch
in sein Bett.
Es war eine stürmische Nacht auf P... Der dumpfe Lärm der Brandung, das
Stöhnen der Kaminen und Knarren der Schiffe unten im Wattstrom, die an
den Ankerketten rissen, dazwischen der melancholische Schrei des wilden
Schwanes, der scharenweise nach dem Süden zog -- das war die Melodie zu
den schwülen Träumen, welche die Schläfer äfften.
II
Im Westen von P..., dicht vor dem alten Turm, liegt die Hallig
Norderoog.
Die Hennings besaßen dort Weideland, eine kleine Hütte, bisher nur den
Futtervorräten dienend, stand darauf.
Diese bezog der Vater Nizams für den Winter, nachdem sie einigermaßen
wohnlich in den Stand gesetzt worden war.
Der Aufenthalt in P... war ihnen gründlich verleidet. Der Bruder selbst
machte eine bedenkliche Miene. Er war ihm zur Last mit seinem Kinde.
Man sträubte sich nun einmal, dieses fremdartige Element aufzunehmen,
man fürchtete es geradezu. In so reger Verbindung man durch den
Beruf der Männer als Seeleute mit dem ganzen Auslande war, mit
den entferntesten Ländern, so andächtig man davon erzählen hörte
am Herdfeuer, nach innen schloß man sich ängstlich ab, wahrte man
mit unnachsichtlicher Strenge die alten Sitten. Mochte einer ein
halbes Leben lang alle Zonen der Erde durchwandert haben, wenn er
zurückgekehrt, war er der Halligmann, wie er als Knabe aufgewachsen auf
kahler Düne.
Das Meer, das die ewige Brücke bildete in aller Herren Länder, es
war auch zugleich die unüberwindliche Schranke zwischen Fremdem und
Eigenem. Und vor allem waren es die Frauen, welche dieselbe heilig
hielten, wohl in der instinktiven Angst, ihre Männer und Söhne nach
jahrelanger Abwesenheit entfremdet wiederkehren zu sehen, belastet oder
bereichert, gleichviel, durch fremde Errungenschaften. Nur ein starkes
Heimatsgefühl, nur ein strenges Reinerhalten der Eigenart konnte sie
vor dieser Gefahr schützen.
Und nun kam der Henning mit seinem wilden, zigeunerhaften Kind, die
Frucht einer Verbindung, vor der man sich eher bekreuzigen mußte, und
wollte es in die Gemeinde einschmuggeln, daß es zuletzt die jungen
Männer verzaubere mit seinen Hexenaugen und seinem sündhaften Gebaren.
Ja, sie hat schon einen verzaubert, den Lars, den lieben, prächtigen
Jungen, dem niemand feind sein konnte. Nicht mehr zu kennen war er.
Und mit dem sprichwörtlichen Frieden bei den Götreks war es auch zu
Ende. Die Alte sah man nur noch mit verweinten Augen. Der Knut blickte
noch finsterer, als sonst seine Art, und selten sah man die beiden
Brüder beisammen.
Das alles begriff der Henning, und so zog er mit Nizam in die Hütte auf
Norderoog.
Er wollte dort nur das Frühjahr abwarten, bis die Schifffahrt wieder
flott geht, dann fort um jeden Preis. Ihn selber drängte es und Nizam.
Nur fort aus dem kalten Nebellande.
Es wunderte ihn nur, daß sie die freiwillige Verbannung so gelassen
ertrug. Ja, seitdem sie das einsame Haus bezogen, blühte sie förmlich
von neuem auf, inmitten endloser Schneemassen, die sich herabgesenkt
auf Land und Meer.
Tagelang konnte sie am niederen Fenster sitzen und hinausstarren. Wenn
er sie dann ansprach, ihr Trost zusprach, Hoffnung machte auf das
Frühjahr, da lachte sie nur und tröstete ihn. Es gefalle ihr ganz gut
da, seitdem sie das langweilige Volk von P... nicht mehr sehe und die
dumpfe kalte Kirche und den schwarzen blassen Prediger, der sie immer
so scheu angesehen, als fürchte er sich vor ihr.
„Geh nur, Vater, laß dich nicht aufhalten, suche deine alten Freunde
auf, ich bringe mich schon durch.‟
Und dabei sah man vom Fenster aus nichts als die öden, ungeheuren
Flächen des Weltmeeres und den alten zerfallenen Turm auf P..., der
schwarz und düster vom Grau des Himmels sich abhob.
Aber gerade der Turm gefiel ihr, ja, er war ihr einziger Freund, wie
sie dem Vater erklärte.
Wenn es stürmte und wetterte, dann mußte sie über die drollige
Perücke lachen aus Tang und Seegras auf seinem geborstenen Kopfe,
über das flatterige Zeug, das ihm aus allen Rissen und Spalten wuchs,
das ihm das Ansehen eines zerlumpten Bettlers gab, während Möven,
ihr gelles Geschrei ausstoßend, ihn umkreisten, die Wogen an seinem
mächtigen Unterbau sich brachen, gierig ihre weißen Zungen immer höher
reckend, und die bunten Algen und Schwämme, welche ihn, soweit die
schwarze Feuchte reichte, umklammerten, glitzerten und gleißten vom
triefenden Meerschaum. Schien die untergehende Sonne darauf, dann
glühte und wallte es in ihm wie von unsichtbaren Feuern, die weißen
Möven durchschnitten wie selige Geister in sanften Schwingungen das
flammende Licht; in seinem geheimnisvollen Schlund, in welchen da und
dort hohe Bogenfenster, willkürlich eingefügt, Einblick gewährten,
spielten seltsame violette Lichter; oft kräuselte es sich heraus, wie
feindurchglühter Rauch, bis plötzlich wieder alles erlosch, der Koloß
im kalten blauen Licht erstarrte.
Am liebsten aber war er Nizam, wenn oft wochenlang rings dichter Nebel
sich breitete, der bei jedem Atemzug im Freien ihre Kehle stach und
ihre zarten Händchen erstarren machte.
Da wuchs er in das Unendliche; jede Einzelnheit verschwand, jede Form
zerfloß, etwas Riesiges, Märchenhaftes stand da drüben, ein graues
Dunstgebilde, das bald in allen Weiten sich verlor, bald greifbar nahe
trat, als wolle es zu ihr in die Stube treten.
Ja, oft nahm er jede Gestalt an, die Nizam sich dachte. Bald war er
ein riesiger Mann, der die Arme nach ihr breitete, bald ein stattliches
Schiff, dessen Masten in den Nebel ragten, bald ein Baum, bald irgend
ein Fabeltier.
Sie konnte nicht satt bekommen an der ständigen Wandlung.
Nur wenn das Mondlicht ihn beschien, hier grelle Lichter zauberte,
dort schwere, schwarze Schatten, da schien er ihr unendlich traurig in
seinem Zerfall, in seiner Verlassenheit, daß ihr oft die Thränen in die
Augen kamen; dann aber wieder schreckte sie sich vor ihm, so drohend
düster erschien er ihr, so recht ein Abbild des feindseligen Landes, in
das sie der Vater geführt. Das war aber nur, wenn der Mond schien.
Heute schien der Mond nicht, stürmisch war es auch nicht, und die Sonne
war längst untergegangen. Dicke, schwarze, lautlose Nacht umpreßte
das kleine Haus auf Norderoog, nur der Schnee warf dicht am Boden
einen bleichen Schein, und doch saß Nizam schon stundenlang am kleinen
Fenster und starrte hinaus in die Leere.
Sie war allein; nein, nicht ganz allein, ihr alter Freund Babe kauerte
auf der Stange, den Kopf zwischen den Flügeln, ein Kakadu. Das dritte
lebende Wesen, welches vor zwei Jahren dem Schiffbruch entgangen. Die
Mutter hatte ihn selbst aufgezogen. Es war die letzte Erinnerung an die
Heimat.
Oft schwatzte sie mit ihm stundenlang, und er sah sie dann so traurig
von der Seite an mit seinen schwarzen Augen. Er hatte wohl auch Heimweh
nach dem Sonnenland, obwohl er wie sie auf dem Meere aufgewachsen, im
dumpfen Schiffsraume, und von Palmenwäldern und Lotosblumen so wenig
wußte, wie seine Herrin.
Sie liebte ihn doppelt, seit sie sich in diesem Lande befand. Sie
liebte den rosigen Schimmer seines Gefieders, der so lebhaft abstach
gegen alle die kalten, nüchternen Farben ringsum. Sie liebte seinen
Zorn, wenn er den Kamm spreizte und die Augen boshaft rollte. Sie
liebte selbst sein unharmonisches Gekreische; es war wenigstens eine
Stimme in dem ewigen Schweigen ringsum.
Sie hatte gehört, daß er in dem Boudoir der Reichen zum Schmuck und
Spielzeug diene, in goldenen Käfigen wohne. Auch das reizte sie, und
sie schwelgte in Bildern von Pracht und üppigem Wohlleben inmitten der
kahlen Dürftigkeit um sie her.
Auch sie war jung und schön und wollte sich schmücken, das Leben
genießen.
Ohne daß sie je einen Blick geworfen in diesen Lebenskreis, sehnte sie
sich danach, formten sich in ihr phantastische Bilder davon -- und
Babe, der Kakadu, mußte ihr dazu verhelfen.
Jetzt leuchtete sein weißes Gefieder durch den dunklen Raum. Nizam
hatte kein Licht angezündet. Nizam träumte. Von Lars träumte sie, dem
blonden Jungen.
Einen Tag nach dem verunglückten Besuche bei Götrek hatte sie ihn
getroffen, als sie in der Dämmerung nach Hause ging. Er hatte ihr den
Weg abgepaßt, er konnte nur wenige Minuten verweilen, der böse Bruder
bewachte ihn, ihr ärgster Feind; aber in diesen wenigen Minuten sprach
er Worte zu ihr, die sie erbeben machten. Worte, die ihr plötzlich
das ganze Land ringsum anders erscheinen ließen, durchaus nicht mehr
kahl und traurig. Worte, die sie nie vernommen: daß er sie liebe, daß
er nicht mehr leben könne ohne ihren Anblick, daß er bis an das Ende
der Welt ginge für sie, daß ihm sein elterliches Haus, der Bruder, die
Mutter, alles verhaßt sei, wenn sie fortgehe. Zuletzt küßte er sie! Und
er war schön, wie der Prinz aus dem Märchen, welches die Mutter auf dem
Schiffe erzählte. Soviel sie sich erinnern konnte, hatte sie kein Wort
gesprochen. Das verdroß sie, als er fort war, es verdroß sie auch, daß
sie sich hatte küssen lassen, ohne sich zu wehren.
Der Mensch glaubt wohl, bei dem armen fremden Mädchen, die alle
verachten, von sich weisen, braucht er nicht lange zu fragen.
Ihr Stolz erwachte, etwas wie Haß gegen diesen blonden Mann, der ihr
doch so fremd, so feindlich schien, wie alle die Männer hier zu Lande.
„Im Turme, die erste finstere Nacht, wenn du Licht siehst --‟ flüsterte
er hastig und entfloh.
Ein Mann kam des Weges, Knut, sein Bruder; er suchte ihn wohl, wollte
nicht, daß er mit der Fremden zusammenkam.
„Hast du meinen Bruder Lars nicht gesehen?‟ fragte er im barschen,
verächtlichen Tone.
„Was kümmert mich dein Bruder, ihr alle! Ich verachte euch, wie ihr
mich verachtet.‟
„Ich verachte dich nicht -- _ich_ nicht,‟ flüsterte er dann und beugte
sich vor, sie zu haschen.
Es war ein ganz anderer Ton der Stimme, gerade so, wie Lars sprach --
da floh sie lachend.
Er rief noch zweimal ihren Namen, ganz weich und zart, wie ein Mädchen,
der grobe Knut. Das machte ihr Spaß. Ein Gedanke kam ihr. „Mit dem Haß
ist es nicht so weit her, bei den Männern wenigstens nicht. Ich gefalle
ihnen wohl.‟ Die ganze Nacht dachte sie darüber nach und fand keinen
Schlaf.
Drei Wochen waren darüber vergangen, seit sie in Norderoog war, daß
sie Lars nicht mehr gesehen, überhaupt keinen Mann, außer dem Vater.
„Im Turme, in der ersten finsteren Nacht, wenn du Licht siehst --‟ Wie
oft tönten die Worte in ihrem Ohr. Heute war die dritte finstere Nacht.
Sie ging ja nicht -- aber doch wollte sie das Licht sehen im Turme,
ihn drüben wissen, den Lars. Er fürchtete wohl den Bruder, den bösen
Knut, der alle Weiber verachtet, wie ihr der Vater zum Troste damals
sagte, als er ihm und ihr die Thüre gewiesen. Das wußte sie besser! Sie
seufzte schwer auf in unklarem Verlangen.
„Babe, mein Liebling! Wo ist mein süßer Babe?‟
Babe erwachte, schlug unruhig mit den Flügeln und kreischte auf. Sie
ging zu ihm, streichelte ihn, und Babe rieb sein Köpfchen an ihrer
Brust. „Larrrs!‟ Ganz deutlich rief er den Namen, von dem ihr Herz voll
war. Oft genug hatte sie ihm denselben vorgesprochen, aber so deutlich
schnarrte er ihn noch nie.
Sie kraute ihm zum Danke das Köpfchen.
„Larrrs! Larrrs!‟
Da floh ein feiner, zitternder Lichtstrahl durch das Dunkel der Stube,
er spielte in dem Perlauge Babes. Sie eilte an das Fenster. Ein rotes
Fünkchen schwamm in der schwarzen Nacht. Bald zog es sich zusammen zu
einem leuchtenden Punkte, bald vergrößerte es sich. Plötzlich sank es,
wie ein fallender Stern, blieb wieder stehen -- im Turme!
„Larrrs! Larrrs!‟ schnarrte Babe.
Nizam schlug stürmisch das Herz, pochten alle Pulse. Was willst du von
ihm? Was will er von dir, der Verachteten? Sein Spiel treiben, weiter
nichts! Aber seine Stimme klang so weich, und die blauen Augen blickten
so treu -- und hier war es so kalt und tot und -- da drüben im Turme
lockte das Leben, war ein Mensch, der sie lieb hatte, der einzige
Mensch weit und breit.
Sie warf ein Tuch um. Nachsehen wollte sie wenigstens, ob es keine
Täuschung war.
Der schmale Wattstrom, der Norderoog von P.... trennt, war fest
gefroren, in wenigen Minuten war sie drüben.
Babe spreizte die Federn, stellte den Kamm auf und rief immer zorniger:
„Larrrs! Larrrs!‟
Sie eilte in die Nacht hinaus.
Kein Lüftchen regte sich, nicht die Hand vor den Augen war zu sehen,
nur das Fünkchen, jetzt ganz ruhig, stand hoch über der Erde.
Das Eis stöhnte und knallte. Ihr kleiner Fuß berührte es kaum, hier und
da erhob sich ein unsichtbarer Vogel mit schwerem Flügelschlag, den sie
in seiner Ruhe gestört.
Das Fünkchen leitet sie. Allmählich vergrößert es sich, ein
Fensterbogen trat aus dem Dunkel, der feurige Schein gaukelt über
zerfallenes Mauerwerk. Der Turm hob sich aus der Nacht, ihr alter
Freund!
„Lars!‟ rief sie mit trockener Kehle.
Das Licht bewegt sich.
„Nizam, ich komme!‟
Sie wartete vor dem gewölbten Eingang und starrt hinauf in den
schwarzen Bauch des Turmes.
Angst erfaßte sie, heimliches Grauen --
Da gaukelte der Stern herab, den Windungen der Treppe nach, der
Blondkopf Lars' erschien in seinem grellen Schein.
„Nizam, bist du's wirklich?‟ Er wollte sie umarmen. Sie wich zurück und
schlang das rote Tuch dichter um sich. „Komm herauf! Ich habe dir ein
warmes Stübchen bereitet, fürchte nichts.‟
Nizam zögerte. Sie reizte sich selbst zum Haß gegen diesen Mann. Mit
seinem weißen, blühenden Antlitz, dem rötlichen Bartflaum um die roten
Lippen, mit seinen mächtigen Gliedern in der blauen Wolljacke, den
plumpen Stiefeln, war er das Abbild dieses verhaßten Volkes. Gerade so
sahen sie alle aus, wenn sie Sonntags in die Kirche gingen, gerade so
sah der Knut aus, der sie aus seinem Haus getrieben. Was war denn nun
an diesem Lars anders? Daß er sie liebte? Das that der Knut ja auch,
und beide sind zu feig, es offen einzugestehen. Beide wollten sich ihre
Liebe stehlen in finsterer Nacht, von niemandem bemerkt.
Oh, die wenig Wochen haben sie alt und klug gemacht, hatten das Weib
geweckt in ihr.
Das alles dachte sie in diesem Augenblick.
Da faßte er sie am Arm.
„Was hast du, Nizam? Warum bist du gekommen -- wenn du dich so vor mir
fürchtest? Ich fürchte mich vor dir! Vor deinen schwarzen Augen! Vor
deinem ganzen Wesen, das mir so fremd und doch -- -- komm! Ich will
ja nur mit dir plaudern! Vielleicht zum letztenmal! Ich werde streng
bewacht! Heute ist Knut in Amrum über Nacht, und die Mutter schläft.
Wenn wir's versäumen -- die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder.‟
Da folgte sie ihm. Der Frost schüttelte sie in dem kalten Gemäuer.
Die morsche Treppe ächzte und wankte unter seinem schweren Tritt.
Fledermäuse umflatterten das Licht, das wie eine Morgenröte seinen
Schein aufwärts warf in die schwarze Höhlung. Zerfallene Gänge, aus
denen widrige Luft strömte, führten seitwärts, verloren sich in kurzen
Windungen. Da und dort blitzten massive eiserne Ringe in der Mauer.
Lars öffnete eine verrostete Eisenthüre.
Nizam staunte. Ein kleines, viereckiges Gemach lag vor ihr. Matten,
Wolldecken verkleideten die Wände. Auf einem eisernen Rost brannte ein
Kohlenfeuer, den ganzen Raum erwärmend. Ein behagliches Nest inmitten
all des Moders. Lars freute sich über ihr Staunen.
„Nun, was sagst du jetzt? Es hat mir wahrlich Mühe genug gekostet, das
alles zusammenzustehlen. Ist das nicht ein lauschiges Plätzchen? Friert
dich noch? Fürchtest du dich noch?‟
„Nicht, solange du sprichst. Nur sprechen mußt du, Lars, sonst fürchte
ich mich.‟
„Sprechen? Oh, das kann ich, hab' keine Sorge. Setze dich nur! Hast
du Hunger? Durst? Ich hab' für alles gesorgt. Die Seeräuber, die hier
einst hausten, waren nicht besser eingerichtet.‟
„Nein, mich dürstet und hungert nicht. Erzähle mir von den Seeräubern,
Lars, ich bitte dich,‟ -- Nizam kauerte sich an das Feuer. Ihr Blick
ruhte scheu auf Lars.
Und Lars erzählte von den Wogenmännern, die hier gehaust und ihre
Beute geborgen, die kostbarsten Schätze, -- von Kressen Jacobs Söhnen,
die von hier das ganze Meer beherrscht, von den Festen, die sie hier
gefeiert mit ihren Geliebten, die sie sich hierhergebracht aus fernen
Ländern, und wie das alles zuletzt endete, in Blut und Tod, -- wie
Cort Wittrich, der letzte, der Schrecken aller Inseln des Nordmeeres,
den verdienten Tod fand von der Hand der wackeren Strander und
Eiderstedter, die den Turm belagerten.
Nizam hörte gespannt zu, ihre braunen Wangen glühten, und in ihren
Augen spiegelten sich alle die lebendigen Vorgänge von neuem ab,
das üppige Gelage der Räuber, das lüsterne Lachen der Mädchen, das
Kampfgeschrei der Sieger, die Flammen der brennenden Burg -- und
glühendes Verlangen sprach daraus nach Erlebnissen, was es auch sei,
nur nicht diese tödliche Ruhe, nur Leben -- Leben! Ihr stummer Eifer
riß Lars immer weiter. Er ahnte ihr Sehnen.
„Glaubst du nicht, daß ich dir zu Liebe auch so ein Räuber werden
könnte, der die Schätze aller Länder dir zu Füßen legt? Gewiß könnte
ich es! Alles, was du verlangst --‟
„Ja, das wäre schön! Du draußen auf dem Meere, der Schrecken all der
bösen, verhaßten Menschen, ich hier in dem Turm. Ich erwarte dich dort
am Fenster, ich sehe deine Segel leuchten, ich winke dir zu mit dem
roten Tuche. Dein Schiff ist voll Gold und Edelgestein und kostbaren
Gewändern -- du kommst und schmückst mich zur Hochzeit! Alle die
Menschen beugen sich vor dir und mir, wie vor einem König, und der Turm
wird ein marmorner Palast, wie ich ihn als Kind gesehen an dem großen
Fluß in meiner Heimat. Und dann beginnt für uns erst das Leben.‟
Nizam glühte in dem kindischen Traum, von Feuersglut umwallt, und Lars,
der arme, blöde Lars, der bis jetzt nichts gesehen von der Welt, als
die rauhe Dünung und das öde Wattenmeer, Nebel und Wolken, der solche
Dinge wohl geträumt, aber nie die Worte dazu gefunden in seiner harten
armen Sprache, kniete zu ihren Füßen.
„Und du würdest mich lieben in dem marmornen Palast, nicht wahr?‟
„Ja, das würde ich, Lars, heißer, glühender, als je ein Mann geliebt
wurde, in eurem kalten Land --‟
„Und jetzt in dem alten Turm, -- liebst du mich nicht?‟
„Lars!‟ Zwei geschmeidige Arme umschlangen ihn, schwarzes, duftiges
Haar fiel über sein Antlitz, und zwei Lippen preßten sich auf die
seinigen -- und das Gemach drehte sich, und die farbigen Muscheln, das
krause Spielzeug des Meeres, das, von ihm gesammelt, in allen Ecken
lag, leuchtete und glühte wie Edelgestein.
Plötzlich erwachte er aus seinem Taumel.
„Sieh' dort, Nizam!‟ Er wies auf das Bogenfenster. Der Mond war
aufgegangen und leuchtete als weiße, strahlende Kugel durch den Nebel,
der in durchsichtigem, flüssigem Schleier an ihm vorüberzog.
Land und Meer war in lichtvollem Dunst zerflossen. Alles wie
entkörpert, schemenhaft, -- die Häuser auf den Werften, -- die weißen,
unendlichen Schneeflächen der Wiesen, -- die schwarzen Klippen an der
Landspitze, und weit draußen das Meer, das sich mit sanftem Rauschen an
dem Eisgürtel der Insel brach.
Lars fühlte seine schwere Zunge gelöst.
„Was brauchen wir einen Marmorpalast und Gold und Edelgestein? Ist's
hier nicht schön genug? Gehört die ganze Pracht da draußen nicht uns?
Wird der alte Turm da nicht zum Palast, wenn wir uns nur lieben?‟
„Sie dulden es aber nicht, daß wir uns lieben!‟ Nizam schmiegte sich
innig an ihn. „Dein Bruder, deine Mutter, alle --‟
„Dann verlassen wir alle, -- fliehen wir --‟
„Wohin?‟
„Wohin du willst, die Welt ist groß. Ich will arbeiten, kämpfen, das
Glück suchen, das Gold, das du so ersehnst. Alles will ich thun für
dich.‟
„Was hilft das Wollen, wir sind beide arm. Im Frühjahr muß ich fort mit
dem Vater --‟
„Geh' nur fort, ich werde deine Spur nicht verlieren. Ich werde dich
wiederfinden, ich werde reich sein, wenn ich dich wiederfinde, ich
werde alle deine Wünsche erfüllen können. Lach' mich nicht aus, Nizam,
ich bin stark und klug, und vor allem habe ich Mut!‟
„Ich lache dich nicht aus, ich lache nur, wenn ich denke, wie es kommen
wird, -- ganz anders. Du wirst einen langen roten Bart bekommen, du
wirst ein braves Halligmädchen heiraten, Grete Wittrich, oder so eine,
du wirst die Schafe hüten auf den Wiesen und fischen im Wattstrome und
handeln in Amrum wie dein Bruder Knut, und wirst gar nicht mehr an das
braune Mädchen denken im alten Turm, an das Kind der bösen Hexe aus dem
Zauberland, -- so wird's kommen, Lars.‟