Ich habe nicht ein Jahr, nicht zwei, nicht drei Jahre – ich habe zehn
Jahre lang gebraucht, um dieses Wort auszusprechen.
Von Angesicht zu Angesicht habe ich dieses Wort geschaut; ich war allein
mit ihm, so allein, wie nur ein Mensch mit sich selbst sein kann ...
Stirnfetzen, Gerippe, Gerippsplitter; abgerissene bluttriefende
Fleischstücke von Menschenwangen; niedergestampfte Säuglinge,
Gehirnmasse, die aus einer von Gewehrkolben aufgehauenen Schädelnuß
quillt; Mütter, flach an die Mauern gequetscht von dem Luftdruck einer
Fliegerbombe; milchiges verflocktes Augenweiß; eingeknetet das alles zu
einem grobknochigen zementfarbenen Brei oder wie seifige Lauge oder
Mörtel, schon flüssiger geworden; Hautknäuel, Fleischknollen,
Menschenkadaver, stinkender wie Exkremente; Torsos des Grauens,
widerlichste Skelettfragmente ... Transport an Transport der zur
Hinrichtung Abgeführten ... O, ich habe auch die Stellungen studiert,
und nicht nur studiert!, dieses Zucken in den Mundwinkeln, die
unendliche klumpige Gliederschwere, der ganze Mensch bis in die letzte
Nervenfaser hinein elektrisch knisternd gespannt und qualgeprägt: all
derer, die, zum Tod verurteilt, vor der Gewehrlinie knieen ... Ich weiß,
was es heißt, die Schlinge im Genick und zehn Sekunden noch sind es, o
diese ganz unfaßbaren, zeitlosen, weltweiten Sekunden!, zehn Sekunden
noch bis zum Weggezogenwerden des Schemels unter deinen Füßen, und dann,
dann der erste Augenblick des Freischwebens am Strang – –
Ich kenne wirklich auswendig das ABC des Kriegs, den menschlichen
Elementarunterricht des Kriegs sozusagen, denn das Vergessenkönnen war
nicht meine Tugend. Heilig ist mir auch heute noch jeder Tropfen
Herzblut – und eben darum, und eben darum, weil ich nicht müde werden
kann zu klagen: o Mensch, du kümmerlicher, du elend dich im rohesten
Daseinskampf krümmender, du armseliger Wurm.