Er spürte es in den Ohren ...
Es waren meist, wie sich Max schnell vergewisserte, Reserveoffiziere,
Studenten, Fabrikantensöhne, Angestellte, aber wenig, und hie und da
auch noch ein wütiger Kleinbürger.
Die gaben kein Pardon.
„Nun aber auch kein falsches Mitleid mehr wie früher diesen
berufsmäßigen Mörderbanden gegenüber ... Jeder von diesen, den wir
schonen, kostet uns Blut! ... Keine Illusionen mehr, die Blut kosten!“
Auffällig war: der Wachtdienst in und außerhalb der Kasernen wurde
durchwegs von verstärkten Offiziersposten versehen ... Holla, da stimmt
etwas nicht, schloß Max, die scheinen ihrer Sache nicht ganz sicher zu
sein, und Max schlich sich noch ein wenig in dieser Gegend herum, bis er
auf einen einzelnen Soldatenposten stieß.
„Kamerad!“
Der Soldat sprang drei Schritte zurück.
Dann lachte er plötzlich und kam auf Max zu:
„Rot Front!“
„Richtig, es rumort gewaltig auch unter uns. Dicke Luft. Sehr brenzlich.
Alles in Alarmbereitschaft. 30 Prozent sind euch, wenn es losgeht,
sicher ... Die Behandlung wird immer gemeiner: „Halten Sie die Schnauze
oder ich schieße Sie nieder ...“ Das ist gang und gäbe. Ohne Scheißkerl
und Arschloch kommt man uns gegenüber überhaupt schon nicht mehr aus ...
Gestern ist bei den Kraftfahrern ein Leutnant hochgegangen, bei den
technischen Truppen ein Major, auch bei den Fliegern ists faul ...
Fortsetzung folgt. Nun genug für heute! ... Rot Front!“
Max war auf diese Auskunft sehr stolz.
„Natürlich“, wiederholte er für sich, „einen Platz zu räumen und dazu
nur verhältnismäßig geringe militärische Kräfte einsetzen: das bedeutet
den Willen, den Vorsatz haben, es zu einem Zusammenstoß kommen zu
lassen. Das ist absichtlicher Massenmord von seiten der Regierung.
Mißverständnisse und Irrtümer sind bei der verhältnismäßig langen
Zeitdauer dieser Exekution völlig ausgeschlossen ... Ein neues
Schandwerk der Volksverbrecher ... Aber alles was sie tun, zwingt sie
mit unerbittlicher Folgerichtigkeit in ihre eigene Katastrophe hinein
...“
An der Ecke seiner Straße traf Max auf seinen Zimmernachbarn, den
Straßenbahnschaffner.
„Na, und –“
„Schon beschlossene Sache: Morgen ist Generalstreik. Einstimmig
angenommener Beschluß ... Sollst sofort in das Lokal von Fritz kommen
... Wartete auf dich, um dir das zu sagen ... ich hab einen anderen
Auftrag, muß noch in die Stadt ...“
Aus seiner inneren Manteltasche zog der Straßenbahnschaffner ein Pack
Klebestreifen hervor.
„Nieder mit der Mörderregierung! Es lebe die Diktatur des Proletariats!
Generalstreik! Alle Macht den Räten!“
X
Max klopfte sein Zeichen.
Der eiserne Rolladen vor der Eingangstür der kleinen Gastwirtschaft hob
sich ein wenig, Max schlüpfte hindurch.
Ungefähr fünfzig Genossen waren anwesend.
* * * * *
Niemand sprach ein Wort.
Der Genosse Lange saß in der Ecke, den Kopf eingebunden, so
kreidebleich, staunte Max, habe ich noch nie einen Menschen gesehen.
Lene schluchzte in sich hinein.
Es dauerte eine halbe Stunde.
Einer stand hin und wieder auf und ging vor sich hersummend unruhig auf
und ab.
Hie und da zählte einer still für sich die Anwesenden.
Zehn Genossen waren noch dazugekommen.
„Nun aber Schluß!“ Genosse Lange erhob sich.
„Wer fehlt!?“
Dann erstatten die Betriebszellenobleute kurz Bericht.
„Also, das sind allein von unserer Gruppe zehn Mann. Nahezu ein fünftel
... Auch Genosse Friedjung. Die Funktion übernimmst du, Max.
Einverstanden!“
Das „ja“ war das selbstverständlichste von der Welt.
„Weiß jemand etwas vom Genossen Friedjung?“
Mehrere Genossen meldeten sich.
„Einige Polizeiagenten haben ihn herausgestochert. Er muß schwer
verletzt sein. Man hat ihn über den Platz fortgetragen ... In ein
Sanitätsautomobil ...“
„Gut, wir wissen Bescheid ...“
* * * * *
„Also! Genossen und Genossinnen! Morgen ist wahrscheinlich Generalstreik
...“
Max bestätigte:
„Es ist schon sicher ... Einstimmig ...“
„Also, um so besser! Wir erwarten heute noch einen Kurier der Zentrale
... Ich denke, bis dahin werde ich einen kurzen Ueberblick über die
politische Lage geben ... Ich glaube, eine Diskussion zu diesem Punkt
ist nicht nötig ... Dann wird inzwischen der Kurier erschienen sein, und
wir werden im Anschluß daran sofort das Weitere beraten. Im übrigen:
seit heute werden keine neuen Mitglieder mehr in die Partei aufgenommen.
Den Revolutionsschmarotzern muß gleich im Anfang das Handwerk gelegt
werden ... Dies nur nebenbei ...
„Die Kriegsgefahr zwischen Amerika und Japan hat sich bedeutend
verschärft. Die Kriegsvorbereitungen haben ihren Höhepunkt erreicht. Wie
das amerikanische und japanische Proletariat darauf reagiert, ist noch
ungewiß. Ferner: die Hälfte aller Betriebe ist in Deutschland
stillgelegt. Der Außenhandel war in dem vorhergehenden halben
Jahre gleich null. Die Stabilisierung ist zu Ende ... Die
Absatzschwierigkeiten aller kapitalistischen Staaten sind enorm. Auch
das Mandat, das Deutschland vom Völkerbund über seine früheren Kolonien
erhalten hat, konnte nicht viel retten. England hat die größten
Schwierigkeiten in Indien. Der Konkurrenzkampf hat die schärfsten Formen
angenommen. Eine kriegerische Auseinandersetzung ist nicht mehr zu
vermeiden ... Jeden Tag also ist die Kriegserklärung zu erwarten, oder
vielmehr die erste kriegerische Handlung ... Wir alle wissen, was das
bedeutet ... Selbstverständlich ist es für uns gleichgültig, wer,
diplomatisch gesehen, der angreifende Teil ist. Jeder der Partner ist
gleichschuldig und ein Räuber ... Zur Lage in Deutschland im besonderen:
überall Plünderungen von Lebensmittelgeschäften, Industriekrisen, eine
ungeheure Arbeitslosigkeit, verbunden mit Hungersnot, besonders in den
ländlichen Bezirken, wo teilweise von den völlig industrialisierten
Großgrundbesitzern das Getreide zurückgehalten wird, Hungersnot also bei
vollen Scheunen ... Die nationalistischen Banden bewaffnen sich ... Zu
gleicher Zeit starke Tendenzen, den Krieg gegen Russland zu proklamieren
als „heiligen Krieg“ und damit im Zusammenhang der Entschluß der
kapitalistischen Regierungen, zu diesem Zweck die revolutionäre
Arbeiterschaft mit treuer Unterstützung der allerdings heute völlig
isolierten SPD.-Führerschaft entscheidend aufs Haupt zu schlagen ...
Also, wir befinden uns alle inmitten eines Krisenwirbels von
internationalem Ausmaß ... Die weitesten Kreise der werktätigen
Bevölkerung stehen heute hinter uns und sind bereit, mit uns ...“
Der Kurier der Zentrale stürzte herein.
* * * * *
Und!
?
Er schüttelte kräftig dem Genossen Lange die Hand.
Alle Genossen waren wie elektrisiert aufgesprungen.