II

Zur gleichen Zeit ging auch über den Schweizer Bergen die Sonne auf.

Groß, rot, schmetternd ...

Ein Horn blies. Die Kurgäste, in Pelze und Mäntel gehüllt, traten aus

ihren Appartements und Prachtzimmern auf die Veranden und die Balkone

des Hotels „Rigikulm“ hinaus, um den Sonnenaufgang zu bewundern.

Der Kurhaussaal unten wurde eben aufgeräumt, noch hingen Girlanden,

Papierschlangen und bunte Lampione herum von dem Fest, das vorige Nacht

zu Ehren der Ankunft der „Deutschen“ gegeben worden war.

Es war ein wildes, ausgelassenes Fest, an nichts wurde gespart, es glich

einem Karneval, alle Teilnehmer hatten sich phantastisch kostümiert. Es

waren die letzten Deutschen, die über die Grenze gekommen waren, bevor

diese endgültig abgesperrt wurde.

Auch der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung war unter ihnen.

Er fungierte in den letzten Jahren als Untersuchungsrichter und war

durch einige bedeutende politische Prozesse allgemein bekannt geworden.

Die Zuspitzung der inneren Verhältnisse in Deutschland ließ es für ihn

geraten erscheinen, Deutschland zu verlassen. Seine vorgesetzte Behörde

selbst riet ihm dazu. Er sollte sich im Ausland bereithalten, bis sich

die weitere Entwicklung der Lage besser übersehen ließ.

Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung, übernächtigt, den Mantel über,

darunter noch im Maskenkostüm, stand, abseits von der übrigen

Gesellschaft, am Rand der Felsen.

Der berühmte Hofopernsänger Eugen Garu, eine etwas fettlich geratene

Siegfriedsgestalt, sang eben zur Begrüßung der aufgegangenen Sonne eine

italienische Arie. Als er mit einer geschwollenen Stimme endete, die wie

der Bizeps eines Ringers klang oder wie Nackenspeck, klatschten die

Zuhörer begeistert Beifall.

Es waren Politiker, hohe Beamte, Schauspieler, Tänzerinnen, Filmstars,

auch Literaten, Professoren und ähnliche Kulturträger darunter.

Im gesamten neutralen Ausland schossen jetzt solche Kolonien deutscher

Emigranten empor.

* * * * *

Der Landgerichtsdirektor klingelte in Gedanken.

„Wo bleibt heute nur der Gerichtsdiener mit der Aktenmappe!?“

Dr. Friedjung war allein im Büro. Niemand war zur Stelle.

Die ganze Alpenwelt glühte jetzt ...

Ein flammender Blutballon schwebte die Sonne am blaudunstigen Gewölb

herauf.

„Auch die Zeitungen bleiben aus ...“

Und er sah auf die Uhr. Der Zeiger stand. Das Uhrwerk war abgelaufen ...

„Sehr verehrter Herr Dr. Reuchlin! Ich habe die verzweifelte Ehre,

Ihnen, leider Gottes, mitteilen zu müssen, auch meinerseits Vater eines

Sohnes zu sein, der ...“, setzte der Landgerichtsdirektor in Gedanken

auf und knüllte dabei hastig nervös in der Hosentasche seiner

Maskenuniform an einem Brief herum, in dem ihm ein Kollege über die

neueste Entwicklung Peters schrieb ...

„Verdammt!“

Und sein ganzes Leben schrumpfte ihm plötzlich in einen Akt zusammen,

Akt Heinrich Friedjung, er blätterte darin, dann schlug er die erste

Seite auf und siehe da, darauf stand: Versalien, Fraktur, wie früher „Im

Namen des Volkes“: „Verlustliste.“

Namen standen der Reihe nach herunter, hinter jedem ein Kreuz.

Andere Namen, dahinter:

8 Jahre Zuchthaus,

17 Jahre Zuchthaus,

25 Jahre Zuchthaus,

lebenslänglich ...

Er zählte zusammen:

15 Kreuze,

987 Jahre ...

* * * * *

Wieder sang der Hofopernsänger.

Alle Kurgäste sangen im Chor:

„Deutschland über alles ...“

Auch zu Dr. Friedjung drang der Gesang:

„Damit steh und falle ich ... Herrlich weit haben wirs gebracht ...

Dahin also ist es jetzt gekommen ...“

Es wurde schon warm, die Sonne brannte und die Schminke lief ihm dick

vom Gesicht.

„Das Untersuchungsverfahren gegen Friedjung Heinrich ist abgeschlossen“,

hörte er jetzt sich selbst sprechen. „Die Hauptverhandlung ist bereits

eröffnet. Die Zeugenvernehmung ist beendet. Das Plädoyer des

Staatsanwalts beginnt:

„und so stelle ich hiermit den Antrag auf Zuerkennung einer Strafe in

der Höhe des gesetzlich zulässigen Mindeststrafmaßes und beantrage

demnach ...“

Mit den Händen schob sich der Angeklagte Dr. Friedjung in ein Gebüsch

hinein, setzte sich auf einen Stein und lächelte.

„Der Angeklagte hat das Schlußwort.“

„Meine Herren Richter!“ Der Angeklagte stand vom Stein auf. „Eigelb ist

nun die Sonne. Die Sonne: ein Dotter. Und wenn man von dieser Tatsache

ausgehend den Weltraum sich als etwas Atmosphärisch-Gläsernes vorstellt,

dann ... Ei im Glas ...“

Weiter kam er in seiner Betrachtung nicht.

„Jetzt beginnt er zu simulieren“, bemerkte irgendwer im Zuhörerraum

spöttisch.

Die Richter erschienen wieder nach einer Sekundenpause.

Alles erhob sich.

„Das Gericht hat dem Antrag des Anklagevertreters stattgegeben und auf

das gesetzlich zulässige Mindeststrafmaß erkannt, auf ...“

„Der Strafvollzug tritt sofort in Kraft.“

* * * * *

Aus der Tasche, in der er an dem Brief herumgeknüllt hatte, zog der

Landgerichtsdirektor die Pistole hervor.

„Schwarzblau ... Prima Stahlware ... Wie ein kleiner Monteur siehst du

ja aus ... Bist mein Söhnchen vielleicht gar selbst, heißt am Ende noch

Peter, und bist wohl nun schon auch inzwischen zum klassenbewußten

Proleten geworden!? ... Wie dem aber auch sein mag ... Dein alter Vater

ist dir nicht lange mehr gram darüber ... Mußte ja so kommen ... Kann

auch gar nicht anders sein ...“

Nun traten plötzlich alle die von ihm Voruntersuchten auf ihn zu, alle

sie, die er nur in der einzigen Absicht voruntersucht hatte, um sie dem

Henker zu überantworten: Gehängte, Gefallbeilte, die in der

Untersuchungshaft meuchlings Ermordeten, Kopfschüssler:

„Im Namen des Volkes! Bitte ...“

„... über a–alles in der Welt!“ schloß vielstimmig, hoch tremolierend

die Schar der Kurgäste.

Kreischend lachte der Landgerichtsdirektor auf.

Durch alle Räume hindurch, wie aus einem Megaphon durch die ganze Welt

schrie dieses Gelächter.

Dann drückte er ab.

Es tat wie ein die ganze Herzgegend tief durchdringender leichter Schlag

mit der flachen Hand. –

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 103 / 229 题