Der erste Mai

Ein Brief. – Sonne über Schweizer Bergen.

– „Gebt uns eine Partei!“ Der 1. Mai: ein

Welt-Kampftag! – Aufmarsch der

„Vaterländischen Verbände“. Rote

Gegendemonstration. – Provokateure an der

Arbeit. – Ein Blutbad. – Am Abend des 1.

Mai.

I

Als Peter spät nachts nach Hause kam, fand er von seiner Mutter einen

Brief vor.

„Mein Lieber! Auf Deinen ausführlichen Brief will ich Dir antworten,

indem ich Dir den folgenden Ausschnitt aus einer Zeitung schicke, die

ich jetzt täglich lese. Diese Schilderung stammt von Eugen Leviné, wie

Du weißt, vom Münchener Standgericht zum Tode verurteilt und erschossen.

Dieser Bericht ist auch meine Antwort auf Deinen Brief. Ich bin

glücklich über Dich, Peter, Du hast den richtigen Weg gefunden. Nun,

nimm und lies!“

* * * * *

Und Peter las:

„Der Wind heult. In der kleinen Petroleumlampe flackert die Flamme,

züngelt hin und her, biegt sich und beugt sich. Phantastisch tanzt der

Schatten des Teekessels an den runden Wänden der Turmzelle. Auf der

harten Pritsche liege ich, fest gehüllt in meinen Pelz, und lausche dem

Liede des Windes. In den verrosteten Angeln knarrt das Fenster und

ächzt. Die kleine Ratte, die mir sonst Gesellschaft leistet, graziös

über den Tisch läuft und hin und her huscht, wagt sich heute aus dem

Loch nicht heraus. Ganz allein bin ich heute. Starre zur Decke. Lasse

müde den Blick über die Wände gleiten. Alles so bekannt. Die Namen an

den Wänden. Kommentare der Nachfolger: „Ab nach dem Zuchthaus zu

Smolensk“, „Hingerichtet in Wilna“ ... Und daneben immer und immer

wieder: „Es lebe der Kampf“, „Es lebe die Revolution.“

Der Wind heult und wieder flackert das Licht in der Lampe, wieder tanzen

phantastische Schatten. Immer fester hülle ich mich in den Pelz, den sie

mir gelassen haben. Es ist kalt in der Turmzelle. Schon ermüden die

Augen und fallen langsam zu. Da plötzlich fahre ich auf. Draußen auf der

eisernen Treppe höre ich Schritte und Kettengeklirr, Stimmen und

Kommandorufe. Sie nahen in der Richtung meiner Zelle. Unter mir

verstummen sie. Dumpf dröhnend fällt in der unteren Turmzelle die

eisenbeschlagene Tür ins Schloß. Wieder Stimmengewirr und stampfende

Schritte. Dann wieder Stille.

Nur der Wind heult. Der Fensterrahmen knarrt, die Flamme in der Lampe

züngelt und flackert, und phantastisch tanzen die Schatten.

Ich lausche angestrengt. In die Zelle unter mir haben sie einen „Neuen“

gebracht. Wer ist es? Ein Fremder, ein Freund? Ein Genosse oder

Krimineller? Was droht ihm? Der Galgen? Oder bloß Kerker? Ich lausche.

Wird er nicht klopfen? Nicht seinen Namen nennen? Nein, es bleibt still.

Nur der Wind singt sein Lied.

Ich lege das Ohr an die Wand – alles still. Kein Laut.

Vielleicht weiß er nicht, daß jemand über ihm sitzt. Ich nehme den

Metallbecher und klopfe leise an die Wand: ta ta – tatatatata – tatata –

leise, rhythmisch. „Kto wy?“ – „Wer seid ihr?“ Aber ich komme nicht zu

Ende. An der Tür ein leises, schleichendes Geräusch. Schnell ist der

Becher versteckt. Ich liege auf dem Rücken, mit verschränkten Armen, mit

künstlich gleichgültigem Gesicht. Ich schaue nach dem Guckloch an der

Tür. Ein entzündetes Auge richtet seinen Blick auf mich. Ich erwidere

den Blick und fühle, wie etwas Feindseliges wider meinen Willen aus

meinem Auge spricht. Da wird das Guckloch wieder geschlossen und an

Stelle des Auges grinst hinter der kleinen Oeffnung die dunkle

Metallplatte.

Nun bin ich wieder allein. Mit dem Klopfen ist es heute nacht zu Ende.

Sonst werde ich angezeigt.

Uebrigens scheint der Neue das Klopfen nicht zu verstehen. Morgen muß

ich versuchen, ihm das Klopfalphabet zuzustellen. Durch wen? Ich

überlege. Denke an verschiedene Kriminelle, die Zutritt zum unteren

Korridor haben. Am einfachsten wäre es ja, den Brief durchs Fenster an

einem Strick hinabzulassen. Doch das ist gefährlich. Die Posten haben

Befehl, zu feuern, sobald sich jemand am Fenster zeigt. Ich werde mit

Butkewitsch sprechen. Der hat als Putzer zu allen Zellen unseres

Korridors Zutritt. Vielleicht kann er mir helfen. Es eilt ja auch nicht.

Morgen wird sich schon ein Weg finden. Ich schließe die Augen und

versuche zu schlafen. Lange höre ich noch das Knarren des Fensters,

lange höre ich noch das Heulen des Windes ... Dann aber allmählich legt

sich bleierne Müdigkeit wie ein Reifen um die Stirn, und ich schlafe ein

...

Langsam dreht sich der Schlüssel im Türschloß. Einmal, zweimal. Knarrend

geht die Tür auf. Ekelhafter Geruch von Dutzenden von Paraschas (Eimern)

schlägt vom Korridor in die Turmzelle. Ich öffne die Augen. Es dämmert

kaum. Gähnend steht der Wärter in der Tür, nestelt am Gurt, steckt den

Revolver zurecht. „Guten Morgen“, „Guten Morgen“. Klappernd mit den

Holzpantoffeln auf dem steinernen Boden, klirrend mit den eisernen

Ketten, läuft Butkewitsch, der Korridorputzer, hin und her. „Guten

Morgen.“ – Er läuft ans Fenster, reißt es auf und kühlend netzt die

frische Morgenluft mir das Gesicht. Ich wende den Kopf zum Fenster, atme

in vollen Zügen die Luft ein. Da gewahre ich im fahlen Morgenlicht auf

dem Fensterbrett etwas Weißes: einen kleinen Zettel. Schnell sehe ich

weg, damit der Wärter nicht der Richtung meines Blickes folgt. Doch er

hat nichts gemerkt. Noch immer macht er sich gähnend am Revolver zu

schaffen. Wieder klirren die Ketten und klappern die Pantoffeln:

Butkewitsch bringt die leere Parascha. Schnell wechseln wir einen Blick

des Einverständnisses. Dann nimmt er die leergebrannte Lampe vom Tisch,

und die Tür fällt dröhnend ins Schloß. Zweimal drehte sich der

Schlüssel. Ich bin wieder allein.

Einen Blick aufs Guckloch in der Tür: Nein, niemand. Ich nehme den

Zettel vom Fenster. Ich erkenne die Handschrift, ein Genosse vom unteren

Korridor schreibt mir: „Genosse! Gestern nacht hat man einen Neuen

gebracht. Du kennst ihn nicht. Er sitzt unter Dir im Turm. Morgen wird

er zur Hinrichtung transportiert. In unserer Zelle sitzen seine Freunde.

Sie wollen ihm einen letzten Gruß senden. Jede Verbindung mit seiner

Zelle im unteren Korridor ist abgeschnitten. Versuche den beiliegenden

Zettel zu ihm zu schaffen. Es sind letzte Abschiedsgrüße. Dank im voraus

...“

Den ganzen Vormittag gehe ich in meiner Zelle auf und ab und überlege.

Unten ist die Verbindung mit ihm abgeschnitten. Es gibt nur ein einziges

Mittel: Ich muß ihm den Brief durchs Fenster zustellen ...

Als ich um zwölf das Mittagessen in Empfang nehme, raune ich Butkewitsch

zu: „Das Telephon!“ Er nickt. Eine halbe Stunde später bringt er heißes

Wasser für den Tee. Der Wärter bleibt in der Tür stehen. Butkewitsch

macht sich am Tisch zu schaffen. Der Wärter wird ärgerlich. „Na, wirds

bald?“ Da beginnen zwei Kriminelle in dem Korridor Streit. Absichtlich,

um den Wärter abzulenken. Laut schallen die Schimpfworte. Der Wärter

geht hinaus. „Wollt ihr wohl Ruhe halten!“ Butkewitsch benutzt den

Augenblick, zieht unter seiner Jacke ein Bündel hervor, wirft es schnell

unter meine Pritsche und geht auch hinaus. Auf dem Korridor ist es

wieder ruhig, der Wärter kommt zurück, läßt seine Blicke prüfend durch

die Zelle schweifen und geht dann auch hinaus. Die Tür fällt ins Schloß,

wieder knarrt zweimal der Schlüssel und wieder bin ich allein. Das

„Telephon“ liegt unter der Pritsche: ein langer Strick aus Fetzen von

Bettüchern zusammengesetzt. Der Zettel ist in einer Spalte der Wand

versteckt. Ich muß warten. Ein dreifacher Ring umgibt das Gefängnis.

Innen im Hof Gefängniswärter und Feldjäger, draußen, vor der Mauer,

Schutzleute. Gerade vor meinem Fenster – ein Feldjäger. Er muß es sehen,

wenn ich das „Telephon“ hinablasse. Doch ich habe Glück. Heute abend

soll ein Feldjäger auf Wache kommen, der mit uns heimlich sympathisiert.

Der wird schon ein Auge zudrücken. Und die Außenposten werden es nicht

so schnell merken. Ich habe alles für den Abend bereit. Schreibe ein

Klopfalphabet mit Erläuterungen, damit der Genosse wenigstens die letzte

Nacht mit mir sprechen kann. Vielleicht hat er letzte Wünsche zu

übermitteln, letzte Grüße ...

Es dämmert. Ich hocke auf dem Fensterbrett. Im Garten des

Gefängnisdirektors, draußen, vor unserer Mauer, räkeln sich die

Schutzleute. Innen im Hofe, vor dem Fenster, steht der Feldjäger. Sieht

er mich nicht? Will er mich nicht sehen?

Ich stecke die Hand zwischen die Gitterstäbe und lasse langsam das

„Telephon“ hinab. Unten baumelt der Brief. Nach meiner Berechnung muß er

jetzt vor seinem Fenster sein. Ich klopfe an die Wand, um den Genossen

aufmerksam zu machen. Keine Antwort. Das Telephon baumelt im Winde.

Vielleicht kann er es nicht greifen, weil es so hin und her geht. Ich

ziehe das Telephon wieder herauf, beschwere es mit dem Metallbecher und

lasse es hinab. Gerade gespannt hängt jetzt der Strick. Jetzt muß der

Brief vor seinem Fenster sein. Ich klopfe mit dem Fuß auf den Boden,

klopfe mit dem schweren Holzschemel. Laut. Er muß es hören. Aber unten

bleibt alles still. Keine Hand greift nach dem Brief.

Der Feldjäger wird unruhig. Er winkt mir und macht mir ein Zeichen. Ich

soll aufhören. Ich beachte es nicht. Die Schutzleute an der Außenmauer

haben es auch bemerkt. Laut tönen ihre Stimmen. „Hundesohn! – mach, daß

du fortkommst vom Fenster!“

Jetzt gilt es. Länger kann ich nicht bleiben. Gesehen hat man mich ja

doch schon. Ich presse das Gesicht an die Gitterstäbe und rufe:

„Genosse! Genosse! Warum nehmen Sie den Brief nicht?“ – „Hundesohn!

Wirds bald? Wir schießen!“ Und schon greifen sie nach den Gewehren. Ich

lausche – noch einen Augenblick, sonst ist es zu spät. Da dringt eine

Stimme von unten herauf, stammelnd und klagend, leise und kraftlos, so

leise, daß ich das Gehör anstrengen muß, um zu hören: „Genos–se ... Ich

kann ... den Brief ... nicht ... nehmen. Beim Verhör ... hat man ... mir

... beide Arme ... gebrochen. Genosse ... leb wohl ...“ Leise und

klagend tönt die Stimme und bricht plötzlich ab.

Ein wütendes Winken des Feldjägers; die Schutzleute vor der Mauer haben

schon angelegt. Mit einem Ruck reiße ich das Telephon nach oben und

lasse mich vom Fensterbrett gleiten, verstecke alles schnell unter der

Pritsche.

Es ist höchste Zeit gewesen. Aufgescheucht vom Lärm, macht der Wärter

auf dem Korridor seine Runde. Und jetzt schaut sein Auge durchs

Guckloch. Aber ich liege schon auf meiner Pritsche auf dem Rücken mit

verschränkten Armen und beruhigt geht er weiter ...

Nachts als es ganz still ist und draußen vor der Tür regelmäßiges

Schnarchen ertönt, stehe ich auf und verbrenne alles: das Klopfalphabet,

die Erläuterungen und die letzten Grüße.

Rußig züngelt die Flamme zur Lampe heraus, ergreift das Papier und leckt

gierig daran. Ein Häufchen Asche fällt auf den Tisch. Der Wind heult,

fährt zwischen den Fensterritzen hindurch, und die Aschestückchen

flattern durch die Zelle: Das Alphabet, die Erläuterungen und die

letzten Grüße.

Unten aber sitzt der, dem sie galten. Am Vorabend seiner Hinrichtung.

Mit gebrochenen Armen. Und niemand, der ihm ein letztes Abschiedswort

sagen könnte.

Der Wind heult. Unruhig flackert die Flamme. Phantastisch tanzen die

Schatten. Am Fußboden bewegen sich zitternd Aschestückchen.

Ich liege wieder auf der Pritsche. Hülle mich fester in den Pelz.

Fröstle trotzdem. Schließe krampfhaft die Augen, beiße die Zähne

zusammen. Im Ohr klingt immer noch leise und klagend die stammelnde

Stimme:

„Ich kann den Brief nicht nehmen, Genosse! Leb wohl!“

* * * * *

Es ging gegen Morgen.

Peter las noch immer den Brief.

„Dieser Brief soll eine Antwort sein ... Sind denn auch ihr bei einer

Voruntersuchung beide Arme gebrochen worden ...? Aber sie war doch nicht

verhaftet ... oder sollte das ganz anders gemeint sein, so vielleicht,

daß ...“

„Ja, so ist es!“ Nun kannte er plötzlich die Bedeutung der Antwort.

„Zehn Jahre solch eines „Zusammenlebens“, das war ihre Voruntersuchung,

und jetzt ... Sie ist einfach ein körperlich und geistig gebrochener

Mensch, und kann nicht mehr.“

Peter rieb sich den Schlaf aus den Augen und machte sich an seine

Arbeit. –

* * * * *

Und wieder strahlte die Sonne auf.

Früher war es: die Stadt erwachte. Jetzt wacht sie Tag und Nacht.

Alle Gegenstände ringsum – Kleider, Möbel, Häuser, Straßen, was es auch

sei – sprechen laut und eindringlich im Frühlicht ihre stumme Sprache:

„Im Anfang war die Arbeit. Alle Waren, die heute produziert werden, sind

geronnenes Menschenleid ... Du kleidest dich in Blut und Tränen. Was du

ißt und trinkst: heißt Menschenschweiß, ist Menschenbitternis ... Du

schwebst nicht in der Luft. Der Grund, auf dem deine Füße stehen, was

ist er anderes als eine Plattform gekrümmter Menschenrücken ...?!

Unsichtbar eingegraben ist in alles, was dich umgibt, die Rune der Not

...“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 101 / 229 题