Das Gaskampfmittel wird erst durch das Flugzeug zu der furchtbaren
Kriegswaffe. Flugzeug und Gaskampfmittel bilden zusammen eine Einheit,
die ausschlaggebend für die völlige Veränderung der Kriegstaktik und
Strategie ist.
Das Wesentliche dabei ist die Aufhebung der Front, damit auch die
Aufhebung des Hinterlandes. Das Hinterland wird zur Front.
Sehr deutlich und offen sprechen die Generäle aller Staaten es aus, daß
das Hauptziel, das Angriffsobjekt des nächsten Krieges nicht mehr so
sehr die Front, d. h. die sich vorwärts und rückwärts bewegende bezw.
stillstehende Linie der feindlichen Armee ist, sondern daß vielmehr die
Hauptangriffspunkte die Großstädte, die Industriewerkstätten usw. sind,
also, daß das Hauptgewicht auf die Vernichtung gerade jener Teile des
Proletariats gelegt wird, die in den Produktionsstätten des Krieges
beschäftigt sind, d. h. bei der neuen Form der Armeen, der größte Teil
des Proletariats.
Hier zeigt sich bereits der Grundzug der veränderten Kriegstechnik. Die
Anwendung des Gaskrieges, des Flugzeugkrieges bedingen eine kleine Armee
von Spezialisten, mit anderen Worten: im Zusammenhang mit der
Entwicklung des Klassenbewußtseins des Proletariats tritt immer stärker
die Trennung des Proletariats von der Waffe ein.
Die Luftwaffe ist außerordentlich stark vermehrt worden.
Die französische Heeresluftflotte z. B. verfügt über etwa 5000
Flugzeuge, davon sind 3000 startbereit. Zurzeit produziert Frankreich
150 Flugzeuge monatlich. Man spricht vom Flugzeug nur noch als von einem
fliegenden Geschütz, vom Gas als von mikroskopischen Geschossen. Die
französische Industrie ist auf Grund der fortschreitenden
Normungstendenzen so organisiert, daß im Ernstfall stündlich je ein
Flugzeug hergestellt werden kann ... Auf eine besondere Verwendung der
Flugzeuge ist insbesondere aufmerksam zu machen: das ist der Bau von
Spezialflugzeugen für Gasverwendung, bei denen vermittels von in einem
Röhrensystem angebrachten Düsen Gas auf die Erde gestreut wird. Durch
die starke Abkühlung infolge des Ausströmens kühlen sich das Gas und die
fein verteilten Flüssigkeitspartikelchen stark ab und senken sich wie
ein feiner Nebel, wie Tau – daher auch der Name „Tau des Todes“ – mit
großer Schnelligkeit auf die Erde. Bei Versuchen im Jahre 1922 auf dem
Schießplatz in Aberdeen in den Vereinigten Staaten wurde eine
unschädliche aromatische Flüssigkeit durch einen derartig gebauten
Flieger herabgestreut. In weniger als einer Minute war der Geruch
deutlich auf einer Fläche von über 50000 Quadratmetern wahrnehmbar. Es
sei noch darauf hingewiesen, daß seit langem bereits erfolgreich die
Flugzeuge ohne Führer von der Erde aus gelenkt werden können. So
berichtet bereits am 15. November 1923 die „Revue d’Artillerie“ von
erfolgreichen Versuchen mit automatischen Flugzeugen, die auf
Entfernungen von 20 Kilometern ganz sicher, ohne Eingriffe des
Passagiers durch funkentelegraphische Lenkung geführt wurden.