Eine dritte –

Die fernen Stimmen werden zum fernen Chor.

Der ferne Chor wird zum Massengesang.

Der Massengesang zum Orkan.

Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne:

Gewaltige Zeiten dröhnen heran, in denen der Mensch das Letzte, was er

zu handeln und zu erdulden fähig sein wird, aus sich auspressen wird.

Groß und opferreich wie noch keine wird diese Zeit sein; grausam,

niedrig und erbärmlich aber zugleich. Diese Zeit donnert, rast, knattert

dahin, ein reißender Feuerstrom. Die Menschen: gestaltgewordene

Leidensbrände entzünden sich an sich selbst. Das Gewölbe des Himmels

schmilzt und tropft flüssiges Feuer, die Erde schäumt, wird Lava und

fließt über die Horizonte ab.

Und alle diese Menschen werden namenlos sein, tragen nur das Zeichen

ihrer Klassenzugehörigkeit an sich. Es gibt kein Menschendasein

außerhalb der Klasse mehr. Alles fühlt, denkt, ringt sich der Klasse zu,

kämpft sich bis ins Klasseninnere hinein, kämpft auf Leben und Tod um

das Wesentliche, um den Klassenkern.

Das wird die Zeit sein, wo die Galgen und Hinrichtungsmaschinen wieder

öffentlich mitten auf den Plätzen der Städte errichtet werden. Von allen

Seiten hupen die herrschaftlichen Automobile herbei. Die Herren und

Damen der vornehmen Gesellschaft sind zahlreich vertreten. So viel Blut

aber auf der Erde gibt es nicht, daß je sie ihren Blutdurst stillen

könnten ... Sie sind mit Operngläsern und photographischen Apparaten

versehen, es ist, als wohnten sie einem großen Sportereignis bei. Auf

dem Platz der Hinrichtung sind Reihen von Filmapparaten aufgestellt. O

die einst so friedliebende Bourgeoisie: sie schwelgt heute in Orgien von

Blutrache und sadistischen Greueln ohne Maßen.

Die Polizeichefs werden nicht mehr für die Zuchthäuser arbeiten, nicht

mehr für Krüppelheime und Obdachlosenasyle, sondern für die Friedhöfe

...

Das wird auch die Zeit sein der Wiederauferstehung der Folter.

Mit schweren eisernen Ketten wird man die Leiber der Gefangenen

umschmieden. Das Schlagen mit Gummiknüppeln, das Aufreißen der

Fingernägel, Einschlagen von Nägeln in die Füße, Brechen der Körperteile

und der Rippen: das wird keine allzu große Seltenheit mehr sein. Man

wird die Gefangenen aus den Städten herausfahren, sie zwingen, ihre

Gräber selbst zu schaufeln, sie bei lebendigem Leib begraben ... Man

wird nach raffiniert ausgeklügelten wissenschaftlichen Methoden die

Qualen steigern, bis zum Wahnsinn des Gefolterten sie steigern und dann

die Geständnisse, deren man bedarf, Protokoll um Protokoll auspressen.

Aber die Galgen reden eine Sprache, der Galgen, die

Hinrichtungsmaschine, die Folter spricht ...

* * * * *

Und der Galgen kreist.

Kreist um Europa.

Kreist durch alle fünf Weltteile ...

In jeder Himmelsrichtung wächst riesengroß aus der Erde auf Galgen an

Galgen.

Der Tisch unter ihm ist umgeworfen.

Der Leichnam an dem eingeseiften Hanfstrick, eine weiße Kapuze dem Kopf

übergezogen, dreht sich jetzt langsam, schwingt hin und her wie ein

Pendel ...

Und die Leichname unter dem Galgen, die Galgen selbst sprechen:

„Hört es! Und lernt daraus!

„Kein Erbarmen gibt es im Bürgerkrieg.

„Kein Erbarmen.

„Wer den Klassenfeind nicht hart zu schlagen versteht, der wird von ihm

vernichtet ...

„Sie oder wir ...“

– – – –

Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne, während ihr im Beisein eines

Dutzend braver amerikanischer Bürger noch einmal das Todesurteil

verlesen wird.

Vierzig wohlangesehene Bürger der Stadt Newyork nehmen an der

Hinrichtung teil.

Es dauert insgesamt drei Minuten.

Schon ist sie auf dem elektrischen Stuhl festgeschnallt ...

Spricht fest, und in den ledernen Bandagen noch einmal ein wenig sich

aufrichtend:

„Lenin ist tot.

„Der Leninismus lebt.

„Lenin lebt.

„Wir in ihm.

„Er in uns ...

„Es lebe die Welt-Re ...“

Sie bricht mitten im Wort ab.

Drei amerikanische Untertanen stehen hinter einem Schirm. Jeder drückt

auf einen Kontaktknopf. Nur einer aber löst den tödlichen Strom aus ...

* * * * *

Wo ein Polizist in den Arbeitervierteln sich noch sehen läßt, wird er

abgeknallt. Jetzt gilt das Gesetz der Klassenrache ...

Drei oder vier Zeitungen können noch arbeiten. Sie sind von

Regierungstruppen besetzt. Streikbrecherkompagnien sind dorthin

beordert.

Die Presse kläfft:

„Ende der Giftmörderin.“ Bazillenmärchen und abenteuerliche Gaslegenden

werden von neuem aufgetischt. Der Glaube daran aber ist im Volk Amerikas

schon bedeutend erschüttert ...

Und Japan horcht nach Amerika hinüber mit gespannten Ohren.

Der japanische Kriegsrat hat die Mobilisation angeordnet.

Die Bankiers Amerikas erstarren.

Es sind Menschenmasken, blutleer, wie gehauen aus Granit.

„Das ist das Weltende ... Das ist Amerikas Untergang ...“

Die Regierung ruft auf:

„Amerikaner! Wahrt eure heiligsten Güter! Der äußere Feind ... Laßt für

die Zeit des Verteidigungskrieges gegen die gelbe Gefahr euere inneren

Zerwürfnisse schweigen ... Regierungswechsel ... Die neue Regierung ist

bereit ... Das Gesamtwohl der Nation erheischt ... Auf zu den Waffen

...“

Die Geistlichen versuchten es im Auftrag der neugebildeten Regierung von

den Kanzeln herab: „Auf! Söhne Amerikas! Dem Feind das Bajonett zwischen

die Rippen gerannt! Im Namen Gottes ...“

Die Antwort der amerikanischen Arbeiterschaft ist ein einziges

Kopfschütteln.

Der Generalstreik geht weiter ...

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 92 / 229 题