Die fernen Stimmen werden zum fernen Chor.
Der ferne Chor wird zum Massengesang.
Der Massengesang zum Orkan.
Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne:
Gewaltige Zeiten dröhnen heran, in denen der Mensch das Letzte, was er
zu handeln und zu erdulden fähig sein wird, aus sich auspressen wird.
Groß und opferreich wie noch keine wird diese Zeit sein; grausam,
niedrig und erbärmlich aber zugleich. Diese Zeit donnert, rast, knattert
dahin, ein reißender Feuerstrom. Die Menschen: gestaltgewordene
Leidensbrände entzünden sich an sich selbst. Das Gewölbe des Himmels
schmilzt und tropft flüssiges Feuer, die Erde schäumt, wird Lava und
fließt über die Horizonte ab.
Und alle diese Menschen werden namenlos sein, tragen nur das Zeichen
ihrer Klassenzugehörigkeit an sich. Es gibt kein Menschendasein
außerhalb der Klasse mehr. Alles fühlt, denkt, ringt sich der Klasse zu,
kämpft sich bis ins Klasseninnere hinein, kämpft auf Leben und Tod um
das Wesentliche, um den Klassenkern.
Das wird die Zeit sein, wo die Galgen und Hinrichtungsmaschinen wieder
öffentlich mitten auf den Plätzen der Städte errichtet werden. Von allen
Seiten hupen die herrschaftlichen Automobile herbei. Die Herren und
Damen der vornehmen Gesellschaft sind zahlreich vertreten. So viel Blut
aber auf der Erde gibt es nicht, daß je sie ihren Blutdurst stillen
könnten ... Sie sind mit Operngläsern und photographischen Apparaten
versehen, es ist, als wohnten sie einem großen Sportereignis bei. Auf
dem Platz der Hinrichtung sind Reihen von Filmapparaten aufgestellt. O
die einst so friedliebende Bourgeoisie: sie schwelgt heute in Orgien von
Blutrache und sadistischen Greueln ohne Maßen.
Die Polizeichefs werden nicht mehr für die Zuchthäuser arbeiten, nicht
mehr für Krüppelheime und Obdachlosenasyle, sondern für die Friedhöfe
...
Das wird auch die Zeit sein der Wiederauferstehung der Folter.
Mit schweren eisernen Ketten wird man die Leiber der Gefangenen
umschmieden. Das Schlagen mit Gummiknüppeln, das Aufreißen der
Fingernägel, Einschlagen von Nägeln in die Füße, Brechen der Körperteile
und der Rippen: das wird keine allzu große Seltenheit mehr sein. Man
wird die Gefangenen aus den Städten herausfahren, sie zwingen, ihre
Gräber selbst zu schaufeln, sie bei lebendigem Leib begraben ... Man
wird nach raffiniert ausgeklügelten wissenschaftlichen Methoden die
Qualen steigern, bis zum Wahnsinn des Gefolterten sie steigern und dann
die Geständnisse, deren man bedarf, Protokoll um Protokoll auspressen.
Aber die Galgen reden eine Sprache, der Galgen, die
Hinrichtungsmaschine, die Folter spricht ...
* * * * *
Und der Galgen kreist.
Kreist um Europa.
Kreist durch alle fünf Weltteile ...
In jeder Himmelsrichtung wächst riesengroß aus der Erde auf Galgen an
Galgen.
Der Tisch unter ihm ist umgeworfen.
Der Leichnam an dem eingeseiften Hanfstrick, eine weiße Kapuze dem Kopf
übergezogen, dreht sich jetzt langsam, schwingt hin und her wie ein
Pendel ...
Und die Leichname unter dem Galgen, die Galgen selbst sprechen:
„Hört es! Und lernt daraus!
„Kein Erbarmen gibt es im Bürgerkrieg.
„Kein Erbarmen.
„Wer den Klassenfeind nicht hart zu schlagen versteht, der wird von ihm
vernichtet ...
„Sie oder wir ...“
– – – –
Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne, während ihr im Beisein eines
Dutzend braver amerikanischer Bürger noch einmal das Todesurteil
verlesen wird.
Vierzig wohlangesehene Bürger der Stadt Newyork nehmen an der
Hinrichtung teil.
Es dauert insgesamt drei Minuten.
Schon ist sie auf dem elektrischen Stuhl festgeschnallt ...
Spricht fest, und in den ledernen Bandagen noch einmal ein wenig sich
aufrichtend:
„Lenin ist tot.
„Der Leninismus lebt.
„Lenin lebt.
„Wir in ihm.
„Er in uns ...
„Es lebe die Welt-Re ...“
Sie bricht mitten im Wort ab.
Drei amerikanische Untertanen stehen hinter einem Schirm. Jeder drückt
auf einen Kontaktknopf. Nur einer aber löst den tödlichen Strom aus ...
* * * * *
Wo ein Polizist in den Arbeitervierteln sich noch sehen läßt, wird er
abgeknallt. Jetzt gilt das Gesetz der Klassenrache ...
Drei oder vier Zeitungen können noch arbeiten. Sie sind von
Regierungstruppen besetzt. Streikbrecherkompagnien sind dorthin
beordert.
Die Presse kläfft:
„Ende der Giftmörderin.“ Bazillenmärchen und abenteuerliche Gaslegenden
werden von neuem aufgetischt. Der Glaube daran aber ist im Volk Amerikas
schon bedeutend erschüttert ...
Und Japan horcht nach Amerika hinüber mit gespannten Ohren.
Der japanische Kriegsrat hat die Mobilisation angeordnet.
Die Bankiers Amerikas erstarren.
Es sind Menschenmasken, blutleer, wie gehauen aus Granit.
„Das ist das Weltende ... Das ist Amerikas Untergang ...“
Die Regierung ruft auf:
„Amerikaner! Wahrt eure heiligsten Güter! Der äußere Feind ... Laßt für
die Zeit des Verteidigungskrieges gegen die gelbe Gefahr euere inneren
Zerwürfnisse schweigen ... Regierungswechsel ... Die neue Regierung ist
bereit ... Das Gesamtwohl der Nation erheischt ... Auf zu den Waffen
...“
Die Geistlichen versuchten es im Auftrag der neugebildeten Regierung von
den Kanzeln herab: „Auf! Söhne Amerikas! Dem Feind das Bajonett zwischen
die Rippen gerannt! Im Namen Gottes ...“
Die Antwort der amerikanischen Arbeiterschaft ist ein einziges
Kopfschütteln.
Der Generalstreik geht weiter ...