Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub

Abkommandiert zum Gas-Dienst. – Ein

Kamerad von den Luftstreitkräften. – Die

Kriegsdebatte im amerikanischen

Offiziersklub. – Einige wichtige

Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den

imperialistischen Krieg. – Der Völkerbund

organisiert den Vernichtungskampf gegen

die Kommunisten im Weltmaßstab. „Vertilgt

die Kommunisten wie Ratten!“ – Mary Green

auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl. –

Generalstreik in USA. – Eine rote Zelle

in der amerikanischen Armee. GBRO:

Geheim-Bund revolutionärer Offiziere. –

Es kann beginnen! –

I

Seit einem Vierteljahr war der amerikanische Leutnant der Infanterie

Frank Morrow zum Gasdienst abkommandiert. Frank Morrow entstammte einer

Arbeiterfamilie, er selbst arbeitete vor dem Krieg bei Ford. Auf den

Schlachtfeldern Frankreichs avancierte er, gegen Ende des Krieges war er

Führer eines Stoßtrupps. Frank Morrows Körper selbst glich einem

Schlachtfeld: Arme und Beine trugen breite Narben von Bajonettstichen,

der linke Lungenflügel war zweimal durchlöchert. Damals, im kleinen

Kriegslazarett von Belleville, wohin er schwer verwundet aus der großen

Angriffsschlacht der Deutschen heraus gerade noch rechtzeitig

abtransportiert werden konnte, schwanden ihm die letzten Illusionen über

den Krieg, mit denen er über den großen Ozean gegen die Deutschen

gezogen war ... Immer wieder brach das zerschossene Lungengewebe auf,

das blutige Exsudat drückte auf das Herz, die Aerzte hatten die Hoffnung

aufgegeben. Frank konnte es nur noch mit dem Sauerstoffapparat

aushalten, er bekam keine Luft mehr. Eine Punktion folgte der anderen.

Bis eines Nachts, Frank erinnerte sich daran genau, der Arzt mit einer

Schwester hereinstürzte, ihm den Augendeckel lüftete, den Kopf

schüttelte ... und Frank auf den Operationstisch gelegt wurde, während

der Arzt zum Assistenten bemerkte: „Vorsicht beim Aufsitzen, er kann uns

unter der Hand bleiben.“ Frank war von dem vielen Sekt, den Herzmitteln

und dem Morphium ganz dösig. Trotzdem fühlte er ganz deutlich, um was es

ging. Sein oder Nichtsein. Er sprach zu sich mit einer wimmernden Stimme

einen militärischen Befehl. Und wieder wurde eine Punktion vorgenommen

...

Nach weiteren acht Tagen war Frank bereits auf und spazierte im Garten

des Kriegslazaretts umher. Ununterbrochen heulte und schluchzte er, die

Augen waren an das Licht nicht mehr gewöhnt, die Nerven bis aufs

äußerste angespannt, der Körper war außer Rand und Band, es schüttelte

ihn hin und her, und es begann ein langes intensives Zittern ...

Damals lernte Frank Morrow Thomas Butler kennen, Thomas Butler vom

dritten Flugzeuggeschwader. Den Namen kannte er, Thomas Butler hatte in

der Heeresgruppe die meisten Abschüsse. Er war der Sohn eines Chikagoer

Holzwarenfabrikanten, zynisch und aufgeklärt, und führte sich bei Frank

gleich mit den Worten ein: „Der ganze Krieg, Kamerad, ist weiter nichts

als eine Riesenprofitquetsche ... Wir allesamt sind die Beschissenen

...“ Und die Gespräche über den Krieg wurden fortgesetzt. Thomas las

dabei oft Stellen aus den Briefen einer gewissen Mary Green vor, von der

Frank zunächst nur wußte, daß sie die Freundin Butlers und eine

Sozialistin war. Frank wurde zum Nachdenken gezwungen. Er wehrte sich

zwar oft innerlich dagegen, Thomas ließ aber nicht ab, und das Resultat

war: auch Frank Morrow betrachtete seitdem alle Vorgänge mit kritischen

Augen.

„Für wen eigentlich schlagen wir uns!?“ fragten sich die Beiden. Und die

Antwort hieß: für das Bankhaus Morgan und Kompagnie.

„Und für wen die Deutschen!?“ „Für die „Deutsche Bank“ vielleicht. Die

Firma kann aber auch anders heißen.“

Und wer hat den Krieg begonnen?

Keiner von beiden. Und alle Beide.

Wenn zwei Räuber sich um die Beute streiten, da ist es schwer, zu

entscheiden, wer angefangen hat. Außerdem, wer einen Verteidigungskrieg

und wer einen Angriffskrieg führt, das kann nur historisch entschieden

werden. Die diplomatische Frage kommt hier nicht in Betracht. Aber

historisch betrachtet führt nur der einen Verteidigungskrieg, der eine

höher organisierte Gesellschaftsform gegen eine reaktionäre verteidigt.

Ob er dabei angreift oder der Angegriffene ist, ist gleichgültig. 1914

...!? Sie waren sich klar darüber, was alle die Phrasen von

Nationalehre, Vaterlandsverteidigung, Freiheitskampf bedeuteten ...

Eigentlich sind wir ganz elende Hunde, sagten sie sich, daß wir uns

sowas gefallen lassen ... einfach unter Einsatz unseres Lebens die

Kastanien für die Riesenfinanzschufte aus dem Feuer zu holen?! ... Man

kommt sich bei einem solchen Sklavendienst selbst verächtlich vor ...

Eines Tages setzten sie sich wieder einmal zusammen. Sie versuchten es

jetzt mit dem Galgenhumor. Zwar der Galgen wird dabei nicht aufgehoben

... „aber Geduld, wir zerreißen vielleicht doch noch dieses ganze

Riesengespinst von Lebenslüge, in das wir noch verstrickt sind. Wir sind

schon dabei ...“ Sie zählten auf, was jeder kriegführende Staat

eigentlich von sich behauptet. Ohne Mühe ließ sich folgendes dabei

herausfinden: Daß er einen Verteidigungskrieg führt und für die gerechte

Sache kämpft, daß er einen Kampf für Freiheit und Zivilisation aller

Völker führt, daß er einen dauernden Frieden anstrebt, daß er alle

Kräfte anspannen und kämpfen wird, bis der Gegner endgültig

niedergeworfen ist, daß er ohne Zweifel Sieger bleiben wird, daß er

siegreich vorgeht und nur geringe Verluste zu verzeichnen hat, daß die

Bomben seiner Flieger nur militärische Institutionen der Gegner treffen

und immer mit großem Erfolg, daß seine Artillerie und seine Flieger

bedeutend besser sind als die Flieger und die Artillerie der Gegner, daß

er gerade jetzt große Unternehmungen plant, die unbedingt Erfolg

versprechen, daß der liebe Gott ihm zur Seite steht ...

Und jeder kriegführende Staat behauptet weiter:

Daß der Gegner den Krieg gewollt hat und seit langem dazu rüstet, daß

der Gegner den Krieg angefangen und „uns“ überfallen hat, daß der Gegner

einen Eroberungskrieg führt und die Welt beherrschen will, daß der

Gegner das Völkerrecht mit Füßen tritt, daß der Gegner die Neutralität

kleiner Staaten bedroht, daß der Gegner den Krieg mit barbarischen

Mitteln führt, Dum-Dum-Geschosse anwendet, das Rote Kreuz mißbraucht,

Gefangene mißhandelt, Frauen vergewaltige, mordet und plündert, daß die

Kriegsgerichte des Gegners eine Verhöhnung des Gesetzes sind, daß der

Gegner Gefangene tötet, freie Städte bombardiert, Frauen und Kinder

tötet, „uns“ aber damit nie einen militärischen Schaden zufügt, daß der

Ueberfall des Gegners immer im Keim erstickt oder mit großen Verlusten

für den Feind zurückgeschlagen wird, daß der Gegner Gasbomben gebraucht,

ein Seeräuber ist, ohne Notwendigkeit den neutralen Handel unterbindet,

daß die Informationen des Gegners durchwegs Lügen und Verleumdungen

sind, daß der Gegner die Neutralen mittels Lügen, Drohungen und

Bestechungen zu bearbeiten sucht, daß der Gegner die neutralen Staaten,

zu deren größtem Unglück, in den Krieg hetzt, daß der Gegner an

Geldmangel, Teuerung, Industriekrisen leidet, daß die Kriegsanleihen des

Gegners nur durch Betrug zustande kommen, daß beim Gegner Epidemien

wüten, daß im Lande des Gegners Streik und innere Zerwürfnisse

herrschen, daß beim Gegner Minister und Generale zurücktreten, daß der

Gegner kampfesmüde ist ...“

Sechsunddreißig solcher Punkte hatte man leicht beisammen. Kein Zweifel:

die Staatsmänner und Politiker aller Nationen verfügten über eine ganz

gerissene Technik, die Völker gegenseitig in Schwung zu bringen ... Und

die beiden Offiziere sahen sich ratlos an: „Und nun, wir ... was mit

unseren Erkenntnissen anfangen ... Was tun ...!“

Und zu gleicher Zeit kam ein Brief, der mitteilte, Mary Green sei wegen

antimilitaristischer Propaganda zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt

worden. In diesem Brief stand: „Es ist gut abgegangen. Eine große Anzahl

von Antimilitaristen wurde gelyncht, die grauenhaftesten Bestialitäten

sind dabei vorgekommen ... Lieber Junge: Mary läßt Dir sagen, Du sollst

gründlich über das alles nachdenken und endlich auch die Konsequenzen

ziehen. Dieses Menschheitsunglück kann von uns, die wir die Einsicht in

den ganzen Mechanismus haben, nicht weiter schweigend ertragen werden.

Agitiere für den Frieden ... Doch der einzige Kampf gegen den Krieg: das

ist die soziale Revolution ...“

Die beiden Offiziere wurden noch unschlüssiger.

Doch das Ende des Krieges kam.

Die Waffenstillstandsverhandlungen begannen.

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 82 / 229 题