Das Gespräch brach ab.
Schweigend schritten die drei nebeneinander her.
So war kein Zusammenkommen.
In Moabit begegneten sie auf einer Brücke einer Klebekolonne.
Vom anderen Ufer blinkte, hell erleuchtet, die Meierei Bolle herüber.
Der Fabrikschlot rauchte. Nachtschicht. Dunkle Schleppkähne lagerten
unten am Spreeufer.
* * * * *
Die drei betrachteten schweigend ein eben angeklebtes Plakat. Ein
Gefangener, der mit ausgemergelten Fingern in die Eisenstäbe eines
Gefängnisgitters hineingreift. Blutrot war die ganze Gestalt. Das
verzerrte Gesicht: eine irrsinnige Grimasse. Darunter stand nichts als
die Zahl: 7000.
Max erinnerte sich einen Augenblick an eine Gefängnisbeschreibung, die
er neulich irgendwo gelesen hatte. Auch im Polizeigefängnis am
Alexanderplatz sollen unglaubliche Zustände herrschen. Daß Gefangene
auch noch geschlagen werden können, Dunkelarrest usw. Das wahnwitzige
Antreiber- und Auspressersystem, das in den Gefängnissen gang und gäbe
ist: das Papierdütenkleben, Bindfadenfabrizieren, wodurch Tausende von
Heimarbeitern brotlos werden. Der Hundelohn, der den Gefangenen dafür
bezahlt wird. Das Vorenthalten aller anderen Lektüre, außer der
geistlichen ... Das Untersuchungsverfahren, unter Anwendung von Torturen
– wobei ohne Verurteilung schon drei Viertel des Menschen vor die Hunde
geht. Während es im überzivilisierten Amerika schon Gefängnisse gibt,
als Rundbau aufgeführt, von innen, von der Mitte aus alle Zellen von
einem Beobachtungsturm einzusehen, der zum Schutz gegen Revolten mit
einem Maschinengewehr bestückt ist ... Auch Gas soll schon in
Gefängnissen gegen Meuterer angewendet worden sein, wenigstens las man
so was zwischen den Zeilen neulich in einem Bericht. Wie Geständnisse
von politischen Angeklagten erpreßt werden mit Hilfe von
Daumenschrauben, Hundepeitschen, Mißhandlungen mit glühenden
Eisenstäben, Schlägen auf die Sohlen ... daß gegen zwei Angeklagte erst
neulich das Verfahren eingestellt werden mußte, weil der eine während
der Untersuchungshaft wahnsinnig wurde und der andere Selbstmord verübte
... Und dann erst, wie hingerichtet wird ... Das übersteigt schon jede
Vorstellung ... Im Sowjetparadies aber soll es, den bürgerlichen
Berichten nach, gar am schlimmsten sein ... Die Kommunisten also, die
haben es gerade nötig ... Ein dummer Schwindel ist das ...
Ein anderes Plakat: sehr hoch angeklebt: eine Riesengestalt, die mit
einer Keule ein spinnenartiges Hakenkreuzgespenst erschlägt. Darunter
stand: „Proleten! Tretet ein in den Roten Frontkämpferbund!“
„Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und ein kranker Körper wie das
deutsche Volk ihn darstellt, braucht nichts dringender als Erholung
...!“
Wilhelm Lange rang noch einmal nach Luft:
„Nun zum Abschied, das will ich euch beiden noch sagen, ich hab mirs
überlegt. Das was ihr von Haarspaltereien bei uns sagt, ist nicht
richtig, theoretische Klarheit muß sein. Wenn die nicht ist, dann kommt
bei Aktionen auch nichts rechtes heraus. Und da muß allerdings oft um
einen I-Punkt gestritten werden ... Was ihr über die Arbeiterschaft
Englands sagt, so müßt ihr bedenken, daß die an den Extraprofiten, die
die Kapitalisten aus den Kolonien herausschlagen, Anteil hat ... Also,
daß es dem englischen Arbeiter besser geht, dafür schuften eben
Millionen indischer Kulis ... Dann: Krieg und Kapitalismus gehören
zusammen. So einheitlich, wie ihr euch das vorstellt, entwickelt sich
die Wirtschaft eben nicht. Sondern: in Widersprüchen, unter Krisen,
Rissen und Sprüngen ... Was unsere kommunistische Arbeit in den
Betrieben anbetrifft: richtig ist, wir haben noch nicht gelernt
ordentlich zu arbeiten ... Woher das kommt, auch das will ich euch
sagen: wir haben unsere Parteiarbeit in den vergangenen Jahren eben der
ganzen politisch-ökonomischen Situation entsprechend auf den Endkampf
eingestellt. Gut, nun müssen wir ummanövrieren ... Auch wir lehnen
Reformen nicht ab, aber die Grundlage des richtigen Verhältnisses ist
folgende: Reformen sind Nebenprodukte des revolutionären Klassenkampfs
... Die Aufgabe einer wahrhaft revolutionären Partei besteht nicht
darin, den unmöglichen Verzicht auf jegliche Kompromisse zu
proklamieren, sondern darin, durch alle Kompromisse hindurch – insofern
sie unvermeidlich sind – die Treue unserer Prinzipien, unserer Klasse,
unserer revolutionären Aufgabe, unserer Sache der Vorbereitung der
Revolution und Vorbereitung der Volksmassen zum Sieg der Revolution
durchzuführen ... So gibt es auch Kompromisse und Kompromisse. Wenn du
auf einer Landstraße von einer Räuberbande überfallen wirst, und du dich
nur retten kannst, wenn du ihnen dein Geld gibst, so wirst du das tun,
um dich möglichst schleunigst aus dem Staube zu machen. Das ist ein
Kompromiß. Aber sich der Räuberbande anzuschließen, um gemeinsam andere
zu überfallen: das ist auch ein Kompromiß, und zwar ein solches, wie es
die Sozialdemokraten machen. Und nun weiter: nur die Auswüchse des
Kapitalismus bekämpfen, bedeutet die Illusion in den werktätigen Massen
nähren, als gäbe es einen gesunden Kapitalismus, was grundfalsch ist ...
Zum Schluß, Kollegen: ich sage, diese Republik ist ein Treibhaus für die
Kapitalisten und für die Reaktionäre, und ein Zuchthaus für die Arbeiter
... Und so sieht die SPD. aus: die wie das Fegefeuer heute das Wörtchen
Klassenkampf scheut, ihn praktisch längst hat fallen lassen und die
dafür immer vom Gesamtwohl und vom Vaterland, das der Arbeiter
bekanntlich nicht hat, schwafelt: die SPD. ist ihrer Politik nach, nicht
den Massen nach, die ihr angehören, eine bürgerliche Partei ... Lebt
wohl!“
Die Drei trennten sich.