XII

Das Gespräch brach ab.

Schweigend schritten die drei nebeneinander her.

So war kein Zusammenkommen.

In Moabit begegneten sie auf einer Brücke einer Klebekolonne.

Vom anderen Ufer blinkte, hell erleuchtet, die Meierei Bolle herüber.

Der Fabrikschlot rauchte. Nachtschicht. Dunkle Schleppkähne lagerten

unten am Spreeufer.

* * * * *

Die drei betrachteten schweigend ein eben angeklebtes Plakat. Ein

Gefangener, der mit ausgemergelten Fingern in die Eisenstäbe eines

Gefängnisgitters hineingreift. Blutrot war die ganze Gestalt. Das

verzerrte Gesicht: eine irrsinnige Grimasse. Darunter stand nichts als

die Zahl: 7000.

Max erinnerte sich einen Augenblick an eine Gefängnisbeschreibung, die

er neulich irgendwo gelesen hatte. Auch im Polizeigefängnis am

Alexanderplatz sollen unglaubliche Zustände herrschen. Daß Gefangene

auch noch geschlagen werden können, Dunkelarrest usw. Das wahnwitzige

Antreiber- und Auspressersystem, das in den Gefängnissen gang und gäbe

ist: das Papierdütenkleben, Bindfadenfabrizieren, wodurch Tausende von

Heimarbeitern brotlos werden. Der Hundelohn, der den Gefangenen dafür

bezahlt wird. Das Vorenthalten aller anderen Lektüre, außer der

geistlichen ... Das Untersuchungsverfahren, unter Anwendung von Torturen

– wobei ohne Verurteilung schon drei Viertel des Menschen vor die Hunde

geht. Während es im überzivilisierten Amerika schon Gefängnisse gibt,

als Rundbau aufgeführt, von innen, von der Mitte aus alle Zellen von

einem Beobachtungsturm einzusehen, der zum Schutz gegen Revolten mit

einem Maschinengewehr bestückt ist ... Auch Gas soll schon in

Gefängnissen gegen Meuterer angewendet worden sein, wenigstens las man

so was zwischen den Zeilen neulich in einem Bericht. Wie Geständnisse

von politischen Angeklagten erpreßt werden mit Hilfe von

Daumenschrauben, Hundepeitschen, Mißhandlungen mit glühenden

Eisenstäben, Schlägen auf die Sohlen ... daß gegen zwei Angeklagte erst

neulich das Verfahren eingestellt werden mußte, weil der eine während

der Untersuchungshaft wahnsinnig wurde und der andere Selbstmord verübte

... Und dann erst, wie hingerichtet wird ... Das übersteigt schon jede

Vorstellung ... Im Sowjetparadies aber soll es, den bürgerlichen

Berichten nach, gar am schlimmsten sein ... Die Kommunisten also, die

haben es gerade nötig ... Ein dummer Schwindel ist das ...

Ein anderes Plakat: sehr hoch angeklebt: eine Riesengestalt, die mit

einer Keule ein spinnenartiges Hakenkreuzgespenst erschlägt. Darunter

stand: „Proleten! Tretet ein in den Roten Frontkämpferbund!“

„Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und ein kranker Körper wie das

deutsche Volk ihn darstellt, braucht nichts dringender als Erholung

...!“

Wilhelm Lange rang noch einmal nach Luft:

„Nun zum Abschied, das will ich euch beiden noch sagen, ich hab mirs

überlegt. Das was ihr von Haarspaltereien bei uns sagt, ist nicht

richtig, theoretische Klarheit muß sein. Wenn die nicht ist, dann kommt

bei Aktionen auch nichts rechtes heraus. Und da muß allerdings oft um

einen I-Punkt gestritten werden ... Was ihr über die Arbeiterschaft

Englands sagt, so müßt ihr bedenken, daß die an den Extraprofiten, die

die Kapitalisten aus den Kolonien herausschlagen, Anteil hat ... Also,

daß es dem englischen Arbeiter besser geht, dafür schuften eben

Millionen indischer Kulis ... Dann: Krieg und Kapitalismus gehören

zusammen. So einheitlich, wie ihr euch das vorstellt, entwickelt sich

die Wirtschaft eben nicht. Sondern: in Widersprüchen, unter Krisen,

Rissen und Sprüngen ... Was unsere kommunistische Arbeit in den

Betrieben anbetrifft: richtig ist, wir haben noch nicht gelernt

ordentlich zu arbeiten ... Woher das kommt, auch das will ich euch

sagen: wir haben unsere Parteiarbeit in den vergangenen Jahren eben der

ganzen politisch-ökonomischen Situation entsprechend auf den Endkampf

eingestellt. Gut, nun müssen wir ummanövrieren ... Auch wir lehnen

Reformen nicht ab, aber die Grundlage des richtigen Verhältnisses ist

folgende: Reformen sind Nebenprodukte des revolutionären Klassenkampfs

... Die Aufgabe einer wahrhaft revolutionären Partei besteht nicht

darin, den unmöglichen Verzicht auf jegliche Kompromisse zu

proklamieren, sondern darin, durch alle Kompromisse hindurch – insofern

sie unvermeidlich sind – die Treue unserer Prinzipien, unserer Klasse,

unserer revolutionären Aufgabe, unserer Sache der Vorbereitung der

Revolution und Vorbereitung der Volksmassen zum Sieg der Revolution

durchzuführen ... So gibt es auch Kompromisse und Kompromisse. Wenn du

auf einer Landstraße von einer Räuberbande überfallen wirst, und du dich

nur retten kannst, wenn du ihnen dein Geld gibst, so wirst du das tun,

um dich möglichst schleunigst aus dem Staube zu machen. Das ist ein

Kompromiß. Aber sich der Räuberbande anzuschließen, um gemeinsam andere

zu überfallen: das ist auch ein Kompromiß, und zwar ein solches, wie es

die Sozialdemokraten machen. Und nun weiter: nur die Auswüchse des

Kapitalismus bekämpfen, bedeutet die Illusion in den werktätigen Massen

nähren, als gäbe es einen gesunden Kapitalismus, was grundfalsch ist ...

Zum Schluß, Kollegen: ich sage, diese Republik ist ein Treibhaus für die

Kapitalisten und für die Reaktionäre, und ein Zuchthaus für die Arbeiter

... Und so sieht die SPD. aus: die wie das Fegefeuer heute das Wörtchen

Klassenkampf scheut, ihn praktisch längst hat fallen lassen und die

dafür immer vom Gesamtwohl und vom Vaterland, das der Arbeiter

bekanntlich nicht hat, schwafelt: die SPD. ist ihrer Politik nach, nicht

den Massen nach, die ihr angehören, eine bürgerliche Partei ... Lebt

wohl!“

Die Drei trennten sich.

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 56 / 229 题