VIII

Nur die Leiche des alten Bergarbeiters Hempel konnte noch nicht geborgen

werden.

Soviel wußte man: er saß halb aufrecht, wohl ein wenig in sich

zusammengekauert, durch riesige Felstrümmer abgeriegelt, in einem

vergasten Schachtloch. Man konnte aber nicht herankommen, so, aber auch

so nicht, bei jedem Aufräumungsversuch lösten sich immer wieder von oben

neue Gesteinsmassen ab. Auch stieß man in dieser Gegend immer wieder von

neuem auf plötzlich hervorbrechende Gasquellen.

So mußte man den guten Vater Hempel eben bis auf weiteres in seinem

stillen Kämmerlein sitzen lassen.

Vergebens warteten zwar oben schon seit zwei Tagen und Nächten die

Seinen auf ihn.

Warteten händeringend auf ihn bei jedem Zug aus der Tiefe. Sahen sich

die Augen aus –

Nein, der Alte kam nicht.

Nicht einmal, daß er heut bei dem großen Begräbnis mit dabei war ...

* * * * *

Halb aufrecht saß er da, wohl ein wenig in sich zusammengekauert, der

Kopf tief auf die Brust heruntergeklappt, der Oberkörper war entblößt,

schwarz bestrichen: so dick war er mit Kohlenstaub bedeckt. Das Fleisch

schwammig, vom Gas aufgebläht. Nur wenig sah man vom Mund: die Lippen

waren fest aufeinandergepreßt, schief, auf der einen Seite beinahe in

einem rechten Winkel nach oben verzogen. Von leicht gekräuseltem Schaum

überkrustet. Die Augäpfel vorgetrieben, feucht und glanzweiß. Um die

Backenknochen herum dicke, kurze weißliche Bartstoppeln.

Neben ihm Jacke, Sicherheitslampe, irgend ein Werkzeug. Ueber

fünfunddreißig Jahre Arbeit in der Grube saßen da, Vater dreier Söhne:

einen davon an den Krieg drangegeben, einen als „Hundejungen“ vor zwei

Jahren im Schacht verloren, einer noch überlebend ... Da half nichts, da

mußte auch die Mutter noch in der Fabrik an der Brikettmaschine

mitverdienen.

Nun, der Alte war schon immer ein wenig absonderlich.

„Ach, tappen wir Menschen nicht eigentlich alle im Dunkeln. Ist gar

nicht so schlimm. Hände gefaltet. Augen zu. Welt, schwarzer Traum, ade!

...“

* * * * *

Hundertundfünfzig Särge zugleich, einhundertundfünfzig Leichen von

Bergarbeitern, in billige, roh zurechtgezimmerte Holzsärge gepackt,

schwankten jetzt oben dahin unter den blechernen Klängen eines

Trauermarsches durch die Frühlingsluft.

Ein ungeheurer Menschenzug stampfte dahinter her.

Abordnungen aller Bergarbeiter der Welt waren erschienen.

Schwarze Fahnen. Rote Fahnen.

... Kohle und Blut ...

* * * * *

Unten in der Tiefe löste sich wieder ein Felsblock.

Der Alte fiel weit hintenüber.

Nun lag er ausgestreckt.

Oben meinte die Mutter:

„Ja, ja, ich habs gleich gesagt: diesmal macht der Vater Feiertag ...“

Der Mund war ihm aufgeschlagen. Die Zunge stieg zurück bis in den Gaumen

geklemmt. Um den Lippenrand herum, wie ein eingelegter Kranz, bräunliche

Zahnstummeln.

Der Begräbniszug war wie fernes Wasserrauschen.

Und immer noch hing die unsichtbare Gaswolke fest in dem unterirdischen

System: Korridore, Labyrinthe, Windungen: es sickerte darin, die Wände

flüsterten, eine Quelle schlüpfte vorüber, es krachte und knarrte in dem

Gebälk, ein Winddruck fauchte hindurch, in einem Kohlentümpel gluckste

es ... und schwarz war es, so schwarz, als müßte man, um diese

Finsternis zu durchdringen, Bohrmaschinen gegen sie auffahren.

Undurchdringlich schwarz.

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 35 / 229 题