Nur die Leiche des alten Bergarbeiters Hempel konnte noch nicht geborgen
werden.
Soviel wußte man: er saß halb aufrecht, wohl ein wenig in sich
zusammengekauert, durch riesige Felstrümmer abgeriegelt, in einem
vergasten Schachtloch. Man konnte aber nicht herankommen, so, aber auch
so nicht, bei jedem Aufräumungsversuch lösten sich immer wieder von oben
neue Gesteinsmassen ab. Auch stieß man in dieser Gegend immer wieder von
neuem auf plötzlich hervorbrechende Gasquellen.
So mußte man den guten Vater Hempel eben bis auf weiteres in seinem
stillen Kämmerlein sitzen lassen.
Vergebens warteten zwar oben schon seit zwei Tagen und Nächten die
Seinen auf ihn.
Warteten händeringend auf ihn bei jedem Zug aus der Tiefe. Sahen sich
die Augen aus –
Nein, der Alte kam nicht.
Nicht einmal, daß er heut bei dem großen Begräbnis mit dabei war ...
* * * * *
Halb aufrecht saß er da, wohl ein wenig in sich zusammengekauert, der
Kopf tief auf die Brust heruntergeklappt, der Oberkörper war entblößt,
schwarz bestrichen: so dick war er mit Kohlenstaub bedeckt. Das Fleisch
schwammig, vom Gas aufgebläht. Nur wenig sah man vom Mund: die Lippen
waren fest aufeinandergepreßt, schief, auf der einen Seite beinahe in
einem rechten Winkel nach oben verzogen. Von leicht gekräuseltem Schaum
überkrustet. Die Augäpfel vorgetrieben, feucht und glanzweiß. Um die
Backenknochen herum dicke, kurze weißliche Bartstoppeln.
Neben ihm Jacke, Sicherheitslampe, irgend ein Werkzeug. Ueber
fünfunddreißig Jahre Arbeit in der Grube saßen da, Vater dreier Söhne:
einen davon an den Krieg drangegeben, einen als „Hundejungen“ vor zwei
Jahren im Schacht verloren, einer noch überlebend ... Da half nichts, da
mußte auch die Mutter noch in der Fabrik an der Brikettmaschine
mitverdienen.
Nun, der Alte war schon immer ein wenig absonderlich.
„Ach, tappen wir Menschen nicht eigentlich alle im Dunkeln. Ist gar
nicht so schlimm. Hände gefaltet. Augen zu. Welt, schwarzer Traum, ade!
...“
* * * * *
Hundertundfünfzig Särge zugleich, einhundertundfünfzig Leichen von
Bergarbeitern, in billige, roh zurechtgezimmerte Holzsärge gepackt,
schwankten jetzt oben dahin unter den blechernen Klängen eines
Trauermarsches durch die Frühlingsluft.
Ein ungeheurer Menschenzug stampfte dahinter her.
Abordnungen aller Bergarbeiter der Welt waren erschienen.
Schwarze Fahnen. Rote Fahnen.
... Kohle und Blut ...
* * * * *
Unten in der Tiefe löste sich wieder ein Felsblock.
Der Alte fiel weit hintenüber.
Nun lag er ausgestreckt.
Oben meinte die Mutter:
„Ja, ja, ich habs gleich gesagt: diesmal macht der Vater Feiertag ...“
Der Mund war ihm aufgeschlagen. Die Zunge stieg zurück bis in den Gaumen
geklemmt. Um den Lippenrand herum, wie ein eingelegter Kranz, bräunliche
Zahnstummeln.
Der Begräbniszug war wie fernes Wasserrauschen.
Und immer noch hing die unsichtbare Gaswolke fest in dem unterirdischen
System: Korridore, Labyrinthe, Windungen: es sickerte darin, die Wände
flüsterten, eine Quelle schlüpfte vorüber, es krachte und knarrte in dem
Gebälk, ein Winddruck fauchte hindurch, in einem Kohlentümpel gluckste
es ... und schwarz war es, so schwarz, als müßte man, um diese
Finsternis zu durchdringen, Bohrmaschinen gegen sie auffahren.
Undurchdringlich schwarz.