Klaus murmelte vor sich hin: »Unglaublich! Jetzt drängt sie sich uns
schon öffentlich auf.«
»Kennst du sie? Sie sagte, sie habe bei uns gewohnt!«
Es schien, als besinne er sich. »Das ist törichtes Gewäsch. Ich kenne
die Person nicht, will sie nicht kennen. Sie ist eine Verworfene. Hast
du nicht bemerkt, daß sie betrunken war?«
Das war also der widerliche Geruch. Und doch -- Güldenfey fühlte, er
verbarg ihr etwas. Ihr Blut wallte warm in Mitleid, Tränen stiegen ihr
auf. »Eine Verworfene? Und du konntest so hart sein, Klaus!«
Er schwieg betroffen. Er fühlte, daß er etwas in Güldenfeys Sinn
eingebüßt habe, was nicht leicht gutzumachen war.
Als sie zu Hause eintraf, rief sie nach Ose. Die Alte stand im oberen
Flur vor den Leinenschränken und bündelte Wäsche ein. Atemlos erzählte
Güldenfey ihr Straßenerlebnis.
Oses Lippen wurden schmal und herbe. »Laufen viele Frauen jetzt durch
die Welt, die einst guter Herkunft waren; habe jüngst erst eine
gesehen, die einstmals in Seide ging und nun Lumpen trägt. Was soll die
Schaffnerin mit uns zu schaffen haben, du liebe Seele!«
Güldenfey trat vor sie hin: »Sieh mich an, Ose! So, und nun sag': Was
hat es mit der Frau auf sich?«
Die Alte schluckte mühsam. »Kind, ich kenne sie doch nicht. Und wenn
ich wüßte, wer sie wäre, glaubst du, ich würde reden, wenn ein Verbot
meinen alten Mund versiegelt hält?«
Da flossen Güldenfeys Tränen. »Es ist soviel Not da, die wird verdeckt
mit Schweigen. Ich möchte helfen und kann nicht, weil ich ihr nicht auf
den Grund sehe. Hilf du mir doch, Ose.«
Aber Oses Gesicht blieb verschlossen und war fast hart, und der Mund,
der immer willfährig war, wo es zu trösten galt, blieb dieses Mal
stumm. --
Ja, Güldenfey litt mehr, als alle wußten.
Frau Mellin war mit einem Brief zu ihr gekommen, das älteste Kind der
Tochter siechte dahin. Die Kinder in den großen Städten starben in
Menge, weil ihnen das Nötigste fehlte: Milch und Brot.
»Lassen Sie das Kind kommen«, riet Güldenfey. »Wir werden es
herauspflegen.«
Doch Frau Mellin wußte, daß die Not hier die gleiche sei. »Sehen Sie
sich doch die Kinder auf der Straße an, gnädiges Fräulein!«
Seitdem achtete Güldenfey in der Stunde, da sich die Schulen schlossen,
auf die Scharen, die sich in die Straßen des Sachsenviertels ergossen.
Sie ging hinter den Trupps her, sie stellte sich mit ihnen vor die
Ladenfenster, wo hungrige Blicke die märchenhaften Dinge der Auslage
prüften. Sie wollte hören, und sie hörte. Ach, was hörte sie!
»Mutter sagt, wir verkaufen jetzt unsre Milchkarten. Was nützt die
Karte, wenn wir die teure Milch nicht bezahlen können.«
»Grete ist gestern gestorben.«
»Der Otto von nebenan auch.« Es klang, als werde ein Trumpf ausgespielt.
»Der Doktor sagt, sie hat die Grippe gehabt. Mein Vater sagt: Unsinn,
sie ist einfach verhungert.«
Hunger! Wie furchtbar klang das Wort vom Kindermund! Welche Anklagen
stiegen aus den vielen kleinen schmucklosen Särgen, die man heimlich,
wie verschämt, in der Dämmerung zum Friedhof trug!
»Kinder, wartet hier. Ich kauf' euch etwas.«
Sie warteten. Ihre Blicke hinter der dicken Scheibe hafteten an dem
Fräulein drinnen, das mit dem Bäcker verhandelte.
»Brot, natürlich, und Semmeln. Und die trockenen Küchlein im Glas.
Packen Sie nur ein. Und bitte, schnell noch etwas von dem Zuckerwerk.«
Sie trat aus der Ladentür, beide Arme befrachtet mit Gebäck. Ein
Dutzend blasser Kindergesichter -- oder waren es mehr? -- hob sich ihr
entgegen. Das verlegene Lächeln derer, die nicht zu glauben wagten,
schnitt in ihr Herz. Es tat so weh, dieses Lächeln, weil es nicht
glücklich war.
»Seht, das ist für euch. Nehmt nur, nehmt!« sagte Güldenfey. Sie stand
da wie die heilige Elisabeth und legte ihre Gaben in die geöffneten
Hände.
»Nehmt es, nehmt das liebe heilige Brot!«
Wie schauten sie nur aus, diese Menschlein, um deren entkräftete
Körper die zerstörenden Fieber des Lebens wie nächtige Schakale um
niedergebrannte Feuer schlichen: ungepflegt, rauhe, vertragene Stoffe
auf dem hageren, von keinem Hemdlinnen geschützten Leibe tragend und
ohne Glauben an die große Güte, die des Hungernden sich erbarmt. Sie
konnte das stumme Elend nicht ertragen, sie ermunterte: »Ihr lieben
Kinder, erzählt mir etwas.«
Da und dort begann einer der essenden Münder zu sprechen. Ein Mädchen
erzählte, daß man heute das Bild des Kaisers aus der Schulstube
entfernt habe. Krampfte nicht das Herz, wenn man das hörte? Papierne
Bestimmungen jagten einander: die Bilder ausgetrieben, der Heiland
ausgetrieben -- und Reihen hungernder Kinder saßen da, denen man etwas
nahm und statt des nötigen Brotes eine neue Rechtschreibung gab. Es
war, daß sich Steine erweichen konnten!
Wenn Güldenfey jetzt um die Mittagsstunde durch die Straßen schritt,
liefen ihr die Hansen und Greten schon entgegen, und die Menge wuchs,
die draußen vor dem Bäckerladen harrte, in dem sie Brot einhandelte.
Sie mußte die Stücke verkleinern, denn oft reichte ihr Geld nicht aus.
Und immer begleitete ihre Gabe ein segnendes Wort. Nehmt hin, nehmt das
liebe Brot!
Wenn Güldenfey heimkam, wußte sie zu erzählen.
»Kind, du ißt so wenig«, mahnte die Alte und rückte ihr die Schüssel
näher.
»Ach, Ose, wenn man dem nachdenkt, was man heut wieder sah.«
»Hast ja deine Pflicht getan, so darf's dir auch schmecken. Nimm noch
ein wenig, nachher such' ich auch noch nach altem Leinen.«
Es war nicht allein Deutschlands Not, die sich ins Herz fraß, es war
vielmehr der Übermut, der dieser Not spottete.
Als Güldenfey einmal aus dem Laden trat, ihre hungrige Schar zu
speisen, stand da eine Gruppe Herren und Damen, die sich das seltsame
Ereignis betrachten wollten. Es waren solche, die mit funkelnd neuen
Koffern durch die Geschäfte zogen, um die Waren des geschmähten Landes
aufzukaufen. Ihrer Sprache nach kamen sie von jenseits des großen
Wassers.
Güldenfey schämte sich. Die Fremden, schwatzend und lachend, standen
wie beim Beginn einer Tierfütterung.
»Kommt ein wenig weiter, Kinder!«
Doch die Hungrigen waren zu ungestüm, und sie mußte austeilen. Die
Fremden gafften und schwatzten. Zog keiner die Kamera hervor? Spitzte
kein Berichterstatter den Stift zu interessantem Bericht: Speisung
hungernder Kinder auf der Straße? O Deutschland!
Ein Kind ging leer aus, ein flachshaariger Bub mit tiefliegenden Augen.
»Warte, Kind, ich hole für dich!«
Güldenfey hatte kein Geld mehr, sie mußte borgen. Aber um alles nicht
sollte der Junge darben. Als sie sich der Tür zuwandte, griff einer
der Fremden in die Tasche und warf ihr einen schmutzigen Schein zu. Es
war, als hätte er sie geschlagen. Blutrot war ihr Gesicht. Dann hob sie
das Papier auf und schritt auf ihn zu. Unter ihrem Blick erstarrte das
gutmütige Grinsen. »Danke! Wir bedürfen der Almosen nicht!«
In Güldenfeys Seele brannte eine Wunde neben der andern.
Hans Olrogge kam in den Treßhof. Es hätten sich Kreise von wohlhabenden
Erwachsenen gebildet, die fremdländischen Tänze zu studieren; ob
Fräulein Treß teilnehmen möge.
Als sie ihn ansah, fühlte er, daß es vergeblich sei, von seinen
Erklärungen für die so lange unterbundene Lebensfreude Gebrauch zu
machen.
»Ich sollte jetzt tanzen?« fragte sie. »Ich würde den Gedanken an die
nicht los, die vor den erleuchteten Fenstern stehen und auf die fremden
Weisen hören. O nein, Herr Olrogge!«
Es war angstvoll gewesen, in einer Zeit zu leben, die nach Blut und
Eisen schmeckte. Der Dunstkreis dieser gärenden Zeit war gesättigt mit
verderblichen Keimen, die wie geistiger Meltau auf die Willensschwachen
fielen. Die Angst um das kleine Ich verschattete völlig die Sorge um
das Ganze.
Was war es nur, das diese unvereinbaren Gegensätze schuf, die das
deutsche Wesen zerrissen: Verzagtheit und frecher Übermut, Darben und
Verschwendung? Es mußte etwas im Dunkel des Hintergrundes stehen, das
mit frevelnden Händen an den Drähten zerrte, in denen das Wohl und Weh
der Menschheit hing. Aber was war es, daß man es packen konnte!
Wäre nur Jörg einmal gekommen; Güldenfey verlangte es nach ihm,
er würde ihr antworten können. Aber Jörg war jetzt ganz der Musik
verfallen, seine Arbeit litt keine Unterbrechung, und seine Briefe
waren in der knappen Pause, die zwischen zwei Stunden lag, geschrieben.
Malte? Ach nein! Sein Ernst erweichte vor Güldenfey noch immer zu einem
Lächeln, aber das kam nicht aus seiner Seele. Seine Seele war immer
zerstreut; wenn er nicht im Geschäft war, flog sie stets als Wolke vor
dem Sturm der Zeit. Nur Pastor Thomasius war stets für sie bereit.
In seinen Augen war ein Schein froher Zuversicht, und nie klang eine
Stimme so jugendhell wie seine, wenn er vor dem Altar die Bibel in
beiden Händen hob: Wir wollen bekennen!
»Welches ist der Geist, der uns zerstört?« fragte ihn Güldenfey.
»Der Haß!« entgegnete er.
Sie sann ein wenig. »Aber warum haßt man? Es muß etwas sein, weswegen
man haßt.«
»Vielleicht, ja! Doch warum fragen Sie danach? Es ist die Welt frostig
geworden, weil die Liebe fehlt. Wir müssen sie suchen.«
Es war ein wunderbarer Klang in seiner Stimme. Hob er das alte Buch?
Sein Blick umfing warm ihre Gestalt. Güldenfey wandte das Gesicht zur
Seite und begann, ihm von Marfa zu sprechen.
Marfa verließ das Haus selten. Sie hütete ihre Mutterhoffnung, doch
Güldenfey wußte, das war es nicht allein, was sie in der Verborgenheit
festhielt: sie sehnte sich nach Harro, sie litt, weil er fern war.
Ihre jäh erweckte Liebe, die stürmisch nach ihm drängte, wußte in ihm
ihren einzigen Halt. Sie hatte alles verloren, nun klammerte sie sich
mit verzweiflungähnlicher Sorge an den Trost, den ihr das Leben als
Ersatz gegeben. Kam er, so lebte sie auf; ging er, so krankte sie.
»Hier versteht mich keines, nur du, Güldenfey«, sagte sie. »Es fehlt
allen hierzulande der sechste Sinn, der ahnt und erfühlt. Auch Harro
fehlt er, sonst ließe er mich nicht so oft allein.«
»Wie sollte ich ihn denn besitzen!« zweifelte Güldenfey.
»Deine Seele ist wie das Geheimnis des Kristalls«, antwortete Marfa.
»Ich bleibe bei dir«, tröstete Güldenfey. Und sie begann zu erzählen,
daß sie beide im Sommer auf Heilisoe wohnen und unter Sonnenschein und
Seewind froh werden wollten.
»Wir liegen am narbigen Rand der Dünen, wo die blauen Glockenblumen
wachsen, denn an den Strand darfst du nicht so oft hinabsteigen.
Wir bleiben dort, bis der Abend alles Grün der Königsgräber in Grau
verwandelt.«
»Ob wohl Harro dann eben Ferien hat?«
Harro und nur Harro! Aber Güldenfey war nicht gekränkt. Sie wußte, daß
in Marfa die Vergangenheit nicht zur Ruhe kam und sie quälte, wenn sie
zur Nacht wach lag und lauschte, wie der Wind der Januarnächte in den
Luken der Speicher umging und Mellins silbergraue Katze klagend über
die Dächer stieg.
»Du sollst dich jetzt auf dein Kind freuen. Ich glaube fest, daß deine
Freude es froh machen wird.«
»Ja, du Herzlieb, ich will mich freuen. Wenn es da ist, wird Harro
häufiger kommen.«
Diese zitternde Liebe ist vielleicht gar keine Liebe mehr, sondern
nur ein Bangen vor grauenvoller Verlassenheit, dachte Güldenfey und
sann auf Tröstungen andrer Art, die Marfa erfreuen sollten. Sie
begriff, warum sich Marfa in Monaten, da sich alles in der Frau auf das
Mütterliche sammelte, doch an Harro klammerte.
Es liefen schon lange dunkle Gerüchte durch die Stadt: eine Bande
derer, die Eigentum und Leben des Nächsten nicht schonen, hätte sich
die Hilflosigkeit der für die Sicherheit verantwortlichen Macht zunutze
gemacht und triebe ihr Unwesen seit Wochen ungeahndet. Einer aus dieser
Raubgesellschaft war beim Einbruch von einem Bürger getötet, die andern
aber setzten in gutem Vertrauen auf die Ohnmacht der Gesetzesschützer
ihr Handwerk fort.
In einer Nacht, da der rieselnde Regen in den Gossen seine einförmige
Weise sang und das Dunkel vor jeder Tür lag, stieg aus dem Innern des
Treßhofes ein schreckhafter Schrei, der selbst die Schläfer in den
Kellerräumen aufstörte.
Güldenfey fuhr empor. Gehörte der Ruf in den Traum, den er zerbrochen
hatte? Aber er war doch von außen gekommen und hatte geklungen, als
stieße ihn Marfa aus. Jetzt zitterte er nur noch nach; draußen war die
Stille des Regengeriesels. Die alte Uhr unten schlug die dritte Stunde.
Sie warf ein Morgenkleid um sich und eilte hinaus.
Die Tür zu Marfas Zimmer war halb geöffnet. Marfa saß aufgerichtet
in ihrem Bett, beide Arme als Stützen hinter sich gestemmt. Ihr von
der Nachttischlampe hell beleuchtetes Gesicht war linnenweiß, ihre
geweiteten Augen starrten auf einen Punkt. Sie saß, als sei sie gelähmt.
Auch Güldenfey stand in der Türöffnung wie gelähmt. Ein riesiger
Schatten füllte fast den Raum, und plötzlich erkannte sie hinten
am Fenster, durch das es feuchtkalt hereinwehte, stand ein Mensch,
breitschultrig, die Schirmmütze in die Stirn gezogen, die Faust um
etwas gekrallt. Seine wölfische Wildheit war erstarrt unter dem
Entsetzensblick der erwachenden Frau, die das Licht entzündete, um das
Furchtbare zu entdecken.
Wie der Regen murmelte!
Von Güldenfey wich die Starre zuerst. Ihr Fuß stieß an einen Sack,
in dem Werkzeug klirrte. Der Ton löste alles auf. Der Mann warf sich
blitzschnell herum. Nun er nicht mehr die Lampe verdeckte, war alles
hell.
Güldenfey fühlte einen Stoß, sie sank gegen die Wand, und es hastete an
ihr vorüber. Sie eilte auf Marfa zu und umschlang die Regungslose mit
barmherzigen Armen: »Liebste, Liebste, welch ein Traum!«
Erst nach langem Zureden fand Marfa die Sprache. »Ein Traum? -- Ich
glaubte -- der Henker -- sei -- eingetreten -- mich -- zu holen.«
Vom Hof herauf drang wilder Lärm; der Flüchtling war den Erwachenden in
die Arme gelaufen. Telge schlug furchtbar auf ihn ein. Das Blut auf der
Schwelle wusch der Regen nicht fort.
Was half das? Der Räuber war ohne Schlag zum Mörder geworden.
Als das Morgenlicht einfiel, brachte Marfa einen toten Knaben zur Welt.
--
Wie hieß die Hand, die Macht, die alle Begierden aufpeitschte und jede
Bändigung lähmte? Malte stand am Fenster und sah auf den Markt, als es
anhob. Es war ein geringfügiger Anlaß.
Die feilgebotenen Fische waren klein. Sie fingen doch auch große!
Wo blieben die? Schob man sie dahin, wo der aufgemästete Wucher
märchenhafte Preise zahlte? Sind Gräten und Schuppen und Schwänze für
uns gut genug?
Die beißenden Reden fielen wie Funken in Zunder.