Names of the Parties Concerned Still Withheld by Court Order will
be Published Very Soon
Die Namen der Klägerin und des Klägers werden vorläufig noch
zurückgehalten auf besonderen Beschluß des Gerichtshofes, sie werden
jedoch sehr bald veröffentlicht werden.
Diese Zurückhaltung der Namen ist ein besonderer Trick der Anwälte, die
Mr. Ayres Zeit geben wollen, sich zu einigen und zu bezahlen. Aber die
Zeitungen gleichfalls haben ein Interesse daran, die Namen noch nicht zu
nennen, weil sich Mr. Ayres ja auch noch mit den Zeitungen einigen kann.
Die Zeitungen sind unbestechlich. Besonders in den Staaten. Aber für
Inserate sind sie sehr empfänglich; und eine große Company hat immer
teure Inserate zu vergeben, auch wenn es nur die Jahresabrechnungen
sind, die beliebig oft wiederholt werden können, um fette Inserate zu
bringen. Auch die Zeitungsleute sind unbestechlich. Nirgends mehr
unbestechlich als in den Staaten. Aber sie hören gern gute Tips, um an
der Börse mit Erfolg zu spekulieren.
Der Gerichtshof hat bis jetzt noch gar nichts beschlossen, also auch
nicht die Zurückhaltung der Namen. Das Gericht weiß bis jetzt noch gar
nichts von der Sache, und der Richter liest die Zeitung in der
Straßenbahn mit der gleichen Freude wie die gedörrten Kirchenmitglieder.
Aber er liest es doch schon mit mehr menschlichem Verstehen, und er
liest es besonders mit Mitleid für den armen Präsidenten; denn er, der
Richter, kann morgen schon in derselben Suppe sitzen. Er hat keine
Tänzerin von dem Vanity. Das kann er sich nicht leisten. Aber er hat
eine Stenotypistin. Und wenn sie eines Tages plötzlich den Rapp bekommt
und ihr das Stenotypistendasein zu dumm wird, dann kann auch der Richter
seine Untaten und den heruntergerutschten Brusthalter seiner
Stenotypistin in fetten Lettern auf der ersten Seite der Morgenblätter
ausführlich beschrieben finden. Vorläufig weiß er noch nicht, um was es
sich hier handelt. Niemand vom Gericht weiß es bis jetzt. Die Anwälte
haben bisher noch nichts weiter getan, als eine Klage auf Schadenersatz
Unbekannt gegen Unbekannt Akt Simmons & Simmons Attorneys at law Nr. 916
G zu den Akten des Gerichts zu geben.
Mrs. Ayres, die Frau des Mr. Ayres, liest die saftige Geschichte
gleichfalls, und auch sie liest sie mit Andacht und Wollust. Sie weiß ja
noch nicht, daß es ihr treuer Gatte ist, der hier von den Reportern der
beabsichtigten Bigamie bezichtigt wird, und darum darf sie sich mit
glänzenden Augen an der Geschichte, die sie so saftig nicht einmal in
den französischen Romanen finden kann, ergötzen.
Am Abend, mit ihrem Manne bei Tische sitzend, wird ja natürlich über
diese Sensation gründlich gesprochen, um die irdische Freude, die eine
solche Geschichte bietet, bis zur letzten Verhauchung des Seufzers
auszukosten und auszuschwelgen. Sie ratet mit ihm hin und her, wer der
Präsident und die Tänzerin sein könnten. Er müßte den Präsidenten doch
eigentlich kennen, von dem Klub der Rotaries oder der Elks her. Es wäre
alles noch wonniger, wenn man ihn und die Tänzerin kennen würde, wenn
man ihre Bilder in den Zeitungen sehen könnte. Daß sie nur
Seidenstrümpfe und sonst nichts anhatte, als sie mit ihm durch das
Fenster, dessen Vorhang nicht ganz geschlossen war, beobachtet wurde,
das weiß man ja jetzt. Aber man möchte doch auch wissen, wie sie im
Gesicht und überhaupt über den grünen Strumpfbändern aussieht.
Vielleicht veröffentlicht die Zeitung bald ein Bild von ihr im
Badekostüm oder in dem Kostüm der Chormädchen des Vanity, die ja alle
während der Vorstellung keine Strümpfe anhaben, sondern nur Schuhe und
ein Bändchen um die Hüften und zwei mit glitzernden Glasperlchen
besetzten Säckchen vor den Brüsten.
Mr. Ayres, der natürlich weiß, um wen es sich handelt, weil ihn heute
morgen ja die Anwälte sofort bei Telephon gefragt haben, ob er schon die
Zeitung gelesen habe, entrüstet sich über die Verruchtheit der Zeitung
und beschimpft seine Frau, daß sie so lüstern sei, derartige
Sensationsgeschichten in den Blättern zu lesen und daß sie so tief
herabsinken wolle, nach den Bildern dieser Leute zu trachten.
Die ganze Stadt und Umgebung kaufen morgen und die nächsten Tage die
Zeitungen wie besessen. Alle hoffen, die Namen veröffentlicht zu finden.
Alle sind interessiert in der Frage, ob die Tänzerin, die nun bald
Mutter werden wird, schon so weit ist, daß sie nicht mehr auftreten
kann. Alle hoffen, daß sie noch nicht so weit ist und daß sie wenigstens
noch einige Male auftreten kann, damit man sie im Theater leibhaftig vor
sich sehen kann. Sobald ihr Name bekannt ist, kaufen die Billetthändler
des Theaters sofort das ganze Haus aus, und sie gehen mit den Billetts
zweihundert Prozent hinauf.
Da die Zeitungen ja nun in Erwartung, daß die Namen veröffentlicht
werden, in Massen verkauft werden, ist es nicht mehr nötig, die Namen zu
veröffentlichen. Inzwischen kommt ein neuer Skandal auf, ebenso fett und
ebenso saftig wie der des Präsidenten mit der Tänzerin, und Präsident
und Tänzerin werden vergessen. Wenn die Namen doch eines Tages dann
erscheinen sollten, so liest sie kaum noch jemand. Es hat sich so viel
inzwischen an Skandalen, an Korruptionen, an politischen Schwindeleien,
an erfolgreichen Ozeanflügen, an nicht erfolgreichen Besteigungen des
Himalaja, an Bankeinbrüchen, an Revolver- und Bombenattentaten in
Chicago, an Zugüberfällen in Mexiko, an Ermordung amerikanischer
Seelenretter in China ereignet, daß man acht Tage später wirklich nicht
mehr wissen kann, aus welchem Grunde eigentlich hier der Name eines
Präsidenten einer gleichgültigen Kupfer-Company und der Name einer
Tänzerin, die man nie auf einem Theaterzettel gedruckt findet,
veröffentlicht werden. Man hat augenblicklich viel mehr Interesse daran,
wieviel hunderttausend Dollar Ma Fergusson, der weibliche Gouverneur von
Texas, an dem Bau einer Staats-Automobil-Straße verdient hat, und was
sie mit dem Gelde zu tun gedenkt.
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Simmons & Simmons Attorneys at law können aber diesen Umschwung in der
Meinung der Zeitungsleser nicht abwarten; sie können nicht darauf
warten, daß Mr. Ayres etwa gar seiner Frau erzählt, was los ist und von
ihr mit verhältnismäßig geringen Kosten absolviert wird; sie können
nicht darauf warten, daß Mr. Ayres vielleicht mehrere der
Aufsichtsratsmitglieder seiner Company überzeugt, daß hier nur eine
schäbige Erpressung vorliegt und daß der gesamte Aufsichtsrat die
Zeitungen warnt, die Angelegenheit nicht bis zum äußersten zu
treiben. Dann sind die Zeitungen mausetot, denn unter den
Aufsichtsratsmitgliedern sind mehrere, die den Zeitungen innerhalb von
acht Stunden das Genick abdrehen können so gründlich, daß die Zeitung
vergißt, wie sie gestern hieß und wer ihre Hauptredakteure waren.
Auf solche Zwischenfälle dürfen Simmons & Simmons nicht warten. Sie
arbeiten rasch wie Teufel, die eine arme Seele, die im Eis eingebrochen
und ertrunken ist, zu fischen und aufzuwärmen, damit die Hölle auch
ihren Zweck erfüllt.
Die Anwälte nützen die ersten Stunden nach Erscheinen der Zeitung aus.
Wenn sie nicht in dieser Zeit gewinnen, kann es eine lange Geschichte
werden. Sie gewinnen natürlich, wie lange es auch dauert. Aber das Geld
kann ihnen entwischen. Mr. Ayres macht einen kühnen Strich und sichert
alles so gut ab, daß nicht viel zu bekommen ist. Er wartet den Skandal
in Europa ab, und wenn er zurückkommt, ist die Sache so billig geworden,
daß es sich für die Anwälte nicht mehr lohnt. Was aus Miß Minnie wird,
ist ihnen gleichgültig, war ihnen immer gleichgültig und wird ihnen ewig
gleichgültig bleiben.
An der ganzen Geschichte ist wenig wahr. Sie wird nur so aufgezaubert,
um in den Lesern den Hunger nach wollüstigen Geschichten, den sie
infolge der Zensur und der Prüderei nirgends sonst stillen können, zu
befriedigen. Dabei verdient die Zeitung.
Ob der Präsident seine Stellung verliert, ob seine Frau sich von ihm
scheiden läßt, ob sich die Tänzerin ertränkt, das kümmert die Zeitung
nicht. Kümmert sie erst wieder, wenn eine dieser Folgen abermals eine
Sensationsgeschichte ermöglicht.
Miß Minnie White war sehr oft mit Mr. Ayres zusammen, wenn sie nichts
weiter anhatte als ihre seidenen Strümpfe. Meist hatte sie noch weniger
an. Aber niemand hat sie je durch einen halbgeschlossenen Vorhang
beobachten können. Dazu waren sie viel zu vorsichtig. Nicht aus
eingeborener Schamhaftigkeit, sondern aus einfachen Nützlichkeits- und
Bequemlichkeitsgründen. Es wirkt störend und lenkt von der Hauptsache
ab, wenn man das Gefühl hat, man könnte beobachtet werden. Aber Simmons
& Simmons sind immer vorbereitet. Sie halten in Reserve einen
Privatdetektiv, der jederzeit beschwören kann und wird, daß er eine
Dame, nur mit Seidenstrümpfen an, zusammen mit einem Herrn, der auch
nicht viel mehr anhatte, in demselben Zimmer gesehen hat. Miß Minnie hat
nur den Ort, also das Haus anzugeben, wo das geschehen sein könnte, was
der Privatdetektiv gesehen hat. Alles übrige besorgen der Privatdetektiv
und Messrs. Simmons & Simmons Attorneys at law. Dann kommt noch eine
Waschfrau oder ein Chauffeur, die beschwören, daß sie Miß Minnie und Mr.
Ayres in jenes Haus haben gehen sehen. Gegen die Waschfrau kann niemand
ankommen. Sie ist die Ehrlichkeit und Wahrheit in Person. Mr. Ayres, so
vortrefflich auf dem glühenden Roste sitzend, muß zugeben, es ist wahr.
Er wird sich hüten, das Gegenteil zu schwören; denn er weiß, es haben
ihn auch noch andere Personen dort gesehen.
Miß Minnie White erwartet gar keine Mutterfreuden. Das weiß Mr. Ayres
ganz genau. Miß Minnie ist viel zu geschickt, um sich einem solchen
Unfall auszusetzen. Kinder sind immer eine Belästigung und durchaus kein
Segen des Himmels. Sie weiß das aus ihrer Jugendzeit in Minneapolis. Sie
hatte fünf Geschwister. Weder ihr Vater, der in einer Kofferfabrik
arbeitete, noch ihre Mutter, die in einer Hemdenfabrik arbeitete, haben
je von einem Himmelssegen gesprochen, immer nur von den Brats, der
Bastardbrut, die so viel essen und so viel zerreißen und ewig und immer
schreien, daß sie Hunger hätten.
Auch Messrs. Simmons & Simmons wissen, daß Miß White kein Kind erwartet.
Sie würden ihr dreist ins Gesicht hinein sagen, daß sie sie für klüger
gehalten hätten, denn sie habe doch sicher ihre Babyschuhe schon lange
genug ausgetreten, um Unterschiede machen zu können.
Erst recht die Zeitungen wußten, daß Miß Minnie White sich in solcher
Lage nicht befand. Hätte sie wirklich Mutterfreuden zu erwarten gehabt,
dann würden es die Zeitungen mit größter Vorsicht vermieden haben, es zu
erwähnen. Das hätte zu vielerlei Unannehmlichkeiten für die Zeitungen
führen können. Daß die Tänzerin sich Mutter fühle, hatten die Reporter
nur geschrieben, damit die Geschichte saftiger würde. Die Anwälte hatten
da etwas angedeutet, woraus die Reporter entnehmen mochten, was sie für
gut befanden. Eine solche Nachricht diente doch nur dem Ganzen. Namen
waren ja noch nicht genannt. Und hätte es dazu kommen müssen, Namen zu
nennen, so konnte Miß Minnie durch ihr ferneres Auftreten in dem Vanity
beweisen, daß es ein Reporterschwindel war.
Obgleich nun an der ganzen Geschichte sehr wenig dran war, so erreichten
die Anwälte doch ihren Zweck. Mr. Ayres wurde in Angst gejagt. Er mußte
befürchten, daß hier ein großer Skandal entstehen würde. Er wußte ja
nicht, wie weit die Anwälte zu gehen gedachten. Es war gar nicht einmal
nötig, daß der Name der Tänzerin veröffentlicht wurde. Es genügte, daß
sein Name bekanntgegeben wurde und daß die Zeitung seinen Namen
veröffentlichte, um den Lesern zu zeigen, wie unerschrocken sie sei, und
wie emsig sie darauf bedacht sei, das amerikanische Volk von der Unzucht
und der Verworfenheit, in die es einzelne skrupellose Mitglieder zu
verstricken suchten, zu befreien, daß dies eine der Hauptaufgaben der
Zeitung sei und daß man keine Rücksicht übe, auch wenn es sich um
Angehörige der obersten Klasse handele; viel eher sei man bereit, die
arbeitende Klasse und das arme Mädchen, die Tänzerin, die ja auch der
arbeitenden Klasse angehöre, zu entschuldigen als diese Magnaten, die
glaubten, daß sie in der freien Republik rechtschaffener Bürger tun
könnten, was sie wollten, nur weil sie mehr Geld hätten. Das würde die
Zeitung natürlich erst gesagt haben, nachdem sie genau wußte, daß der
Aufsichtsrat der Company, dessen Präsident Mr. Ayres war, wünschte, daß
Mr. Ayres kurz und klein gebrochen werden sollte, weil man ihn aus
diesem oder jenem Grunde los sein wollte und man ihn auf eine andere Art
nicht abschieben konnte.
Mr. Ayres wußte ja auch nicht immer, wie er zu seinem Aufsichtsrat
stand. Ob der ihn hielt oder fallen ließ. Darauf konnte es Mr. Ayres
nicht ankommen lassen. Auch wußte er nicht, wie es seine Frau aufnehmen
würde. Noch weniger wußte er, wie man es in den Klubs betrachten würde,
denen er angehörte. Ein Skandal solcher Art konnte ihn für lange Zeit
lahmlegen, und er hätte verteufelt hart arbeiten müssen, um wieder
hinaufzukommen.
Alle solche Möglichkeiten überdachte er, und dann ging er zu Messrs.
Simmons & Simmons und begann zu handeln. Er zahlte den Herren
zehntausend Dollar für die Unkosten, die sie gehabt hatten.
Darauf baten Messrs. Simmons & Simmons Miß Minnie White zu sich ins
Büro.
Mr. Henry Simmons empfing Miß White: „Wir haben vor einer halben Stunde
eine längere Unterredung mit Mr. Ayres gehabt. Er hat endgültig erklärt,
daß er nichts bezahle und daß er es ruhig sowohl auf den Prozeß als auch
auf den Skandal ankommen lassen wolle. Er sagt, und ich glaube, er hat
hier recht, daß, wenn wir es zum Skandal treiben, er seine Position
verliert und er dann überhaupt nichts zu zahlen imstande ist, ganz
gleich, wie der Prozeß ausgehen sollte. Er hat uns hier mit Tränen in
den Augen eingestanden, daß er Sie aufrichtig liebe, und er hat uns
gebeten, ein gutes Wort zu seinen Gunsten zu Ihnen zu sprechen. Er kann
ohne Sie nicht leben, und er will Ihnen auch den Stutzwagen kaufen, den
Sie sich so lange schon gewünscht hätten. Ich sehe wirklich nicht ein,
Madam, warum sich zwei so nette Leute, wie Sie beide sind, nicht
verstehen und lieben sollen. Was hat ein solches Streiten für einen
Sinn. Sie haben auch ein wenig schuld, Madam. Seien Sie nicht so hart zu
ihm. Er hat doch auch seine Sorgen und seine Ärgernisse.“ Miß Minnie
bekam Tränen in die Augen. Es waren echte Tränen; denn jetzt hatte es
keinen Zweck mehr, Tränen zu machen, um eine Summe herauszuquetschen.
„Er ist ja auch geplagt und gejagt und gehetzt, der arme Mann. Wie wir
alle. Auch wie Sie, Miß White.“
Sie tränte ein wenig mehr, weil sie neben dem Mitleid für ihn nun auch
Mitleid mit sich selbst bekam, als sie fand, daß auch ein Fremder fühlen
konnte, wie sehr sie geplagt und gehetzt sei im Leben und ewig mit
Leuten, die Geld von ihr haben wollten, auf ihren Fersen. Alle glaubten,
eine Chortänzerin des Vanity könne über Millionen verfügen. Jedes Paar
Schuhe, das eine andere Dame für fünfzehn Dollar bekam, mußte sie mit
fünfundzwanzig bezahlen. So ging es mit ihren Strümpfen, mit ihrer
Wäsche, ihren Hüten, und alle jene, die Trinkgelder bezogen, erwarteten
von ihr das Dreifache dessen, was sie von anderen Leuten erhielten. Und
wenn sie nicht das Dreifache zahlte, wurde sie verächtlich angesehen und
behandelt, als wäre sie ein Mädchen der dunklen Straßenwinkel.
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Wer ist Herr des Lebens? Der Präsident der Öl-Company? Oder der
Rechtsanwalt, der die schäbigsten Ehescheidungsprozesse und
Erpressungsmanöver übernimmt? Die Tänzerin eines Revue-Theaters?
Rockefeller? Sinclair? Morgan? Der Präsident der Vereinigten Staaten?
Keiner von denen, die als die Herren der Welt erscheinen, die Erdteile
kaufen und verkaufen können, die Republiken gebären und vernichten
können, Könige krönen und absetzen, Revolutionen erwecken und erwürgen
können, keiner von allen denen ist Herr des Lebens. Sie alle sind in der
Maschine, die da heißt „Das moderne Zeitalter“, „Unser heutiges Leben“.
Sie werden darin herumgewirbelt und herumgeworfen wie kleine Körnchen,
jetzt oben, nun unten, jetzt in der Mitte, nun in der Ecke, jetzt an der
rechten Seite, nun an der linken.
Vielleicht war der Herr des Lebens Hacinto der Indianer, der La Rosa
Blanca besaß, ohne sie zu besitzen. Er war vielleicht der Herr des
Lebens bis zu jenem Tage, an dem herausgefunden wurde, daß La Rosa
Blanca in ihrem Boden Öl trug.
Dann hörte auch Hacinto Yanyez auf, Herr des Lebens zu sein; denn nun
wurde auch er ein Körnchen, das in der Maschine hin und her gewirbelt
wird.
Vielleicht war Margarito der Herr des Lebens, Margarito, der die Mules
dokterte, der die Sprache der Mules verstand, der höllisch fluchen und
süße Balladen schmelzend singen konnte im selben Atemzug.
Vielleicht waren die Compadres der Rosa Blanca die Herren des Lebens. So
lange, bis sie ihr Heimatland verloren.
Vielleicht war der Herr des Lebens der Löwe im Dschungel. Aber die Flöhe
waren stärker als er; denn sie belästigten ihn, und er konnte sich ihrer
nicht erwehren; ein Dorn, den er sich in die Tatze trat, war stärker als
er, denn der Dorn machte ihn lahm; die Giftschlange, die ihn in die
nackte Nase biß, wenn er unvorsichtig war, konnte ihn zu Fall bringen,
und sie war darum stärker als er.
Vielleicht war der Herr des Lebens der farbenreiche Schmetterling, der
von Blume zu Blume wogte und sich um nichts kümmerte, sein Leben
auskostete, bis er sich im Netz einer Spinne verfing, die stärker war
als er.
Vielleicht war der Herr des Lebens der klassenstolze Arbeiter, der
seinen Vorarbeiter niederboxte und weidlich verprügelte, weil der
Vorarbeiter, der sich stärker und mächtiger glaubte, ihn angebrüllt
hatte. Aber der fleißige Arbeiter produzierte mehr, als der Markt
aufnehmen konnte, und die Fabrik konnte den Mann nicht mehr bezahlen und
mußte ihn entlassen; und seine Kinder zerfleischten den Arbeiter, weil
sie hungrig waren und sich als Herr der Welt glaubten, dessen Sklave und
Knecht ihr eigener Vater zu sein hatte.
9
Von der Office ihrer Anwälte aus telephonierte Miß Minnie White ihrem
Freund Mr. Ayres, dem sie alles abbat, was sie ihm zugefügt hatte. Sie
sagte, sie sei wahnsinnig gewesen und habe sich von einer Freundin
aufhetzen lassen. Ob er nicht wieder gut sein wolle, sie liebe ihn über
alles.
Mr. Ayres bat ihr auch alles ab, was er ihr angetan hatte, und erklärte,
daß er allein die Schuld habe und daß er überglücklich sei, daß er sie
wieder sein nennen dürfe.
Zwei Tage darauf reisten beide in seinem Tourenwagen nach San Diego
hinunter. Das stundenlange Fahren auf der romantischen Autostraße
entlang der pazifischen Küste führte die beiden inniger zusammen, als
sie je vorher gewesen waren.
Das Zerwürfnis war beigelegt und vergessen. Es konnte beigelegt werden,
nachdem die Anwälte erreicht – für sich erreicht – hatten, was sie
wollten.
Das fernere Leben des Mr. Ayres und der Miß Minnie White hatte vorläufig
kein Interesse mehr weder für Messrs. Simmons & Simmons noch für die
Zeitungen. Die geschäftliche Seite der Angelegenheit war befriedigt
worden, und sich für das Privatleben zweier Menschen, aus dem sich
augenblicklich kein Dollar herausmünzen ließ, zu interessieren, ist
unfair und schmutzig. Man kann aber keinem Amerikaner nachsagen, daß er
unfair oder schmutzig sei. Er ist die Hilfsbereitschaft und die
Gastfreundschaft in Person.
3
1
Mr. Collins mußte jetzt häufig an die Affäre des Mr. Ayres denken. Mr.
Ayres war sein intimer Freund. Sie hatten beide dasselbe College besucht
und gehörten beide denselben Klubs an. Deshalb war Mr. Collins
eingeweiht in alle Einzelheiten jener Affäre. Die genaue Kenntnis jener
Geschichte war ihm nützlich. Sie half ihm, auf der Hut zu sein.
Aber wie kann man auf seiner Hut sein, wenn die untere Hälfte des
Körpers größere Ansprüche stellt als im Alter von zwanzig Jahren. Mit
zwanzig Jahren hat man romantische Ideen, in denen manche rein
natürlichen Wünsche des Körpers einem als schmutzig erscheinen und man
an Keuschheit und an die Reinheit in der Liebe glaubt. Nicht weil der
Mensch in jenem Alter edler ist, sondern weil er furchtsamer ist den
Mädchen gegenüber und Mysterien wittert, die er nicht lösen zu können
glaubt, ohne sich in schwere Gefahr zu begeben.
Im Alter von fünfzig Jahren, nachdem man fünfundzwanzig Jahre Ehe und
fünfzig Gelegenheitsbigamien mit allen Stürmen, Orkanen, Typhoonen,
Klippen, Sandbänken, Sonnenschein und Regenschauern, die man auf seiner
Fahrstraße vorfindet, mehr oder weniger mutig und erfolgreich überwunden
hat, ist die Gewohnheit des reifen Mannes an die Stelle romantischer
Eseleien getreten. Alle Dinge des Lebens ohne Ausnahme werden nun rein
sachlich und nüchtern betrachtet. Daß eine Frau oder etwa gar die Liebe
irgendwelche Mysterien bergen könnten, dieser Glaube ist endgültig
gewichen. Die Frau mag ja zuweilen noch Mysterien verbreiten, weil man
die Frau nie auskennen lernt und sie immer auf dem Sprunge hockt, etwas
zu tun, was man auf keinen Fall von ihr erwartet hätte. Diese Mysterie
allein macht die Frau, besonders wenn es die ist, mit der man
verheiratet ist, allein noch erträglich. Erträglich in jenem Grade, den
man von dem Durchschnittsmenschen nach längerer Ehe zu sehen erhofft.
Alle jene stillen und beschaulichen Vergnügungen, an denen man sich als
Sechzehnjähriger – oder als Sechzehnjährige – ergötzte, haben ihren Reiz
und damit ihre Anziehungskraft völlig verloren. Nichts ist
übriggeblieben als reine Sachlichkeit und kalte Nüchternheit. Der
Gewohnheit muß man nun folgen. Alles das so beim Manne, so bei der Frau.
Liebe um seiner schönen Augen willen oder seines jugendlichen Feuers
wegen zu erwarten, diese Hoffnung ist dauernd geschwunden, und wenn
einem eine Frau oder ein Mädchen das erzählen will, so fühlt man sich
geschmeichelt, aber man glaubt es nicht mehr. Die Weisheit des
Lebensphilosophen, der man jetzt geworden ist, läßt solche
Glaubensstärke nicht mehr zu. Das Verstehen und Begreifen weiblicher
Schönheit hat sich geläutert. Man fällt nicht mehr auf jede glatte
Fratze hinein. Man ist wählerisch geworden, und man würde jetzt in der
Wahl seines Ehegenossen sehr vorsichtig sein.
Ob man nun alles das findet, worauf der Philosoph Anspruch erheben muß,
also Schönheit der Frau, Geist – oder an Stelle des Geistes
Unterhaltungsgabe –, Geschmack in der Kleidung und im Benehmen und nicht
zu vergessen einen willensfreudigen gut gepflegten Körper, ob man das
haben kann oder nicht, hängt nun nur noch von der Zahlungsfähigkeit ab,
die man inzwischen erworben hat.
Es ist ja nun sehr selten, nein, um die Wahrheit zu gestehen, es trifft
sich nie auf Erden, daß man alles, also Schönheit, Geist,
Unterhaltungsgabe, Nichtlangweiligkeit, guten Geschmack,
willensfreudigen und gut gepflegten Körper in einer und derselben Frau
vereinigt vorfindet. Das gibt es nicht. Weil es gegen die Naturgesetze
geht. Daß es so etwas gibt, glaubt man nur zwischen sechzehn und
fünfundzwanzig, und das ist die Zeit, wo man seine größte Dummheit
macht, das ist, die Unrechte zu heiraten.
Weil man nun nicht alle jene Vorzüge in einer Frau vorfindet – diese
Weisheit hat man jetzt erworben –, so muß der kluge Mann, jener, dessen
untere Körperhälfte an Stärke und Verlangen und dessen obere
Körperhälfte an Weisheit zugenommen hat, auch in seinem Erholungsdasein
jene Spezialisierung vornehmen, die er in seinem Geschäft und in seinem
Beruf inzwischen vorgenommen hat. Nur wenn er inzwischen Spezialist in
seinem Beruf geworden ist, kann er die Mittel heranschaffen, die er
benötigt, um auch Spezialist in seinem Privatleben zu sein. Er hilft
sich damit, daß er eine Dame bevatert ihrer Schönheit wegen, der aber
der Geist fehlt, für den er sich eine erwirbt, die den Geist hat, aber
im Körper weniger Lust und Willen zeigt. Dafür ist wieder eine andere
da.
Darum unterlasse man den billigen Vorwurf der Frommen und die hitzige
Angeiferung der Kommunisten, daß Mr. Collins ein Wüstling genannt werden
müßte, weil er neben seiner Frau noch hatte: Eine Flossy, eine Betty und
zwei Chormädchen, die vorläufig noch warteten, dort eingereiht zu
werden, wo sie ihrer speziellen Befähigung entsprechend hingehörten. Mr.
Collins war durchaus kein Wüstling. Er war ein Produkt seiner Zeit. Ein
Körnchen, das in der großen Maschine „Unser hetzendes Zeitalter“ hin und
her gewirbelt wurde, ohne sich wehren zu können, ohne etwas dazu tun zu
können. Unter Menschen, wo es keine Ewigkeitsehen gab, wo niemand
gezwungen wurde, seinem Stande, seiner sozialen Stellung und seines
Vermögens entsprechend zu heiraten, wo die Aufzucht der jungen
Generation der Gesellschaft als Ganzes übertragen wurde, wo ein Mensch,
der die Gabe hatte, in der Organisation der Ölproduktion wahrhaft
geniale Fähigkeiten zu entwickeln, nicht gezwungen war, elegante Villen
zu besitzen, elegante Autos, luxuriöse Kleidung für seine Familie und
für sich, kostspielige Gewohnheiten für seine eigene Person, nur um eine
solche Stellung, wo er seine genialen Fähigkeiten zeigen konnte, zu
bekommen und zu behalten, unter solchen Menschen wäre Mr. Collins weder
ein Wüstling und Bigamist gewesen, noch ein Mörder Tausender von
Existenzen. Unter solchen Menschen wäre der Präsident der Condor Oil Co.
ein Mensch gewesen, gut wie ich, wahrscheinlich viel besser und nobler
als ich. Denn er besaß etwas, was nur wenige Menschen besitzen: Größe.
In unserer Zeit konnte er diese Größe nur zeigen durch Brutalität, durch
Rücksichtslosigkeit, durch Skrupellosigkeit. Seine Schuld war es nicht.
2
Betty hatte ihm telephoniert, daß sie ihn dringend zu sprechen habe. Er
hatte ihr geantwortet, er könne sie jetzt nicht sprechen, weil er in
wichtiger Conference mit hohen Persönlichkeiten seiner Company sei.
Daraus machte sich Betty nichts. Sie sauste sofort in das Gebäude der
Condor Oil Co. Die zweite Sekretärin sagte ihr, daß Betty Mr. Collins
auf keinen Fall sprechen könnte, er sei in Conference.
So etwas konnte niemand ihr antun. Betty nicht. Conference oder nicht
Conference. Wenn sie, Betty, Mr. Collins zu sehen hatte, dann sah sie
ihn, und wenn er bereits begraben gewesen wäre. Dieses Temperament
und dieses wilde Draufgängerwesen war ja gerade eine ihrer
Hauptspezialitäten, warum sie von Mr. Collins in die Gruppe aufgenommen
worden war, die jene Einheit der vollkommenen Frau bildete, die Mr.
Collins nötig hatte, um dem aufregenden Leben gegenüber widerstandsfähig
und munter zu bleiben.
Wenn seine eigene Frau gewagt haben würde, was jetzt Betty tat, so würde
er sie erschossen haben, und das Gericht hätte ihn freigesprochen. Denn
der ungerufene Eintritt in das Allerheiligste wird immer mit dem Tode
bestraft. Eine wichtige Conference von Aufsichtsratsmitgliedern einer
amerikanischen Milliarden-Company ist um ein Vielfaches heiliger als das
Allerheiligste in Tibet.
Wer die Räderwerke kennt, muß zugeben, daß eine solche Conference in der
Tat heiliger ist als irgend etwas, das mit Religion zu tun hat. Und das
ist hier gesagt ohne Ironie. Nicht aus dem White House in Washington,
sondern aus einer solchen Conference kann hervorkommen – und ist
hervorgekommen – Ablehnung angebotener Gesandten fremder Mächte, Wechsel
eigener Gesandten, Krankheit und Rücktritt von Staatssekretären,
bewaffnete Einmischung in das bolschewistische Rußland, Aufhebung der
Redefreiheit für Kommunisten, Anzettelung einer neuen Revolution in
Mexiko, Unterstützung der Türken gegen England, Mindest-Zuchthausstrafe
für Wobblies zwanzig Jahre, Freihandel für Whiskyschmuggler, Absendung
von Panzerschiffen und Marinetruppen nach Columbia, Einmarsch von
amerikanischen Truppen in Peking, Sättigung von angeblich verhungernden
Kindern in Armenien und Griechenland mit den minderwertigen Konserven,
die infolge übereilten Friedensschlusses nicht mehr an die eigenen
Soldaten verkauft und verfüttert werden konnten, unbeschränkte Land- und
Wasserrechte für die Staaten in der unabhängig-abhängigen Republik
Nicaragua, belebte Hoffnung für den ehemaligen deutschen Kaiser, wieder
das Zepter in die Hand nehmen zu dürfen, Absetzung von zweitausend
Bürgermeistern und ihre Ersetzung durch andere, Schweigsamkeit des
amerikanischen Präsidenten, Entlassung des politischen Redakteurs der
New York Times, des wirtschaftlichen Redakteurs der New York World,
erzwungener Verkauf der Chicago Tribune, eine Flut von antisemitischen
Artikeln in den Zeitungen, eine Flut von prosemitischen Artikeln in den
Zeitungen, Wechsel der Professoren für Volkswirtschaft und der für
Internationales Recht an den Universitäten Columbia, Chicago und
California, Herabsetzung des Preises für Bibeln, Gewährung hoher
langfristiger Kredite an die deutsche Industrie, Gewährung von Krediten
an das bolschewistische Rußland, Deportierung von Pazifisten und
ähnlichen Friedensschalmeienbläsern, Bau von achtzehn neuen
Panzerschiffen, Kontrakt für alle Völker, keinen Krieg mehr zu führen,
ohne vorher in Washington um Erlaubnis zu bitten, Liga der Nationen
gegen die Menschheit und für den Profit, Glückwunschtelegramm an
Deutschland für Ablieferung eines Kriegszeppelins, Propaganda zur
Belebung der Sittlichkeit unter der arbeitenden Klasse, Verbot der
Prostitution für zwei Dollar und darunter, Ermunterung der Prostitution
für ein Auto zur Auffrischung der um ihre Existenz kämpfenden
amerikanischen Autoindustrie, Unterstützung der Abzahlungsidee und
ähnlicher Absichten zur Versklavung der weniger kaufkräftigen
proletarischen Bevölkerung, Verweigerung von Krediten an kooperative
Gesellschaften und an Vereinigungen, die Häuser bauen, um Wohnungen zum
Selbstkostenpreise vermieten zu können, und noch einiges mehr.
Überdenkt man alle die Konsequenzen, die aus den Beratungen und
Beschlüssen der Conferencen großer Companien hervorgehen können, so wird
man begreifen, daß es hier um heilige Dinge ging. Kein Gott war je so
mächtig, daß er verwickeltere Kombinationen hätte schaffen können als
hier geschaffen wurden. Es ging um Menschen und Völker, es ging um
christliche, mohammedanische und buddhistische Religionen, es ging um
Götter und Dämonen, um Versetzung von Gebirgen und Durchstechung von
Erdteilen, man brachte Ozeane zusammen, die nicht zusammen gehörten, und
man trennte Länder und Völker, die miteinander verwachsen waren seit
urewigen Zeiten. So etwas konnte Gott nur in Jahrmillionen tun, was hier
durch einen Beschluß getan wurde. Und wo ein solcher Beschluß gefaßt
wird, sei es im Himmel oder sei es im Olymp oder sei es im
Conference-Raum einer amerikanischen Milliarden-Company, da ist das
Allerheiligste, da und nirgendwo sonst muß das Allerheiligste der
Menschheit sein.
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