Nah’ am Rande der Barranca,
Gebadet tags im Sonnengold,
Geliebkost von Frau Luna nachts,
Traulich blüht La Rosa Blanca.
Jeden Tag schon in der Frühe
Sing’n die Vögel deinen Ruhm;
Wie du blühst, seit Gott dich schuf,
Ewig, weiße Rose, blühe.
Wenn ich auch einst verwelken muß,
Weiße Rose, du sollst blühen,
Und mein letzter Lebenshauch
Ist für dich mein Abschiedskuß.
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Die Condor Oil Company war unter den großen amerikanischen
Oil-Companien, die ihre Unternehmungen auf Mexiko ausgedehnt hatten,
durchaus nicht die mächtigste und auch nicht die stärkste.
Aber sie hatte den stärksten Appetit.
Für die Entwicklung eines Individuums wie für die Entwicklung eines
ganzen Volkes ist der Appetit bestimmend. Erst recht und ganz besonders
ist ein guter Appetit bestimmend für die Entwicklung einer
großkapitalistischen Company. Der Appetit entscheidet das Tempo der
Machtentfaltung, und der Appetit entscheidet darum auch die Wahl der
Mittel, die angewandt werden, um das Ziel zu erreichen: eine
einflußreiche und gebietende Macht im internationalen Wirtschaftsleben
zu sein. In ihrem Aufbau, in ihrem Wesen, in ihren Zielen und in ihren
Arbeitsmethoden, wie auch in ihren Problemen, unterscheidet sich eine
moderne großkapitalistische Company wenig von einem Staate. Der einzige
sichtbare Unterschied ist wohl nur der, daß eine großkapitalistische
Company gewöhnlich besser organisiert ist und vernünftiger und
geschickter geleitet wird als ein Staat.
Die Condor Oil Company war die jüngste der Companien, die hier
miteinander und gegeneinander im Felde standen, wo um die Vorherrschaft
auf dem Markt gekämpft wurde. Da sie die jüngste war, so war sie die
gefräßigste. In der Auswahl und in der Anwendung der Mittel, einen
einflußreichen Platz im Wettbewerb mit den alten und mächtigen Companien
zu gewinnen, kannte sie weder Hemmungen noch Rücksichten. Wenn sie
überhaupt einen Grundsatz hatte in bezug auf die Art des Kampfes, so war
es der: Der Krieg, der am brutalsten geführt wird, dauert am kürzesten
und ist darum der humanste.
Hierin fand sie gleichzeitig eine moralische Entschuldigung ihrer
Handlungen, so daß sie, vor sich selbst gerechtfertigt, sagen konnte,
sie führe den humansten Kampf, und daß sofort Friede sein werde, sobald
sie den Kampf gewonnen habe.
Die Macht einer Öl-Company hängt nicht allein von der Zahl der Öl
produzierenden Brunnen ab, die eine Company besitzt. Die Macht hängt
vielmehr davon ab, wieviel Land sie besitzt oder unter Kontrolle hält.
Und hier sind es drei Arten von Land, die in Frage kommen.
Land, das bestimmt Öl trägt; Land, das nach dem Gutachten der Geologen
Öl tragen muß; und Land, das nach dem Instinkt der Ölleute Öl haben
sollte. Die dritte Gattung des Landes ist es, die Spekulationen
ermöglicht und die Millionen an Dollars verdienen läßt, ohne daß auch
nur ein einziges Faß Öl produziert zu werden braucht.
So ging der Kampf der Companien darum, Land und immer mehr Land zu
gewinnen. Es wurde mit größerem Eifer und mit größerer Geschicklichkeit
daran gearbeitet, alles Land, das Öl haben könnte, zu erobern, dann
daran, das Land, das eine Company bereits hatte, mit allen technischen
und wissenschaftlichen Mitteln bis auf den letzten Hektar auszubeuten.
Da die Condor Oil Company nicht durch ihr Kapital und nicht durch die
Zahl und den Reichtum ihrer produzierenden Brunnen in die vorderste
Reihe der gigantischen Öl-Companien treten konnte, so mußte sie den
zweiten Weg einschlagen: mehr ölverdächtiges Land zu gewinnen, als
irgendeine andere große Company besaß. Im Besitz eines gewaltigen
Umfanges an Land, das Öl hatte oder Öl haben konnte und das darum
notwendig war, den Ölbedarf des Marktes zu befriedigen, konnte sie
Preise bestimmen und sie konnte eine Kontrolle ausüben auf Öl-Companien,
die infolge ihrer gewaltigen Kapitalkraft unüberwindlich und
unkontrollierbar schienen.
So wird sich wohl leicht erklären lassen, daß es keine Untat gab und
kein Verbrechen, das die Agenten, die im Auftrage der Company
arbeiteten, das Land heranzuschaffen, nicht verübt hätten, um, wenn es
der Company notwendig erschien, das gewünschte Land zu erhalten.
Die Condor Oil Company hatte achtzehn reiche Brunnen laufen. Wo sie Land
auch nur roch, das Ölland hätte sein können, oder Land, das vielleicht
irgendeine andere Company zu erwerben gedachte, da war sie sofort auf
dem Plan.
In den erbarmungslosen Landabtreibungsgeschäften wirkte natürlich nie
einer der Direktoren mit; nie einer ihrer obersten Beamten, und nur ganz
selten ließ sie einen Amerikaner in diesem Zweige arbeiten. Die
Direktoren kamen erst in Sicht, wenn das Land, das die Company haben
wollte, bereits in jenen Händen war, die es für die Company bereit zu
halten hatten. Die Company war immer nur der zweite Käufer. Die
schäbigen Geschäfte wurden von mexikanischen oder spanischen, zuweilen
von deutschen Unteragenten abgewickelt.
Die Condor Co. hatte ihr Hauptquartier in San Francisco in Kalifornien.
Das mexikanische Hauptquartier war in Tampico, Mexiko. Sie hatte
Zweigquartiere in Panuco, in Tuxpam und in Ebano; und sie bereitete sich
vor, noch zwei weitere Büros zu errichten, eines am Isthmus, das andere
in Campeche.
Sie hatte vortreffliche amerikanische, englische und schwedische
Geologen für sich arbeiten, die gut bezahlt wurden. Sie beschäftigte
einen großen Stab von Topographen, die das Gelände aufzunehmen und zu
vermessen hatten. Die Topographen waren schon weniger gut bezahlt als
die Geologen, denn ihre Arbeit wurde weniger hoch bewertet. Darum liefen
die Topographen oft genug armselig und zerrissen herum wie Vagabunden.
Die Geologen standen den Direktoren schon ein wenig näher,
wirtschaftlich und gesellschaftlich; denn sie konnten gute Tips über
reiches Ölland in die Ohren flüstern. Die Topographen dahingegen standen
dem Proletariat näher, und da sie das freiwillig nicht eingestehen
wollten, weil sie doch studiert hatten, mußten sie mehr und härter
arbeiten als die Arbeiter, denen es Suppe oder Brühe war, ob man sie als
Proletarier betrachtete oder nicht. Die Topographen wurden viel rascher
rausgefeuert als kräftige Rigbauer; Topographen gab es reichlich,
während die Rigbauer frech waren wie Straßendreck, denn sie schämten
sich nicht, auch gelegentlich Tomaten einzukonservieren, wenn sie keine
Rigs aufzubauen hatten, oder rausgefeuert worden waren, weil sie den
Foreman verprügelt hatten.
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In der Region der Condor Co., beinahe völlig umgrenzt von reich
ölhaltenden Ländereien, die alle im Besitz oder in Lease, Vorpacht, der
Company waren, lag die Hazienda La Rosa Blanca.
Die Hazienda La Rosa Blanca hatte eine Größe von etwa achthundert
Hektar. Sie gehörte dem Indianer Hacinto Yanyez.
Ihre Produkte waren: Mais, Bohnen, Chile, Pferde, Rindvieh, Schweine,
ferner Zuckerrohr, und damit auch Zucker, und endlich Orangen, Zitronen,
Papayas, Tomaten, Ananas.
Sie lag in der Ölzone im nördlichen Teil des Staates Veracruz.
Die Hazienda machte ihren Besitzer nicht reich, wohl nicht einmal
wohlhabend. Denn alles wurde in alter hergebrachter Weise kultiviert und
bewirtschaftet. Es ging auf der Hazienda gemächlich und gemütlich zu.
Niemand regte sich auf. Es wurde nicht gehetzt, nicht getrieben, und
wenn wirklich einmal geschimpft wurde, so geschah das nur der
Abwechslung wegen und weil das Leben ja zu eintönig verlaufen würde,
wenn nicht gelegentlich einmal die Ventile abblasen können.
Die helfenden Hände auf der Hazienda waren Indianer wie der Besitzer.
Sie bekamen keine hohen Löhne. Gewiß nicht. Aber jede Familie hatte ihre
Hütte mit einem geräumigen Hof. Die Familie konnte Vieh halten nach
Belieben, und auf dem Lande, das ihr entsprechend ihrer Kopfzahl
zugewiesen war, anbauen, was ihr für ihren Unterhalt nötig erschien.
Alle jene Familien, die hier wohnten, lebten seit Generationen auf der
Hazienda. Sie waren beinahe alle mit dem Besitzer versippt und
verschwägert. Einige der Familien verdankten ihre Entstehung der großen
Zeugungsfähigkeit eines der Vorfahren des Hacinto. Hacinto war der Pate
beinahe aller Kinder, die auf der Hazienda geboren wurden, und Senjora
Yanyez war die Patin.
Der Pate, el padrino, und die Patin, la madrina, haben in Mexiko eine
bei weitem wichtigere Stellung innerhalb der Familiengemeinschaft, denn
in irgendeinem anderen Lande auf Erden. Das rührt von uralten Zeiten
her, aus weit zurückliegender Zeit der Indianer. Infolge der ungemein
häufigen Ineinanderverheiratung der Spanier mit indianischen Frauen
haben sich in den Sitten des mexikanischen Volkes zahlreiche
Gewohnheiten und Gebräuche der Indianer erhalten überall da, wo es sich
um Küche, Haus und Familienbeziehungen handelt, also in jenen Dingen, wo
der Mann gewöhnlich passiv und neutral ist, weil sie das Urgebiet der
Frau betreffen.
Der Pate galt im alten indianischen Mexiko – und gilt auch im heutigen
Mexiko – ebensoviel für das Kind wie der eigene Vater. In zahlreichen
Fällen, wenn der Vater stirbt oder sich, aus vielerlei Gründen, unfähig
erweist, Erzieher des Kindes zu sein, tritt der Pate in die vollen
Rechte und Pflichten des Vaters ein. Der Pate hat sich um das
Wohlergehen des Kindes, zu dem er Pate ist, zu kümmern. Wenn ihn auch
das öffentliche Gesetz nicht zwingt, seine Pflicht gegenüber dem Kinde,
das der Hilfe bedarf, zu erfüllen, so kann er sich dieser Pflicht doch
nicht entziehen; denn er würde dadurch seine Achtung und sein Ansehen in
der Gesellschaft, die sich ja aus Familien zusammensetzt, verlieren,
genau so gut, als ob er irgendeine sonstige schäbige Handlung begeht,
die vielleicht vom Gesetz, nicht aber von dem Gesellschaftskreise, dem
er angehört, verziehen wird.
Der Vater des Kindes nennt den Paten des Kindes Compadre, das heißt
Mit-Vater, und die Patin nennt er Comadre, das ist Mit-Mutter. Beide,
Pate und Vater, reden sich mit Compadre an, und Patin und Mutter nennen
sich gegenseitig Comadre. Und wenn der Vater des Kindes die Patin ruft,
so sagt er auch nicht Senjora, sondern er ruft sie Comadre.
Aus diesen Gründen betrachten sich der Vater des Kindes und der Pate des
Kindes wie Brüder, und das Verhältnis zwischen beiden ist oft herzlicher
als das zwischen Blutsverwandten, weil die Wahl eine freiwillige ist und
die Wahl von der Sympathie abhängt, die jene zwei Leute füreinander
empfinden.
Wenn sich der indianische Farmarbeiter den Patron, den Herrn der
Hazienda, zum Paten für sein Kind aussucht, dann kommt der Herr. Er ist
nie zu stolz dazu; denn er betrachtet es als eine große Ehre, daß er zum
Paten erwählt wurde. Das liegt im indianischen Blute. Und von dem
Augenblicke an, wo der Herr Pate des Kindes jenes Farmarbeiters geworden
ist, sagt der Farmarbeiter nun nicht mehr „Patron!“ zum Herrn, sondern
Compadre. Und der Herr sagt nicht mehr „He, Juan!“ zu dem Arbeiter,
sondern er sagt gleichfalls Compadre zu ihm, obgleich sich die rein
wirtschaftliche Stellung der beiden zueinander nicht verändert. Sie sind
von nun an Brüder und behandeln sich wie Brüder.
Dieses Verhältnis besteht auf allen Haziendas in Mexiko, wo der Besitzer
und die Hazienda-Leute indianischen Blutes sind. Ein solches Verhältnis
bringt Zustände hervor, die anderswo auf Erden wohl nicht gefunden
werden können.
Dem Patron gehört die Hazienda. Sie gehörte seiner Familie schon, ehe
Kolumbus geboren wurde. Denn der Vorfahr, der Gründer der Familie, war
ein indianischer Fürst, der Häuptling eines Stammes der Huasteken, der
in jenem Bereich seinen Sitz hatte. Aber der Patron betrachtet sich nur
als Nutznießer der Hazienda. Er fühlt sich verantwortlich für das
Wohlergehen aller, die auf der Hazienda leben; denn er ist ja der
Compadre aller, und alle sind seine Compadres. Er kleidet sich nicht
reicher als die, die auf der Hazienda arbeiten. Er trägt die Tilma wie
sie, und wie sie trägt er Sandalen. Er ißt Tortillas und Frijoles wie
alle übrigen. Aber dennoch ist das Verhältnis ein ganz anderes als das
patriarchalische Verhältnis auf den alten europäischen Bauernhöfen, wo
alle Knechte und Mägde am selben Tisch mit dem Bauern und der Bäuerin
sitzen.
Hier sind alle selbständig, alle haben ihre eigenen Familien, ihren
eigenen Haushalt. Der Patron ist der Richter in allen ihren
Angelegenheiten, ihr Ratgeber, ihr Briefschreiber – wenn er schreiben
kann –, ihr Arzt, ihr Rechtsanwalt, ihr Verteidiger gegen Behörden, die
Unmögliches verlangen, ihr Versorger in schlechten Ernten und der
Versorger ihrer Witwen und Waisen. Jedoch er ist niemals „der“ Herr. Er
bereichert sich nie an seinen Leuten. Er hat mehr Vieh als die übrigen,
hat mehr Mais, mehr Bohnen und hat ein wenig mehr Geld. Ein wenig mehr.
Nicht viel. Denn es leben viel zu viele Familien auf der Hazienda. Die
Familien vermehren sich. Sie vermehren sich reichlich. Und alle jungen
Paare, die eine neue Familie gründen, wollen in ihrer Heimat bleiben,
also auf der Hazienda. Und für alle muß Land und Rat geschafft werden.
Und wird geschafft. Der Patron muß ja ein wenig mehr haben als die
übrigen, denn er hat zwanzigmal mehr Verpflichtungen als alle übrigen.
Wo der Patron ein Mexikaner nichtindianischen Blutes oder wo er gar
Spanier oder, schlimmer vielleicht, gar Deutscher ist, liegen die Dinge
völlig anders. Da gibt es Herren und Knechte; denn da muß Geld verdient,
da muß die Hazienda ertragreich gemacht werden, damit sie mit tausend
Prozent Gewinn verkauft werden kann an einen, der abermals tausend
Prozent an ihr gewinnen will. Da gibt es auch keine Compadres und keine
Comadres.
Hacinto Yanyez jedoch, der Patron der Hazienda La Rosa Blanca, war
Indianer. Und weil er Indianer war und alten indianischen Gesetzen
folgte, ohne ihren Wortlaut zu kennen, da er sie im Blut hatte, darum
mußte ein Zusammenstoß einer amerikanischen Öl-Company mit ihm zu einer
Tragödie führen. Denn die Waffen, die er zu führen verstand und die zu
führen er gewohnt war, versagten gegenüber einer amerikanischen
großkapitalistischen Company, die Milliarden verdienen mußte, um ihren
Aktionären den Besitz einer Luxusjacht und Einkäufe in den Boulevards in
Paris zu gewährleisten.
3
Die übrigen Haziendas, Farmen und Ranchos der Gegend hatte die Condor
Oil Co. in der üblichen Weise gewonnen. Wie man so Land gewinnen kann.
Diese Ländereien waren aufgeteilt worden in Lotes, in Lote Nr. 1, in
Lote Nr. 2 und so an und fort bis Lote Nr. 78. Lote ist ungefähr
dasselbe wie Parzelle oder Terreno.
Aber im Familienschmuck der Condor Co. fehlte eine Perle. Die schönste
Perle unter allen, die Hazienda La Rosa Blanca, Die Weiße Rose.
Rund herum war das saftigste Ölland. Die reichsten Brunnen, die das
schwarze Gold in dicken Strahlen hervorsprudelten, in Strahlen so
mächtig, daß sie beim ersten Einblasen fünfhundert Meter hoch in die
Wolken schossen mit dem ohrenbetäubenden Gebrüll eines gigantischen
Wasserfalls oder mit dem Geschnaube von fünfzig vereinigten
Expreßzug-Lokomotiven, die gleichzeitig ihre Ventile öffneten. Diese
reichsten Brunnen lagen an den Grenzen der Hazienda.
Die Condor Co. mußte in den Besitz der Rosa Blanca gelangen, auch wenn
sie darum einen Krieg der Staaten mit Mexiko hätte heraufbeschwören
müssen. Ihre Direktoren und Aktionäre zogen ja auf keinen Fall mit in
den Krieg. Sie waren aus dem Alter heraus, und wären sie nicht aus dem
Alter heraus gewesen, so hätten die Ärzte sie herzkrank, zuckerkrank
oder lungenschwach geschrieben.
Es wurde dem Senjor Hacinto Yanyez eine Lease, eine Vorpacht, angeboten
mit fünf Dollar das Hektar jährlich für zwanzig Jahre und acht Prozent
Beteiligung am Gewinn.
Hacinto aber sagte zu den Agenten: „Das kann ich nicht. Ich kann die
Hazienda nicht verpachten. Ich habe kein Recht dazu. Mein Vater hat sie
auch nicht verpachtet. Auch nicht mein Abuelo, mein Großvater. Auch
nicht dessen Vater. Ich muß sie behalten für die, die nach mir kommen
werden. Die wollen auch essen. Und die müssen sie behalten für jene, die
wieder nach ihnen kommen werden. So war das immer. Ich habe ja die
Orangenbäume und die Nußbäume auch von meinem Vater bekommen. Hätte er
keine gepflanzt, dann würde ich keine Orangen und keine Zitronen und
keine Nüsse haben. Darum muß ich wieder junge Bäume pflanzen, damit auch
die, die nach mir leben wollen, Orangen und Zitronen und Nüsse haben.
Das ist nun eben so mit der Hazienda. Das können Sie doch verstehen,
Senjor Pallares?“
Senjor Pallares, der Agent, der Aufkäufer für die Condor Co., konnte das
natürlich nicht verstehen, weil er nie Land besessen und weil sein Vater
nie Land gehabt hatte. Er war nur Licenciado, ein Rechtsanwalt, wie sein
Vater auch gewesen war.
Er kam zur Company und sagte dort, daß Hacinto verrückt sei.
Darauf sagte der Direktor, wenn Hacinto verrückt sei, dann könnte man
ihn ja ins Irrenhaus schicken.
Hacinto wäre nicht der erste gewesen, der ins Irrenhaus geschickt wurde
und dort verkam und starb, weil eine Oil-Company seinen Besitz auf keine
andere Weise bekommen konnte. Dutzende waren ins Irrenhaus geschickt
worden. Denn irre ist jeder, der es ablehnt, einen Kaufpreis für ein
Stück Land anzunehmen, der tausendmal höher ist als der Kaufpreis für
das Land war, ehe Öl in der Nähe gefunden wurde.
Es kam ein anderer Agent. Wieder ein Mexikaner. Und wieder ein
Licenciado. Senjor Perez.
Er kam mit dem großen Geldsack, brachte das blinkende Gold gleich mit.
Nicht alles. Aber doch einen großen Teil. Er hoffte, daß der Anblick des
schönen gemünzten Goldes Hacinto nachgiebig machen würde.
Licenciado Perez bot keine Lease an. Er wollte die Hazienda kaufen. Das
gab mehr Geld und war darum eine größere Versuchung.
„Aber ich kann doch die Hazienda nicht verkaufen, Senjor Licenciado“,
sagte Hacinto in seiner ruhigen stoischen Weise. Zeit war für ihn kein
bestimmter Begriff, darum ließ er sich auch beim Sprechen nicht zur Eile
drängen. „Ich kann die Hazienda wirklich nicht verkaufen. Sie gehört
doch gar nicht mir.“
„Wie?“ fragte Senjor Perez. „Gehört nicht Ihnen. Das ist ja neu. Steht
doch in den Registern als Ihr Eigentum.“
Hacinto lachte: „Sie gehört mir natürlich, die Rosa Blanca. Wie sie
einstmals meinem Vater gehört hat. Aber sie gehört auch meinem Vater
nicht mehr. Ich meine, die Hazienda gehört mir nicht so, daß ich damit
machen kann, was ich will. Sie gehört doch auch denen, die nach mir
leben wollen. Für die bin ich verantwortlich. Ich bin nur der Verwalter
für die, die später leben wollen und leben werden. Wie mein Vater nur
der Verwalter war und dessen Vater und dessen Vater und so immer weiter
zurück und so immer weiter voran.“
„Das ist ja Unsinn, Senjor Yanyez. Lassen Sie nur die andern für sich
sorgen. Sie können ja Ihren Kindern das Geld geben oder hinterlassen.
Die können Doktor werden in Mexiko oder Licenciado oder sie können sich
einen schönen Laden kaufen, wo sie tüchtig verdienen können, und sie
können sich Automobile kaufen.“
„Aber sie haben doch kein Land“, sagte Hacinto eigensinnig. „Sie müssen
doch essen. Wie wollen sie denn essen, wenn sie keinen Mais bauen.“
„Seien Sie doch nicht so stumpfsinnig“, sagte Senjor Perez. „Ihre
Nachkommen können sich doch den Mais für die Tortillas kaufen, sie haben
doch dann Geld genug.“
„Aber der Mais muß doch angebaut werden. Es muß doch jemand Mais
pflanzen. Dazu braucht man doch Land. Ein Automobil ist ja vielleicht
ganz schön, aber es ist doch kein Mais. Und Fleisch ist auch nicht da.
Und auch keine Bohnen und kein Chile.“
Senjor Perez gab es auf, in dieser Weise mit dem blöden Indianer weiter
zu verhandeln. Er griff von einer neuen Seite an.
„Sie werden doch einmal alt, nicht wahr?“
„Nein“, antwortete Hacinto. „Ich werde nicht alt. Wenn ich alt werde,
dann bin ich tot. Dann sterbe ich. Alt werde ich nicht. Mein Vater ist
auch nicht alt geworden. Er war gleich tot, als er glaubte, nicht mehr
arbeiten zu können. Er war nicht alt. Er hat bis zum letzten Tage
gearbeitet. Und ich kann das Land nicht verkaufen, weil die, die
nachkommen, auch Land haben müssen.“
Er begann nun, alles das wieder aufzuzählen, was er schon dem Licenciado
Pallares gesagt hatte, über die Orangenbäume und Nußbäume und über die
späteren Geschlechter, die ihm vorwerfen werden, daß er übel für sie
gesorgt hätte und daß sie verhungern müßten, weil er das Land weggegeben
habe.
Aber als er sich erinnerte, daß er das alles schon früher einmal zu
jemand erzählt hatte, und als er sah, daß seine Worte auch nicht den
geringsten Eindruck auf Senjor Perez machten, als er erkannte, daß
Senjor Perez, obgleich er ein gelehrter Licenciado war, gar nichts
verstand von Land und von Pflichten und von allen den Sachen, die
Hacinto so wichtig erschienen, da fiel ihm etwas Neues ein. Bisher hatte
er, wenn er von denen sprach, die nach ihm kommen würden und essen
wollten, nur an seine eigenen Kinder und Nachfahren gedacht und nur an
Nachkommen im allgemeinen.
Jetzt aber, als ob ihm jemand auf dem reinen Wege der
Gedankenübertragung daran erinnert hätte, kam ihm zum Bewußtsein, daß er
ja noch viel größere Pflichten habe. Höhere Pflichten als die für seine
eigenen Nachkommen. Was sollte denn aus seinen Compadres, aus seinen
Comadres werden? Was aus den sechzig Familien, die auf seiner Hazienda
lebten? Sie wurden alle enterbt, entlandet, entwurzelt, wenn er die
Hazienda verkaufte. Sie alle waren ja seine Kinder, seine Schützlinge,
seine Mündel, seine Pflegebefohlenen. Wie konnte er sie verlassen und
ihnen das Land nehmen? Sie waren sein Blut und seine Seele gleich seinen
leiblichen Kindern. Und alle werden doch eines Tages begraben und
gefolgt werden von denen, die auch ihnen nachkommen werden und Land
benötigen, um in der Welt sein zu können. „Nein, ich kann die Hazienda
nicht verkaufen, Licenciado.“ Er sagte es jetzt noch bestimmter als
vorher. „Die Hazienda gehört nicht mir, sie gehört ja auch meinen
Compadres. Was sollen die denn tun?“
Senjor Perez zündete sich eine Zigarette an, spielte eine Weile mit dem
Wachsfädchen, als ob er nach der besten Antwort suche, um Hacinto mit
einem Satze dauernd zu schlagen.
Als er das Fädchen ganz zermürbelt hatte, sagte er: „Die Leute? Die
können alle in den Kamps arbeiten. Verdienen viel mehr als hier auf der
Hazienda. Was haben sie denn hier? Fünfzig Centavos den Tag. Vielleicht
achtzig. In den Kamps verdienen sie fünf Pesos, acht Pesos und arbeiten
nur acht Stunden. Haben es viel leichter. Können sich Stiefel kaufen und
ihren Frauen seidene Kleider und Lackschuhe und parfümierte Seife. Wenn
sie sparen und nicht alles vertrinken, können sie sich bald einen Laden
kaufen.“
Hacinto verstand das nicht. Er wußte gar nicht, wovon geredet wurde. In
seinem Kopfe war immer nur ein Gedanke, ein einziger Gedanke. Aber
dieser eine Gedanke war so stark, daß er für ihn die ganze Welt und alle
ihre Probleme umfaßte und erklärte. Alle Fragen wurden in diesem einen
großen Gedanken für ihn endgültig gelöst. Er konnte diesen Gedanken
nicht mit den schönen Worten eines Dichters ausdrücken, auch nicht mit
den verschnörkelten Sätzen eines Gelehrten und auch nicht mit dem
Zahlengewirr eines Volkswirtschaftlers. Er konnte ihn immer wieder nur
in einem kurzen schlichten Satze hersagen: „Aber sie haben doch dann
kein Land mehr, und sie können doch keinen Mais anbauen.“
Das Wort Mais war für ihn, den Indianer, derselbe Ideenbegriff wie für
den Europäer das Wort „Unser täglich Brot gib uns heute“. Heute, heute,
lieber Gott; denn wir können nicht bis morgen warten, wir haben heute
Hunger, und wenn wir das Brot nicht heute haben, so sind wir morgen tot.
Für den Licenciado war aber das ewige Wiederholen desselben Satzes, den
Hacinto wußte, langweilig. Hacinto wußte in der Tat keinen andern Satz,
weil in dem Satze ja alle seine Weisheit verborgen lag, wie die Weisheit
aller Menschen von jeher wurzelte in dem Worte „Land ist Brot, und Brot
ist Leben“. Was brauchte es mehr!
Aber der Licenciado Perez wußte, daß man Mais überall kaufen könne. Man
brauche ja nur das Geld. Und das Geld kann man verdienen. Leicht
verdienen. Für das Geld, das ihm die Company versprochen hatte, falls er
den Kauf der Rosa Blanca durchsetzte, konnte er sich eine ganze
Schiffsladung Mais kaufen. Mais, Mais und noch einmal Mais. An etwas
anderes dachten alle diese stupiden Indianer nicht.
Dennoch: in aller seiner Klugheit und in aller seiner
Rechtsgelehrsamkeit dachte der Licenciado Perez nicht daran, daß der
Mais aber doch gebaut werden müsse, wenn man ihn haben oder kaufen
wolle. Irgendwo mußte der Mais doch gebaut werden. Aber der Licenciado
lebte ja in einer andern Welt, wo man Mais und Land trennen konnte, ohne
daß man daraus Probleme sich entwickeln sah. In seiner Welt war die
Beziehung Mais und Land, Mensch und Land völlig getrennt. In seiner Welt
dachte man schon nicht mehr Mais, sondern man dachte nur Produkt. In
seiner Welt sagte man: „Was gehen uns die an, die nachkommen? Nach uns
der Weltuntergang mit drahtloser Filmvorführung im Schlafzimmer. Land,
Land, Land. Was ist Land? Wir brauchen das Land für Öl, damit wir unsere
Automobile füttern können. Mais? Land für Mais? Zur Hölle mit diesem
verblödeten Indianer! Wenn wir Mais gebrauchen, weil wir alles Land
verölt haben, dann machen wir ihn mit der Maschine und kaufen ihn in
Konservenbüchsen.“
4
„Hacinto“, sagte nun Senjor Perez, vertraulich. Und er sprach
eindringlich wie ein Mann, der auf seinen Bruder, der von Hause
fortgelaufen ist, einreden mag, um ihn zur Heimkehr zu überreden, weil
sich die Mutter die Augen ausweint. „Hacinto, nun seien Sie doch einmal
vernünftig. Ich will Sie ja nicht betrügen.“
„Das glaube ich auch nicht, daß Sie das wollen“, antwortete Hacinto.
„Ich will das Land ehrlich kaufen von Ihnen, für einen guten Preis.“
„Aber Senjor Licenciado, ich kann doch das Land nicht – –“
„Halt, halt“, unterbrach ihn Senjor Perez mit einem Tone, wie man zu
einem Kranken redet, den man nicht aufregen darf. „Doch, Hacinto, Sie
können verkaufen.“
„Nein, ich kann nicht“, sagte der Indianer eigensinniger als vorher.
„Ich habe kein Recht dazu. Das Land gehört nicht mir.“
„Kommen Sie nun nicht abermals mit diesem Unsinn. Ich habe die Register
durchgesehen und gefunden, das Land gehört Ihnen. Die Titel sind in der
besten Ordnung. Habe nie so gute und reine Rechtstitel gesehen. Das Land
gehört Ihnen, und Sie können damit machen, was Sie wollen. Verkaufen
oder verschenken oder verpachten.“
„Aber meine Compadres und die, die nachkom–“
Senjor Perez, geübt in den Kniffen des geschickten Anwalts, ließ dem
Indianer keine Zeit, sich wieder in den alten hartnäckigen Gedanken
festzusetzen. Er wußte nun schon, was wieder folgen würde, und er griff
darum gleich an: „Alle die Männer der Familien, die Sie hier auf der
Hazienda haben, bekommen Arbeit in den Kamps der Condor Co. Das
verspreche ich Ihnen. Ich bringe das mit als Kaufbedingung in den
Kontrakt. Die Leute sollen keiner weniger als drei Pesos verdienen, und
wenn sie anstellig sind und sich eingearbeitet haben, vier und fünf
Pesos.“
„Ja, das glaube ich,“ meinte Hacinto, „soviel verdienen die Peons in den
Kamps. Der Muchacho, der Junge vom José hier, arbeitet in einem Kamp und
bekommt vier Pesos. Der Junge vom Pedro arbeitet auch in einem Kamp, er
will Geld verdienen, weil er heiraten will und der Schwiegervater eine
Kuh als Gabe für das Mädchen verlangt. Aber der Marcos, der auch in den
Kamps gearbeitet hat, ist wieder hier. Er sagt, er will nie wieder in
das Kamp gehen, und wenn man ihm zehn Pesos gibt. Er will lieber
hierbleiben auf dem Land. Er sagt, er war immer traurig im Kamp, und
hier lacht er immer.“
„Er ist eben ein Dummkopf, der Bursche. Man muß sich gewöhnen können,
wenn man Geld verdienen will“, sagte der Licenciado. Und er hatte recht.
Wie alle seines Berufs.
Er lenkte nun zur Abwechslung das Gespräch auf eine andere Bahn: „Wenn
Sie hier das viele Geld haben, Hacinto, dann können Sie sich ein
Automobil kaufen.“
„Ich brauche kein Automobil“, sagte Hacinto gleichgültig.
„Aber, Mann, Hombre, dann können Sie doch in einer halben Stunde in
Tuxpam sein.“
„Ich will ja aber gar nicht in einer halben Stunde in Tuxpam sein. Ich
will ja mit den Leuten am Wege sprechen und sehen, wie ihr Mais steht
und was die Kleinen machen, die ich alle kenne, und ich will sehen, ob
die blauen Buschblumen schon heraus sind und ob die großen Schildkröten
an der Laguna Eier in den Sand gelegt haben und ob der schwere
Mahagonybaum, der vor vier Jahren abbrach und sich quer über den Weg
legte, noch immer nicht verfaulen will. Ich habe schon zweimal Feuer
untergelegt, damit er durchbrennen soll. Aber er brennt nicht durch, und
wir müssen nun immer herumreiten.“
„Estupido, stupid, stupid“, sagte Senjor Perez halblaut, und dann laut:
„– aber sehen Sie, in einem Automobil –“
„Wenn ich nach Tuxpam will, um Schweine zu verkaufen oder um einen neuen
Hut für Nazario mitzubringen, dann nehme ich den gelben Macho und reite
früh um halb vier fort und bin um neun in Tuxpam. Das ist mir dann
gerade Zeit genug. Und ich habe alles auf dem Wege gesehen, und ich habe
mit Rafael gesprochen, der sich ein neues Palmdach auf den Jacal, auf
sein Haus, gelegt hat, weil das andere zu alt war und durchregnete. Dann
bin ich immer noch zeitig genug in Tuxpam. Ich brauche kein Automobil.
Wirklich nicht, Licenciado.“
Senjor Perez sah sich wieder einmal hoffnungslos, und es kostete ihm
ersichtlich große Mühe, eine neue Idee zu finden, um Hacinto den Besitz
vielen Geldes verlockend zu machen.
Ehe er aber etwas Neues sich ausdenken konnte, das Hacinto der Welt der
Geldmacher vielleicht hätte näherbringen können, hatte der Indianer
endlich eine Antwort gefunden auf das Angebot, alle Compadres als
Arbeiter in den Ölkamps unterzubringen. Er konnte im Kopf nicht so
schnell arbeiten wie ein Licenciado, der darin geübt war. Bei ihm
dauerte es länger. Aber obgleich es länger dauerte, so traf er dennoch
den Punkt. Und er traf ihn genauer, als Senjor Perez erwartet hatte.
Er sagte: „Das ist ja recht gut, wenn hier die Männer Arbeit in den
Kamps bekommen. Es kann ja sein, daß sie dort arbeiten können und Geld
verdienen. Aber wenn der Brunnen gebohrt ist, dann ist doch keine Arbeit
mehr für die Leute. Dann bekommen sie auch kein Geld mehr.“
„Die Company bohrt nicht nur hier Brunnen, sie hat sehr viel Land. Da
werden dann die Leute von hier hingeschickt.“
Hacinto war aber jetzt durchaus auf dem richtigen Wege. Denn er sagte
nun: „Dort aber, wo die Leute hingeschickt werden, sind dann doch die
Leute von jenem Land, die Arbeit haben wollen. Was tun dann die?“
Senjor Perez fühlte, daß er überrumpelt war. Er fand hier nicht heraus.
Ohne viel darüber nachzudenken, platzte er heraus: „Jene Leute müssen
dann eben weiter gehen und sehen, wo sie Arbeit finden.“
„Aber man hat ihnen doch das Land weggekauft, wie können sie denn nun
leben, wenn die Männer von hier ankommen. Sie haben doch kein Land mehr.
Die müssen doch alle sterben, wenn die Männer von hier kommen. Es wird
auch nicht ewig gebohrt. Einmal ist es doch alle, das Öl. Dann haben
alle Männer vergessen, wie man Mais baut.“
Einfach wie alle Probleme waren, wenn Land genug da war und die Leute
verstanden, es zu bebauen, so verwickelt wurden plötzlich die
einfachsten Fragen, sobald die Leute aus ihrer Erde herausgerissen
wurden. Das sah jetzt selbst Senjor Perez ein. Der Indianer hatte ihn
völlig aus seiner sicheren Stellung innerhalb der menschlichen
Gesellschaft geworfen. Er hatte ihn selbst aus allen den Weisheiten
hinausgeschleudert, die sich Senjor Perez in Schule und Leben erworben
hatte. Hätte er einem andern Licenciado, einem andern gebildeten Mann,
ja hätte er nur einem Kaufmann aus einer größeren Stadt sich gegenüber
gesehen, dann hätte er mit diesen Problemen irgendwie fertig werden
können. Mit einem andern Manne, der in der Stadt und in städtischen
Erwerbsmöglichkeiten lebte, hätte er diese Fragen besprechen können. Sie
wären sicher zu einer Lösung gelangt, die beide befriedigt hätte, weil
sie beide die gleiche Sprache redeten. Sie hätten sprechen können von
Gesetzen, die dann nötig wurden, von Parlamentsbeschlüssen, von Dekreten
des Präsidenten, von besseren Transportmöglichkeiten, von
Massenproduktion notwendiger landwirtschaftlicher Erzeugnisse,
Massenproduktion infolge weitgehender Anwendung hochkräftiger Maschinen
und wissenschaftlicher Lehren. Freilich blieb die Frage immer offen: Wo
nehmen wir das Land her? Denn daß man Mais aus den Abfallprodukten des
Öls oder aus der Schlacke der Steinkohle machen könnte, das schien ja
selbst einem Licenciado ein wenig zu weit gegriffen.
Wie dem auch immer war, gegenüber der verblüffenden Einfachheit, in der
Hacinto die Probleme der menschlichen Gesellschaft und des menschlichen
Daseins sah, kam sich Senjor Perez sehr hilflos vor. Er konnte den
Indianer nicht erreichen. Es war so, als ob der Indianer auf einem
andern Planeten stünde, zu dem man von dem Planeten, auf dem der
Licenciado stand, niemals und mit keinem Mittel hinüberreisen kann.
Der Indianer fühlte nicht, daß er den Licenciado geschlagen hatte, weil
er nicht begriff, daß jemand anders denken könne als er, der Indianer,
der in der Erde und mit der Erde lebte. Als ein Erzeugnis der Erde.
Gleich einem Baume.
Darum konnte er auch mit der letzten Waffe, die der Licenciado für die
stärkste Waffe hielt und bis zuletzt aufbewahrt hatte, nicht besiegt
werden.
5
Senjor Perez nahm den weißen Leinensack zur Hand. Er wog ihn eine Weile
beträchtlich, und dann schüttete er mit einer raschen Bewegung den
ganzen Inhalt aus. Es waren alles goldene Zehn-Pesos-Stücke. Hidalgos.
Weil sie das Bild des mexikanischen Befreiungskämpfers Hidalgo
aufgeprägt trugen.
Senjor Perez begann das Geld abzuzählen, als ob der Kauf bereits vor
sich gegangen sei.
Er häufte das Geld in kleinen Säulchen auf, je fünfzig Hidalgos
übereinandergelegt. Es sah sehr hübsch aus.
Er hatte endlich vierhundert solcher Säulchen aufgestellt in Reihe und
Glied wie Soldaten.
Wohlgefällig, beinahe andächtig, überblickte er das Regiment und sagte:
„Die Company zahlt Ihnen für das Hektar fünfhundert Pesos Oro Nacional.
Achthundert Hektar sind vierhunderttausend Pesos in Gold. Das hier sind
nur zweihunderttausend. Sie bekommen also noch einmal den gleichen
Haufen. Morgen schon, wenn Sie wollen.“
Der Eindruck, den Senjor Perez zu erwecken gehofft hatte, blieb aber
völlig aus. Der Indianer hatte durchaus kein Verständnis für diese Menge
des Goldes. Hätte man ihm einen Berg Mais hingelegt oder fünfhundert
Schweine, das hätte er verstanden. Freilich hätte er auch dafür die Rosa
Blanca nicht verkauft. Der Mais war eines Tages aufgegessen, und die
Schweine waren eines Tages aufgegessen. Was dann darauf? Hunger für die,
die nachkommen. Verläßlich war nur die Erde. Sie erzeugte ewig und ewig,
in nimmermüder Freigebigkeit, ewig und ewig sich wiederholend in
Jungfräulichkeit, in bebender Liebe, in heißem Empfangen, in jubelndem
Gebären, in zufriedenem Dahinwelken und dann wieder das stille und
heilige Neuaufkeimen rührender Jungfräulichkeit, bebender Liebe und so
an und so fort ewig und ewig wie die Sonne, wie der Mond, wie Tag und
Nacht.
Aber das Geld, der Mais, die Schweine, so viel es auch war, das alles
war nur einmal und niemals wieder.
Hacinto wußte auch recht gut den Wert eines Hidalgos. Das waren hundert
oder hundertfünfzig oder auch nur achtzig Kilo Mais, je nach dem
Marktpreis. Es war ein ausgewachsenes Schwein mittelmäßiger Güte. Ein
Hidalgo, zehn Pesos, war viel Geld. Sehr viel Geld. Aber dieses Regiment
Goldstücke, die hier auf dem Tisch aufmarschiert waren, machten keinen
Eindruck auf Hacinto. Deren Wert faßte er nicht. Das war eine Gaukelei.
Einen solchen Wert gab es nicht.
„Das sieht sehr schön aus, Senjor Licenciado“, sagte er endlich, um der
Spielerei des Licenciado eine höfliche Anerkennung zu widmen.
„Gehört alles dir, Hacinto.“ Senjor Perez duzte ihn plötzlich, um recht
brüderlich zu erscheinen. „Das gehört alles dir und noch einmal soviel,
denn das ist nur die Hälfte. Für die Rosa Blanca.“
Der Licenciado hätte Hacinto auch ganz gut das Geld anbieten können für
das Recht, ihm das Herz aus der lebenden Brust zu schneiden.
So geschah es, daß jenes Regiment Gold für Hacinto kein Leben annahm. Es
erweckte keine Träume in ihm. Regte keine Hoffnungen an. Diese Säulchen
hatten keine Macht über ihn und konnten keine Macht über ihn gewinnen,
weil vor seinen Augen etwas Größeres stand, etwas Höheres, etwas
Heiliges.
Was er besaß, das hatte er von seinen Vätern übernommen, nicht um es als
Eigentum zu besitzen, sondern um es zu erhalten und es dereinst
weiterzugeben an die Nachfolgenden. Was er besaß, war ihm nur geborgt
worden, war nur sein, um es für die kommenden Geschlechter zu verwalten.
Seine hohe Pflicht war, das geborgte Gut ungeschmälert weiterzugeben,
wenn seine Stunde kam. Was hätte er sagen können, wenn er dereinst in
den Jagdgründen der Ewigkeit seine Väter antraf und sie ihn fragen
würden: „Was tatest du mit unserem Gut? Was tatest du mit dem Gut
unserer Enkel und Urenkel?“ Er hätte sich vor Scham verkriechen müssen
in die fernsten und dunkelsten Winkel der Gebüsche, wo nie die Sonne hin
scheint und nie der Mond sein sanftes Silber dahingleiten läßt. Und was
gar, wenn alle die Väter seiner Compadres kamen und ihn fragten: „Was
tatest du mit unsern Söhnen und Töchtern?“ Und das würde so fort gehen
bis in die urewigen fernsten Zeiten hinein. Alle dreißig oder vierzig
oder fünfzig Jahre würden neue Männer heraufkommen in die grünen
Jagdgefilde und würden ihn fragen: „Wo ist das Gut, das dir deine Väter
anvertrauten für uns?“ Sie würden ihn herauszerren aus seinem dunklen
Winkel und dann wieder zurückschleudern, wenn er nicht antworten könnte.
So würde das fort gehen ewig und ewig. Und niemals Ruhe. Niemals Ruhe.
Und so, während das Gold vor ihm kein Leben bekam, so bekam die Rosa
Blanca in diesem Augenblick, als um sie gekämpft wurde, alles Leben. Sie
nahm Gestalt an. Sie sprach zu ihm. Sie lachte ihn an. Sie wurde Person.
Er hörte sie singen.
Er konnte es nicht mehr ertragen. Er stand auf und trat in die offene
Tür.
6
Dort stand er und überblickte den Hof. Der Hof sah, wie meist immer,
auch heute nicht aufgeräumt aus. Jenes hatte er schon hundertmal ändern
wollen und dieses. Immer, wenn er es sah, wollte er es ändern, und immer
gleich darauf war es vergessen und blieb.
Da in der Ecke, dicht bei dem Zaun, lag ein altes zerbrochenes Karrenrad
von einem Maultierkarren, an dessen Existenz sich niemand mehr auf der
Hazienda erinnern konnte.
Jenes Karrenrad verfaulte langsam, denn es war aus gutem eisenharten
Holz. Jeden Samstag sollte es fortgeräumt werden, und am Sonntagmorgen,
wenn er in den Portico trat, lag das Karrenrad noch immer in seiner
Ecke.
Er erinnerte sich, daß es schon dagelegen hatte, als er fünf Jahre alt
war. Da hatte sein Vater gesagt: „Das alte Karrenrad kann auch verbrannt
werden, der Manuel mag es heute abend zerhacken und das Holz zu den
Frauen in die Küche bringen.“
Der Auftrag wurde vergessen, und das Rad wurde nicht zerhackt.
Dann hatte der Vater wieder einmal, als er es sah, gesagt: „Das Rad
könnte man vielleicht zu etwas gebrauchen, ich werde mit Manuel reden,
was er denkt, was man damit machen könnte.“
Hacinto war dann, als er acht Jahre oder so alt war, in den Speichen
herumgeklettert mit der Absicht, seinen Körper geschmeidig zu machen
gleich einer Schlange.
Eine Zeitlang diente es, einen jungen Coyote, den er mit anderen Jungen
gefangen hatte, daran festzubinden. Der Coyote sollte gezähmt werden, um
ihn als Hund zu gebrauchen. Aber eines Nachts hatte sich der Coyote von
dem Strick losgebissen und war entwischt.
Dann sollte das Rad wieder einmal verbrannt werden. Dann sollte es
wieder einmal mit Hilfe Manuels zu etwas anderem gebraucht werden. Dann,
als Jüngling, hatte Hacinto des Abends auf dem Rad gesessen und – es war
in seiner Liebeszeit – von seinem Mädchen, die jetzt seine Frau war,
geträumt. Hatte darauf sitzend süße Rancholieder vor sich hin gesummt.
Und hatte manche Nacht darauf gehockt und still vor sich hin geweint,
als er glaubte, daß sie ihn nicht mochte.
Hatte dann, ein wenig später, mit ihr des Nachts zusammen darauf gehockt
und an zehn oder mehr Stellen Kerben eingeschnitten für die Umarmungen,
die sie ihm gab oder was es sonst sein mochte. Er wußte gut, was es war,
wofür er die Kerben einschnitt.
Dann starb der Vater.
Aber das alte zerbrochene Karrenrad lag noch immer da. Und noch immer an
derselben Stelle.
Dann starb auch der alte Mayordomo, der Manuel, der so oft den Auftrag
erhalten hatte, das Rad zu zerhacken oder es zu etwas anderem zu
gebrauchen.
Jedoch das Rad ließ sich durch den Tod der beiden Männer nicht stören.
Es lag da und lag da.
Und nun seit Jahren, jeden Samstag, wenn der Hof aufgeräumt wurde, gab
Hacinto den Befehl, daß das Rad endlich einmal beseitigt würde. Und
jeden Sonntagmorgen, wenn er in den Portico trat und nach dem Wetter
sah, lag das Karrenrad noch immer da. Bis zum nächsten Sabado. Aber am
Sonntag würde sicher etwas auf dem großen Hofe gefehlt haben, hätte das
Karrenrad nicht noch immer dagelegen.
Und so lag es auch jetzt da. Friedlich, gemütlich, unverfroren,
ausdauernd und selbstbewußt und wartete auf das endliche Verfaulen.
Sein ältester Junge, Domingo, saß jetzt oft, allein und weltverloren,
auf dem Rade und schnitt gelegentlich Kerben ein, wie er, der Vater,
wohl bemerkt hatte. Er wußte auch, wer das Mädchen war.
Was er jedoch am besten wußte, war, daß jenes Karrenrad immer noch
daliegen würde, wenn er eines Tages abgerufen werden wird. Denn das Rad
war kein lebloses Stück alten verwitternden Mahagoniholzes. Das Rad war
ein Symbol. Ein Symbol der Rasse. Das Karrenrad war zeitlos geworden.
Hacinto blickte zur Seite, und dort hockte Emilio, der Junge der
Cocinera, der Köchin. Er hockte da auf dem Erdboden, hatte vor sich
einen Schilfkorb stehen und körnte die Maiskörner aus den Kolben mit
Hilfe eines schon entkörnten Kolbens. So, genau so, wurde der Mais hier
schon entkörnt vor fünftausend Jahren, mehr, vor zwanzigtausend Jahren.
Eine Entkörnungs-Maschine, die in fünf Minuten mehr auskörnte als der
Junge in zwei Stunden, kostete sechzig Pesos oder gar nur
fünfundvierzig. Sie sollte schon gekauft werden, als der Vater noch
lebte. Hacinto hatte sie schon hundertmal kaufen wollen. Aber vielleicht
geht es noch eine Weile ohne. Es ist ja fünftausend Jahre so gegangen.
Warum denn nun mit einem Male so plötzlich? Der Emilio hat ja sonst
sowieso auch weiter nichts zu tun und geht doch immer nur Kaninchen
jagen. Kann er auch gut Mais auskörnen. Bekommt er kräftige Hände und
Finger davon. Kann ihm nur nützlich sein im Leben.
Drüben, in der Nähe des Zaunes, der den weiten Hof umfriedigt, steht
Margarito, der Mayordomo der Hazienda, und doktert zwei Mules, die sich
infolge ihrer Trägerarbeit den Rücken durchgescheuert haben. Er wäscht
die Wunden mit schwarzer Seife und heißem Wasser sorgfältig aus und
singt dabei.
Er singt das uralte Rancholied von dem schönen Indianermädchen, das
einen Indianerburschen liebte, ach so sehr, so sehr liebte. Aber dann
kam der Mexikaner mit großem roten Hut und schweren silbernen Sporen
herangesprengt, ach so sehr stolz, so sehr stolz, herangesprengt auf
einem weißen Roß, ach so sehr, so sehr weißem Roß herangesprengt. Und
der stolze herrische Mexikaner auf weißem Roß und mit großen silbernen
Sporen machte viel honigsüße Worte, ach so sehr süße, so sehr süße
Palabras. Und er verführte das Indianermägdelein, das ach so sehr, so
sehr in Furcht war vor dem stolzen Mexikaner in dem großen roten, ach so
sehr großen roten, so sehr großen roten Hut. Und endlich bekam das
Indianermägdelein ein kleines Kindlein, ach ein so ganz kleines, so sehr
kleines Kindlein; und das Mägdelein, die Mamacita tan morena, starb mit
ihrem kleinen Kindlein heimlich im tiefen, ach so sehr tiefen, so sehr
tiefen Busch, und eine blaue Blume, ach so sehr blaue, so sehr blaue
Blume fiel auf ihr Grab, das die Ameisen, ach so sehr geschäftig, so
sehr geschäftig, über das tote Mägdelein gebaut hatten.
Während nun Margarito die hundertzwanzig Strophen, oder wie viele es
sein mögen, singt – Hacinto hört in seiner Seele das ganze lange Lied in
einer Viertelstunde; denn auch er kennt es und hat es gesungen in seiner
Liebeszeit – und während Margarito singt und mit Andacht und Inbrunst
die Reime schmelzend wiederholt und wiederholt, unterbricht er sich
zuweilen und schreit auf die Mules ein: „Caramba, zum Donnerwetter, du
Cabron, du himmelgottverfluchter und verfuckter Hurensohn, steh endlich
still oder ich trete dich wahrhaftig, bei der heiligen allerreinsten
Himmelsjungfrau, por Santa Purissima, doch noch in den verfluchten
Ursch, du stinkiger Sohn einer alten Hure.“
Aber dieses gelegentliche Zurückfallen in die brutale nackte
Wirklichkeit des harten arbeitsreichen Lebens tut dem gefühlvollen
Gesang des Margarito keinen Abbruch. Er singt nach dieser irdischen
Entgleisung ohne erschütternde Dissonanz sofort wieder in rührend
schmelzender Weise von dem schönen Indianermädchen, das von einem
stolzen Mexikaner in rotem Hut und auf feurigem weißen Roß verführt und
entführt wurde. Dissonanzen sind Margarito fremd. Alles reimt sich, und
alles ist in Harmonie.
Hacinto ist Compadre des Margarito, er ist Pate zu allen seinen Kindern;
und der Vater des Margarito ist Pate zu zwei Kindern, zu den beiden
ältesten des Hacinto, zu Domingo, dem Jungen, und zu Juana, dem ältesten
Mädchen. Die Vaterschaft des Margarito ist nicht ganz klar. So wird
wenigstens getan. Aber auf der ganzen Hazienda weiß man, und jedem, der
es wissen will, wird es erzählt, daß der Vater des Hacinto auch Vater
des Margarito ist. Margarito selbst hält diese Tatsache für
wahrscheinlich. Jedenfalls streitet er sie nie ab. Und seine Mutter, die
noch lebt und auf der Hazienda die Hühner versorgt und im Hause
mithilft, sagt weder ja noch nein. Sie ist weder stolz darauf, noch
beschämt. Wenn ihr Gott die große Gnade erwies, sie mit Kindern zu
segnen, so ist es an sich gleichgültig, wer der Vater ist. Der Vater
wird von Gott geschickt als Mittel zum Zweck. Alimentationsfragen
entstehen nicht, denn es wächst Mais und es wachsen Bohnen auf der
Hazienda in Fülle; und jeder, der da lebt, hat ein Anrecht an dem Mais
und an den Bohnen und an den Hühnern und an den Schweinen. Ob da zwanzig
Kinder mehr essen oder fünfzig, Kinder, die sich auf die Familien
verteilen und wo der Vater es als Ehre und Gnade des Himmels betrachtet,
wenn er Vater sein darf, auch wenn er es gar nicht ist, das alles sind
keine wichtigen Dinge. Der Patron der Hazienda sieht gar nicht hin. Die
Kinder, alle Kinder, sind vom Himmel gesandt, und darum haben sie ein
Recht zu leben. Wäre da kein Vater, dann ist immer der Patron der
Hazienda noch da, der die Kinder ernährt, ernähren muß, nach
indianischem Gesetz, und auch freudig ernährt, ob Gesetz oder nicht
Gesetz. Gesetze, die nicht im Blut sind, haben ja doch keinen Wert.
Und Hacinto sieht hinüber zu den verstreuten Hütten und schiefen
Adobehäusern, wo sie alle wohnen, die Nachkommen sind jener, die mit
seinen Vätern hier lebten. Ein kleines Volk, aber ein echtes Volk mit
echtem König. Wo der König nicht Herrscher ist, wo der König nicht in
Luxus lebt von dem, was sein Volk für ihn errackert, wo der König nichts
ist als Verwalter, als Ratgeber, wo seine ganzen Rechte als König darin
bestehen, für das Wohlergehen derer verantwortlich zu sein, die ihm von
seinen Vätern anvertraut wurden. Anvertraut nicht als Untertanen,
sondern als Gleichberechtigte, die sich in Jahrtausenden von Erfahrungen
darauf geeinigt haben, daß eine Familie das Land des Volkes verwaltet,
um zu vermeiden, daß nach dem Tode des Oberhauptes der Familie die
Männer des Stammes in einen blutigen Kampf eintreten, um das Recht zu
erkämpfen, wer Verwalter und Führer für die nächste Generation sein
soll. Für solche Kämpfe haben die Leute keine Zeit, und sie haben keine
Zeit, den Haß zu besänftigen, der nach solchen Kämpfen im Volke
zurückbleibt. Die Stiere machen es so in den Viehherden. Aber die
Indianer betrachten sich ja nicht dem Vieh gleich. Solche kleinen Völker
werden immer nur dann in ihrer Ordnung und in ihrem uns primitiv
erscheinenden Aufbau und Zusammenhalt gestört, wenn eine Sippe oder ein
Stamm von Städtern, von Städteerbauern auf den Plan tritt. Städte müssen
Menschen in Massen aufsaugen, um bestehen und sich entwickeln zu können.
Und da diese Massen viel weniger Land bewohnen, als unbedingt nötig ist,
sie zu ernähren, brechen sie in die Völker ein, die mit der Erde
unmittelbar verwachsen sind, und bauen eine Ordnung auf, in der der
Städter zum Tyrannen und der Bauer zum Heloten wird.
Aus den Hütten qualmte der Rauch der Herde durch die immer offene Tür
und durch die Ritzen der Wände. Vor einigen Hütten knieten die Frauen
vor dem Metate und rieben den Mais. Die Schweine, die Hühner, die
Truthühner, die Esel, die Vögel und Tiere des Busches und des
Dschungels, die gezähmt waren und sich an das Haus gewöhnt hatten,
kleine Rehe, Waschbären, Hunde und Katzen liefen auf den Höfen herum,
drängten sich dicht an die Indianerin, die vor dem Metate hockte. Wenn
sie sich ein wenig aufrichtete, um sich den Schweiß aus der Stirn zu
wischen, so warf sie vielleicht einen Brocken des Maisteiges zwischen
die hungrigen Gäste des Hofes, die einen wilden Kampf darum begannen.
Dann lachte die Frau und ging wieder mit frischen Kräften an ihre
Arbeit. An die Arbeit, die eine Handmühle in drei Minuten schafft und an
der die Indianerin eine Stunde sitzt und alle Kräfte daran wenden muß,
die sie in sich hat. Aber die Handmühle kostete fünfzehn Pesos, und was
hätte man mit der übrigen Zeit anfangen sollen, wenn man die Maza in
drei Minuten fertig hat. Es war aber ein größeres Vergnügen, alle die
Tiere um sich zu haben und alle die Kinder dazwischen. In den drei
Minuten an der Handmühle konnten die Tiere sich nicht versammeln,
konnten die Kinder nicht mit den Tieren herumjagen und herumkreischen,
konnte man nicht so viel sehen und nicht so viel erleben. Wenn man sah,
wie der Waschbär auf die Katze losging oder der Hund vom Truthahn
verdroschen wurde, das war Leben. Die Handmühle war kein Leben, kein
Lachen; und man konnte dem Manne, wenn er vom Felde hereinkam, nichts
erzählen, daß auch er lachen mußte.
In einem alten aufgehängten Faßreifen bei einer anderen Hütte saß ein
Papagei. Er war nicht angebunden und verübte die tollsten Streiche gegen
die Kinder, gegen die Katze, gegen den Hund, gegen die Schweine. Wenn er
während des Essens dann auf seinem Brett saß und seine zwei Tortillas
bekam, so aß er nur wenig von den Tortillas. Er ließ die meisten
Stückchen herunterfallen für ein bestimmtes Schwein, das er bevorzugte.
Es war ein kleines, wild-graues, häßliches Schwein. Aber Loro, der
Papagei, liebte es. Er ließ die Stückchen nur fallen, wenn jenes Schwein
unter dem Brett stand. War ein anderes dort oder liefen Hühner herum, um
etwas aufzuschnappen, so ließ der Papagei nichts herunterfallen. Das
Schwein, das so geliebt wurde von dem Papagei, sah auf zu ihm wie zu
einem Gotte, der Welten verschenkt. Die Familie, die in dieser Hütte
wohnte, hatte das tausendmal gesehen; aber jeden Tag zu Mittag kamen die
Kinder heraus oder auch der Vater oder die Mutter, um es immer wieder zu
sehen. Sie konnten es nicht oft genug sehen. Wenn ein anderes Schwein
den Brocken erwischte, den der Papagei für seinen Günstling hatte fallen
lassen, dann schrie der Papagei wie besessen: „Cochino! Cochino!
Schwein! Schwein!“ Es war das einzige, was er neben „Como estas?“ – Wie
geht’s? – sprechen konnte. Hacinto, während er auf der Veranda stand,
hörte das Kreischen „Cochino, Cochino“. Er kannte es, kannte den
Papagei, kannte die Familie, kannte alles, alles. Das kreischende
Geschrei des schimpfenden Papageis kam zu ihm nicht als ein einzelner
Laut, es kam zu ihm nur als ein Ton, als eine Note, in den
hunderttausend Tönen des ewig gleichen, vertrauten und heimatlichen
Singens der Rosa Blanca. Alle Geräusche, alles Lärmen, das Quaken der
Kühe, das Grunzen der Schweine, das Gackern der Hühner, das Krähen des
Hahnes, das glucksende Belfern des Truthahnes, das Juchzen der Kinder,
das winselnde Wimmern der Säuglinge, das gelegentliche Bellen der Hunde,
das Klatschen von Tortillas in den Hütten, das Summen der Fliegen, das
Geschwätze und Geschnatter der Frauen in der Küche seines Hauses, das
Fluchen und Sichverschwören des Margarito, der die Mules dokterte, das
Quieken des Hintertores, das in diesem Augenblick geöffnet wurde, das
Blöken eines Jungen, dem seine Mutter eins hinter die Ohren zu wischen
schien, weil er einen Krug zerbrochen hatte, das Rufen eines Indianers
draußen in den Feldern, das Geigen der Zikaden und Grillen, das leise
Läuten der sonnendurchfluteten blauen Luft über ihm, alles das
vermischte sich zu einem einzigen geschlossenen Gesang für ihn. Der
urewige Gesang einer mexikanischen Hazienda. Hier der besondere Gesang
der Weißen Rose.
Weit hinter den Hütten sah er Indianerfrauen den Hügel heraufkommen mit
den Krügen auf dem Kopfe, in denen sie das Wasser vom Flusse zu ihren
Heimen trugen. Die Frauen gingen barfuß. Das schwarze Haar lang offen
hängend. Sie hatten es am Flusse gewaschen. Sie trugen lange rot und
grün gestreifte Röcke um die schlanken Lenden gewickelt und weiße Blusen
mit kurzen Ärmeln und roten Stickereien auf der Brust. So ging auch
seine Frau gekleidet. Genau so. Nur wenn er sie mit nach Tuxpam nahm zur
Plaza, zum Markt, dann trug sie ein Kattunkleid und Schuhe. Aber einen
Hut hatte sie nie. Nie gehabt in ihrem Leben. Immer nur den Schal des
Landes, den Rebozo.
Von den Feldern kamen die Männer gemächlich schlendernd heim zum Essen.
Sie trugen den Machete in der Hand und Hacken über die Schulter. Einige
rauchten. Einige pfiffen. Die Jungen, die mit ihren Vätern draußen
gewesen waren, haschten sich gegenseitig und grölten. An der kleinen
Kapelle war die Tür mit frischem Grün geschmückt für die Fiesta am
nächsten Sonntag.
7
Alles das sah Hacinto jetzt so, als sähe er es zum ersten Male in seinem
Leben. Nie vorher hatte er das Singen der Weißen Rose so reich gehört
wie jetzt. Und nie vorher hatte er so stark gefühlt, daß er der Kern des
Ganzen hier ist, daß, wenn er sich hier von seiner Verantwortlichkeit
löse, daß dann alles zusammenbreche. Die Familien würden sich
zerstreuen, uralte Bande würden zerrissen werden, der Sohn würde seinen
Vater nicht mehr erkennen, der Neffe nicht mehr seinen Onkel. Die Rosa
Blanca würde nicht mehr die uralte Heimat eines Volkes sein, sie wird in
der Erinnerung der Kinder der Rancho sein, wo der Vater einmal
gearbeitet hat. Nichts wird die Kinder mehr in ihrer Seele mit der Rosa
Blanca verknüpfen. Die Rosa Blanca wird gleich sein der Fabrik, in der
der Vater arbeitet in der Stadt. Etwas Notwendiges, aber etwas, zu dem
man keine persönliche Beziehung hat. Man wird wechseln von Ort zu Ort,
um Arbeit zu finden, um leben zu können. Nichts wird mehr sicher sein.
Heute ein guter Lohn, morgen ohne Arbeit. La Rosa Blanca hatte immer
Arbeit, immer Nahrung, solange die Sonne aufgeht und untergeht. Aber daß
es etwas in der Welt gibt, das einem Menschen die Sicherheit des Lebens
und der Nahrung verbürgt, das werden die Kinder vergessen haben. Nahrung
allein wird die Fabrik sein, das Ölkamp, die Kupfermine, die
Textilfabrik, wo alle Nummern sind und alle Nummern haben, die am Abend
beim Verlassen der Fabrik an einer Tafel aufgehängt werden.
Alles das wußte Hacinto nicht. Er wußte nur, daß, wenn seine Compadres,
wenn alle hier, die so gut wie seine Kinder waren, nicht mehr eine Rosa
Blanca hatten, die ihre Urheimat war, daß dann etwas Höllisches mit
ihnen geschehen würde. Es würde mit ihnen etwas geschehen, das gleich
war, was einem Fisch geschieht, den man auf den Sand wirft, was einem
Baum geschieht, den man ausgräbt und auf einem Steinhaufen in der Sonne
liegen läßt.
8
Hacinto hatte weniger als fünf Minuten hier auf der Veranda gestanden,
um zu überlegen, ob es einen Ausweg gebe. Ihm waren diese fünf Minuten
erschienen wie ein ganzes Leben. Er hatte in diesen fünf Minuten nicht
nur mit der Jetztzeit gelebt, sondern auch mit der Vorzeit und mit der
Nachzeit. Er hatte gesprochen mit Vorvätern, die er nicht kannte, von
denen er aber wußte, daß sie seine Vorväter waren. Er hatte gesprochen
mit seinen Nachfahren, von denen er gleichfalls wußte, daß sie seines
Blutes, seines Stammes sind, obgleich er sie nicht kannte. Es war schon
schwieriger gewesen, die Nachfahren zu finden. Er hatte sie im Geiste
weit herum suchen müssen, weit in der großen Republik und bis hinauf in
den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Denn sie waren nicht mehr in
der Rosa Blanca.
La Rosa Blanca war Lote Nr. 95 bis Lote Nr. 144 der Condor Oil Co. S. A.
La Rosa Blanca war ein Terreno, übersät von hohen nüchternen
Ölbohrtürmen.
Wo einst die Orangen- und Zitronenbäumchen standen, wo einst sich die
Kronen der Papayabäume in der flirrenden Luft wiegten, um ihre reifenden
Früchte in der Sonne zu baden, wo einst die grünen Maisfelder waren und
wo sich die Stauden im Reifen der goldenen Kolben ihre ewigen Märchen
zuwisperten, da stöhnten und ratterten jetzt fauchende Lastautos mit
stählernen Raupenbändern mitleidlos über die gequälte Erde, die sich
hier aufbäumte in Schmerz, und die sich dort in Zorn knirschend zwischen
die stählernen Bänder drängte, um deren brutale Macht zu zerbrechen.
Ein Gewirr von eisernen Rohren überzog die Felder. Und darüber war ein
Genetz von Lichtkabeln und Telephondrähten.
Wohin man blickte, war ein Zischen von Dampfwolken, ein Aufblasen von
schweren dicken Nebelballen.
Der Boden war schlammig und sumpfig von Öl, das entsetzlich stank und
pestete.
Und überall war Schreien und Kommandieren und Schimpfen und Lärmen.
Dampfpfeifen heulten. Drahtseile kreischten schrill über keuchende Räder
und über quietschende Rollen.
Rohreschleppende Reihen von Indianern marschierten über die Felder wie
Sklaven in Ketten, gehetzt von fluchenden Aufsehern.
Und die sonnendurchflutete Luft, die einst so voll war eines jauchzenden
Gesanges, war nun angefüllt mit dem Gestöhn und dem Gekeuche, dem
Rattern und Knattern, dem Stampfen und Poltern der Maschinen und Pumpen.
Von den Nachfahren des Hacinto war keiner mehr hier, außer einem. Und
dieser eine marschierte stolpernd in der Reihe der rohreschleppenden
Sklaven, die zwei Pesos fünfzig den Tag bekamen; und wenn sie nicht
willig waren oder wenn sie sich den Fuß zerquetscht hatten von einem
Rohre, das darauf gefallen war, entlassen wurden.
Diesen einen seiner Nachfahren hatte Hacinto hier im Geiste angetroffen.
Er hielt ihn an und sprach zu ihm: „Wie gefällt es dir denn hier,
hijito, mein Sohn?“ Hatte der Nachfahr geantwortet: „Gut, Padre.
Gracias. Ich bekomme zwei Pesos fünfzig. In Pachuca, in den Silberminen,
bekam ich nur einen Peso siebzig. Ich habe acht Kinder. Es ist hart, sie
durchzubringen. Der Mais kostet jetzt zweiundzwanzig Centavos das Kilo,
und die Hälfte ist hohl vom Wurm. Aber ich darf hier nicht länger
stehenbleiben und mit dir sprechen, Padrecito mio, mein liebes
Väterchen; denn wenn mich der Foreman hier stehen sieht und schwätzen,
dann feuert er mich. Es ist nicht so leicht, andere Arbeit zu finden.
Und ich habe acht Kinder.“ Er bückte sich über die Hand des Hacinto und
küßte sie. Dann sprang er wieder rasch in die Reihe der marschierenden
rohreschleppenden Sklaven.
9
Hacinto hätte wohl nicht zu überlegen brauchen. Er war ja der legitime
Besitzer der Rosa Blanca. Aber er hielt es dennoch für gut, eine Weile
mit sich zu beraten. Er wußte von anderen Rancheros: Wenn eine
amerikanische Petroleum-Company einmal Land haben will, dann ist es
schwer, sein Land zu verteidigen. Soviel kann man seinen Anwälten nicht
zahlen, was eine Company ihren Anwälten bezahlt. Man hat sich vielleicht
sogar gegen seine eigene Regierung zu verteidigen, und das ist ebenso
schwer wie gegen eine amerikanische Öl-Company. Die Regierung erzielt
hohe Einkünfte aus den Ausfuhrzöllen für das Öl, darum sieht sie darauf,
daß recht viel Öl produziert und ausgeführt wird. Die Regierung
braucht das Geld, um Schulen und Straßen zu bauen und um den
Parlaments-Diputados hohe Tagesdiäten zu zahlen. Die Regierung muß sich
die Diputados zu Freunden halten. Diputado zu sein ist ein Geschäft wie
Schnapsbrenner oder Seidenhändler oder Zeitungsherausgeber. Der Diputado
kann es nicht für einen Centavito tun, wenn er das Wohl des Volkes
beraten soll. Wie auch der Pastor in der Kirche nicht umsonst Seelen
retten und umsonst die Lehre des wahren Heils verkünden kann. Auf den
Gotteslohn, von dem man sagt, daß er so süß sei, warten immer nur die,
die nie klug werden. Diputados aber und Pfaffen gehören zu den klugen
Leuten. Denn hat nicht schon der Herr gesagt: „Seid klug wie die
Schlangen und nehmt, wo ihr es kriegen könnt; denn mühselig sind die
Beladenen, und so ihr seid die Obrigkeit, dann müssen euch die andern
untertan sein, damit auch das Scherflein der Witwe nicht verachtet
werde.“
10
Hacinto wachte auf aus seiner weltentrückten Versonnenheit.
„Oye, Compadre“, rief er hinüber zu Margarito, der die Mules mit
schwarzer Seife, heißem Wasser und Rancholiedern behandelte. „Oye, ven
aca, komm hier einmal her.“
„Que paso, Compadre?“ fragte Margarito, während er über den Hof
schlenderte. „Was ist los?“
Als Margarito vor ihm stand, sagte Hacinto zu ihm: „Da ist ein Caballero
drin, in der Sala. Er sucht Arbeiter für die Ölkamps. Willst du nicht
annehmen?“
„Ich annehmen, wie meinst du denn das, Compadre?“ fragte Margarito
verwundert. „Wer macht denn dann hier den Mayordomo?“
„Damit werden wir schon fertig werden“, sagte der Patron.
Margarito dachte einen Augenblick nach, und dann fragte er: „Wieviel
zahlt er denn, der Senjor?“
„Zahlt vier Pesos den Tag.“
„Den Tag?“ fragte Margarito ungläubig.
„Ja, den Tag.“
„Schönes Geld. De veras, schönes Geld.“
„Claro.“
„Wie lange hat er denn Arbeit?“ fragte Margarito.
„So lange du willst. Drei Monate, sechs Monate oder für immer“, gab
Hacinto zur Antwort.
„Das ist zu lange. So lange will ich nicht fortbleiben. Drei Monate will
ich wohl annehmen. Dann komme ich wieder zurück.“ Sagte Margarito.
„Nein, zurückkommen kannst du dann nicht“, meinte Hacinto.
„Was, Compadre? Nicht mehr zurückkommen. Wie denn? Nicht mehr
zurückkommen. Warum?“ Das verstand Margarito nicht, daß er nicht mehr
zurückkommen sollte zur Rosa Blanca, nicht mehr zurück in sein
Heimatland.
„Der Caballero nimmt die Arbeiter nur an, wenn sie weiter bei der
Company arbeiten. Immer. Wenn hier in der Nähe die Arbeit fertig ist,
dann werden die Peons weiter geschickt zu andern Kamps“, erklärte
Hacinto der Wahrheit gemäß.
„Nicht mehr zurück zur Rosa Blanca? Nie mehr zurück?“ philosophierte
Margarito vor sich hin. „Nein, da gehe ich nicht. Vier Pesos den Tag,
Caramba! Das ist saftiges Geld. Aber nicht mehr zurück und für immer in
den Kamps, wo es so stinkt und wo sich die Leute immer schlagen und
streiten. Nein, Compadre, sag ihm, ich will doch lieber nicht gehen.
Vier Pesos, muy buen dinero. Aber nein, ich kann nicht gehen. Kannst ihm
auch sagen, dem Caballero, er wird hier keine Leute bekommen können,
wenn sie nicht wieder zurückgehen dürfen und wenn es für immer ist. In
der Stadt kann er ja genug kriegen. Von hier geht keiner.“
„Es sind doch drei Jungen von hier gegangen“, erinnerte Hacinto.
„Ja freilich“, sagte Margarito. „Aber einer, der Marcos, ist doch wieder
hier. Er sagt, er geht nie wieder fort in die Kamps. Er sagt, das sei
nichts. Immer nur Arbeit und gar kein Spaß. Immer ist der Foreman
hinterher und treibt und schimpft, soviel sie auch arbeiten. Der Junge
vom Pedro ist doch nur da, um das Heiratsgeld für seine Muchacha
schneller beisammen zu haben. Und der Junge vom José darf nicht mehr
zurückkommen. Der José läßt ihn nicht mehr ins Haus, er hat sich da mit
einem der Salonmädchen eingelassen, die er heiraten will. Das ist die
Sache mit ihm. Vier Pesos. Holla. Bueno. Aber ich gehe doch lieber
nicht, Compadre. Es ist so sehr viel Gestank da und immer Geschrei und
Geschimpfe. Und was sollen die Mulas machen und die Pferde, wenn ich
nicht hier bin? Die hören ja nur auf mich. Ich kann auch dann nicht mehr
sehen, wenn das Kalb an der Kuh saugt und wie die Stiere sich
auskämpfen, wer der Stärkste ist, und die kleinen Schweine und die
Küken. Und die Kinder sind auch allein. Wenn ich sie mitnehme zum
Kampdorf, da haben sie keinen Platz und wissen nicht, was sie tun sollen
den ganzen Tag. Überhaupt, Compadre, wenn ich nicht zurück kann hier zur
Rosa Blanca und überhaupt kannst du doch dem Caballero sagen, daß ich
nicht will und daß auch sonst kein anderer von hier will. Die wollen
auch alle wieder zurück. Wir gehören doch hier her. Und ich muß nun
wieder zu den Mules rüber, die sehen böse aus und müssen gut gedoktert
werden. Javier hätte besser achtgeben sollen. Er versteht auch gar
nichts, wie er die Tiere aufzupacken hat.“
Margarito schlenderte zurück über den Hof, das Lied vom Indianerliebchen
pfeifend. Als er näher zu den beiden Mules kam und sah, daß eines der
Tiere unruhig war und das andere zu beißen suchte, unterbrach er wieder
einmal sein Lied und schrie: „Macho, du himmelgottverfluchter Coyote von
einem Mule, ich komme dir gleich hin und trete dich in den –.“ Aber als
er nun wirklich hinkam, trat er nicht und stieß er nicht das Tier,
sondern zog es nur von dem andern Mule fort, so daß die Beißerei von
selbst aufhörte.
11
Was konnte Hacinto tun nach dieser Unterredung mit Margarito? Es war so,
wie er wußte, daß es sein wird. Sie gehörten hierher, alle. Alle waren
Kinder der Rosa Blanca. Sie und La Rosa Blanca waren eine Einheit, die
man nicht trennen konnte. Man kann ein Kind von der Mutter trennen.
Beide überleben den Schmerz. Aber man konnte diese Menschen hier nicht
von der Rosa Blanca trennen. Wurden sie getrennt, so hörten beide auf zu
sein, was sie waren. La Rosa Blanca konnte ein Rancho bleiben oder eine
Hazienda; aber sie war nicht mehr Die Rosa Blanca. Sie war eine Hazienda
wie viele tausend. Nun gar, wenn sie ein Ölfeld wurde. Und gingen die
Menschen fort von ihr, die hier wurzelten seit Jahrhunderten, sie waren
nicht mehr dieselben Menschen. Sie waren dann nur noch verwirrte und
zerstreute heimatlose Landarbeiter oder Peons in den Kamps oder Strolche
in den Straßen der Stadt. Sie waren Entwurzelte, die ihren Lebenszweck
verloren hatten und ihren Lebensstrang, weil sie nirgends mehr
hingehörten. Sie verloren nicht nur den Lebensstrang, der sie mit der
Erde verband, sondern sie verloren mehr. Größeres. Sie verloren ihr Herz
und ihre Seele, die eins waren mit der Rosa Blanca, wo ihre Geschichte
wurzelte; wo ihre Wiegenlieder, ihre Liebeslieder, ihre Märchen, ihre
Spukgeschichten, ihre bösen Kobolde, ihre Erdgeister, ihre Feen und
Elfen und Baumnymphen geboren waren und lebten.
Margarito hatte Hacinto nur bestätigt, was Hacinto lange vorher wußte
und was sein Vater und sein Großvater und alle die Vorväter gewußt
hatten, daß ihm die Rosa Blanca nicht gehörte, daß er nicht der
Eigentümer sei, daß er nur der Verwalter dessen war, das Eigentum aller
war, die hier lebten und die hier seit ewigen, scheinbar urewigen Zeiten
lebten. Jeder wollte zurück, weil er mußte. Er konnte irgendwo anders
arbeiten, irgendwo anders Geld verdienen, aber leben konnte er nur hier.
Darum hatte Hacinto kein Recht, kein alleiniges Recht an der Rosa
Blanca. Und hätte er einen Rat der Männer zusammengerufen, wie es
beinahe jeden Monat getan wurde, wenn die Arbeit besprochen wurde,
diesmal jedoch, um die Frage vorzulegen: „Sollen wir die Rosa Blanca
verkaufen und viel Geld bekommen?“, so würden alle gesagt haben: „Das
können wir nicht, da sind doch die Kinder.“
12
Hacinto ging hinein in die Stube. Der Licenciado saß noch immer am
Tische und hatte die Säulchen vor sich stehen. Er hatte es nicht gewagt,
den Tisch zu verlassen, um auf die Veranda zu kommen. Er fürchtete, es
könnte ein Goldstück gestohlen werden, und er müßte alles wieder aufs
neue nachzählen. Aber ob da ein Goldstück auf dem Tische gelegen hätte
oder zehn oder tausend, er hätte eine Stunde oder einen halben Tag den
Tisch allein und unbewacht lassen können, und wenn er zurückkam, hätte
er nicht nachzuzählen brauchen. Es hätte nichts gefehlt. Er war aber
Licenciado. Darum traute er den Menschen nicht. Noch nicht einmal so
weit, wie er sie sah.
„Nun wohl, Hacinto“, sagte Senjor Perez, als er den Indianer eintreten
sah, „dann wäre also La Rosa Blanca verkauft. Hier, zählen Sie das Geld
nach.“
Hacinto setzte sich nicht. Er sagte ruhig: „La Rosa Blanca ist nicht
verkauft. Und La Rosa Blanca wird nicht verkauft werden, auch wenn Sie
zehnmal mehr auf den Tisch legen. Dieses Geld da hat für mich gar keinen
Wert. Man kann überhaupt kein Land für Geld umtauschen.“
„Alles Land wird doch für Geld vertauscht oder verkauft“, wandte Senjor
Perez ein, nur um etwas zu sagen.
Hacinto, noch immer stehend, sagte darauf: „Land ist ewig, Geld ist
nicht ewig, darum kann man Land nicht gegen Geld vertauschen.“
„Also dann nicht“, rief der Licenciado nach einer Weile erbost aus.
Während er das Geld einsackte, fügte er hinzu: „Du bist ein blöder alter
Dickkopf. Das ist es, was du bist. Man sollte dich in das Asyl für die
Irren schicken, in die Castaneda. Da ist es, wo du hingehörst. Und wir
werden die Rosa Blanca doch noch bekommen. Da kannst du nur ganz sicher
sein. Und wir werden sie billig bekommen, das kannst du mir glauben.
Viel, viel billiger. Du hast deine Gelegenheit verpaßt, Hermanito,
Brüderchen. Das will ich dir nur sagen. Wir werden dich schon kriegen.“
„Ihr alle könnt mich gar nicht kriegen“, rief Hacinto, nun gleichfalls
ein wenig erbost werdend. „Ihr könnt mich alle mal am Ursch kratzen, das
könnt ihr. Und Furcht könnt ihr mir schon lange nicht einjagen. Ihr
nicht. Und keiner. Und du kriegst auch nicht einen Mann von der Rosa
Blanca für die Kamps zum Arbeiten. Das kann ich dir nur auch sagen.
Willst du noch eine Copita haben, ein Gläschen. Eine guter Habanero von
San Juan Bautista.“
Er schenkte die Gläschen ein, der Licenciado sagte: „Salud!“ Hacinto
hielt sein Gläschen hoch und antwortete: „Salud! Gesundheit!“, und sie
gossen ihre Gläschen hinunter.
Der Licenciado band den Leinensack zu, rief seinen Mozo, die Pferde zu
bringen, saß auf, verabschiedete sich mit allen den Höflichkeiten, die
ein Mexikaner auch dann nicht vergißt, wenn er enttäuscht oder verärgert
ist, und ritt davon.
13
Als Hacinto auf der Veranda stand und den Fortreitenden nachblickte,
dachte er nur über eines nach: „Wie kann er mich denn in die Castaneda
bringen, ich bin doch gar nicht verrückt. Ich bin doch ganz vernünftig,
ganz klar im Kopf.“
Dann schlenderte er hinüber zu Margarito, sah ihm eine Weile beim
Doktern der Mules zu und sagte endlich: „Nächste Woche könnten wir das
Jungvieh in den Korral treiben und die Brandmarken aufdrücken. Und am
Sonntag werden wir beide einmal nach der Concordia reiten. Don Federico
hat einen vorzüglichen Eselhengst, den er verkaufen will. Schleppt eine
Carga von achtzig Kilo ohne Zucken. Werden wir eine feine Mulezucht
anlegen.“
„Das habe ich dir nun schon seit fünf Jahren gesagt, Compadre“, meinte
Margarito. „Die Mules sind jetzt sehr schön im Preise, und da läßt sich
gut etwas machen mit Muleaufzucht.“
„Laß die beiden kranken Mules hier jetzt zwei Wochen auf der Weide ohne
Arbeit, damit sie sich wieder gut aufholen“, sagte Hacinto.
Dann ging er ins Haus. Von der Veranda aus rief er den Frauen in der
Küche zu, daß er Kaffee haben wolle, er sei durstig.
2
1
Der Report des Licenciado Perez lief im Hauptquartier der Condor Oil
Company in San Francisco ein.
„Was denkt sich denn dieser Chunk von einem dreckigen Indianer, was er
ist und mit wem er es hier zu tun hat!“ sagte der Präsident der Company,
Mr. Collins. „Das Land, das ich haben will und nicht kriegen kann, gibt
es im ganzen Universum nicht. In diesem Universum einmal sicher nicht.
Wenn ich Land haben will und es ist auf dem Jupiter, ich bekomme es,
sure as death.“
Diese Äußerung des Präsidenten wurde als ein guter Witz betrachtet, weil
sie vom Präsidenten kam. Der Witz machte die Runde durch alle Büros der
Company, und jeder Angestellte fühlte sich verpflichtet, zu lachen, eben
weil es ein Witz des Präsidenten war. Nur der jüngste Officeboy, ein
vierzehnjähriger respektloser Lümmel, lachte nicht darüber, sondern
sagte zu der jüngsten Officegirl, ebenso rotznasig wie er: „So ein
Cabbage, und er nennt sich Präs, wie will er denn rauf auf den Jupiter!
Ein guter Witz vom Präs? Da muß mir einer am Bauch kitzeln, und selbst
dann fange ich an zu weinen.“ Dann kicherten die beiden zusammen, bis
sie der Chef anblökte: „Ruhe da, ihr Kükenfratzen!“ Diese beiden Küken
brauchten auch nicht zu lachen über einen Witz des Präsidenten; denn sie
hatten keine Familie zu versorgen, und vier Dollars die Woche konnten
sie auch anderswo verdienen.
2
Präsident Mr. Collins war smart. Das war sicher. Wenn er etwas wollte,
dann gab es nichts, das ihn daran hätte hindern können, es zu erlangen.
„Du mußt nur ernstlich etwas wollen, dann erhältst du es mit Gewißheit!“
war einer seiner zahlreichen Wahlsprüche, die er um sich herum angehäuft
hatte.
Gleich hinter seinem Tintenfaß mit dem eleganten Halter eingesteckt
„Always ready“ – immer fertig zum sofortigen Gebrauch –, da stand auf
dem Riesenschreibtisch, eingerahmt in einem echt silbernen Rahmen, ein
Blatt japanischen Papiers der teuersten Art, auf dem in roten gotischen
Lettern gedruckt war:
SMILE, SMILE, SMILE
ALWAYS
AND FOREVER
SMILE
das ist: Lache, lache, lache, immer und für ewig lache. In einer kleinen
Schrift darunter stand in Reimen, daß man auch dann lachen solle, wenn
man körperliche Schmerzen erdulde, wenn einem das Liebste entrissen
würde, wenn man von allen seinen Freunden verlassen sei und wenn man all
sein Hab und Gut verlöre.
Links davon stand ein anderer Spruch in goldenen Lettern:
SMILE
WORK
AND GIVE
THE POOR
das ist: Lache, arbeite und gib den Armen. Rechts davon war wieder ein
eingerahmter Spruch:
HONESTY
IS
THE BEST
POLICY
das ist: Ehrenhaftigkeit ist die beste Politik. Hinter ihm, an der Wand,
so daß es jeder lesen mußte, der vor ihm saß und mit ihm sprach, war in
einem großen Rahmen der Spruch:
YOUR TIME
IS
OF HIGH VALUE
SO IS
MINE
Deine Zeit hat großen Wert, meine gleichfalls. „Time is money“ war zu
gewöhnlich geworden, um es in der Office eines Präsidenten einer großen
Company in Silberrahmen zu hängen.
Auf dem Tische hatte er dann noch stehen ein Bild seiner Frau, schon
tüchtig fett. Und ein Bild seiner Tochter, die noch nicht fett war, der
man aber selbst auf dem Bilde ansehen konnte, daß ihr in dieser Welt
nichts mehr verborgen war. Auch sonst sah sie ganz aus wie eine
Filmschauspielerin.
In einem Schubfach zur rechten Hand, unter geschäftlichen Papieren
versteckt, hatte er noch ein paar Bilder liegen von Chordamen der
Follies. Die Mädchen auf den Bildern sahen frech aus und kostspielig.
Im selben Schubfach war noch ein Bild in einer Mappe. Auf diesem Bilde
stand geschrieben: To my beloved Daddy from your Flossy; meinem
geliebten Väterchen von Deiner Flossy. Er war gar nicht das Väterchen
der Flossy; aber es war nett von ihr, daß sie das so lieb sagte. Sie
kostete jeden Monat einen Scheck von tausend Dollar, ohne die Geschenke
und ohne die Abende, die er mit ihr in den Klubs oder in den Hotels an
den Autostraßen außerhalb der Stadt verbrachte.
Die Choristinnen hatten nichts auf ihre Bilder geschrieben. Er kannte
sie noch nicht so lange wie Flossy, dafür aber waren sie auch teurer.
Flossy war gleichfalls, in jener Zeit, als sie Mr. Collins kennenlernte,
Chordame gewesen; aber sie hatte das vergessen und durfte nicht daran
erinnert werden, ohne in Tobsucht zu verfallen, die zu besänftigen immer
recht kostspielig für Mr. Collins wurde.
Dann war da noch eine Dame, von der er nur ein ganz kleines Bildchen
besaß, das sich aber in einem schön gearbeiteten, schwer goldenen
Rähmchen befand. Es lag in dem wichtigeren Schubfach zu seiner linken
Hand, in einem Ebenholzkästchen, das immer verschlossen war. Dieses
kleine Bildchen stellte er zuweilen vor sich auf den Tisch, wenn er
längere Zeit zu arbeiten hatte und außer von seiner ersten Sekretärin
nicht gestört wurde. Kam ein ganz unerwarteter Besuch, etwa gar von
seiner Frau, dann verschwand das Bildchen rasch in der Hand oder in der
Westentasche.
Dieser Dame, in dem eleganten und sehr teuren goldenen Rähmchen, hatte
er letzte Woche ein Auto kaufen müssen. Aber keinen Tourenkasten für
zwölfhundert Dollar. Nicht für sie, wenn er etwas wollte von ihr. Das
Auto war eine hochklassige Angelegenheit mit allem Komfort und mit allen
Köstlichkeiten und Verführungen. Wie ein Boudoir. Kostete
sechzehntausend Dollar. War zu jener Zeit das eleganteste Auto westlich
der Rockies, der Rocky Mountains. Seit sie den Wagen hatte, quälte sie
nun jeden Tag viermal bei Telephon, daß sie auch eine Garage haben
müßte, wo sie den Wagen hinstellen könnte, und die Garage war nur zu
haben mit einem dazugehörigen sehr eleganten Wohnhaus.
Zweimal in der Woche des Abends, eigentlich war es Nacht, krabbelte sie
niedlich mit ihm herum; aber des Tages am Telephon nannte sie ihn
schäbig, weil er nicht schnell genug mit der Garage war. Er redete sich
damit heraus, daß er noch nichts Passendes soweit gefunden habe. Aber
das ging nur eine kurze Zeit. Dann mußte er wohl die Garage besorgen und
natürlich das Haus dazu, oder er hatte das Auto auf der Verlustseite zu
buchen. Denn wenn er zu schäbig war, die Garage heranzuschaffen, so
mochte sie wohl einen andern finden, der es als Ehre ansah, ihr die
Garage zu geben.
Zwei der Choristinnen, die ihm ein wenig näherstanden, waren gleichfalls
verwickelte Angelegenheiten. In geschäftlicher Beziehung und in jeder
anderen Beziehung auch. Jede hatte ihre besonderen Wünsche. Und alle
Wünsche hatten mit nichts anderem zu tun als mit Ausgaben, die alle aus
seiner Kasse gingen.
3
Darum wird man wohl begreifen, daß der Präsident einer großen
amerikanischen Oil-Company nicht auf Rosen gebettet ist und daß er seine
schwere Not und seine bösen Sorgen hat, um sich durchs Leben zu schlagen
und beide Enden zusammenzubringen. Es erfordert die ganze Tüchtigkeit
und Weisheit eines Menschen, Präsident einer Oil-Company zu sein, wenn
man solche Schwierigkeiten in der Welt vorfindet, die man zu lösen hat
und gut zu lösen hat, wenn man Präsident sein und bleiben will. Dem
Präsidenten einer Oil-Company darf nicht der Vorwurf gemacht werden, daß
er vielleicht ein schwarzer Fleck in dem zarten weißen Körper der
menschlichen Gesellschaft sei. Das würde zwar nicht dem Öl schaden, wohl
aber den Aktionären. Die Aktionäre dürfen schon eher tun, was sie
wollen; denn jeder einzelne ist für sich allein verantwortlich. Aber der
Präsident einer Oil-Company hat höhere Pflichten und größere
Verantwortlichkeit. Er vertritt eine Idee, ein Prinzip. Er hat die
Verantwortung für die Haltbarkeit einer Säule im Bau, in der Struktur
des Staates. So kann auch ein gewöhnliches Mitglied einer
Kirchengemeinde sich mehr Freiheiten erlauben als der Pastor. Ein
Kirchenmitglied mag straucheln. Das schadet der Kirche in ihrer
Eigenschaft als einer Säule des Staates nicht. Wenn aber der Pastor aus
den Strängen schlägt, so kann die ganze Kirche zu wackeln beginnen, die
ganze Idee, auf der die Kirche beruht.
Was sind die ärmlichen dreihunderttausend Dollar, die so ein geplagter
und gejagter, bemitleidenswerter Präsident einer Oil-Company als
Jahresgehalt empfängt. Das reicht kaum für das Salz zur Suppe, die er
ißt. Der Präsident einer Oil-Company hat Verpflichtungen. So ist das
nicht. So einfach und schlicht ist das Leben nicht, wie vielleicht ein
erbärmlicher, drei Viertel verblödeter Indianer denkt. Das Leben ist bei
weitem verwickelter. Mehr, es ist wahrhaftig kompliziert. Wie soll man
sich da überhaupt noch durchfinden?
Da ist das große Haus in der Stadt mit achtundzwanzig Räumen. Der
Präsident kann nicht in einer Indianerhütte leben. Wofür wäre man sonst
Präsident einer Oil-Company? Da ist die Dienerschaft. Die Leute sind
keine Knechte und keine Mägde. Sie sind in Amerika. Sie sind hired
persons, gemietete Leute, Angestellte, Hausbeamte. Sie müssen gut
bezahlt werden.
Das Haus muß die besten Möbel haben und viel Möbel. Das Haus muß einen
Garten haben, einen gut gepflegten Garten, würdig des Präsidenten einer
Oil-Company.
Ein gutes elegantes Auto für sich selbst. Ein hochelegantes Auto für die
Frau Präsident. Sie muß einen Chauffeur haben; denn die Wagen müssen
gereinigt werden, und es müssen neue Reifen aufgezogen werden, neue
Zündkerzen eingesetzt, die Batterien müssen geladen werden, und es sind
noch andere Arbeiten zu tun.
Auch die Tochter muß ihr elegantes Auto haben. Sie will mit ihren
Freunden und Freundinnen ausfahren, um eine gute Zeit zu verbringen;
denn man ist ja nicht auf der Welt, um immer trübe und traurig in den
Winkeln herumzuhocken. Die Tochter hat keinen Chauffeur. Sie fährt den
Wagen selbst. Und sie fährt ihn gut. Aber die Strafmandate von zehn,
fünfzig und hundert Dollar für rasendes Fahren oder für unbedachtes
Stehenlassen des Wagens in der Nähe eines Feuerhydranten regnen nur so
auf sie herab. Sie fährt auch gelegentlich einen Hausierer um, der sich
absichtlich in den Weg stellte, um überfahren zu werden und eine
Schmerzenssumme einzuklagen. Es gibt genug Anwälte, die nichts weiter
tun, als die Schmerzenssummen für Überfahrene einzuklagen, weil sie von
jeder eingeklagten Summe fünfundzwanzig oder auch vierzig Prozent
erheben. Der Kläger, ein armer Teufel, kann keine Gebühren bezahlen,
darum geht der Anwalt mit ihm auf Teilung. Darum gewinnt auch immer der
Anwalt, weil er für seine Tasche gewinnt. Und wenn der Präsident nicht
bezahlt, so bezahlt die Versicherung, die es auch nicht umsonst macht.
Aber letzten Endes kommt das Zahlen doch zum Präsidenten.
Die Frau verlangt monatlich einen Scheck für tausend Dollar, für die
kleinen Ausgaben, die sie hat, für Nadelgeld, obgleich sie nie eine
Nähnadel oder Stecknadel in die Hand nimmt. Aber da sind die Eiscreams,
da ist die Masseuse, da ist der Tanzmeister. Sie spielt auch, und sie
spielt tüchtig und verliert in einer Bridgepartie mit ihren Freundinnen,
den Frauen anderer Präsidenten, in zwei Stunden dreitausend Dollar. Die
Rechnungen für ihre Pariser Kleider, ihre Lyoner Unterwäsche, ihre
New-Yorker Strümpfe, ihre Wiener Schuhe werden dem Mr. Präsidenten in
die Office geschickt. Das ist extra. Und extra sind auch die Hüte, von
denen sie jeden nur fünf Tage trägt. Whisky und französischer Likör sind
auch teuer. Erst recht seit der Prohibition.
Die Tochter bekommt nur dreihundert Dollar monatlich für kleine
Ausgaben. Aber in Wahrheit werden es monatlich immer dreitausend. Die
werden nicht gerechnet. Sie kommen auf das Konto für Allgemeines. Das
Töchterchen, wenn es wieder einmal knapp ist – und es ist viermal in der
Woche knapp –, flitzt schnell mal in die Privatoffice; und Mr. Collins,
der glückliche Vater, freut sich, daß er in seiner öden Arbeit
unterbrochen wird, daß er eine Entschuldigung findet, Dummheiten und
Lächerlichkeiten zu schwätzen mit dem Töchterchen auf seinen Knien. Und
er bildet sich ein, daß nun Sonnenschein in dem nüchternen Büro sei,
wenn sie ihn im Nacken krault und auf die Nasenspitze küßt und immerfort
schnattert: „Du bist das süßeste und liebste Väterchen auf der ganzen
Welt.“ So zieht sie ab, heute mit zweihundert Dollar, morgen mit
fünfzig, übermorgen mit zwanzig, dann wieder mit hundert und dann
wieder: „Süßes Rattenschwänzchen Väterchen, heute geht es dir aber
einmal schlecht, ich brauche heute fünfhundert, aber ich will auch ganz
brav dafür sein für den ganzen Rest des Monats.“ Drei Tage später ist
der Rest des Monats, den sie meinte, schon wieder um, wenngleich der
Kalender auf dem Tisch Magenkrämpfe bekommt, weil er sich nicht mehr
zurechtfindet und an sich selber nicht mehr glaubt. Aber es kostet
dennoch wieder fünfzig Dollar. Sonnenschein in der Office des
Präsidenten einer Oil-Company zu haben, kostet eben Geld.
Aber Mr. Collins blickt auf seinen Wahlspruch: „Lache und gib den
Armen!“ So lacht er eben und gibt denen, die es benötigen. Denn wer
benötigt, ist arm.
Und arm sind die Chordamen der Follies.
Kein Chormädchen zu haben ist eine Schande. Er würde sich im Klub
lächerlich machen. Man würde ihn jeden Tag, wenn er sich sehen ließe,
mit der mitleidigen Miene, mit der man zu Kranken spricht, anspringen:
„He, Greasy, Ölerchen“, sein Neckname im Klub, der sich auf seinen Beruf
als Präsident einer Oil-Company bezieht, „he, Greasy, ein Röhrchen mit
Phosphor-Arsenik-Pillen gefällig?“ Das würde jeden Tag so gehen, mit
jedem, den er träfe im Klub. Denn wenn sie einmal etwas erhascht haben,
von dem sie glauben, es sei witzig, dann wird es so lange geknetet und
abgetreten, bis man irrsinnig werden kann. Ehe diese Männer, die
Millionen mit einer Handbewegung verdienen können und auch verdienen,
einen neuen Witz erfinden oder gar einen Witz erfinden und verstehen,
der Geist oder Humor in sich trägt, darüber können Generationen
hingehen. Das Leben ist wahrhaft kompliziert.
Phosphor-Arsenik gebrauchen zu müssen ist ein Zeichen, daß man alt ist
oder sich dem Alter nähert. Aber der Präsident einer Oil-Company darf
niemals den Verdacht aufkommen lassen, daß er alt ist. Dann kann er wohl
Präsident der Vereinigten Staaten werden, zu welchem Amte man weder
Weisheit noch Jugendkraft vonnöten hat, wo diese Dinge sogar hinderlich
sind, wie die Mehrzahl der Beispiele beweist, aber er kann nicht mehr
Präsident einer Oil-Company sein. Das Amt des Präsidenten einer
Oil-Company erfordert Robustheit, Rücksichtslosigkeit, Brutalität,
Skrupellosigkeit. Weder ein alternder Mann, noch ein Philosoph, noch ein
Dichter eignet sich dazu.
So, um den Verdacht abzulenken, daß man Auffrischungsmittel nötig hat –
an die unfehlbare Treue zur eigenen Frau wird nicht geglaubt –, um den
andern Verdacht abzulenken, daß man geschminkten Jünglingen nicht abhold
sei, treten die Chormädchen in das verantwortungsvolle Leben des
Präsidenten ein. Er empfängt sie keineswegs mißmutig. Wenngleich er ein
guter Christ ist, der treu zu den Methodisten oder den Baptisten – wenn
er sehr hoch stehen will – zur Episcopal Church hält, so ist er als
Mensch und als Mann doch der Meinung, daß Mohammed wahrhaftig ein großer
Prophet war, der die Seele eines Mannes so vortrefflich verstand, daß er
Gesetze schuf, die den zahlreichen Kümmernissen eines Mannes
Erleichterung bringen sollten.
4
Mr. Collins ist ein mächtiger Mann in der Ölindustrie. Er kann in
wenigen Tagen den Markt so erschüttern, daß hundert andere
Industriezweige zu wanken beginnen und mehrere stürzen, daß eine Panik
unter den Kleinen und Mittleren in Wallstreet ausbricht, die übergreift
auf die Großen, die unruhig zu werden beginnen, schlaflose Nächte
verbringen und für Zehntausende von Dollar Cables über die Erdoberfläche
kreisen lassen müssen, um den Markt wieder zu stabilisieren und die Ruhe
herzustellen, in der allein die Giganten ihre großen Geschäfte mit
Sicherheit abwickeln können.
Eine lächerlich unscheinbare Sache kann den Markt in jene Unruhe
bringen, daß innerhalb von zwei Stunden fünfhundert Millionen Dollar
Werte ihren Besitzer wechseln.
Da war eine Company, die Motoren fabrizierte. Sie war ganz unbekannt.
Niemand hatte je einen Motor dieser Company gesehen. Aber die Company
produzierte, immer in der Hoffnung, daß sie hochkommen könnte. Sie
zahlte keine Dividenden und hatte immer Unterbilanz. Ihre Aktien standen
auf sechsundvierzig, und niemand wollte sie dafür haben. Plötzlich
gingen die Aktien hinauf. Am ersten Tage gleich auf fünfundsechzig, am
zweiten Tage auf zweiundachtzig, am dritten Tage auf hundertzehn.
Niemand wußte, warum. Niemand wußte, wer der Aufkäufer war, denn die
Brokers, die aufkaufenden Agenten, gaben den Namen ihrer Auftraggeber
nicht preis. Selbst die sichersten Motor-Companien, wie die General
Motors, begannen zu fallen und fielen weiter. Denn bei einem so
unerwarteten Steigen eines unbekannten Papiers können die Gerüchte sich
auswirken. Die tollsten Gerüchte werden geglaubt und bringen die Börse
in Erregung. Hier lief das Gerücht um, jene Motor-Company habe ein
Patent erworben, das eine ganz neue Art von Motor schaffe, einen Motor,
der nur ein Zehntel des Gasolins gebrauche, den der übliche Motor
verwende, und er erzeuge achtmal mehr Kraft mit jenem Zehntel Gasolin.
Damit wurden alle anderen Motoren wertlos. Niemand würde mehr einen
Motor des alten Modells kaufen. So, alle Companien, die Motoren bauten,
und alle Companien, die Dinge produzierten, die mit Motoren etwas zu tun
hatten, begannen zu ratteln. Die Aktien der Oil-Companien wurden
unsicher, denn wenn die Motoren nur noch ein Zehntel Gasolin
gebrauchten, wo dann hin mit dem vielen Öl? Und alles war nichts anderes
als ein kleines Manöver des Mr. Collins, der einige kleinere
Oil-Companien, von denen er wußte, daß sie die Panik nicht überleben
konnten, aufsaugen wollte. Er bekam sie auch. Und die Papiere jener
unscheinbaren Motor-Company fielen zurück in ihr stilles und
beschauliches Dasein.
Mr. Collins braucht nur hundert Millionen Hektoliter Öl zurückzuhalten,
und der Markt kommt in Erregung, weil die Spieler nicht wissen, was los
ist, die Gerüchte sofort einsetzen und ihr Unheil anstiften. Oder Mr.
Collins kann hundert Millionen Hektoliter Öl, das er für solche
Spekulationszwecke in Reserve hielt, auf den Markt schleudern und ein
Preispanik hervorrufen, die alle Werte auf dem Markt mit sich reißt.
Denn alle Werte und Produkte sind in diesem System, das der Mensch von
heute geschaffen hat, so miteinander verwickelt und verwoben, daß eine
Werteveränderung des Öls sofort Werteveränderungen von Produkten nach
sich zieht, die gar nichts mit Öl zu tun haben. Ein Preissturz des Öls
kann eine gewaltige Preiserhöhung des Weizens oder der Baumwolle oder
der Papiere von Eisenbahn- und Dampfschiff-Companien hervorrufen.
Es geht hierbei sehr logisch zu. Viel logischer als beim Roulette. Es
geht so sehr logisch zu, daß ein kluger Mann, der genügend Kapital im
Rücken hat und die Gesetze, nach denen sich die Bewegungen hier durchaus
logisch vollziehen müssen, gut kennt und gut durchstudiert hat, immer
gewinnen muß. Nur hat selbst der Größte nicht diese unerschütterliche
Ruhe, die notwendig ist, um seinen Plan mit mathematischer Sicherheit zu
verfolgen. Auch der Größte läßt sich von der Unruhe mitreißen, weil er
Mensch ist und menschlichen Suggestionen unterliegt. Er läßt sich von
der Panik mit fortreißen, wie der Ruhigste und Bedächtigste bei einem
Theaterbrand von der Panik derer ergriffen wird, die um die Ausgänge
kämpfen, obgleich sie alle unversehrt ins Freie gelangen könnten, wenn
sie rasch, aber ohne sich zu drängen, durch die nächste Tür gingen und
dann draußen, außerhalb des Hauses, keine Knäuel bilden würden aus
Neugierde und um zu sehen, ob ihre Angehörigen nachkommen.
5
Mr. Collins war ein mächtiger Mann in der Ölindustrie. Aber gegenüber
den vier Frauen war er doch nur ein gewöhnlicher Mann, der sich von den
übrigen Männern höchstens dadurch unterschied, daß er mehr bezahlen
konnte, ohne dafür mehr zu bekommen, als ein Mann eben von einem Mädchen
bekommen kann. Was ein Mann von einer Frau bekommen kann, ist immer
dasselbe. Keine Frau kann mehr geben, als sie hat. Und wenn sie gegeben
hat, was sie zu geben imstande ist, so kommt der Mann zu der großen
Weisheit, daß alle Frauen in dem Punkte, auf den allein es nur ankommt,
alle gleich sind. Die Frauen – ganz sicher – denken genau das gleiche
von den Männern. Nach vielen Erfahrungen kommt der Mann endlich zu der
Erkenntnis, daß von allen Frauen die erste, die er hatte, die beste war.
Denn die Erinnerung an sie liegt am weitesten zurück und ist am nächsten
der Erinnerung an seine Jugend, die ihm romantisch erscheint, weil sie
das Vergangene ist. Auch für die Frau ist der Mann, den sie zuerst
liebte, der Mann, den sie für den besten hält und den sie immer lieben
wird. Der Grund ist der gleiche wie beim Manne.
Man schätzt das am meisten, was am kostspieligsten ist. Selbst die
Freudengöttin liebt nur den Mann aufrichtig, für den sie das Geld
verdienen muß, und der sie gelegentlich noch verprügelt.
Unter den vier Beweisstücken, die Mr. Collins hatte, um seinen Freunden
zu beweisen, daß er in voller Lebenskraft stand, war Betty das
geschätzteste augenblicklich. Denn sie war die kostspieligste.
Flossy, die ihren Scheck von tausend Dollar jeden Monat bekam mit der
Regelmäßigkeit, mit der ein Ehemann das Geld für den Haushalt zu zahlen
hat, stand in seiner Vorstellung und in seinem Empfinden beinahe schon
im gleichen Range wie seine Frau, Mrs. Alice Dawis Collins. Er zankte
sich mit ihr, er stritt sich mit ihr, er fühlte sich berufen und
berechtigt, sie zu kritisieren, und die Nächte, die er mit ihr in
ehelicher Gemeinschaft im Bett verbrachte, waren genau geregelt und
bestimmt. Er verließ ihr Haus regelmäßig um vier Uhr morgens, wenn er
seine ehelichen Pflichten ihr gegenüber zu erfüllen hatte, weil er nicht
später nach Hause kommen wollte, um immer noch sagen zu können, daß er
so lange im Klub gewesen sei. Gleich seiner Frau hatte er Flossy zwei
Reisen im Jahr zu bewilligen, im Winter eine Reise nach Palm Beach in
Florida und im Sommer eine Reise nach Kanada oder nach Europa. Er
besuchte sie natürlich pflichtgemäß in Palm Beach, verbrachte einige
zehn Tage mit ihr und ging dann über Havanna, wohin er sie mitnahm, nach
Tampico, wohin er sie nicht mitnahm. Da er nach Tampico im Auftrage der
Company reisen mußte, so wurde die gesamte Reise auf das Konto
der Condor Oil Co. geschrieben, wodurch sich die fällige
Sommererholungsreise für Flossy beträchtlich verbilligte. Er hätte
Flossy ja auch nach Tampico mitnehmen können. Aber es war billiger, sie
von Havanna nach Palm Beach zurückzuschicken. Außerdem war es für ihn
bequemer. In Tampico fand er immer gleich am ersten Abend, was er
brauchte. Und er konnte sich bei einer anderen Haut-, Haar- und
Augenfarbe von Flossy angenehm erholen. Er verstand zwar nicht, was die
braune Hautfarbe in Tampico zu ihm sprach über Liebe. Aber das war nicht
nötig; denn beide wußten, was sie voneinander wollten, und für diese
Wünsche ist die Sprache international. Die Hautfarbe in Tampico konnte
das Wort Money recht gut in englisch aussprechen, auch die Zahlen, die
sie mit dem Worte Dollar verband. Mehr brauchte sie nicht zu wissen.
Weder er. Die Erholung von Flossy, nachdem er mit ihr zehn oder vierzehn
Tage ständig zusammen gewesen war, tat ihm sehr gut. Denn Flossy begann
seiner Frau immer ähnlicher zu werden. In allen Dingen. Im Bett. Im
Sprechen. In der Kleidung. Im Nörgeln. Im Predigen. Er war nicht
Philosoph genug, um zu wissen, daß zwei Frauen, die längere Zeit unter
dem Einfluß desselben Mannes stehen, von dem sie wirtschaftlich abhängig
sind, ähnlich werden wie Zwillinge.
Flossy war, wenn Mr. Collins die Endrechnung aufstellte, die billigste
seiner Freundinnen. Darum war sie auch die treueste. Und darum konnte er
sich mit ihr zuweilen genau so vortrefflich langweilen und veröden wie
mit seiner Frau.
Die zwei Chor-Ladies, die noch neueren Datums waren, wurden noch nicht
ganz für voll gerechnet, obgleich sie bereits mehr kosteten als Flossy,
lediglich für die Annäherungsgeschenke, die er zu machen hatte.
Vorläufig schienen beide noch irgendwo andere Verpflichtungen zu haben,
von denen sie sich endgültig zu lösen gedachten, sobald sie erst einmal
genau wußten, wieviel Mr. Collins wert war. Nicht wieviel er wert war
als Mann oder als Liebhaber, sondern wieviel er wert war in seiner
Zahlungsmöglichkeit und in seiner Zahlungswilligkeit. Keine der
Chor-Ladies natürlich wußte von der andern, daß auch sie sich in der
Annäherung zu Mr. Collins befand. Das verstand Mr. Collins zu verhüten;
denn sobald die beiden zu kämpfen anfingen darum, wer von ihnen Mr.
Collins gewinnen würde, dann wurde es teuer für Mr. Collins. Denn die
Lady, die unterlag, begann ihm Schwierigkeiten zu machen, um zu retten,
was zu retten war. Und das, was gerettet werden mußte, war immer eine
hohe Summe, durch die eine bis dahin unberührte Jungfräulichkeit –
angeblich bis dahin unberührte –, die bei dem Kampf um das Objekt
verlorengegangen war, wieder in den früheren Zustand zurechtgerückt
werden sollte.
Das ging sehr einfach zu. Es wurde immer nach dem gleichen oder ganz
ähnlichen Rezept gemacht. Es war nach diesem Rezept gemacht worden mit
Mr. Ayres, Präsident der Grannis & Cleveland Refining Company.
6
Mr. Ayres fand eines Morgens in seiner Office einen Brief vor von
Simmons & Simmons Attorneys at law. Die Rechtsanwälte schrieben ihm, daß
Miß Minnie White, Sängerin und Tänzerin des Vanity-Theaters, eine Klage
einzubringen gedenke wegen Bruchs des Eheversprechens, und daß Miß
Minnie White ihren Schaden, den sie dadurch erlitten habe, auf eine
Summe von siebenhundertfünfzigtausend Dollar beziffert habe, eine Summe,
die in Anbetracht der guten Verhältnisse des Mr. Collins als lächerlich
geringfügig angesehen werden müßte.
Mr. Ayres hatte der Minnie niemals die Ehe versprochen. Das wußte Minnie
recht gut, und das wußten auch recht gut die Anwälte, ohne es zu sagen.
Auch Mr. Ayres wußte recht gut, daß sowohl Minnie als auch die Anwälte
genau wußten, daß er der Minnie nie die Ehe versprochen hatte. Aber
Minnie, die Anwälte und Mr. Ayres wußten, daß in Amerika eine Dame, die
ihren Fall gut vorzubringen verstand, bei den Geschworenen immer
durchsetzt, was sie durchzusetzen wünscht. Darum wurde hin und her
telephoniert und hin und her gesprochen, und Minnie ließ sich erweichen,
ihren Schaden mit hunderttausend Dollar endgültig wieder gutzumachen.
Sie bekam nur sechzigtausend in ihre Tasche, weil die Anwälte vierzig
Prozent der eingeklagten Summe beanspruchten. Denn wenn der Prozeß
verloren wurde, erhielten sie gar nichts, weil Miß Minnie ja nichts
hatte. Die Anwälte übernahmen das Risiko.
Mr. Ayres konnte selbst die hunderttausend Dollar nicht bezahlen, ohne
mit Erfolg in eine Bank einzubrechen, denn er hatte eine Familie. Sein
Gehalt war hoch, aber nicht so hoch, daß er so leicht hätte
hunderttausend Dollar missen können.
So wurde denn die Klage eingereicht. Es wurde nun schon nicht mehr
erwartet, daß Mr. Ayres den vollen Betrag zahlen würde, andernfalls
hätte er es nicht zur Klage kommen lassen, sondern sich geeinigt. Aber
die Klage mußte eingereicht werden, um eine Gelegenheit zu finden, die
Sache in die Zeitung zu bringen. Sobald es Gerichtssache war, konnte man
die Zeitung zur Mitwirkung heranziehen.
Mr. Ayres gehörte zur oberen Gesellschaft, und seine Stellung als
Präsident einer der mächtigen Companien machte ihn zu einer
interessanten Person, die in einen Skandal verwickelt zu sehen, das
Sensationsbedürfnis und die Klatschsucht der Menschen aufs höchste
befriedigte. Die armen Menschen, denen zotige Filme, schlüpfrige Romane,
saftige Lustspiele verboten werden oder so zensiert, daß sie zahm und
langweilig werden wie die Mittwochabendpredigt in der Methodistenkirche,
diese armen Leute finden auf einmal neue erfrischende Reize in dem
trockenen Leben, wenn sie eine saft- und spermastrotzende Geschichte auf
der ersten Seite der Zeitung lesen können. Hier darf der Zensor nicht
eingreifen, denn es ist ja eine Gerichtsangelegenheit. Die Gerichte sind
öffentlich, und sie müssen in einer echten Republik öffentlich sein, um
Korruptionen und ungerechte Urteile zu verhindern.
Was die Zeitungsreporter aus der einfachen Geschichte machten, das zu
lesen war staunenswert. Es machte alles vergessen, was die Zensoren
ihren Schutzbefohlenen in den letzten zwölf Monaten zu lesen und zu
sehen verboten hatten. Den alten trockenen Betschwestern der hohen und
allein heiligen Episcopal Church lief die schleimige Spucke sappernd aus
den ausgedörrten Mundwinkeln, als sie lesen durften, wie andere Leute
sich benehmen, die darauf verzichteten, sich allein und mit sich selbst
zu amüsieren.
In fetten Riesenlettern liefen gleich zwei Zeilen quer über die erste
Seite der Morgenblätter.
PRESIDENT OF BIG CORPORATION SEEN WITH DANCER OF THE VANITY
THEATRE ONLY WITH STOCKINGS ON
Der Präsident einer der größten Companien wurde mit einer Tänzerin
gesehen, die nichts weiter anhatte als ihre Seidenstrümpfe.