Eine rothe Laterne hing über der Thür der Destille. Die Thür war schräg
eingestellt nach der Strassenecke zu. Drei schlechte Eisenstufen führten
hinauf. Sie hallten und dröhnten, wenn schwere, nägelbeschlagene Schuhe
darauf traten. Nach der andern Seite leuchtete ein grosses Fenster. Eine
breite, grüne Aufschrift zog sich quer darüber hin, auf der zu lesen
stand, dass der Pfiff Bier fünf Pfennige kostete. Sonst Reklamen in
grossen Lettern von Wein, Bier, Rum, Punsch, Zettel in lebhaften Farben so
zusammengestellt, dass sie sich möglichst schnitten, das Auge
herausforderten. Aber der Strassenstaub hatte sie ausgebleicht, Alles war
von derselben schmutziggrauen Schleimschicht überzogen. Die Fenster hingen
schief in ihren Rahmen. Gegen das Haus lagen schwarze, faulende
Holzplanken aufgeschichtet von irgend einem Neubau, der nie fertig wurde.
Die Fenster nach der Strasse zu waren durch schwere Rollbretter geschützt.
In den oberen Stockwerken hatte man die Jalousien heruntergelassen. Nur
die Laterne blinkte wie ein trübes, rothes Auge durch die Nacht.
Es war Weihnachtsnacht. Man war lustig. Die Frau des Destillateurs hatte
Fische in süsser Sauce gemacht, von denen man für fünfzig Pfennige ein
Gericht bekam. Dazu gab es Punsch. Auch ein Weihnachtsbaum war geschmückt,
auf den sie stolz waren. Mit Papierblumen und ein paar dicken
Stearinlichtern prangte er. Im Nebenraum zwischen alten Lumpen schliefen
die beiden kleinen Mädchen, die Kinder des Ehepaars. Sie hielten die
Holzpuppen, die ihnen bescheert worden waren. Man hatte ihnen auch Punsch
gegeben. Sie schliefen ganz fest mit feuerroten Backen, im Luftzug ihres
Athems leise zitternden, langen Wimpern.
August Matzke war ein schwerer Mann, erst an die Vierzig, obgleich er
älter aussah, ganz und gar ruinirt, vergiftet durch den Trunk. Er war
schon zweimal wegen Delirium tremens im Krankenhaus gewesen. Alle hofften,
dass das sein Ende bedeutete. Aber er kam zurück, graublass, verblödet,
schrecklicher als vorher. Dieser Mann hatte mit Auszeichnung seine
Dienstzeit absolvirt und war zum Sergeanten aufgerückt. Bei einer
Schiessübung kam er durch Unvorsichtigkeit um ein Auge. Er erhielt die
Verstümmelungszulage und nahm seinen Abschied. Die Frau war aus ganz gutem
Hause, eine Süddeutsche von zierlichen Formen, freundlichem, einnehmendem
Wesen. Sie hatten ein ganz hübsches kleines Kapital gehabt, als sie
heiratheten, und fingen nach seiner Verabschiedung eine Gastwirthschaft
an. Man sagte, dass die sehr zuvorkommenden Manieren seiner Frau gegen
Fremde ihn zuerst an die Flasche getrieben hatten. Jetzt war er unheilbar;
das Geld ihrer Liebhaber hielt die Wirthschaft flott. Sie liessen sich
nicht scheiden, weil er ihr dann ihr Eingebrachtes auszahlen musste. Er
schlug sie. Sie insultirte ihn. Dann kam wieder anfallweise die alte
Verliebtheit; sie schliefen zusammen. Zwischen alledem, Schlägen, Zänken,
Liebkosungen, wuchsen die Kinder auf, behend und geschmeidig wie kleine
Katzen, beide der Mutter auffallend ähnlich, schon spürend, horchend,
zwischentragend....
Kuhlemann wurde mit lärmender Freude begrüsst. Matzke hatte schon schwer
gesoffen und sah schief. Es war da noch ein älterer Mann mit breitem,
krummem Rücken, der stumm in sich hineintrank. Ein junger Tapezier mit
aufgebürstetem Lieutenantsschnurrbart spielte den Forschen, zog die Andern
auf und scharmuzirte mit Frau Matzke. Ein Dienstmädchen aus dem Hause,
eine grobe, gewöhnliche Person, kam zuweilen, um sich auch einen Schnaps
stossen zu lassen, die Neuigkeiten zu hören. Ein paar zerlesene Nummern
des Vorwärts und des Lokalanzeigers lagen auf dem Tisch. Im Hintergrund
stand ein Klavier. Matzke als alter Soldat war Patriot und kaisertreu, er
hielt das socialdemokratische Blatt um seiner Kunden willen. Er selbst
liebte patriotische Lieder und erging sich, wenn er voll war, sehr gern in
hochtrabenden Erinnerungen an Gravelotte und Sedan, „unsern ollen Kaiser
Willem“ und Prinz Friedrich Karl, auf deren Wohl er dann die ganze
Gesellschaft anzustossen zwang. Heute war er noch nicht ganz so weit.
Frau Matzke hatte sofort ein Punschglas vor Fritz Kuhlemann aufgestellt
und eins vor dem Fremden, der sich bescheiden mit an den Tisch setzte. Das
grosse Dienstmädchen strebte neugierig näher. Sie war ein durchaus
anständiges Mädchen und stolz auf ihre Anständigkeit, aber sie hatte es
doch gern, wenn man sie kitzelte, Witzchen mit ihr machte. So zum Beispiel
foppte sie sich stets mit Matzke, dass er sie heirathen sollte. Er wollte
dann von ihrem Gelde seine Frau auszahlen und sich scheiden lassen. Das
amüsirte sie königlich.
„Ich möchte nur um ein Glas Wasser bitten und ein Stück Brot, wenn ich es
haben kann,“ sagte der Fremde.
Die Frau sah ihn erstaunt an, willfahrte aber der Bitte. Matzke schoss aus
seinen geschwollenen Augen einen trüben, gehässigen Blick.
„Wer’n rechter Kerl is, der is Soldat jewesen. Wer nich Soldat jewesen is,
der is überhaupt kein Mann nich, sag ick!“
Er wiederholte das mit der Faust aufschlagend gegen den Tapezier, der sich
damit belustigte, ihn aufzuziehen. Er schien sich damit das besondre
Wohlwollen der Frau Matzke verdienen zu wollen, denn er blinzte ihr zu.
Die grosse Hanne juchzte lärmend auf.
„Un eene volle Pulle liebt er ooch, was ’n rechter Mann is? Was Aujust?
Tapfre, olle Kriegsgurgel?“
Der Trunkenbold stierte ihn giftig an, that aber Bescheid. In der
Hülflosigkeit seines benebelten Gehirns gegen die Kniffe und Finten des
Andern blieb ihm nur dies eine Bedürfniss, zuzuschlagen, seine Fäuste zu
gebrauchen.
„Kanonen ufffahren und derzwischen jepfeffert, denn würden sie schon
fertig mit det Jesindel!“
„Und Du wärst der commandirende Jeneral von det Janze! Herr Aujust Matzke
mit dem schwarzen Adlerorden da vorne aus der Weste.“
Der Tapezier amüsirte sich königlich. Frau Matzke zog verächtlich die
Lippen. Das Dienstmädchen bog sich vor Vergnügen.
„Ick sage: Wer seinen Kaiser nich ehrt, der is kein deutscher Mann, der
jehört in den Schweinestall.“
„Sieh man zu, dass Du nich selber zuerst reinbummelst, oller Freund. Wer
so schwach uff seine eijnen Beene steht, sollte man ja nich so forsch
jejen Andre losziehen.“
„Ick nich fest uff meine Beene! Ick bin Dein oller Freund nich. Ick will
Dich lehren, mir Aujust zu heissen. Aujust Dir wat in Deine unjewaschne
Schnauze. Du – Du – Hurenjäger Du!“
Er hatte sich schwerfällig erhoben und griff nach der Stuhllehne, um sich
daran festzuhalten. Der Tapezier lachte, er gehörte zu Frau Matzke’s
eleganten Freunden, die den Haushalt im Gang erhielten. Der Mann in der
braunen Weste rührte sich nicht.
„Aber August! so lass doch!“ machte die Frau gelangweilt. Sie zwinkerte
Wernicke zu, Hanne in ihrer sicheren Ecke am Büffet erstickte fast vor
unterdrückter Heiterkeit. Sie fand das einen ausgezeichneten Spass.
Nun wandte sich der Wüthende gegen sie, die Ehebrecherin, in den
unfläthigsten Ausdrücken. „Ick will Dir ... Ick will Dir ... Hure ...
Hure ... Hure!“ Er sah schrecklich aus mit den sabbernden Lippen, seinen
blutunterschossenen Augen, von denen das eine, künstliche, immer gerade
blieb, glotzend, ungeheuerlich. Das Wort in seinem dumpfen Laut des
Stiergebrülls wiederholte sich. Er packte sein schweres Bierseidel; es
flog dicht an ihrem Kopf vorbei in die Fensterscheibe, die splitternd
zerbrach. Der Ton schien ihn vollends wahnsinnig zu machen. Er ergriff
eins der Seidel nach dem andern und fensterte sie in das Glas. Leere und
halbvolle Flaschen flogen nach. Man hörte die Scherben auf dem
Strassenpflaster sich knisternd zusammenhäufen. Gleichzeitig drang die
kalte, klare Winterluft ein. Der Tapezier weidete sich an seinem
Heldenstück. Hanne kreischte, die Hände vor den Ohren, dachte aber nicht
daran zu flüchten. Der andre Gast blieb ganz stumpfsinnig.
„Das giebt ein nettes Christkindchen für morgen. Na, ich bin nur froh,
dass ich die Rechnung nicht zu bezahlen brauche.“ Der junge Mann griff
nach seinem Hut und Paletot, einem eleganten Paletot mit Sammetaufschlag
und hellem Futter. Er hing ihn immer so, dass man das Futter sah. „Ich
gehe jetzt, Frau Matzke. Adieu auch. Ich werde erwartet.“
Sie sagte nichts. In der Thür drückte sie ihm die Hand sehr stark, ihre
Nüstern bebten. „Nimm Dich in acht!“ ...
Durch den Thürspalt nach der Kammer guckten die beiden Kinder. Der Lärm
des klirrenden Glases hatte sie aufgeweckt. Sie witterten eine Scene, und
waren nun dabei, neugierig, erwartungsvoll.
Matzke hatte seine letzte Bierflasche dem Abgehenden gegen die Thür
nachgeschleudert. Sie zerbrach auf dem Fussboden in ihrer braunen Sauce.
Frau Matzke fing ruhig an, die Unordnung des Fensters zu repariren. Sie
steckte eine weisse Bettplane auf; sie kannte das schon.
„Nanu? Hier is wohl Polterabend heut’?“ sagte eine lustige Stimme.
Es war ein Mädchen. Sie trug gescheitelte Haare und ein einfaches
Umschlagetüchelchen. An einer gewissen Unordnung des lose gewundenen
Nackenknotens, der zerschlissenen, rothen Seidentaille erkannte man die
Leichtfertigkeit ihres Berufs.
„Ich konnte nicht früher kommen, habe auch den Kindern noch was
mitgebracht.“
„Ach Lene! Lenchen!“ In ihren Hemden drängten sie sich um sie. Das Mädchen
küsste sie leidenschaftlich. Frau Matzke sah zu.
Fritz Kuhlemann lachte. „Geht’s Geschäft auch heut’ Abend?“ fragte er
boshaft. Der Fuhrmann starrte sie an. Lene Hoff war der eigentliche Grund,
weshalb er jeden Abend kam. Er hätte nie gewagt, es ihr zu sagen,
ausserdem wusste er ja, dass sie unter Sittenkontrolle stand. Die grosse
Hanne zog eine höhnische Fluntsch. Sie hatte das Mädchen nicht begrüsst,
als sie eintrat, stand jetzt, einen Arm in die Hüfte gestützt, und
musterte sie von oben bis unten. Dann drehte sie sich nach der Thür zu:
„Ich muss jetzt raufgehen. Es ist meine Zeit.“ Sie beschäftigte sich sehr
viel mit der jungen Prostituirten, ihren Toiletten, ihrem Thun und Lassen.
In ihren Gedanken stand sie weit unter ihr; sie war ein anständiges
Mädchen.
Lene pustete sich in die Finger. Sie war immer ein bischen genirt, so
lange die Grosse da war. „Kalt ist’s. So’n Weihnachten! Lustig sein! Wir
wollen Klavier spielen.“
Sie hatte sich an’s Klavier gesetzt. Ein Tanz wirbelte hervor unter ihren
flinken Fingern.
Niemand tanzte.
„Das ist nichts.“ Sie stand wieder auf, schloss den Deckel. Sie näherte
sich Fritz Kuhlemann, kraute mit der Hand den untern Teil seines rothen
Schopfes: „Na Du?“ ... Die ganze gewerbsmässige Schmeichelei ihres Berufs
lag in dem Ton, vielleicht noch mehr. „Bist so eklig heut’, geh! Spendirst
mir nicht mal was?“
„Seh’ ich Dir nach Spendiren aus?“ Man hörte die Leidenschaft aus seiner
Stimme. Diese Liebkosung einer Frau stachelte ihn. Er verschlang sie mit
den Augen.
Sie hatte sich auf seinen Schoss gesetzt. „Armer Kerl! Keine Chance. So
viel Pech gehabt.“ Er zerdrückte ihr die Lippen mit einem brutalen Kuss.
„Du – frech biste!“
Sie sah den Fuhrmann an. Dieser Mann hätte sie geheirathet. Er hatte vier
Kinder zu Haus. Aber ihr graute vor der Langeweile. Ihr Vogelgehirn
arbeitete schon auf einer andern Spur wieder, sie hatte den Fremden
entdeckt.
„Wer is denn der?“ fragte sie Frau Matzke.
Die Frau zuckte die Achseln.
„War der Josef hier heute?“
„Er ist eben fort.“
„Ach darum ...“ Das Mädchen kannte die Leidenschaft der Freundin. Der
schöne Tapezier hätte ihr auch gefallen. Sie seufzte.
„Oed’ ist’s heute. Ich bin vorher gegangen und hab’ mir die Christbäume
angesehen. Christbäume, das ist so rührend. Einen ganz grossen sah ich mit
Lametta wie Haare. Das möcht’ ich haben.“
Sie hatte sich wieder an’s Klavier gesetzt. Ein Weihnachtslied klang aus
den Tasten.
„Hübsch war das, die Engelchen und Schäfchen in der Krippe. Ich hab’ das
mal gesehen, wie ich klein war. In der Kirche.“
Sie wandte sich wieder an Kuhlemann. „Sag’ mal, Du hast nicht einen Nickel
für mich? Zu einer neuen Schleife für den Ball am Sonntag. Kommste mit zum
Ball, Schätzchen?“
Er drehte ein zerfetztes Portemonnaie um vor ihren Augen: „Da sieh.“ ...
Der Fuhrmann warf einen Thaler auf den Tisch. Hart klang das Metall auf
der Holzplatte. Alle sahen auf. Frau Matzke hatte ihren Besen, mit dem sie
die Scherben zusammenfegte, hingestellt.
Die Lene war näher gekommen wie ein naschhaftes Kind. Der Thaler lag da,
und blinkte – brutal, schmutzig gleissend. Sie sog lang den Athem ein.
„Du rührst nicht dran!“ schrie Fritz Kuhlemann.
„Wenn man selber keinen Pfennig hat, hat man nichts dreinzureden,“
entschied Frau Matzke schneidend.
Der Andre wartete, schwerfällig, lauernd, wie ein Jäger, der das Wild in
der Falle hat.
„Ich schlag’ ihn todt!“
Ein scharfes Lachen der Frau traf den Burschen wie ein Hieb.
Das Mädchen war wie ein lüsternes Mäuschen noch näher gekrochen. Die
feinen Zähne blinkten zwischen ihren gespitzten Lippen hervor.
Der Trunkenbold machte einen scheusslichen Witz: „Wer das Geld hat, hat
das Recht,“ bestimmte Frau Matzke.
Sie streckte die Hand aus.
Ein gurgelnder Laut wie Tigergebrüll entrang sich der Brust des Burschen.
Der Fremde hatte die Hand auf den Tisch gelegt. Diese feine, blasse,
bläulich geäderte, abgezehrte Hand bedeckte das Geldstück. Sie bildete
eine Weisse auf der mit Bier- und Fettflecken besudelten Tischplatte.
„Komm’ zu mir!“ sagte der Fremde.
Er hatte sich aufgerichtet. Er stand ganz gerade. Die andere Hand, die
nicht das Geldstück deckte, streckte sich gebietend vor.
„Komm hierher!“ befahl der Fremde.
Sie kam. Sie gehorchte. Wie mit durchgeschnittnen Flechsen schleppte sie
sich. Sie kroch. Plötzlich schlug sie beide Hände vor’s Gesicht, mit einem
dumpfen Schmerzenslaut sank sie in die Knie.
„Nimm Dein Geld!“
Der Fremde hatte den Thaler ergriffen. Er schleuderte ihn nach der Thür.
Das Silber schlug hart auf, kugelte sich im Weiterrollen. Der Fuhrmann
bückte sich gierig danach und verschwand.
Fritz Kuhlemann stand mit unter der Brust gekrampfter Hand. Es war der
Blick des Mörders, mit dem er sah, der Bestie, des wilden Thieres.
„Geh!“
Er ging.
Der Trunkenbold lachte auf mit einem hässlichen Gluckser. „Ein
Schmatzchen, Haseken. Du – Du ...“ Er griff schwankend in die Luft. Es
reichte nicht mehr, wie ein Bleisack sank er schwer zusammen.
„Leg ihn schlafen,“ sagte der Fremde. Das Weib schnellte gegen ihn an wie
eine gereizte Viper. Dann gab sie der schnarchenden Masse einen
verächtlichen Fussstoss. „Vieh!“
Sie stiess ihn gegen die Kammer mit rachsüchtigen Püffen und Tritten, dann
nahm sie ihren Besen und kehrte wüthend.
Die kühle Nachtluft strich durch den schweren Fuseldunst. Alle Lampen
brannten. An den Wänden hingen patriotische Bilder, Reklameschilder mit
Emblemen der Arbeit, eine schwere Faust, die den Hammer emporhält, einem
Tischler an der Hobelbank. Jemand hatte allerlei Unfläthigkeiten
angeschrieben. Dazwischen machte sich ein widerliches, süsses
Moschusparfüm fühlbar, der von dem Mädchen ausging. Sie hatte die Hände
vom Gesicht genommen. Sie schielte zwischen den Fingern wie ein unartiges,
gescholtnes Kind. Es erschreckte sie, dass sie so allein waren. Sie
begriff nicht. „Sie sollen nicht weggehen! Der Dicke würde mich heirathen.
Vier Göhren hat er zu Haus. Hundertundfünfzig Mark im Monat und die ganze
Einrichtung. – So Einer; der’s Einem hinterher alle Tage vorwirft!
Zweiundvierzig Jahre ist er schon, krumm wie’n oller Zumpelbär. Der drückt
Einen ja todt. Taps, dämlicher!“
Sie lachte leichtfertig, ihre blonde Mähne schüttelnd, die Augen
eingekniffen.
„Der Andre, Wernicke, der ist ein ganz Feiner. Gestärkte Hemden trägt er
sogar am Alltag. Er kriegt auch einen guten Lohn bei Krüger. Er ist der
Erste da, der Alles allein macht. – Dieser Fritze! Das ist so komisch.
Komisch ist der!“
Ihr Lachen rang sich auf in hellen, klingenden Trillern. Sie lachte, dass
ihr die Augen übergingen. Ihr ganzer Körper krampfte sich unter dem
Lachen.
„Alle Leute haben mich gern, weil ich immer lustig bin. Und Kinder! – das
is immer Leneken hier, Leneken da! Wir haben eine alte Frau im Haus, die
lahm ist und zu Bett liegt. Ich bringe ihr Kaffee und Chocolade. O, ich
thue auch das Meine.
„... Wie die vornehmen Damen, die aus dem Wagen steigen, die Näsen kraus
ziehen.... Beten und trocknes Brot und Arbeit. Als ob wir’s nicht wüssten,
wie die’s treiben!
„Warum ist denn Unsereins schlecht? Weil’s einen schlechten Rock anhat,
einen billigen Hut trägt. Die sind nicht besser wie wir! Pfui!“
Sie spuckte aus.
„Einen Spatz hatte ich mal, den ich unter’m Baum fand. Hier im Kleid unter
der Brust trug ich ihn. Den schlugen mir die Jungen todt.
„Schweine sind die Männer! Ach, solche Hunde! Hunde! Nicht mal Geld geben
sie Einem. Aber schlagen! Sie stehlen’s noch von uns.“ Ihre Fäuste
krampften sich megärenartig. Das junge Gesicht wurde erdfahl, verzerrt.
„Ich hab’ Klavier spielen gelernt. O, ich hatte mal Einen in der
Georgenstrasse. Der war sehr gebildet. Sogar Verse hat er auf mich
gemacht. ‚Du hast ja die schönsten Augen, Feinsliebchen, was willst Du
noch mehr?‘“
Sie wiederholte die Worte liebkosend, den Oberkörper wiegend wie im Tanze.
Sie blähte sich eitel.
„Warum sprichst Du nicht mit mir? Wenn ich einen Vater gehabt hätte, eine
Mutter, kleine Kinder – – –
„Ich bin ganz zufrieden. Was kommt auch drauf an? Man schlägt’s so um die
Ohren. Lustig gelebt und fröhlich gestorben, das ist dem Teufel die
Rechnung verdorben.
„Tanzen, Zuckerzeug, fein riechen! Hübsche Kleider!
„Eine Freundin von mir ist im Spital gestorben, Becker’s Lene, die lange.
Sterben ist grässlich. Huh! Huh!“
Sie fing wieder an, ihr Gesicht zu verstecken. Sie rutschte auf den Knieen
hin und her. Sie gab kleine Töne von sich, wie ein gescheuchter,
flatternder Vogel. „Du machst mir Angst. Sprich doch. Guck mich nicht an!
Guck mich nicht an!“
Sie streckte beide Arme aus, wie unter dem Schrecken einer Erscheinung.
Sie bog den Kopf zurück. Ihre Augen weiteten sich starr. „Ich bin mal in
der Wiese gewesen. Blumen wuchsen so reinlich mit weissen Gesichtchen. Auf
dem Teich fuhren Schwäne. Grüner Wasserliesch schwamm. Wo sie fuhren,
wurden dunkle, tiefe Flecken. Das hörte man gar nicht. Ueberall theilte
sich der Sumpf. Klar war’s und dunkel ...
„Ich will Dir noch etwas sagen, was kein Mensch weiss. Ich hätte ein
Kindchen gehabt, aber es ist nicht zur Welt gekommen. So gross war’s, todt
und feucht. Es hätte nicht gelebt und nichts zu essen gehabt. Mein kleines
Bübchen! Mein todtes, kleines Kindchen!
„Manchmal denk’ ich, die Sterne, wenn die so funkeln, dass man dort sein
könnte. Alles weiss an mir runter.“ ... Sie strich an sich herunter mit
glättenden Händen. Sie strich, als ob sie all’ ihre Gewänder abstreifen
wollte. Wie im Fieber gingen die dünnen streichenden Hände. ... Das
Hälschen über den zarten, fallenden Brüsten reckte sich wie ein
Lilienstengel. Eine Bläue war in den Augen, die nicht mehr vom Leben war.
Die Lippen seufzten wie die Jemandes, der trinkt. Sie trank – trank –
trank.
Der Fremde sagte nichts. Seine Hand legte sich auf diese junge, noch
weisse Stirn. Zart und gütig lag sie, ganz leise.
Unter der Hand sank die Frau zusammen. Sie wurde klein. Sie wurde ein
Wurm, der sich am Boden schleppte.
Sie weinte. Sie drückte sich ganz dicht an seine Füsse. Ihre Thränen
tropften auf seine Füsse. Ihre blonden Haare hatten sich gelöst und fielen
über ihr gebeugtes Haupt und seine benetzten Füsse. Er rührte sich nicht.
Sie weinte – weinte.
Frau Matzke war mit dem Besen in der Hand in der Schlafzimmerthür
erschienen. Sie stand da mit einem harten, steinernen Ausdruck,
unbeweglich. Man hörte das tiefe, röchelnde Schnarchen des Trunkenbolds,
unschuldige, tiefe Athemzüge der Kinder.
Jemand wartete in der Strasse mit einem weissen, elenden Gesicht. Er hatte
die ganze Nacht gewartet. Nun war es Morgen.
Der Fremde rief den Burschen. Draussen begann schwerfällig, schlafbetäubt
das Leben sich zu regen. Lastkarren fuhren müde. Einzelne dunkle Gestalten
huschten. Man sah die lange graue Breite der Strasse mit Häusern zu beiden
Seiten, unzähligen Fenstern und Thürluken, unter dem trüben Himmel, von
dem es leise wie Thau tropfte.