Linien beziehen. Bei Entfernungen von einigen tausend Schritten oder
einer halben Meile kann natürlich die Zeit, die man gewinnt, nicht so
groß sein, wie bei Entfernungen von mehreren Tagesmärschen oder gar von
zwanzig bis dreißig Meilen; die ersteren, nämlich die kleinen Räume,
gehören der Taktik an, die größeren der Strategie. Wenn man nun
freilich in der Strategie auch mehr Zeit zur Erreichung des Zwecks
braucht als in der Taktik, und eine Armee nicht so schnell überwunden
ist wie ein Bataillon, so nehmen doch diese Zeiten in der Strategie auch
nur bis zu einem gewissen Punkt zu, nämlich bis zur Dauer einer
Schlacht, und allenfalls der paar Tage, um die sich eine Schlacht ohne
entscheidende Opfer vermeiden läßt. Ferner findet ein noch viel größerer
Unterschied in dem eigentlichen Vorsprung statt, den man in dem einen
und dem andern Fall gewinnt. Bei den kleinen Entfernungen in der Taktik:
in der Schlacht, geschehen die Bewegungen des einen fast unter den Augen
des andern; der auf der äußeren Linie Stehende wird also die seines
Gegners meistens schnell gewahr. Bei den größeren Entfernungen der
Strategie geschieht es wohl höchst selten, daß eine Bewegung des einen
nicht wenigstens einen Tag dem andern verborgen bleibt, und es gibt
Fälle genug, in denen, besonders wenn die Bewegung nur einen Teil betraf
und in einer beträchtlichen Entsendung bestand, dies wochenlang
verborgen geblieben ist. Wie groß der Vorteil des Verbergens für
denjenigen ist, der durch die Natur seiner Lage am meisten imstande ist,
davon Gebrauch zu machen, läßt sich leicht einsehen.
* * * * *
Ein schneller, kräftiger Übergang zum Angriff -- das blitzende
Vergeltungsschwert -- ist der glänzendste Punkt der Verteidigung. Wer
sich ihn nicht gleich hinzudenkt, oder vielmehr, wer ihn nicht gleich in
den Begriff der Verteidigung aufnimmt, dem wird nimmermehr die
Überlegenheit der Verteidigung einleuchten; er wird immer nur an die
Mittel denken, die man durch den Angriff dem Feinde zerstört und sich
erwirbt, welche Mittel aber nicht von der Weise abhängen, den Knoten zu
schürzen, sondern ihn aufzulösen. Ferner ist es eine grobe
Verwechselung, wenn man unter Angriff immer einen Überfall versteht und
sich folglich unter Verteidigung nichts als Not und Verwirrung denkt.
Freilich faßt der Eroberer seinen Entschluß zum Kriege früher als der
harmlose Verteidiger, und wenn er seine Maßregeln gehörig geheimzuhalten
weiß, wird er diesen wohl auch überraschen können. Aber das ist etwas
dem Kriege Fremdes. Der Krieg ist mehr für den Verteidiger als für den
Eroberer da, denn der Einbruch hat erst die Verteidigung hervorgerufen
und mit ihr den Krieg. Der Eroberer ist immer friedliebend, wie
Bonaparte auch stets von sich behauptet hat. Er zöge ganz gern ruhig in
unsern Staat ein. Damit er dies aber nicht könne, darum müssen wir den
Krieg wollen, und also auch vorbereiten, d. h. mit andern Worten: es
sollen gerade die Schwachen, der Verteidigung Unterworfenen immer
gerüstet sein, um nicht überfallen zu werden. So will es die
Kriegskunst.
* * * * *
Das frühere Erscheinen auf dem Kriegstheater hängt in den meisten Fällen
von ganz andern Dingen ab, als von der Angriffs- oder Verteidigungsabsicht.
Diese sind also nicht die Ursache, aber oft die Folge davon. Wer früher
fertig wird, geht, wenn der Vorteil des Überfalls groß genug ist, aus
*diesem* Grunde angriffsweise zu Werke, und der, welcher später fertig
wird, kann den Nachteil, der ihn bedroht, allein durch die Vorteile der
Verteidigung noch einigermaßen ausgleichen.
Indessen muß es im allgemeinen als ein Vorteil des Angriffs angesehen
werden, von der früheren Bereitschaft diesen schönen Gebrauch machen zu
können; nur ist dieser allgemeine Vorteil keine unabtrennbare
Notwendigkeit für jeden einzelnen Fall.
Wie kein Verteidigungsfeldzug aus bloßen Verteidigungselementen
zusammengesetzt ist, so besteht auch kein Angriffsfeldzug aus lauter
Angriffselementen, weil außer den kurzen Zwischenperioden eines jeden
Feldzugs, in denen sich beide Heere in der Verteidigung befinden, jeder
Angriff, der nicht bis zum Frieden reicht, notwendig mit einer
Verteidigung enden muß.
Auf diese Weise ist es die Verteidigung selbst, die zur Schwächung des
Angriffs beiträgt. Dies ist so wenig eine müßige Spitzfindigkeit, daß
wir es vielmehr als den hauptsächlichsten Nachteil des Angriffs
betrachten, dadurch später in eine ganz unvorteilhafte Verteidigung
versetzt zu werden.
Und hiermit ist denn erklärt, wie der Unterschied, der in der Stärke der
offensiven und defensiven Kriegsform ursprünglich besteht, nach und nach
geringer wird.
* * * * *
Der Zweck des Angriffs ist: in den Besitz unseres Kriegstheaters oder
wenigstens eines bedeutenden Teils davon zu gelangen, denn unter dem
Begriff des Ganzen muß wenigstens die größere Masse desselben verstanden
werden, da der Besitz eines Landstrichs von wenigen Meilen in der
Strategie in der Regel keine selbständige Wichtigkeit hat. Solange also
der Angreifende in diesem Besitz noch nicht ist, d. h. solange er, weil
er sich vor unserer Macht fürchtet, entweder noch gar nicht zum Angriff
des Kriegstheaters vorgeschritten ist, oder uns in unserer Stellung noch
nicht aufgesucht hat, oder der Schlacht, die wir ihm liefern wollten,
ausgewichen ist, so lange ist der Zweck der Verteidigung erfüllt, und
die Wirkungen der Verteidigungsmaßregeln sind also erfolgreich gewesen.
Aber freilich ist dieser Erfolg ein bloß negativer, der zu einem
eigentlichen Rückstoß zwar nicht unmittelbar die Kräfte geben kann. Er
kann sie aber mittelbar geben, d. h. er ist auf dem Wege dazu, denn die
Zeit, die verstreicht, verliert der Angreifende, und jeder Zeitverlust
ist ein Nachteil und muß auf irgendeine Art den schwächen, der ihn
erleidet.
* * * * *
Selten, oder wenigstens nicht immer, schreibt sich der Feldherr genau
vor, was er erobern will, sondern er läßt es von den Ereignissen
abhängen. Sein Angriff führt ihn oft weiter, als er gedacht hat.
* * * * *
Wir haben gesehen, daß die Verteidigung im Kriege überhaupt, also auch
die strategische, kein absolutes Abwarten und Abwehren, also kein
vollkommenes Leiden ist, sondern ein relatives, folglich von mehr oder
weniger offensiven Prinzipien durchdrungen. Ebenso ist der Angriff kein
homogenes Ganze, sondern mit der Verteidigung unaufhörlich vermischt.
Zwischen beiden findet aber der Unterschied statt, daß die Verteidigung
ohne offensiven Rückstoß gar nicht gedacht werden kann, daß dieser ein
notwendiger Bestandteil der Verteidigung ist, während beim Angriff der
Stoß oder Akt an sich ein vollständiger Begriff ist. Die Verteidigung
ist ihm an sich nicht nötig, aber Zeit und Raum, an die er gebunden ist,
führen ihm die Verteidigung als ein notwendiges Übel zu. Denn erstens
kann er nicht in einer stetigen Folge bis zur Vollendung fortgeführt
werden, sondern erfordert Ruhepunkte, und in dieser Zeit der Ruhe, wo er
selbst neutralisiert ist, tritt der Zustand der Verteidigung von selbst
ein. Zweitens ist der Raum, den die vorschreitende Streitkraft hinter
sich läßt und den sie zu ihrem Bestehen notwendig braucht, nicht immer
durch den Angriff an sich gedeckt, sondern muß besonders geschützt
werden.
Es ist also der Akt des Angriffs im Kriege, vorzugsweise aber in der
Strategie, ein beständiges Wechseln und Verbinden von Angriff und
Verteidigung, wobei aber letztere nicht als eine wirksame Vorbereitung
zum Angriffe, nicht als eine Steigerung desselben anzusehen ist, also
nicht als ein tätiges Prinzip, sondern als ein bloßes notwendiges Übel,
als das retardierende Gewicht, das die bloße Schwere der Masse
hervorbringt. Sie ist seine Erbsünde, sein Todesprinzip. Wir sagen: ein
retardierendes Gewicht, weil, wenn die Verteidigung nichts zur
Verstärkung des Angriffs beiträgt, sie schon durch den bloßen
Zeitverlust, den sie darstellt, seine Wirkung vermindern muß.
* * * * *
Jeder Angriff muß mit einem Verteidigen enden. Wie dies beschaffen sein
wird, hängt von Umständen ab. Sie können sehr günstig sein, wenn die
feindlichen Streitkräfte zerstört sind, aber auch sehr schwierig, wenn
dies nicht der Fall ist. Bei jedem Angriffe muß daher auf die ihm
notwendig anhängende Verteidigung Rücksicht genommen werden, um sich auf
die Nachteile, denen er unterworfen ist, gefaßt zu machen.
* * * * *
Wo der Sieg gesucht wird, darf der offensive Teil in der
Verteidigungsschlacht niemals fehlen, und von diesem offensiven Teile
aus können alle Wirkungen eines entscheidenden Sieges hervorgehen, so
gut wie aus einer reinen Offensivschlacht, so daß für die strategische
Kombination im Grunde zwischen Angriffs- und Verteidigungsschlacht gar
kein Unterschied besteht.
* * * * *
Was wir von der Defensivschlacht gesagt haben, wirft schon ein großes
Licht auf die Offensivschlacht.
Wir haben dort die Schlacht im Auge gehabt, in der die Verteidigung am
stärksten ausgesprochen ist, um ihr Wesen fühlbar zu machen. Die
wenigsten Schlachten sind aber von dieser Art; die meisten sind halbe
Renkontres, in denen der Defensivcharakter sehr verloren geht. Anders
verhält es sich mit der Offensivschlacht. Sie behält ihren Charakter
unter allen Umständen. Die Haupteigentümlichkeit der Offensivschlacht
ist das Umfassen oder Umgehen.
* * * * *
Das Gefecht mit umfassenden Linien gewährt an sich ganz offenbar große
Vorteile. Es ist indes ein Gegenstand der Taktik. Diese Vorteile kann
der Angriff nicht aufgeben, weil die Verteidigung ein Mittel dagegen
hat. Denn dieses Mittel kann er selbst nicht anwenden, insofern es mit
den übrigen Verhältnissen der Verteidigung zu eng zusammenhängt. Um den
umfassenden Feind mit Erfolg wieder umfassen zu können, muß man sich in
einer ausgesuchten und wohleingerichteten Stellung befinden. Aber was
viel wichtiger ist, nicht alle Vorteile, die die Verteidigung darbietet,
kommen wirklich zur Anwendung. Die meisten Verteidigungen sind dürftige
Notbehelfe; die Mehrzahl der Verteidiger befindet sich in einer sehr
bedrängten und bedrohten Lage, in der sie, das Schlimmste erwartend, dem
Angriff auf halbem Wege entgegenkommen. Die Folge davon ist, daß
Schlachten mit umfassenden Linien oder gar mit verwandter Front, die
eigentlich die Folge eines vorteilhaften Verhältnisses der
Verbindungslinien sein sollten, gewöhnlich die Folge der moralischen und
physischen Überlegenheit sind.
So wie in der Verteidigungsschlacht der Feldherr das Bedürfnis hat, die
Entscheidung möglichst lange hinzuhalten und Zeit zu gewinnen, weil eine
unentschiedene Verteidigungsschlacht gewöhnlich eine gewonnene ist, so
hat der Feldherr in der Angriffsschlacht das Bedürfnis, die Entscheidung
zu beschleunigen; aber andrerseits ist mit der Übereilung große Gefahr
verbunden, weil sie zur Verschwendung der Kräfte führt.
Eine Eigentümlichkeit der Angriffsschlacht ist in den meisten Fällen die
Ungewißheit über die Lage des Gegners. Sie ist ein wirkliches
Hineintappen in unbekannte Verhältnisse. Je mehr sie das ist, um so mehr
ist Vereinigung der Kräfte geboten; um so mehr ist Umgehen dem Umfassen
vorzuziehen.
Daß die Hauptfrüchte des Sieges erst im Verfolgen errungen werden, ist
an anderer Stelle hervorgehoben. Der Natur der Sache nach ist bei der
Offensivschlacht die Verfolgung in höherem Maße ein unerläßlicher Teil
der ganzen Handlung als in der Verteidigungsschlacht.
* * * * *
Ein Stillstand im kriegerischen Akt ist streng genommen ein Widerspruch
mit der Natur der Sache, weil beide Heere wie zwei feindliche Elemente
einander unausgesetzt vertilgen müssen, so wie Feuer und Wasser sich nie
ins Gleichgewicht setzen, sondern so lange aufeinander einwirken, bis
eines ganz verschwunden ist. Was würde man von zwei Ringern sagen, die
sich stundenlang umfaßt halten, ohne eine Bewegung zu machen? Der
kriegerische Akt sollte also wie ein aufgezogenes Uhrwerk in stetiger
Bewegung ablaufen. Aber so wild die Natur des Krieges ist, so liegt sie
doch an der Kette der menschlichen Schwächen.
Richten wir einen Blick auf die Kriegsgeschichte, so finden wir so sehr
das Gegenteil von einem unaufhaltsamen Fortschreiten zum Ziel, daß ganz
offenbar Stillstehen und Nichtstun der Grundzustand der Heere mitten im
Kriege ist und das Handeln die Ausnahme. Es sind dabei drei Ursachen zu
bemerken.
Die erste, die einen beständigen Hang zum Aufenthalt hervorbringt und
dadurch ein retardierendes Prinzip wird, ist die natürliche
Furchtsamkeit und Unentschlossenheit des menschlichen Geistes, eine Art
von Schwere in der seelischen Welt.
Im Flammenelement des Krieges müssen die gewöhnlichen Naturen schwerer
erscheinen. Die Anstöße müssen also stärker und wiederholter sein, wenn
die Bewegung eine dauernde werden soll. Wenn nicht ein kriegerischer,
unternehmender Geist an der Spitze steht, der sich im Kriege wie der
Fisch im Wasser in seinem rechten Element befindet, oder wenn nicht
große Verantwortlichkeit von oben drückt: wird Stillstand zur
Tagesordnung und das Vorschreiten zu den Ausnahmen gehören.
Die zweite Ursache ist die Unvollkommenheit menschlicher Einsicht und
Beurteilung, die im Kriege größer ist als irgendwo, weil man kaum die
eigene Lage in jedem Augenblick genau kennt, die des Gegners aber, weil
sie verschleiert ist, aus wenigem erraten muß. Dies bringt denn oft den
Fall hervor, daß *beide* Teile auch da einen und denselben Gegenstand
für *ihren* Vorteil ansehen, wo das Interesse des einen überwiegend ist.
Die dritte Ursache, die wie ein Sperrad in das Uhrwerk eingreift und von
Zeit zu Zeit gänzlichen Stillstand hervorbringt, ist die größere Stärke
der Verteidigung. Es kann vorkommen, daß beide Teile zugleich zum
Angriff sich nicht bloß zu schwach fühlen, sondern es wirklich sind.
* * * * *
Jeder Angreifende, der an seinem Gegner vorbeigehen will, ist in zwei
ganz entgegengesetzte Bestrebungen verwickelt. Ursprünglich will er
vorwärts, um den Gegenstand des Angriffs zu erreichen. Die Möglichkeit
aber, jeden Augenblick von der Seite angefallen zu werden, erzeugt das
Bedürfnis, nach dieser Seite hin in jedem Augenblick einen Stoß, und
zwar einen Stoß mit vereinter Macht, zu richten. Diese beiden
Bestrebungen widersprechen sich und erzeugen eine solche Verwickelung
der inneren Verhältnisse, eine solche Schwierigkeit der Maßregeln, wenn
sie für alle Fälle passen sollen, daß es strategisch kaum eine
schlimmere Lage geben kann. Wüßte der Angreifende mit Gewißheit den
Augenblick, wo er angefallen werden wird, so könnte er mit Kunst und
Geschick alles dazu vorbereiten, aber in der Ungewißheit darüber und bei
der Notwendigkeit des Vorschreitens kann es kaum fehlen, daß, wenn die
Schlacht erfolgt, sie ihn in höchst dürftig zusammengerafften und also
gewiß nicht vorteilhaften Verhältnissen findet.
* * * * *
Eine strategische Umgehung mit der Absicht einer Gefechtsentscheidung
hat, verglichen mit einem gewöhnlichen Angriff, den Charakter einer
größeren Entscheidung, denn die Größe der Erfolge wird gesteigert, ihre
Wahrscheinlichkeit aber vermindert. Eine solche Unternehmung ziemt also
an sich dem Stärkeren, der durch seine Überzahl die Sicherheit des
Erfolgs schon in einem gewissen Grade hat und dem es um einen recht
großen Erfolg zu tun sein muß. Aber freilich kann man im Kriege niemals
feststellen wollen, wie hoch der Feldherr seine eigene Kraft, d. h. sein
Talent und sein Glück, in Anschlag bringen darf. Dies muß ihm
schlechterdings überlassen bleiben: also der Grad der Kühnheit, womit er
seinen Weg verfolgt. Die Theorie kann nur fordern, daß er die objektiven
Verhältnisse alle kennt und richtig beurteilt, also nicht wagt, ohne es
zu wissen.
Betrachtungen und Ausblicke
Niemals wird man sehen, daß der Staat, der in der Sache eines andern
auftritt, diese so ernsthaft nimmt wie seine eigene. Eine mäßige
Hilfsarmee wird abgesandt. Ist sie nicht glücklich, so sieht man die
Sache ziemlich als abgemacht an und sucht so wohlfeil als möglich
herauszukommen.
Aber selbst dann, wenn zwei Staaten wirklich gegen einen dritten Krieg
führen, so betrachten sie diesen doch nicht immer gleichmäßig als einen
Feind, den sie vernichten müssen, damit er sie nicht vernichte, sondern
die Angelegenheit wird oft wie ein Handelsgeschäft abgemacht; ein jeder
legt nach Verhältnis der Gefahr, die er zu bestehen, und der Vorteile,
die er zu erwarten hat, eine Aktie von soundsoviel hunderttausend Mann
ein und tut, als könne er dabei nichts als diese verlieren.
Die Sache würde eine Art von innerem Zusammenhang haben, und die Theorie
des Krieges dabei weniger in Verlegenheit kommen, wenn diese zugesagte
Hilfe dem im Kriege begriffenen Staate völlig überlassen würde, so daß
er sie nach seinem Bedürfnis brauchen könnte. Alsdann wäre sie wie eine
gemietete Truppe zu betrachten. Allein davon ist der Gebrauch weit
entfernt. Gewöhnlich haben die Hilfstruppen ihren eigenen Feldherrn, der
nur von seiner Regierung abhängt und dem diese ein Ziel steckt, wie es
sich mit der Halbheit ihrer Absichten am besten verträgt.
* * * * *
Es ist eine Eigentümlichkeit der Kriegführung Verbündeter, die nicht von
der äußersten Gefahr zur Einheit und Konsequenz gedrängt wird, daß die
geteilten politischen Interessen ihr Spiel treiben, Uneinigkeit,
Widersprüche und zuletzt völligen Unsinn hervorbringen.
* * * * *
Wenn eine Macht allein Krieg führt, mag sie Zeit und Kräfte nach
Gefallen verschwenden. Es entsteht wenigstens kein zweiter Nachteil
daraus. Aber bei einem Bündniskriege kann es nie fehlen, daß auffallende
Untätigkeit des einen den andern entweder zu ebensolcher veranlaßt oder
so empört, daß ein baldiger Bruch des Bündnisses erfolgt.
* * * * *
Schon die Führung einer Armee, von der drei Viertel einem fremden
Monarchen gehört, ist ein Auftrag ganz andrer Art als die Führung einer
Armee entweder als Landesherr oder wenigstens mit der Autorität einer
nach und nach in ihr erworbenen Feldherrnwürde. Wer fühlt nicht, daß man
in seinem eigenen Hause ein ganz anderer Herr ist als in einem fremden,
trotz aller übertragenen Machtvollkommenheit?
* * * * *
Man kann ganz allgemein sagen, daß alle die unglücklichen
Kriegsunternehmungen, die durch *eine Reihe* von Fehlern hervorgebracht
sind, niemals in ihrem inneren Zusammenhang so beschaffen sind, wie die
Allgemeinheit glaubt. Die Leute, die handeln, wenn sie auch zu den
schlechtesten Feldherren gehören, sind doch nicht ohne gesunden
Menschenverstand und würden nimmermehr solche Torheiten begehen, wie der
Laie und die historischen Kritiker ihnen in Bausch und Bogen anrechnen.
Die meisten Beurteiler wären erstaunt, wenn sie alle die näheren Motive
des Handelns kennen lernten, und höchstwahrscheinlich ebensogut
verleitet worden wie der Feldherr, der jetzt wie ein halber Schwachkopf
vor uns steht. Fehler müssen allerdings vorhanden sein; nur liegen sie
gewöhnlich tiefer, in Fehlern der Ansicht und in Schwächen des
Charakters, die nicht auf den ersten Blick als solche erscheinen,
sondern die man erst auffindet und deutlich erkennt, wenn man alle
Gründe, die den Besiegten zu seinem Handeln bestimmt haben, mit dem
Erfolg vergleicht. Dieses Finden des Wahren hinterher ist der Kritik
gestattet; es kann ihr nicht höhnisch vorgeworfen werden, sondern ist
ihr eigentliches Geschäft, das aber allerdings viel leichter ist als das
Treffen des Rechten im Augenblick des Handelns.
Es ist darum in der Tat eine Torheit, wenn wir fast sämtliche Armeen den
Grundsatz befolgen sehen, über unglückliche Kriegsereignisse so wenig
als möglich bekanntzumachen. Die Dinge, bis ins einzelne bekanntgemacht,
werden sich immer viel besser ausnehmen als in Bausch und Bogen.
* * * * *
So wie das Schlachtfeld strategisch nur ein Punkt ist, so ist die Zeit
einer Schlacht strategisch nur ein Moment, und nicht der Verlauf,
sondern das Ende und Ergebnis einer Schlacht ist eine strategische
Größe.
* * * * *
In der Strategie gibt es keinen Sieg. Der strategische Erfolg ist von
der einen Seite die günstige Vorbereitung des taktischen Sieges. Je
größer dieser strategische Erfolg ist, um so wahrscheinlicher wird der
Sieg im Gefecht. Von der anderen Seite liegt der strategische Erfolg in
der Ausnutzung des erfochtenen Sieges. Je mehr Ereignisse die Strategie
durch ihre Kombinationen *nach* einer gewonnenen Schlacht in die Folgen
derselben hineinzuziehen, je mehr sie von den nachfallenden Trümmern,
deren Grundfeste durch die Schlacht erschüttert worden, an sich zu
reißen vermag, je mehr sie in großen Zügen eintreibt, was in der
Schlacht selbst mühevoll einzeln errungen werden mußte, um so
großartiger sind ihre Erfolge.
* * * * *
Die Kriegskunst auf ihrem höchsten Standpunkte wird zur Politik, aber
freilich einer Politik, die statt Noten zu schreiben, Schlachten
liefert.
* * * * *
Man sagt eigentlich etwas ganz anderes, als man sagen will, wenn man,
was häufig geschieht, vom schädlichen Einfluß der Politik auf die
Führung des Krieges spricht. Es ist nicht dieser Einfluß, sondern die
Politik selbst, die man tadeln sollte. Ist die Politik richtig, d. h.
trifft sie ihr Ziel, so kann sie auf den Krieg in ihrem Sinne auch nur
vorteilhaft wirken; und wo diese Einwirkung vom Ziel entfernt, ist die
Quelle nur in der verkehrten Politik zu suchen.
* * * * *
Die Aufgabe und das Recht der Kriegskunst der Politik gegenüber ist es
hauptsächlich, zu verhüten, daß die Politik Dinge fordere, die gegen die
Natur des Krieges sind, daß sie aus Unkenntnis über die Wirkungen des
Instruments Fehler begehe im Gebrauche desselben.
* * * * *
Nichts ist im Leben so wichtig, als genau den Standpunkt zu ermitteln,
von dem die Dinge aufgefaßt und beurteilt werden müssen, und dann an ihm
festzuhalten. Denn nur von *einem* Standpunkt aus können wir die Masse
der Erscheinungen in ihrer Einheit auffassen, und nur die Einheit des
Standpunkts kann uns vor Widersprüchen sichern.
Gehört der Krieg der Politik an, so wird er ihren Charakter annehmen.
Ist sie großartig und kräftig, so wird es auch der Krieg. Nur durch
diese Vorstellungsart wird der Krieg zur Einheit, nur mit ihr kann man
alle Kriege als Dinge *einer* Art betrachten, und nur durch sie wird dem
Urteil der rechte und genaue Stand- und Gesichtspunkt gegeben.
* * * * *
Die ungeheuren Wirkungen der Französischen Revolution nach außen sind
offenbar viel weniger in neuen Mitteln und Ansichten der französischen
Kriegführung zu suchen, als in der ganz veränderten Staats- und
Verwaltungskunst, im Charakter der Regierung, im Zustande des Volkes
usw. Daß die anderen Regierungen alle diese Dinge unrichtig ansahen, --
daß sie mit gewöhnlichen Mitteln Kräften die Wage halten wollten, die
neu und überwältigend waren: das alles sind Fehler der Politik. Man kann
sagen: die zwanzigjährigen Siege der Revolution sind hauptsächlich die
Folge der fehlerhaften Politik der ihr gegenüberstehenden Regierungen
gewesen, wenn auch der eigentliche Überfall, von dem sich die
Intelligenz getroffen fühlte, innerhalb der Kriegführung stattfand.
* * * * *
Wenn blutige Schlachten ein schreckliches Schauspiel sind, so muß dies
eine Veranlassung sein, den Krieg mehr zu würdigen, aber nicht die
Waffen, die man führt, nach und nach aus Menschlichkeit stumpfer zu
machen, bis einmal wieder einer dazwischenkommt mit einem scharfen
Schwerte und uns die Arme vom Leibe weghaut.
* * * * *
Ein Fürst oder Feldherr, der seinen Krieg genau nach seinen Zwecken und
Mitteln einzurichten weiß, nicht zu viel und nicht zu wenig tut, gibt
dadurch den größten Beweis seines Genies. Aber die Wirkungen dieser
Genialität zeigen sich nicht sowohl in neuerfundenen Formen des
Handelns, die sogleich in die Augen fallen, als im glücklichen
Endergebnis des Ganzen. Es ist das richtige Zutreffen der stillen
Voraussetzungen, es ist die geräuschlose Harmonie des ganzen Handelns,
die wir bewundern sollten und die sich erst im Gesamterfolge verkündet.
Inhaltsübersicht
Seite
Geleitwort des Herausgebers 3
Wesen und Ziel des Krieges 6
Kriegskunst und Theorie 10
Kriegerische Tugenden. Heer und Feldherr 15