[Illustration: Hagen ermordet Siegfried]
Und jäh sank die Sonne unter, und es ward finstere Nacht. Ein eisiger
Hauch ging durch den Wald, daß Menschen und Tiere fröstelten, als wäre
der Frühling für immer entflohen.
Da legten sie Siegfrieds Leiche auf seinen Schild, den sie im Dickicht
fanden, und Hagen nahm heimlich Siegfrieds Schwert Balmung an sich, und
alle gelobten sie Stillschweigen über die Tat.
Aus dem Walde gingen sie und fuhren in der Nacht über den Rhein. Stumm
schritten sie mit ihrer Last in die Königsburg hinein, und wie zum Hohne
ließ Hagen des Helden blutigen Leib auf die Schwelle von Kriemhilds
Kemenate legen, als Gruß der Königin Brunhild.
Vor Morgengrauen schon erhob sich Kriemhild aus schreckhaften Träumen.
Hastig kleidete sie sich an. Ihr war gewesen, als hätte Siegfried sie
gerufen in heißer Not. Zum Münster wollte sie eilen, um zu beten. Und
als sie die Tür ihrer Kemenate öffnete, stolperte sie über den Leichnam
ihres Herrn und fiel aufschreiend in Ohnmacht über ihn.
Den Schrei hatte Mime gehört, der treue Schmied. In seiner Eisenrüstung
eilte er herbei und fand Kriemhild am Halse ihres toten Gemahls mit
irren Augen. Sie war erwacht und doch nicht in der Welt. Furchtbar
gellten ihre Schreie durch das Haus und über die schlummernde Stadt
Worms.
Erschüttert stand Mime und klagte nassen Auges lange um seinen Zögling.
Dann trug er mit Kriemhild die Leiche Siegfrieds ins Gemach hinein, und
sie wuschen den Leib und hüllten ihn in weißes Linnen. Auf dem Gange
aber sammelten sich mit verstörten Gesichtern die Ritter und Frauen, und
König Gunther kam mit seinem ganzen Hof, und auch Hagen von Tronje trat
mit ihm ins Zimmer.
Und König Gunther sprach: »Es ist ein Unglück geschehen, liebe
Schwester, und keinen trifft die Schuld.«
Da richtete sich Kriemhild an der Leiche auf und spähte in allen
Gesichtern.
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»So ihr die Wahrheit redet und euch nicht fürchtet,« rief sie herrisch,
»tretet heran an die Leiche!«
Und sie traten alle heran. Doch als Hagen von Tronje an die Reihe kam,
brachen des Leichnams Wunden auf, und das Blut strömte anklagend aufs
neue.
Da schrie die Königin Kriemhild:
»Er ist es! Er ist der Mörder! Auf ihn, Mime, rächt unsern Herrn!«
Und wie ein Tiger sprang Mime den Tronjer an und schlug ihm tiefe
Wunden. Aber Hagen führte Siegfrieds Schwert an der Seite und riß es aus
der Scheide, und der Stahl Balmung schnitt sausend durch Mimes
Eisenkleid und nahm des treuen Mannes Leben. Da lächelte Mime, der
Schmied, noch im Tode, weil er eine so gute Waffe geschmiedet hatte, und
lag ausgestreckt zu seines lieben Siegfrieds Füßen.
Drei Tage klagte Kriemhild laut in der Totenwacht um ihren Herrn. Dann
schritt sie schweigend hinter dem Sarge zum Münster. Ein Bild war ihr
gekommen, das stand wie eine Weissagung vor ihren Augen. Als Königin sah
sie sich eines mächtigen Herrschers in fernem Lande, und die Burgunden
sah sie aus der Heimat reiten, sie zu besuchen, und eine weite Halle sah
sie voll Männerkampf und Rauch und Flammen, und den würgenden Tod sah
sie, dem keiner von allen entkam, den Tod sah sie als Siegfrieds Rächer.
Die Priester beteten, die Glocken läuteten, Siegfrieds Gruft schloß sich
vor den Augen der Menschen.
Kriemhild aber stand hochaufgerichtet mit ausgestreckter Hand und
blickte starr auf den schillernden Nibelungenring an ihrem Finger und
stärkte seinen Fluch mit ihrem Fluche:
»_Rache für Siegfried, den Helden!_«