6. Kapitel

Wie Siegfried und Kriemhild der Einladung nach Worms folgten, wie die

Königinnen sich schalten und Siegfried ermordet wurde

Am Niederrhein lag Xanten mit seinem Dom und seiner Königsburg, und

seine saftigen Weiden, auf denen die Glocken der Rinderherden läuteten,

streckten sich weit bis ins Niederland hinein, und die grünschimmernden

Wälder luden auf viele Meilen hinaus zu fröhlicher Jagd. Es war ein

liebliches Land voll Ruhe und Frieden, und der Rhein strömte langsam

hindurch, als könnte er sich nicht trennen von diesen glücklichen

Ufern.

Hier herrschte Siegfried als König, und seine Macht reichte weit und

reichte über das ganze angrenzende Sachsenland hinaus, denn Lüdeger war

gestorben und Siegfried sein Erbe.

Hier lebte Kriemhild in Liebe und Wohlsein, und oft war es ihr, als ob

das Schicksal neidisch werden müßte auf ihr Glück, denn sie hatte dem

Gatten zwei Kinder geschenkt, einen Sohn und ein Mägdlein, die waren der

Eltern größter Stolz.

Aber die Jahre gingen hin in lauter Sonne, die Kinder gediehen, und

immerwährender Friede blieb dem Lande, denn alle Nachbarn kannten

Siegfrieds rasche und feste Hand und trauten sich nicht an ihn.

Oft saß Kriemhild auf Siegfrieds Schoß geschmiegt, und die Kinder

spielten zu ihren Füßen, und das blühende Land duftete zu ihnen herauf.

Dann saßen sie ganz still und freuten sich, daß einer des anderen

Herzschlag vernahm, und reichten sich wohl den Mund zu langem, stummem

Kusse.

Zu Worms am Rhein aber war das Leben weiter gelaufen ohne rechte, innere

Fröhlichkeit, und je mehr die Jahre sich zwischen Siegfrieds heimlicher

Abreise und der neuen Gegenwart legten, desto tiefer fraß sich der Haß

in Brunhilds Seele. Längst grübelte sie über nichts anderes mehr, als

wie sie den Helden treffen und vernichten könne, und wenn sie den

schwächlichen Sohn ansah, den sie Gunther geschenkt hatte, und die Kunde

ihr von Siegfrieds starken Kindern erzählte, wurde ihr Haß zur sinnlosen

Qual. Da trat sie vor König Gunther mit geschickter Verstellung und

sprach zu ihm:

»Wie lange ist es, daß wir nichts mehr von Siegfried erfuhren, wie

lange, daß ich meiner lieben Schwägerin Kriemhild sonniges Antlitz nicht

mehr sah. Dafür, daß Siegfried dein Lehnsmann ist, weilt er reichliche

Zeit fern von Worms und seinem Herrn und die süße Kriemhild fern von

unserer Sehnsucht. Ich bitte dich herzlich, laß Boten nach Xanten gehen,

die das ersehnte Paar nach Worms laden zur Feier des Sonnenwendfestes

und in unsere Arme.«

So sprach die Trügerische, und Gunther wagte nicht, ihrem Wunsche

entgegen zu sein, aus Furcht, sie könne erfahren, daß er keine

Lehnsmacht über Siegfried besitze und Brunhild ihn verachte. Darum hieß

er die Boten reiten, und sie ritten viele Tage den Rhein hinab und kamen

nach Xanten und fanden Siegfried und Kriemhild in ihrem Glück.

[Illustration: Kriemhilds und Siegfrieds Minnezeit zu Xanten]

Nibelungs Ring trug die schöne Königin am Finger, und der Ring glitzerte

tückisch auf, als die Boten in den Thronsaal traten und in warmen Worten

Gunthers und Brunhilds Einladung zu Gehör brachten.

Großes Heimweh ergriff Kriemhilds weiche Seele, als die Boten von Worms

sprachen und von Frau Ute, der harrenden Mutter, von Gernot und

Geiselher, den lieben Brüdern, von allen Gespielen und Plätzen der

Kindheit. Eine Träne hängte sich schwer an ihre Wimper und fiel in ihren

Schoß.

Siegfried sah es, und schon hatte er sich entschieden.

»Saget,« so rief er mit frohem Sinn, »König Gunther und Königin

Brunhild, saget Frau Ute und Gernot und Geiselher und allen liebwerten

Recken und Helden, daß wir uns herzlich ihrer Gunstbezeigung freuen und

mit Dank der Einladung folgen werden. Auf Wiedersehen, ihr guten Boten,

zum Sonnenwendfest zu Worms am Rhein. Da wollen wir Freude trinken!«

Und er beschenkte die Boten zur Heimreise reich, und Frau Kriemhild fiel

ihm lachend um den Hals.

Das war ein lustig Rüsten zur Sommerfahrt an den Rhein. In neuen

Gewändern stolzierten die Ritter, und die Rosse wieherten unter

funkelndem Geschirr. Die Troßjungen pfiffen muntere Lieder, und nur

Mime, der Schmied, dem man die Botschaft in den Wald gesandt hatte, kam

in alter, eiserner Rüstung und mit sorgenvollem Gesicht. Siegfried aber

wollte nichts von Abraten wissen.

»Der Menschen Herzen läutern sich mit den Jahren,« gab er Mime zur

Antwort. »Wie darf ich Schlechtes von ihnen denken, wenn mein Herz nicht

selbst schlecht sein will. Und höre, du Treuer: Frau Kriemhild freut

sich der Fahrt.«

Da ritt Mime in seinem alten Eisenharnisch an der Spitze der prunkvoll

gekleideten Ritter, dicht hinter Siegfried und Kriemhild, und der alte

König Siegmund blieb mit den Enkelkindern zurück und führte die

Regierung des Landes. Siegfried aber sang an Kriemhilds Seite so hell

wie in Jugendtagen, und die Leute staunten dem schönen Helden nach, und

sein Bild machte aller Herzen fröhlich. Singend zog er durch die Lande,

als wäre er der Frühling.

So erreichten sie Worms, die stolze Stadt, und wurden von den

Burgundenfürsten und Völkern mit Jubel empfangen.

Brunhild aber dachte schon nach kurzem, wie sie Kriemhild kränken

könnte.

Strahlend saß Siegfrieds schöne Frau neben Gunthers Königin in

geschmückter Turnierloge. Da ritten und rangen die Ritter und Herren um

hohen Preis unter den Augen der Fürstinnen. Und als Siegfried immer

wieder mit leichter Hand den Sieg errang, fragte Brunhild die strahlende

Schwägerin:

»Wie kommt es, liebe Schwester, daß man gar so selten von euch hört?«

Und Kriemhild antwortete fröhlich: »Wir wußten nicht, ob wir euch

willkommen waren.«

Da sagte Brunhild und hob hochmütig den Kopf.

»Nun, wenn _ihr_ nicht, so doch der Lehnszins, den ihr uns all die Jahre

schuldet.«

Ganz blaß wurde Kriemhild, und ein Zittern lief ihr über den Leib. Denn

sie fühlte, daß ihres Bruders Frau sie absichtlich verletzen wollte. Und

der Stolz ging ihr hoch, daß auch sie den Kopf zurückwarf und mit

größerer Schärfe sprach:

»Ihr irrt Euch, edle Frau, mein Herr Siegfried ist keinem zinsbar als in

Liebe mir.«

»So sollte,« fragte Brunhild spottend, »der starke Held Euch

verschwiegen haben, daß er meines Herrn Gunther Dienstmann ist?«

Wohl atmete Kriemhild schwer, aber sie beherrschte sich und sprach:

»Man hat Euch ein Märlein aufgebunden, edle Frau.«

Da eiferte Brunhild: »Ich weiß es von Gunther, Eurem Bruder. Wollt Ihr

den König Lügen strafen?«

Und Kriemhild wiederholte mit bebenden Lippen: »Man hat Euch trotzdem

ein Märlein aufgebunden.«

Brunhild aber erhob sich hochmütig von ihrem Platze. »Wir sprechen uns

noch ein andermal,« raunte sie heftig, »und ich werde Euch Eure Stellung

schon anweisen, vielwerte Schwägerin.«

Den Schleier wand Kriemhild um ihr Gesicht, damit man nicht ihre

zornigen Tränen gewahre. Aber Siegfried gewahrte sie doch, als er am

Abend in ihr Zimmer trat, und sie sagte ihm alles, was sich zugetragen

hatte. Da lachte der Held belustigt, denn er hatte schwerere Unbill

erwartet, und er untersagte seiner Frau, sich mit Brunhild zu streiten.

»Es ist schlimm, wenn der Gastgeber seine Pflichten verletzt, schlimmer

aber, wenn der Gast zänkisch und undankbar erscheint.«

So sprach der erfahrene Mann. In seinem Herzen zwar begriff auch er

nicht Gunthers Schweigen.

Hell schimmerte der Morgen des Sonnwendtages über Worms empor, und die

Glocken riefen durch die Lüfte zum feierlichen Hochamt im Münster. In

ihren festlichsten Gewändern zogen die Recken zur Kirche, und gesondert

von ihnen gingen die Frauen in prangenden Kleidern. Schon waren die

Könige mit ihrem Gefolge in den Dom getreten, als die Königinnen

Brunhild und Kriemhild vor dem Portale zusammentrafen. In purpurne Seide

war Gunthers Frau gekleidet, die stand herrlich zu ihrem schwarzen Haar.

Siegfrieds blonde Gattin aber sah aus wie der helle Morgen in ihrem

lichtblauen Kleide.

Als sie dicht nebeneinander die Treppe hinan zum Portale schritten,

sprang plötzlich die Königin Brunhild vor und wehrte der Königin

Kriemhild mit ihr gemeinsam den Eingang.

»Was maßt Ihr Euch an?« schalt sie zornig. »Wißt Ihr nicht, was höfische

Sitte gebietet, und daß die edlere Frau den Vortritt hat?«

»Wenn es danach ginge,« sprach die Königin Kriemhild, »so müßtet Ihr

füglich zurückstehen, denn meines Herrn Siegfried Name steht höher als

der König Gunthers.«

»Er ist ein Mietling und bezahlter Knecht König Gunthers!« rief die

Königin Brunhild und stampfte mit dem Fuße. »Er hielt auf Island den

Steigbügel seinem Herrn! Zurück, sage ich, und begebt Euch nach Gebühr

in die Reihe der dienenden Frauen!«

Da wallte Kriemhilds Fürstenblut hoch auf, und die schönen Arme

schüttelnd, rief sie außer sich über die Schmach:

»Ihr lügt! Weil Euer Mann ein Schwächling war, gebrauchte Siegfried die

Kriegslist und stellte sich hinter den König. Aber auch im Kampfspiel

mit Euch stand er hinter ihm. Wähnet Ihr wirklich, Gunther habe Euch

besiegt? Siegfried war's, mein Herr und Held Siegfried! Ha, wie Ihr

erblaßt! Unsichtbar unter der Tarnkappe bekämpfte Euch mein Herr, und

Gunther tat nur die Gebärden, und im Weitsprung trug mein Herr Siegfried

gar Euren König unterm Arm durch die Lüfte! Was? Schämt Ihr Euch nun

Eurer Frechheit?«

Verzerrten Gesichtes starrte die Königin Brunhild auf die Eifernde.

»Und Ihr lügt dennoch!« kreischte sie. »Einen Stärkeren als Gunther

trägt nicht die Erde, denn ich habe mit ihm um mein Bett gekämpft und

furchtbar seine Manneskraft verspürt!«

»_Siegfrieds_ Manneskraft habt Ihr verspürt!« jauchzte die Königin

Kriemhild ihr ins Gesicht. »Siegfried warf Euch aufs Bette, bis Ihr

demütig wurdet und um Gnade betteltet!«

»Lügnerin!« schrie die Königin Brunhild noch einmal.

Da reckte die Königin Kriemhild ihr die Hand unter die Augen, an der

König Nibelungs Ring stak.

»Kennt Ihr diesen Ring?« frohlockte sie. »Siegfried nahm ihn Euch,

seinen Verlobungsreif holte er sich wieder in der Nacht, da er Euch

gebändigt an König Gunther abtrat wie ein altes Gewand!«

[Illustration: Der Streit der Königinnen]

Da brach die Königin Brunhild in ohnmächtiger Wut am Portale nieder, und

die Königin Kriemhild schritt triumphierend hindurch und schritt als

erste in die Kirche. --

Nach Hause war Brunhild gewankt und hatte in tobenden Racheplänen

gesessen, bis ihr Hagen von Tronje gemeldet wurde, nach dem sie gesandt

hatte. Schon wußte der grimme Mann von dem Streit der Frauen.

»Hier bin ich,« sagte er, und sein Einauge funkelte. »Sprecht es aus,

was geschehen soll. Meine Königin darf nirgendwo und nie die zweite

sein.«

»So vernahmt Ihr die Schmach, die Kriemhild mir angetan?«

»Ich weiß nur,« sprach der finstere Hagen, »daß Kriemhild sterben muß.«

»Nein!« rief Brunhild und erhob sich mit hassenden Augen. »Nein, denn zu

wenig wäre das. Eine Frau stirbt gern mit dem Stolz auf ihren Mann in

der Brust. Schwereres, viel Schwereres gilt es, das tausend Tode wiegt.

Den geliebten Mann tot und von Waffen zerrissen vor sich liegen sehen,

nie mehr erreichbar dem Ruf der Liebe, nie mehr erreichbar dem Ruf der

Not. Und selber sich fortan fühlen als ein Spielball des Geschicks, der

Gnade der Menschen preisgegeben. Das Furchtbarste, das eine Frau treffen

kann: Kriemhild soll es treffen.«

Siegfried, der Held · 第 14 / 17 题