Wie Siegfried und Kriemhild der Einladung nach Worms folgten, wie die
Königinnen sich schalten und Siegfried ermordet wurde
Am Niederrhein lag Xanten mit seinem Dom und seiner Königsburg, und
seine saftigen Weiden, auf denen die Glocken der Rinderherden läuteten,
streckten sich weit bis ins Niederland hinein, und die grünschimmernden
Wälder luden auf viele Meilen hinaus zu fröhlicher Jagd. Es war ein
liebliches Land voll Ruhe und Frieden, und der Rhein strömte langsam
hindurch, als könnte er sich nicht trennen von diesen glücklichen
Ufern.
Hier herrschte Siegfried als König, und seine Macht reichte weit und
reichte über das ganze angrenzende Sachsenland hinaus, denn Lüdeger war
gestorben und Siegfried sein Erbe.
Hier lebte Kriemhild in Liebe und Wohlsein, und oft war es ihr, als ob
das Schicksal neidisch werden müßte auf ihr Glück, denn sie hatte dem
Gatten zwei Kinder geschenkt, einen Sohn und ein Mägdlein, die waren der
Eltern größter Stolz.
Aber die Jahre gingen hin in lauter Sonne, die Kinder gediehen, und
immerwährender Friede blieb dem Lande, denn alle Nachbarn kannten
Siegfrieds rasche und feste Hand und trauten sich nicht an ihn.
Oft saß Kriemhild auf Siegfrieds Schoß geschmiegt, und die Kinder
spielten zu ihren Füßen, und das blühende Land duftete zu ihnen herauf.
Dann saßen sie ganz still und freuten sich, daß einer des anderen
Herzschlag vernahm, und reichten sich wohl den Mund zu langem, stummem
Kusse.
Zu Worms am Rhein aber war das Leben weiter gelaufen ohne rechte, innere
Fröhlichkeit, und je mehr die Jahre sich zwischen Siegfrieds heimlicher
Abreise und der neuen Gegenwart legten, desto tiefer fraß sich der Haß
in Brunhilds Seele. Längst grübelte sie über nichts anderes mehr, als
wie sie den Helden treffen und vernichten könne, und wenn sie den
schwächlichen Sohn ansah, den sie Gunther geschenkt hatte, und die Kunde
ihr von Siegfrieds starken Kindern erzählte, wurde ihr Haß zur sinnlosen
Qual. Da trat sie vor König Gunther mit geschickter Verstellung und
sprach zu ihm:
»Wie lange ist es, daß wir nichts mehr von Siegfried erfuhren, wie
lange, daß ich meiner lieben Schwägerin Kriemhild sonniges Antlitz nicht
mehr sah. Dafür, daß Siegfried dein Lehnsmann ist, weilt er reichliche
Zeit fern von Worms und seinem Herrn und die süße Kriemhild fern von
unserer Sehnsucht. Ich bitte dich herzlich, laß Boten nach Xanten gehen,
die das ersehnte Paar nach Worms laden zur Feier des Sonnenwendfestes
und in unsere Arme.«
So sprach die Trügerische, und Gunther wagte nicht, ihrem Wunsche
entgegen zu sein, aus Furcht, sie könne erfahren, daß er keine
Lehnsmacht über Siegfried besitze und Brunhild ihn verachte. Darum hieß
er die Boten reiten, und sie ritten viele Tage den Rhein hinab und kamen
nach Xanten und fanden Siegfried und Kriemhild in ihrem Glück.
[Illustration: Kriemhilds und Siegfrieds Minnezeit zu Xanten]
Nibelungs Ring trug die schöne Königin am Finger, und der Ring glitzerte
tückisch auf, als die Boten in den Thronsaal traten und in warmen Worten
Gunthers und Brunhilds Einladung zu Gehör brachten.
Großes Heimweh ergriff Kriemhilds weiche Seele, als die Boten von Worms
sprachen und von Frau Ute, der harrenden Mutter, von Gernot und
Geiselher, den lieben Brüdern, von allen Gespielen und Plätzen der
Kindheit. Eine Träne hängte sich schwer an ihre Wimper und fiel in ihren
Schoß.
Siegfried sah es, und schon hatte er sich entschieden.
»Saget,« so rief er mit frohem Sinn, »König Gunther und Königin
Brunhild, saget Frau Ute und Gernot und Geiselher und allen liebwerten
Recken und Helden, daß wir uns herzlich ihrer Gunstbezeigung freuen und
mit Dank der Einladung folgen werden. Auf Wiedersehen, ihr guten Boten,
zum Sonnenwendfest zu Worms am Rhein. Da wollen wir Freude trinken!«
Und er beschenkte die Boten zur Heimreise reich, und Frau Kriemhild fiel
ihm lachend um den Hals.
Das war ein lustig Rüsten zur Sommerfahrt an den Rhein. In neuen
Gewändern stolzierten die Ritter, und die Rosse wieherten unter
funkelndem Geschirr. Die Troßjungen pfiffen muntere Lieder, und nur
Mime, der Schmied, dem man die Botschaft in den Wald gesandt hatte, kam
in alter, eiserner Rüstung und mit sorgenvollem Gesicht. Siegfried aber
wollte nichts von Abraten wissen.
»Der Menschen Herzen läutern sich mit den Jahren,« gab er Mime zur
Antwort. »Wie darf ich Schlechtes von ihnen denken, wenn mein Herz nicht
selbst schlecht sein will. Und höre, du Treuer: Frau Kriemhild freut
sich der Fahrt.«
Da ritt Mime in seinem alten Eisenharnisch an der Spitze der prunkvoll
gekleideten Ritter, dicht hinter Siegfried und Kriemhild, und der alte
König Siegmund blieb mit den Enkelkindern zurück und führte die
Regierung des Landes. Siegfried aber sang an Kriemhilds Seite so hell
wie in Jugendtagen, und die Leute staunten dem schönen Helden nach, und
sein Bild machte aller Herzen fröhlich. Singend zog er durch die Lande,
als wäre er der Frühling.
So erreichten sie Worms, die stolze Stadt, und wurden von den
Burgundenfürsten und Völkern mit Jubel empfangen.
Brunhild aber dachte schon nach kurzem, wie sie Kriemhild kränken
könnte.
Strahlend saß Siegfrieds schöne Frau neben Gunthers Königin in
geschmückter Turnierloge. Da ritten und rangen die Ritter und Herren um
hohen Preis unter den Augen der Fürstinnen. Und als Siegfried immer
wieder mit leichter Hand den Sieg errang, fragte Brunhild die strahlende
Schwägerin:
»Wie kommt es, liebe Schwester, daß man gar so selten von euch hört?«
Und Kriemhild antwortete fröhlich: »Wir wußten nicht, ob wir euch
willkommen waren.«
Da sagte Brunhild und hob hochmütig den Kopf.
»Nun, wenn _ihr_ nicht, so doch der Lehnszins, den ihr uns all die Jahre
schuldet.«
Ganz blaß wurde Kriemhild, und ein Zittern lief ihr über den Leib. Denn
sie fühlte, daß ihres Bruders Frau sie absichtlich verletzen wollte. Und
der Stolz ging ihr hoch, daß auch sie den Kopf zurückwarf und mit
größerer Schärfe sprach:
»Ihr irrt Euch, edle Frau, mein Herr Siegfried ist keinem zinsbar als in
Liebe mir.«
»So sollte,« fragte Brunhild spottend, »der starke Held Euch
verschwiegen haben, daß er meines Herrn Gunther Dienstmann ist?«
Wohl atmete Kriemhild schwer, aber sie beherrschte sich und sprach:
»Man hat Euch ein Märlein aufgebunden, edle Frau.«
Da eiferte Brunhild: »Ich weiß es von Gunther, Eurem Bruder. Wollt Ihr
den König Lügen strafen?«
Und Kriemhild wiederholte mit bebenden Lippen: »Man hat Euch trotzdem
ein Märlein aufgebunden.«
Brunhild aber erhob sich hochmütig von ihrem Platze. »Wir sprechen uns
noch ein andermal,« raunte sie heftig, »und ich werde Euch Eure Stellung
schon anweisen, vielwerte Schwägerin.«
Den Schleier wand Kriemhild um ihr Gesicht, damit man nicht ihre
zornigen Tränen gewahre. Aber Siegfried gewahrte sie doch, als er am
Abend in ihr Zimmer trat, und sie sagte ihm alles, was sich zugetragen
hatte. Da lachte der Held belustigt, denn er hatte schwerere Unbill
erwartet, und er untersagte seiner Frau, sich mit Brunhild zu streiten.
»Es ist schlimm, wenn der Gastgeber seine Pflichten verletzt, schlimmer
aber, wenn der Gast zänkisch und undankbar erscheint.«
So sprach der erfahrene Mann. In seinem Herzen zwar begriff auch er
nicht Gunthers Schweigen.
Hell schimmerte der Morgen des Sonnwendtages über Worms empor, und die
Glocken riefen durch die Lüfte zum feierlichen Hochamt im Münster. In
ihren festlichsten Gewändern zogen die Recken zur Kirche, und gesondert
von ihnen gingen die Frauen in prangenden Kleidern. Schon waren die
Könige mit ihrem Gefolge in den Dom getreten, als die Königinnen
Brunhild und Kriemhild vor dem Portale zusammentrafen. In purpurne Seide
war Gunthers Frau gekleidet, die stand herrlich zu ihrem schwarzen Haar.
Siegfrieds blonde Gattin aber sah aus wie der helle Morgen in ihrem
lichtblauen Kleide.
Als sie dicht nebeneinander die Treppe hinan zum Portale schritten,
sprang plötzlich die Königin Brunhild vor und wehrte der Königin
Kriemhild mit ihr gemeinsam den Eingang.
»Was maßt Ihr Euch an?« schalt sie zornig. »Wißt Ihr nicht, was höfische
Sitte gebietet, und daß die edlere Frau den Vortritt hat?«
»Wenn es danach ginge,« sprach die Königin Kriemhild, »so müßtet Ihr
füglich zurückstehen, denn meines Herrn Siegfried Name steht höher als
der König Gunthers.«
»Er ist ein Mietling und bezahlter Knecht König Gunthers!« rief die
Königin Brunhild und stampfte mit dem Fuße. »Er hielt auf Island den
Steigbügel seinem Herrn! Zurück, sage ich, und begebt Euch nach Gebühr
in die Reihe der dienenden Frauen!«
Da wallte Kriemhilds Fürstenblut hoch auf, und die schönen Arme
schüttelnd, rief sie außer sich über die Schmach:
»Ihr lügt! Weil Euer Mann ein Schwächling war, gebrauchte Siegfried die
Kriegslist und stellte sich hinter den König. Aber auch im Kampfspiel
mit Euch stand er hinter ihm. Wähnet Ihr wirklich, Gunther habe Euch
besiegt? Siegfried war's, mein Herr und Held Siegfried! Ha, wie Ihr
erblaßt! Unsichtbar unter der Tarnkappe bekämpfte Euch mein Herr, und
Gunther tat nur die Gebärden, und im Weitsprung trug mein Herr Siegfried
gar Euren König unterm Arm durch die Lüfte! Was? Schämt Ihr Euch nun
Eurer Frechheit?«
Verzerrten Gesichtes starrte die Königin Brunhild auf die Eifernde.
»Und Ihr lügt dennoch!« kreischte sie. »Einen Stärkeren als Gunther
trägt nicht die Erde, denn ich habe mit ihm um mein Bett gekämpft und
furchtbar seine Manneskraft verspürt!«
»_Siegfrieds_ Manneskraft habt Ihr verspürt!« jauchzte die Königin
Kriemhild ihr ins Gesicht. »Siegfried warf Euch aufs Bette, bis Ihr
demütig wurdet und um Gnade betteltet!«
»Lügnerin!« schrie die Königin Brunhild noch einmal.
Da reckte die Königin Kriemhild ihr die Hand unter die Augen, an der
König Nibelungs Ring stak.
»Kennt Ihr diesen Ring?« frohlockte sie. »Siegfried nahm ihn Euch,
seinen Verlobungsreif holte er sich wieder in der Nacht, da er Euch
gebändigt an König Gunther abtrat wie ein altes Gewand!«
[Illustration: Der Streit der Königinnen]
Da brach die Königin Brunhild in ohnmächtiger Wut am Portale nieder, und
die Königin Kriemhild schritt triumphierend hindurch und schritt als
erste in die Kirche. --
Nach Hause war Brunhild gewankt und hatte in tobenden Racheplänen
gesessen, bis ihr Hagen von Tronje gemeldet wurde, nach dem sie gesandt
hatte. Schon wußte der grimme Mann von dem Streit der Frauen.
»Hier bin ich,« sagte er, und sein Einauge funkelte. »Sprecht es aus,
was geschehen soll. Meine Königin darf nirgendwo und nie die zweite
sein.«
»So vernahmt Ihr die Schmach, die Kriemhild mir angetan?«
»Ich weiß nur,« sprach der finstere Hagen, »daß Kriemhild sterben muß.«
»Nein!« rief Brunhild und erhob sich mit hassenden Augen. »Nein, denn zu
wenig wäre das. Eine Frau stirbt gern mit dem Stolz auf ihren Mann in
der Brust. Schwereres, viel Schwereres gilt es, das tausend Tode wiegt.
Den geliebten Mann tot und von Waffen zerrissen vor sich liegen sehen,
nie mehr erreichbar dem Ruf der Liebe, nie mehr erreichbar dem Ruf der
Not. Und selber sich fortan fühlen als ein Spielball des Geschicks, der
Gnade der Menschen preisgegeben. Das Furchtbarste, das eine Frau treffen
kann: Kriemhild soll es treffen.«