Zweite Szene (Verwandlung.)

_Das Himmels-Kabinett steigt langsam nach oben; die Szene wird dunkler,

und macht einem tonnenartigen, nach unten sich verlängernden, düsteren,

mit grauen Quadern ausgemauerten Tunnel Platz, der sich wie das

Innere eines Turmes oder Ziehbrunnens scheinbar bis ins Unendliche

nach abwärts erstreckt, und an dessen hinterem Ende eine morsche,

verbarrikadierte, vielfach ausgebesserte Holzstiege sich befindet. Auf

dieser sieht man bald darauf den Teufel nicht ohne Mühe, ächzend, sich

am Geländer fest einhaltend, hinabsteigen, während die gleichzeitig

nach oben rückende Szene ihn im Auge behalten läßt. Phantastische Vögel

und Ungeheuer, die teils auf Stangen sitzen, teils in Hohlräumen des

Mauerwerks lagern, pfauchen und krächzen ihm mit heiserem Ruf ihren

Gruß entgegen.--Nach einiger Zeit mündet dieser brunnenartige Gang in

einen größeren, finsteren, kellerartigen Raum, der durch ein traniges

Öllicht nur teilweise erhellt ist und in dem zunächst nichts weiter zu

erkennen ist als ein aus Binsen und Flechtwerk roh zurechtgerichtetes

Lager rechts im Vordergrund. Die Öllampe ist auf der andern Seite und

mehr im Hintergrund. Der Teufel, der müde und humpelnd angekommen,

geht einige Schritte seufzend hin und her, geht dann nach hinten; man

hört eine schwere Truhe aufschlagen; er entledigt sich seines engen,

schwarzen Gewandes, das er säuberlich in einen der Kasten legt, um

in einem aus Tierfellen zusammengeflickten, warmhaltenden Flaus bald

darauf nach vorn zu kommen. Er ächzt wiederum erst einige Schritte

hin und her, wie nicht wissend, wohin er sich wenden solle, und setzt

sich endlich quer auf sein Binsenlager, zieht die Füße an und vergräbt

die Hände tief in das Wollhaar des Kopfes, Stirn und oberen Teil des

Gesichtes auf diese Weise verdeckend._

TEUFEL (_mit sich redend_). Da hockst du nun, Hund, wieder allein, und

heimgekehrt zu dir; weltverlassen und verachtet; zurückgekehrt von

der Audienz; Ahnenloser Geselle ohne Respekt und Reputation; und hast

wieder einmal gesehen die goldausgelegten Gemächer der Hohen und

Vornehmen. Und du bist immer und bleibst der Lump, der Spitzbub, der

krumme Kerl. Und die da droben, die dürfen tun, was sie wollen, es mag

noch so platt, niedrig oder gemein sein, es ist immer edel und vornehm,

weil es in den Gemächern des Nobeltums passiert. Und du magst tun,

was du willst--und wenn du mit dem Kopfe dich bis zum andern Ende der

Erde wühltest,--es ist immer niedrig und gemein und schuftig.--(Pause;

überlegt). Wenn du ein Graf wärest, dann wäre auch dein krummes Bein

gräflich. Und wenn du nur ein Thürsteher da droben wärest, dann wären

auch dein Kopf und deine Gedanken himmlisch und engelhaft, wie dein

Kleid, das du dann trügest. Aber so bist und bleibst du ein Hund!--Nur

wenn du für sie was tun sollst, was sie selbst nicht können, oder was

für sie zu schmutzig ist, dann lächeln sie dir und sagen: "Mein Freund!

Mein Freund!" Aber wenn die Audienz vorbei, mußt du wieder herunter

in Staub und Kot, und dann heißt's "Pfui Deifel! Pfui Deifel!"--Und

so bist du ein erdgeborener, gebückter und verzerrter Kerl dein Leben

lang, und humpelst herum mit deinem Fuß, und frissest Ärger und Grimm

in dich hinein!-- --

_Und doch!_--Und doch bist du mehr! Bist mehr als diese Firlefanz-Leute

in ihrem Glück und Wolkenbau! Steckst mitten in der Welt; und in deinem

Kopf stecken die Gedanken der Erde! Und wenn du hier allein bist,

allein mit deinem Erdgeruch, und dein Kopf sich illuminiert, dann

entsteht in diesem vergrämten Kopf, mitten in der Verzweiflung, ein

Funken, ein Gift, eine Kraft, die wie ein Blitz, zündend und wetternd,

durch die Welt fährt, und die Hülsenköpfe in ihrem Wolken-Heim erbeben

macht.--Und brauchst keine Tiaren zu tragen, keine Ambrosia noch Sekt

zu trinken, und scheppernd und glänzend dich zu zeigen, um glücklich

zu sein. Bist so glücklich; glücklich, wie die andern nicht glücklich

sein können! Glücklich in diesem Erdenloch, in diesem kostbaren

Tunnel, diesem Hauch von Irdischkeit und Würze, diesem Welt-Geruch,

der dich kräftigt und stählt, und Gedanken erzeugt, und zur Arbeit

zwingt.--Und brauchst keine Ahnen und Vergangenheits-Register; bist

blank und sauber; darfst von neuem, beginnen; brauchst nicht nichts zu

tun; die Arbeit sind deine Ahnen! Deine Ahnen produzierst du in die

Zukunft!--Arbeit! Arbeit!--(_Springt auf_). Also denn auf zur Arbeit!

(_Er geht längere Zeit auf und ab, bleibt wiederholt stehen und sinnt

nach._)

"Also _verführerisch_ soll es sein, das Ding,--na natürlich,

sonst beißen sie nicht an";--"etwas Frauenzimmerartiges", sagte

Maria;--sehr gut!--Die Frauenzimmer kennen ihr Geschlecht immer

am besten.--Aber _giftig_ soll es auch sein; darin liegt ja die

Strafe; und sie sollen das Gift nicht merken, es hinunterschlucken

wie Sirup;--sehr gut!--das läßt sich machen.--Aber es soll dabei

_Seele_ und _Leib_ vergiftet werden; aber nicht definitiv; nur bis

zur Verzweiflung, bis zum Wahnsinn; sie wollen also sehen, wie sich

die Menschheit krümmt und bricht; wie sie ihre Seelen ausleeren, wie

einen Magen;--ich verstehe;--die Seele soll aber wieder reparierbar

sein,--"erlösungs-fähig", wie sie sagen;--na, die Freude kann ich ja

ihnen fürs erste lassen; ihnen und ihnen;--vom _Leib_ haben sie nichts

gesagt; sehr gut!--Als ob sich das trennen ließe!--Wenn ich den Leib

toll und voll verseucht habe, und der ganze Kerl zum Teufel fährt--ah

pardon--kaputt geht, dann möchten sie die Seele, nachdem sie schon auf

dem Weg zu mir ist, noch erlösen!--Die Barmherzigkeit!--Na, das wird

sich ja finden.--(Geht wieder schweigend und nachdenklich auf und ab).

Was soll das nun aber für ein Gift sein? Welches ruiniert, und doch

wieder nicht ruiniert?--Mit organischen und chemischen Giften komm'

ich da nicht aus!--Auch kann ich da nicht _quantitativ_ vorgehen. Die

schluckten ja und schluckten das Zeug hinunter--besonders, da es so

süß ist--und pardauz lägen sie da! Ich kann da nicht dosieren. Ich

kann doch kein ellenlanges Rezept an die Bettlade kleben: pro dosi

soundsoviel!--Das muß also ein feines, neues und ganz besonderes

Gift sein!--Welches weder den Geber noch den Nehmer sogleich

vergiftet!--Das muß dann ein feines, schleichendes, langsam wirkendes

Ding sein, welches sich ruhig weitervererbt, und in einigen lebenden

Exemplaren immer frisch zu haben ist!--Dann--soll das Gift sich an

das höchste Entzücken des Menschen anschließen, an den Liebestaumel,

an das naivste und köstlichste Glück, welches sie besitzen: damit

es sicher zu allen dringt!--Ja, das heißt, das war eigentlich mein

Gedanke!--Keine Verschiebung des geistigen Eigentums!--Na ja!--Wie

nun weiter?--Woher nimmst du das Gift?--(_Überlegt, bleibt stehen_).

Na, aus dir.--Kühl. Gibt es denn etwas Giftigeres, die Adern

Durchdringenderes, als du selbst?--Sehr gut!--Was weiter?--Wie wirst

du's nun anstellen?--(_Überlegend, sehr langsam, mit vorgestrecktem

Zeigefinger sich vordiktierend_). Du mußt das Gift, welches an sich

vielleicht zu stark ist und tödlich wäre, erst organisch abschwächen,

und dann in einer lebenden Person verwirklichen! (_Patscht in die

Hände_). Hoppla, das ist's--Noch einmal: Du mußt das Ding erst

organisch so mild machen, daß es ihre Mägen und Leber zunächst gut

vertragen, und es gleichzeitig in einem Lebewesen, das ihnen gleich

sei, personifizieren!--Sackerlot!--Und zweitens: dieses Lebewesen

muß ein Weib sein! Und das Gift muß durch die bekannten Schläuche

geleitet werden!--Und drittens: dieses Weib muß schön sein; und ich

ihr Vater!--Sapristi! Reibt sich die Hände. Kommen wir auch einmal

zum Zeugen!--(_Geht lange erregt auf und ab_). ... Nun, und wenn ich

dies Kunstwerk fertig bringe, was krieg' ich dann dafür?--Freund, nimm

dich in acht! Diese Gelegenheit kommt nicht wieder! Jetzt hole die

lang aufgespeicherten Speisezettel deiner Wünsche hervor!--(besinnt

sich).--Diese Stiege da (schaut nach oben). muß er mir reparieren.

Das Gerümpel. Wenn ich da 'mal ausgleite, und breche mir den Fuß,

dann bin ich ein ganzer Krüppel.--Dann, diese Falltüre da oben, die

ist meiner unwürdig. Da stoß ich mich schon lange daran. Das soll

ein schöner, freier Zugang werden, mit einem Geländer daran, und

ein paar Teppichen.--Dann, diese Audienzmeierei habe ich ebenfalls

schon lange satt. Wird der Zugang oben frei, muß ich auch freien

Zugang haben! Ich muß stets unangemeldet kommen können.--Er kann

ja auch stets unangemeldet zu mir herunter.--Dann (sehr bestimmt)

muß Er mir meine Bücher frei drucken lassen, und ihre breiteste

Zirkulation im Himmel und auf Erden erlauben. Das muß ich unbedingt

haben. Ohne das gehe ich gar nicht an die Arbeit, (ausbrechend). Wenn

jemand denkt, und darf seine Gedanken nicht mehr andern mitteilen,

das ist die gräßlichste aller Foltern.--Dieses reinste Entzücken,

dieser Tropfen Lust, der Fässer voll Bitterkeit genießbar macht,

daß andere das nachdenken, was du vorgedacht hast,--ist das so

schwer zu begreifen?!--Also das ist Numero eins!--Dann--muß hier die

Ventilation besser werden.--(Glotzt lange an der Decke herum)...

Eigentlich könnt' ich mir das Ding hier mit Goldleisten ausschlagen

lassen.--Ach,--es wird doch nicht heller.... Wie wär's, wenn Er mich

zum Graf machte?--Graf Miraviglioso! Oder gleich ganz italienisch Conte

di Miraviglioso; Signor Conte di Miraviglioso.--Pfui, schäm' dich!

Hast du nicht gesagt, du willst ein ehrlicher Kerl bleiben?--Nun ja;

ich wollte ja nur auf ganz kurze Zeit das tolle Empfinden haben, ganz

ohne Grund etwas zu sein. Nur auf acht Tage.--Ich kann ihn ja dann

meinem Ausgeher schenken.--... Ein paar Orden könnt' ich mir bei dieser

Gelegenheit geben lassen!--Dazu ist es wieder nicht hell genug da

herunten. An der Beleuchtung fehlt es hier überhaupt.--Was noch?--Etwas

bessere Garderobe! Dieses spanische Kostüm trag' ich nun schon seit

Philipp II. Es ist unerhört. Und nur meine ganz außerordentliche

Peinlichkeit erlaubt mir noch, überhaupt oben zu erscheinen.--Dann,

um Gottes Willen, etwas Mobiliar. Ein paar Pfund Roßhaar werde ich

doch noch wert sein. Und ein paar warme Decken.--Weiter!--Etliche

Borten an meine Kleider; wenigstens Leutnants-Rang!--Dann: Einreihen,

wenigstens in die letzte Hofrangklasse; mein Gott, ich helfe doch den

Leuten in ganz außerordentlicher Weise.--Femer: ein kleines "von"--,

und die Möglichkeit einer standesgemäßen Verbindung mit einer der

Engel-Klassen; Gott, so ein zartes Geschöpfchen, neben mir, 's wär'

ja zum Entzücken; sie mag so dünn und jung sein, wie sie will; ich

richt' sie mir schon her!--Was noch?--Ein goldenes Portepee, 'n

Kammerherrntitel, ein kleines Krönlein, 'n Herzogskragen oder ... (hält

plötzlich inne, greift sich mit beiden Händen an die Stirn und schreit

in tierischer Weise hinaus). Äh,--äh!--Bleib' fort! (Er hält die Hände

weit von sich wie um etwas wegzustoßen, das auf ihn eindringt, und

weicht zurück). Äh!--Es kommt!--Es hat mich!--Du Hund, hab ich dir

nicht gesagt, wenn du über die Schnur haust, packt es dich!--Pfui

Teufel! (spuckt aus, wie um etwas aus seinem Innern zu entfernen).

Pfui Deifel! Es kommt!--_Der Ekel_,--er hat mich!--Pfui!--Pfui!--Oh,

es ist zu spät!--Ekel! Ekel! Verdammte Sauce!--Teufel, weißt

du nicht mehr?--Weißt du nicht, daß du nur in der Entbehrung, im

Finstern, nur unter der Marter gedeihst?--Und dann will der Kerl stolz

sein!--Ah,--ah--(_Er macht Würgbewegungen, schleppt sich bis zu seinem

Lager, wirft sich dort auf den Bauch, wälzt sich in Krämpfen, reißt aus

der Matratze Stroh heraus, macht einen Knebel und steckt ihn sich mit

ingrimmigem Behagen in den Mund;--wird dann allmählich etwas ruhiger,

liegt bewegungslos da, und scheint zu schlafen.--Lange Pause_.)

_Währenddem hat sich im Hintergrund an der Rückwand des Gewölbes die

Szene wie aufgeklärt; die Schicht wird heller und heller; zuletzt

durchsichtig; es ergibt sich eine, wie es scheint, unermeßliche

Perspektive; allmählich schwindet auch der letzte trübe Schleier,

und man erblickt ein ungeheures Totenfeld, auf dem eine schier

unfaßbare Zahl, wie es scheint, lauter Weiber, in Leibesgestalt, mit

fahlen Gewändern, die einen hockend, die andern hingestreckt, teils

die Arme aufgestützt, teils das Gesicht in den Armfalten vergraben,

wie schlafend dortliegen; das Ganze übergossen von einem kalten,

flirrenden, mondlichtähnlichen Schimmer.--Tiefe Stille.--_

TEUFEL (_wacht langsam auf, hebt sich mit den Händen aufstützend

matt empor; wie er sich umwendet und erblickt die Szene, fahrt er

plötzlich zum Sitzen auf, reißt sich den Knebel aus dem Mund._)

Ah!--Ihr seid mir vorausgeeilt, Gedanken! (_Betrachtet lange mit

Entzücken die Szene._) Ihr habt Euch verwirklicht, meine guten

Gedanken!--Und die gemeinen sind mir in den Magen gefahren, und

haben mich krank gemacht;--so ist's recht!--Du hast gebüßt,--und

bist jetzt wieder ein ehrlicher Kerl!--(Legt sich, noch immer etwas

erschöpft, wieder in eine mehr ruhende Stellung zurück, aber so, daß

er die Szene im Auge behält--matt und langsam.) Welche von diesen

wähl' ich mir jetzt aus als Mutter für mein glorioses Geschöpf?--...

Schön!--Verführerisch!--Sinnlich!--Giftig!--Hirn und Adern

verbrennend!--Ahnungslos!--Tollpatschig!--Grausam!--Berechnungslos!

--Seelenschmutzig!--Naiv!--_Lange Pause_.

_Er erhebt sich dann zum Sitzen und ruft mit halblauter, aber klarer

Stimme, in sanftem Ton._

Helena--von Sparta--des Paris Geliebte--Trojanische Königin!--(_Im

Hintergrund erhebt sich aus der Reihe der Schlafenden langsam eine

Gestalt mit langem schleppendem Mantel, der um die Taille durch

einen Strick gleicher Farbe zusammengehalten, kommt langsam, wie

schlaftrunken, mit geschlossenen Augen, den Lichtschimmer, der ihr aus

dem Totenreiche anhaftet, beibehaltend, nach vom und bleibt vor dem

Teufel stehen._)

TEUFEL. Du bist damals mit dem jungen Laffen, dem Trojaner-Prinzen,

auf und davon, und hast deinen Mann, den König, zurückgelassen; rein

aus Verliebtheit?--(_Helena verneint schwerfällig mit dem Kopfe._)

Was? Nicht einmal verliebt?--Aus Neugierde?--(_Sie scheint sich zu

besinnen; nickt dann wie schlaftrunken._)--Nur, weil es dir gefallen

hat?--(_Helena nickt._)--Ohne etwas zu denken?--(_Nickt_.)--Justament?

(_wartet und nickt dann._)--Und als dann der Krieg ausbrach, da dachtest

du?--(_nickt mechanisch, besinnt sich aber dann und verneint._)--Dachtest

dir: Es ist nun einmal so! (_nickt und betont._)--Geh', leg' Dich wieder

schlafen--armes, dummes Ding!--(_Sie wartet einen Moment, dreht sich

dann langsam um und geht zurück auf ihren Platz, wie sie gekommen_.)

TEUFEL (_nach einer Pause, mit der gleichen hellen, sanften Stimme._)

Phryne--aus Athen--glatteste aller Hetären--komm'! (_Von dem Totenfeld

erhebt sich aus einer andern Reihe ein Weib im gleichen Anzuge wie

die erste und kommt näher._) Blasseste aller Zauberinnen, du hast

Tausende von Männern in dein Garn gelockt, sie arm und elend gemacht,

ihnen Geld und Gedanken geraubt,--hast Philosophen genarrt,--Richter

bestochen,--Staatsgesetze umgestoßen,--Krieg angezettelt,--Reichtümer

angehäuft,--hast dich als Göttin geriert,--dich anbeten lassen,--hast

dein Vaterland verhöhnt,--wolltest deinen Namen wie eine schmutzige

Reklame auf die Mauern Thebens setzen--und dafür bezahlen,--hast

dich nackt vor allem Volk gezeigt,--in Korinth die Tempel und

Statuen bauen lassen,--hast fortgehurt, bis deine Haare weiß

wurden--und wurdest schließlich in einem Tempel, in den du dich

geflüchtet, wie ein unreines Tier erschlagen?--(_Nickt stumm

wiederholt auf alle Fragen_.)--Warum?--Aus Liebe? (_verneint_).--Aus

Leidenschaft? (_verneint_).--Aus Laune?--(_nickt_).--Weil du schöner

und blasser warst, als alle andern? (_nickt_).--Hast gar nichts dabei

gedacht?--(_verneint_).--Ließest den Dingen ihren Lauf?--Bejaht.--Geh',

du harmloses Kind, du bist unschuldig!--(_Geht langsam und schweigend

ab, wie die erste._)

TEUFEL (_nach einer Pause, wie oben_). Héloise,--Äbtissin von

Paraclet--Latinistin des 12. Jahrhunderts!--(_Eine dritte Gestalt

erhebt sich aus dem Totenfeld und kommt im gleichen Anzug, wie die

vorigen näher._) Du hast studiert,--und hast geliebt,--und hast

Kinder gebracht,--und hast deinen Lehrer, ABÄLARD, die Leuchte des

Jahrhunderts, verführt,--und deine Familie in Spott und Schande

gejagt,--bis sie dir deinen Geliebten zum Kapaun machten,--und dich zur

Nonne,--und hast dann deinen verschnittenen ABÄLARD fortgeliebt,--und

ihm brünstige Briefe geschrieben--bis man dich zur Äbtissin

machte;--und als Äbtissin hast du weiter studiert, und ihn weiter

geliebt, und weiter--wenigstens in der Phantasie--Kinder gebracht,

und mit deinem längst abgekühlten Freund imaginative Scheußlichkeiten

begangen, die man selbst in der Hölle nicht sagen darf,--und hast

ihm geschrieben: lieber wollest du des ABÄLARD Hure als des Kaisers

rechtmäßige Gattin sein;--und als er starb, hast du dir seine Leiche

kommen lassen, und hast ihn immer noch geliebt, und ihn mit deinen

eigenen Händen begraben;--und dann hast du ihn noch zwanzig Jahre auf

Kosten deiner Phantasie weiter geliebt;--bis du selbst starbst?--Hat zu

allen Fragen stumm genickt.--Warum?--Aus Liebe?--Bejaht heftig.--Aus

reiner Liebe?--Bejaht intensiv.--Kind, du bist ja schon für den Himmel

reif!--Halte dich parat, wenn die Posaune ertönt, kommst du zuerst

dran!--Inzwischen geh', und schlaf weiter!--(_Gestalt geht ab._)

TEUFEL (_für sich_). Ich hab' doch verdammt wenig Grandioses in der

Hölle; muß mir 'mal 'n Scheusal holen!--(_besinnt sich, dann nach einer

Pause_). AGRIPPINA,--Mutter, Gemahlin und Mörderin von Kaisern,--und

Gemordete eines Kaisers,--komm'!--(_Eine Gestalt erhebt sich aus anderer

Gegend._)--Du hast etwas viel auf dem Kerbholz, Freundin;--mit 14 Jahren

heiratetest du deinen Mann, und läßt dich herbei, ihm nach neun Jahren

eines der größten Scheusale, den NERO, zu gebären?--Dafür kannst du

nichts!--Tröste dich, wir haben jetzt eine Schule, die dir nachweist,

daß du auch für die anderen Sachen nichts kannst; nur ist diese

Lehrmeinung noch nicht bis zum Himmel gedrungen.--Du vernachlässigst

also deinen Mann, und gibst dich dem LEPIDUS hin;--das war damals so

Sitte!--dann verbindest du dich mit deinem Freier, um deinen Bruder,

den Kaiser CALIGULA, zu ermorden;--es gelingt nicht!--dafür kannst du

wieder nichts,--d.h. du warst nicht geschickt genug!--Endlich wird

aber CALIGULA doch ermordet,--wie das damals so Sitte--und du wirst

wieder hoffähig;--du versuchst dann vergeblich einige andere vornehme

Römer zu kapern, bis sich endlich der reiche Advokat PASSIMUS--den ich

für gescheiter gehalten hätte--herbeiläßt, und mit dir eine zweite

Ehe eingeht; du vergiftest ihn dann, und beerbst ihn!--doch das haben

schon andere vor dir gemacht; das war damals so Sitte!--dein folgendes

Stückchen war dagegen schon viel origineller: du spielst so geschickt

hinterm Vorhang--von deiner Villa aus--daß du die Kaiserin MESSALINA

von ihrem Gemahl, dem Kaiser CLAUDIUS, abschlachten lässest, heiratest

dann selbst den Kaiser CLAUDIUS und wirst Kaiserin!--Was dann folgte,

der von dir inszenierte Selbstmord des LUCIUS SILANUS, die Verbannung

seiner Schwester JUNIA und die Verbannung der LOLLIA PAULINA, deren

Kopf du dir nachträglich aus der Verbannung zurückholen lässest, waren

mehr Nebenabfälle; du folgtest darin den Sitten deiner Zeit.--Dann

verschaffst du dir den Beinamen 'Augusta', die Heilige, lässest deinen

Sohn NERO von deinem neuen Gemahl, Kaiser CLAUDIUS, adoptieren, lässest

ihn dann mit der Tochter dieses Kaisers CLAUDIUS, OCTAVIA, vermählen,

vergiftest dann diesen Kaiser, deinen Gemahl, und rufst deinen Sohn

NERO zum Kaiser aus.--Das war nämlich damals ganz neu!--Du vergiftest

dann noch ein paar Konsuln, Prokonsuln und Nebenbuhlerinnen, und wirst

letztlich von deinem eigenen Sohn NERO ermordet!--(Die Gestalt hat

auf alle Fragen stummnickend geantwortet).--Hör' mal, AGRIPPINA, du

bist eine ganz scharmante Person, aber ich vermisse in deinem ganzen

Tun den eigentlich künstlerischen Impuls--die Naivität;--alles hängt

ab von deinem maßlosen Ehrgeiz!--Das ist krankhaft!--Das wird auf die

Dauer langweilig!--Wir fassen die Sachen jetzt anders auf!--Nicht ein

schöner Mord in deiner ganzen Geschichte!--Ich kann dich wirklich nicht

brauchen!--Geh' nur und leg' dich wieder schlafen!--Schlaf sanft!

(_Gestalt ab_.)

TEUFEL (_nach einigem Überlegen, für sich_). Jetzt hab' ich noch

eine Nummer, die HERODIAS;--aber halt, ich nehm' statt der Mutter

lieber die Tochter! (_ruft_). Salome,--schöne, junge Tänzerin,--komm'

zu mir!--(_Weit hinten erhebt sich eine schlanke, jugendliche

Erscheinung, und kommt näher, eine freundliche, heitere Erinnerung

auf ihrem Gesicht_).--Sag' mir einmal, mein hübsches Kind, du warst

damals auf dem Bankett bei Herodes zugegen?--(_bejaht_.)--Und da

tanztest du?--Bejaht.--Warum tanztest du?--(_Sie weiß es nicht_.)--Nun,

du tanztest eben, weil junge hübsche Mädchen überhaupt gern

tanzen,--und weil du Tanzstunde gehabt hattest?--(_bejaht_.)--Und

du fandest Beifall?--(_nickt_.)--Und HERODES sagte dir, du solltest

dir 'was schenken lassen?--(_nickt_).--Und du ließest dir einen Kopf

schenken?--(_nickt_.)--Einen Menschenkopf?--(_bejaht_.)--Einen _lebenden_

Menschenkopf?--(_bejaht_.)--Weshalb?--(_Sie weiß es nicht_.)--Zum

Spielen?--(_sie zaudert und bejaht schließlich_.)--Und Herodes schickte

dich mit dem Henker ins Gefängnis, und der schneidet dir dort

einen Kopf ab?--(_nickt_.)--Das war der Kopf des JOHANNES?--(_bejaht

gleichgültig_). Der ward dir auf eine Platte gelegt, und du kamst

dann damit herein in den Bankett-Saal?--(_nickt_).--Das Blut lief

wohl in der Platte herum,--und machte sie schließlich ganz

voll?--(_nickt_.)--Es netzte deine Finger?--(_bejaht lebhaft_.)--War

dir das angenehm, oder unangenehm?--(_bejaht_.)--Ja, was?--Angenehm

oder unangenehm?--(_Sie reibt die Hände gegen einander._)--Es

kitzelte dich?--(_bejaht sehr deutlich_.)--Du hast wohl sehr feine

Finger?--(_keine Antwort_.)--Und dann,--dann schenktest du den Kopf

deiner Mutter?--(_bejaht_.)--Warum?--(_zuckt mit den Achseln._)--Er war

eben schon tot?--(_nickt traurig_.)--Und du wolltest doch einen lebenden

haben?--(_bejaht_.)--Ja, die abgeschnittenen Menschenköpfe halten sich

nicht lang!--Sag mal, hast du einen von den Leuten gern gehabt, was man

sagt, lieb?--(_weiß nicht, was sagen, und verneint schließlich_.)--Den

HERODES?--(_verneint_.)--Den JOHANNES?--(_verneint_.)--Deine

MUTTER?--(_zuckt mit den Achseln und verneint_.)--Aber deinen

abgeschnittenen Kopf, den hattest du gern?--(_bejaht sehr deutlich_.)

TEUFEL (_springt plötzlich auf_). Kind, du bist mein Fall!--Geht auf sie

zu. Aus dir läßt sich noch 'was machen!--Er schließt sie, halb von

rückwärts kommend, leicht in seine Arme. Du sollst mir heut' in mein

Schlafgemach folgen!

DIE GESTALT (_hört man tief und vernehmlich stöhnen_).

Während des Folgenden fallen über dem Totenfeld wie im Vordergrund

schwarze, anfangs noch durchsichtige Flöre und Schatten herab, die die

ganze Szene immer mehr verdüstern.

TEUFEL (_die Gestalt sanft mit sich nach rechts fortführend_). Wir

haben große Dinge mit dir vor!--Du sollst die Ahnin eines grandiosen

Geschlechtes werden, an das kein Aristokrat hinankann!--Deine

Nachkommen werden weder blaues noch rotes, sondern weit merkwürdigeres

Blut in ihren Adern führen.--Und du wirst die Mutter sein.--Deine

Qualitäten sind einzig in meinem großen, ungeheuren Reich!--Selbst

oben, bei Hof, sieht man unsere Verbindung mit gnädigem Wohlwollen!--Er

verschwindet mit ihr; die Stimme klingt immer entfernter. Morgen schon

darfst du zu deinen Schwestern zurück!--Unser heißes Temperament

läßt Schaffen und Entstehen sich in unglaublich kurzer Zeit

vollenden!--Zeugen und Gebären rückt durch unsere Gewalten in wenige

Stunden zusammen!--Komm', mein Kind, komm'!--

_Das Totenfeld ist jetzt verschwunden. Die Flöre fallen nun auch im

Vordergrund immer dichter; so daß die Szene bald ganz verdunkelt

ist.--Man hört in der Ferne noch einen gellen weiblichen Schrei.--Dann

wird es schwarze Nacht, und der Vorhang fällt._

Das Liebeskonzil: Eine Himmels-Tragödie in fünf Aufzügen · 第 43 / 56 题