CESARE (_finster, trocken_). Später!--

_Eine Gruppe Edelleute zu äußerst rechts (von der Bühne aus)_.

ERSTER EDELMANN (_flüsternd_). Ihr wißt, man fand heute nacht den

Herzog von Bisaglie im Tiber?

ZWEITER EDELMANN. Ja, er ist ertrunken.

DRITTER EDELMANN. Ja, und mit drei schweren Wunden dazu!

ERSTER EDELMANN. Er soll schwer betrunken nachts den Vatikan verlassen

haben....

DRITTER EDELMANN. Es ist gegenwärtig immer gefährlich, nachts den

Vatikan zu verlassen, einerlei in welchem Zustand ... besonders, wenn

man der Gemahl der schönen Lucrezia ist.

ZWEITER EDELMANN. Ihr meint...?

DRITTER EDELMANN. Ich meine, daß der Herzog von Bisaglie gestern abend

in Gegenwart seiner Gemahlin Lucrezia und ihres Bruders Don Cesar

erdrosselt wurde.--

_Erster und zweiter Edelmann fahren auseinander_.

ZWEITER EDELMANN. Aber die tiefen Wunden?

DRITTER EDELMANN. Rühren von einem Überfall her, den vor vier Wochen

eine Bande Maskierter auf ihn am Petersplatz machte, und von denen der

Herzog die Unverschämtheit hatte, genesen zu wollen.

_Beide erschrecken aufs neue_.

ERSTER EDELMANN. Aber seht Lucrezia; sie ist heiter, wie am

Hochzeitstag.

DRITTER EDELMANN. Sie ist ein Kind! Seine Heiligkeit machte sie diesen

Morgen zur Fürstin von Nepi und schickte ihr einen großen Korb mit

Confetti.

ZWEITER EDELMANN. Und weiß der Papst von dem Sachverhalt?

DRITTER EDELMANN. Alexander VI. weiß nichts; Rodrigo Borgia weiß alles.

ERSTER EDELMANN. Und was wird er tun?

DRITTER EDELMANN. Er wird eine Seelenmesse für den in den Tiber

gefallenen Herzog lesen, und den Fürsten von Ferrara benachrichtigen,

daß Lucrezia frei ist.--

_Vom Hintergrund her ertönt eine Tanzweise. Die drei Edelleute gehen

auseinander. Man sieht im Hintergrunde Paare tanzen. Die Tafel ist

inzwischen abgeräumt und hinausgetragen worden. Die ganze Gesellschaft

setzt und lagert sich auf Taburetts und Kissen. Der Platz in der Mitte

ist nun noch größer geworden. Die Gruppen bleiben nicht unbeweglich.

Man steht auf, geht zu andern, plauscht, trinkt und nippt von den

dargebotenen Süßigkeiten, und kehrt auf seinen Platz zurück. Von den

tanzenden Paaren haben inzwischen einige pausiert. Einige der Damen

kommen erhitzt und glühend nach vorn. Der Papst nimmt einem der Diener

einen Korb Confetti ab und wirft von denselben den Damen in den Busen.

Heiteres Gelächter unten und von der Galerie herab. Das Musikstück hat

aufgehört._

DER PAPST. Wo stecken unsere Buffoni!--Laßt sie herein!--Und Wir, Wir

lassen uns hier nieder Nach links weisend, wo die Plätze sich befinden;

zu Lucrezia. Komm, mein Kindchen!

_Pulcinello tritt auf mit Colombina und seinem Gefolge. Sie führen ein

mimisches Spiel auf. Pulcinello im weißen Puderkostüm mit Ledergurt,

Halskrause, Tüten-Mütze und schwarzer Halbmaske, die Pritsche in der

Hand, apostrophiert erst mit tiefen Verbeugungen, Grimassierungen

und Verdrehungen das Publikum; währenddem sucht er sich plötzlich zu

erdrosseln, hält die Hände so, als wenn es fremde wären, ächzt und

stöhnt und will sterben. Colombina kommt von hinten vor, erschrickt

scheinbar, kann es nicht sehen und hält die Hände vors Gesicht. Der

Papst versteht die Anspielung und droht mit dem Finger. Darauf lassen

sie ab, und das eigentliche Spiel beginnt in dem Sinne, daß Colombina,

die junge Frau des alten Pantalone, von Pulcinello entführt und der

Ehemann betrogen wird. Wiederholtes Gelächter während des Spiels und

lebhafte Unterhaltung._

DER PAPST (_während des Spiels zu Lucrezia, die zu seinen Füßen auf

einem Kissen Platz genommen, schmeichelnd_). Mein Herzchen, Du hättest

eigentlich heute einen Trauertag; Dein schöner Herzog ist so plötzlich

gestorben.

LUCREZIA (_kindlich_). Ach ja, er ist in den Tiber gefallen.

DER PAPST (_bedauernd_). Du hast ihn wohl gern gehabt?

LUCREZIA (_wie oben_). Ach ja, recht sehr!

DER PAPST. Sei nur zufrieden, wir haben schon wieder einen neuen für

Dich!

LUCREZIA (_lebhaft_). So schön wie mein Herzog?

DER PAPST. Schöner noch, mein Kätzchen.

_Während im Spiel Colombina und Pulcinello sich hinter Pantalone laut

küssen, und dieser, sich plötzlich umkehrend, eine Ladung weißen Puders

im Gesicht empfängt, und unbeholfen hin- und hertaumelt, was von allen

Seiten mit lautem Gelächter begrüßt wird, tritt der Zeremonienmeister._

BURCARD (_auf den Papst zu_). Eure Heiligkeit, die Vesper hat in der

Kapelle begonnen; die Kirche ist gedrängt voll und das Volk erwartet am

Ostertag Euren Segen!

DER PAPST. Wir wollen das Spiel sehen; auch hat Uns der Tod Unseres

lieben Schwiegersohns zu plötzlich erschüttert.--Man öffne (_auf die

Galerie weisend_) dort die Fenster, und sage dem Volke, daß ich von der

Loggia dort der Vesper beiwohne. Der Zeremonienmeister ab.

_Gleich darauf sieht man oben die Fenster zwischen den Rundbögen

der Galerie, wo das Volk steht, rückwärts vom Innern der Kirche aus

sich öffnen, so daß man einen Einblick auf Fries, Gebälk, Statuen

und angezündete Kronleuchter erhält.--Während dem nimmt das Spiel

seinen Fortgang. Wie Pulcinello mit der Pritsche dem verwirrt hin- und

herlaufenden Pantalone nacheilt und auf ihn losschlägt, und Colombina,

sich versteckend, hinter Pulcinello drein eilt, hört man plötzlich

aus den Fenstern über der Galerie in wehmütig-schmerzlichem Ton ein

mehrstimmiges Graduale singen._

CHOR. De profundis clamavi ad te Domine; Domine exaudi vocem meam;

Fiant aures tuae intendentes in vocem deprecationis meae; Si

iniquitates observaveris Domine, quis sustinebit? Speravit anima mea

in Domino; A custodia matutina usque ad noctem; quia apud Dominum

misericordia et copiosa apud eum redemptio. Et ipse rediniet nos ex

omnibus iniquitatibus nostris[2].

_Schon bei den ersten Tönen ist das Volk oben auf der Galerie scheu

von den Fenstern zurückgewichen, und hat sich, sich bekreuzend, halb

gegen das Innere der Kirche gewendet. Unten sieht man, mehr gegen den

Hintergrund, einige Gesichter und verlegene Mienen. Aber der Papst

mit seiner Familie bleibt heiter und das Spiel nimmt, wenn auch etwas

gezwungen, seinen Fortgang._

_Kurz nach dem Graduale geht auch das Spiel zu Ende. Der Papst gibt der

Musik ein Zeichen, und diese beginnt ein neues Musikstück, zu dem im

Hintergrund die Paare tanzen. Pulcinello und seine Truppe verabschieden

sich unter tiefen und grotesken Bücklingen. Man wirft ihnen Goldstücke

zu. Der Papst winkt Colombina zu sich hin, der er die Backen streichelt

und ihr ein besonderes Geldgeschenk in die Hand drückt, worauf sie sich

mit einem Handkuß verabschiedet._

DER PAPST (_nachdem die Musik geendet, klatscht in die Hände_). Wo sind

unsre Schönen?

_Auf dies Zeichen öffnet sich im Hintergrund der Galerie ein Vorhang

und zwölf Courtisanen von auserlesener Schönheit betreten, durch

leichte, durchsichtige Gewänder verhüllt, den Saal, und nehmen rechts

im Vordergrund Aufstellung; der Papst mit den Herren und Damen seiner

Umgebung gehen auf sie zu, mustern sie, und bewillkommnen sie unter

scherzenden Redensarten._

DER PAPST (_nachdem er sie alle gemustert, erstaunt_). Wo ist die

Pignaccia?[3]

EINES DER MÄDCHEN nachdem (_erst alle verlegen geschwiegen_). Sie ist

zu Karl[4] nach Neapel.

DER PAPST. Wie? Geht Ihr auch zu Unsern Feinden über?

_Der Papst mit seinem Gefolge zieht sich wieder nach links zurück, wo

es sich, wie früher, auf Taburetts und Kissen gruppiert; Lucrezia auf

dem Schoß ihres Vaters, von diesem geschmeichelt; Diener stellen die

großen, dreiarmigen, helles Licht verbreitenden Kandelaber, die früher

auf der Tafel stunden, in die Mitte des Saales auf den Boden. Auf ein

Zeichen durch Klatschen in die Hände werfen die Mädchen die Gewänder

ab; päpstliche Diener, hinter den Herrschaften stehend, werfen aus

Körben über die Köpfe der Zuschauer hinweg Kastanien in die Mitte des

Saales, auf die sich die Mädchen stürzen und sich um sie raufen. Helles

Gelächter. Es bildet sich ein Kreis um die auf dem Boden kämpfenden

Mädchen. Auch von der Galerie, wo sich inzwischen das Volk wieder

zusammengedrängt hat, erschallt lautes Gelächter. Sobald eine Ration

Kastanien aufgelesen ist, welche die Courtisanen nach rechts neben ihre

Gewänder sorgfältig auf einen Haufen legen, werden neue Kastanien

aufgeworfen und der gleiche Kampf beginnt von neuem.--Eines der

Mädchen, dessen Haare alle aufgelöst sind, kommt einem der Kandelaber

zu nahe und fängt Feuer. Der Papst springt auf--während Lucrezia zu

Boden gleitet--und erstickt das Feuer mit seinen Gewändern._

DER PAPST (_als sich zeigt, daß die Kleine keinen Schaden gelitten,

züchtigt sie mit der Hand_). Diesmal, Du Schlingel, konntest Du die

Reise ins Jenseits antreten! (_Lachen_).

DIE COURTISANE. Du hättest mich im Fegfeuer nicht länger brennen lassen

als hier, santo papa! Erneutes Gelächter, in das der Papst miteinstimmt.

_Als die Kastanien alle verteilt, wird gezählt, und je nach der Zahl

der gesammelten an die Mädchen Preise verteilt. Ein neues Musikstück

beginnt, und die Diener reichen Erfrischungen. Laute Unterhaltung im

ganzen Saal, vornehmlich über die Qualitäten der Mädchen._.

_Als das Musikstück schweigt:_

DER PAPST (_klatscht aufs neue in die Hände_). Jetzt laßt unsere

Athleten herein.

_Auf der andern Seite der Galerie treten von hinter einem Vorhang zwei

nackte kräftige Männer ein, die zu den Mädchen geführt, sich an deren

Anblick berauschen, um dann, auf ein weiteres Zeichen, den Zweikampf zu

beginnen[5]. Alles drängt sich um das Schauspiel unter Aufmunterungen

und Beifalls-Zeichen. Auch die Mädchen verfolgen mit allem Interesse

den Kampf. Als der Sieger seinen Gegner unter lautem Beifall geworfen,

tritt er auf die Courtisanen zu, wählt sich unter Scherzreden aller

Anwesenden die Schönste und verläßt mit ihr den Saal. Der Unterlegene

geht allein fort. Darauf betritt ein zweites Paar den Saal.--Die

Aufregung unter den Zuschauenden steigert sich von Minute zu Minute.

Beifallsworte und aufstachelnde Bemerkungen werden mit immer größerer

Teilnahme und Leidenschaft dazwischen geworfen.--Als der fünfte seinen

Gegner unter lautem Geschrei und Beifallsklatschen geworfen, und er

eben seine Wahl trifft, ertönt in tiefernsten, tragischen Tönen vom

Innern der Kirche der Schlußgesang der Vesper._

Das Liebeskonzil: Eine Himmels-Tragödie in fünf Aufzügen · 第 28 / 56 题