CHERUBIM (_feierlich_). Vor Dir sind tausend Jahre wie ein Tag!--

GOTT VATER. Ja, ja; aber schließlich gehen die auch herum!

CHERUBIM. Du wirst wieder besser werden, göttlicher Greis!

GOTT VATER. Nein, ich werde nicht wieder besser werden! Ausbrechend.

Gott, ist das schrecklich, alt zu sein!--Gott, wie ist das schrecklich,

als Alter auch noch ewig leben zu müssen!--Gräßlich, ein blinder Gott

zu sein!

CHERUBIM. Du wirst wieder sehend werden, göttlichster, heiligster

Vater!--

GOTT VATER (_bestimmt_). Nein, ich werde nicht wieder sehend

werden!--Ich werde immer älter, zerbrechlicher und elender! Gott, wenn

ich sterben könnte!

CHERUBIM (_sanft_). Du wirst nicht sterben!--Du kannst nicht

sterben!--Du sollst nicht sterben!--

GOTT VATER (_gerührt, leise weinend_). ... Ach, meine Glieder, sie sind

gekrümmt, verschwollen, wassersüchtig, kontrakt, verdorben.... Streicht

die Knie hinab.

CHERUBIM (_rutscht ganz nahe zu ihm hin, legt seinen Kopf auf das

eine Knie und streichelt mit der Hand das andere; leise wimmernd, mit

tiefer Teilnahme, den Alten kindlich imitierend_). Deine Glieder sind

gekrümmt,--sind geschwollen,--sind wassersüchtig,--sind kontrakt,--sind

verdorben.... Ach!--Ach!--

GOTT VATER (_intensiver weinend_). Meine Füße sind vergichtet,

verknorpelt, brennend vor Schmerzen, zuckend und zerrissen....

CHERUBIM (_rutscht hinunter auf die Füße des Alten, liebkost sie,

und jammert_). Deine Füße sind vergichtet,--sind verknorpelt,--sind

brennend vor Schmerzen,--zucken und sind zerrissen.... Ach!--Ach!--

GOTT VATER (_bricht in heftiges, schmerzhaftes Schluchzen aus_).

Ach!--Ach!-

CHERUBIM (_stürzt sich ganz zu Boden und umschlingt beide Füße, sein

Gesicht in denselben schluchzend verbergend_). Ach, mein Gott! Mein

Gott!--

GOTT VATER (_will sich gerührt vorbeugen, streckt beide Arme nach dem

Knaben aus, kann ihn aber nicht erreichen, während dicke Tränen auf den

Kopf des Cherubim herabtropfen_.)

CHERUBIM (_dessen gewahr, schnellt empor und bringt sich, in

halb-kniender Stellung den Körper des Alten umschließend, ihm

entgegen._)

GOTT VATER (_ergreift in heftiger Leidenschaft den Kopf des Knaben mit

beiden Händen, drückt sein naß-verschwommenes Gesicht an dessen Wangen,

und küßt, von Schluchzen unterbrochen, brünstig dessen Stirne, Augen,

Haare. Beide, in Tränen aufgelöst, ruhen, während der heftige Ausbruch

des Alten zu versiegen beginnt, in stummer Umarmung aneinander.--In

diesem Augenblick klopft es draußen_.)

CHERUBIM (_fährt empor_). Es ist jemand draußen!

GOTT VATER (_müd_). Sieh, wer es ist!

CHERUBIM _nachdem er sich an der Thüre flüsternd erkundigt, kommt

zurück. Ein geflügelter Bote ist draußen, der will Dir Nachricht

bringen; er thut sehr eilig_.

Das Liebeskonzil: Eine Himmels-Tragödie in fünf Aufzügen · 第 16 / 56 题