Dann fragte er: »Wer bist du, der du so hoch dich türmst?«

»Mehr als du, der du so vieles für mich angehäuft hast.«

Auch sein Körper leuchtete nun. Er trug den einfachen Reiteranzug seiner

Krieger, aber ein Glänzen brach von den Rändern aus, breit und scharf.

Ein Beben überlief den König kurz.

Dann neigte er das Knie. Und indem ein langsames Besinnen in Pausen auf die

Oberfläche seiner Augen zurückkam, bat er, daß er in seinem Muschelwagen

die weite Reise fahren dürfe, denn die Last der durchlebten Jahre drücke

auf seine Brust.

Timur nickte kurz.

Es war der mächtigste König an Gewalt hier vor ihm, fleischigen Körpers

noch in diesem Alter, der die Jugendstärke des berühmten Bogenspanners

zeigte, er lächelte und hob ihn auf.

Da trat der König an ihn heran, stieg auf die Spitzen der Schuhe und küßte

ihn auf den Mund.

Umwendend stand sein Rücken der Tür zugewendet. Seine linke Hand faßte die

Portiere, sie zu öffnen.

»Vergiß nicht, was es heißt, daß ich mehr zu dir sprach als je einem

Menschen,« sagte Timur verhalten.

Über die Schulter lächelnd antwortete der König: »Fürchte nicht, daß der

Gott, der in mir so lange lebte, seine Bestimmung im Stich läßt.«

Da hob sich der Vorhang, und die im Morgen aufgekommene Sichel des halben

Mondes hing vor ihnen.

Während er unter ihr dem Wagen zuschritt, kam ein Zug Frauen aus Osten an.

Timur sah nicht nach ihnen, wandte den Kopf nach der Seite, und wie seine

Blicke zwei Tataren trafen, sprangen sie hinter den schreitenden König und

zerhieben ihn.

Der Zug der Frauen aber stieß an die Ecke des Zeltes, ein Kamel kniete

nieder. Reiter sprengten danach durch die Fülle der Frauen hindurch. Aus

den zweihundert aber lief eine heraus. Sie stellte die Arme zur Seite, bog

die Hände aufrecht, trat weiter heraus, die Augen geschlossen, und hatte

die trübe Sonne über dem Gesicht. So schritt sie führerlos über den

Leichnam, ohne zu fallen. Ihr Fuß netzte kein Blut. Sie ging bis zu Timur,

hielt eine Weile, öffnete den Mund mit einem leisen Ton und rief dann:

»Ich hindere dich weiterzugehen. Es ist genug.« So blieb sie stehen, zunen

Gesichts. Sie war eine Chinesin. Timur befahl, sie nicht niederzuschlagen.

Von dem Kamel glitt Miser Ulek. Sie deutete auf den Zerhackten: »Die Krone

des Glücks fiel von seinem Haupt.« Sie legte die Hände rund aneinander und

preßte ihre linke Brust. Den Kopf frei zurückwerfend sah sie auf die

Chinesin, deren gebrochener Blick sie nicht empfand.

Timur sah den Blick, der zerstörte, auf was er traf.

Er maß die beiden einige Zeit.

Dann schob ein Wink sie weiter, der Zug rollte davon.

Am Abend ließ er seine Lieblingstochter, mit der er schlief, zu dem Haus

seiner weiblichen Kinder zurückkehren und überließ ihren Pfühl Miser Ulek.

Eine grüne Wolke hüllte das Heer ein zehn Tage, bis sie geteilt hatten.

Rudel wilder Tiere durchmaßen die Ebenen von dem Gebirge her und fraßen in

Orgien. Pferde starben an der Pest hin, und Tataren fielen in Haufen vor

Hitze und Geruch der Fäulnis. Timur gab ihnen aus der Beute Gäule zum

Schlachten, und sie fraßen rohes Pferdefleisch schmatzend vor Seligkeit,

bis ihnen die Mägen platzten und sie würgend über die Toten fielen. Axalla

und Yakou erhielten chinesische Prinzessinnen. Die Frauenhäuser wogten

überschwemmt von Stoff, Seiden, Rubin und Zelten mit goldenen Stangen.

Den Tag, ehe sie ritten, hielten sie ein Gelage. Timur gab den Befehl eines

Emirschulbaus in Petsche-li, daß in ihr Hirn anderes als Gaulgeruch steige.

Guines stellte die Konstellation der Sterne. Einmal erhob sich der Fürst

von Tanais, deutete auf den Tonkünstler Ssasijeddin Abdulmumenin und sagte:

»Nimm die Leitung, Ssasijeddin.« Da erhob sich Timur und verwies es ihm,

auch wenn er den Namen des großen Kalifen trage, zu dem außerordentlichen

Mann nur mit dem Vornamen zu reden. Und schenkte dem Künstler einen Ring.

An der Quelle Baldschuma betrat Timur das Zelt der Chinesin. Ihr klarer

Blick fiel auf ihn. Er wies auf eine fränkische Dogge und gab ihr sie zum

Geschenk. Er fragte nach ihrem Stamm. Jedoch sie vermochte nicht zu

antworten.

Sie sah ihn mit feuchten porzellanenen Augen an. Da verließ er sie. Sie

ritten weiter.

In einer Gewitternacht ließ Miser Ulek der Chinesin Tee reichen, aber

dieser entfiel die Tasse. Sie sah lächelnd zu Miser Ulek: »Gift.« Da weinte

Miser Ulek, umarmte sie und stach ihr ein Messer in die Seite. Doch es

blieb in der Haut. Timur befahl, die Chinesin aus dem Haus Miser Uleks zu

nehmen und in das seiner Töchter zu führen.

Sie ritten durch Monate. Sengende Sonne wirbelte ihnen Staub in die

Gesichter, sie stachen durch Schnee, bis sie das achte Paradies erreichten:

Samarkand leuchtete aus den Gärten. In der Ebene von Kjanegül erbaute Timur

einen Palast in der Mitte des Fundorts der Rosen. Künstler aus Bagdad

übermalten die Wände. Der Hof stieg in Marmor und Talkstein, Schwibbogen

leuchteten Sprüche des Korans, die Türen brüllten vor Erz. Glockentürme

wuchsen aus den Ecken. Er baute einen Windfang und einen unterirdischen

Saal.

Er gab ihn der fünften seiner großen Frauen Miser Ulek und den zweihundert

Beischläferinnen hinter ihr.

In der Nacht schreckte ein Traum ihm die Chinesin ab, und er schenkte sie

an das Frauenhaus Zeinabdeddins.

Er selbst wohnte in dem dunklen festen Haus mit dem fußtiefen Graben.

Abends wie ein Panther zog er in großen Kreisen um den Auf- und Niederfall

seiner Fontäne. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf

zurück zwischen die Schultern . . .

Gekitzelt vom Lachkrampf schlug eines Tags ein zirkassischer Fürst zwei

Leuten Timurs, die raubten, die Köpfe ab. Timur ließ ein Heer aufstehen.

Vor dem Aufbruch gab er eine Jagd.

Jagdleoparden in Satin und Coliers glitten in die Ebene bis hinter den See.

Dort witterten sie, stießen die Nasen zum Boden und stoben in den Wald. In

der Einbruchecke sah er ein Weib vorbeistreichen. Timur hetzte den

Leoparden, doch der legte sich nieder, daß Timur wütend ihm einen Pfeil ins

Kreuz schoß, er wendete und schnitt sie ab. Er stellte sie mit dem Pferd,

das bäumte. Sie hob sich gleitend, warf die Arme auf und erstarrte. Die

Pupillen erloschen. Geschlossenen Auges, grau im Gesicht, sagte sie:

»Betritt den Boden der Ruhe. Es ist genug.«

Timur spannte den Bogen auf sie.

Sie sah ihn an: »Ich warne zweimal.« Er schüttelte sich in kaltem

Gelächter.

Es war die Chinesin. Sie schwang sich auf einen Zweig; wie ein Silberaffe

sitzend, sagte sie in halbem Ton: »Du fällst noch heut in Unglück an einer

weißen Stute.« Timur hielt einen Herzschlag lang ein im Besinnen. Dann

sagte er:

»Geh zurück in das Haus meiner Töchter.«

Auf der Spur ritt er durch einen Tümpel, von einem Ast zischte ein brauner

Klumpen, ein gelber Rachen biß sich in die Kehle des Gauls, der schrie.

Timur konnte den Bogen in der Nähe nicht spannen. Da erschien Yakous Sohn.

Timur sah ihn lange an, während er deutlich zielend die Sehne anzog, der

Pfeil riß dem Tiger das Auge heraus, glitt ab und fuhr streifend durch

Timurs Schläfe. Brüllend sprang der Chan ab, daß der Wald erzitterte, griff

in den fetten Pelz der Katze über den Hinterbeinen, wirbelte und schlug sie

auf die Erde mit einem Aufschwung, daß ihr zuckend der Kopf sprang. Dann

sah er sich nach Zeinabdeddin um. Er ritt ein weißes Pferd, sprang ab. »Es

ist nicht deine Schuld,« sagte er zu dem auf dem Boden sich Windenden: »Du

bist bewährt.«

Aber er gab ihm am Abend dennoch in seinem Zelt eine Mission nach China,

die ihn Jahre entfernte.

Dann holte er die Chinesin. Er ließ ihr Stutenmilch reichen und hockte sich

zu ihr, ein Brettspiel auf den Knien. Als sie gut anzog, sagte er von dem

geviereckten Holz kurz aufblickend: »Komme wieder.« Sie kam mit jungen

Hunden, die die Dogge geworfen. Sie klammten auf dem Körper des liegenden

Chans und leckten ihm den Bart. Er lachte und, mit ihnen spielend,

zerdrückte er eines aus Ungeschick, da hob sich die alte Dogge gegen ihn.

Er achtete sie nicht, sondern wandte den Kopf gegen die Chinesin:

»Wie lange hast du das zweite Gesicht?«

»Immer.«

»Du sagtest dem chinesischen König das nun Eingetretene?«

Sie nickte.

»Miser Ulek sprach dagegen?«

»Sprach dagegen.«

Timur sah leuchtend auf sie. Sie wirbelte wie ein Staub in seinem Blick.

Dann röteten sich ihm die Augäpfel und wölbten sich. Er stand auf, seine

Stimme dröhnte, daß die Hunde winselten, doch sprach er nicht laut: »Warum

warnst du mich?«

»Ich muß.«

Er schüttelte den Kopf, aber er schlug sie nicht damit nieder.

Sie erhob sich. Fest, leise sagte sie stärker wie sein Dröhnen: »Ich muß.

Es ist genug. Nimm Ruhe. Ziehe nicht,« und langsam weinten ihre Augen über

die Wangen.

»Nein,« sagte Timur und sandte sie hinaus. Sofort ließ er Guines holen. Der

nahm die Konstellation des Gestirns, zitterte und warnte vor neuem Zug.

Timur saß drei Wochen in seinem Zelt, kalkigen Auges, ohne Ton. Sein Kopf

glühte stärker als eine Fackel aus den Spalten in der Dunkelheit. Sein Hirn

wütete wie ein Stier. Dann machte er einen Ruck und brach auf.

Am Tage, wo er den Befehl gab, stürzte Miser Ulek erglühend auf seinen

Pfühl, und er nahm sie mit.

Die Vorhut wurde in einem Tal, durch falsche Führer im Kreis geleitet,

zusammengehauen. Timur, getrennt, erschossen sie zwei Pferde; mit der Frau

auf dem Sattel erstürmte er einen Paß. Den Lederwams gespickt mit

Eisenspitzen, entkam er wie eine wilde Sau stiebend.

Er sagte, als Miser Ulek vom Pferd sprang: »Du siegtest wieder nicht.« Sie

sah ihn kurz an, bekam Spott um den Mund und hängte sich mittags mit einer

Schnur an das Fenster. Doch er schnitt sie ab. Unbewegt, fast lachend, so

ruhig. »Es ist noch nicht das Ende,« sagte er.

Hinaustretend ließ er Führer köpfen, einen Schwarm Unterführer zerreißen,

er schaute zu. Zurücktretend aus dem Dampf des Blutes, Kraft und Trotz aus

der Grausamkeit in die zusammengezogene Brust gesogen, sah er auf die

Frauenlager, demütigte kalt den Blick der Chinesin und unternahm zum

zweitenmal den Zug.

Er gelang. Mit klarer Stirn, die Augen unmäßig herausgeschwollen, leitete

Timur den Kampftag. In seiner Nähe hielt keiner. Es ging ein unsichtbarer

Sturm um ihn. Die Achseln zusammengedrückt, den Körper vergrimmt, stieß er

Willen aus sich, als kämpfe er mit einem unsichtbaren Feind.

Er ließ dem Emir den Kopf abschlagen. Er sandte ihn Miser Ulek. Sie ließ

ihn am Eingang des Paradieses auf eine Säule hängen.

Timur ließ, zurückgekehrt, die Chinesin in sein Zelt tragen: »Was sagtest

du Schlechtes? Es gelang.«

Timur: Novellen · 第 18 / 22 题