Als Onkel Heinz des Abends kam, war das Telegramm längst abgesandt,
und mit freudestrahlenden Augen reichte Ilse ihm das Briefchen. Der
alte Herr wischte sorgfältig seine Brillengläser ab und las die
wenigen Worte dreimal, bevor er etwas sagte.
»Nun?« fragte Großmama Ilse ungeduldig.
»Schön,« meinte Professor Fuchs, »es kommt genau so, wie ich mir's
gedacht habe, aber hören Sie mal, Frau Gontrau, wenn Sie glauben, daß
die kleine Kröte allein aus Sehnsucht nach Ihnen zurückkehrt, dann
sind Sie sehr auf dem Holzwege.«
»So?« versetzte sie etwas gereizt, »vielleicht sehnt sie sich ebenso
nach Ihnen.«
»Hm, hm,« brummte Onkel Heinz, »es kann auch sein, daß sie nach einer
dritten Person Heimweh hat.«
»Sie meinen Hans Reicher. Was hätte denn der damit zu schaffen? Er ist
ja nicht einmal hier.«
»Nein, aber er ist in F. doch leichter zu erreichen als in München.«
»Daran glaube ich nicht,« fuhr Ilse fort, ein bißchen gekränkt durch
den Zweifel daran, daß Irma heimkehren wolle, weil sie es nicht länger
ohne ihre Großmama aushalten konnte. »Was wissen Sie denn davon, Onkel
Heinz?«
»O nichts, gar nichts,« spottete der alte Herr. »Von Herzensangelegenheiten
versteh' ich ja nichts, Frau Ilse. Es wäre auch sehr dumm von mir, wenn
ich annehmen wollte, daß Sie ein bißchen neidisch sein würden, wenn Irma
nur zum Teil um Ihretwillen heimkehrte.«
»Gewiß wäre es das,« erwiderte Großmama gekränkt und doch beschämt,
weil er sie sofort durchschaut hatte. Als sie ihn aber anblickte und
hinter den Brillengläsern hervor seine alten, scharfen Augen mit einem
Ausdruck auf sich gerichtet sah, den sie nur zu gut kannte, machte ihr
Ärger einer edleren Aufwallung Platz, und sie reichte ihm die Hand.
»Sie haben recht, bester Freund. Wollte Gott, daß ihre Sehnsucht nach
Hans am größten ist!«
Ehrerbietig neigte sich der alte, schneidige Professor über
Großmutters schmale, weiße Hand und drückte seine Lippen darauf. --
Es wurde beschlossen, Irmas Ankunft der Familie Müller noch einige
Tage zu verheimlichen; auch Onkel Heinz hielt es für richtiger, daß
sie sich nicht gleich zeigte, und so geschah es, daß die alte Dame und
das junge Mädchen am ersten Abend ganz allein waren. Irma saß wieder
wie vor Zeiten Großmutter zu Füßen, barg ihr goldgelocktes Köpfchen in
deren Schoß und fragte wohl schon zum zehntenmal:
»Bist du nun aber auch wirklich nicht mehr böse auf mich,
Großmamachen? Jetzt begreife ich selbst nicht, wie ich so von dir
fortgehen konnte. Ist nun wirklich alles vergessen und vergeben?«
Ilse nahm das Köpfchen ihrer Enkelin zwischen ihre beiden Hände und
küßte sie so innig und herzlich, daß jede andere Antwort überflüssig
war. Dann schaute sie besorgt in das geliebte Antlitz. Es war nicht
weniger schön, aber ein leidender Ausdruck lag um den kindlichen Mund,
und die Vergißmeinnichtaugen blickten trübe.
»Siehst du nun ein, Kindchen, daß ich nicht anders handeln durfte?«
fragte sie sanft.
Irma nickte.
»Und daß ich dich vor einem großen Unglück bewahrte, indem ich dich
hinderte, einen Mann zu heiraten, den du nicht liebtest?«
Irma erwiderte nichts und schaute nachdenklich vor sich hin.
»Siehst du auch ein,« fuhr die Großmutter flüsternd fort, »daß Hans
Reicher viel zu gut dazu ist, nur aus Ärger und Trotz genommen zu
werden, und daß du im Begriff warst, ihm ein großes Unrecht zu tun?«
Wieder keine Antwort, und als Ilse sich tiefer herab beugte, sah sie,
daß Irma aus den blauen Augen große Tränen in den Schoß tropften.
»Kindchen,« sagte sie so leise, daß Irma es kaum verstand, »ist es
wirklich wahr, ist Hans Reicher dir nicht gleichgültig?«
Da schlang Irma die Arme um Großmutters Hals und stammelte
schluchzend:
»O, Großmama, ich weiß es nicht, aber ich glaube, ich habe ihn lieb.«
Und wie früher streichelte Ilse das blonde Köpfchen und ließ das
Mädchen sich nach Herzenslust ausweinen. Endlich hob Irma das Haupt
und schaute die alte Dame errötend, aber immer noch tief traurig an.
»Erzähle mir, Kindchen, wie das gekommen ist.«
»Wie kann ich das erzählen? Weiß ich's doch selbst nicht. Nach dem
Abend bei Onkel Heinz war ich wütend auf Hans, ich glaubte ihn zu
hassen und wurde krank vor Ärger und Scham. Nach überstandener
Krankheit war ich noch immer schrecklich böse auf ihn, aber ich
glaube, im Stillen hoffte ich doch auf einen Brief, in dem er seine
harten Worte zurücknehmen und mich bitten würde, seine Frau zu werden.
Aber ich hörte nichts von ihm, wollte auch nicht an ihn denken und
sagte mir wohl hundertmal an einem Tage, daß ich gar nichts von ihm
wissen wolle und ihm einen Korb geben würde, wenn er um mich anhielte.
»Und doch mußte ich immerfort an ihn denken. Du weißt, anfangs ging
ich in München oft aus und kam mit vielen jungen Herrn zusammen. Du
darfst nicht denken, daß ich mir etwas darauf einbilde, und mich nicht
für eitel halten, aber sie liefen mir alle nach und machten mir den
Hof. O Großmama, ich fand sie sämtlich unausstehlich mit ihrem
albernen Geschwätz und ihren faden Artigkeiten. So war Hans nie. Er
unterhielt sich ganz schlicht und herzlich und ließ doch
durchschimmern, daß er mich gern hatte. Wenn diese Modegecken mit
ihren pomadisierten Schnurrbärten und ihren weibischen Gesichtern auf
mich einredeten, sah ich in Gedanken Hans vor mir mit seinen breiten
Schultern, seinem klugen Gesicht und seiner tiefen Stimme; wenn sie
mir hundert alberne Schmeicheleien sagten und die Fingerspitzen
küßten, dachte ich an Hans, der mir die Hand so kräftig drückte, daß
es weh tat -- und, o Großmama, selbst an Hochstein, der doch ein
schöner Mann und kein Geck war, fand ich, mit Hans verglichen, keinen
Gefallen mehr. Immer mußte ich an ihn denken, und nie hörte ich von
ihm; da konnte ich's endlich in München nicht mehr aushalten, ich
sehnte mich so sehr nach dir, und hier werde ich doch vielleicht etwas
von ihm hören. Das Geschehene tut mir ja furchtbar leid, und ich
bereue es aufs tiefste.«
Und aufs neue verbarg Irma ihr Gesichtchen und weinte bitterlich.
»Aber Kindchen,« sagte die Großmutter, deren Augen leuchteten und die
trotz Irmas Tränen sehr glücklich war, »dann brauchst du doch nicht so
zu weinen, dann kann ja alles noch gut werden.«
»Nein, nie, niemals, ich habe alles verspielt.«
»Warum? Wirklich, Kind, ich möchte dir keine Hoffnung machen, wenn ich
dächte, daß später wieder eine neue Enttäuschung folgen könnte, aber
ich weiß es ganz gewiß, daß Hans Reicher dich noch immer liebt.«
»Das kann schon sein, aber du weißt nicht, was er mir an jenem
schrecklichen Abend gesagt hat.«
»War das so arg?« fragte Ilse nun doch beunruhigt. »Kannst du mir's
nicht erzählen?«
Sehr langsam, als koste es sie große Mühe, kam es von Irmas Lippen:
»Großmama, er hat mir an dem Abend gesagt, daß ich eine oberflächliche
Kokette sei, daß er mich nicht zum Weibe nehmen würde, und wenn ich
ihn auf den Knien darum anflehte. Nur wenn ich einsähe, wie tief ich
ihn gekränkt habe, und aus eigenem Antrieb zu ihm käme, um ihm zu
sagen, daß ich ihn über alles liebe und mir ohne ihn kein Glück denken
könne, würde er mir verzeihen und mir die Hand reichen.«
»Nun?« fragte Frau Gontrau, als Irma schwieg.
»Was meinst du?«
»Na, du siehst es doch nun ein, daß du ihn über alles lieb hast.«
»Aber Großmama,« rief Irma, »du kannst doch nicht denken, daß ich ihm
das sagen würde, daß ich mich so erniedrigen könnte?«
»Natürlich denke ich das und sehe gar nichts Erniedrigendes darin.«
Irma trocknete ihre Tränen. »Nie werde ich einen Mann bitten, mich zum
Weibe zu nehmen. Was Hans von mir fordert, ist unmöglich. Kommt er
wieder und macht mir einen Antrag, so werde ich 'ja' sagen, der Himmel
weiß, mit welcher Freude! Aber er muß zu mir kommen.«
»So weit ich ihn kenne, wird er das nie tun, Irma.«
»Nein, Großmama, daher habe ich auch keine Hoffnung mehr auf künftiges
Glück.«
Es herrschte Schweigen. Gedankenvoll schaute Ilse ins Feuer und
überlegte, wie sie die Kleine am besten von ihrem Unrecht überzeugen
könne. Endlich nahm sie ernst das Wort:
»Mein Liebling, der Kummer, den Baron von Hochstein dir bereitete, hat
seine gute Seite gehabt, denn er hat dich viel verständiger gemacht
und dir die Augen für die wahren Verdienste eines Mannes geöffnet.
Trotzdem war die Lehre noch nicht stark genug, dich von deinem größten
Fehler zu heilen.«
»Und der wäre, Großmama?«
»Deine Eitelkeit, Irma.«
»Was die damit zu schaffen hat, verstehe ich nicht.«
»Deine Eitelkeit verbietet dir, einfach zu Hans zu gehen und ihm zu
gestehen, daß du unrecht gehabt hast. Du hältst es für ein viel
anziehenderes Bild, ihn zu deinen Füßen zu sehen, als dich zu den
seinigen.«
Irma wurde dunkelrot. Sie fühlte, daß die Großmama den Nagel auf den
Kopf traf.
»Du bist doch zu mir gekommen und hast mich um Verzeihung gebeten, und
dasselbe willst du nicht für _den_ Mann tun, den du doch so unendlich
viel mehr lieben mußt als mich!«
»Das ist ganz etwas anderes, Großmama.«
»Im Grunde ist es dasselbe, Kind. Glaube mir doch, wir erniedrigen
uns nie, wenn wir unser Unrecht eingestehen, wem es auch sei, am
wenigsten aber gegenüber einem, der uns lieb hat. Ich hab's erfahren,
als ich so alt war, wie du jetzt bist, und während meines ganzen
späteren Lebens habe ich den Augenblick gesegnet, da ich demütig und
reuevoll vor deinem Großvater stand.«
Und als Irma sie fragend ansah, erzählte Ilse die Geschichte ihres
trotzigen Benehmens gegen Leo, wie darauf der Bruch erfolgte und das
Schuldbewußtsein sie dazu brachte, seine Verzeihung zu erbitten.
»Aber das war doch nicht so arg,« flüsterte das junge Mädchen, als die
alte Frau schwieg. »Denk' doch nur, ich habe einen Nichtswürdigen
geliebt, und um mich an diesem zu rächen, Hans opfern wollen
meiner ....«
»Deiner Eitelkeit,« vollendete Ilse. »Aber gerade weil dein Vergehen
vielleicht größer war, Kindchen, mußt du auch die schwere Strafe
erleiden, das ist nicht mehr wie recht und billig.«
Irma erwiderte nichts, und auch Ilse hielt es für klüger, den
Gegenstand vorläufig ruhen zu lassen. --
Am folgenden Tage kamen Müllers und Onkel Heinz, die Heimgekehrte zu
begrüßen. Alle freuten sich, sie wiederzusehen. Agnes, die nach Mauds
Abreise ihre Einsamkeit oft schwer empfunden hatte, zeigte sich
ausgelassen fröhlich, und bald fühlte Irma sich in ihrer altgewohnten
Umgebung wieder ganz heimisch. Mit der Zeit merkten alle, daß mit dem
jungen Mädchen eine große Veränderung vorgegangen war, und zwar eine
sehr vorteilhafte.
Die früher von allen verhätschelte und bewunderte kleine Person, die
nur an sich, nie an andere dachte, fing an, freundliche Rücksicht auf
ihre Umgebung zu nehmen. Sie konnte jetzt stundenlang mit Onkel Heinz
am Schachbrett sitzen und bemühte sich gut zu spielen, während sie
früher oft mit Absicht schlecht gespielt hatte, um rasch die Partie zu
verlieren und erlöst zu sein.
Tagelang blieb sie still bei Großmutter zu Hause und verfertigte mit
ihr allerhand niedliche Sächelchen für Flora, die zum Winter ein
Kindchen erwartete. Wenn sie jetzt auf einige Tage nach I. ging,
wurden keine tollen Streiche ausgeführt, wie bei ihrem ersten Besuche,
sondern sie half getreulich der jungen Hausfrau und hörte freundlich
und aufmerksam zu, wenn Flora immer wieder über das eine sprach, das
sie ganz erfüllte, nämlich über das große, herrliche Glück, welches
sie erwartete.
Was ihr aber wohl die größte Selbstüberwindung kostete -- Irma ging zu
Tante Elisabeth Müller, mit der sie seit jenem Besuch bei der Großmama
kaum ein Wort gewechselt hatte. Sie ging allein, brachte einige
Stunden bei der alten Dame zu und erzählte so hübsch und angeregt von
München und war so liebenswürdig und aufmerksam, daß die Tante sie
wiederholt aufforderte, doch ja bald wieder zu kommen. Später erklärte
Fräulein Müller der Großmama, daß Irma ganz anders geworden sei, kaum
zum Wiedererkennen. Tante Elisabeth schrieb diese vorteilhafte
Veränderung ein klein wenig auch ihrer eigenen Einmischung zu und tat
sich viel darauf zu gute. Großmutter Gontrau fand es klug, sie bei
ihrem Wahn zu lassen und hütete sich, der alten Jungfer zu
widersprechen; dadurch und durch Irmas Freundlichkeit wurde Tante
Elisabeth nach und nach etwas zugänglicher, so daß sich auch bei ihr
eine Veränderung zum Guten bemerkbar machte.
Doch trotz all ihrer anscheinend ruhigen Heiterkeit blieben Irmas
Wangen blaß, und die schönen Augen blitzten nicht so lebenslustig wie
früher. Oft schauten Onkel Heinz und seine alte Freundin sich fragend
und kopfschüttelnd an, und beständig kämpfte der Professor mit dem
Wunsch, auf seine Manier dem Hangen und Bangen ein Ende zu machen und
die beiden Liebenden mit Gewalt einander in die Arme zu führen. Es
fiel ihm sehr schwer, dem Rat Ilses zu folgen, welche der Ansicht war,
daß Übereilung wieder alles verderben könnte, und ihn deshalb bat,
sich mit Geduld zu waffnen.
Es war nun völlig Herbst geworden. Auf den Gartenwegen raschelte das
welke Laub, das vom Winde in tollem Tanz umhergewirbelt wurde, und
noch immer schaute Ilse ihre Enkelin fragend an, und noch immer
schüttelte diese niedergeschlagen das blonde Köpfchen. Endlich eines
Morgens, als der Regen an die Scheiben klatschte und alles kalt und
winterlich aussah, kam Irma zur Großmutter, die in ihrem Zimmer am
Schreibtisch saß und mit dem Ordnen von Briefen und Rechnungen
beschäftigt war.
»Großmama, ich möchte schreiben, aber ich weiß nicht was,« sagte sie.
»Ist das so schwer, Kindchen?« fragte die alte Dame, indem sie ihre
freudige Überraschung hinter einer ruhigen Miene zu verbergen suchte.
»Ich habe wohl schon zwanzig Briefe geschrieben und sie immer wieder
zerrissen. Ich bringe es nicht fertig.«
»Komm, setze dich hierher und versuche es noch einmal, Liebling. Ein
paar Worte genügen.«
Das Mädchen ergriff die Feder. Ilse tat, als bemerke sie nicht, daß
schon wieder mehrere Briefbogen in den Papierkorb wanderten.
Endlich sah sie, wie Irmas Hand rasch und erregt über das Papier
glitt, und einen Augenblick später stand das Kind neben ihr.
»Lies, was ich geschrieben habe, Großmama, aber es wird nichts
helfen.«
Ilse las:
»Hans, ich bin schon seit Wochen aus München zurück. Ich empfinde
solch bittere Reue und sehne mich so nach Ihnen; wollen Sie kommen zu
Ihrer Irma.«
»Ausgezeichnet,« rief die Großmama. »Nun rasch den Umschlag
geschlossen und den Brief abgeschickt. Morgen kommt er.«
»Nein, nein, er wird nicht kommen. Es steht nichts von 'um Verzeihung
bitten' drin.«
»Dummes Kindchen, das kannst du ja mündlich tun. Flink, hier ist eine
Marke, schreibe du unterdessen die Adresse.« Und schon klingelte Ilse
nach dem Mädchen, das den Brief auf die Post bringen sollte.
In der Nacht schlief Irma nicht, und am nächsten Tage war sie so
aufgeregt, daß die Großmama sich um sie sorgte. Den einen Augenblick
war sie zufrieden mit dem, was sie getan hatte, und erging sich mit
der alten Dame in allerhand herrlichen Vorstellungen, wie schön sich
ihr Leben an Hans Reichers Seite gestalten würde. Dann wieder war sie
unglücklich, zweifelte an seinem Kommen und klagte, daß die Großmama
sie zu dieser furchtbaren Demütigung gezwungen habe. Wenn Hans auf
ihren Ruf taub bliebe, würde sie das nicht überleben. Je mehr der Tag
sich seinem Ende näherte, desto stiller und ängstlicher wurde sie. Sie
saß da mit ganz blassem Gesichtchen und starrte mit unnatürlich großen
Augen vor sich hin; so oft es klingelte, sprang sie erschreckt auf, so
daß Ilse herzliches Mitleid mit ihr fühlte.
Es dunkelte schon, die Vorhänge waren zugezogen und das Gas
angezündet, da wurde heftig die Glocke gezogen, und bei der
Totenstille im Hause vernahm man deutlich eine tiefe, wohllautende
Männerstimme. Zitternd umklammerten Irmas eiskalte Hände den Arm der
Großmutter.
Das Mädchen kam herein und meldete Herrn Reicher.
»Lassen Sie den Herrn eintreten,« sagte Ilse und stand auf.
»Nicht fortgehen, Großmama,« stammelte Irma mit weißen Lippen, »nicht
fortgehen, mir ist so angst.«
Aber Ilse gab ihr einen ermutigenden Kuß und entfernte sich so schnell
sie konnte durch die Seitentüre. Gerade als sie verschwand, stand Hans
Reicher auf der Schwelle.
Irma wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Zitternd blieb sie am Tische
stehen, ihr Gesichtchen in den Händen verborgen.
Da nannte er ihren Namen, und sie schaute empor.
Sein Antlitz war bleich und schmal geworden. Daß er viel gelitten
hatte, sah sie auf den ersten Blick. Nun aber strahlte er und streckte
in so grenzenlosem Sehnen die Arme nach ihr aus, daß sie alle Scheu
vergaß und sich hinein stürzte.
Er drückte sie fest ans Herz, küßte sie auf die Lippen, die Augen, die
Wangen, bedeckte das ganze süße Gesichtchen mit leidenschaftlichen,
feurigen und doch sanften, zärtlichen Küssen. Und bebend vor Glück
wiederholte er immer wieder:
»Irma, Liebling, ist es wahr? Ist es wahrhaftig wahr? Liebst du mich?«
Sie konnte nicht antworten, weinend lag sie in seinen Armen, und er
sprach ihr mit leisen, liebevollen Worten zu.
Endlich wurde sie ruhiger, sie hob das Köpfchen, sah ihn durch ihre
Freudentränen glücklich an und flüsterte:
»Hans, willst du mir wirklich verzeihen? Willst du mich wirklich zur
Frau haben?«
Und aufs neue umschlangen sie seine starken Arme, während er nur zu
stammeln vermochte:
»O, mein Liebling! O, Geliebte meiner Seele!«
* * * * *
Meine Geschichte nähert sich ihrem Ende. Wohl könnte ich euch, liebe
Leserinnen, noch von der Doppelhochzeit erzählen, die ein halbes Jahr
später stattfand; könnte schildern, wie Agnes und Irma mit den beiden
Brüdern Reicher an dem gleichen Tage in den heiligen Stand der Ehe
traten. Großartige Feste wurden bei dieser Gelegenheit gefeiert. Onkel
Heinz überreichte den beiden Bräuten als Hochzeitsgeschenk einen
blitzenden Juwelenschmuck. Er gab ihnen zu Ehren ein glänzendes
Abendessen und brachte die launigsten Toaste aus, nicht nur auf die
beiden jungen Paare, sondern auch -- auf Fräulein Elisabeth Müller,
die in einem neuen schwarzseidenen Kleide neben ihm saß, mit einem
heiteren, zufriedenen Ausdruck auf dem alten, faltigen Antlitz, der
sie hübscher machte, als sie je in ihrer Jugend gewesen war.
Ferner könnte ich berichten, wie Maud nach einigen Jahren auf kurze
Zeit mit Mann und Kind aus San Franzisko herüberkam, und wie stolz sie
auf ihren »=boy=« war, der in jedem Zuge seines klugen Gesichtchens
eine sprechende Ähnlichkeit mit John zeigte. Ich könnte euch erzählen
-- und sehe schon euer ungläubiges Kopfschütteln -- wie Gustavs und
Floras Töchterchen im Alter von drei Jahren, Tränen in den Augen, auf
ihres Vaters Klavierspiel lauschte; wie es, vierjährig, alle Melodien,
die es hörte, nachspielte, und im sechsten Lebensjahr bereits kleine
Stückchen komponierte. Ich könnte euch Irma als glückliche Gattin und
Mutter beschreiben, als treue Gehilfin ihres Mannes und Mitverwalterin
seiner ausgedehnten Landgüter. Ich könnte euch eine Schilderung von
dem großen Familienfest geben, das sie und Hans alle Jahre
veranstalten, das mehrere Tage dauert und zu dem alle Familienglieder,
die es nur irgend möglich machen können, erscheinen. Die Herren
vertreiben sich die Zeit mit Fischfang und Jagd, die Damen fahren
spazieren und die Kinder tun sich gütlich an Obst, Butter und Sahne,
Eiern und andern Herrlichkeiten. Ich könnte euch zeigen, wie Ilse sich
an dem Glück ihrer Enkelkinder freute, und mit welch seligem
Dankesgefühl sie ihre Urenkelchen in die Arme schloß. Ich könnte euch
Professor Fuchs vorführen, der die Achtzig überschritten hat, von
immer häufiger wiederkehrenden Gichtanfällen geplagt, doch ein
forscher, alter Herr blieb, stets geneigt zu widersprechen, heftig zu
werden und sich über Dinge zu erhitzen, die ihn nichts angingen.
Das alles aber will ich lieber eurer Einbildungskraft überlassen und
nur noch von einem einzigen Bilde den Vorhang wegziehen, von dem ich
sicher bin, daß es alle diejenigen rühren und ergreifen wird, die Ilse
als Kind, als jung verlobte Braut, als Ehefrau und endlich als
Großmutter gekannt haben.
* * * * *
Es war ein schöner Sommerabend. Die Sonne war im Untergehen, Gold- und
Purpurstreifen färbten den Abendhimmel. In der Villa Ilse Gontraus
waren die Fenster weit geöffnet, von allen Seiten strömte die reine
Luft herein, aber im Hause herrschte eine eigentümliche, schwere
Stille. Lautlos ging die Dienerschaft hin und her, mit ernsten
Gesichtern, behutsam jede Tür hinter sich schließend, jedes Geräusch
vermeidend. Im Wohnzimmer waren Ruth von Holten, Marianne Müller,
Irma, Agnes und Flora versammelt. Sie flüsterten leise, mit
feuchtschimmernden Augen. Die Kleinen waren zur Stille ermahnt worden
und hatten versprochen sehr brav zu sein; sie wußten, Großmama war
krank und konnte keinen Lärm vertragen -- nur gute Nacht wollten sie
ihr noch sagen. Sie hatten gehört, daß Großmama sterben würde, aber
sie fürchteten sich nicht. Irma brachte sie an Frau Gontraus Bett.
Leise flüsterte ein süßes Kinderstimmchen nach dem andern: »Gute Nacht
Omama!«
Die alte Dame mit dem weißen, abgezehrten Antlitz vermochte nicht mehr
zu sprechen, aber sie lächelte noch matt und bewegte die Hand wie zum
Gruße. Nun waren die Kleinen verschwunden, und ihre Eltern umstanden
das Sterbebett.
Kein heftiger Schmerz, nur eine stille Wehmut erfüllte alle Herzen.
Großmutter Ilse war eigentlich nicht krank gewesen, ihre Kräfte hatten
in den letzten Jahren ganz allmählich abgenommen, aber ob auch der
Körper versagte, ihr Geist blieb klar, und sie war dankbar, daß nun
ohne viel Schmerzen das Ende nahte. Sie wußte, daß sie sterben würde,
und sah dem Tod mit großer Ruhe entgegen. Vor wenigen Tagen hatte sie
Ruth, welche sie pflegte, gebeten, alle ihre Lieben noch einmal an ihr
Lager zu rufen, und zärtlich und heiter ihren Enkeln und Urenkeln
zugenickt. Sie hatte dabei geäußert, wie dankbar sie sich des Glückes
ihrer Kinder freue, und sie gebeten, nicht um sie zu trauern, denn es
sei nichts Betrübendes, wenn eine alte Frau, deren Leben ein so
überreich gesegnetes gewesen, zur ewigen Ruhe einginge, umgeben von
allen, die ihr teuer waren. --
Es schien jetzt, als ob sie schlummerte, so friedlich und still lag
sie in den Kissen, ihr Atem aber ging schwächer und schwächer. Durch
die offenen Fenster des Sterbezimmers warf die untergehende Sonne ihre
letzten Strahlen und überhauchte das weiße Antlitz noch einmal mit
warmer Glut. Großmutters Lippen bewegten sich leise, die dunklen
Augen öffneten sich und richteten sich auf alle, die um ihr Lager
standen, sie erkannte sie und lächelte. Es war, als ob sie noch etwas
sagen wollte, aber sie vermochte es nicht; da blieb ihr brechender
Blick auf einer Gestalt im Hintergrunde haften, die sich halb
verborgen hielt, als gehörte sie nicht in den Kreis der Kinder. Ilse
winkte mit der Hand, und Onkel Heinz näherte sich dem Bett, während
die andern ihm liebevoll Platz machten.
Und das alte, ach so alte Antlitz des Greises wurde auch vom Abendrot
beleuchtet, und in seinen erloschenen Augen schimmerte ein Glanz, als
er sich über die Sterbende neigte, und ihre kalten Finger den Druck
seiner welken Hand noch für eine Sekunde erwiderten.
Eine große feierliche Stille herrschte in dem Gemach, in das der Tod
eingetreten war. Niemand wagte zu sprechen. Endlich, als die letzte
Glut am Himmel verglomm, näherte Ruth sich dem Sterbebett und löste
die Hand des alten Mannes aus der Hand der Toten.
»Komm, Onkel Heinz,« bat sie sanft.
Mit einem Lächeln auf den Lippen schaute er sie an. Dann strich er
ehrerbietig und leise über die Stirn der toten Freundin und flüsterte:
»Ich folge Ihnen bald, Frau Ilse.«
Und so geschah es auch.
* * * * *
[ Im folgenden sind die Änderungen am Originaltext aufgeführt.
Unter der Beschreibung der Änderung steht jeweils zuerst die
Textstelle im Original, dann die geänderte Textstelle.
Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:
wirklich nicht beurteilen.
wirklich nicht beurteilen.«
Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:
Maud lachte. Wir kannten niemand; Tante Ruth hat, glaube ich, an
Maud lachte. »Wir kannten niemand; Tante Ruth hat, glaube ich, an
Fehlendes Komma ergänzt:
»Aber Kinder,« fragte Ilse »habt ihr in Paris denn nie eine
»Aber Kinder,« fragte Ilse, »habt ihr in Paris denn nie eine
Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:
praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacher
Arbeiter.
praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacher
Arbeiter.«
Überflüssiges Anführungszeichen gelöscht:
»Nein,« Onkel Heinz weiß es nicht,« erklärte Ilse bestimmt, dem
»Nein, Onkel Heinz weiß es nicht,« erklärte Ilse bestimmt, dem
»ihre« geändert zu »Ihre«:
sind ihre Nichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.«
sind Ihre Nichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.«
»nud« geändert zu »und«:
Ordnung befand, mußten Ilse nud Irma doch gestehen, daß es sehr nett
Ordnung befand, mußten Ilse und Irma doch gestehen, daß es sehr nett
Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:
sie den Stich nicht verstanden; eine geistig hochstehende Frau kann
sie den Stich nicht verstanden; »eine geistig hochstehende Frau kann
Komma richtig platziert:
kommen. Die Kinder erhoben Einsprache dagegen ,und Onkel Heinz
kommen. Die Kinder erhoben Einsprache dagegen, und Onkel Heinz
»sie« geändert zu »Sie«:
geliebt,« scherzte der Professor. »Ich erinnere mich noch, daß sie uns
geliebt,« scherzte der Professor. »Ich erinnere mich noch, daß Sie uns
»so' ner« geändert zu »so 'ner«:
von so' ner Aussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genau
von so 'ner Aussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genau
»teil« geändert zu »Teil«:
gewaltigen Massen stürzte das Wasser in die Tiefe, zum teil über einen
gewaltigen Massen stürzte das Wasser in die Tiefe, zum Teil über einen
»La France-Rosn« geändert zu »La France-Rosen«:
ihr zwei prachtvolle La France-Rosn.
ihr zwei prachtvolle La France-Rosen.
Fehlendes »zu« ergänzt:
zu ärgern, sondern sich bemühen, durch eigene Verdienste das zu
zu ärgern, sondern sich zu bemühen, durch eigene Verdienste das zu
Fehlenden Punkt ergänzt:
Alle jubelten und lachten »Georg, er soll leben!« schallte es hell
Alle jubelten und lachten. »Georg, er soll leben!« schallte es hell
»konnten« geändert zu »konnte«:
übertriebenen Ausdrücke und poetischen Sentimentalitäten ihr verzeihen
konnten.
übertriebenen Ausdrücke und poetischen Sentimentalitäten ihr verzeihen
konnte.
»verzweifelsten« geändert zu »verzweifeltsten«:
augenscheinlich die verzweifelsten Anstrengungen machte, das Feuer
augenscheinlich die verzweifeltsten Anstrengungen machte, das Feuer
Fehlenden Punkt ergänzt:
ging willig fort, mit dem Versprechen, nichts zu vergessen
ging willig fort, mit dem Versprechen, nichts zu vergessen.
»beiligte« geändert zu »beteiligte«:
Vorschein. Ein jeder beiligte sich beim Bedienen, schnitt vor oder
Vorschein. Ein jeder beteiligte sich beim Bedienen, schnitt vor oder
»!« geändert zu »:«:
Das Mädchen trat ein und meldete! »Fräulein Elisabeth Müller wünscht
Das Mädchen trat ein und meldete: »Fräulein Elisabeth Müller wünscht
Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:
dürfen wir nicht vergessen.
dürfen wir nicht vergessen.«
Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:
nicht zu unsren Amerikanern.
nicht zu unsren Amerikanern.«
»sie« geändert zu »Sie«:
»Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, daß sie ein
»Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, daß Sie ein
Fehlendes Komma ergänzt:
»Ich bin betrübt Kindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest.
»Ich bin betrübt, Kindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest.
Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:
dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmen würden.
dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmen würden.«
»im« geändert zu »in«:
ihr eine geheime Stimme im ihrem Innern, daß ihre Eltern der Großmama
ihr eine geheime Stimme in ihrem Innern, daß ihre Eltern der Großmama
Fehlendes Komma ergänzt:
gälte es die wichtigsten Dinge über eine hübsche Bluse oder einen
gälte es die wichtigsten Dinge, über eine hübsche Bluse oder einen
»Keise« geändert zu »Kreise«:
Erstaunen, als er plötzlich eines Abends in ihrem Keise erschien. Er
Erstaunen, als er plötzlich eines Abends in ihrem Kreise erschien. Er
Komma am Zeilenende als Trennzeichen interpretiert, somit
»Teil, nahme« geändert in »Teilnahme«:
freundlich mit ihm, bewies plötzlich so viel Teil,
nahme an allem, was
freundlich mit ihm, bewies plötzlich so viel Teilnahme an allem, was
Fehlendes Anführungszeichen ergänzt:
Bisher habe ich mich noch nie danach gesehnt. Ich fühlte mich in
»Bisher habe ich mich noch nie danach gesehnt. Ich fühlte mich in
Fehlenden Punkt ergänzt:
schon am folgenden Tage müsse er abreisen Ausrufe des Bedauerns, der
schon am folgenden Tage müsse er abreisen. Ausrufe des Bedauerns, der
»Hans« geändert zu »Otto«:
mir und Hans von Hochstein vorgefallen ist?«
mir und Otto von Hochstein vorgefallen ist?«
»herrliche« geändert zu »herrlichen«:
so kühl, enthielten außer einem Bericht über die herrliche
so kühl, enthielten außer einem Bericht über die herrlichen
Komma am Zeilenende als Trennzeichen interpretiert, somit »her, vor«
geändert in »hervor«:
hinter den Brillengläsern her,
vor seine alten, scharfen Augen mit einem
hinter den Brillengläsern hervor seine alten, scharfen Augen mit einem
]