Die Empfängerin dieses Kartengrußes fing wieder an zu wägen und zu
rechnen. Aber das wollte nicht mehr recht gehen. Das Blut sprach jetzt
mit. --
* * * * *
Es kam die Zeit der Roggenernte. Hermann hatte diese als Vorwand
genommen, um vor dem Manöver noch schnell ein paar Tage Urlaub
herauszuschlagen, der nachts um zwölf von Sonntag auf Montag ablief.
Aber schon gegen acht war er zurückgekehrt und schritt dem Bürgerpark
zu, wo er mit Leidchen ein Stelldichein verabredet hatte.
Sie trat ihm hastig mit der Frage entgegen: »Was haben deine Eltern
gesagt?«
»Aber Kind,« rief er, »was ist denn das für ein Empfang? Erst gibst du
mir mal die Hand, und dann einen Kuß ... So, und nun setzen wir uns
hier auf die Bank und bereden ruhig das Weitere.«
»Was sagen deine Eltern?« wiederholte sie, als sie sich niedergelassen
hatten.
Er räusperte verlegen und legte den Arm um sie: »Hm, Leidchen, ich
hab's ihnen diesmal doch noch nicht sagen können.«
»Warum nicht?« rief sie im Tone bitterer Enttäuschung.
»Och ... mein Vater hatte gerade mal wieder seine schlimmen Tage, du
weißt ja Bescheid. Dann darf man ihm mit so wichtigen Sachen nicht
kommen.«
»Aber deine Mutter ...«
»Wenn der Vater das so kriegt, muß man sie auch schonen. Dann ist sie
viel zu nervös und aufgeregt.«
»Was soll denn aber nun werden?«
»Ob sie's acht Tage früher oder später erfahren, das kommt doch wohl
auf eins hinaus ... Ist Gerd bei dir gewesen?«
»Ja.«
»Und was sagt der?«
»Ich ... ich hab's ihm auch noch nicht sagen können.«
»Warum nicht?«
»Ach, er hatte keine rechte Zeit ... Und er ist auch ein so eigener
Mensch, man weiß nie, wie man mit ihm dran ist ... Und er hat mir ja
auch gar nichts zu sagen! Aber mit deinen Eltern ist das was anderes.
Oh, wenn du doch bloß mit ihnen gesprochen hättest! Ich hatte mich so
fest darauf verlassen.«
»Wirklich, bestes Kind, es ging nicht.«
»Mir ist manchmal so bange. Ich bin ja so über alle Maßen glücklich,
daß ich dich habe, aber dann packt mich auf einmal wieder die Angst.«
»Ach Deern, das sind bloß so Stimmungen!«
»Diese Nacht habe ich auch erst wieder geträumt. Ich hatte mich
verirrt, mitten im großen Tennstedter Moor, wo nichts zu sehen war
als Porst und Heide und schwarze Wasserlöcher, und stickdüster war's
auch noch. Da rief ich nach dir, laut und immer lauter, aber es kam
keine Antwort. Nur ein Heister flog über mir weg, und es klang gerade
so, als ob er mich auslachte. Davon wachte ich auf.«
»Uh, Deern, du könntest einen ja beinahe gruseln machen.«
»Wenn du doch bloß mit deinen Eltern gesprochen hättest! ... Hermann,
sag mir mal ehrlich und aufrichtig: glaubst du wirklich, daß sie mich
wollen, daß sie uns nichts in den Weg legen?«
»Leidchen, ich will ganz offen mit dir darüber sprechen. Ich hab'
mich diese letzten Jahre mit Vater nicht gut gestanden. Wenn Mutter
mir nicht immer was von ihrem Zugebrachten, wovon sie einen Teil für
sich behalten hat, zugesteckt hätte, wär's mir böse gegangen. Vor
einem Vierteljahr wußte ich noch nicht, ob ich diesen Herbst nach
Hause wollte oder mir lieber in der Fremde mein eigen Brot verdienen
sollte. Aber ich habe nun zu Hause noch wieder gesehen: es geht nicht
so weiter, sie werden ohne mich nicht länger fertig. Vater paßt nicht
ordentlich mehr auf, und auf den Gesellen ist auch kein rechter
Verlaß. Es sind wieder mehrere alte Kunden abgesprungen. Da hilft
alles nichts, ich muß hin und tüchtig zupacken, daß ich den Karren
wieder aus dem Dreck herauskriege. Und ich habe jetzt auch guten Mut
dazu. Und weißt du warum? -- Weil du mir helfen willst, Leidchen.
Sieh, damals, als wir uns hier im Bürgerpark trafen, dachte ich: das
ist 'ne lüttje nette Deern, mit der kannst du mal'n bißchen vergnügt
sein. Und heute weiß ich, daß du vielmehr als das, daß du mein guter
Engel bist, und wenn es überhaupt eine gibt, die mit meinen beiden
Alten auskommt, dann bist du das. Du hast so was Liebes und Fröhliches
in deinem Wesen, ich glaube, der böseste Mensch kann dir auf die
Dauer nicht böse sein ... Meine Mutter hat ihre hohe Herkunft nicht
vergessen können und Vater nicht immer richtig behandelt. Aber ich
glaube, wenn eine so fein sanft und still um ihn herum wäre, müßte
ganz gut mit ihm zu leben sein. Denn das mit dem Trinken kriegt er
nur zeitweise, und fast immer, wenn er mit Mutter etwas gehabt hat.
Leidchen, ich möchte glauben, es dauert nicht lange, so wickelst du
ihn um den Finger und hast meine Mutter unter dem Pantoffel ... Wenn
wir dich da nur erst hineinhaben! ...«
»Ja, das ist es ja man gerade! ...«
»Ja, das wird noch einen harten Kampf kosten ... Und wir müssen es
am Ende machen wie so viele, und sie zwingen. Du brauchst davor gar
nicht so zu erschrecken. Wenn zu jeder Heirat erst Väter, Mütter,
Brüder und Gevattern ihren Segen geben müßten, kämen wohl nicht ganz
viele zustande. Nein, da steh ich auf einem anderen Standpunkt. Wenn
zwei Menschen sich so lieb haben, wie wir beide uns haben, ist es eine
Sünde, wenn einer sich zwischen sie stellt, und wenn die Menschen
ihnen das nicht geben wollen, was ihnen nach dem Recht der Natur
gehört, dürfen sie sich's auch so nehmen.«
»Aber ... du hast ja noch gar nicht ... mit deinen Eltern gesprochen.«
»Das weiß ich schon so, freiwillig lassen sie sich doch auf nichts
ein.«
»Hermann, wenn du mir das doch gleich im Anfang gesagt hättest, daß
dein Vater und Mutter so sind! ... Oh, hätte ich doch wenigstens mit
meinem Bruder gesprochen!«
»Den alten Drögepeter laß man lieber aus dem Spiel. Wenn's auf den
ankäme, müßtest du barmherzige Schwester werden.«
»Das ist nicht wahr! Er hat sogar schon einen Freiersmann für mich.«
»So--o? Wohl seinen Schulmeister? ... Hahaha, das sieht ihm ähnlich.«
»Dabei ist ganz und gar nichts zu lachen.«
»Nee, gewiß nicht. Die Herren Lehrer sind heutzutage obenauf. Wo
in einem Dorf 'ne feine Deern ist, da kommt sicher einer von der
Zunft und schnappt sie weg, und wir dummen Bauernjungens haben das
Nachsehen. Leidchen, ich gratulier' dir von Herzen. Einmal eins ist
eins, zweimal zwei ist vier.«
»Hermann ...«
»Ich bin deinem Herrn Lehrer heute morgen noch begegnet. Er hatte sein
Gesangbuch unterm Arm und pilgerte zur Kirche. Ein bißchen käsig ist
er ja, aber sonst ganz schmuck.«
»Hör' auf, Mensch! Oder ich steh sofort auf und gehe nach Hause.«
»Aber, Kind, so geh doch! Wer hält dich denn? Kuck, ich hab' dich
schon losgelassen. Bist du noch nicht weg?«
»Hermann ... Du bist ein schrecklicher Mensch ... Ich weiß wirklich
nicht mehr, was ich von dir denken soll.«
»Denn will ich es dir sagen, mein' Deern. Ich bin rasend eifersüchtig,
ich könnte diesen Timmermann durchprügeln, bloß weil Gerd dich ihm
zugedacht hat, ich möchte ...«
In diesem Augenblick gingen zwei Unteroffiziere vorüber, von denen der
jüngere den Gefreiten scharf ansah. Dieser erhob sich und nahm die
vorgeschriebene Haltung ein.
Kaum hatte er sich wieder hingesetzt, als schon wieder Uniformknöpfe
die Allee daher schimmerten.
»Die Kerls haben hier herum wohl einen Kommers oder was Ähnliches,«
sagte er ärgerlich, »komm, Leidchen, wir müssen uns einen stilleren
Platz aussuchen.«
Er war schon aufgestanden, sie erhob sich jetzt auch und sagte hastig:
»Wir haben morgen große Wäsche, ich möchte gern früher nach Hause.«
Mit dem Fuß auf den Kies stampfend, flüsterte er leidenschaftlich,
indem die Worte sich jagten und überstürzten: »Da kann man sehn, wie
lieb du einen hast. Deinetwegen komme ich so früh zurück, und nun läßt
du mich hier mit meinem Urlaub sitzen! Gut! Komm, ich bring' dich nach
Hause, aber den Hauptweg da geh' ich nicht, ich will nicht all den
Leuteschindern in den Hals laufen, komm schnell, sonst muß ich erst
wieder stramm stehen.«
Er legte den Arm um sie und zog die widerstrebende mit sich auf einen
Seitenweg, der von der erleuchteten Allee in das nächtliche Parkdunkel
führte. --
Es war den ganzen Tag schwül und drückend gewesen, und eine Stunde
vor Mitternacht brach das Gewitter, das so lange in der Luft gelegen
hatte, mit großer Gewalt los. Schnell hatte der Bürgerpark bei den
ernster werdenden Anzeichen sich seiner Besucher entleert. Als der
Regen schon in dicken Strähnen zur Erde prasselte, eilten noch zwei
Menschen mit fliegender Hast der Stadt zu. Das Mädchen hielt mit ihrem
Begleiter nur mühsam Schritt, und jedesmal, wenn die feurige Lohe vom
Himmel fuhr und die Donner krachten, zuckte sie zusammen.
12.
Zum letzten Male präsentierte Gerd Rosenbrock so, wie der Herrgott ihn
geschaffen hatte, sich den Augen einer Königlichen Kommission, der ein
alter weißbärtiger General vorstand, und die Entscheidung lautete:
Ersatzreserve.
Er war sehr froh darüber. Hätten sie ihn im ersten oder zweiten Jahre
genommen, wär's ihm recht gewesen. Aber es würde ihm hart angekommen
sein, jetzt noch den bunten Rock anzuziehen, wo manche seiner
Altersgenossen ihn schon wieder ausgezogen hatten, und andere nahe
daran waren, es zu tun.
Die Zukunft lag nun also frei vor ihm, und er konnte Pläne machen.
Daß er bei seinem Halbbruder Jan auf keinen Fall länger als bis
nächste Ostern bleiben wollte, stand ihm seit Monaten fest. Den
alten Schlendrian, in dem hier die Wirtschaft auf der ganzen Linie
verharrte, hatte er gründlich satt.
Bei dem Mangel an ländlichen Arbeitskräften sprach es sich bald
herum, daß Gerd sich seinem Bruder nicht wieder vermietet hatte,
und es waren Stellbesitzer genug, die ihn gern genommen hätten. Man
bot ihm einen Lohn, wie er in Brunsode noch nicht bezahlt war. Aber
er wollte sich nicht vorschnell binden. Als jedoch eines Tages ein
Mann von der anderen Seite des Kirchspiels, der als tüchtiger und
vorwärts strebender Landwirt sich weithin eines guten Rufes erfreute,
angeradelt kam und hundert Taler Lohn bot, hätte er den Mietstaler
beinahe genommen. Erst im letzten Augenblick zuckte er die schon
ausgestreckte Hand zurück und bat sich vierzehn Tage Bedenkzeit aus.
Am Sonntag darauf fiel er zwei älteren Schulkameraden in die Hände,
die vor Jahren nach Bremen gezogen und dort Industriearbeiter geworden
waren. Sie setzten ihm hart zu, es wie sie zu machen und auch
landflüchtig zu werden. Mit großer Genauigkeit rechneten sie ihm vor,
was er bei seinem Knechtslohn und bei der Länge der Arbeitstage im
Moor für die Stunde bekäme, und stellten ihren Stundenlohn, der mehr
als das Doppelte betrug, dagegen. Das blieb nicht ohne Eindruck auf
Gerd; einen tieferen machte es aber noch, als sie ihm schilderten,
was alles in den Vereinen und Gewerkschaften für die Fortbildung
des Arbeiterstandes geschähe, durch reichhaltige Bibliotheken,
Vorträge, Diskussionsabende und dergleichen. Daß sie sich unumwunden
zur Sozialdemokratie bekannten, wunderte Gerd nicht wenig. Er hatte
bislang geglaubt, wenn einer zu dieser Partei gehöre, hielte er das
sorgfältig verborgen wie eine Sache, deren er sich im Grunde schämte.
Diese aber waren stolz auf ihre Zugehörigkeit zur »Umsturzpartei«
und sprachen hoffnungsvoll und begeistert von einer neuen herrlichen
Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die an Stelle der alten
verrotteten und überlebten treten und so etwas wie den Himmel auf die
Erde bringen würde. Gerd versuchte natürlich, ihnen Opposition zu
machen und sie eines besseren zu belehren. Aber da kam er schön an.
Die beiden waren ihm an Mundfertigkeit sowohl wie an Sachkunde weit
überlegen und drängten ihn Schritt um Schritt zurück, so daß er ihnen
zuletzt unter anderem halbwegs zugeben mußte, es ginge am Ende auch
ohne einen Kaiser und König. Gerd erinnerte sich nicht, daß jene in
der Schule, die sie vier oder fünf Jahre vor ihm verlassen hatten,
sich irgendwie hervorgetan hätten. Die ihm so peinlich fühlbare
Überlegenheit mußte also die Stadt ihnen gegeben haben.
Ja, wie wär's denn, wenn auch er dem Moor den Rücken kehrte und in die
Stadt ginge, wie jene und wie so viele aus den Moordörfern?
Was bot ihm denn sein Dorf?
Mit dem Jungvolk hatte er nur noch wenig Verbindung. Dessen Art und
Interessen paßten ihm ebensowenig wie jenem die seinen.
Die Männer quälten sich nach alter Weise so durch und waren froh,
wenn sie ihre Zinsen bezahlen konnten. Einige riefen im Kriegerverein
hurra, andere redeten im Klub »Junghannover« vom Recht, die meisten
kümmerten sich um nichts, was nicht unmittelbar mit Moor und Torf,
Kälbern und Schweinen zusammenhing. Einige Alte waren auch noch da,
die in jungen Jahren von Ludwig Harms einen Stoß bekommen hatten. Das
waren ganze Männer, vor denen man Respekt haben mußte, aber die Art
war im Aussterben. Das sah man an ihren Söhnen, die meist schon wieder
ganz anders waren, mochten sie äußerlich die Sitten ihrer Väter auch
noch aufrecht halten.
Blieb also eigentlich niemand als der Lehrer. Aber wie leicht konnte
der sich versetzen lassen! Er hatte schon öfter davon gesprochen. Und
wenn man sich auch ganz nett mit ihm verstand, eine Kluft zwischen
Schulmann und Bauernknecht blieb natürlich doch bestehen. Und gerade
der Verkehr mit jenem brachte ihm oft unangenehm zum Bewußtsein, wie
sehr er bereits dem Durchschnitt seiner Dorfgenossen entfremdet war.
So überlegte er in bitterer Stimmung, die leicht ungerecht macht, hin
und her, und mehrmals faßte er den Entschluß, in Bremen Arbeit und
Anschluß an strebsame Menschen zu suchen und zu sehen, was noch aus
ihm werden könnte. Aber dann wurde er doch immer wieder wankelmütig
und wußte nirgends recht mit sich hin.
So wurde es wieder Sonntag, und am Abend stakte er sein Schiff mit
Erstlingstorf die Hamme hinunter. Den Tag über war es sehr schwül
gewesen, und der Abend hatte die ersehnte Abkühlung nicht gebracht.
Gegen elf wurde drüben die Stadt von grellem, schwefelgelbem Feuer
sekundenlang überlichtet. Der einsame Schiffer sah sämtliche Blitze
zur Erde fahren und die Türme umzucken, und dachte mit Schrecken an
den Schaden, den sie etwa anrichten mochten.
Das Gewitter kam schnell herüber. Bald rollten die Donner über dem
Hammetal, und immer hastiger folgte das Krachen dem Leuchten.
Als Gerd zwischen beiden nicht mehr bis sechs zählen konnte, machte er
das Schiff am Ufer fest und legte sich vorn in die Koje. So ließ er
das Unwetter über sich hinwegrasen. Im Schilf heulte und pfiff der
Sturm, der Regen prasselte auf das Verdeck, die Vorderkette ächzte und
jankte, wild bewegte Wellen warfen das Schiff hin und her, durch eine
Ritze am Deckel lohte grelles Licht in den engen Kasten, dessen Wände
unter der Gewalt des Donners erbebten.
Als er endlich seinen Zufluchtsort verlassen konnte, war die Luft
wunderbar erfrischt. Am Himmel tinkelten die Sterne, der wieder
beruhigte Fluß zog seine schimmernde Bahn durch das weite Wiesental.
Da dachte er von ungefähr an das, was ihn die ganze Woche beschäftigt
hatte. Und plötzlich, wie vom hellsten aller Blitze erleuchtet, lag
sein Weg klar vor ihm. Er hatte auf einmal ein unmittelbares Gefühl
für die in seinem innersten Wesen begründete Richtung seines Lebens,
und dies Gefühl sagte ihm, daß er nirgends anders hingehörte als aufs
Land und in das Moor seiner Väter.
In der Stadt sich recht einzuleben, das hatte er plötzlich mit größter
Deutlichkeit erkannt, war er zu schwerfällig und auch wohl schon zu
alt. Als ungelernter Arbeiter würde er es dort nie zu etwas Rechtem
bringen und wohl zeitlebens ein Mitläufer bleiben. Auf dem Lande
dagegen konnte er ein Eigener werden, und war vielleicht schon auf dem
Wege dazu.
Aber freilich, dann mußte er es bald zu etwas Eigenem bringen. Die
eigene Scholle macht erst den Mann.
Ob er versuchen sollte, irgendwo auf einer Moorstelle einzuheiraten?
Er kam ja nicht mit leeren Händen. Die 700 Taler, die er teils von der
Mutter geerbt, teils mit seinen Händen verdient und durch Sparsamkeit
zusammengehalten hatte, waren auf den hypothekarisch stark belasteten
Kolonaten -- und das waren die meisten -- gute Freiwerber.
Aber die in Frage kommenden Erbtöchter von Brunsode und Umgegend
paßten ihm die eine so wenig wie die andere. Eine entstammte einer
schwindsüchtigen Familie, die zweite war ihm zu wild, eine dritte, zu
der er sich am Ende wohl hätte entschließen können, stand gerade im
Begriff, sich anderweitig zu verloben.
Also damit war es nichts. Es blieb nichts übrig, als eine zum Verkauf
stehende Stelle zu suchen. Und dann eine passende Frau dazu. Oder erst
die Frau, und dann, je nach dem was sie mitbrachte, die Stelle? ...
Nein, lieber erst die Stelle. Das war solider. Es gab mehr Mädchen,
die Lust zum Heiraten hatten, als Stellen, die zu kaufen waren.
In der Brunsoder Hauptreihe war nichts zu machen. Hier befand sich
aller Besitz in festen Händen, und Stelle Nr. 7, die wahrscheinlich im
Spätherbst unter den Hammer kam, wurde sicher zu hoch hinaufgetrieben.
Aber am Achterdamm, hm ...
Im Abstand von einem guten Kilometer lief mit der Brunsoder Hauptreihe
der sogenannte Achterdamm parallel, an dem eine kleine Siedlung von
acht Feuerstellen unter dem Namen Neu-Brunsode entstanden war. Die
einzelnen Anwesen, die je fünfzehn bis zwanzig Morgen umfaßten, waren
früher einmal von den Brunsoder Hauptstellen abgetrennt und an jüngere
Söhne vergeben, oder auch, wenn das Geld gerade knapp war, verkauft
worden. Hier war etwas zu haben, nämlich Nr. 1 +a+, einst von
Nr. 1, der Mühlenstelle, genommen. Das kleine Besitztum hatte vor
einigen Monaten der Kaufmann Nolte in Grünmoor, um seine Hypothek zu
retten, im Zwangsverkauf erwerben müssen, und der war es gewiß gern
bald wieder los. Übermäßig teuer konnte der Besitz nicht werden, da
der Vorbesitzer, ein fauler Strick und Trunkenbold, ihn arg hatte
verlottern lassen. Mit Fleiß und Tüchtigkeit war aus der achtzehn
Morgen großen Stelle aber wohl etwas zu machen.
Als Haussohn der Hauptreihe hatte Gerd bislang für den Achterdamm eine
gewisse Geringschätzung gehabt. Denn die Achterdammschen, wie sie im
alten Dorf hießen, oder Neu-Brunsoder, wie sie sich selbst nannten,
galten den Alteingesessenen als kleine Leute, die man zum Unterschied
von den Stellbesitzern nur als Anbauer bezeichnete. Aber ihm schien es
jetzt: lieber Anbauer und eigener Herr am Achterdamm, als Knecht oder
Häusling in der Hauptreihe, und so beschloß er denn, sich nach dem
Preise des kleinen Anwesens zu erkundigen.
Ja, aber dann die Frau ... Er war jetzt dreiundzwanzig. Hm, ja, wohl
noch ein bißchen jung. Aber du liebe Zeit, wenn andere schon mit
achtzehn heirateten! ...
Er machte sich also in Gedanken auf die Freite, gleich im ersten
Nachbarhause beginnend. Bei Rotermunds diente nämlich eine Anna Siems,
die er jeden Tag haben konnte. Sie hatte ihm schon manchen verliebten
Blick zugeworfen und war ja auch so weit ganz glatt. Aber sie besaß
wohl nicht mehr, als was sie auf dem Leibe trug. Das war also nichts.
So setzte er seine Suche die Dorfreihe hinunter fort. Mädchen saßen
da mehr als genug, die nach einem Mann ausschauten, Haustöchter wie
Dienstmägde. Aber bei der einen fehlte dies, bei der andern das. Die
einen paßten ihm nicht, und bei den anderen durfte er mit Sicherheit
auf einen Korb rechnen.
So war er fast bis ans Ende des Dorfes gekommen, als er in Nr. 4 den
ersten ernstlichen Aufenthalt nahm. Bei Jan Wiechels diente seit
Ostern vorm Jahr eine Becka Wischhusen aus Webersdorf von der Südseite
des Kirchspiels. Man hörte nicht viel von ihr und sah sie nicht oft.
Aber das war am Ende gerade gut. Im Juni hatte sie auf den Hammewiesen
nicht weit von ihm geheut, und da war ihm aufgefallen, daß sie die
Arbeit ordentlich anzupacken verstand. Ihr Lachen hatte zuweilen
frisch und hell zu ihm herübergeklungen und ihn an die lustigsten
Arbeitstage mit Leidchen erinnert. Es fiel ihm jetzt auch wieder ein,
daß ihm damals für einen flüchtigen Augenblick der Gedanke gekommen
war, ungefähr von solcher Art müßte die sein, die er einmal zur Frau
nehmen möchte. Wenn er sie ab und an auf dem Wege zur Kirche gesehen
hatte, war sie ihm stets als ein stilles, sinniges Mädchen erschienen.
Unter all diesen Erwägungen, die bei seiner bedächtig langsamen und
gründlichen Art eine gute Zeit in Anspruch nahmen, war das Schiff vor
seinem Schieberuder her ruhig und gleichmäßig vorangeglitten, und
er wunderte sich beinahe, als es auf einmal in den Bremer Torfhafen
einlief.
Vorerst galt es, an die Abwicklung des Geschäfts zu denken. Aber er
war dabei, noch immer mit seinen eigenen Angelegenheiten innerlich
beschäftigt, so zerstreut, daß die Ladung um eine Mark zu billig
wegging, was ihn diesmal aber nicht sonderlich betrübte.
Er hatte eigentlich nicht die Absicht gehabt, seine Schwester heute zu
besuchen. Aber jetzt empfand er auf einmal das Verlangen, ein halbes
Stündchen mit ihr zu plaudern, und machte sich auf den Weg.
Seine Gedanken kehrten zu Becka Wischhusen zurück.
Ob sie auch wohl schon etwas hinter sich gebracht hatte? Wenn sie
zur rechten Zeit angefangen hatte zu sparen, konnte sie jetzt an
die hundertundfünfzig Taler haben, und allerhand Leinenzeug dazu.
Das machte mit seinem Sparkassenguthaben etwa achthundertundfünfzig
Taler. Rechnete man davon gut dreihundert auf die Aussteuer und die
ersten Anschaffungen an landwirtschaftlichem Gerät und Vieh, so
blieben fünfhundert als Anzahlung an den Kaufmann Nolte. Damit war
dessen Hypothekenforderung mehr als gedeckt, und das übrige ließ die
Sparkasse gewiß gern stehen, zumal einem so sicheren Käufer, der sich
ihr schon in jungen Jahren als eifriger Sparer ausgewiesen hatte.
Ja, die Rechnung klappte und alles war gut -- wenn sie nur wollte.
Aber warum sollte sie nicht wollen? Siebenhundert Taler und ...
»Dreimal täglich frische Milch« lasen seine Augen über Marwedes
Milchgeschäft, und eine Kundin, die aus dem Hause kam, ließ ihm die
Tür gleich offen.
Frau Marwede sah ihn hinter ihrem Ladentisch weg etwas verwundert
an und sagte, nicht eben unfreundlich, aber doch mit einem leisen
Vorwurf: »Lassen Sie sich auch schon mal wieder sehen?«
»Ich ... ich habe was Wichtiges mit Leidchen zu besprechen,«
antwortete er mit einiger Verlegenheit. »Wenn es paßt ... sonst ...«
»Gehen Sie da nur in die Stube hinein. Ich schicke Ihnen Ihre
Schwester, sie hilft mit bei der großen Wäsche. Allzulange dauert es
ja wohl nicht?«
»Nein, Frau Marwede, in zehn Minuten kann ich fertig sein, oder auch
schon in fünf, wenn's sein muß.«
Gerd trat in die ihm angewiesene Stube und setzte sich wartend auf
einen Stuhl unweit der Tür. Sollte er sie ins Vertrauen ziehen? Dafür
war die Sache eigentlich noch kaum weit genug gediehen. Aber so leise
Andeutungen konnten am Ende doch nichts schaden. Sie war ja seine
Schwester, mit der er noch immer alles geteilt hatte. Was sie wohl für
Augen machte ...
Leidchen erschien in der Tür.
»Deern,« rief er verwundert, »du hast ja'n Kopf, als ob du eben aus
dem Backofen gezogen wärest.«
Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht: »In der Waschküche ist's
so schrecklich heiß, und dann der Qualm ...«
»Ja,« sagte er, »bei uns zu Hause waschen sie im Sommer draußen, das
ist viel gesunder. Wie geht's dir denn sonst noch?«
»Gut. Mir fehlt nichts.«
»Diese Nacht war ein schreckliches Gewitter. Aber da lagst du wohl
schon im Bett. Weißt du, ob's in der Stadt Schaden getan hat?«
»Ich habe nichts davon gehört.«
Er saß ein wenig vornübergebeugt, den Blick schräg auf den bunten
Linoleumteppich gerichtet. Um seine Züge schien ein leises Lächeln zu
spielen.
Sie atmete heimlich auf und sagte: »Frau Marwede hat mich gerufen, du
hättest was mit mir zu besprechen. Zu doch! Ich hab' nicht lange Zeit.«
»Na na, für so'n Fräulein, das beinahe schlicht um schlicht dient,
wird wohl mal 'ne Viertelstunde übrig sein ... Leidchen, ich wollte
dir erzählen, daß ich mir wahrscheinlich was kaufen will ... eine
Anbauerstelle ... Nr. 1 +a+ am Achterdamm ... Das Land ist früher
mal von der Mühlstelle genommen ... weißt du, das kleine nette Haus,
das erste vom Kirchdamm aus, das Jan Tunkenburg gehabt und versoffen
hat.«
»Mensch, wie kommst du auf einmal auf so was?«
»Oh ... Soldat brauch' ich nicht zu werden, und das Knechtspielen hab'
ich satt. Ich bin alt genug und will die Füße unter meinen eigenen
Tisch stecken.«
»Aber Junge, hast du denn schon eine Braut?«
»Das ist man eben der Haken dabei. Die muß ich mir denn wohl bei
kleinem anschaffen ... Leidchen, du kennst die Deerns ja besser als
ich. Weißt du keine, die für mich paßt?«
»Hm, Junge, du bist ein apartiger Mensch ... Das ist nicht so leicht.«
»Na, man pflegt wohl zu sagen: ›Es ist kein Pott so schief, daß nicht
ein Deckel drauf paßt.‹«
»Hm, muß mal überlegen ... In unserm Spinnkoppel? ... Nee, da ist
keine zwischen ... Minna Entelmann? ... Ach nee, das ist auch nicht
die rechte ... Aber Beta Kahrs? Ja, Junge, die hol' dir! Da tust du
einen guten Griff.«
Er blickte sie lächelnd und kopfschüttelnd an: »Deern, Deern, du bist
doch noch immer die alte. Die kriegt ja über tausend Taler.«
»Ist das so'n großer Fehler?«
»Närrische Deern du!«
»Gerd, ich will dir mal was sagen. Du bist ein guter Junge, und auch
ein fixer, tüchtiger Kerl. Aber einen großen Fehler hast du. Du bist
viel zu bescheiden, du hast kein rechtes Zutrauen zu dir. Ich sollte
an deiner Stelle sein! Das feinste und reichste Mädchen der ganzen
Gemeinde suchte ich mir aus, das heißt, wenn ich sie wirklich gern
leiden möchte, und es müßte wunderlich zugehen, wenn ich sie nicht
herumkriegte. Und wenn ihre Eltern und ihre ganze Freundschaft sich
auf den Kopf stellten! In einer Kate am Achterdamm wollt' ich mich
gewiß auch nicht verkriechen ...«
»Deern, was red'st du da nun wieder für dummes Zeug!«
»Junge, man muß mal was riskieren im Leben! Wer nichts wagt, nichts
gewinnt. Meta Stelljes, die früher meine Freundin war, hat mal in
der Lotterie gespielt. Eine Mark hat sie bloß eingesetzt und zwanzig
gewonnen.«
»Da hat sie Schlump gehabt. Mehrstenteils geht der Einsatz flöten, und
über den Gewinn lachen sich andere Leute ins Fäustchen. Nee Leidchen,
in diesem Stück bin ich anders als du. Nicht so fürs Weitläufige
und Flutterige, das wunder nach was aussieht, und nachher steckt
nichts dahinter. Ich bin fürs Sichere und Solide, fürs Reelle und
Ordentliche. Das gibt denn keine großen Überraschungen, aber der
Mensch führt sich dabei auch nicht selber an. Sieh, Leidchen, das sind
so meine Grundsätze, und mit ihnen bin ich so weit gekommen, daß ich
mir schon bald was Eigenes kaufen kann. Das soll mir erst mal einer
nachmachen, so jung wie ich noch bin. Nr. 1 +a+ ist mein, wenn
die Braut auch nur anderthalbhundert Taler zubringt ... Und die wird
sie ja wohl haben.«
»Wer? Hast du schon eine auf dem Kieker?«
Er lächelte geheimnisvoll und nickte.
»Welche soll's denn sein?« forschte sie.
»Hm, ich kann dir das eigentlich noch nicht verraten. Die Sache ist
noch nicht ganz so weit.«
»Ach was, ich bin doch deine Schwester. Zu! Ganz leise, ins Ohr, ich
sag's gewiß keinem wieder.«
Sie näherte ihr Ohr seinem Munde, er schob sie aber sanft zurück und
fragte: »Kennst du Becka Wischhusen?«
»Die bei Jan Wiechels dient?«
»Ja, kennst du die?«
»Och ja. Sie ist zwei Jahr vor mir aus der Schule gekommen und
aus Webersdorf gebürtig. Sie hat eine Zwillingsschwester, Sine;
wer die beiden nicht ganz genau kennt, kann sie überhaupt nicht
unterscheiden.«
»So? Das wußte ich noch gar nicht mal. Na, was meinst du zu der Deern?«
»Och ... ich weiß nicht recht.«
»Ist sie kein nettes Mädchen? Weißt du was Schlechtes über sie?«
»Das nicht ... Ihr Vater macht Holzschuhe ...«
»Das will nichts schaden ... Deern, Deern, was hast du für Grappen!
Wird höchste Zeit, daß du wieder aufs Land kommst, ehe sie dir hier in
der Stadt den Kopf ganz verdrehen. Ich muß mich wirklich wundern.«
»... Gerd, hast du Becka schon was gesagt?«
»Nee. Es ist mir diese Nacht erst eingefallen, daß sie wohl die
richtige sein könnte.«
»Denn will ich dir einen guten Rat geben, Gerd. Überleg' dir die Sache
erst noch mal ganz gründlich! Manchmal meint man, man mag einen, und
nachher mag man ihn doch nicht. Freierei ist kein Pferdehandel.«
»Das weiß ich selbst.«
»So was darf nicht übers Knie gebrochen werden.«
»Daran denk ich auch nicht. Wir brauchen ja nicht morgen Hochzeit zu
halten.«
»Und dann vergiß nicht, daß unser Vater 'ne ganze Stelle gehabt hat,
und daß wir von einem großen Geesthof stammen. Der Mensch ist seiner
Familie auch was schuldig ... Gerd, wenn du dir bloß Zeit nehmen
wolltest, ich glaube, du findest wohl noch was Besseres.«
»Du dumme Deern! Nun hör' aber auf mit deinem unklugen Schnack! In
solche Sache laß ich mir von keinem hineinreden, und von dir am
allerwenigsten. Ich dachte, du solltest dich mit mir freuen, und
deshalb bin ich bloß gekommen. Und nun kommst du mir so und willst
mich zweifelmütig machen. Aber warum halt' ich Schafskopf auch nicht
meinen Mund? So was muß einer ganz mit sich allein abmachen.«
»Ganz meine Meinung!« rief Leidchen, in die Hände klatschend und
lebhaft zustimmend. »Nimm, wen du willst; ich sag' keinen Ton mehr
dagegen. Aber wenn ich mir nun mal einen aussuch', wie er mir nach der
Mütze ist, dann sollst du mir auch nicht dazwischen kommen. Willst du
mir das versprechen?«
»Hm ... der Fall liegt ein bißchen anders ...«
»Ganz und gar nicht! Was dem einen recht ist, das ist dem anderen
billig.«
»Nee, Mannsleute und Frauensleute, das ist nicht ganz dasselbe ...
Aber, na ja, du wirst ja wohl vernünftig und vorsichtig sein.«
Sie klopfte ihm die Schulter, streichelte seine Backen und sagte:
»Kuck mal an! Endlich bist du zu der Einsicht gekommen, daß ich keinen
Vormund mehr brauche. Es wurde aber auch höchste Zeit.«
»Na na, nun man sinnig,« brummte er, ihre Zärtlichkeiten, die ihn
nicht gerade angenehm berührten, abwehrend.
»Wenn du erst am Achterdamm wohnst,« nahm sie wieder das Wort, »bist
du ja auch Nachbar der Mühle ...«
»Das ist's, was mir am wenigsten bei der Sache gefällt,« entgegnete er
stirnrunzelnd.
»Oh, ich denk', ihr werdet noch mal gute Nachbarn ..«
»Darauf leg' ich ganz und gar keinen Wert. Wir sind ja auch nur
Landnachbarn, die Häuser liegen eine Viertelstunde auseinander, und
ein gut Stück Hochmoor ist zwischen uns. Da kann man sich leicht aus
dem Wege gehen ... Aber ich hör' draußen die Marwedesche, wie sie
aufstampft. Das gilt mir. Adjüs, Leidchen, und halt' dich munter!«
Er gab ihr schnell die Hand und ging. »Nichts für ungut, wenn's
ein paar Minuten länger gedauert hat,« rief er, am Laden
vorüberschreitend, Frau Marwede zu, die gerade ein Pfund Käse abwog
und an ihrem Kunden vorbei ihm einen strafenden Blick nachsandte.
Als er draußen war, biß er sich auf die Unterlippe. Es ärgerte ihn,
daß er die Schwester ins Vertrauen gezogen hatte. Ihre Bedenken und
Einwürfe hatten doch tieferen Eindruck auf ihn gemacht, als er vor
sich selber wahr haben wollte, und es währte eine ganze Weile, bis
er sie überwunden hatte. Erst auf dem Leinpfad neben dem Bürgerpark
schreitend und das auf dem Torfkanal laufende Schiff vor sich her
schiebend, war er endlich so weit, daß er die Zähne aufeinander beißen
und zwischen ihnen hindurch murmeln konnte: »Es bleibt dabei!«
Als er mit seiner Sache im reinen war, fiel ihm auf einmal
nachträglich auf, daß Leidchen doch heute ein ganz wunderlich Wesen an
den Tag gelegt hatte. Sie hatte so keck und dreist hingeredet, wie es
sonst eigentlich ihre Art nicht war. Aber wenn Mädchen vom Heiraten
hören, dachte er, werden sie alle zappelig. Er machte sich Vorwürfe,
daß er mit keinem Wort die Rede auf seine Gedanken und Hoffnungen für
ihre Zukunft gebracht hatte. Heut' hatte er eben nur an sich selbst
gedacht.
13.
Gerd schlief wie ein Bär, und als er am anderen Morgen im Bett,
nachdem er ins Frührot geblinzelt, in sich selbst hineinsah, hatte die
Sache ihr Gesicht ganz und gar nicht verändert.
Der Tag wurde ihm sehr lang. In Gedanken arbeitete er schon immer auf
eigenem Grund und Boden und setzte sich mit Becka zu Tisch in Haus 1
+a+ am Achterdamm.
Endlich war Feierabend, und er machte sich auf den schicksalsschweren
Weg, Holzschuhe an den Füßen, Pfeife im Munde, Hände in den
Hosentaschen, mit schläfrigen, wiegenden Schritten -- alles, um keinen
Verdacht zu erwecken. Die Tage wurden bereits merklich kürzer. Gegen
acht war es auf dem an den Häusern hinlaufenden umwachsenen Fußpfad
schon recht dämmerig, wo Tannen ihn säumten, fast dunkel. Zuweilen
fragte ihn jemand: »Wo willst du hin?« oder: »Wo soll's denn so
spät noch auf zu gehen?« Dann antwortete er leichthin: »Oh ... mal
eben unten ins Dorf.« Auf Klöhnschnack, wie er sich nach Feierabend
gern anspinnen will, ließ er sich nicht ein. Denn es war keine
Viertelstunde zu verlieren, da um diese Jahreszeit auf Feierabend
Bettgehen gar bald zu folgen pflegt.
Als er, auf schmaler Eichenbohle den Grenzgraben überschreitend,
die Gerechtsame von Jan Wiechels betrat, klopfte ihm das Herz, er
warf aber, obgleich der Pfad dicht unter den Fenstern des Hauses hin
führte, keinen Blick zur Seite. Erst als er die hundert Meter der
Gehöftsbreite fast abgeschritten hatte, wandte er sich langsam und
wie zufällig herum, und als ein schneller Blick ihn überzeugt, daß
kein Auge auf ihn gerichtet war, trat er hastig einige Schritte vom
Fußpfad abseits in die Lücke eines geschorenen Tannendickichts, das
quadratisch um den Komposthaufen angepflanzt war. Von hier aus, wo er
sich vor unerwünschter Entdeckung sicher fühlte, faßte er die Ausgänge
des Hauses ins Auge wie der Kater ein paar benachbarte Mauselöcher.
Wenn doch ein freundliches Geschick es fügen wollte, daß sie noch
einige Küchenabfälle zum Komposthaufen tragen müßte! Er spähte durch
die Dämmerung, als ob er sie hergucken könnte. Er sog an seiner
Pfeife, wie wenn er Hoffnung haben dürfte, sie herzusaugen. Er gab
einer Fledermaus, die zwischen Tannengebüsch und Dielentor immer hin
und her flog, Botschaft mit, aber das graue Tierchen wollte nicht
sein Liebesbote sein. Es half ihm alles nichts, er bekam diesen Abend
niemand anders zu sehen als Wiechels Opa, der vorm Zubettgehen nach
seiner Gewohnheit noch eben mal vor die Türe trat. Nach einer halben
Stunde gab er das Warten als für heute zwecklos auf und trat ein wenig
enttäuscht den Rückweg an. Er tröstete sich aber mit dem Gedanken, man
könne unmöglich verlangen, daß eine so große Sache gleich auf Anhieb
gelänge.
Am nächsten Abend machte er sicherheitshalber den Umweg über den
Fahrdamm und gewann seinen Beobachtungsposten von Stelle Nr. 3 aus.
Er hatte noch keine Viertelstunde gestanden, als die Erwartete vom
Hause über den Hof in die Scheune huschte. Aber ehe er sich das
Herz faßte, vorzutreten, um sie abzufangen, war sie schon wieder im
Wohnhause verschwunden. »Eine vermuckt gralle Deern, mächtig flink
auf den Patten,« stellte er bei sich fest, halb ärgerlich, aber
auch nicht ohne Wohlgefallen. Gleich darauf wurde ein Kammerfenster
zugezogen, und dabei ließ sich für zwei Sekunden ein kurzer runder Arm
sehen. Sollte er hingehen und anklopfen? ... Nein, lieber nicht. Das
konnte sie vor den Kopf stoßen und seine Absichten in ein falsches
Licht rücken. Mit dem Ergebnis dieses zweiten Abends im Grunde nicht
unzufrieden, schlenderte er mit frisch angesteckter Pfeife heimwärts.
Am dritten Abend fand seine Beharrlichkeit ihren Lohn. Er hatte noch
keine fünf Minuten gestanden, da kam sie mit einem Korb am Arm aus dem
Hause und schritt feierabendgemächlich dem Damm zu.
Schnell eilte er auf Stelle Nr. 5 hinüber, folgte dem Fußweg, der von
hier zum Damm führte, und wußte sich so einzurichten, daß er gerade an
der Hofbrücke mit ihr zusammentraf.
»Na, Becka, noch'n bißchen einkaufen?«
»Muß wohl ... Ach sieh, das bist du ja, Gerd.«
»Ich hab' zufällig denselben Weg wie du.«
»Das paßt schön. Denn komm man her.«
Er ging schweigend neben ihr und kaute auf dem Mundstück seiner Pfeife.
»Wo willst du denn heut' abend noch auf zu?« fragte sie nach einer
Weile.
»Oh,« sagte er gedehnt, »mir geht diese Tage allerhand im Kopf rundum.
Ich hab' so halberlei vor, mir eine Stelle zu kaufen ... Nr. 1
+a+, am Achterdamm.«
»Du kannst wohl lachen, wenn du das schon machen kannst.«
»Hm ... So ungefähr zweihundert Taler fehlen mir noch ...«
»Na, die wird die Sparkasse sacht hergeben.«
»Das wohl. Aber gleich mit zu schweren Lasten anzufangen, ist nicht
recht nach meinem Sinn.«
»Dann mußt du am Ende noch ein paar Jahr warten.«
»Ja, das sagst du wohl. Aber dann ist die Stelle sicher weg; Nolte
will schnell verkaufen, hab' ich gehört. Und wer weiß, ob sich so
leicht was Passendes wieder findet ... Becka, du hast gewiß auch schon
allerlei auf der hohen Kante?«
»Hm ja ...«
»So'n hundert Taler? ...«
»Ha, das wär schlimm! Ich krieg nächstes Jahr die zweihundert voll.«
»Mensch! Deern! Das ist ja wohl nicht möglich!«
»Warum nicht? Heutzutage bei den hohen Löhnen und wenn einer zur
rechten Zeit mit Sparen anfängt?«
»Das hätt' ich nicht gedacht, daß es noch solche Mädchen gäbe ... Hm,
Becka, was meinst du ... wenn wir unsere Groschens zusammenschmissen?
...«
»Hihi, dann hätten wir'n schönes Bißchen auf dem Klump.«
»Deern, woll'n wir? Hast du Lust?«
Er war stehengeblieben und griff nach ihrer Hand. Aber sie entzog ihm
diese und sah ihn erschrocken an: »Ach so--o ... so meinst du's ...«
»Ja, schon drei Abende hab' ich bei den Tannen auf dich gelauert ...«
»Mensch ... ich kann nicht begreifen ... ich weiß nicht ... Wenn ich
nun aber so halberlei schon einen hätte?«
»Was? 'n Bräutigam?«
»Ja.«
»Davon hat man doch nichts gehört!«
»Alles braucht man den Leuten auch nicht auf die Zähne zu hängen.«
»Becka, ich weiß nicht ... Du machst doch wohl nur Spaß ... Ist das
wirklich wahr? Du nickst ... Das wär' doch rein zu doll ... Ist da
denn gar nichts mehr an zu machen ... ich meine, kannst du dir das
nicht noch anders überlegen?«
»Abers Menschenkind! Wir sind doch richtig versprochen und wollen nur
mit der Hochzeit noch ein paar Jahr warten, bis wir mal was pachten
oder kaufen können.«
»Wenn ich davon doch bloß eine Ahnung gehabt hätte! Adjüs, Becka, und
nichts für ungut.«
Er wandte sich hastig zum Gehen. Aber noch keine zwanzig Schritt hatte
er gemacht, als er seinen Namen rufen hörte.
»Was soll ich?« fragte er tonlos, sich halb herumwendend.
»Komm noch eben mal her.«
»Hat ja keinen Zweck.«
»Doch, doch, komm! Ich hab' mir was anderes überlegt.«
Langsam begab er sich wieder zu ihr. Sie empfing ihn mit lachenden
Augen: »Gerd, daß mir das auch nicht gleich eingefallen ist! Du kannst
ja meine Schwester Sine nehmen.«
»Deern, bist du nicht recht klug? Die kenn' ich ja gar nicht.«
Sie machte ein ernsthaftes Gesicht: »Wenn du mich leiden magst,
gefällt Sine dir ganz gewiß auch. Wir sind nämlich Zwillingsschwestern
und einander so ähnlich, daß unsere eigene Mutter Last hat, uns zu
unterscheiden. Als wir zur Konfirmandenstunde gingen, hat der Pastor
uns den ganzen Winter durcheinandergeschmissen und zuletzt noch mich
als Sine und Sine als Becka eingesegnet, und nicht mal unser Vater hat
das gemerkt. Was jetzt mein Bräutigam ist, der hat erst lange nicht
gewußt, wen von uns beiden er nehmen sollte. Zuletzt bin ich's ja denn
geworden, ich glaube mehr zufällig, und das tut mir wegen Sine leid.
Und sie ist seit der Zeit noch immer ein bißchen böse auf mich, weil
sie doch die älteste ist, weißt du, und sich immer was darauf zugute
getan hat. Aber was kann ich armes Ding dafür? In solchen Dingen ist
doch jeder sich selbst der Nächste. Wenn ich ihr nun einen guten
Bräutigam anstellen könnte, wie zum Beispiel dich, dann wäre alles
wieder gut. Junge, Gerd, das wär' fein! Was meinst du?«
Gerd, der wieder neben ihr ging, blieb stehen. »Becka,« sagte er, »die
Sache kommt mir ganz putzwunderlich vor.«
»Das ist sie auch,« versetzte das Mädchen mit Eifer. »Unser
Schullehrer hat mal gesagt, wir beiden könnten uns auf dem Freimarkt
als Weltwunder sehen lassen.«
»...Sag' mal, bist du Sonntag vor acht Tagen zur Kirche gewesen?«
»Nee, das muß Sine gewesen sein.«
»Kuck an, dann hab' ich sie ja schon mal gesehen.«
»Nicht wahr? Auch 'ne lüttje glatte Deern.«
»Och ja ...«
»Gerd, für allzu starkes Zureden in solchen Dingen bin ich gar nicht
... der Mensch muß selber wissen, was er will. Aber du solltest Sine
man nehmen.«
»Och, Menschenskind ... das kommt mir so unverhofft...«
»Aber du wolltest ~mich~ doch. Ob du mich kriegst oder Sine, das
ist ja alles ein Pott und ein Löffel.«
»Das sagst du wohl ...«
»Mit der einen bist du so wenig angeführt als mit der anderen, hahaha.«
»... Sag' mal, ist Sine eben so 'ne lüttje vergnügte Deern wie du?«
»~Die?~ Ha, die steckt mich noch in den Sack, wenn's drauf
ankommt!«
»Und auch nicht fürs Wilde und Weitläufige?«
»Hee wat! Immer vergnügt, und dabei doch sinnig und ernsthaft für sich
weg.«
»Hm ... Die Sorte hab' ich eigentlich am liebsten.«
»'s ist auch die beste, Gerd.«
»Sie hat doch auch wohl etwas auf der Sparkasse?«
»Das wollt ich meinen.«
»Wieviel wohl ungefähr? ...«
»Pfui, danach gleich zu fragen! Willst du sie von wegen dem Geld
heiraten?«
»Das nicht; aber es ist gut, wenn man auch in diesem Stück gleich klar
sieht.«
»Wart ein bißchen, ich muß hier eben in den Laden und grüne Seife
holen, wir wollen morgen waschen. Bin gleich wieder bei dir.«
Und schon war sie in dem Hause des Hökers, das unmittelbar am Damm
lag, verschwunden.
Im Laden wurde eine Hängelampe angezündet, und Gerd spähte zwischen
Stärkeschachteln, Seifenpyramiden und anderen Schaufensterauslagen
hinein. Schönere rote Backen, als wie der Lampenschein sie dort
beleuchtete, konnte es auf der Welt nicht geben, und lustigere Augen
erst recht nicht. Als sie, mit der Hökerfrau scherzend, lachte, lachte
ihm das Herz im Leibe mit.
Schade, daß er da zu spät gekommen war.
Aber wenn es noch eine genau so eine gab? Dann war die Sache am Ende
doch nicht so schlimm. Und warum sollte das nicht möglich sein? Man
hatte ja sogar von Zwillingen gehört, die zusammengewachsen waren.
Dann konnte es auch wohl welche geben, die sich so gleich waren, daß
man getrost die eine für die andere heiraten konnte.
»Na Junge, hast du dir's überlegt?« fragte Becka munter, als sie
wieder draußen war.
»Hm, ankucken möchte ich mir Sine wohl mal.«
»Ist recht. Dann will ich sie einladen. Paßt es dir Sonntag über acht
Tage?«
»Geht's nicht schon diesen Sonntag?«
Becka schüttelte den Kopf: »Diesen Sonntag muß ich erst hin und ihr
Bescheid sagen.«
»Das kannst du doch schriftlich abmachen.«
»Nee, mit der Feder kann ich nicht recht mehr umgehen. Also anderen
Sonntag, nachmittags drei Uhr, treffen wir uns auf Rodenburgs Damm.
Dort im Großen Moor stört uns keiner, und ihr könnt euch in Tennstedt
bei Uhrmacher Sauerhering gleich die Ringe kaufen.«
»Stopp, mein' Deern, so weit sind wir noch nicht ... Weißt du gewiß,
daß es mir bei Sine nicht grad so geht als bei dir ... ich meine, daß
sie nicht auch schon vergeben ist?«
»Vor drei Wochen hatte sie noch keinen Bräutigam. Aber so was kommt
manchmal schnell.«
»Ja, das ist wahr. Vor einer Woche dachte ich auch noch nicht an
solche Geschichten ... Wann kommst du Sonntagabend wieder?«
»So zwischen neun und zehn Uhr. Warum?«
»Oh ... ich werd' dir auf dem Kirchdamm aufpassen, damit ich bald zu
wissen krieg', woran ich bin. Willst du mir nicht doch sagen, wieviel
Sine auf der Sparkasse hat?«
»Nee, du Neugier! Das kann sie dir selbst sagen.«
Sie waren bei Wiechels' Hofbrücke angelangt. Becka gab ihm die Hand
und sagte lustig: »Gute Nacht, Schwager.« Er griff schnell zu und
kniff sie in die runde, pralle Backe: »Schade, daß ~du~ nicht
mehr zu haben bist. Dann wär' die Sache viel einfacher ... Becka,
könnt ihr beiden nicht tauschen?«
»Nicht um tausend Taler! Und wenn du mir'n großen Geesthof
zubrächtest!«
»Aber Deern, wo ihr beide so ganz und gar auf denselben Leisten
gearbeitet seid, ist das doch ganz egal.«
»Wenn du noch einmal so dumm hinschnackst, sag' ich zu Sine, daß du'n
schlimmer Kerl bist. Dann nimmt sie dich auch nicht, ätsch! und du
stehst da mit'm dicken Kopf. Nun mach, daß du nach Hause kommst, und
träum von Sine!«
Mit munteren Schritten eilte sie dem Gehöft zu. Gerd, der ihr, an das
Brückengeländer gelehnt, nachsah, schüttelte langsam den Kopf: »'ne
schnaksche Sache ... ne wunderliche Geschichte ...« Dann aber nickte
er eifrig, schlug mit der flachen Hand schallend auf seinen linken
Schenkel und murmelte vor sich hin: »Die rechte Sorte ist's ... kernig
und gesund wie das blühende Leben ... fleißig und sparsam ... vergnügt
wie ein Katheker, und doch nicht weitläufig und wild, mehr so in sich
selbst vergnügt ... justemente die richtige Sorte ...Schade, daß sie
schon versagt ist, jammerschade ... Aber ein Glück, daß es zwei von
dem Schlag gibt ... Wenn die ältere nur nicht gar zu sehr gegen die
jüngere abfällt ... wie Lea gegen Rahel! ... Na, das muß mit Ruhe und
Vertrauen abgewartet werden.«
Er hatte sich das Geländer hinaufgeschoben, umschlang mit dem linken
Bein den Pfosten und ließ das rechte vergnüglich baumeln.
Es war ein warmer, stiller Sommerabend, so recht moje und alle Sinne
umschmeichelnd. Die Birkenstämme blinkten im Vollmondglanz und
spiegelten sich klar und schön in der dunklen Tiefe des Grabens.
Zur Linken auf den lichtüberfluteten Wiesen mit dem schimmernden
Wassergeäder lagen aus feinstem Nebel gewobene Silberschleier. Rechts
barg sich in mondbeglänztem Busch- und Baumwerk die Dorfreihe,
verraten nur durch die Reihe der Brücken, die vom Damm hinüberführten,
und durch ein einziges Licht, dessen freundlicher Schein sich durch
das Laub hindurchstahl. Am nahen Klappstau rieselte ein Wässerchen,
funkelte wie flüssiges Gold und schwätzte lustig, weil es seinen Weg
gefunden.
Der junge Freiersmann sah mit großen Träumeraugen um sich. Es wurde
ihm so wohl, daß er bald beide Beine baumeln ließ, in tiefem,
ruhevollem Behagen. --
Plötzlich hob er sich und sprang auf die Füße. Er war mit seinen
schweifenden Gedanken am Achterdamm angekommen und hatte sich schnell
entschlossen, sein künftiges Heim und Nest noch eben mal zu besuchen.
Weit ausgreifend schritt er den Damm hinunter, um hinter der Mühle im
rechten Winkel nach links auf den Kirchdamm abzubiegen. Bald ragten
die beiden hohen Tannen, das Wahrzeichen der Stelle 1 +a+, über
den Birkenanflug des Hochmoors. Und es dauerte nicht lange, so stand
er vor dem Häuschen. Aber da kam das Gefühl einer großen Enttäuschung
über ihn. Das moosige Strohdach war von Ratten zerfressen, der Kitt
in den Fensterfüllungen abgebröckelt, eine zerbrochene Scheibe durch
eine Nummer der Hammezeitung ersetzt. Und, was ihm das unangenehmste
war, die Legen, auf denen die Fachwerkmauern ruhten, erwiesen sich
als stark angemorscht. Aber bald tröstete er sich mit dem Gedanken,
er würde das Haus um so billiger erstehen, und einige hundert Mark
könnten da gründlich Wandel schaffen.
Drinnen, in der ausgeräumten und leidlich besenrein verlassenen, von
weichem Mondlicht angefüllten Stube gefiel es ihm gar nicht übel.
Und als er, in Ermangelung sonstiger Sitzgelegenheit, sich in die
Öffnung der künftigen Ehebutze setzte und den Raum mit Beckas, nein
Sines Aussteuer ausmöblierte, wurde es sogar ganz gemütlich. Um das
häusliche Behagen noch zu erhöhen, stopfte er sich eine frische Pfeife
und blies große, graue Wolken vor sich hin, die im Strahl des Mondes
einen silbernen Schimmer annahmen.
So saß er eine gute Weile und vergnügte sich damit, Zukunftsbilder
zu malen, als er plötzlich aus dieser angenehmen Beschäftigung
aufschreckte und etwas wie Gespenstergrauen über seinen Rücken
kriechen fühlte, indem etwas Weiches vor seinen Schienbeinen
hinstrich. Es war aber nur ein weißes Kätzchen, das sich auf
Sammetpfötchen lautlos und unbemerkt in die Stube geschlichen hatte.
Gerd streichelte den gekrümmten Rücken des Tieres und sagte zärtlich:
»Ist nett von dir, Musch, daß du hier einhütest. Halt das Unzeug man
ordentlich kurz, Sine soll dich später dafür tüchtig herausfüttern.«
Musch machte kläglich Miau, als ob sie sagen wollte, das wär' noch
lange hin.
Gerd suchte in seinen Taschen und war so glücklich, ein
Rotwurstzipfelchen vom letzten Frühstück auf dem Felde zu finden, das
er für den Hund beigesteckt hatte.
Die Verlassene machte sich gierig darüber her, und als sie den
Leckerbissen weggeputzt hatte, fing sie behaglich an zu schnurren.
Dann ging sie der Tür zu, sich öfters umsehend, als ob sie ihn
einladen wollte, ihr zu folgen.
»Ach so, Musch, du willst mich führen,« sagte Gerd, indem er
sich erhob. Und sie durchwanderten alle Räume des Hauses, in die
Mondeshelle und Schatten der Nacht sich geteilt hatten, wobei die
wackere Einhüterin sich treu zu ihrem künftigen Herrn hielt.
Auf der offenen Feuerstelle lag noch die Asche vom letzten
Kaffeekochen des Vorbesitzers. Die ersten Jahre mußte Sine sich mit
ihr behelfen, später sollte sie einen Sparherd haben, der in Bremen
gewiß mal billig für alt zu kaufen war.
Die Stallungen fanden Gerds Beifall. Es war Platz für drei Kühe, zwei
Kälber und ein halbes Dutzend Schweine. Für den Anfang genügte das,
nach einigen Jahren mußte natürlich angebaut werden.
Er stieg die Bodenleiter hinauf. Das blausilberne Mondlicht, das durch
die Eulenlöcher der beiden Giebel einfiel, zeigte ihm einen Raum,
der einstweilen Vorrat an Heu und Stroh zur Genüge fassen konnte. Die
morschen, unsicheren Dielen bedurften freilich dringend der Erneuerung.
Nachdem er sich alles gründlich angesehen hatte, verließ er das Haus
auf demselben Wege, auf dem er es betreten hatte. Musch sprang hinter
ihm drein.
Nun besichtigten sie miteinander den Grundbesitz der Stelle, mit dem
Garten beginnend. Die Obstbäume erwiesen sich als alt und abgängig.
Es mußten sofort neue gepflanzt werden, und zwar Sorten, die in
der Stadt einen guten Marktwert hatten, wie Prinzenäpfel, Berliner
Reinetten und dergleichen. Das Gemüseland war zwar bestellt, aber hier
wie auch auf dem Felde zeigten sich überall die deutlichen Spuren
der Lotterwirtschaft des früheren Besitzers: die Stücke schlecht in
Düngung, Kartoffeln und Steckrüben nicht angehäufelt, das Unkraut
überall in üppigster Blüte. Gerd erboste sich über den Menschen,
der um des verfluchten Branntweins willen seiner Väter Erbe hatte
verludern lassen, und konnte es sich nicht versagen, einige gar
zu protzige Saudisteln und Nachtschatten auszureißen. Drei Jahre
angestrengter Arbeit rechnete er wenigstens, bis er die Ländereien
so in Schick haben würde, daß ein anständiger Mensch halbwegs seine
Freude daran haben könnte.
Als er an das zur Stelle gehörige Moor- und Heideland kam, ballte
seine Hand sich zur Faust. Wüst und planlos war hier nach Torf
gestochen, so daß es aussah, als ob wilde Schweine den kostbaren
Boden umgewühlt hätten. Nichts war eingeebnet, vom Urbarmachen
der abgetorften Fläche gar nicht zu reden. Der gewissenlose Kerl,
dachte Gerd, müßte über einen Torfkarren gelegt werden und mit jungen
Birkenreisern fünfundzwanzig oder mehr hinten aufgezählt kriegen.
Übrigens waren die Torfverhältnisse sonst nicht schlecht. Der »weiße«
Torf, die lose, lockere Oberschicht unverwester Moose, war nur gering,
dagegen der »schwarze«, die dunklere, feuchte, speckige Backtorfmasse,
gut einen Meter stark und versprach ein Produkt erster Güte.
Das Endergebnis der gesamten Besichtigung war, daß Gerd sich sagte,
er dürfte auf keinen Fall mehr als neunhundert Taler für den ganzen
Besitz zahlen. Hundert müßten sogleich aufgewendet werden, um das
Haus bewohnbar zu machen, zweihundert rechnete er für die erste
Anschaffung an lebendem und leblosem Inventar -- kurz und gut, mit
einer jungen Frau, die gesund, arbeitsfroh und sparsam war, konnte
er die Sache wagen. Er blickte von der Höhe einer Hochmoorbank über
das mondlichtüberglänzte Rechteck hin; es erschien ihm, mit Sine
Wischhusen, als aller Wünsche Ziel, und zugleich in ihrem Namen
ergriff er mit der Seele endgültig von ihm Besitz. Drüben, wo die zwei
in den Silberglanz der Mondnacht ragenden Tannen das moosige Strohdach
beschirmten, wollte er Beckas Zwillingsschwester und Ebenbild als
junges Weib umarmen, dort auf dem Felde und hier im Moorgrunde
wollten sie arbeiten im Schweiß ihres Angesichtes, und dieses Stück
Heimaterde, achtzehn Morgen groß, wollte er einst seinem ältesten
Jungen als freies Erbe hinterlassen. »Und dann,« so murmelte er, die
Zähne aufeinander beißend, mit Entschlossenheit vor sich hin, »soll es
hier anders aussehen als heute -- so wahr mir Gott helfe!«
Musch war noch immer bei ihm, er hatte sie aber länger nicht mehr
beachtet. Jetzt brachte sie sich durch Miauen wieder in Erinnerung.
Da sah er, wie dem schnöde zurückgelassenen Tier die Rippen durch das
Fell standen, und das arme Ding tat ihm leid. »Musch,« sagte er, sie
an sich lockend und ihr den Rücken streichelnd, »hör' mal, ich nehm'
dich als Pfand mit. Sonst verhungerst du mir oder kommst auf schlechte
Wege. Nächstes Frühjahr halten wir hier zusammen unseren Einzug, mit
Sine.«
Musch rieb sich zärtlich und vertrauensvoll an seinem Bein, und ihr
Miau klang wie Zustimmung. Da hob er sie auf und richtete ihr ein Asyl
unter seiner Jacke ein.
Dann trat er den Rückweg an.
Als er bald das Mühlgehöft behäbig und stattlich vor sich liegen sah,
fing er an zu vergleichen. Hermanns Erbe war mehr als dreimal so groß
wie das seine und hatte mit den großen, gut im Stande gehaltenen
Gebäuden und der Mühle mindestens den zwölffachen Wert. Da wollte
etwas wie Unzufriedenheit in ihm aufsteigen, aber schnell hatte er
sie unterdrückt. Mehr als leben konnte einer ja auch von reichstem
Gut nicht, und war es denkbar, daß jemand an einem Erbe, in das
er ohne sein Verdienst hineingeboren ward, je solche Freude hatte
wie ein anderer an dem auch noch so kleinen Besitz, den er seiner
eigenen Hände Arbeit verdankte? Nein, nein, er wollte gewiß nicht
mit Hermann tauschen. Ihm wurde so vergnügt zu Sinne, daß er anfing,
laut zu pfeifen. Als er, dem Fußpfad folgend, über Stelle Nr. 4 kam,
verlangsamte er seinen Schritt und pfiff mit Kraft und Inbrunst: Die
Liebe macht glücklich, macht selig. Er bemühte sich, dabei an Sine
zu denken. Aber die war ihm noch nicht recht gegenständlich und ja
auch ein bißchen weit weg. So hielten seine zärtlichen Gedanken sich
einstweilen mehr an die nahe, deren herzfrohes Lachen ihm noch im Ohre
klang. Es war das ja aber auch einerlei bei Zwillingsschwestern, die
zur Unterscheidung kaum etwas hatten als die verschiedenen Namen. Das
weiße Kätzchen drückte er dabei ein wenig fester an sich.
14.
Gerd lag in der blühenden Heide, die den Rodenburger Damm säumte,
unter einer Birke und hinter einem Weidenbusch. Die Birke hatte
Saftfluß, und prächtige Trauermäntel waren bei ihr zu Gaste.
Um den Hals herum war's ihm etwas eng und unbequem. Er trug nämlich
zum erstenmal in seinem Leben einen Kragen. Kaufmann Nolte hatte
gesagt, das Ding wär' von Gummi, und er könnte es beliebig oft
abwaschen und unter Umständen bis an seinen Tod damit langen. Das
Vorhemdchen hatte Leidchen ihm mal aus der goldgestickten Strickmütze
seiner Großmutter gemacht, und er hatte es heute ebenfalls zum
erstenmal vorgebunden. Es war bunt genug, weshalb er keinen Schlips
brauchte.
Von der Beengtheit des Halses abgesehen, war ihm aber sehr wohl
zumute. Sine hatte eingewilligt, mit ihm und Becka heut einen
Spaziergang durch das Große Moor nach Tennstedt zu machen, und er sah
diesem Unternehmen mit frohen Hoffnungen und angenehmen Erwartungen
entgegen. Geld hatte er beigesteckt, um, wenn alles gut ginge, gleich
die Ringe kaufen zu können.
Er spähte wieder einmal um den Weidenbusch den Damm hinunter und
entdeckte in der Ferne, etwa dort, wo die Schule liegen mußte, zwei
schwarze Punkte von gleicher Größe. Das konnten sie sein.
Eine Weile sah er dem feierlichen Schweben der bunten Buttervögel zu,
und ihrem gierigen Trinken am Birkensaftquell.
Die beiden Punkte hatten sich inzwischen vergrößert und waren bei
keiner der zahlreichen Hofbrücken abgeschwenkt. Es wurde immer
wahrscheinlicher, daß es die Erwarteten waren.
Die Punkte schienen unten breiter als oben, es waren also Frauensleute.
Nun hatten die beiden Frauensleute das Dorf hinter sich, und ein
Zweifel war nicht mehr möglich.
Sie machten beide dieselben kurzen, munteren Schritte und wandten
sich alle Augenblicke nach dem Dorf um, was den Beobachter hinter dem
Weidenbusch jedesmal bannig högte und zum Schmunzeln brachte.
Nee, aber so was! So 'ne Ähnlichkeit! Er wollte sich die Augen aus dem
Kopf gucken und konnte doch nicht erkennen, wer Becka und wer Sine
wäre.
Als die beiden auf zwanzig Schritt herangekommen waren, sah er, daß
die eine so recht behaglich vor sich hinlachte, während die andere
etwas Unruhiges, Unsicheres in Gesicht und Auftreten hatte. Da wußte
er Bescheid.
»Becka, wenn er nun mal nicht käme ...«
»Ach was, Deern, den hab' ich viel zu fest in der Schlinge. Er ist
auch einer von den Ehrenfesten und Zuverlässigen.«
»Ich glaub', bei diesem Weidenbusch warten wir man ... Uch!«
»Den Deuker, da ist er ja!«
»Guten Tag, Deerns. Na, habt ihr euch eingestellt? Das ist man gut.«
Gerd, der sich langsam erhoben hatte, gab erst Becka die Hand,
dann Sine, der er dabei schnell in das von einer Blutwelle purpurn
übergossene Gesicht sah.
»Hm.«
»Na? Was nun?«
»Ich denk', wir gehn weiter.«
»Dann komm, wir nehmen dich in die Mitte. Zwischen zwei Schwestern,
das soll Glück bringen.«
Sie setzten zu dritt die Wanderung fort. Indem einer auf den anderen
wartete, sagte keiner etwas.
Aber lange hielt Becka dieses Schweigen nicht aus. Sie gab Gerd einen
Rippenstoß: »Zu, sag' mal was, Junge!«
Nachdem er leise aufgeseufzt hatte, begann er: »Schön Wetter heut'.
Pepers Heini wird bei seinem Ernteball den Saal wohl tüchtig voll
haben.«
»Was geht uns Pepers Heini sein Ernteball an?« fragte Becka kichernd.
Gerd griff nach seinem Gummikragen und bereute, daß er ihn nicht eine
Nummer weiter genommen hatte.
»Wir müssen zur rechten Zeit wieder zu Hause sein,« setzte er von
neuem an. »Ich muß diese Nacht noch mit dem Schiff nach der Stadt ...
der Torf ist gerade gut im Preise. Für den besten bezahlen sie ...«
Becka warf schnell den Kopf herum und unterbrach ihn: »Wir sind nicht
gekommen, um mit dir über deinen Backtorf zu schnacken. Sag', was du
vorhast! Raus damit!«
»Man nicht so glupsch, Deern,« stamerte er verlegen und ärgerlich.
»Immer langsam und mit Sinnen.« Dann, nach der anderen Seite gewendet:
»Sine, ich hab' so halb und halb vor, mir was zu kaufen.«
»Das hat Becka mir schon gesagt,« versetzte sie leise.
»Wie weit bist du mit dem Kauf?« fiel die Schwester ein.
»Hab' die Stelle an der Hand.«
»Nicht zu teuer?«
»Nee, hab' heruntergehandelt bis auf den Preis, den ich mir gesetzt
hatte.«
»Na, Kinder, dann seht bloß zu, daß ihr miteinander klar werdet.«
»Becka,« sagte Gerd in vorwurfsvollem Tone, »ich mag dich heute gar
nicht leiden, so naseweis wie du bist.« Darauf wandte er sich nach
rechts, blieb stehen und sagte: »... Sine, was meinst du?«
Sie stand in der Dammrichtung, die Augen züchtig gesenkt, und sagte:
»Gerd, ich kenne dich ja noch nicht ganz lange. Aber meine Schwester
hat mir soviel Gutes von dir erzählt ... ich glaub', ich kann's wohl
riskieren ...«
»Vater und Mutter,« krähte Becka dazwischen, »sind auch einverstanden,
ich hab' sie letzten Sonntag gleich gefragt. Aber Kinder, wollt ihr
euch denn nicht die Hand geben?«
Aus vier Augen wurden ihr böse Blicke zum Lohn, aber man tat doch nach
ihrem Rat.
»Und ein lüttjer Kuß gehört auch dazu!« verfügte sie weiter.
Nun wurde es Sine denn doch zuviel. Sie trat mit empörten Augen vor
die Schwester hin: »Becka! Ich will dir mal was sagen, und merk dir's:
Du hast uns beiden ganz und gar nichts zu kommandieren. Wir sind
mündig und wissen selbst, was wir zu tun und zu lassen haben. Du mußt
dir bloß nicht einbilden, daß du hier heute die Hauptperson bist.«
Die Strafrede hätte wohl noch länger gedauert, aber Gerd fiel
sanftmütig ein: »Sine, reg' dich man nicht auf; Becka hat's ja ganz
gut gemeint ... Wir können uns auch dreist mal küssen.«
»Nein, nun grade nicht! Was zuviel ist, das ist zuviel. Ich bin die
Älteste von uns beiden, und Becka hat das auch immer anerkannt. Bloß
von dem Augenblick an, wo sie sich verlobt hatte, bildete sie sich auf
einmal ein, sie wär' mehr als ich, und wurde frech. Aber jetzt laß ich
mir das nicht mehr gefallen. Denn was du bist, das bin ich all lange,
du!«
»Uijeh!« rief Becka in geheucheltem Entsetzen, »da hab' ich mir schön
was eingebrockt, daß ich dir'n Bräutigam verschafft habe. Nun kann ich
mich wieder unter dich ducken. Na, lüttje Schwester, sei man still,
ich tu's ganz gern. Soll ich 'n bißchen zurückbleiben, damit ihr euch
ungestört besprechen könnt?«
»Nee, geh' lieber hundert Schritt vorauf!«
»Auch gut,« sagte Becka, und schritt wacker fürbaß.
»Nun ist's Zeit,« flüsterte Sine, und hielt ihren roten Mund hin. Und
Gerd drückte einen kernigen Kuß darauf. Dann nahm er sie so fest in
die Arme, daß ein zartes, zimperliches Ding laut aufgekreischt haben
würde. Aber von der Sorte war Sine Wischhusen nicht.
Becka war so diskret, sich nur einmal umzusehen. Sie paßte aber just
den richtigen Augenblick ab und bedauerte, daß sie ihren Jan nicht da
hatte, ihr ein Gleiches zu tun.
Als Gerd seine Braut freigelassen hatte, sagte er fröhlich: »So, nun
gehen wir nach Tennstedt und kaufen uns die Ringe ... Aber Deern, wir
kriegen am Ende heut gar keine!«
»Warum nicht?«
»Von wegen der Sonntagsruhe.«
»Ach was, das sind Liebeswerke, und die sind auch am Sonntag erlaubt.«
Gerd lachte und legte den Arm um sie. So schritten sie glückselig
durch den leuchtenden Sommertag, eine gute Weile schweigend. Es war
jetzt die Einsamkeit des wilden Heidemoores um sie. Kein Mensch
oder menschliche Wohnung weit und breit zu sehen, nur hier und da
eine verlorene Plaggenhütte, als Unterschlupf für Heidhauer und
Torfgräber in die Einöde gesetzt. Die herrliche Bläue des Himmels,
an dem weiße Schäfchenwolken ihr Wesen trieben, hob sich wundervoll
ab gegen das von weißen Birkenstämmchen durchblitzte Blütenrot der
üppig wuchernden Moorlandsheide. Die Luft war voll Honigduft und
Bienengesumm. Schnurgerade zog sich der Damm durch das blühende Land,
ihm treu zur Seite der blinkende Wasserlauf. Es hatte lange nicht mehr
geregnet, und der Sand mahlte stark. Aber davon merkten die beiden
rüstigen jungen Menschenkinder nichts. Auch der Gummikragen bedrückte
Gerd jetzt nicht mehr, wie er so hochaufgerichtet und frei atmend
dahinschritt.
»Wollen wir jetzt Becka nicht rufen, daß sie wieder mit uns geht?«
fragte er endlich.
»Och ja,« sagte Sine schnell, »allein wird es ihr leicht zu
langweilig. Sie ist im Grunde gar keine schlechte Deern.«
»Nee, gewiß nicht,« stimmte Gerd bei. »Eigentlich wollte ich sie ja
auch heiraten.«
»Ich weiß ...«
»Wir beide, Sine, passen aber doch noch besser zusammen, glaub' ich.«
»Das wollen wir hoffen ... Becka!«
Becka wandte sich sofort herum und erwartete die beiden.
»Na, alles klipp und klar?«
»Ja, du kannst jetzt wieder mit uns gehen.«
»Ist dankenswert,« sagte Becka, und nahm ihren alten Platz an Gerds
grüner Seite wieder ein.
»Ich freu' mich bannig, Gerd,« begann Sine nach einem Weilchen, »daß
wir beide gleich ein eigenes Dach über den Kopf kriegen. Jan und Becka
wollen sich die ersten Jahre was pachten.«
»So--o?« fragte die Schwester spitz, »weißt du das so gewiß? Kann
sein, daß wir noch eher zum Kauf kommen als ihr.«
»Aber Kinder, so vertragt euch doch,« legte Gerd sich lächelnd ins
Mittel. »Sine, wir könnten nun wohl mal zusammenrechnen, was wir
beide parat haben. Ich fang' an.«
Und er begann aufzuzählen: was er von der Mutter geerbt, was er in
den einzelnen Jahren verdient, wie wenig er verbraucht und wieviel
auf die Sparkasse getragen, und was es dort an Zinsen gebracht
hatte. Zur Stunde beliefe sich sein Vermögen, ohne die Zinsen des
laufenden Vierteljahres, auf sechshundertsiebenundachtzig Taler und
dreiundzwanzig Groschen, das Geld im Portemonnaie noch nicht mal
mitgerechnet.
»Junge, Junge!« rief Sine, von der Höhe der Summe freudig überrascht,
und warf an ihm vorbei einen triumphierenden Blick nach ihrer
Schwester hinüber. Die machte ein etwas verdutztes Gesicht; denn da
kam ihr Jan doch nicht ganz mit.
»Na, Sine, denn red' du mal!« sagte Gerd gespannt.
Sie fing an aufzuzählen: ein Dutzend Hemden, die Hälfte noch gar
nicht gebraucht, zwei bessere Kleider und drei für die Arbeit, drei
Unterröcke, ein zweischläfernes Bett, und zweimal es zu überziehen,
fünf Stück Leinen, eine Kommode, ein Spinnrad, sieben Schürzen ...
Sie verlor sich zuletzt so in Kleinigkeiten, daß er ungeduldig wurde
und sie unterbrach: »Und Bargeld?«
»Ungefähr hundertundsechzig Taler.«
»Hm.«
»Ist dir das nicht genug?«
»Hm ... denn hat Becka ja doch 'n bißchen mehr.«
»Ja, die hat auch immer viel Geschenke von ihrer Dienstherrschaft
gekriegt. Aber mit Zeug ist sie lange nicht so gut ausstaffiert
als ich. Die ersten Jahre brauch' ich überhaupt kein neues Kleid,
ausgenommen natürlich das zur Hochzeit.«
»Hast du noch was von deinen Eltern zu erwarten?«
»Das wohl nicht. Wir sind unser zu viele.«
»Na, Sine, das soll alles nichts schaden ... dann lassen wir die erste
Hypothek von dreihundertundfünfzig Talern auf der Stelle stehen. Was
meinst du, bis wann können wir die wohl heruntergearbeitet haben?«
»Oh ... wenn der liebe Gott Leben und Gesundheit schenkt, in 'n Jahrer
sechs ... oder sieben ...«
»Sine, du bist 'ne lüttje famose Deern! Ich hatte an neun bis
zehn Jahre gedacht; denn wir müssen ans Haus allerhand anwenden,
und auch tüchtig was in den Boden hineinstecken. Der Kram ist bös
heruntergekommen.«
»Schadet nichts. Das wollen wir beiden wohl kriegen. Wir sind ja
keine, die vor der Arbeit weglaufen.«
»Deern, Deern, was bin ich froh!« rief er. »Ich glaube, der liebe Gott
hat dich extra für mich gemacht.«
»Ist möglich, so soll das in 'm richtigen Ehestand ja auch wohl sein.«
Der schnurgerade Damm wurde am Rande der Geest zu einem gewöhnlichen
Sandwege, der mit einer kleinen Biegung in das wohlhabend behäbige
Bauerndorf Tennstedt einmündete.
»Feine Höfe,« sagte Gerd, auf ein stattliches Bauerngut mit altem
Eichenbestand hinweisend.
»Ich möcht' auf der Geest nicht sein,« versetzte Sine. »Wir können auf
unserer Anbauerstelle am Achterdamm ebenso gemütlich leben.«
»Das ist gewiß!« sagte Gerd und legte mal schnell wieder den Arm um
sie.
Herr Sauerhering, der Uhren flickte und zugleich mit Gold- und
Silbergeschirr handelte, wurde glücklich zu Hause getroffen, und es
bedurfte nicht langer Bitten, ihn zu dem gewünschten Liebesdienst
willig zu machen. Nachdem er dem Pärchen artig zu seinem Vorhaben
gratuliert hatte, breitete er einen großen, flachen Kasten voll der
ewig bindenden Dinger vor ihm aus. Sine hielt ihre Hand hin, und Gerd
verpaßte ihrem kurzen, dicken Ringfinger einen Goldreif. Darauf suchte
Sine auch einen für ihn aus, wobei Becka ihr half. Das Anstecken
besorgte sie aber allein.
»Was kostet das?« fragte Gerd und griff in die Tasche.
»Fünfzehn Mark,« sagte der Mann.
Gerd erschrak. »Gibt's keine billigere Sorte?« fragte er kleinlaut.
»Solche Ringe müssen echt sein,« erklärte Herr Sauerhering ernst.
»Sonst ist das eheliche Glück nachher auch nicht echt und von Bestand.
Es ist ja auch nur eine einmalige Ausgabe.«
»Wir nehmen aber doch gleich zwei auf einmal. Da können Sie's wohl für
zwölf Mark tun.«
»Diese Art verkaufe ich überhaupt nur paarweise,« erklärte Herr
Sauerhering, und die Mädchen lachten. »Überhaupt ist das Handeln bei
solchem Kauf keine Mode.«
Gerd legte mit schwerem Herzen ein Zwanzigmarkstück auf den Tisch. Als
er die fünf Mark, die ihm zurückgegeben wurden, einstecken wollte,
fragte Becka keck: »Was krieg' ich denn als Freiwerberlohn?«
»Vielleicht eine hübsche Brosche?« fragte Herr Sauerhering süß
lächelnd, indem er eine andere Schublade herauszog und auf den Tisch
stellte.
Becka musterte die glitzernden Schmuckstücke und hob eins heraus.
»Glaube, Liebe, Hoffnung,« sagte sie, »diese möcht' ich wohl leiden.
Kostet?«
»Zwei Mark fufzig.«
Die beiden Mädchen sahen Gerd erwartungsvoll an.
»Na, denn man zu!« sagte er mit tapferer Selbstüberwindung und warf
das Geld auf den Tisch. Becka steckte sich Kreuz, Herz und Anker
sogleich vor.
Die drei Goldgeschmückten gingen darauf schräg über die Straße in eine
Gastwirtschaft, die mit Bäckerei verbunden war. Hier bestellten sie
sich zwei Portionen Kaffee nebst einem Teller Butterkuchen, und aßen
und tranken nach Herzenslust. »Und wenn die zwanzig Mark heut' ganz
draufgehen!« dachte Gerd, und ließ den schnell geleerten Teller noch
einmal füllen.
»Schade, daß ich meinen Jan nicht herbestellt habe ...,« seufzte
Becka. »Wir wollen ihm mal eine bunte Karte schicken,« sagte Gerd und
ging hin, sich eine zu holen. Er wählte die mit dem Gasthaus, in dem
sie ihre Verlobung feierten.
Während er saß und schrieb, fragte Becka: »Wann wollt ihr denn
eigentlich Hochzeit machen, Sine?«