Gegenstand dieses Buches ist nicht der Krieg, obzwar der Krieg es
überschattet. Sein wirkliches Thema ist das Versinken der Einzelseele im
Abgrund der Massenseele. Und dies ist für mein Empfinden ein für die
Zukunft der Menschheit viel entscheidenderes Phänomen als die
vorübergehende Oberherrschaft einer oder der anderen Nation.
Mit Absicht habe ich alle politischen Fragen in den Hintergrund
gestellt: ihnen steht gesonderte Betrachtung zu. Aber wie immer auch man
den Ursprung des Krieges begründe, mit welchen Thesen und Gründen man
ihn erklären möge — keine irdische Rechtfertigung entschuldigt das
Kapitulieren der Vernunft vor der öffentlichen Meinung.
Die allgemeine Entwicklung zur Demokratie, die von einem abgestorbenen
Begriff, dem ungeheuerlichen der Staatsräson, gedeckt ist, hat die
Geistigen Europas verleitet, sich zu dem Glaubensartikel zu bekennen, es
gäbe für den Menschen kein höheres Ideal, als Diener der Gemeinschaft zu
sein. Und diese Gemeinschaft nennt man: Staat.
Ich aber scheue mich nicht zu sagen: wer sich zum blinden Diener einer
so blinden — oder verblendeten — Gemeinschaft erniedrigt, wie es die
Staaten von heute sind, in denen eine Handvoll Menschen in ihrer
Unfähigkeit, die Vielfalt der Völker zu begreifen, durch die Lügen der
Presse, den unerbittlichen Mechanismus des vereinheitlichten
Staatswesens den Mitmenschen ihre eigenen Narrheiten,
Leidenschaftlichkeiten und Geschäfte als ihre Gedanken und Taten
aufzwingt — wer dies tut, der dient nicht in Wahrheit der Gemeinschaft,
sondern er knechtet und erniedrigt sie mit sich selbst. Wer den anderen
von Nutzen sein will, muß vorerst frei sein. Auch Liebe ist wertlos,
solange sie die eines Sklaven ist.
Freie Seelen, starke Charaktere — das tut heute der Welt am meisten
not! Auf den verschiedensten Wegen — leichenhafte Unterwerfung durch
die Kirchen, dumpfe Unduldsamkeit der Vaterländer, abstumpfender
Unitarismus im Sozialismus — kehren wir zur Form des Herdenlebens
zurück. Nur langsam hat sich der Mensch dem heißen Lehm der Erde
entrungen. Nun scheint es, als ob seine tausendjährige Anstrengung
erschöpft sei, und er läßt sich wieder in das Weiche zurücksinken. Die
Massenseele schluckt ihn auf, der entnervende Atem der Tiefe reißt ihn
mit sich... Auf darum! Rafft euch zusammen, ihr, die ihr glaubt, daß der
Kreislauf noch nicht erfüllt sei! Wagt es, euch von der Herde
abzusondern, die euch fortzieht! Jeder Mensch muß, so er ein wahrer
Mensch ist, lernen, allein innerhalb aller zu stehen, allein für alle zu
denken — wenn es nottut, sogar auch gegen alle! Aufrichtig denken heißt
für alle denken, selbst wenn man gegen alle denkt. Die Menschheit bedarf
derer, die ihr aus Liebe Schach bieten und sich gegen sie auflehnen,
wenn es not tut! Nicht indem ihr der Menschheit zuliebe euer Gewissen
und eure Gedanken fälscht, dient ihr der Menschheit, sondern indem ihr
ihre Unantastbarkeit gegen gesellschaftlichen Machtmißbrauch verteidigt;
denn sie sind Organe der Menschheit. Werdet ihr euch untreu, so seid ihr
untreu gegen sie.
S i e r r e, März 1917
R. R.
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[A] Diese Einleitung wurde im Dezember 1917 mit einer Episode des Romans
in Schweizer Zeitungen veröffentlicht. Eine beigegebene Notiz erklärte
den ursprünglichen Titel des Romans „_L’Un contre Tous_“:
„... Dieser Titel, der sich, nicht ohne Ironie, an jenen La Boëties „_Le
Contre-Un_“ durch Umkehrung anschließt, möge nicht zur Ansicht
verleiten, der Autor habe die Anmaßung, e i n e n Menschen der ganzen
Menschheit entgegenzustellen. Er ruft nur zu dem heute so notwendigen
Kampf des persönlichen Gewissens gegen die Masse auf.“
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