Es lebte einmal ein wohlhabender Bauerwirth mit seinem Weibe; es
mangelte ihnen an Nichts, vielmehr hatte Gott sie mit Allem reichlich
gesegnet, so daß sie in den Augen der Menschen als glücklich galten.
Aber eins fehlte ihnen doch, was kein Reichthum geben konnte, sie waren
kinderlos, wiewohl ihre Ehe schon über zehn Jahre dauerte.
Da geschah es eines Abends, als der Mann von Hause gegangen war und die
Frau allein im Zimmer saß, daß ihr die Zeit lang wurde und Unmuth sie
überfiel. »Da sind doch die Nachbarweiber viel glücklicher als ich,«
dachte die Frau. »Sie haben das Zimmer voll Kinder, um sich die Zeit zu
vertreiben; ist auch der Mann einmal von Hause, so brauchen sie doch
nicht allein zu sitzen. Ich aber habe Niemand weiter, den ich mein
nenne, wie ein verdorrter Baumstamm muß ich allein im leeren Gemache
hausen.« Während sie so dachte, traten ihr die Thränen in die Augen, und
ich weiß nicht, wie lange die Frau schon so kummervoll da gesessen
hatte, ohne zu bemerken, daß ein unerwarteter Gast in's Zimmer getreten
war. Plötzlich fühlte sie, daß etwas ihre Fußknöchel kitzele und meinte,
es sei die Katze, als sie aber die Augen an den Boden heftete, sah sie
einen zierlichen Zwerg zu ihren Füßen. »Ach!« rief sie erschreckt und
wollte aufspringen und fliehen, aber des Zwergleins Hände hielten sie
fest wie mit eisernen Zangen, so daß sie nicht von der Stelle konnte.
»Erschrick nicht, liebes junges Weib!« sagte der Zwerg freundlich --
»daß ich ungerufen kam deinen Sinn zu erheitern und deinen Gram zu
stillen; du bist allein, der lange Abend schleicht dem Menschen so träge
hin, dein Mann ist verreist und kommt erst nach einigen Tagen zurück.
Liebes junges Weib.« -- Die Frau unterbrach ihn unwillig: »Spotte nur
nicht, die Haube, welche ich bei der Hochzeit trug, schimmelt schon über
zehn Jahre in der Truhe und beweint, verwaist, die frühere bessere
Zeit.«[14] »Was thut's,« erwiederte der Zwerg, »Wenn die Frau noch
keinen Schweif hinter sich hat, und noch jugendlich und frisch ist wie
du, dann ist sie immer noch »junges Weib«, und du hast ja bis jetzt
keine Kinder gehabt, darfst dich also auch so nennen lassen.« »Ja,«
sagte die Frau, »das ist es eben, was mich oft so bekümmert, daß mein
Mann mich schon längst gering achtet, da er mich fruchtlos umarmt wie
einen dürren Stamm, der keine Zweige mehr treibt.« Der Zwerg aber sagte
tröstend: »Sorge nicht, du stehst noch nicht am Abend deiner Tage, und
ehe du ein Jahr älter geworden bist, werden deinem Stamm, den du für
vertrocknet hältst, drei Zweige entsprießen und den Eltern zur Freude
aufwachsen. Du mußt nun aber Alles so machen, wie ich dir jetzt anzeigen
werde. Wenn dein Mann wieder nach Hause kommt, so mußt du ihm drei Eier
von einer schwarzen Henne sieden und Abends zu essen geben. Wenn er dann
schlafen geht, so mache dir etwas auf dem Hofe zu schaffen und verweile
dort einige Zeit, bevor du an die Seite deines Mannes ins Bette
schlüpfst. Wenn die Zeit da ist, daß meine Worte in Erfüllung gehen, so
komme ich wieder. Bis dahin bleibe mein heutiger Besuch Allen ein
Geheimniß. Leb' wohl, liebes junges Weib, bis ich wiederkehre und:
Mutter! sage.« Darauf entschwand der Zwerg den Blicken der Frau, als
wäre er in die Erde gesunken. Das junge Weib -- ihr war der Name
kränkend -- rieb sich lange die Augen, als ob sie hinter die Wahrheit
kommen und sehen wollte, ob es Wirklichkeit oder Traum gewesen sei.
Wonach der Mensch sich sehnt, das hält er meist für wahr, und so war es
auch mit der Frau. Der seltsame Vorfall mit dem Zwerge kam ihr nicht
mehr aus dem Sinn, und als der Mann nach einigen Tagen heimkehrte, sott
die Frau drei Eier von einer schwarzen Henne gab sie ihm am Abend zu
essen und that sonst, wie ihr vorgeschrieben war.
Nach einigen Wochen traf ein, was der Zwerg vorausgesagt hatte. Mann und
Frau waren froh und konnten zuletzt kaum die lange Frist abwarten,
binnen welcher sich ihr Verlangen erfüllen sollte. Zur rechten Zeit kam
die Frau in die Wochen und brachte Drillinge zur Welt, lauter Knaben,
schön und gesund. Als die Wöchnerin schon wieder in der Genesung und der
Mann eines Tages von Hause gegangen war, um Taufgäste und Gevattern
zusammen zu bitten, kam der glückbringende Zwerg, die Wöchnerin zu
besuchen. »Guten Tag, Goldmutter!« rief der Zwerg in's Zimmer tretend.
»Siehst du jetzt, wie Gott deinen Herzenswunsch mit einem Male erfüllt
hat? Du bist Mutter dreier Knaben geworden. Da siehst du, daß meine
Prophezeiung keine leere war, und du kannst jetzt um so leichter
glauben, was ich dir heute sagen werde. Deine Söhne werden weltberühmte
Männer werden und werden dir noch viele Freude machen vor deinem Tode.
Zeige mir doch deine Bübchen!« Mit diesen Worten war er wie eine Katze
auf den Rand der Wiege geklettert, nahm ein Knäulchen rothen Garns aus
der Tasche und band dem einen Knaben einen Faden um beide Fußknöchel,
dem andern wieder um die Handgelenke und dem dritten über die
Augenlieder um die Schläfen herum. »Diese Fäden,« so lautete des Zwerges
Vorschrift, mußt du so lange an ihrer Stelle belassen, bis die Kinder
zur Taufe geführt werden; dann verbrenne die Fäden, sammle die Asche in
einem kleinen Löffel und netze sie, wenn die Kinder nach Hause gebracht
werden, mit etwas Milch aus deiner Brust. Von dieser stärkenden
Aschenmilch mußt du jedem Knaben ein Paar Tropfen auf die Zunge gießen,
ehe du ihm die Brust reichst. Dadurch wird jeder von ihnen da stark
werden, wo der Faden haftete, der eine an den Füßen, der andere an den
Händen und der dritte an den Augen, so daß ihres Gleichen nicht sein
wird auf der Welt. Jeder wird schon mit seiner eigenen Glücksgabe Ehre
und Reichthum finden, wenn sie aber selbdritt etwas unternehmen, so
können sie Dinge ausrichten, die man nicht für möglich halten würde,
wenn man sie nicht vor Augen sähe. Mich wirst du nicht mehr wiedersehen,
aber du wirst dich wohl noch manches Mal dankbar meiner erinnern, wenn
deine Knäblein zu Männern herangewachsen sind und dir Freude machen
werden. Und jetzt sage ich dir zum letzten Male Lebewohl, liebe junge
Mutter! -- Mit diesen Worten war der Zwerg wieder, wie das erste Mal,
plötzlich verschwunden.
Die Wöchnerin that sorgfältig Alles, was ihr in Betreff der Kinder
vorgeschrieben war. Sie verbrannte am Tauftage die rothen Fäden zu
Asche, ließ, als die Kinder aus der Kirche nach Hause gebracht wurden,
Milch aus ihrer Brust auf die Asche fließen und goß von dieser
Kraftmilch jedem Kinde ein Paar Tropfen auf die Zunge, ehe sie ihm die
Brust reichte. Doch sagte sie Anfangs weder ihrem Manne noch sonst
jemanden ein Wort von den wunderbaren Dingen, die ihr mit dem Zwerge
begegnet waren.
Die Kinder wuchsen alle drei blühend heran und gaben, als sie fest auf
ihren Füßen standen, Proben großer Klugheit. Doch zeigte sich schon von
früh auf, daß bei jedem die durch den Wunderfaden gekräftigten Glieder
am tüchtigsten waren: bei dem einen die Augen, bei dem andern die Hände
und bei'm dritten die Füße. Deßhalb nannten die Eltern sie später je
nach ihrer Hauptstärke, den ersten _Scharfauge_, den zweiten _Flinkhand_ und
den dritten _Schnellfuß_. Als nach einigen Jahren die Brüder in's
Jünglingsalter getreten waren, beschlossen sie, im Einvernehmen mit
ihren Eltern, in die Fremde zu ziehen, wo jeder durch seine Stärke und
Geschicklichkeit Dienste und Lohn zu finden hoffte. Und zwar wollte
jeder der Brüder für sich allein den Weg zum Glücke antreten, der eine
gen Morgen, der andere gen Mittag und der dritte gen Abend; nach drei
Jahren aber wollten sie alle drei wieder zu den Eltern zurückkommen und
melden, wie es ihnen in fremden Landen ergangen sei.
_Schnellfuß_ nahm den Weg gen Morgen, von ihm müssen wir nun zuerst
erzählen. Daß er mit seinen mächtigen Schritten viel rascher vorwärts
kam als seine Brüder, das kann Jeder leicht ermessen, denn wo die Meilen
einem Manne unter den Füßen schwinden, ohne daß diese ermüden, da wird
ihm das Wandern nicht beschwerlich. Gleichwohl sollte er die Erfahrung
machen, daß flinke Beine wohl überall einen Menschen aus einer Gefahr
befreien können, aber nicht so leicht zu Amt und Brod verhelfen: denn
Hände sind aller Orten nöthiger als Füße. _Schnellfuß_ fand erst nach
geraumer Zeit bei einem Könige in Ostland einen festen Dienst. Der König
besaß große Roßherden, unter denen viele stätische Renner waren, die
kein Mensch fangen konnte, auch nicht einmal zu Roß. Aber mit _Schnellfuß_
konnte kein Pferd Schritt halten, der Mann war immer schneller als das
Roß. Was früher funfzig Pferdehirten zusammen nicht ausrichten konnten,
das besorgte er ganz allein und ließ nie ein Pferd von der Herde
wegkommen. Darum zahlte ihm der König unweigerlich den Lohn von funfzig
Hirten, und machte ihm außerdem noch Geschenke. Die flüchtigen Schritte
des neuen Roßhirten hatten Windesschnelle, und wenn er vom Abend bis zum
Morgen die ganze Nacht durch oder vom Morgen bis zum Abend den Tag über
gelaufen war, ohne auszuruhen, so war er doch nicht müde, sondern konnte
am andern und am dritten Tage wieder eben so viel laufen. Es geschah
oft, daß die Rosse, bei heißem Wetter von Bremsen gestochen, nach allen
Seiten hin auseinander fuhren und viele Meilen weit rannten: aber
dennoch war am Abend die ganze Herde wieder beisammen. Da gab einst der
König ein großes Gastmahl, zu welchem viele vornehme Herren und Fürsten
geladen waren. Während des Festes hatte der König seinen Gästen viel von
seinem schnellfüßigen Roßhirten erzählt, so daß alle den Wundermann zu
sehen begehrten. Manche meinten, es dürfe wohl nicht Wunder nehmen, wenn
die in der Herde aufgezogenen und an den Hirten gewöhnten Rosse sich
einfangen ließen; das allerstörrigste Pferd höre auf des Herrn Wort und
komme auf dessen Ruf. Aber gebt ihm einmal ein Pferd aus einem fremden
Stalle, das ihn nicht kennt, dann werden wir sehen, wie weit die
Schnelligkeit des Mannes gegen die des Rosses kommt. Da ließen einige
fremde Herren die bestgefütterten und feurigsten Rosse aus ihren Ställen
herführen und dann ins Freie treiben, auf daß _Schnellfuß_ sie einfange.
Das war dem Hirten mit den beflügelten Füßen eine Kleinigkeit, denn auch
ein gestandennes, wohlgenährtes Pferd kann doch nicht mit Einem um die
Wette laufen, der wie ein Vogel des Waldes gewohnt ist, Nacht und Tag
sich zu rühren. Die fremden Herrschaften priesen die Schnellfüßigkeit
des Mannes und schenkten ihm viel goldene und silberne Münzen,
versprachen auch daheim von ihm zu reden, damit man erfahre, wo solch'
ein Mann zu finden sei. Bald darauf war im ganzen Ostlande der Name
_Schnellfuß_ berühmt geworden, und wenn irgend ein König einmal einen
schnellen Boten brauchte, so wurde _Schnellfuß_ gemiethet, der dann
reichen Lohn und außerdem noch Geschenke erhielt, damit er sich ein
anderes Mal wieder willig finden ließe. Als er nach drei Jahren sich
aufmachte um in die Heimath zurückzukehren, hatte er soviel Geld und
Schätze gesammelt, daß er zwanzig Pferde damit beladen konnte, welche
ihm der König geschenkt hatte.
Der zweite Bruder, _Flinkhand_, der gen Mittag gezogen war, fand aller
Orten lohnenden Dienst; alle Meister brauchten seine Arbeit, weil kein
anderer Gesell so geschickt war und so viel fertig machte wie er. Obwohl
er nicht in einer Zunft ein bestimmtes Handwerk erlernt hatte, so
gerieth in seiner geschickten Hand doch jegliche Arbeit; er war
Schneider, Schuster, Tischler, Drechsler, Gold- und Grobschmied, oder
was sonst dergleichen, und es war auf der Welt kein Meister zu finden,
dem er nicht zum Gesellen getaugt hätte. Einmal war er bei einem
Schneidermeister auf Stücklohn in Arbeit und nähte in einem Tage zwanzig
Paar Hosen, ein anderes Mal machte er für einen Schuster in eben der
Zeit ebensoviel Paar Stiefel fertig. Dabei war Alles, was er machte, so
vollkommen, daß, wer einmal seine Arbeit kennen gelernt hatte, von
derjenigen anderer Meister und Gesellen nichts mehr wissen wollte.
_Flinkhand_ hätte bei jedem Handwerk ein reicher Mann werden können, wenn
er irgendwo längere Zeit hätte aushalten können, allein er sehnte sich
darnach, die weite Welt zu sehen und streifte deßhalb gewöhnlich von
einem Ort zum andern. So kam er auch einmal in eine Königsstadt, wo er
Alles in großer Bewegung fand. Es sollten Truppen gegen den Feind
ausgesandt werden, aber es mangelte an Kleidern, an Fuß- und
Kopfbedeckung und auch an Waffen. Und obgleich überall Meister und
Gesellen von früh Morgens bis Mitternacht eifrig arbeiteten und sogar
Sonntags und Montags nicht feierten, so konnten sie doch in der kurzen
Zeit nicht soviel anfertigen, wie der König wollte. Zwar wurde nah und
fern nach Gesellen gesucht, die helfen sollten, aber des Fehlenden war
so viel, daß all' die Arbeit nicht hinreichend schien, es herzustellen.
Eines Tages nun trat _Flinkhand_ in des Königs Schloß und wünschte den
König zu sprechen. Dann sagte er: »Geehrter König! ich höre von den
Leuten, daß ihr sehr eilige Arbeiten braucht. Ich bin ein weitgereister
Meister und kann vielleicht die Arbeiten übernehmen, wenn wir Handels
einig werden und ihr mir die Frist nennt, binnen welcher sie fertig sein
müssen.« Als der König die Frist genannt hatte, sagte _Flinkhand_: »Lasset
alle Meister der Stadt zusammenrufen und befragt sie, ob sie bis zu dem
genannten Tage mit den Arbeiten fertig werden können, wenn das nicht der
Fall ist, so übernehme ich Alles, aber den Arbeitslohn habt ihr dann mir
allein zu zahlen.« -- »Das wäre schon recht,« erwiederte der König,
»wenn ihr so viele Gesellen bekommen könntet, aber das ist ja eben, was
unsern städtischen Meistern fehlt, sie finden nicht genug Arbeiter.« --
»Das sei meine Sorge,« erwiederte _Flinkhand_. Den andern Tag wurden alle
Meister der Stadt in das Schloß gerufen und gefragt, wann Jeder mit
seiner Arbeit fertig zu werden glaube, worauf einige vier und fünf
Monate, andere noch mehr Zeit verlangten. »Nun,« sagte _Flinkhand_ zum
Könige, »wenn ihr mir für drei Monate den doppelten Lohn versprecht, so
will ich allein all' die Arbeit übernehmen, mit der die Andern wohl erst
in einem halben Jahre zu Stande kämen.« Das schien indeß dem Könige so
wunderbar und so unglaublich, daß er besorgte, man wolle ihm einen
Possen spielen und deßhalb fragte: »Was für eine Bürgschaft kannst du
mir geben, daß du deine Versprechungen erfüllen wirst?« _Flinkhand_
erwiederte: »Geld und Kostbarkeiten, die ich als Schadenersatz bieten
könnte, habe ich freilich nicht, aber wenn ihr mein Leben zum Pfande
wollt, so ist unser Handel bald geschlossen. Damit ihr aber auch nicht
die Katze im Sack zu kaufen braucht, will ich euch morgen eine
Probearbeit bringen.« Das war der König zufrieden. Die Gesellen aber
meinten untereinander, wenn er doppelte Zahlung erhält, so muß er uns
auch doppelten Arbeitslohn geben, sonst werden wir ihm nicht helfen. Als
der König am folgenden Tage die Probearbeit gesehen hatte, war er sehr
zufrieden damit, und obwohl alle übrigen Meister vor Neid bersten
wollten, konnte doch keiner die Arbeit tadeln. Jetzt machte sich
_Flinkhand_ wie ein Mann an's Werk. War ihm auch früher schon alle Arbeit
von der Hand geflogen, so war doch die Hurtigkeit, die er jetzt von früh
bis spät entfaltete, mehr als wunderbar; kaum nahm er sich soviel Zeit,
um zu essen und in der Nacht ein wenig, wie ein Vogel auf dem Ast, zu
ruhen. Zwei Wochen vor der bedungenen Frist war aller Bedarf für die
Soldaten fertig und dem Könige abgeliefert. Der König zahlte den für
drei Monate bedungenen Preis doppelt, und fügte fast eben soviel noch
als Geschenk hinzu. Dann sagte er: »Lieber kluger Meister! ich möchte
mich von dir nicht so schnell trennen. Hast du nicht Lust mit dem Heere
gegen die Feinde zu ziehen? Wer so geschickt alle Arbeiten anzufertigen
weiß, aus dem kann sicher auch der allerbeste Kriegsmann werden.«
_Flinkhand_ erwiederte: »Vielleicht verhält sich die Sache so, wie ihr,
geehrter König, meint, aber aufrichtig gesagt: ich habe, so lang ich
lebe, das Kriegshandwerk noch nicht versucht, sondern bis jetzt nur
unblutige Arbeit gethan. Ueberdieß rückt auch die Zeit heran, wo die
Eltern mich zu Hause erwarten; nehmt es darum nicht übel, wenn ich eurem
Verlangen diesmal nicht entsprechen kann.« So schied er von der
Königsstadt, wo er in kurzer Zeit zum reichen Manne geworden war. Er
hatte noch über ein halbes Jahr bis zur Heimreise, darum streifte er von
einem Orte zum andern und wenn er sich irgendwo länger aufhielt, so
arbeitete er, um das Reisegeld zusammenzubringen, denn er wollte sein
angesammeltes Vermögen nicht angreifen.
Der dritte Bruder, _Scharfauge_, der seinen Weg gen Abend genommen hatte,
schweifte lange von einem Orte zum andern, ohne einen passenden und
lohnenden Dienst zu finden. Als geschickter Schütze konnte er zwar
allenthalben soviel erwerben, um seinen täglichen Unterhalt zu
bestreiten, aber was hatte er dann bei der Heimkehr mit nach Hause zu
bringen? Mit der Zeit war er auf seiner Wanderung in eine große Stadt
gerathen, wo man nur von dem Unglück sprach, das den König schon drei
Mal getroffen hatte, und das Niemand zu begreifen, geschweige zu
verhüten vermochte. Die Sache verhielt sich so. Der König hatte in
seinem Garten einen kostbaren Baum, der wie ein Apfelbaum aussah, aber
goldene Aepfel trug, von denen manche so groß waren wie ein großes
Knäuel Garn, und viele tausend Rubel werth sein mochten. Es läßt sich
denken, daß ein solches Obst nicht ungezählt blieb, und daß Nacht und
Tag Wachen rings umher standen, um jeden Diebstahl zu verhüten. Trotzdem
war schon drei Nächte hintereinander immer einer der größeren Aepfel
gestohlen worden; man schätzte den Werth eines solchen auf sechstausend
Rubel. Die Wachen hatten weder den Dieb gesehen noch seine Spur
gefunden. _Scharfauge_ dachte sich gleich, daß hier eine ganz besondere
List obwalte, die er mit seinem durchdringenden Blick wohl herausbringen
könnte. Er meinte, wenn der Dieb nicht körperlos und unsichtbar zum
Baume kommt, so wird er meinem scharfen Auge nicht entgehen. Er bat
deßhalb den König um die Erlaubniß, sich in den Garten begeben zu
dürfen, um ohne Vorwissen der Wächter seine Beobachtungen anzustellen.
Als er die Erlaubniß erhalten hatte, machte er sich im Wipfel eines
hohen Baumes, der nicht weit von dem Goldapfelbaume stand, ein Versteck
zurecht, wo Niemand ihn gewahr werden konnte, während sein scharfes Auge
überall hin reichte und Alles, was vorging, sehen konnte. -- Brotsack
und Milchfäßchen nahm er mit sich, damit er nicht genöthigt wäre seinen
Schlupfwinkel zu verlassen, falls das Wachen sich in die Länge zöge. Den
Goldapfelbaum und was rings um denselben vorging, behielt er nun
unausgesetzt im Auge. Die Wachtsoldaten hatten um den Baum herum drei so
dichte Kreise geschlossen, daß kein Mäuslein unbemerkt hätte
durchschlüpfen können. Wenn der Dieb nicht etwa Flügel hatte, auf dem
Boden konnte er nicht an den Baum gelangen. Den ganzen Tag über bemerkte
Scharfauge nichts, was einem Diebe ähnlich gesehen hätte. Bei
Sonnenuntergang flatterte ein kleiner gelber Schmetterling um den
Apfelbaum herum, bis er sich endlich auf einen seiner Zweige niederließ,
an welchem gerade ein sehr schöner Apfel hing. Daß ein kleiner
Schmetterling keinen goldenen Apfel vom Baume fortbringen konnte,
begreift Jeder so gut wie _Scharfauge_, allein da dieser nichts Größeres
gewahr wurde, so verwandte er kein Auge von dem gelben Schmetterling.
Die Sonne war längst untergegangen und auch die Abendröthe verschwand
allmählich vom Horizont, aber die um den Baum herum aufgestellten
Laternen gaben so viel Licht, daß man Alles sehen konnte. Der gelbe
Schmetterling saß immer noch unbeweglich auf seinem Zweige. Es mochte um
Mitternacht sein, als dem Wächter auf dem Baume die Augen ein wenig
zufielen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, als aber
seine Augen wieder auf den Apfelbaum fielen, sah er, daß der gelbe
Schmetterling nicht mehr auf dem Zweige saß, -- noch mehr erschrak er,
als er entdeckte, daß auch der herrliche Goldapfel von diesem Zweige
verschwunden war. Ein Diebstahl war geschehen, daran war nicht zu
zweifeln, allein wenn der geheime Wächter die Sache erzählt hätte, so
würden die Leute ihn für verrückt gehalten haben, denn soviel konnte ein
Kind einsehen, daß ein Schmetterling nicht im Stande war, den Goldapfel
weg zu tragen. Am Morgen gab es wieder großen Lärm, als man fand, daß
ein Apfel fehle, ohne daß einer der Wächter eine Spur vom Diebe gesehen
hätte. Da trat _Scharfauge_ abermals vor den König und sagte: »Ich habe
zwar den Apfeldieb ebensowenig gesehen wie eure Wachen, aber wenn ihr in
der Stadt oder in der Nähe derselben einen zauberkundigen Mann habt, so
weiset mich zu ihm, mit seiner Hülfe hoffe ich künftige Nacht des Diebes
habhaft zu werden.« Als er erfahren hatte, wo der Zauberer zu finden
sei, ging er unverzüglich zu ihm. Die Männer rathschlagten dann, wie sie
die Sache wohl am besten anfangen könnten. Nach einiger Zeit rief
_Scharfauge_ »Ich habe einen Plan! kannst du durch Zauber einem
Spinngewebe solche Festigkeit geben, daß die Fäden auch das stärkste
Geschöpf festhalten, dann legen wir den Dieb in Fesseln, so daß er uns
nicht wieder entrinnt.« Der Zauberer sagte, das sei möglich; nahm drei
große Kreuzspinnen, machte sie durch Hexenkraft so stark, daß kein
Geschöpf sich aus ihrem Gewebe losmachen konnte, that sie in ein
Schächtelchen und gab sie dem _Scharfauge_. »Setze diese Spinnen, wohin du
willst, und zeige ihnen mit dem Finger an, wie sie ihr Netz ziehen
sollen, so spinnen sie alsbald einen Käfig um den Gefangenen, aus
welchem nur Mana's[15] Weisheit erlösen kann; übrigens eile ich dir zu
Hülfe, wenn es dessen bedarf.«
_Scharfauge_ schlüpfte mit dem Schächtelchen im Busen wieder auf seinen
Baum, um den Verlauf der Sache zu überwachen. Zu derselben Zeit wie
gestern sah er den gelben Falter wieder um den Apfelbaum her schweben,
aber es dauerte heute viel länger als gestern, ehe sich der
Schmetterling auf einen Zweig setzte, an welchem ein großer Goldapfel
hing. Sofort ließ sich Scharfauge von seinem Baume herunter, näherte
sich dem Goldapfelbaum, ließ eine Leiter anlegen, kletterte sachte
hinauf, um den Schmetterling nicht zu scheuchen, und setzte seine
kleinen Weber je auf drei Zweige. Eine Spinne kam so einige Spannen über
dem Schmetterling, die andere zu seiner Rechten, die dritte zu seiner
Linken zu sitzen; dann beschrieb Scharfauge mit dem Finger eine Linie in
die Kreuz und die Quer um den Schmetterling herum. Dieser saß mit
aufgerichteten Flügeln unbeweglich da. Mit Sonnenuntergang war der
Wächter wieder in seinem Baumversteck. Von da aus sah er zu seiner
Freude, wie die drei Gesellen um den Schmetterling her von allen Seiten
ein Gehege machten, aus welchem das Männlein nicht hoffen durfte zu
entkommen, wenn anders die Kraft, deren der Zauberer sich gerühmt hatte,
sich bewähren würde. Wohl suchte unser Mann auf seinem Baume sich vor
dem Einschlummern zu hüten, aber dennoch waren ihm mit einem Male die
Augen zugefallen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, aber
ein großer Lärm hatte ihn plötzlich aufgeweckt. Als er hinsah, nahm er
wahr, daß die Wachtsoldaten wie die Ameisen um den Goldapfelbaum herum
liefen und tobten; auf dem Baume aber saß ein alter graubärtiger Mann,
einen Goldapfel in der Faust, in einem eisernen Netze. Hurtig stieg
_Scharfauge_ von seinem Wipfel herunter, aber ehe er den Goldapfelbaum
erreicht hatte, war auch schon der König da, der bei dem Lärm der Wachen
aus dem Bette gesprungen und herbeigeeilt war, um zu sehen, was sich
Unerwartetes in seinem Garten zutrug. Da saß nun der Dieb im Eisenkäfig
und konnte nirgends hin »Geehrter König,« sagte dann _Scharfauge_: »jetzt
könnt ihr euch ruhig niederlegen und bis zum hellen Morgen schlafen,
der Dieb entkommt uns nicht mehr. Wäre er auch noch so stark, so kann er
doch die durch Hexenkraft entstandenen Maschen seines Käfigs nicht
zerreißen.« Der König dankte und befahl dem Haupthaufen der
Wachtsoldaten ebenfalls schlafen zu gehen, so daß nur noch einige unter
dem Baume auf Wache blieben; _Scharfauge_, der zwei Nächte und zwei Tage
gewacht hatte, ging ebenfalls um auszuschlafen.
Am andern Morgen ging er mit dem Zauberer in des Königs Schloß. Der
Zauberer war froh, als er den Dieb im Käfig fand und wollte ihn auch
nicht eher herauslassen, als bis das Männlein seine wahre Gestalt
gezeigt haben würde. Zu dem Ende schnitt er ihm den halben Bart unter
dem Kinne ab, ließ Feuer bringen und fing an die Barthaare zu sengen. O
der Pein und Qual, welche der Vogel im Eisenkäfig jetzt auszustehen
hatte![16] Er schrie jämmerlich und überschlug sich vor Schmerz, aber
der Zauberer ließ nicht ab, sondern sengte immer mehr Haare, um den Dieb
mürber zu machen. Dann rief er: »Bekenne, wer du bist?« Das Männlein
antwortete: »Ich bin des Hexenmeisters _Piirisilla_ Knecht, den sein Herr
ausgeschickt hat zu stehlen.« Der Zauberer begann wieder die Barthaare
zu sengen. »Au, au!« schrie der Hexenmeister, »laßt mir Zeit, ich will
bekennen! Ich bin nicht der Knecht, ich bin des Hexenmeisters Sohn.«
Abermals wurden Haare gesengt, da rief der Gefangene heulend: »Ich bin
der Hexenmeister Piirisilla selbst.« »Zeige uns deine natürliche
Gestalt -- oder ich senge wiederum,« befahl der mächtige Zauberer. Da
begann das Männlein im Käfig sich zu strecken und auszudehnen, und war
in wenig Augenblicken zu einem gewöhnlichen Manne angewachsen, der die
Entwendung der Goldäpfel ohne Umschweife eingestand. Jetzt wurde er
sammt dem Käfige vom Baume heruntergenommen und gefragt, wo das
Gestohlene versteckt sei? Er versprach die Stelle selbst zu zeigen, aber
_Scharfauge_ bat den König, den Dieb ja nicht aus dem Käfig zu lassen,
denn sonst könnte er sich wieder in einen Schmetterling verwandeln und
ihnen entkommen. Ehe er aber alle Diebslöcher angab, mußte er noch
manches Mal gesengt werden, und als endlich alle Goldäpfel
herbeigeschafft waren, wurde der böse Dieb im Käfig verbrannt und seine
Asche in die Luft gestreut.
Als der König seinen Schatz wieder hatte, zahlte er dem _Scharfauge_ einen
sehr großen Lohn, so daß er auf ein Mal wohl noch reicher ward als seine
beiden Brüder. Der König hätte ihn gern in seine Dienste genommen, aber
_Scharfauge_ sagte: »Ich kann jetzt keinen Dienst mehr annehmen, sondern
muß nach Hause, um meine Eltern zu sehen.« Darauf schenkte ihm der König
Pferde, Wagen und Diener, welche ihm seine Reichthümer nach Hause
brachten.
Als nun die Brüder im elterlichen Hause wieder beisammen waren, fanden
sie sich so reich, daß sie mehr als ein halbes Königreich hätten kaufen
können. Die Mutter erinnerte sich jetzt, wie der glückbringende Zwerg
das Alles zu Wege gebracht hatte, aber sie verschwieg den wunderbaren
Vorfall. Reichthum war jetzt in solchem Maße vorhanden, daß die Söhne
gewiß nicht nöthig gehabt hätten sich einen neuen Dienst zu suchen; aber
wo fände man wohl auf der Welt den Reichen, der mit seiner Habe
zufrieden wäre und dieselbe nicht immer noch zu mehren suchte? Als die
Brüder später erfuhren, daß eines überaus reichen Königs Tochter im
Nordlande demjenigen zu Theil werden sollte, der drei besonders
schwierige Dinge ausführen könnte, die bis dahin noch keinem möglich
gewesen waren -- beschlossen sie einmüthig, die Sache zu versuchen. Es
waren schon Leute genug von weit und breit erschienen, um sich daran zu
versuchen, aber Keiner war im Stande gewesen die Aufgaben zu lösen,
denen ihre Kräfte nicht gewachsen waren. Einem Einzelnen zumal war es
ganz unmöglich das Verlangte zu vollbringen. Als die Brüder den
Entschluß gefaßt hatten, machten sie sich selbdritt auf den Weg, und
damit sie rascher vorwärts kämen, trug _Schnellfuß_ die beiden Andern von
Zeit zu Zeit auf seinem Rücken weiter. Weil nun aber die Arbeit von
_einem_ Manne gethan werden sollte, so konnten sie nicht alle drei
zugleich vor den König treten. _Schnellfuß_ wurde ausgesandt,
Erkundigungen einzuziehen. Die drei Probestücke, welche der künftige
Schwiegersohn des Königs ausführen sollte, waren folgende: Erstens
sollte er einen Tag mit einer großen Rennthierkuh auf die Weide gehen
und Sorge tragen, daß ihm das windschnelle Thier nicht davon laufe;
Abends mit Sonnenuntergang sollte er es wieder in den Stall bringen.
Zweitens sollte er Abends das Schloßthor verschließen. Das dritte
Probestück erschien als das schwerste. Er sollte nämlich mit seinem
Bogen einen Apfel wegschießen, dessen Stiel ein Mann auf einem hohen
Berge im Munde hielt, ohne daß der Mann Schaden nähme, und so, daß der
Pfeil mitten durch den Apfel ginge. Die beiden ersten Arbeiten schienen
wohl nicht so schwer, doch hatte Niemand sie bisher ausführen können,
und zwar deßhalb, weil es nicht mit rechten Dingen zuging. Die
Rennthierkuh besaß nämlich eine so wunderbare Schnelligkeit, daß sie in
einem Tage von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch die ganze Welt
hätte laufen können. Wie konnte ein Mensch mit ihr aushalten? Bei dem
zweiten Probestück war Hexerei im Spiel. Eine Hexe hatte sich in den
eisernen Pfortenriegel verwandelt, und wenn der Mann die Leiter
hinanstieg, um den Riegel anzufassen, so packte sie mit höllischer Kraft
die Hand des Unglücklichen, und keine Gewalt konnte sie befreien, bis
die Hexe selber los ließ. Das war aber noch nicht Alles -- in demselben
Augenblicke, wo die Hand festgeklemmt war, fing der Pfortenflügel an,
wie vom Winde geschüttelt hin und her zu tanzen. So mußte der an der
Hand festgehaltene Mann bis zum Morgen wie ein Glockenschwengel hin und
her baumeln, und wenn er endlich losgelassen wurde, war er mehr todt als
lebendig. Obendrein lachten der König und die Leute über sein Unglück
und er mußte mit Schande abziehen; auch hatten sich Viele die Schultern
so verrenkt, daß sie zeitlebens nicht mehr arbeiten konnten. Die dritte
Aufgabe konnte nur einem geschickten Schützen gelingen, dessen Hand und
Auge gleich fest und sicher waren. Als Schnellfuß dies Alles erfahren
hatte, ging er nicht gleich zum Könige, sondern suchte erst seine Brüder
wieder auf, die ihn vor der Stadt erwarteten. Nachdem sich die Männer
berathen hatten, fanden sie, daß sie zu Dreien diese Dinge wohl zu
Stande bringen könnten, das Verdrießliche war nur, daß sie in den Augen
des Königs als Einer erscheinen mußten, wenn sie den versprochenen
Kampflohn erringen wollten. Die schlauen[17] Brüder beschnitten also
ihre Bärte auf gleiche Weise, so daß keinem weder auf der Oberlippe noch
unter dem Kinn die Haare dichter standen als dem andern; und da sie als
Söhne einer Mutter und als Drillinge an Körperbildnug und Geberde wenig
verschieden waren, so konnte ein fremdes Auge den Betrug nicht
herausfinden. Sie ließen sich dann einen gar prächtigen fürstlichen
Anzug machen, der aus Seide und dem kostbarsten Sammet bestand und mit
Gold und blitzenden Edelsteinen verziert war, so daß Alles glänzte und
schimmerte, wie der Sternenhimmel in einer klaren Winternacht. Ehe sie
sich anschickten, die Probearbeiten zu unternehmen, gelobten sich die
Brüder mit einem Eide, daß nur das Loos entscheiden solle, wer von ihnen
des Königs Schwiegersohn werden sollte. Da nun die starken Brüder auf
diese Weise allen künftigen Mißhelligkeiten vorgebeugt hatten,
schmückten sie eines Tages _Schnellfuß_ mit den prächtigen Kleidern und
schickten ihn zum Könige, damit er die Rennthierkuh auf die Weide führe.
Ging die Sache nach Wunsch, so war der erste große Stein hinweggewälzt,
der bis jetzt alle dreier verhindert hatte, die Brautkammer zu betreten.
_Schnellfuß_ trat so stolz vor den König hin, als wäre er ein geborener
Königssohn, grüßte mit Anstand und bat um Erlaubniß, das Probestück am
andern Morgen zu versuchen. Der König gab sie, fügte aber hinzu: »Gut
wäre es, wenn ihr schlechtere Kleider anzöget, denn unsere Rennthierkuh
läuft unbekümmert durch Sumpf und Moor, immer gerade aus, da könntet ihr
die theuren Kleider verderben.« _Schnellfuß_ erwiederte: »Wer eure Tochter
freien will, was macht sich der aus Kleidern?« und ging dann zur Ruhe,
um den andern Tag desto munterer zu sein. Des Königs Tochter, die
heimlich durch eine Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht hatte,
sagte seufzend: »Wenn ich doch dem Rennthier Fußfesseln anlegen könnte,
ich thäte es, um diesen Mann zum Gemahle zu erhalten.«
Als den andern Morgen die Sonne aufgegangen war, band _Schnellfuß_ der
Rennthierkuh einen Halfterstrang[18] um den Hals und nahm das andere
Ende in die Faust, damit die Kuh sich nicht zu weit entfernen könnte.
Als die Stallthür geöffnet wurde, schoß die Kuh wie der Wind davon, der
Hirte aber lief den Halfter festhaltend neben ihr her, und blieb keinen
Schritt zurück. Der König und die Zuschauer aus der Stadt erstaunten
über die wunderbare Schnelligkeit des Mannes, denn bis hierzu hatte noch
Keiner auch nur ein paar hundert Schritt weit neben der Kuh herlaufen
können. Wiewohl _Schnellfuß_ sobald keine Ermüdung zu fürchten hatte, so
hielt er es doch für gerathen, die Kuh zu besteigen, sobald er den
Leuten aus den Augen war. Er sprang auf den Rücken des Thieres, hielt
sich am Halfter fest und ließ sich weiter tragen. Es war noch früh am
Morgen, als die Rennthierkuh schon merkte, daß von diesem Hirten nicht
loszukommen sei; sie hielt den Schritt an und rupfte das Gras vom Boden.
_Schnellfuß_ sprang ab und warf sich unter einen Busch, um auszuruhen,
hielt aber den Halfter fest, damit die Kuh nicht davon liefe. Als die
Sonne um Mittag brannte, legte sich auch die Kuh neben ihn in den
Schatten und fing an wiederzukäuen. Nach Mittag versuchte das Thier noch
einige Mal die Schnelligkeit seiner Beine, um dem Hirten zu entkommen,
aber dieser war wie der Wind wieder auf dem Rücken der Kuh, so daß er
seine Beine nicht anzustrengen brauchte. Sehr groß war das Erstaunen des
Königs und der Leute, als sie bei Sonnenuntergang sahen, wie die
störrige Rennthierkuh gleich dem frömmsten Lamme mit ihrem Hirten heim
kehrte. _Schnellfuß_ führte sie in den Stall, verschloß die Thür und
speiste dann auf Einladung des Königs an dessen Tafel. Nach dem
Abendessen verabschiedete er sich, indem er sagte, er wollte zeitig zur
Ruhe gehen, um die Ermüdung des Tages los zu werden.
Allein er ging nicht zur Ruhe, sondern begab sich zu seinen Brüdern, die
seiner im Walde harrten. Den anderen Tag sollte _Flinkhand_ die prächtigen
Kleider anziehen und zum Könige gehen, um das zweite Probestück
auszuführen. Der König, welcher ihn für den Mann von gestern hielt,
lobte seine Hirtenarbeit und wünschte ihm Glück zu seiner heutigen
Aufgabe, nämlich am Abend die Pforte zu verschließen. Des Königs Tochter
hatte wieder durch die Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht
und sagte seufzend: »Wenn ich könnte, ich schaffte die böse Hexe von der
Pforte fort, damit diesem theuren Jünglinge kein Leid geschähe, den ich
mir zum Gemahl wünsche.«
_Flinkhand_, der genau wußte, wie es sich mit dem Pfortenriegel verhielt,
ging vom Könige gerades Wegs zum Schmied und ließ sich eine starke
eiserne Hand machen. Als am Abend alle Welt im Schlosse zur Ruhe
gegangen war, machte er Feuer an und ließ darin die Eisenhand
rothglühend werden. Darauf stellte er eine Leiter gegen die Pforte, denn
seine Körperlänge reichte nicht hinan. Von der Leiter aus legte er die
glühende Eisenhand an den Riegel, und in demselben Augenblick hatte die
Hexe, die darin steckte, zugepackt und die Hand ergriffen, welche sie
für eine natürliche hielt. Als sie aber den brennenden Schmerz fühlte,
fing sie so an zu brüllen, daß alle Wände bebten und viele Schläfer im
Schloß durch den Lärm aufgeweckt wurden. Aber _Flinkhand_ hatte in
demselben Augenblick, wo die Eisenhand ihn selbst vor dem Griffe der
Hexe geschützt hatte, den Riegel vorgeschoben, so daß die Pforte
verschlossen war. Gleichwohl blieb er wach, bis der König am Morgen
aufstand und die Sache selbst in Augenschein nahm. Die Pforte war noch
verriegelt. Der König lobte die Geschicklichkeit des Jünglings, der
schon zwei schwierige Arbeiten ausgeführt hatte und lud ihn zu Mittag zu
Gaste. _Flinkhand_ aß sich an des Königs Tafel satt und wußte sich auch
angenehm zu unterhalten, bis er endlich um Erlaubniß bat, nach Hause zu
gehen, und auszuruhen, da er die ganze vorige Nacht kein Auge zugethan,
auch noch mancherlei Vorbereitungen für den kommenden Tag zu treffen
habe. Er ging dann in den Wald, wo die Brüder ihn längst erwarteten und
wissen wollten, wie das Probestück abgelaufen wäre. Da nun die starken
Brüder sich einander nicht beneideten und keiner voraus wissen konnte,
wen endlich das Glück treffen würde, Schwiegersohn des Königs zu werden,
so freuten sie sich gemeinschaftlich des gelungenen Werkes.
Am folgenden Morgen wurde _Scharfauge_ mit dem prächtigen königlichen
Anzuge bekleidet und ausgeschickt, um das dritte Probestück auszuführen.
Nicht minder stolz und anmuthig wie die beiden andern Brüder trat er vor
den König, und bat um die Erlaubniß, das letzte Probestück zu
unternehmen. Der König sagte: »Ich freue mich sehr, daß es euch möglich
gewesen ist zwei Arbeiten zu vollbringen, welche bis auf den heutigen
Tag noch Keiner ausführen konnte, so viel ihrer auch von allen Seiten
zusammenströmten, um den Versuch zu machen. Dennoch fürchte ich, daß ihr
die dritte Arbeit nicht zu Stande bringen werdet, denn das Ziel, welches
ihr treffen müßt, steht sehr hoch und ist ein kleiner Körper.«
_Scharfauge_ erwiederte: »Wer euer Schwiegersohn werden will, der darf
nichts für schwer achten, denn so großes Glück fällt Niemanden im
Schlafe zu.« Darauf gab der König die Erlaubniß, am folgenden Morgen das
Probestück zu unternehmen. Aber des Königs Tochter, welche wiederum
durch die Thürspalte nach dem Jüngling gespäht hatte, seufzte mit
Thränen in den Augen: »Könnte ich etwas für diesen Jüngling thun, daß er
morgen zum dritten Male Sieger bliebe, ich gäbe Hab' und Gut dafür --um
ihn zum Gemahl zu erhalten.«
War schon das erste und zweite Mal eine große Menge Volks von allen
Seiten herbei gekommen, um die Wunderwerke zu sehen, so waren heute die
Tausende gar nicht mehr zu zählen. Auf dem Gipfel eines Berges stand der
Apfelträger, der in solcher Höhe nicht viel größer aussah als eine
Krähe, und ihm sollte _Scharfauge_ den Apfel vom Munde weg schießen, so
daß der Pfeil ihn in der Mitte spaltete. Niemand hielt die Sache für
möglich. Gleichwohl fürchtete der Mann oben, der den Apfel am Stiele im
Munde zu halten hatte, der Schütze könnte doch vielleicht in's Ziel
treffen, darum beschloß er in seinem mißgünstigen Sinne, dem Schützen
die an sich schwere Aufgabe noch schwerer zu machen. Er faßte nicht, wie
vorgeschrieben war, den Apfel mit den Zähnen am Stiele, sondern steckte
den halben Apfel in den Mund und dachte: je kleiner ich den Gegenstand
mache, auf den er zielen muß, desto weniger kann er sehen und treffen.
Aber für _Scharfauge_ war der halbe Apfel nicht minder deutlich als der
ganze. Er zielte einige Augenblicke mit seinem durchdringenden Blicke,
schnellte den Pfeil vom Bogen und o Wunder! der Apfel war mitten
durchgespalten, so daß beide Hälften genau gleiche Größe hatten. Der
neidische Apfelhüter hatte zugleich den verdienten Lohn für seine
Bosheit erhalten, denn da _Scharfauge_ gerade auf die Mitte des Apfels
gezielt hatte, der Mann aber dessen größere Hälfte im Munde hielt, so
hatte der Pfeil von beiden Seiten des Mundes ein Stück Fleisch mit
weggerissen. Als der entzwei geschossene Apfel dem Könige zum Beweise
überreicht wurde, brach die Menge in ein Freudengeschrei aus. Ein
solches Wunder hatte sich noch nicht begeben. Des Königs Tochter vergoß
Freudenthränen, da ihres Herzens Wunsch in Erfüllung gegangen war; der
König aber lud _Scharfauge_ ein, zu ihm zu kommen, damit er ihn sofort
seiner Tochter verloben könne. Scharfauge lehnte es ehrfurchtsvoll ab
mit den Worten: »Vergönnt mir, den heutigen Tag mich nach der Arbeit zu
erholen! morgen wollen wir uns der Freude ergeben!« Er wollte sich
nämlich keines Fehls gegen seine Brüder schuldig machen, welche gleich
ihm ihren Theil der Arbeit gethan hätten: das Loos mußte entscheiden,
welchem von ihnen der Lohn zufallen sollte.
Als Scharfauge zu seinen Brüdern kam, erzählte er ihnen den Hergang, und
sie freuten sich erst noch mit einander wie die Kinder, ehe sie das Loos
warfen. Nach Gottes Fügung brachte das Loos dem _Scharfauge_ Glück; er
sollte nun des Königs Schwiegersohn werden. Noch einmal schliefen die
Brüder beisammen, dann schlug die bittere Trennungsstuude, _Scharfauge_
begab sich in die Königsstadt, _Schnellfuß_ und _Flinkhand_ machten sich in
die Heimath zu ihren Eltern auf.
Nach ihrer Rückkehr kauften die beiden reichen Brüder sich viele Güter
und Ländereien, so daß ihr Gebiet bald einem kleinen Königreiche glich.
_Scharfauge_ hatte Alles seinen Eltern und Brüdern geschenkt, da er, als
Schwiegersohn des Königs, seines eigenen Vermögens nicht mehr bedurfte.
Die Eltern freuten sich über das Glück ihrer Kinder, nur war der Mutter
das Herz oft schwer, weil ihr dritter Sohn so weit von ihnen in der
Fremde lebte, daß sie nicht hoffen durfte ihn wieder zu sehen. Als aber
die Eltern später gestorben waren, da hatten _Schnellfuß_ und _Flinkhand_
keine Ruhe mehr in der Heimath, sie verpachteten ihre Besitzungen und
streiften wieder in fremden Landen umher, um neue Reichthümer und
Schätze durch ihre Gaben zu erwerben. Wie weit ihre Wanderung reichte,
was für Thaten sie auf derselben verrichteten und ob sie später wieder
in die Heimath zurückkehrten, darüber kann ich euch nichts weiter
melden. Aber _Scharfauge's_ Geschlecht muß noch heutiges Tages in dem
Lande wohnen, wo der Stammvater einst das Glück hatte, Schwiegersohn des
Königs zu werden.
[Fußnote 14: Die »Haube« steht für die Trägerin derselben verwaist, wie
das lat. =orba=, ohne Kinder gehabt zu haben. Vgl. auch _Neus_, ehstn.
Volkslieder, S. 276. F. Z. 4. L.]
[Fußnote 15: Ueber Mana s. d. Anm. zu S. 25 in dem Märchen von den im
Mondschein badenden Jungfrauen. L.]
[Fußnote 16: Vgl. _Boecler_, der Ehsten Gebräuche ed. Kreutzwald, S. 139.
L.]
[Fußnote 17: Der Text sagt =Rootsi wennaksed= d. h. schwedische Brüder.
Das Colorit des Märchens ist aber ganz ehstnisch; Belege für meine
Uebersetzung finde ich nicht. L.]
[Fußnote 18: Dieser wird gebildet durch Klötzchen, die an einer Schnur
hängen und mit Ringen wechseln. L.]