1. Die Goldspinnerinnen.[1]

Ich will euch eine schöne Geschichte aus dem Erbe der Vorzeit erzählen,

welche sich zutrug, als noch die Anger nach alter Weise von der

Weisheit-Sprache der Vierfüßer und der Befiederten wiederhallten.

Es lebte einmal vor Zeiten in einem tiefen Walde eine lahme Alte mit

drei frischen Töchtern: ihre Hütte lag im Dickicht versteckt. Die

Töchter blühten schönen Blumen gleich um der Mutter verdorrten Stumpf;

besonders war die jüngste Schwester schön und zierlich wie ein

Bohnenschötchen. Aber in dieser Einsamkeit gab es keine andern Beschauer

als am Tage die Sonne, und bei Nacht den Mond und die Augen der Sterne.

»Brennend heiß mit Jünglingsaugen

Schien die Sonn' auf ihren Kopfputz,

Glänzte auf den bunten Bändern,

Röthete die bunten Säume.«

Die alte Mutter ließ die Mädchen nicht müßig gehen, noch säumig sein,

sondern hielt sie vom Morgen bis zum Abend zur Arbeit an; sie saßen Tag

für Tag am Spinnrocken und spannen Goldflachs zu Garn. Den armen

Dingern wurde weder Donnerstag noch Sonnabend[2] Abend Muße gegönnt, den

Gabenkasten zu bereichern,[3] und wenn nicht in der Dämmerung oder im

Mondenschein verstohlener Weise die Stricknadel zur Hand genommen wurde,

so blieb der Kasten ohne Zuwachs. War die Kunkel abgesponnen, so wurde

sofort eine neue aufgesetzt, und überdies mußte das Garn eben, drall und

fein sein. Das fertige Garn verwahrte die Alte hinter Schloß und Riegel

in einer geheimen Kammer, wohin die Töchter ihren Fuß nicht setzen

durften. Von wo der Goldflachs in's Haus gebracht wurde, oder zu was

für einem Gewebe die Garne gesponnen wurden, das war den Spinnerinnen

nicht bekannt geworden; die Mutter gab auf solche Fragen niemals

Antwort. Zwei oder drei Mal in jedem Sommer machte die Alte eine Reise,

man wußte nicht wohin, blieb zuweilen über eine Woche aus und kam immer

bei nächtlicher Weile zurück, so daß die Töchter niemals erfuhren, was

sie mitgebracht hatte. Ehe sie abreiste, theilte sie jedesmal den

Töchtern auf so viel Tage Arbeit aus, als sie auszubleiben gedachte.

Jetzt war wieder die Zeit gekommen, wo die Alte ihre Wanderung

unternehmen wollte. Gespinnst auf sechs Tage wurde den Mädchen

ausgetheilt, und dabei abermals die alte Ermahnung eingeschärft:»Kinder

laßt die Augen nicht schweifen und haltet die Finger geschickt, damit

der Faden in der Spule nicht reißt, sonst würde der Glanz des Goldgarns

verschwinden und mit eurem Glücke würde es auch aus sein!« Die Mädchen

verlachten diese mit Nachdruck gegebene Ermahnung; ehe noch die Mutter

auf ihrer Krücke zehn Schritte weit vom Hause gekommen war, fingen sie

alle drei an zu höhnen. »Dieses alberne Verbot, das immer wiederholt

wird, hätten wir nicht nöthig gehabt,« sagte die jüngste Schwester. »Der

Goldgarnfaden reißt nicht beim Zupfen, geschweige denn beim Spinnen.«

Die andere Schwester setzte hinzu: »Eben so wenig ist es möglich, daß

der Goldglanz sich verliere.« Oft schon hat Mädchen-Vorwitz Manches

voreilig verspottet, woraus doch endlich nach vielem Jubel Thränenjammer

erwuchs.

Am dritten Tage nach der Mutter Abreise ereignete sich ein unerwarteter

Vorfall, der den Töchtern anfangs Schrecken, dann Freude und Glück, auf

lange Zeit aber Kummer bereiten sollte. Ein Kalew-Sproß,[4] eines Königs

Sohn, war beim Verfolgen des Wildes von seinen Gefährten abgekommen, und

hatte sich im Walde so weit verirrt, daß weder das Gebell der Hunde noch

das Blasen der Hörner ihm einen Wegweiser herbeischaffte. Alles Rufen

fand nur sein eigenes Echo,[5] oder fing sich im dichten Gestrüpp.

Ermüdet und verdrießlich stieg der königliche Jüngling endlich vom

Pferde und warf sich nieder, um im Schatten eines Gebüsches auszuruhen,

während das Pferd sich nach Gefallen auf dem Rasen sein Futter suchen

durfte. Als der Königssohn aus dem Schlaf erwachte, stand die Sonne

schon niedrig. Als er jetzt von neuem in die Kreuz und in die Quer nach

dem Wege suchte, entdeckte er endlich einen kleinen Fußsteig, der ihn

zur Hütte der lahmen Alten brachte. Wohl erschracken die Töchter, als

sie plötzlich den fremden Mann sahen, dessen Gleichen ihr Auge nie zuvor

erblickt hatte. Indeß hatten sie sich nach Vollendung ihres Tagewerks in

der Abendkühle mit dem Fremden befreundet, so daß sie gar nicht einmal

zur Ruhe gehen mochten. Und als endlich die älteren Schwestern sich

schlafen gelegt hatten, saß die jüngste noch mit dem Gaste auf der

Thürschwelle, und es kam ihnen diese Nacht kein Schlaf in die Augen.

Während die Beiden im Angesicht des Mondes und der Sterne sich ihr Herz

öffnen und süße Gespräche führen, wollen wir uns nach den Jägern

umsehen, die ihren Anführer im Walde verloren hatten. Unermüdlich war

der ganze Wald nach allen Seiten hin von ihnen durchsucht worden, bis

das Dunkel der Nacht dem Suchen ein Ziel setzte. Dann wurden zwei Männer

in die Stadt zurückgeschickt, um die traurige Botschaft zu überbringen,

während die Uebrigen unter einer breiten ästigen Fichte ihr Nachtlager

aufschlugen, um am nächsten Morgen wieder weiter zu suchen. Der König

hatte gleich Befehl gegeben, am andern Morgen ein Regiment zu Pferde und

eins zu Fuß ausrücken zu lassen, um seinen verlorenen Sohn aufzusuchen.

Der lange weite Wald dehnte die Nachforschungen bis zum dritten Tage

aus; dann erst wurden in der Frühe Fußstapfen gefunden, die man

verfolgte und dadurch den Fußsteig entdeckte, der zur Hütte führte. Dem

Königssohne war in Gesellschaft der Mädchen die Zeit nicht lang

geworden, noch weniger hatte er Sehnsucht nach Hause gehabt. Ehe er

schied, gelobte er der Jüngsten heimlich, daß er in kurzer Zeit

wiederkommen und dann, sei es im Guten oder mit Gewalt, sie mit sich

nehmen und zu seiner Gemahlin machen wolle. Wenn gleich die ältern

Schwestern von dieser Verabredung nichts gehört hatten, so kam die Sache

doch heraus und zwar in einer Weise, die Niemand vermuthet hätte.

Nicht gering war nämlich der jüngsten Tochter Bestürzung, als sie,

nachdem der Königssohn fortgegangen war, sich an den Rocken setzte und

fand, daß der Faden in der Spule gerissen war. Zwar wurden die Enden des

Fadens im Kreuzknoten wieder zusammengeknüpft und das Rad in rascheren

Gang gebracht, damit emsige Arbeit die im Kosen mit dem Bräutigam

verlorene Zeit wieder einbrächte. Allein ein unerhörter und

unerklärlicher Umstand machte das Herz des Mädchens beben: das Goldgarn

hatte nicht mehr seinen vorigen Glanz. -- Da half kein Scheuern, kein

Seufzen und kein Benetzen mit Thränen; die Sache war nicht wieder gut zu

machen. Das Unglück springt zur Thür in's Haus, kommt durch's Fenster

herein und kriecht durch jede Ritze, die es unverstopft findet, sagt ein

altes weises Wort; so geschah es auch jetzt.

Die Alte war in der Nacht nach Hause gekommen. Als sie am Morgen in die

Stube trat, erkannte sie augenblicklich, daß hier etwas Unrechtes

vorgegangen sei. Ihr Herz entbrannte in Zorn; sie ließ die Töchter eine

nach der andern vor sich kommen und verlangte Rechenschaft. Mit Leugnen

und Ausreden kamen die Mädchen nicht weit, Lügen haben kurze Beine; die

schlaue Alte brachte bald heraus, was der Dorfhahn hinter ihrem Rücken

der jüngsten Tochter in's Ohr gekräht hatte. Das alte Weib fing nun an

so gräulich zu fluchen, als wollte sie Himmel und Erde mit ihren

Verwünschungen verfinstern. Zuletzt drohte sie, dem Jüngling den Hals zu

brechen und sein Fleisch den wilden Thieren zur Speise vorzuwerfen, wenn

er sich gelüsten ließe, noch einmal wieder zu kommen. --Die jüngste

Tochter wurde roth wie ein gesottener Krebs, fand den ganzen Tag keine

Ruhe und konnte auch die Nacht kein Auge zuthun; immer lag es ihr schwer

auf der Seele, daß der Jüngling, wenn er zurück käme, seinen Tod finden

könnte. Früh am Morgen, als die Mutter und die Töchter noch im

Morgenschlummer lagen, verließ sie heimlich das Haus, um in der

Thaueskühle aufzuathmen. Zum Glück hatte sie als Kind von der Alten die

Vogelsprache gelernt, und das kam ihr jetzt zu Statten. In der Nähe saß

auf einem Fichtenwipfel ein Rabe, der mit dem Schnabel sein Gefieder

zurechtzupfte. Das Mädchen rief. »_Lieber Lichtvogel, klügster_ des

Vogelgeschlechts! willst du mir zu Hülfe kommen?« »Was für Hülfe

begehrst du?« fragte der Rabe. Das Mädchen erwiederte: »Flieg' aus dem

Walde heraus über Land, bis dir eine prächtige Stadt mit einem

Köuigssitz aufstößt. Suche mit dem Königssohn zusammenzukommen und melde

ihm, was für ein Unglück mir widerfahren ist.« Darauf erzählte sie dem

Raben die Geschichte ausführlich, vom Reißen des Fadens an bis zu der

gräßlichen Drohung der Mutter, und sprach die Bitte aus, daß der

Jüngling nicht mehr zurückkommen möchte. Der Rabe versprach, den Auftrag

auszurichten, wenn er Jemand fände, der seiner Sprache kundig wäre und

flog sogleich davon.

Die Mutter ließ die jüngste Tochter nicht mehr am Spinnrocken Platz

nehmen, sondern hielt sie an, das gesponnene Garn abzuwickeln. Diese

Arbeit wäre dem Mädchen leichter gewesen als die frühere, aber das ewige

Fluchen und Zanken der Mutter ließ ihr vom Morgen bis zum Abend keine

Ruhe. Versuchte die Jungfrau, sich zu entschuldigen, so wurde die Sache

noch ärger. Wenn einem Weibe einmal die Galle überläuft, und der Zorn

ihre Kinnladen geöffnet hat, so vermag keine Gewalt sie wieder zu

schließen.

Gegen Abend rief der Rabe vom Fichtenwipfel her kraa, kraa! und das

gequälte Mädchen eilte hinaus, um den Bescheid zu hören. Der Rabe hatte

glücklicherweise in des Königs Garten eines Windzauberers[6] Sohn

gefunden, der die Vogelsprache vollkommen verstand. Ihm meldete der

schwarze Vogel die von der Jungfrau ihm anvertraute Botschaft, und bat

ihn, die Sache dem Königssohn mitzutheilen. Als der Gärtnerbursche dem

Königssohn alles erzählt hatte, wurde diesem das Herz schwer, doch pflog

er mit seinen Freunden heimlich Rath über die Befreiung der Jungfrau.

»Sage dem Raben,« so unterwies er dann des Windzauberer's Sohn -- »daß

er eilig zurückfliege und der Jungfrau melde: sei wach in der neunten

Nacht, dann erscheint ein Retter, der das Küchlein den Klauen des

Habichts entreißen wird.« Zum Lohn für die Bestellung erhielt der Rabe

ein Stück Fleisch, um seine Flügel zu kräftigen, und dann wurde er

wieder zurück geschickt. Die Jungfrau dankte dem schwarzen Vogel für

seine Besorgung, verbarg aber das Gehörte in ihrem Herzen, damit die

andern nichts davon erführen. Aber je näher der neunte Tag kam, desto

schwerer wurde ihr das Herz, wenn sie bedachte, daß ein

unvorhergesehenes Unglück alles zu Schanden machen könnte.

In der neunten Nacht, als die alte Mutter und die Schwestern sich zur

Ruhe gelegt hatten, schlich die jüngste Schwester auf den Zehen aus dem

Hause, und setzte sich unter einen Baum auf den Rasen, um des Bräutigams

zu harren. Hoffnung und Furcht erfüllten zugleich ihr Herz. Schon krähte

der Hahn zum zweiten Mal, aber vom Walde her war weder ein Geräusch von

Tritten noch ein Rufen zu hören. Zwischen dem zweiten und dritten

Hahnenschrei drang von weitem ein Geräusch wie leises Pferdegetrappel an

ihr Ohr. Sie ließ sich durch dies Geräusch leiten und ging den Kommenden

entgegen, damit deren Annäherung die im Hause Schlafenden nicht wecken

möchte. Bald erblickte sie die Kriegerschaar, an deren Spitze der

Königssohn selbst als Führer ritt, denn er hatte, als er von hier

fortgegangen war, an den Bäumen heimliche Zeichen gemacht, durch die er

den rechten Weg erkannte. Als er die Jungfrau gewahr wurde, sprang er

vom Pferde, half ihr in den Sattel, setzte sich selbst vor sie hin,

damit sie sich an ihn lehne und dann ging es schleunig heimwärts. Der

Mond gab zwischen den Bäumen so viel Licht, daß der bezeichnete Pfad

ihnen nicht verloren ging. Das Frühroth hatte überall der Vögel Zungen

gelöst und ihr Gezwitscher geweckt. Hätte die Jungfrau auf sie zu achten

und aus ihrer Zwiesprach Belehrung zu schöpfen gewußt, es hätte den

Beiden mehr genügt als die honigsüße Schmeichelrede, welche aus des

Königssohnes Munde floß und das Einzige war, was in ihr Ohr drang. Sie

hörte und sah nichts Anderes als den Bräutigam, der sie bat, alle eitle

Furcht aufzugeben und dreist auf den Schutz der Krieger zu bauen. Als

sie in's Freie kamen, stand die Sonne schon ziemlich hoch.

Zum Glück hatte die alte Mutter am Morgen früh der Tochter Flucht nicht

gleich bemerkt; erst etwas später, als sie die Garnwinde nicht

abgewickelt fand, fragte sie, wohin die jüngste Schwester gegangen sei.

Darauf wußte Niemand Antwort zu geben. Aus mancherlei Zeichen ersah

jetzt die Mutter, daß die Tochter entflohen war; sofort faßte sie den

tückischen Vorsatz, der flüchtigen die Strafe auf dem Fuße nachzusenden.

Sie holte vom Boden herunter eine Handvoll aus neunerlei Arten

gemischter Hexenkräuter, schüttete Salz, das besprochen war, dazu und

band Alles in ein Läppchen, daß es ein Quast wurde; dann hauchte sie

Flüche und Verwünschungen darauf und ließ nun das Hexenknäuel mit dem

Winde davon ziehen, während sie sang:

»Wirbelwind! verleihe Flügel!

Windesmutter! deinen Fittig!

Treibet dieses Knäulchen vorwärts,

Daß es windesschnell dahin saust,

Daß es todverbreitend hinfährt,

Seuchenbringend weiter fliege!«

Zwischen Mittmorgen und Mittag gelangte der Königssohn mit der

Kriegerschaar an das Ufer eines breiten Flusses, über welchen eine

schmale Brücke geschlagen war, so daß die Männer nur einzeln herüber

konnten. Der Königssohn ritt eben mitten auf der Brücke, als mit dem

Winde das Hexenknäuel daher fuhr und wie eine Bremse auf das Pferd traf.

Das Pferd schnaubte vor Schreck, stellte sich plötzlich hoch auf die

Hinterbeine, und eh' noch jemand zu Hülfe kommen konnte, glitt die

Jungfrau vom Sattel herab jählings in den Fluß. Der Königssohn wollte

ihr nachspringen, aber die Krieger verhinderten ihn daran, indem sie ihn

festhielten; denn der Fluß war grundlos tief und menschliche Hülfe

konnte dem Unglück, das einmal geschehen war, doch nicht mehr abhelfen.

Schrecken und tiefe Betrübnis hatten den Königssohn ganz betäubt; die

Krieger führten ihn gegen seinen Willen nach Hause zurück, wo er Wochen

lang in stiller Kammer über das Unglück trauerte, so daß er anfangs

nicht einmal Speise noch Trank zu sich nahm. Der König ließ aus allen

Orten von nah und fern Zauberer zusammenrufen, aber keiner konnte die

Krankheit erklären, noch wußte einer ein Mittel dagegen anzugeben. Da

sagte eines Tages des Windzauberers Sohn, der in des Königs Garten

Gärtnerbursch war: »Sendet nur nach Finnland, daß der uralte Zauberer

komme, der versteht mehr als die Zauberer eures Landes.«

Alsbald sandte der König eine Botschaft an den alten Zauberer Finnlands,

und dieser traf schon nach einer Woche auf Windesflügeln ein. Er sagte

zum König: »Geehrter König! die Krankheit ist vom Winde angeweht. Ein

böses Hexen-Knäuel hat des Jünglings bessere Herzenshälfte hingerafft,

und darüber grämt er sich beständig. Schicket ihn oft in den Wind, damit

der Wind die Sorgen in den Wald treibt.«[7]

So kam es auch wirklich; der Königssohn fing an sich zu erholen, Nahrung

zu nehmen und Nachts zu schlafen. Zuletzt gestand er seinen Eltern

seinen Herzenskummer; der Vater wünschte, daß der Sohn wieder auf die

Freite gehen und ein junges Weib nach seinem Sinne heim führen möchte,

aber der Sohn wollte nichts davon wissen.

Schon über ein Jahr war dem Jüngling in Trauer verstrichen, als er eines

Tages zufällig an die Brücke kam, wo seine Liebste ihr Ende gefunden

hatte. Als er sich das Unglück in's Gedächtniß zurückrief, traten ihm

bittere Thränen in die Augen. Mit einem Male hörte er einen schönen

Gesang anstimmen, obwohl nirgends ein menschliches Wesen zu sehen war.

Die Stimme sang:

»Durch der Mutter Fluch beschworen

Nahm das Wasser die Unsel'ge,

Barg das Wellengrab die Kleine,

Deckte Ahti's[8] Fluth das Liebchen.«

Der Königssohn stieg vom Pferde und spähte nach allen Seiten, ob nicht

Jemand unter der Brücke versteckt sei, aber soweit sein Auge reichte,

war nirgends ein Sänger zu sehen. Auf der Wasserfläche schaukelte

zwischen breiten Blättern ein Teichröschen, das war der einzige

Gegenstand, den er erblickte. Aber ein schaukelndes Blümchen konnte doch

nicht singen, dahinter mußte irgend ein wunderbares Geheimniß stecken.

Er band sein Pferd am Ufer an einen Baumstumpf, setzte sich auf die

Brücke und lauschte, ob Auge oder Ohr nähere Auskunft geben würden. Eine

Zeitlang blieb Alles still, dann sang wieder der unsichtbare Sänger:

»Durch der Mutter Fluch beschworen

Nahm das Wasser die Unsel'ge,

Barg das Wellengrab die Kleine,

Deckte Ahti's Fluth das Liebchen.«

Wie dem Menschen nicht selten ein guter Gedanke unerwartet vom Winde

zugeweht wird, so geschah es auch hier. Der Königssohn dachte: wenn ich

ungesäumt zur Waldhütte reite, wer weiß, ob mir nicht die

Goldspinnerinnen diesen wunderbaren Fall deuten können. So stieg er zu

Pferde und schlug den Weg zum Walde ein. An den früheren Zeichen hoffte

er sich leicht zurecht zu finden, allein der Wald war gewachsen und er

hatte über einen Tag lang zu suchen, ehe er auf den Fußsteig gelangte.

In der Nähe der Hütte hielt er an, um zu warten, ob eine der Jungfrauen

herauskommen würde. Früh Morgens kam die älteste Schwester zur Quelle,

um sich das Gesicht zu waschen. Der Jüngling trat näher, erzählte das

Unglück, welches sich voriges Jahr auf der Brücke zugetragen, und was

für einen Gesang er vor einigen Tagen dort gehört habe. Die alte Mutter

war glücklicher Weise gerade nicht daheim, deßwegen lud die Jungfrau den

Königssohn in's Haus. Als die Mädchen die ausführliche Erzählung

angehört hatten, begriffen sie ohne Weiteres, daß das Unglück des

vorigen Jahres durch ein Hexenknäuel der Mutter entstanden war, und daß

die Schwester jetzt noch nicht gestorben sei, sondern in Zauberbanden

liege. Die älteste Schwester fragte: »Ist euren Blicken auf dem

Wasserspiegel nichts begegnet, was einen Gesang hätte können ertönen

lassen?« »Nichts,« erwiederte der Königssohn. »So weit mein Auge

reichte, war auf dem Wasserspiegel nichts weiter zu sehen, als ein

gelbes Teichröschen zwischen breiten Blättern, aber Blümchen und Blätter

können doch nicht singen.« Die Töchter muthmaßten sogleich, daß das

Teichröschen nichts Anderes sein könne, als ihre in den Wellen

versunkene und durch Hexenkunst in ein Blümchen verwandelte Schwester.

Sie wußten, wie die alte Mutter das fluchbehaftete Hexenknäuel hatte

fliegen lassen, welches die Schwester, wenn es sie nicht tödtete, in

jeglicher Weise verwandeln konnte. Von dieser Vermuthung sagten sie

indeß dem Königssohne nichts, denn so lange sie noch nicht Rath wußten

zu ihrer Befreiung, wollten sie keine eitle Hoffnung erwecken. Da die

Rückkehr der Mutter erst in einigen Tagen erwartet wurde, hatten sie

Zeit sich zu berathen.

Die älteste Schwester holte nun am Abend eine Handvoll gehörig

gemischter Zauberkräuter vom Boden herunter, zerrieb sie, machte daraus

mit Mehl einen Teig, buck einen Kuchen und gab ihn dem Jüngling zu

essen, ehe er sich am Abend zur Ruhe legte. Der Königssohn hatte in der

Nacht einen wunderbaren Traum, als ob er im Walde unter den Vögeln lebte

und die einem jeden derselben eigene Sprache verstünde. Als er am Morgen

seinen Traum den Jungfrauen erzähle, sagte die älteste Schwester: »Zur

guten Stunde habt ihr euch zu uns aufgemacht, zur guten Stunde habt ihr

den Traum gehabt, der euch auf eurem Heimwege zur Wirklichkeit werden

wird. Mein Schweinefleischkuchen von gestern, den ich euch zum Frommen

buck und zu essen gab, war mit Zauberkräutern gefüllt, welche euch in

den Stand setzen, Alles zu verstehen, was die klugen Vögel unter

einander reden. In diesen Männlein im Federkleide steckt viel verborgene

Weisheit, die den Menschen unbekannt ist, deßhalb gebt scharf Acht, was

die Vögelschnäbel verkünden. Und wenn dann eure Leidenszeit vorüber ist,

so denkt auch an uns arme Kinder, die wir hier wie in einem ewigen

Kerker am Rocken sitzen.«

Der Königssohn dankte den Mädchen für ihre gute Gesinnung und versprach,

sie später aus ihrer Knechtschaft zu befreien, sei es für ein Lösegeld

oder mit Gewalt; nahm Abschied und trat eilig die Rückreise an. Die

Mädchen freuten sich, als sie sahen, daß ihnen der Faden nicht gerissen

und der Goldglanz nicht verblichen sei; die alte Mutter konnte, wenn sie

heim kam, ihnen nichts vorwerfen.

Um so spaßhafter ging die Sache mit dem Königssohne, der im Walde wie

mitten in zahlreicher Gesellschaft dahin ritt, weil der Gesang und das

Gezwitscher der Vögel ganz verständlich wie Worte an sein Ohr schlugen.

Hier sah er voll Verwunderung, wie viel Weisheit dem Menschen dadurch

unbekannt bleibt, daß er die Vogelsprache nicht versteht. Von dem, was

das Federvolk anfangs redete, konnte der Wanderer das Meiste nicht recht

fassen; es wurde über vielerlei Menschen dies und jenes ausgeplaudert,

aber diese Menschen und ihr Treiben waren ihm fremd. Da sah er plötzlich

auf einem hohen Föhrenwipfel eine Elster und eine Drossel, deren

Unterhaltung auf ihn gemünzt war.

»Die Dummheit der Menschen ist groß,« sagte die Drossel. »Sie wissen

auch die geringfügigsten Dinge nicht recht anzufassen. Dort sitzt neben

der Brücke in Gestalt einer Teichrose des alten lahmen Weibes Pflegekind

schon ein ganzes Jahr, klagt singend den Vorübergehenden ihre Noth, aber

Niemand kommt sie zu erlösen. Vor einigen Tagen erst ritt ihr ehemaliger

Bräutigam über die Brücke, und hörte den sehnsüchtigen Gesang der

Jungfrau, war aber auch nicht klüger als die Andern.« Die Elster

erwiederte: »Und gleichwohl muß das Mädchen um seinetwillen von der

Mutter die Strafe erdulden. Wenn ihm keine größere Weisheit zu Theil

wird, als die, welche er aus dem Munde der Menschen vernimmt, so bleibt

das Mädchen ewig ein Blümlein.« »Des Mädchens Befreiung würde eine

Kleinigkeit sein,« sagte die Drossel, »wenn die Sache dem alten Zauberer

von Finnland gründlich dargelegt würde. Er könnte die Jungfrau leicht

aus ihrem nassen Kerker und ihrem Blumenzwang befreien.«

Dieses Gespräch machte den Jüngling nachdenklich; indem er weiter ritt,

ging er mit sich zu Rathe, wo er wohl einen Boten hernähme, den er nach

Finnland schicken könnte. Da hörte er über seinem Haupte, wie eine

Schwalbe zur andern sagte: »Komm, laß uns nach Finnland ziehen, dort ist

besser nisten als hier!«

»Haltet, Freunde!« rief der Königssohn in der Vogelsprache. »Bringt dem

alten Zauberer in Finnland tausend Grüße von mir und bittet ihn um

Bescheid, wie es wohl möglich wäre, eine in eine Teichrose verwandelte

Jungfrau wieder zu einem Menschenbilde zu machen.« Die Schwalben

versprachen den Auftrag auszurichten und flogen davon.

Als er an's Ufer des Flusses kam, ließ er sein Pferd verschnaufen und

blieb auf der Brücke stehen, um zu horchen, ob nicht der Gesang sich

wieder hören lasse. Aber Schweigen herrschte ringsum und es war nichts

zu hören, als das Rauschen der Wellen und das Sausen des Windes.

Unmuthig setzte sich der Jüngling wieder zu Pferde, und ritt heim, sagte

aber Niemanden ein Wort von dieser Wanderung und ihrem Abenteuer.

Eine Woche später saß er eines Tages im Garten, und dachte, die

Schwalben müßten seine Botschaft wohl vergessen haben, als ein großer

Adler hoch in den Lüften über seinem Haupte kreiste. Allmählich stieg

der Vogel immer tiefer herunter, bis er sich endlich auf einem Lindenast

in der Nähe des Königssohnes niederließ. »Der alte Zauberer in

Finnland,« so ließ der Adler sich vernehmen, »sendet euch viele Grüße,

und bittet es ihm nicht zu verübeln, daß er nicht früher Antwort

ertheilt hat. Es war gerade Niemand zu finden, der hierher wollte. Um

die Jungfrau aus ihrem Blumenzustande zu erlösen, ist nur dies nöthig:

Gehet an das Ufer des Flusses, werfet eure Kleider ab und schmiert euch

den Körper über und über mit Schlamm ein, so daß kein weißer Fleck

bleibt; dann nehmt die Nasenspitze zwischen die Finger und rufet: »»Aus

dem Mann ein Krebs!«« Augenblicklich werdet ihr zum Krebs, dann geht in

die Tiefe des Flusses; Ertrinken habt ihr nicht zu befürchten. Drängt

euch dreist unter die Wurzeln des Teichröschens, und löset sie von

Schlamm und Schilf, so daß sie nirgends mehr fest sitzen. Hängt euch

dann mit euren Scheeren an ein Zweiglein der Wurzel an, so wird euch das

Wasser sammt dem Blümchen auf die Oberfläche heben. Dann treibet mit dem

Strom so lange fort, bis euch links am Ufer eine Eberesche mit

beblätterten Zweigen zu Gesicht kommt. Nicht weit von der Eberesche

steht ein Stein von der Höhe einer kleinen Badstube. Beim Steine müßt

ihr die Worte ausstoßen: »»Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebs

der Mann!«« In demselben Augenblick wird es so geschehen.« Als der Adler

geendigt hatte, hob er die Fittige und flog davon. Der Jüngling sah ihm

eine Weile nach und wußte nicht, was er davon halten sollte.

Unter zweifelnden Gedanken verstrich ihm über eine Woche; er hatte weder

Muth noch Vertrauen genug, die Befreiung in dieser Weise zu versuchen.

Da hörte er eines Tages aus dem Munde einer Krähe: »Was zögerst du, der

Weisung des Alten nachzukommen? Der alte Zauberer hat noch nie falschen

Bescheid geschickt, und auch die Vogelsprache hat noch nie getrogen.

Eile an das Ufer des Flusses und trockne die Sehnsuchtsthränen der

Jungfrau.« Die Rede der Krähe machte dem Jünglinge Muth; er dachte:

Größeres Unglück kann mir nicht widerfahren als der Tod, aber leichter

ist der Tod als unaufhörliches Trauern. Er setzte sich zu Pferde und

ritt den bekannten Weg zum Ufer des Flusses. Als er an die Brücke kam,

hörte er den Gesang:

»Durch der Mutter Fluch beschworen

Muß ich hier im Schlummer liegen,

Muß das junge Kind verwelken,

In der Wellen Schoos hinsiechen.

Feucht und kalt das tiefe Bette

Decket jetzt die zarte Jungfrau.«

Der Königssohn legte seinem Pferde die Fußfessel an, damit es sich nicht

zu weit von der Brücke entfernen könnte, warf die Kleider ab, schmierte

den Körper über und über mit Schlamm, so daß nirgends ein weißer Fleck

blieb, faßte sich dann an die Nasenspitze und sprang in's Wasser mit dem

Rufe: »Aus dem Mann ein Krebs!« Einen Augenblick zischte das Wasser auf,

dann war Alles wieder still wie zuvor.

Das in einen Krebs verwandelte Männlein begann die Wurzeln der Teichrose

aus dem Flußbette loszumachen, brauchte aber viel Zeit dazu. Die

Würzelchen saßen im Schlamm und Schilf fest, so daß der Krebs sieben

Tage schwere Arbeit hatte, bis die Sache von Statten ging. Als die

Arbeit beendigt war, hakte das Krebsmännlein seine Scheeren in ein

Zweiglein der Wurzel ein, und das Wasser hob ihn sammt dem Blümchen auf

die Oberfläche des Flusses. Die schaukelnden Wellen trieben Krebs und

Teichrose nur allmählich vorwärts, und wiewohl Bäume und Sträuche genug

am Ufer sichtbar wurden, so kam doch immer die Eberesche mit dem großen

Stein nicht zum Vorschein. Endlich sah er links am Ufer den Baum mit

seinem Laube und den rothen Beerenbüscheln, und etwas weiterhin stand

auch der Fels, der die Höhe einer kleinen Badstube hatte. Jetzt stieß

das Krebsmännlein die Worte aus: »Aus der Teichrose die Jungfrau, aus

dem Krebse der Mann!« -- Augenblicklich schwammen auf dem Wasser zwei

Menschenhäupter, ein männliches und ein weibliches, das Wasser trieb sie

an's Ufer, aber Beide waren splitternackt, wie Gott sie geschaffen.

Die verschämte Jungfrau bat nun: »Lieber Jüngling, ich habe keine

Kleider anzuziehen, darum mag ich nicht aus dem Wasser steigen.« -- Der

Jüngling bat dagegen: »Tretet an's Ufer unter die Eberesche, ich mache

so lange die Augen zu, bis ihr hinauf klettert und euch unter dem Baume

berget. Dann eile ich zur Brücke, wo ich mein Pferd und meine Kleider

ließ, als ich in den Fluß sprang.« Die Jungfrau hatte sich unter der

Eberesche verborgen, und der Jüngling eilte zur Brücke, wo er Kleider

und Pferd gelassen hatte; aber er fand dort weder das Eine noch das

Andere. Daß sein Krebszustand so viele Tage gedauert hatte, wußte er

nicht, vielmehr glaubte er nur einige Stunden auf dem Grunde des Wassers

gewesen zu sein. Siehe, da kommt ihm am Ufer eine prächtige mit sechs

Pferden bespannte Kutsche langsam entgegen. In der Kutsche fand er alles

Nöthige, sowohl für sich, wie für die aus dem Wasserkerker erlöste

Jungfrau; sogar ein Diener und eine Zofe waren mit der Kutsche

angekommen. Den Diener behielt der Königssohn für sich, das Mädchen

schickte er mit der Kutsche und den Kleidern dahin, wo sein nacktes

Liebchen unter der Eberesche harrte. Es verging über eine Stunde, da kam

die hochzeitlich geschmückte Jungfrau in der Kutsche an die Stelle, wo

der Königssohn ihrer wartete. Er war gleichfalls prächtig als Bräutigam

gekleidet und setzte sich zu ihr in die Kutsche. Sie fuhren gradeswegs

zur Stadt und vor die Kirchenthür. Der König und die Königin saßen in

Trauerkleidern in der Kirche, denn sie trauerten über den theuren

verlorenen Sohn, den man im Flusse ertrunken glaubte, da man Pferd und

Kleider am Ufer gefunden hatte. Groß war der Eltern Freude, als der für

todt beweinte Sohn lebend an der Seite einer schönen Jungfrau vor sie

trat, beide in Prunkgewändern. Der König führte sie selbst zum Altar und

sie wurden getraut. Dann wurde ein Hochzeitsfest veranstaltet, das in

Saus und Braus sechs Wochen lang dauerte.

Im Gange der Zeit ist zwar kein Stillstand und keine Ruhe, dennoch

scheinen die Tage der Freude rascher dahin zu fließen als die Stunden

der Trübsal. Nach dem Hochzeitsfeste war der Herbst eingetreten, dann

kam Frost und Schnee, so daß das junge Paar nicht viel Lust hatte, den

Fuß aus dem Hause zu setzen. Als aber der Frühling wiederkehrte und neue

Freuden brachte, ging der Königssohn mit seiner jungen Gattin im Garten

spazieren. Da hörten sie, wie eine Elster vom Wipfel eines Baumes herab

rief: »O du undankbares Geschöpf, das in den Tagen des Glücks seine

hülfreichen Freunde vergessen hat. Sollen die beiden armen Jungfrauen

ihr Lebelang Goldgarn spinnen? Die lahme Alte ist nicht die Mutter der

Mädchen, sondern eine Zauberhexe, welche die Jungfrauen als Kinder aus

fernen Landen gestohlen hat. Der Alten Sünden sind groß, sie verdient

keine Barmherzigkeit. Gekochter Schierling wäre für sie das beste

Gericht; sonst würde sie wohl das gerettete Kind abermals mit einem

Hexenknäuel verfolgen.«

Jetzt fiel es dem Königssohne wieder ein und er bekannte seiner Gattin,

wie er zur Waldhütte gegangen sei, die Schwestern um Rath zu fragen,

dort die Vogelsprache gelernt und den Jungfrauen versprochen habe, sie

aus ihrer Gefangenschaft zu erlösen. Die Gattin bat mit Thränen in den

Augen, den Schwestern zu Hülfe zu eilen. Als sie den andern Morgen

erwachte, sagte sie: »Ich hatte einen bedeutungsvollen Traum. Die alte

Mutter war von Hause gegangen und hatte die Töchter allein gelassen;

jetzt wäre gewiß die rechte Zeit ihnen zu Hülfe zu kommen.«

Der Königssohn ließ sofort eine Kriegerschaar sich rüsten und zog mit

ihnen zur Waldhütte. Am andern Tage langten sie dort an. Die Mädchen

waren, wie der Traum geweissagt hatte, allein zu Hause und kamen mit

Freudengeschrei den Errettern entgegen. Einem Kriegsmanne wurde Befehl

gegeben, Schierlingswurzeln zu sammeln und daraus für die Alte ein

Gericht zu kochen, so daß, wenn sie nach Hause käme und sich daran satt

äße, ihr die Lust am Essen für immer verginge. Sie blieben zur Nacht in

der Waldhütte und machten sich am andern Morgen in der Frühe mit den

Mädchen auf den Weg, so daß sie Abends die Stadt erreichten. Der

Schwestern Freude war groß, als sie sich hier nach zwei Jahren wieder

vereinigt fanden.

Die Alte war in derselben Nacht nach Hause gekommen; sie verzehrte mit

großer Gier die Speise, welche sie auf dem Tische fand und kroch dann

in's Bett um zu ruhen, wachte aber nicht wieder auf: der Schierling

hatte dem Leben des Unholds ein Ende gemacht. Als der Königssohn eine

Woche später einen zuverlässigen Hauptmann hinschickte, sich die Sache

anzusehen, fand man die Alte todt. In der heimlichen Kammer wurden

funfzig Fuder Goldgarn aufgehäuft gefunden, welche unter die Schwestern

vertheilt wurden. Als der Schatz weggeführt war, ließ der Hauptmann den

Feuerhahn auf's Dach setzen. Schon streckte der Hahn seinen rothen Kamm

zum Rauchloch[9] heraus, als eine große Katze mit glühenden Augen vom

Dache her an der Wand herunterkletterte. Die Kriegsleute jagten der

Katze nach und wurden ihrer bald habhaft. Ein Vögelchen gab von einem

Baumwipfel herab die Weisung: »Heftet der Katze eine Falle an den

Schwanz, dann wird Alles an den Tag kommen!« Die Männer thaten es.

»Peinigt mich nicht, ihr Männer!« bat nun die Katze. »Ich bin ein Mensch

wie ihr, wenn ich auch jetzt durch Hexenzauber in Katzengestalt gebannt

bin. Es war der Lohn für meine Schlechtigkeit, daß ich in eine Katze

verwandelt wurde. Ich war weit von hier in einem reichen Königsschlosse

Haushälterin, und die Alte war der Königin erste Kammerjungfer. Von

Habgier getrieben machten wir mit einander den heimlichen Anschlag, des

Königs drei Töchter und außerdem einen großen Schatz zu stehlen und dann

zu entfliehen. Nachdem wir allmählich alle goldenen Geräthe bei Seite

geschafft hatten, welche die Alte in goldenen Flachs verwandelte, nahmen

wir die Kinder, deren ältestes drei Jahre, das jüngste sechs Monate alt

war. Die Alte fürchtete dann, daß ich bereuen und anderen Sinnes werden

möchte, und verwandelte mich deshalb in eine Katze; zwar wurde mir in

ihrer Todesstunde die Zunge gelöst, aber die frühere Gestalt habe ich

nicht wieder erhalten.« Der Kriegshauptmann sagte, als die Katze

ausgesprochen hatte: »Du brauchst kein besseres Ende zu nehmen, als die

Alte!« und ließ sie in's Feuer werfen.

Die beiden Königstöchter aber bekamen bald, wie ihre jüngste Schwester,

Königssöhne zu Männern, und das von ihnen in der Waldhütte gesponnene

Goldgarn war ihnen reiche Mitgift. Ihr Geburtsort und ihre Eltern

blieben unbekannt. Man erzählt sich, daß das alte Weib noch manches

Fuder Goldgarn unter der Erde vergraben hatte, aber Niemand konnte die

Stelle angeben.

[Fußnote 1: Die Goldspinnerinnen erinnern an die Pflegetöchter der

Hölle, die dort gefangen gehalten werden, arbeiten und auch spinnen

müssen, s. _Kalewipoëg_ (myth. Heldensagen vom Kalew-Sohn) =XIII.= 521 ff.

=XIV.= 470 ff. L.]

[Fußnote 2: Donnerstag und Sonnabend galten den Ehsten in

vorchristlicher Zeit für heilig. Im _Kalewipoëg_, Gesang =XIII=, V. 423

kocht der Höllenkessel am Donnerstag stärkende Zauberspeise. Nach

_Rußwurm_, Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1856, S. 20, erhalten

die Unterirdischen (vgl. Märchen 17), was am Sonnabend oder am

Donnerstag Abend ohne Licht gearbeitet wird. Vgl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_,

der Ehsten abergläubische Gebräuche &c. (St. Petersburg 1854) S. 97-104.

Wenn der oberste Gott der Ehsten, Taara, sich sachlich und lautlich an

den germanischen Thor anschließt, so ist aus der jetzigen ehstnischen

Bezeichnung des Thortags, Donnerstags, jede Erinnerung an Taara-Thor

getilgt; der Donnerstag heißt ehstnisch einfach =nelja-päew=, d. i. der

vierte Tag. (Montag der erste, Dienstag der zweite, Mittwoch der dritte

oder auch Mittwoch, Freitag = Reede, corrumpirt aus plattd. Frêdag,

Sonnabend = Badetag, Sonntag = heiliger Tag, Feiertag.) L.]

[Fußnote 3: Der Sinn ist: Sie durften nicht für sich arbeiten, um den

Kasten zu füllen, aus welchem die Braut am Hochzeitstage Geschenke

vertheilt. Vgl. _Boecler_, der Ehsten abergl. Gebräuche, ed. _Kreutzwald_,

=p.= 37. _Neus_, Ehstn. Volkslieder, S. 284. L.]

[Fußnote 4: Nicht zu verwechseln mit dem Kalew-_Sohn_ (=Kalewipoëg=), dem

Herkules des ehstnischen Festlandes. Auf der Insel Oesel heißt dieser

Töll od. Töllus. Vgl. _Rußwurm_, Eibofolke oder die Schweden an den Küsten

Ehstland's und auf Runö. Reval 1855. Th. 2, S. 273. _Neus_ in den

Beiträgen zur Kunde Ehst-, Liv- und Kurlands, ed. Ed. Pabst. Reval 1866.

Bd. =I=, Heft =I=, =p.= 111. L.]

[Fußnote 5: wörtlich: fiel in das Ohr das Echo. Das Echo wird bildlich

»Schielauge« genannt. S. Kreutzwald zu Boecler, S. 146.]

[Fußnote 6: Vgl. die folgende Anm. und die Nota S. 25 zu 2. »die im

Mondschein badenden Jungfrauen.« L.]

[Fußnote 7: Die alte Anschauung der Ehsten unterscheidet feindliche und

günstige Winde und schreibt beiden den weitgreifendsten Einfluß zu. Die

unaufhörlichen Windströmungen, welche an dem ehstnischen Küstenstrich

ihr Spiel treiben und von der größten Bedeutung für das Naturleben sind,

erklären dies vollkommen. In unserer Stelle ist die Krankheit nicht »von

Gott, sondern vom Winde gekommen« und soll auch wieder (homöopathisch)

durch den Wind vertrieben werden. Vergl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_, ehstn.

Aberglaube, S. 105 ff. u. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Myth. u. mag. Lieder der

Ehsten, S. 13. L.]

[Fußnote 8: Ahti oder Ahto (sprich Achti, Achto) ist in der finnischen

Mythologie der über alles Wasser herrschende Gott: ein alter ehrwürdiger

Mann mit einem Grasbart und einem Schaumgewand. Er wird,

characteristisch genug, als begehrlich nach fremdem Gut geschildert. Im

ehstnischen Epos vom _Kalewi-Poëg_ Ges. =XVI.=, V. 72 ist von Ahti's Sohn

und seinen (Wasser) Gruben die Rede. L.]

[Fußnote 9: Loch am Giebel des Hauses (zum Hinauslassen des Rauches).

L.]

Ehstnische Märchen · 第 30 / 69 题