Aus dem Ehstnischen übersetzt

von

F. Löwe,

ehem. Bibliothekar a. d. Petersb. Akad. d. Wissenschaften.

Nebst einem Vorwort von _Anton Schiefner_ und Anmerkungen

von _Reinhold Köhler_ und _Anton Schiefner_.

Halle,

Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses.

1869.

Vorwort.

Im dritten Bande der Kinder- und Hausmärchen hat _Wilhelm Grimm_ auf S.

353 der Ausgabe von 1856 auf die ihm bis zu der Zeit bekannt gewordenen

ehstnischen Märchen hingewiesen, und auf S. 385 namentlich die zuerst

von _Fählmann_ im Jahre 1842 in dem ersten Bande der Verhandlungen der

gelehrten ehstnischen Gesellschaft zu Dorpat veröffentlichte anmuthige

Dichtung Koit und Ämmarik hervorgehoben. In ausführlicherer Fassung ist

die letztere später (1854) von =Dr.= _Friedrich Kreutzwald_ mir mitgetheilt

und von mir im Bulletin der St. Petersburger Akademie =T. XII.= Nr. 3, 4

(auch in den =Mélanges russes= =T. II.= S. 409) in dem Aufsatz »zur

ehstnischen Mythologie« abgedruckt worden. Ebendaselbst habe ich auch

auf die Möglichkeit einer Entlehnung dieser Dichtung von einem

Nachbarvolke aufmerksam gemacht. An solchen Entlehnungen sind die Ehsten

nicht ärmer als andere Völker, und es gewährt ein eigenthümliches

Interesse, mehr oder minder anderswoher bekannte Stoffe in ihrer

ehstnischen Einkleidung zu betrachten. Allein nicht bloß die Freude an

der poetischen Behandlung der einzelnen Märchen ist es, was uns

auffordert, denselben unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es knüpfen sich

eine ganze Anzahl rein ethnographischer und historischer Fragen an die

Betrachtung ihres Inhalts.

Der Uebersetzer hat es für angemessen erachtet, auf so manche Züge

hinzuweisen, welche die einzelnen Märchen mit der von =Dr.= _Kreutzwald_ ins

Leben gerufenen Dichtung »Kalewipoëg« gemein haben. Manches ist

allerdings aus den nicht bloß bei den Ehsten in Umlauf befindlichen

Märchen erst in die Sage und daraus in die epischen Lieder gewandert,

anderes bietet uns aber treulichst erhaltene Spuren altscandinavischer

Mythen dar. Habe ich bereits im Jahre 1860 bei Gelegenheit der

Besprechung des Kalewipoëg (Bulletin B. =II.= S. 273-297 = =Mélanges russes=

B. =II.= S. 126-161) darauf aufmerksam gemacht, wie im Kalewipoëg vielfach

Nachklänge des alten Thor-Cultus vorliegen, so kann man das mit gleichem

Recht von den in vorliegender Sammlung dargebotenen Märchen behaupten.

Man berücksichtige außer dem von Herrn Löwe S. 2 angeführten z. B. S.

113 die dem Donnerer gehörige Gerte aus Ebereschenholz, sowie auch S.

137 das Ruder aus demselben Holze. Vgl. über die auch S. 18 vorkommende

Eberesche als dem Donnerer heilig Mannhardt Germanische Mythen S. 13 f.

Als ich im Jahre 1855 über den Mythengehalt der finnischen Märchen

(=Bullet. hist. philol. T. XII.= Nr. 24) kurz berichtete, waren von den

ehstnischen Märchen nur sehr wenige bekannt, und die ganze reiche

Märchenliteratur der Russen, von der uns die von _Afanasjew_ in den Jahren

1855-1863 erschienene Sammlung in acht Bänden eine Ahnung giebt, war

nur in wenigen Proben zugänglich. Bei einem eingehenden Studium der

ebengenannten Sammlung dürften nicht allein die finnischen Märchen in

einem andern Lichte erscheinen, sondern auch die ehstnischen richtiger

gewürdigt werden können. Sicher ist es wenigstens, daß, wenn wir die

ehstnischen Märchen betrachten, wir es mit den Einflüssen der

verschiedensten Zeiten und Völker zu thun haben.

Manche Züge weisen unverkennbar auf litauische Berührungen hin, andere

zahlreichere und wohl auch jüngere auf russische Elemente; da die

Küstenstriche Ehstlands und namentlich die zunächst liegenden Inseln

schwedische Bevölkerung gehabt und zum Theil auch noch gegenwärtig

haben, ist der letzteren nebst manchem Märchen auch mancher aus der

ältesten Zeit stammende Mythus entnommen. Aber auch die neueste Zeit hat

aus der Kinderstube der deutschen Familien sowohl in der Stadt als auf

dem Lande so manches Märchen in die Bauerhütten verpflanzt. Nicht minder

haben die aus dem Kriegsdienste heimkehrenden Ehsten so manche

Erzählung, die sie früher im schwedischen oder später im russischen

Heere vernommen hatten, den hörlustigen Leuten in der Heimath

zugetragen.

Außer den von _W. Grimm_ a. a. O. namhaft gemachten Sammlungen sind

verschiedene ehstnische Märchen veröffentlicht worden, namentlich in den

Jahrgängen 1846, 1848, 1849, 1852 und 1858 des »Inlands«, im

illustrirten revalschen Almanach 1855 und 1856 und anderswo; eine

ziemlich genaue Aufzählung derselben wird man in =Dr.= _Winkelmanns_ nun im

Druck befindlicher =Bibliotheca Livoniae historica= S. 39 f. finden. Am

beachtenswertesten sind die von den auch sonst um die Literatur der

Ehsten hochverdienten beiden Männern Heinrich _Neus_ in Reval und

Friedrich _Kreutzwald_ in Werro mitgetheilten Märchen. Der letztere der

beiden genannten Herren erhielt auch von der finnischen

Literaturgesellschaft in Helsingfors den ehrenvollen Auftrag, eine

umfassende Sammlung von ehstnischen Märchen herauszugeben. Diese

Sammlung, welche auf 368 Seiten 43 größere und 18 kleinere Stücke

umfaßt, erschien im Jahre 1866 zu Helsingfors im Verlage der

Literaturgesellschaft mit Bewilligung der letzteren und des Herrn

_Kreutzwald_ hat Herr _Löwe_, welcher sich während seines Aufenthalts in

Ehstland anerkennenswerthe Kenntnisse der ehstnischen Sprache erworben

hat, vorliegende Uebersetzung unternommen, die sich durch sich selbst so

sehr empfiehlt, daß eine Empfehlung von meiner Seite überflüssig sein

dürfte. Die Leser dieser freundlichen Schöpfungen der Volkspoesie werden

es nicht minder als ich wünschen, daß baldigst eine Fortsetzung der

Uebersetzung erscheine.

Schließlich kann ich die erfreuliche Nachricht mittheilen, daß in kurzer

Zeit die Veröffentlichung mehrerer durch die Herren _Hurt_ und _Jakobson_

aus dem Volksmunde aufgezeichneter ehstnischer Märchen in den Schriften

der gelehrten ehstnischen Gesellschaft in Dorpat zu erwarten ist.

St. Petersburg, den 8. (20.) Februar 1869.

A. Schiefner.

_Inhalt._

Ehstnische Märchen · 第 2 / 69 题