Vorwort des Herausgebers

Dieses Buch enthält die uns gebliebenen Aufzeichnungen jenes Mannes,

welchen wir mit einem Ausdruck, den er selbst mehrmals gebrauchte, den

„Steppenwolf“ nannten. Ob sein Manuskript eines einführenden Vorwortes

bedürfe, sei dahingestellt; mir jedenfalls ist es ein Bedürfnis, den

Blättern des Steppenwolfes einige beizufügen, auf denen ich versuche,

meine Erinnerung an ihn aufzuzeichnen. Es ist nur wenig, was ich über

ihn weiß, und namentlich ist seine ganze Vergangenheit und Herkunft mir

unbekannt geblieben. Doch habe ich von seiner Persönlichkeit einen

starken und, wie ich trotz allem sagen muß, sympathischen Eindruck

behalten.

Der Steppenwolf war ein Mann von annähernd fünfzig Jahren, der vor

einigen Jahren eines Tages im Hause meiner Tante vorsprach und nach

einem möblierten Zimmer suchte. Er mietete die Mansarde oben im

Dachstock und die kleine Schlafkammer daneben, kam nach einigen Tagen

mit zwei Koffern und einer großen Bücherkiste wieder und hat neun oder

zehn Monate bei uns gewohnt. Er lebte sehr still und für sich, und wenn

nicht die nachbarliche Lage unsrer Schlafräume manche zufällige

Begegnung auf Treppe und Korridor herbeigeführt hätte, wären wir wohl

überhaupt nicht miteinander bekannt geworden, denn gesellig war dieser

Mann nicht, er war in einem hohen, von mir bisher bei niemandem

beobachteten Grade ungesellig, er war wirklich, wie er sich zuweilen

nannte, ein Steppenwolf, ein fremdes, wildes und auch scheues, sogar

sehr scheues Wesen aus einer anderen Welt als der meinigen. In wie tiefe

Vereinsamung er sich auf Grund seiner Anlage und seines Schicksals

hineingelebt hatte und wie bewußt er diese Vereinsamung als sein

Schicksal erkannte, dies erfuhr ich allerdings erst aus den von ihm hier

zurückgelassenen Aufzeichnungen; doch habe ich ihn immerhin schon vorher

durch manche kleine Begegnungen und Gespräche einigermaßen kennengelernt

und fand das Bild, das ich aus seinen Aufzeichnungen von ihm gewann, im

Grunde übereinstimmend mit dem freilich blasseren und lückenhafteren,

wie es sich mir aus unsrer persönlichen Bekanntschaft ergeben hatte.

Zufällig war ich in dem Augenblick zugegen, wo der Steppenwolf zum

erstenmal unser Haus betrat und bei meiner Tante sich einmietete. Er kam

in der Mittagszeit, die Teller standen noch auf dem Tisch, und ich hatte

noch eine halbe Stunde Freizeit, ehe ich in mein Bureau gehen mußte. Ich

habe den sonderbaren und sehr zwiespältigen Eindruck nicht vergessen,

den er mir beim ersten Begegnen machte. Er kam durch die Glastür, wo er

vorher die Glocke gezogen hatte, herein, und die Tante fragte ihn im

halbdunkeln Flur, was er wünsche. Er aber, der Steppenwolf, hatte seinen

scharfen kurzhaarigen Kopf witternd in die Höhe gereckt, schnupperte mit

der nervösen Nase um sich her und sagte, noch ehe er Antwort gab oder

seinen Namen nannte: „Oh, hier riecht es gut.“ Er lächelte dazu, und

meine gute Tante lächelte auch, ich aber fand diese Begrüßungsworte eher

komisch und hatte etwas gegen ihn.

„Nun ja,“ sagte er, „ich komme wegen des Zimmers, das Sie zu vermieten

haben.“

Erst als wir alle drei die Treppe zum Dachboden hinaufstiegen, konnte

ich den Mann genauer ansehen. Er war nicht sehr groß, hatte aber den

Gang und die Kopfhaltung von großgewachsenen Menschen, er trug einen

modernen bequemen Wintermantel und war im übrigen anständig, aber

unsorgfältig gekleidet, glatt rasiert und mit ganz kurzem Kopfhaar, das

hier und dort ein wenig grau flimmerte. Sein Gang gefiel mir anfangs gar

nicht, er hatte etwas Mühsames und Unentschlossenes, das nicht zu dem

scharfen, heftigen Profil und auch nicht zum Ton und Temperament seiner

Rede paßte. Erst später merkte und erfuhr ich, daß er krank war und daß

das Gehen ihm Mühe machte. Mit einem eigentümlichen Lächeln, das mir

damals ebenfalls unangenehm war, betrachtete er die Treppe, die Wände

und Fenster und die alten hohen Schränke im Treppenhaus, dies alles

schien ihm zu gefallen und schien ihm doch zugleich irgendwie

lächerlich. Überhaupt machte der ganze Mann den Eindruck, als komme er

aus einer fremden Welt, etwa aus überseeischen Ländern, zu uns und finde

hier alles zwar hübsch, aber ein wenig komisch. Er war, wie ich nicht

anders sagen kann, höflich, ja freundlich, er war auch mit dem Haus, dem

Zimmer, dem Preis für Miete und Frühstück und allem sofort und ohne

Einwände einverstanden, und dennoch war um den ganzen Mann herum eine

fremde und, wie mir scheinen wollte, ungute oder feindliche Atmosphäre.

Er mietete das Zimmer, mietete noch die Schlafkammer zu, ließ sich über

Heizung, Wasser, Bedienung und Hausordnung unterrichten, hörte alles

aufmerksam und freundlich an, war mit allem einverstanden, bot auch

sogleich eine Vorauszahlung auf die Miete an, und doch schien er bei

alledem nicht recht dabei zu sein, schien sich selber in seinem Tun

komisch zu finden und nicht ernst zu nehmen, so, als sei es ihm seltsam

und neu, ein Zimmer zu mieten und mit Leuten Deutsch zu sprechen,

während er eigentlich und im Innern mit ganz anderen Sachen beschäftigt

wäre. So etwa war mein Eindruck, und er wäre kein guter gewesen, wenn er

nicht durch allerlei kleine Züge durchkreuzt und korrigiert worden wäre.

Vor allem war es das Gesicht des Mannes, das mir von Anfang an gefiel;

trotz jenem Ausdruck von Fremdheit gefiel es mir, es war ein vielleicht

etwas eigenartiges und auch trauriges Gesicht, aber ein waches, sehr

gedankenvolles, durchgearbeitetes und vergeistigtes. Und dann kam, um

mich versöhnlicher zu stimmen, dazu, daß seine Art von Höflichkeit und

Freundlichkeit, obwohl sie ihm etwas Mühe zu machen schien, doch ganz

ohne Hochmut war – im Gegenteil, es war darin etwas beinah Rührendes,

etwas wie Flehendes, wofür ich erst später die Erklärung fand, das mich

aber sofort ein wenig für ihn einnahm.

Noch ehe die Besichtigung der beiden Räume und die andern Verhandlungen

beendet waren, war meine Mittagszeit abgelaufen, und ich mußte in mein

Geschäft gehen. Ich empfahl mich und überließ ihn der Tante. Als ich am

Abend wiederkam, erzählte sie mir, der Fremde habe gemietet und werde

dieser Tage einziehen, er habe nur darum gebeten, seine Ankunft nicht

polizeilich zu melden, da ihm, einem kränklichen Mann, diese

Formalitäten und das Herumstehen in Polizeischreibstuben und so weiter

unerträglich seien. Ich erinnere mich noch genau daran, wie das mich

damals stutzig machte und wie ich meine Tante davor warnte, auf diese

Bedingung einzugehen. Gerade zu dem Unvertrauten und Fremden, das der

Mann an sich hatte, schien mir diese Scheu vor der Polizei allzu gut zu

passen, um nicht als verdächtig aufzufallen. Ich legte meiner Tante dar,

daß sie auf dies ohnehin etwas eigentümliche Ansinnen, dessen Erfüllung

unter Umständen recht widerliche Folgen für sie haben könne, einem

völlig Fremden gegenüber unter keinen Umständen eingehen dürfe. Aber da

stellte sich heraus, daß die Tante ihm die Erfüllung seines Wunsches

schon zugesagt hatte und daß sie überhaupt sich von dem fremden Menschen

schon hatte einfangen und bezaubern lassen; denn sie hat niemals Mieter

aufgenommen, zu denen sie nicht in irgendein menschliches, freundliches

und tantenhaftes oder vielmehr mütterliches Verhältnis treten konnte,

was denn auch von manchen früheren Mietern reichlich ausgenützt worden

ist. Und in den ersten Wochen blieb es denn auch so, daß ich an dem

neuen Mieter mancherlei auszusetzen hatte, während meine Tante ihn

jedesmal mit Wärme in Schutz nahm.

Da diese Sache mit dem Unterlassen der polizeilichen Meldung mir nicht

gefiel, wollte ich wenigstens erfahren, was die Tante über den Fremden,

über seine Herkunft und Absichten wisse. Und da wußte sie schon dies und

jenes, obwohl er nach meinem Weggang um Mittag nur noch ganz kurz

dageblieben war. Er hatte ihr gesagt, er gedenke sich einige Monate in

unsrer Stadt aufzuhalten, die Bibliotheken zu benützen und die

Altertümer der Stadt anzusehen. Eigentlich paßte es der Tante nicht, daß

er nur für so kurze Zeit mieten wollte, aber er hatte sie offenbar schon

für sich gewonnen, trotz seinem etwas sonderbaren Auftreten. Kurz, die

Zimmer waren vermietet, und meine Einwände kamen zu spät.

„Warum hat er wohl das gesagt, daß es hier so gut rieche?“ fragte ich.

Da sagte meine Tante, welche manchmal recht gute Ahnungen hat: „Das weiß

ich ganz genau. Es riecht hier bei uns nach Sauberkeit und Ordnung und

nach einem freundlichen und anständigen Leben, und das hat ihm gefallen.

Er sieht aus, wie wenn er daran nicht mehr gewöhnt wäre und es entbehrt

hätte.“

Nun ja, dachte ich, meinetwegen. „Aber,“ sagte ich, „wenn er an ein

ordentliches und anständiges Leben nicht gewöhnt ist, wie soll dann das

werden? Was willst du machen, wenn er unreinlich ist und alles verdreckt

oder wenn er zu allen Nachtstunden besoffen heimkommt?“

„Das werden wir ja sehen“, sagte sie und lachte, und ich ließ es gut

sein.

Und in der Tat waren meine Befürchtungen unbegründet. Der Mieter, obwohl

er keineswegs ein ordentliches und vernünftiges Leben führte, hat uns

nicht belästigt noch geschädigt, wir denken noch heute gerne an ihn. Im

Innern aber, in der Seele, hat dieser Mann uns beide, die Tante und

mich, doch sehr viel gestört und belästigt, und offen gesagt, bin ich

noch lange nicht mit ihm fertig. Ich träume nachts manchmal von ihm und

fühle mich durch ihn, durch die bloße Existenz eines solchen Wesens, im

Grunde gestört und beunruhigt, obwohl er mir geradezu lieb geworden ist.

Zwei Tage später brachte ein Fuhrmann die Sachen des Fremden, der Harry

Haller hieß. Ein sehr schöner Lederkoffer machte mir einen guten

Eindruck, und ein großer flacher Kabinenkoffer schien auf frühere weite

Reisen zu deuten, wenigstens war er beklebt mit den vergilbten

Firmenzetteln von Hotels und Transportgesellschaften verschiedener, auch

überseeischer Länder.

Dann erschien er selbst, und es begann die Zeit, in der ich diesen

sonderbaren Mann allmählich kennenlernte. Anfangs tat ich von meiner

Seite nichts dazu. Obwohl ich mich für Haller von der ersten Minute an,

in der ich ihn sah, interessierte, tat ich in den ersten paar Wochen

doch keinen Schritt, um ihn anzutreffen oder ins Gespräch mit ihm zu

kommen. Dagegen habe ich allerdings, dies muß ich gestehen, schon von

allem Anfang an den Mann ein wenig beobachtet, auch zuweilen während

seiner Abwesenheit sein Zimmer betreten und überhaupt aus Neugierde ein

klein wenig Spionage getrieben.

Über das Äußere des Steppenwolfes habe ich einige Angaben schon gemacht.

Er machte durchaus und gleich beim ersten Anblick den Eindruck eines

bedeutenden, eines seltenen und ungewöhnlich begabten Menschen, sein

Gesicht war voll Geist, und das außerordentlich zarte und bewegliche

Spiel seiner Züge spiegelte ein interessantes, höchst bewegtes, ungemein

zartes und sensibles Seelenleben. Wenn man mit ihm sprach und er, was

nicht immer der Fall war, die Grenzen des Konventionellen überschritt

und aus seiner Fremdheit heraus persönliche, eigene Worte sagte, dann

mußte unsereiner sich ihm ohne weiteres unterordnen, er hatte mehr

gedacht als andre Menschen und hatte in geistigen Angelegenheiten jene

beinah kühle Sachlichkeit, jenes sichere Gedachthaben und Wissen, wie es

nur wahrhaft geistige Menschen haben, welchen jeder Ehrgeiz fehlt,

welche niemals zu glänzen oder den andern zu überreden oder recht zu

behalten wünschen.

Eines solchen Ausspruches, welcher aber nicht einmal ein Ausspruch war,

sondern lediglich in einem Blick bestand, erinnere ich mich aus

der letzten Zeit seines Hierseins. Da hatte ein berühmter

Geschichtsphilosoph und Kulturkritiker, ein Mann von europäischem Namen,

einen Vortrag in der Aula angekündigt, und es war mir gelungen, den

Steppenwolf, der erst gar keine Lust dazu hatte, zum Besuch des Vortrags

zu überreden. Wir gingen zusammen hin und saßen im Hörsaal

nebeneinander. Als der Redner seine Kanzel bestieg und seine Ansprache

begann, enttäuschte er manche Zuhörer, welche eine Art von Propheten in

ihm vermutet hatten, durch die etwas geschniegelte und eitle Art seines

Auftretens. Als er nun zu reden begann und zum Beginn den Zuhörern

einige Schmeicheleien sagte und für ihr zahlreiches Erscheinen dankte,

da warf mir der Steppenwolf einen ganz kurzen Blick zu, einen Blick der

Kritik über diese Worte und über die ganze Person des Redners, oh, einen

unvergeßlichen und furchtbaren Blick, über dessen Bedeutung man ein

ganzes Buch schreiben könnte! Der Blick kritisierte nicht bloß jenen

Redner und machte den berühmten Mann durch seine zwingende, obwohl

sanfte Ironie zunichte, das war das Wenigste daran. Der Blick war viel

eher traurig als ironisch, er war sogar abgründig und hoffnungslos

traurig; eine stille, gewissermaßen sichere, gewissermaßen schon

Gewohnheit und Form gewordene Verzweiflung war der Inhalt dieses

Blickes. Er durchleuchtete mit seiner verzweifelten Helligkeit nicht

bloß die Person des eitlen Redners, ironisierte und erledigte die

Situation des Augenblicks, die Erwartung und Stimmung des Publikums, den

etwas anmaßenden Titel der angekündigten Ansprache – nein, der Blick des

Steppenwolfes durchdrang unsre ganze Zeit, das ganze betriebsame Getue,

die ganze Streberei, die ganze Eitelkeit, das ganze oberflächliche Spiel

einer eingebildeten, seichten Geistigkeit – ach, und leider ging der

Blick noch tiefer, ging noch viel weiter als bloß auf Mängel und

Hoffnungslosigkeiten unsrer Zeit, unsrer Geistigkeit, unsrer Kultur. Er

ging bis ins Herz alles Menschentums, er sprach beredt in einer einzigen

Sekunde den ganzen Zweifel eines Denkers, eines vielleicht Wissenden aus

an der Würde, am Sinn des Menschenlebens überhaupt. Dieser Blick sagte:

„Schau’, solche Affen sind wir! Schau’, so ist der Mensch!“ und alle

Berühmtheit, alle Gescheitheit, alle Errungenschaften des Geistes, alle

Anläufe zu Erhabenheit, Größe und Dauer im Menschlichen fielen zusammen

und waren ein Affenspiel!

Ich habe damit weit vorgegriffen und, eigentlich gegen meinen Plan und

Willen, im Grunde schon das Wesentliche über Haller gesagt, während es

ursprünglich meine Absicht war, sein Bild nur allmählich, im Erzählen

meines stufenweisen Bekanntwerdens mit ihm, zu enthüllen.

Nachdem ich nun denn so vorgegriffen habe, erübrigt es sich, noch weiter

über die rätselhafte „Fremdheit“ Hallers zu sprechen und im einzelnen zu

berichten, wie ich allmählich die Gründe und Bedeutungen dieser

Fremdheit, dieser außerordentlichen und furchtbaren Vereinsamung ahnte

und erkannte. Es ist besser so, denn ich möchte meine eigene Person

möglichst im Hintergrunde lassen. Ich will nicht meine Bekenntnisse

vortragen oder Novellen erzählen oder Psychologie treiben, sondern

lediglich als Augenzeuge etwas zum Bild des eigentümlichen Mannes

beitragen, der diese Steppenwolfmanuskripte hinterlassen hat.

Schon beim allerersten Anblick, als er durch die Glastür der Tante

hereintrat, den Kopf so vogelartig reckte und den guten Geruch des

Hauses rühmte, war mir irgendwie das Besondere an diesem Manne

aufgefallen, und meine erste naive Reaktion darauf war Widerwille

gewesen. Ich spürte (und meine Tante, die im Gegensatz zu mir ja ganz

und gar kein intellektueller Mensch ist, spürte ziemlich genau dasselbe)

– ich spürte, daß der Mann krank sei, auf irgendeine Art geistes- oder

gemüts- oder charakterkrank, und wehrte mich dagegen mit dem Instinkt

des Gesunden. Diese Abwehr wurde im Lauf der Zeit abgelöst durch

Sympathie, beruhend auf einem großen Mitleid mit diesem tief und dauernd

Leidenden, dessen Vereinsamung und inneres Sterben ich mit ansah. In

dieser Periode kam mir mehr und mehr zum Bewußtsein, daß die Krankheit

dieses Leidenden nicht auf irgendwelchen Mängeln seiner Natur beruhe,

sondern im Gegenteil nur auf dem nicht zur Harmonie gelangten großen

Reichtum seiner Gaben und Kräfte. Ich erkannte, daß Haller ein Genie des

Leidens sei, daß er, im Sinne mancher Aussprüche Nietzsches, in sich

eine geniale, eine unbegrenzte, furchtbare Leidensfähigkeit

herangebildet habe. Zugleich erkannte ich, daß nicht Weltverachtung,

sondern Selbstverachtung die Basis seines Pessimismus sei, denn so

schonungslos und vernichtend er von Institutionen oder Personen reden

konnte, nie schloß er sich aus, immer war er selbst der erste, gegen den

er seine Pfeile richtete, war er selbst der erste, den er haßte und

verneinte ...

Hier muß ich eine psychologische Anmerkung einfügen. Obgleich ich über

das Leben des Steppenwolfes sehr wenig weiß, habe ich doch allen Grund

zu vermuten, daß er von liebevollen, aber strengen und sehr frommen

Eltern und Lehrern in jenem Sinne erzogen wurde, der das „Brechen des

Willens“ zur Grundlage der Erziehung macht. Dieses Vernichten der

Persönlichkeit und Brechen des Willens nun war bei diesem Schüler nicht

gelungen, dazu war er viel zu stark und hart, viel zu stolz und geistig.

Statt seine Persönlichkeit zu vernichten, war es nur gelungen, ihn sich

selbst hassen zu lehren. Gegen sich selber, gegen dies unschuldige und

edle Objekt richtete er nun zeitlebens die ganze Genialität seiner

Phantasie, die ganze Stärke seines Denkvermögens. Denn darin war er,

trotz allem, durch und durch Christ und durch und durch Märtyrer, daß er

jede Schärfe, jede Kritik, jede Bosheit, jeden Haß, dessen er fähig war,

vor allem und zuerst auf sich selbst losließ. Was die anderen, was die

Umwelt betraf, so machte er beständig die heldenhaftesten und ernstesten

Versuche, sie zu lieben, ihnen gerecht zu werden, ihnen nicht weh zu

tun, denn das „Liebe deinen Nächsten“ war ihm ebenso tief eingebläut wie

das Hassen seiner selbst, und so war sein ganzes Leben ein Beispiel

dafür, daß ohne Liebe zu sich selbst auch die Nächstenliebe unmöglich

ist, daß der Selbsthaß genau dasselbe ist und am Ende genau dieselbe

grausige Isoliertheit und Verzweiflung erzeugt wie der grelle Egoismus.

Aber es wird nun Zeit, daß ich meine Gedanken hintanstelle und von

Wirklichkeiten spreche. Das erste also, was ich über Herrn Haller in

Erfahrung brachte, teils durch meine Spionage, teils durch Bemerkungen

meiner Tante, bezog sich auf die Art seiner Lebensführung. Daß er ein

Gedanken- und Büchermensch war und keinen praktischen Beruf ausübte, war

bald zu sehen. Er lag immer sehr lange im Bett, oft stand er erst kurz

vor Mittag auf und ging im Schlafrock die paar Schritte von der

Schlafkammer zu seinem Wohnzimmer hinüber. Dies Wohnzimmer, eine große

und freundliche Mansarde mit zwei Fenstern, sah schon nach wenigen Tagen

anders aus als zur Zeit, da es von andern Mietern bewohnt gewesen war.

Es füllte sich, und mit der Zeit wurde es immer voller. An den Wänden

wurden Bilder aufgehängt, Zeichnungen angeheftet, zuweilen aus

Zeitschriften ausgeschnittene Bilder, die häufig wechselten. Eine

südliche Landschaft, Photographien aus einem deutschen Landstädtchen,

offenbar der Heimat Hallers, hingen da, farbige, leuchtende Aquarelle

dazwischen, von denen wir erst spät erfuhren, daß er selbst sie gemalt

hatte. Dann die Photographie einer hübschen jungen Frau oder eines

jungen Mädchens. Eine Zeitlang hing ein siamesischer Buddha an der Wand,

er wurde abgelöst durch eine Reproduktion der „Nacht“ von Michelangelo,

dann von einem Bildnis des Mahatma Gandhi. Bücher füllten nicht nur den

großen Bücherschrank, sondern lagen auch überall auf den Tischen, auf

dem hübschen alten Sekretär, auf dem Diwan, auf den Stühlen, auf dem

Boden herum, Bücher mit eingelegten Papierzeichen, die beständig

wechselten. Die Bücher nahmen beständig zu, denn er brachte nicht nur

ganze Packen von den Bibliotheken mit, sondern bekam auch sehr häufig

Pakete mit der Post. Der Mann, der diese Stube bewohnte, konnte ein

Gelehrter sein. Dazu paßte auch der Zigarrenrauch, der alles einhüllte,

und die überall herumliegenden Zigarrenreste und Aschenschalen. Ein

großer Teil der Bücher jedoch war nicht gelehrten Inhalts, die große

Mehrzahl waren Werke der Dichter aus allen Zeiten und Völkern. Eine

Zeitlang lagen auf dem Diwan, wo er oft ganze Tage liegend zubrachte,

alle sechs dicken Bände eines Werkes herum mit dem Titel „Sophiens Reise

von Memel nach Sachsen“, vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Eine

Gesamtausgabe von Goethe und eine von Jean Paul schien viel benützt zu

werden, ebenso Novalis, aber auch Lessing, Jacobi und Lichtenberg.

Einige Dostojewskibände staken voll von beschriebenen Zetteln. Auf dem

größern Tisch zwischen den vielen Büchern und Schriften stand häufig ein

Blumenstrauß, dort trieb sich auch ein Aquarellierkasten herum, der aber

stets voller Staub war, daneben die Aschenschalen und, um auch dies

nicht zu verschweigen, allerlei Flaschen mit Getränken. Eine

strohumflochtene Flasche war meist mit italienischem Rotwein gefüllt,

den er in der Nähe in einem kleinen Laden holte, manchmal war auch eine

Flasche Burgunder zu sehen sowie Malaga, und eine dicke Flasche mit

Kirschgeist sah ich innerhalb recht kurzer Zeit nahezu leer werden, dann

aber in eine Stubenecke verschwinden und, ohne daß der Rest sich weiter

verminderte, verstauben. Ich will mich über die von mir getriebene

Spionage nicht rechtfertigen und gestehe auch offen, daß in der ersten

Zeit alle diese Anzeichen eines zwar von geistigen Interessen erfüllten,

aber doch recht verbummelten und zuchtlosen Lebens bei mir Abscheu und

Mißtrauen hervorriefen. Ich bin nicht nur ein bürgerlicher, regelmäßig

lebender Mensch, an Arbeit und genaue Zeiteinteilung gewohnt, ich bin

auch Abstinent und Nichtraucher, und jene Flaschen in Hallers Zimmer

gefielen mir noch weniger als die übrige malerische Unordnung.

Wie mit Schlaf und Arbeit, so lebte der Fremde auch in bezug auf Essen

und Trinken sehr ungleichmäßig und launisch. An manchen Tagen ging er

überhaupt nicht aus und nahm außer dem Morgenkaffee gar nichts zu sich,

zuweilen fand die Tante als einzigen Rest seiner Mahlzeit eine

Bananenschale liegen, aber an andern Tagen speiste er in Restaurants,

bald in guten und eleganten, bald in kleinen Vorstadtkneipen. Seine

Gesundheit schien nicht gut zu sein; außer der Hemmung in den Beinen,

mit denen er oft recht mühsam seine Treppen stieg, schien er auch von

andren Störungen geplagt zu sein, und einmal sagte er nebenbei, er habe

seit Jahren nicht mehr richtig verdaut noch richtig geschlafen. Ich

schrieb es vor allem seinem Trinken zu. Später, als ich ihn zuweilen in

eines seiner Wirtshäuser begleitete, war ich manchmal Zeuge, wie er

rasch und launisch die Weine hinuntergoß, richtig betrunken aber habe

weder ich noch sonst jemand ihn je gesehen.

Nie vergesse ich unsre erste persönlichere Begegnung. Wir kannten

einander nur so, wie eben Zimmernachbarn in einem Miethaus sich kennen.

Da kam ich eines Abends aus dem Geschäft nach Hause und fand zu meinem

Erstaunen Herrn Haller beim Absatz der Treppe zwischen dem ersten und

zweiten Stockwerk sitzen. Er hatte sich auf die oberste Treppenstufe

gesetzt und rückte beiseite, um mich vorbei zu lassen. Ich fragte ihn,

ob er nicht wohl sei, und bot mich an, ihn vollends nach oben zu

begleiten.

Haller sah mich an, und ich merkte, daß ich ihn aus einer Art von

Traumzustand geweckt hatte. Langsam begann er zu lächeln, sein hübsches

und jämmerliches Lächeln, mit dem er mir so oft das Herz schwer gemacht

hat, dann lud er mich ein, mich neben ihn zu setzen. Ich dankte und

sagte, ich sei nicht gewohnt, auf der Treppe vor anderer Leute Wohnungen

zu sitzen.

„Ach ja,“ sagte er und lächelte stärker, „Sie haben recht. Aber warten

Sie noch einen Augenblick, ich muß Ihnen doch zeigen, warum ich hier ein

wenig sitzenbleiben mußte.“

Dabei deutete er auf den Vorplatz der Wohnung im ersten Stock, wo eine

Witwe wohnte. Auf dem kleinen parkettbelegten Platz zwischen Treppe,

Fenster und Glastüre stand ein hoher Mahagonischrank an der Wand, mit

altem Zinn darauf, und vor dem Schrank am Boden standen, auf zwei

kleinen niedern Ständerchen, zwei Pflanzen in großen Töpfen, eine Azalee

und eine Araukarie. Die Pflanzen sahen hübsch aus und waren immer sehr

sauber und tadellos gehalten, das war auch mir schon angenehm

aufgefallen.

„Sehen Sie,“ fuhr Haller fort, „dieser kleine Vorplatz mit der

Araukarie, der riecht so fabelhaft, ich kann hier oft gar nicht

vorbeigehen, ohne eine Weile haltzumachen. Auch bei Ihrer Frau Tante

duftet es ja gut und herrscht Ordnung und höchste Sauberkeit, aber der

Araukarienplatz hier, der ist so strahlend rein, so abgestaubt und

gewichst und abgewaschen, so unantastbar sauber, daß er förmlich

ausstrahlt. Ich muß da immer eine Nase voll einatmen – riechen Sie es

nicht auch? Wie da der Geruch von Bodenwachs und ein schwacher Nachklang

von Terpentin zusammen mit dem Mahagoni, den abgewaschenen

Pflanzenblättern und allem einen Duft ergibt, einen Superlativ von

bürgerlicher Reinheit, von Sorgfalt und Genauigkeit, von

Pflichterfüllung und Treue im kleinen. Ich weiß nicht, wer da wohnt,

aber es muß hinter dieser Glastür ein Paradies von Reinlichkeit und

abgestaubter Bürgerlichkeit wohnen, von Ordnung und ängstlich-rührender

Hingabe an kleine Gewohnheiten und Pflichten.“

Da ich schwieg, fuhr er fort: „Glauben Sie bitte nicht, daß ich ironisch

spreche! Lieber Herr, nichts liegt mir ferner, als diese Bürgerlichkeit

und Ordnung etwa verlachen zu wollen. Es ist ja richtig, ich selbst lebe

in einer andern Welt, nicht in dieser, und vielleicht wäre ich nicht

imstande, es auch nur einen Tag lang in einer Wohnung mit solchen

Araukarien auszuhalten. Aber wenn ich auch ein alter und etwas ruppiger

Steppenwolf bin, so bin doch auch ich der Sohn einer Mutter, und auch

meine Mutter war eine Bürgersfrau und zog Blumen und wachte über Stube

und Treppe, Möbel und Gardinen und bemühte sich, ihrer Wohnung und ihrem

Leben so viel Sauberkeit, Reinheit und Ordentlichkeit zu geben, als nur

immer gehen wollte. Daran erinnert mich der Hauch von Terpentin, daran

die Araukarie, und da sitze ich denn hie und da, sehe in diesen stillen

kleinen Garten der Ordnung und freue mich, daß es das noch gibt.“

Er wollte aufstehen, hatte aber Mühe damit und wies mich nicht ab, als

ich ihm dabei ein wenig half. Ich blieb schweigsam, aber ich unterlag,

ebenso wie es zuvor meiner Tante ergangen war, irgendeinem Zauber, den

der seltsame Mensch zuweilen haben konnte. Wir gingen langsam

miteinander die Treppen hinauf, und vor seiner Türe, schon die Schlüssel

in der Hand, blickte er mir nochmals voll und sehr freundlich ins

Gesicht und sagte: „Sie kommen aus Ihrem Geschäft? Nun ja, davon

verstehe ich nichts, ich lebe so etwas abseits, etwas am Rande, wissen

Sie. Aber ich glaube, Sie haben auch Interesse für Bücher und

dergleichen, Ihre Tante sagte mir einmal, daß Sie das Gymnasium

absolviert haben und ein guter Grieche waren. Nun, ich habe da heut

morgen einen Satz bei Novalis gefunden, darf ich Ihnen den zeigen? Sie

werden auch Freude daran haben.“

Er nahm mich mit in sein Zimmer, wo es stark nach Tabak roch, zog ein

Buch aus einem der Haufen heraus, blätterte, suchte –

„Auch das ist gut, sehr gut,“ sagte er, „hören Sie einmal den Satz: ‚Man

sollte stolz auf den Schmerz sein – jeder Schmerz ist eine Erinnerung

unsres hohen Ranges.‘ Fein! Achtzig Jahre vor Nietzsche! Aber das ist

nicht der Spruch, den ich meinte – warten Sie – da habe ich ihn. Also:

‚Die meisten Menschen wollen nicht eher schwimmen, als bis sie es

können.‘ Ist das nicht witzig? Natürlich wollen sie nicht schwimmen! Sie

sind ja für den Boden geboren, nicht fürs Wasser. Und natürlich wollen

sie nicht denken; sie sind ja fürs Leben geschaffen, nicht fürs Denken!

Ja, und wer denkt, wer das Denken zur Hauptsache macht, der kann es

darin zwar weit bringen, aber er hat doch eben den Boden mit dem Wasser

vertauscht, und einmal wird er ersaufen.“

Er hatte mich nun eingefangen und interessiert, und ich blieb eine

kleine Weile bei ihm, und von da an kam es nicht selten vor, daß wir auf

der Treppe oder auf der Straße, wenn wir uns trafen, ein wenig

miteinander sprachen. Dabei hatte ich im Anfang, ebenso wie bei der

Araukarie, immer ein wenig das Gefühl, daß er mich ironisiere. Aber es

war nicht so. Er hatte vor mir, wie vor der Araukarie, geradezu

Hochachtung, er war von seiner Vereinsamung, seinem Schwimmen im Wasser,

seiner Entwurzelung so bewußt überzeugt, daß tatsächlich und ohne jeden

Hohn zuweilen der Anblick einer alltäglichen bürgerlichen Handlung, die

Pünktlichkeit zum Beispiel, mit der ich zu meinen Bureaustunden ging,

oder der Ausspruch eines Dienstboten oder Trambahnschaffners, ihn

begeistern konnte. Zuerst erschien mir das recht lächerlich und

übertrieben, so eine Herren- und Bummlerlaune, eine spielerische

Sentimentalität. Aber mehr und mehr mußte ich sehen, daß er in der Tat

unsre kleine bürgerliche Welt aus seinem luftleeren Raume, aus seiner

Fremdheit und Steppenwolfigkeit heraus geradezu bewunderte und liebte,

als das Feste und Sichere, als das ihm Ferne und Unerreichbare, als die

Heimat und den Frieden, zu denen ihm kein Weg gebahnt war. Er zog vor

unsrer Zugängerin, einer braven Frau, den Hut jedesmal mit einer wahren

Ehrfurcht, und wenn meine Tante sich einmal mit ihm ein wenig unterhielt

oder ihn auf eine Reparaturbedürftigkeit an seiner Wäsche, auf einen

hängenden Knopf an seinem Mantel aufmerksam machte, dann hörte er mit

einer merkwürdigen Aufmerksamkeit und Wichtigkeit zu, als gäbe er sich

eine unsägliche und hoffnungslose Mühe, durch irgendeinen Spalt in diese

kleine, friedliche Welt einzudringen und dort heimisch zu werden, sei es

auch nur für eine Stunde.

Schon bei jenem ersten Gespräch, bei der Araukarie, nannte er sich den

Steppenwolf, und auch dies befremdete und störte mich ein wenig. Was

waren das für Ausdrücke?! Aber ich lernte den Ausdruck nicht nur durch

Gewöhnung gelten zu lassen, sondern bald nannte ich den Mann bei mir

selbst, in meinen Gedanken, nie mehr anders als den Steppenwolf und

wüßte auch heute noch kein treffenderes Wort für diese Erscheinung. Ein

zu uns, in die Städte und ins Herdenleben verirrter Steppenwolf –

schlagender konnte kein andres Bild ihn zeigen, seine scheue

Vereinsamung, seine Wildheit, seine Unruhe, sein Heimweh und seine

Heimatlosigkeit.

Einmal konnte ich ihn einen ganzen Abend lang beobachten, in einem

Symphoniekonzert, wo ich ihn zu meiner Überraschung in meiner Nähe

sitzen sah, ohne daß er mich bemerkte. Erst wurde Händel gespielt, eine

edle und schöne Musik, aber der Steppenwolf saß in sich versunken und

ohne Anschluß, weder an die Musik noch an seine Umgebung. Unzugehörig,

einsam und fremd saß er, mit einem kühlen, aber sorgenvollen Gesicht vor

sich nieder blickend. Dann kam ein anderes Stück, eine kleine Symphonie

von Friedemann Bach, und da war ich ganz erstaunt zu sehen, wie nach

wenigen Takten mein Fremdling anfing zu lächeln und sich hinzugeben, er

sank ganz in sich hinein und sah, wohl zehn Minuten lang, so glücklich

versunken und in gute Träume verloren aus, daß ich mehr auf ihn als auf

die Musik achtete. Als das Stück zu Ende war, erwachte er, setzte sich

gerader, machte Miene aufzustehen und schien gehen zu wollen, blieb dann

aber doch sitzen und hörte auch das letzte Stück noch an, es waren

Variationen von Reger, eine Musik, die von vielen als etwas lang und

ermüdend empfunden wurde. Und auch der Steppenwolf, der anfangs noch

aufmerksam und gutwillig zugehört hatte, fiel wieder ab, er steckte die

Hände in die Taschen und sank wieder in sich hinein, diesmal aber nicht

glücklich und träumerisch, sondern traurig und schließlich böse, sein

Gesicht war wieder fern, grau und erloschen, er sah alt und krank und

unzufrieden aus.

Nach dem Konzert sah ich ihn auf der Straße wieder und ging hinter ihm

her; in seinen Mantel verkrochen schritt er unlustig und müde in der

Richtung nach unsrem Viertel davon, vor einem kleinen altmodischen

Wirtshause aber blieb er stehen, sah unschlüssig auf die Uhr und ging

dann hinein. Ich folgte einem augenblicklichen Gelüste und ging ihm

nach. Da saß er an einem kleinbürgerlichen Wirtstisch, Wirtin und

Kellnerin begrüßten ihn als bekannten Gast, und ich grüßte und setzte

mich zu ihm. Eine Stunde saßen wir dort, und während ich zwei Gläser

Mineralwasser trank, ließ er sich einen halben und dann noch einen

viertel Liter Rotwein geben. Ich sagte, daß ich im Konzert gewesen sei,

aber er ging nicht darauf ein. Er las die Etikette meiner Wasserflasche

und fragte, ob ich keinen Wein trinken wolle, zu dem er mich einlade.

Als er hörte, daß ich nie Wein trinke, machte er wieder sein hilfloses

Gesicht und sagte: „Ja, da haben Sie recht. Ich habe auch jahrelang

enthaltsam gelebt und auch lange Zeiten gefastet, aber zur Zeit stehe

ich wieder im Zeichen des Wassermanns, einem dunklen und feuchten

Zeichen.“

Und als ich nun scherzend auf diese Anspielung einging und andeutete,

wie unwahrscheinlich es mir sei, daß gerade er an Astrologie glaube, da

nahm er wieder den zu höflichen Ton an, der mich oft verletzte, und

sagte: „Ganz richtig, auch an diese Wissenschaft kann ich leider nicht

glauben.“

Ich ging und empfahl mich, und er kam erst sehr spät in der Nacht nach

Hause, aber sein Schritt war der gewohnte, und wie immer ging er nicht

sogleich zu Bett (ich hörte das als sein Zimmernachbar ja genau),

sondern hielt sich wohl noch eine Stunde bei Licht in seinem Wohnzimmer

auf.

Auch einen andern Abend habe ich nicht vergessen. Da war ich allein zu

Hause, die Tante war nicht da, und es läutete an der Haustür, und als

ich öffnete, stand da eine junge, sehr hübsche Dame, und als sie nach

Herrn Haller fragte, erkannte ich sie: es war die auf der Photographie

in seinem Zimmer. Ich zeigte ihr seine Tür und zog mich zurück, sie

blieb eine Weile oben, bald darauf aber hörte ich sie miteinander die

Treppe hinab und ausgehen, lebhaft und sehr vergnügt in scherzendem

Gespräch. Ich war sehr erstaunt, daß der Einsiedler eine Geliebte habe,

und eine so junge, hübsche und elegante, und alle meine Vermutungen über

ihn und sein Leben wurden mir wieder ungewiß. Aber eine kleine Stunde

später kam er schon wieder nach Hause, allein, mit schwerem, traurigem

Schritt, mühte sich die Treppe hinauf und schlich dann stundenlang in

seinem Wohnzimmer leise auf und ab, richtig wie ein Wolf im Käfig geht,

die ganze Nacht bis fast zum Morgen war Licht in seinem Zimmer.

Ich weiß über dies Verhältnis gar nichts und will nur hinzufügen: noch

einmal sah ich ihn mit jener Frau zusammen, in einer Straße der Stadt.

Sie gingen Arm in Arm, und er sah glücklich aus, ich wunderte mich

wieder, wieviel Anmut, ja Kindlichkeit sein versorgtes einsames Gesicht

gelegentlich haben konnte, und begriff die Frau und begriff auch die

Teilnahme, die meine Tante für diesen Mann hatte. Aber auch an jenem

Tage kam er abends traurig und elend nach Hause; ich traf ihn an der

Haustür an, er hatte, wie manches Mal, unterm Mantel die italienische

Weinflasche bei sich und saß mit ihr die halbe Nacht in seiner Höhle

oben. Er tat mir leid, aber was war das auch für ein trostloses,

verlorenes und wehrloses Leben, das er führte!

Nun, es ist genug geplaudert. Es bedarf weiter keiner Berichte und

Schilderungen, um zu zeigen, daß der Steppenwolf das Leben eines

Selbstmörders führte. Aber dennoch glaube ich nicht, daß er sich das

Leben genommen hat, damals, als er unversehens und ohne Abschied, aber

nach Bezahlung aller Rückstände unsre Stadt eines Tages verließ und

verschwunden war. Wir haben nie mehr etwas von ihm gehört und bewahren

noch immer einige Briefe auf, die noch für ihn ankamen. Zurück ließ er

nichts als sein Manuskript, das er während seines hiesigen Aufenthaltes

geschrieben hat und das er mit wenigen Zeilen mir zueignete, mit dem

Bemerken, ich könne damit machen, was ich wolle.

Es war mir nicht möglich, die Erlebnisse, von denen Hallers Manuskript

erzählt, auf ihren Gehalt an Realität nachzuprüfen. Ich zweifle nicht

daran, daß sie zum größten Teil Dichtung sind, nicht aber im Sinn

willkürlicher Erfindung, sondern im Sinne eines Ausdrucksversuches, der

tief erlebte seelische Vorgänge im Kleide sichtbarer Ereignisse

darstellt. Die zum Teil phantastischen Vorgänge in Hallers Dichtung

stammen vermutlich aus der letzten Zeit seines hiesigen Aufenthaltes,

und ich zweifle nicht daran, daß ihnen auch ein Stück wirklichen,

äußeren Erlebens zugrunde liegt. In jener Zeit zeigte unser Gast in der

Tat ein verändertes Benehmen und Aussehen, war sehr viel außer Hause,

zuweilen auch ganze Nächte, und seine Bücher lagen unberührt. Die

wenigen Male, die ich ihn damals antraf, schien er auffallend lebendig

und verjüngt, einige Male geradezu vergnügt. Gleich darauf folgte

allerdings eine neue schwere Depression, er blieb tagelang im Bett, ohne

Essen zu begehren, und in jene Zeit fiel auch ein außerordentlich

heftiger, ja brutaler Zank mit seiner wieder aufgetauchten Geliebten,

der das ganze Haus revoltierte und für welchen Haller tags darauf meine

Tante um Entschuldigung gebeten hat.

Nein, ich bin davon überzeugt, daß er sich nicht das Leben genommen hat.

Er lebt noch, er geht irgendwo auf seinen müden Beinen die Treppen

fremder Häuser auf und ab, starrt irgendwo auf blankgescheuerte

Parkettböden und auf sauber gepflegte Araukarien, sitzt Tage in

Bibliotheken und Nächte in Wirtshäusern oder liegt auf einem gemieteten

Kanapee, hört hinter den Fenstern die Welt und die Menschen leben und

weiß sich ausgeschlossen, tötet sich aber nicht, denn ein Rest von

Glaube sagt ihm, daß er dies Leiden, dies böse Leiden in seinem Herzen

zu Ende kosten und daß dies Leiden es sei, woran er sterben müsse. Ich

denke oft an ihn, er hat mir das Leben nicht leichter gemacht, er hatte

nicht die Gabe, das Starke und Frohe in mir zu stützen und zu fördern,

oh, im Gegenteil! Aber ich bin nicht er, und ich führe nicht seine Art

von Leben, sondern das meine, ein kleines und bürgerliches, aber

gesichertes und von Pflichten erfülltes. Und so können wir seiner in

Ruhe und Freundschaft denken, ich und meine Tante, welche mehr über ihn

zu sagen wüßte als ich, aber das bleibt in ihrem gütigen Herzen

verborgen.

* * * * *

Was nun die Aufzeichnungen Hallers betrifft, diese wunderlichen, zum

Teil krankhaften, zum Teil schönen und gedankenvollen Phantasien, so muß

ich sagen, daß ich diese Blätter, wären sie mir zufällig in die Hand

gefallen und ihr Urheber mir nicht bekannt gewesen, gewiß entrüstet

weggeworfen hätte. Aber durch meine Bekanntschaft mit Haller ist es mir

möglich geworden, sie teilweise zu verstehen, ja zu billigen. Ich würde

Bedenken tragen, sie anderen mitzuteilen, wenn ich in ihnen bloß die

pathologischen Phantasien eines einzelnen, eines armen Gemütskranken

sehen würde. Ich sehe in ihnen aber etwas mehr, ein Dokument der Zeit,

denn Hallers Seelenkrankheit ist – das weiß ich heute – nicht die

Schrulle eines einzelnen, sondern die Krankheit der Zeit selbst, die

Neurose jener Generation, welcher Haller angehört, und von welcher

keineswegs nur die schwachen und minderwertigen Individuen befallen

scheinen, sondern gerade die starken, geistigsten, begabtesten.

Diese Aufzeichnungen – einerlei, wie viel oder wenig realen Erlebens

ihnen zugrunde liegen mag – sind ein Versuch, die große Zeitkrankheit

nicht durch Umgehen und Beschönigen zu überwinden, sondern durch den

Versuch, die Krankheit selber zum Gegenstand der Darstellung zu machen.

Sie bedeuten, ganz wörtlich, einen Gang durch die Hölle, einen bald

angstvollen, bald mutigen Gang durch das Chaos einer verfinsterten

Seelenwelt, gegangen mit dem Willen, die Hölle zu durchqueren, dem Chaos

die Stirn zu bieten, das Böse bis zu Ende zu erleiden.

Ein Wort Hallers hat mir den Schlüssel zu diesem Verständnis gegeben. Er

sagte einmal zu mir, nachdem wir über sogenannte Grausamkeiten im

Mittelalter gesprochen hatten: „Diese Grausamkeiten sind in Wirklichkeit

keine. Ein Mensch des Mittelalters würde den ganzen Stil unseres

heutigen Lebens noch ganz anders als grausam, entsetzlich und barbarisch

verabscheuen! Jede Zeit, jede Kultur, jede Sitte und Tradition hat ihren

Stil, hat ihre ihr zukommenden Zartheiten und Härten, Schönheiten und

Grausamkeiten, hält gewisse Leiden für selbstverständlich, nimmt gewisse

Übel geduldig hin. Zum wirklichen Leiden, zur Hölle wird das menschliche

Leben nur da, wo zwei Zeiten, zwei Kulturen und Religionen einander

überschneiden. Ein Mensch der Antike, der im Mittelalter hätte leben

müssen, wäre daran jämmerlich erstickt, ebenso wie ein Wilder inmitten

unsrer Zivilisation ersticken müßte. Es gibt nun Zeiten, wo eine ganze

Generation so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Lebensstile

hineingerät, daß ihr jede Selbstverständlichkeit, jede Sitte, jede

Geborgenheit und Unschuld verlorengeht. Natürlich spürt das nicht ein

jeder gleich stark. Eine Natur wie Nietzsche hat das heutige Elend um

mehr als eine Generation voraus erleiden müssen, – was er einsam und

unverstanden auszukosten hatte, das erleiden heute Tausende.“

Dieses Wortes mußte ich beim Lesen der Aufzeichnungen oft gedenken.

Haller gehört zu denen, die zwischen zwei Zeiten hineingeraten, die aus

aller Geborgenheit und Unschuld herausgefallen sind, zu denen, deren

Schicksal es ist, alle Fragwürdigkeit des Menschenlebens gesteigert als

persönliche Qual und Hölle zu erleben.

Darin, scheint mir, liegt der Sinn, den seine Aufzeichnungen für uns

haben können, und darum entschloß ich mich, sie mitzuteilen. Im übrigen

will ich sie nicht in Schutz nehmen noch über sie aburteilen, möge jeder

Leser dies nach seinem Gewissen tun!

Der Steppenwolf · 第 4 / 19 题