Tolmer reichte den Brief schweigend zurück, den Rodwell fast bewußtlos
nahm und in seiner Hand zusammendrückte.
»Sie sind nach Adelaide hinüber,« sagte er mit so leiser Stimme, als ob
er sich vor den eigenen Lauten fürchtete.
Tolmer schüttelte den Kopf und meinte ruhig:
»Sie sind noch auf der Insel, so gut wie wir.«
»Ihr glaubt?« fuhr Rodwell rasch empor.
»Ich weiß es gewiß.«
»Ihr? -- und woher?«
»Weil dieser Bursche -- Howitt oder wie er sonst heißt -- bei Nacht und
Nebel, mit einer Flasche Milch statt Proviant, und einer Frau mit ihrem
Kind nie im Leben die »Backstairs Passage« passirt hätte. Er so wenig
wie der Bursche, der mit ihm fort ist, sind Seeleute.«
»Ihr kennt ihn?«
»Ich denke ja, aber mehr noch als das, ich hoffe seine Bekanntschaft in
den nächsten Tagen zu erneuen.«
»Ich begreife Euch nicht.«
»Und doch ist Alles mit wenigen Worten erklärt,« lächelte der
Polizeibeamte. »Mein Name ist nicht Barner, sondern Tolmer.«
»Der Chef der südaustralischen Polizei?« rief Rodwell rasch und
erstaunt.
»Derselbe, und dieser Capitain Howitt, wie er sich hier genannt, ist der
gefährlichste Buschrähndscher, der bis jetzt noch unsere Wälder unsicher
gemacht, das Leben und Eigenthum unserer Bürger gefährdet hat. -- Es ist
der berüchtigte Gentleman John.«
Rodwell sah dem Sprechenden starr und entsetzt in's Auge, dann aber, als
jener schwieg, barg er das Antlitz in den Händen und stöhnte.
»Mein armes, armes Weib -- mein armes Kind.«
Tolmer übrigens, so leid ihm der Schmerz des Unglücklichen that, kannte
zu gut den Werth seiner Zeit, diese mit leeren Klagen zu vergeuden.
Mit kurzen aber klaren Worten schilderte er deshalb auch jetzt dem ihm
mit steigender Aufmerksamkeit Zuhörenden die Begebnisse der letzten
Zeit, die Flucht des Buschrähndschers und seine Verfolgung, bis er hier
auf der Insel endlich seine Spur gefunden und den flüchtigen Sträfling
selbst gesehen habe. Eben so unbeschönigt erzählte er auch die von ihm
belauschte Scene zwischen dem Verbrecher und der jungen Frau. Warum er
diese damals nicht gewarnt? -- _ihm_ lag Alles daran, den Entflohenen
einzufangen, und wie die beiden Leute zu einander standen, war es mehr
als wahrscheinlich, daß _sie_ ihm die Gefahr verrathen haben würde, in
der er, einmal entdeckt, schwebte. Zugleich gestand er dem jungen
Mann, daß er nicht zufällig nur seine Bekanntschaft gefunden, sondern
dieselbe, als er einmal seinen Namen gehört, gesucht habe, und daß seine
beiden, von Bewaffneten besetzten Boote noch in dieser Nacht an der
Westküste der Insel landeten, dem Räuber die Flucht auf dem Schooner
abzuschneiden.
Rodwell wollte freilich noch immer nicht glauben, daß die Flüchtigen auf
der Insel geblieben wären; noch dazu, da das Mädchen gesehen, wie sie
bis tief in die Nacht vom Lande absteuerten. Tolmer jedoch, seit
Jahren daran gewöhnt, nicht jeder Aussage leichten Glauben beizumessen,
schüttelte mit dem Kopf. Wer wußte denn, daß die Dirne nicht mit im
Geheimniß steckte? Und wenn wirklich nicht, hatte ihre Aussage doch, so
weit sie die wirkliche Richtung eines Fahrzeugs betraf, nur wenig
Werth. _Gestern_ Abend hatte außerdem Nordost- und Nordnordostwind
vorgeherrscht, mit dem ein kleines Boot, das nicht recht gut am Wind
lag, Cape Spencer nicht einmal erreichen konnte, während es, selbst ein
Stück draußen im See, mit Leichtigkeit abfallen und vor dem Wind irgend
einen Theil der Nordküste von Känguruh-Eiland erreichen konnte. Außerdem
lag flüchtigen Personen gewöhnlich daran, mögliche Verfolger auf eine
falsche Spur zu bringen, nicht ihnen die wirklich genommene Richtung
anzugeben, und demnach sprach denn Alles nur dafür, daß Gentleman John,
überdies des neugekauften Schooners ziemlich sicher, mit seiner schönen
Beute noch auf der Insel selber weile.
Für diese Nacht war freilich nichts mehr zu unternehmen, und Rodwell
auch so erschöpft und niedergebrochen, daß er kaum seine Glieder zu
regen vermochte. Tolmer bat ihn selber, sich niederzulegen, um für den
nächsten Tag Kräfte zu sammeln -- würde er sie doch wahrlich brauchen.
Er selber band seine wollene Decke, die er stets bei sich führte,
auseinander, rollte sich hinein und legte sich ohne weitere Umstände auf
das Sopha nieder.
Als Rodwell sein eigenes Schlafzimmer betrat und sein Blick auf das
leere ungemachte Bettchen seines Kindes fiel, da noch einmal brach all
der Jammer der letzt durchlebten Stunde, die Ahnung seines künftigen
freudlosen, einsamen Lebens, mit voller Stärke über ihn herein.
Neben dem Bett seines Kindes sank er auf einen Stuhl, und das müde,
sorgenschwere Haupt auf die kleinen Kissen gelegt, blieb er in der
Stellung, bis der Schlaf sich seiner erbarmte und ihm wenigstens für
wenige Stunden Vergessenheit seiner Leiden Ruhe gönnte.
Es war ein trauriges Erwachen, und mit ängstlicher Hast betrieb er die
nöthigen Vorbereitungen zu ihrem in seinem Erfolg so ungewissen Marsch.
Aber seine ganze alte Festigkeit hatte er wieder gewonnen, in seinem
Ziel war er sich klar geworden, und als ihn Tolmer frug, was er selber
zu thun gedenke, wenn sie die Flüchtigen wieder eingeholt, erwiderte er
mit fester Stimme:
»Ich will mein _Kind_ zurück. Die unglückliche Frau hat sich ihr Loos
geworfen. Als sie mich verrieth, der sie auf Händen getragen und mit
abgöttischer Liebe fast verehrt, da wählte sie sich ihre eigene Bahn und
mag ihr folgen. Ich will sie nur noch einmal wiedersehen, um das
Kind, das _mein_ gehört, da sie sich selber des Rechtes dazu verlustig
gemacht, von ihr zurückzufordern. Sie hat mich nie geliebt, oder sie
hätte -- mein Herz nicht durch eine _solche_ Handlung brechen können.«
»Und was soll mit ihr geschehen, wenn wir des Verführers habhaft
werden?«
»Gott mag sie schützen und ihr verzeihen,« sagte Rodwell ernst. »Meine
treue Hand hat sie von sich gestoßen, ich hätte mit Freuden mein Leben
für sie gelassen, sie hat es verschmäht und die Folgen über sie.«
»Gut denn,« sagte Tolmer, nach seinen Pistolen sehend und sie im Gürtel
unter dem weiten Buschrock, den er angethan, bergend, »dann bleibt uns
nur noch übrig, die Schlange zu finden, die Gift und Elend unter mehr
als ein friedlich Dach gebracht. Beim ewigen Gott, das Maaß des
Burschen ist über und über voll, und es wird Zeit, mit ihm die Rechnung
abzufließen.«
Rodwell, der mit dem Entschluß zur That auch seine ganze Festigkeit und
Ruhe wieder erlangt hatte, war indeß zum Stall gegangen, um seine
beiden Pferde zu satteln, und nach rasch eingenommenem Frühstück, andere
Provisionen hinter sich aufs Pferd gebunden, sprengten die beiden Männer
der von Tolmer bezeichneten westlichen Richtung zu.
Die nächste Station, die sie erreichten, war die eines gewissen Motley,
auch eines früheren Sträflings, der sich hier angesiedelt und jetzt der
Besitzer ansehnlicher Heerden geworden. Rodwell wollte hier die ersten
Erkundigungen einziehen, Tolmer verhinderte ihn aber daran. Es war nicht
wahrscheinlich, daß die Flüchtigen, wenn sie wirklich hier in der Nähe
gelandet wären, diesen seinem Haus so nahen Platz schon berührt
haben sollten. Dann blieb es ebenfalls noch in Frage, ob Motley ihnen
aufrichtige Antwort gäbe. Je später sie Anderen konnten wissen lassen,
welchem Ziel sie nachstrebten, desto besser war es. Ein Geheimniß, das
mehr als zwei Personen theilen, ist eben kein Geheimniß mehr.
Diesem Plane treu passirten sie noch zwei Stationen, ohne weitere
Erkundigungen über die Flüchtigen einzuziehen, als sie sich durch
eigenes Anschauen verschaffen konnten. Das wußten sie außerdem, daß der
Räuber mit der Frau und dem Kinde nie in das Innere der Insel dringen
konnte, wo die verzweifelte Känguruh-Distel ein Fortkommen oft
unmöglich machte. Lag ihm daran, Cap Borda zu erreichen, so war das sehr
wahrscheinlich zu Wasser geschehen, oder der kleine Zug genöthigt, sich
auf dem am Seestrand hinauflaufenden Weg zu halten. Auf diesem hatten
sie aber bis jetzt noch keine Spuren finden können.
So kamen sie bis Cap Trony, unfern des Mount Torrens. Sie hatten die
Nacht wieder, wie sie gewöhnlich thaten, im Busch geschlafen, und
hielten hier blos an, ihren Pferden ein ordentliches Futter geben zu
lassen.
Tolmer hatte hier zuerst den Strand abgesucht, ob sie kein Boot irgendwo
vor Anker sähen. Sie konnten aber nirgends etwas Aehnliches entdecken,
und galoppirten eben der nicht mehr fernen Häusergruppe zu, als Tolmer
plötzlich Rodwells Arm ergriff, und schweigend auf einen dicht am
Wege liegenden Gegenstand deutete. -- Es waren die Scherben einer
Glasflasche, die einst _Milch_ enthalten, und Rodwell faßte krampfhaft
die Zügel seines Thieres und riß es zurück, daß es in sein Gebiß
schäumte und knirschend in die Höhe stieg. -- Es waren die _ersten_
Spuren, die sie gefunden.
»Jetzt sind wir auf der Fährte,« rief da Tolmer, »hier ist der Abdruck
von unseres Wildes Schuhen -- nein, das muß der Bursche gewesen sein,
den sie mit in das Boot genommen. Gentleman John hat ihn nach Milch auf
die Station gesandt, während die beiden unten im Boote blieben, und der
ungeschickte Bursche die Flasche zerbrochen. Unser Capitain Howitt würde
sie selber nie so leichtsinnig dicht am Pfade haben liegen lassen.«
»Glaubt Ihr, daß wir sie im Hause finden?« frug Rodwell, und er brachte
die Worte kaum über die Lippen.
»Hier? -- Gott bewahre,« erwiderte Tolmer, »die sind im Boote weiter
gefahren, und es ist sehr die Frage, ob die auf der Station mehr von
ihnen wissen, wie wir selber. Jedenfalls müssen wir hier sehen, was wir
von den Leuten herausbekommen, und haben wenigstens die Ueberzeugung,
daß sich das Kind noch wohl und bei gutem Appetit befindet.«
»Gott sei gedankt!« stöhnte Rodwell aus tiefer Brust, und der Seufzer
sprach nur zu deutlich die Angst um das kleine unglückselige Wesen aus,
der er weiter keine Worte zu geben wagte.
Was die Spuren betraf, so hatte Tolmer übrigens Recht. Nur die Fährten
des einen Buschschuhes, die vom Wasser nach der Station und wieder genau
nach derselben Stelle zurückführten, waren dort zu erkennen, und davon
sich erst einmal überzeugt, sprengten die beiden Reiter rasch den
Stationsgebäuden zu.
Ihre Vermuthung wurde hier zur Gewißheit. Am gestrigen Morgen hatte ein
Mann, der zu einem draußen am Strand auf ihn wartenden Boot gehörte,
eine Flasche Milch, eine Flasche Rum und zwei Damper, wie etwas Salz
geholt. Der Mann habe vorgegeben, die Milch sei für eine kranke Frau,
die sie im Boote hätten, und das betätigte Einer der Stockkeeper, dem
sie später, ein Kind auf dem Arme tragend, nicht weit vom Torrensberg
begegnet sei. Sie begleitete, außer dem Burschen, der die Milch geholt
und jetzt das Gepäck trug, noch ein fremder Herr, den er nicht kannte.
Die beiden Reiter hielten sich nicht länger auf, als irgend nöthig war,
ihren Pferden einige Ruhe zu gönnen. Dann sattelten sie wieder auf,
derselben Richtung wie bisher zu folgen. Daß sie die richtige Fährte
hielten, war überdies gewiß, und Tolmer fand auch bald den Grund,
weshalb die Flüchtigen das Boot verlassen und den weit beschwerlicheren
Landweg gewählt hatten. Der Wind, der die letzten Tage ziemlich stät von
Nordnordost geblasen, war nämlich nach Südwesten umgeschrahlt. Auch
sah das Wetter seit gestern Morgen schon ziemlich drohend aus, daß Jene
nicht wagen durften, sich in so schwankem Fahrzeug weit vom Ufer zu
entfernen. Jedenfalls lag das Boot irgendwo in einer Bucht versteckt,
und wenn sich Gentleman John, worin er allerdings einige Fertigkeit
besaß, nicht Pferde zu verschaffen wußte, mußten sie die Flüchtigen
vielleicht schon am nächsten Morgen überholen.
Zu Wasser hatten diese übrigens so raschen Fortschritt gemacht, daß sie
ihnen noch immer einen Tagesmarsch voraus waren. Jetzt aber blieb den
Verfolgern auch dafür die Hoffnung, sie um so rascher einzuholen.
An demselben Abend erreichten sie die Station eines alten Bekannten von
Rodwell, den dieser wenigstens auf seinen verschiedenen Fahrten durch
die Insel schon manchmal besucht hatte. Hier war Gentleman John mit der
Frau, die der Stationsbesitzer für seine eigene gehalten, über Nacht
geblieben und mit dem Frühesten gegen Mount Torrens aufgebrochen. Das
Kind hatte viel die Nacht geschrieen, und die Dame vom Haus behauptete,
die arme Frau habe viel geweint, weil sie sich wahrscheinlich um das
Kind gegrämt.
Rodwell, obgleich er sein Geheimniß nicht verrieth, war in furchtbarer
Aufregung, und Tolmer bei Seite nehmend, bestand er darauf, hier
keine Rast zu machen, sondern an demselben Abend trotz einbrechender
Dunkelheit noch weiter zu gehen. Die Straße bis zum Torrensberg, an
dessen Fuß eine andere Station lag, war ziemlich gut, der Mond stand
ebenfalls am Himmel, und sie konnten dadurch recht gut, ohne ihren
Pferden irgend weh zu thun, einen weiteren Vorsprung gewinnen. Tolmer
war natürlich vollkommen damit einverstanden, und nach einem rasch
eingenommenen Mahl brachen die beiden Reiter, zum großen Erstaunen ihres
Wirths, wieder auf.
Zwei Stunden scharfen Rittes brachten sie in Sicht des nächsten Hauses,
dessen Licht ihnen schon von weitem durch die hier ziemlich dünn
stehenden Büsche entgegen schimmerte -- wenigstens konnten sie im Freien
einen hellen Feuerschein erkennen. Näher gekommen, entdeckten sie aber
bald, daß der Schein nicht aus einem Gebäude komme, sondern von einer
Fackel herrühre, um die drei oder vier Männer unter einigen Gumbäumen
geschaart standen.
Tolmer zügelte im Anfang sein Pferd ein, denn möglich war es ja doch,
daß sie, anstatt die Station zu erreichen, vielleicht gar einem Trupp
von Buschrähndscher in die Hände fielen. Cap Borda war von hier gar
nicht mehr so weit entfernt, und Gentleman John viel zu umsichtig, seine
Leute nicht gerade dort, sondern weit eher in der Nähe versteckt zu
halten. Das Geläute lagernder Heerden aber in der Nähe, und das Gebell
von Hunden verrieth doch auch wieder einen von weißen Ansiedlern
bewohnten Platz, und deutlich konnten sie jetzt zwischen den um die
Fackel versammelten Männern auch einen etwa zwölfjährigen Knaben
erkennen. Das waren keine Buschrähndscher.
Nach ein paar flüchtig mit einander gewechselten Worten sprengten sie
wieder vor, während einige dort nach Opossums umhersuchende Hunde Wind
von ihnen bekamen und laut bellend gegen sie ansprangen. Wenige Minuten
später hielten sie neben der kleinen, von dem flackernden Lichte der
Fackel grell beleuchteten Gruppe Menschen, die neugierig zu dem späten
Besuche aufschauten.
»Guten Abend, Ihr Herren,« sagte da Tolmer, sich an den Aeltesten der
Leute wendend, »könnt Ihr uns Nachtquartier für heute, und vielleicht
einen Hut voll Hafer für unsere Pferde geben? Sie haben einen langen
Tagesmarsch gemacht und bedürfen einer Stärkung.«
»Ja wohl, Fremder -- gern,« lautete die gastliche Antwort. »Steigt nur
ab und nehmt Eure Pferde am Zügel, denn von hier bis zum Haus stehen
eine Menge kurz abgehauener Baumstümpfe.«
»Was habt Ihr da gemacht?« sagte Rodwell, der kein Auge von der Gruppe
verwandt hatte, mit heiserer, angstbeklemmter Stimme. -- »Ihr habt --«
»Ein Grab gegraben für ein armes Kind!« sagte der alte Mann mit ernstem,
wehmüthigem Ton.
»_Euer_ Kind?« frug Rodwell, und das Licht der Fackel begann vor seinen
Augen zu tanzen und wilde, wirre Kreise zu ziehen.
»_Meines_? -- nein, Gott sei gedankt, daß er mir bis jetzt solchen
Schmerz erspart. -- Es war das Kind einer armen Frau, die es todt auf
ihrem Arm zu unserm Hause trug, es wenigstens in der Nähe von Weißen --
von Christen begraben zu lassen.«
Rodwell glitt aus seinem Sattel, ließ den Zügel seines Pferdes frei, und
taumelte mehr als er ging, dem frischen kleinen Grabe zu, über das die
freundliche Hand der Fremden eben erst den niederen Hügel gewölbt.
»Eine fremde Frau?« rief Tolmer rasch und erschreckt, während sein
mitleidiger Blick den armen Vater streifte.
»Sie kam mit ihrem Mann und einem Träger von Osten her,« erwiderte der
alte Mann. »Ihre Pferde waren ihnen im Busch abhanden gekommen, wie sie
sagten, und der Mann wollte die Frau nur nach Cap Borda bringen, und
dann zurückkehren, sie zu suchen.«
»Sein Name war --?«
»Lieber Gott, wir fragen die Leute, die zu uns kommen, nicht nach ihrem
Namen; aber ich dächte, ich hätte den Mann schon vor einigen Wochen
einmal an Cap Borda gesehen. Ich glaube, sie nannten ihn dort Howitt!«
Rodwell hörte nichts mehr -- vor den Augen flimmerte es ihm, seine Knie
zitterten und brachen unter ihm, und mit dem Schmerzensschrei: »Mein
Kind -- mein armes, armes Kind!« sank er an dem Grabe schluchzend
nieder. -- Die Männer waren erstaunte Zeugen dieses ganz unerwarteten
Ausbruchs wilden, verzweifelten Schmerzes. _Sein_ Kind, das _fremde_
Leute hier begraben? -- dann der späte Ritt in dunkler Nacht -- das
sonderbare Benehmen jener Frau dazu -- daß hier nicht Alles war, wie es
sein sollte, unterlag wohl keinem Zweifel. Die Bewohner Australiens sind
jedoch an solche außergewöhnliche Familienscenen zu sehr gewöhnt, einer
jeden nachzuforschen. Selbst das Geheimnißvolle der Abstammung von mehr
als drei Viertheilen der damaligen Gesellschaft trug viel dazu bei,
ein verschlossenes Wesen bei Vielen zu entschuldigen und vor unbequemen
Fragen zu bewahren. Schweigend blickten deshalb die Männer auf den
Unglücklichen nieder, der das Grab seines Kindes mit seinen Thränen
netzte. Tolmer dagegen, der sein Pferd am Zügel genommen, faßte des
Alten Arm und ließ sich von diesem, während er mit ihm langsam dem Hause
zuschritt, die ihnen vorausgeeilten Fremden näher bezeichnen.
Bald blieb ihm auch nicht der geringste Zweifel mehr, daß es wirklich
jener sogenannte Capitain Howitt mit der unglückseligen, verblendeten
Frau seines armen Reisegefährten gewesen. Der Mann hatte, des Alten
Aussage nach, sehr geeilt und die Station gleich wieder verlassen
wollen, wie nur das arme kleine Ding, das ihnen am Wege gestorben, eben
unter die Erde gebracht war. Die Frau aber hatte sich geweigert, ihm
so rasch zu folgen, und er selber sie wohl nicht allein zurück lassen
mögen; denn er war mit ihr bis fast gegen Abend hier geblieben.
Was dem Kinde gefehlt haben konnte, wußte Niemand. Wie es ihnen
vorgekommen, hatte die Frau dem Mann, ehe sie fortgingen, Vorwürfe
gemacht, er aber nur finster darauf geantwortet. Dann waren sie in dem
Dickicht, das die Station umschloß, verschwunden.
Tolmer suchte jetzt das Gespräch auf im Busch vielleicht zerstreut
wohnende Leute zu bringen. Er selber suche, wie er vorgab, Arbeiter,
und habe gehofft, die hier in der Gegend zu finden. Indessen hatten sich
aber noch einige der andern Männer, Schäfer und Hüttenwächter von der
Station ihnen angeschlossen, und der Alte gab ihm nur ausweichende
Antworten auf alle seine dahin abzweckenden Fragen.
Nur mit vieler Mühe konnte jetzt Rodwell bewogen werden, das Grab seines
Kindes zu verlassen und die Nacht in der Hütte zu verbringen. Nahrung
nahm er gar keine zu sich, und am nächsten Morgen war er schon wieder
mit Tagesanbruch an dem theuren Platz.
Auch Tolmer rüstete sich zu frühem Aufbruch; Rodwell weigerte sich aber,
weiter mit ihm zu gehen.
»Jenny,« sagte er mit resignirtem Schmerz, »hat mir den Frieden meiner
Heimath zerstört -- hat mir mein Kind gemordet, daß die Beschwerden
dieser Flucht nicht ertragen konnte. Sie hat sich dadurch von mir selber
losgesagt. -- Was sie an _mir_ gethan, vergeb' ich ihr ja gern, aber daß
sie unser -- daß sie ihr eigen Kind so wenig lieben konnte -- das -- das
mag ihr _Gott_ vergeben -- ich bin nur ein schwacher, sündhafter Mensch
-- ich _kann_ es nicht.«
Als ihn Tolmer frug, was er jetzt zu thun gedenke, erklärte er ihm, daß
er die Leiche seines Kindes ausgraben und damit nach Hause zurückkehren
wolle. Alle Vorstellungen, die ihm Tolmer deshalb machte, blieben
umsonst. Er beharrte fest auf seinem Vorsatz, bat aber Tolmer, das
Pferd, das er von Marsden Point mitgenommen, so lange zu benutzen, wie
er wolle, und es ihm später zurückzuschicken.
Tolmer dagegen, doch jetzt allein auf die Verfolgung angewiesen, bis er
sich mit seinen Leuten wieder vereinen konnte, beschloß seinen Weg zu
Fuß fortzusetzen. Die Entfernung bis zur Point Borda war überdies nicht
mehr so groß, während das ganze Benehmen des alten Squatters, wie
seine Zurückhaltung fast vermuthen ließ, daß er in der That hier eine
keineswegs willkommene, aber doch gefürchtete Nachbarschaft habe.
Von Rodwell nahm jetzt Tolmer herzlichen Abschied, und versprach ihm von
dem Erfolg seines Unternehmens Nachricht zu geben. Nun erst, als er sich
nach dem nächsten Weg nach Cap Borda, den, wie er meinte, auch jener
Capitain Howitt eingeschlagen, erkundigte, erbot sich der alte Squatter,
ihn eine kleine Strecke zu begleiten, und ihm einen Pfad zu zeigen, dem
er leicht dahin folgen könne.
»Von Allem, was ich von Euch gesehen, Fremder,« redete er ihn da an, wie
sie das Haus eine Strecke im Rücken hatten, »glaub' ich, daß ich Euch
vertrauen darf. Ihr gehört keinesfalls zu jenen »Herren vom Busch«, die
hier seit einiger Zeit ihr Wesen treiben.«
»Also doch,« sagte Tolmer lächelnd, »ich hab' es mir fast gedacht.
Ihr habt übrigens Nichts von mir zu fürchten, denn nur der Wunsch,
die nähere Bekanntschaft dieser »Herren« zu machen, hat mich hierher
geführt.«
»Nehmt Euch dann in Acht,« warnte ihn der Alte, »sie sind zahlreicher,
als ihr vielleicht glaubt, wenn sie sich auch bis jetzt, Gott weiß aus
welchem Grunde, ruhiger und friedlicher verhalten haben, als das sonst
gewöhnlich ihre Sitte sein mag. Wir Stationshalter, die wir hier einzeln
im Busch leben, sind ihnen auf Gnade und Ungnade preisgegeben und
müssen sie uns wohl zu Freunden halten. Merken sie einmal, daß wir sie
verrathen oder gar der Polizei gegen sie beistehen, dann können wir uns
darauf verlassen, daß wir dafür büßen müssen.«
»Aber wovon leben sie hier im Busch?« frug Tolmer.
»Von dem,« sagte der Alte achselzuckend, »was sie sich _auf Rechnung_
holen. Zahlen thun sie dabei mit dem stillschweigenden Versprechen,
uns dafür unsere Stationen nicht anzuzünden, unsere Heerden nicht zu
zerstreuen oder uns gar Abends beim Thee ihre Schrotgewehre in
die Fenster hineinzuschießen. Es ist jedenfalls eine unbequeme
Nachbarschaft, und wenn man den Gouverneur unter der Hand nur davon
benachrichtigen könnte, daß er eine hinreichende Macht herüber schickte,
ließe sich vielleicht mit Erfolg ein Schlag gegen die ganze Bande
führen.«
»Und würdet Ihr Herren hier die Polizei dabei unterstützen?« frug
Tolmer.
»Das ist eine kitzliche Sache,« meinte der Alte achselzuckend. »Auf
unsere Leute können wir uns natürlich nicht verlassen; ja wissen kaum,
ob sie nicht mit der Bande in weit näherer Verbindung stehen, als uns
lieb ist. Treten wir daher offen auf Seite der Polizei, und richtet
diese, was sehr gewöhnlich der Fall ist, nichts weiter aus, als daß sie
ein paar deren wegfängt oder todtschießt, und dann wieder ruhig nach dem
festen Lande zurückfährt, dann sitzen wir nachher erst recht im Unglück
d'rin, und können uns fest darauf verlassen, die sein zu müssen, an
denen die gereizten Verbrecher ihren ganzen Grimm und Unmuth auslassen.«
»Und wie viele sind es wohl, Eurer Meinung nach, die sich hier in der
Gegend umhertreiben?« frug Tolmer.
»Gott weiß es,« erwiderte der Alte, »etwas Genaues erfuhr man ja
außerdem nie über sie, und weiß nicht einmal, wo auf der Insel herum sie
überall ihre Verbündeten und Hülfe haben. Zwölf aber, dächt' ich, wären
es gewiß -- eher mehr als weniger.«
»Und ihr Hauptversteck?«
»Ist hier am Torrensberg, ganz in der Nähe. Etwa eine halbe Stunde von
hier kommt Ihr zu einer kleinen Schlucht, an der unten, dicht am Pfad,
eine einzelne Casuarine[10] steht. Drückt Euch dort so rasch als möglich
vorbei, denn in der Schlucht hinauf, nicht viele hundert Schritte vom
Pfad entfernt, steht schon eine einzelne Rindenhütte, und eine kleine
Strecke weiter oben ist das Lager. Ich bin dort einmal aus Versehen
hingekommen, weil ich ein weggelaufenes Pferd suchte, und fand da die
ganze Gesellschaft zusammen.«
[10] Die Casuarine, von den Engländern Sheoak genannt, ist ein in
seinem Holz und seiner Rinde der Eiche ähnlicher Baum, der aber statt
Blätter schachtelhalmähnliche Nadeln trägt. Er wächst in Australien an
Plätzen, wo sich Wasser findet, wie auch in tropischen Gegenden,
selbst auf den Südseeinseln.
»Die Buschrähndscher?« rief Tolmer rasch.
»Pst --« sagte der Alte, sich vorsichtig dabei umsehend, »es ist gar
nicht nöthig, _den_ Namen hier so laut in den Busch hineinzuschreien.
-- Sie ließen mich allerdings ungehindert ziehen, gaben mir aber doch
zu verstehen, es wäre ihnen lieb, wenn _keine_ Pferde hier nach dieser
Richtung wieder in den Busch liefen. Natürlich verstand ich, was sie
damit meinten, und habe mich seit der Zeit sorgfältig gehütet, noch
einmal in ihre Nähe zu kommen.«
»Und wielange ist das her?«
»Etwa vierzehn Tage.«
»Dann wundert es mich nur, daß die an Cap Borda nichts von solcher
Nachbarschaft wußten.«
»Habt _Ihr_ sie darum gefragt?«
»Allerdings.«
»Dann werden _sie_ sich eben so gewundert haben, daß _Ihr_ nach so etwas
fragen mochtet. Doch von hier aus könnt Ihr den Weg nicht verfehlen, und
-- wenn Ihr meinem Rath, dem Rath eines alten Colonisten, folgen wollt,
so gebt der Schlucht so weiten Seeraum, wie Ihr könnt.«
»Herzlichen Dank -- und wenn ich Euch Hülfe brächte.«
»Je mehr dabei _gethan_, und je weniger davon gesprochen wird, desto
besser,« sagte der alte Mann, grüßte Tolmer freundlich und schritt dann
seiner eigenen Wohnung wieder zu.
Der Polizeibeamte verfolgte indessen rasch den Pfad, indem er hie und da
an weichen Stellen die kleinen Fährten des zarten Frauenfußes erkennen
konnte. Ziemlich sicher erwartete er auch, daß dieser Capitain Howitt
die Entführte in das von dem alten Squatter bezeichnete Versteck
geführt haben würde, dort vor jeder Verfolgung sicher zu sein. Zu seinem
Erstaunen fand er aber, als er die einzelne Casuarine erreichte, daß
nur Einer der beiden Männer, und zwar der Capitain selber, den Weg dort
hinauf zu eingeschlagen hatte, während die Frau mit dem Träger den Pfad
verfolgt zu haben schien.
Tolmer kannte recht gut die Gefahr, der er sich hier aussetzte, wenn er
sich allein, nur mit seinen beiden Pistolen bewaffnet, in die Nähe der
hier im Hinterhalt liegenden Buschrähndscher wagte. Nichts destoweniger
drängte es ihn auch, Gewisses über den Aufenthalt dieser Menschen zu
erfahren, ehe er sich mit seinen eigenen Leuten wieder vereinigte.
Konnte er diese denn doch weit besser und sicherer dem Feind entgegen
führen. Mit derlei Gefahren überdies schon seit langen Jahren vertraut,
reizten ihn dieselben weit eher, solchen tollkühnen Streich zu wagen.
Welche Vorsicht er dabei zu beachten hatte, wußte er überdies genau.
Zu dem Zwecke folgte er vor allen Dingen noch eine Strecke lang dem
gewöhnlichen nach Cap Borda zu führenden Pfad, damit in der lockern Erde
hier seine Fährten nicht die Richtung verriethen, die er genommen, und
schlug sich erst dort links in die Büsche und den Hügelhang der Schlucht
zu hinauf, wo dichtes Gumlaub und Rindenstücke den Boden bedeckten und
ein Nachspüren schwieriger machten. Solcher Art den steinigen Boden
benutzend, erreichte er bald die Schlucht, an deren ziemlich steilen
Hang er hinkletterte, bis ihn die zu schroff aufsteigenden Wände
zwangen, sich dem Thal selber mehr zu nähern. Dadurch machte er
allerdings nur langsamen Fortschritt, bis er nach etwa halbstündigem
Marsch gerade unter sich das Dach einer Rindenhütte entdeckte.
Dies mußte jedenfalls das von dem alten Squatter bezeichnete erste Haus
der Bande sein, gewissermaßen ihr Vorposten in den Bergen, und eine
volle Stunde blieb er hier ruhig auf der Lauer liegen, ob er in der
Nähe irgend ein menschliches Wesen entdecken könne. -- Es war nichts
zu erkennen. Kein Rauch stieg aus oder neben dem Haus empor; kein Laut
unterbrach die Todtenstille um ihn her, das Kreischen eines Schwarmes
weißer Kakadu's abgerechnet, die das Thal herunter kamen und in den
Wipfeln der höchsten Bäume weiter unten wieder einfielen.
Jedenfalls hatte die Ankunft des Führers die ganze Bande weiter oben in
ihrem Lager versammelt, wo aller Wahrscheinlichkeit nach das Wichtigste
ihrer nächsten Pläne verhandelt wurde. -- Wenn er sich dort als Zeuge
hätte einschmuggeln können. -- Mit dem Gedanken war auch der kühne
Schritt beschlossen, und Tolmer, persönlicher Furcht völlig fremd --
glitt von der ziemlich steilen Wand, über der er gestanden, nieder,
umging das Haus, und wollte eben am Bach hinauf seinen Weg weiter
verfolgen, als er plötzlich dicht vor sich Stimmen hörte.
Ein kleines Gebüsch verdeckte ihn allerdings für den Augenblick, kamen
die Männer aber näher, so mußten sie ihn dort, wo er gerade auf einer
ziemlich offenen Stelle stand, entdecken. Nur wenige Schritte von
sich entfernt, bemerkte er eine mit ziemlich dichten Nadeln bedeckte
Casuarine, deren untere Aeste er leicht mit mit der Hand erreichen
konnte. Rasch war sein Entschluß gefaßt -- und wenige Sekunden später
verbarg ihn der dichte Wipfel des Baumes. Von dort aus konnte er auch,
selber ungesehen, am leichtesten die Bewegungen der Feinde beobachten,
wie sich später wieder unbemerkt zurückziehen, wenn das nöthig werden
sollte.
Kaum zwei Minuten hatte er seinen versteckten Sitz eingenommen, als die
ersten Buschrähndscher auf demselben offenen Platz erschienen. Vorne
ging Howitt -- der berüchtigte Gentleman John -- mit Rothkopf, seinem
ersten Lieutenant, und hinter diesen folgten etwa sechzehn oder achtzehn
wild und verzweifelt genug aussehende Gestalten, fast alle mit Musketen,
einige sogar mit Doppelflinten und Büchsen bewaffnet. Die beiden Ersten
waren in eifrigem Gespräch begriffen, das aber nicht eben freundlich
geführt schien. So kalt und ruhig Gentleman John selber dabei blieb, so
heftig schien Rothkopf etwas zu bekämpfen, ohne daß Tolmer bis jetzt nur
mehr als einzelne abgerufene Worte davon verstehen konnte.
»Genug -- genug, Rothkopf,« sagte da der Führer, gerade als sie die
kleine Lichtung unterhalb dem Baum, auf dem Tolmer saß, erreicht hatten.
»Es bleibt bei dem was ich gesagt, und ich glaube, ich habe mich Euch
bis jetzt als treuer Freund und Führer genug gezeigt, mir auch in dieser
Sache diesmal zu vertrauen. Acht von Euch, die Ihr durch das Loos oder
durch freie Wahl bestimmen müßt, folgen mir _jetzt_, die Uebrigen
bleiben unter Rothkopfs Führung noch einige Tage hier, bis die
Ausrüstung des Schooners beendet ist. Haben wir Alles klar, so mögen sie
draußen Verdacht schöpfen wie sie wollen, es ist dann zu spät. Geschähe
das jetzt, so wäre unser Aller Leben, unser Aller Freiheit gefährdet,
und ich will nicht bis jetzt mit allen nur erdenklichen Aufopferungen
des Aeußersten gewagt haben, im letzten Augenblick vor der Entscheidung
unsern Rettungsplan scheitern zu sehen. Wen von Euch bestimmt Ihr also,
mir jetzt gleich zu folgen? Wen bestimmt _Ihr_ dazu, Rothkopf?«
Er war, noch während er sprach, kaum fünf Schritte von der Casuarine,
die seinen gefährlichen Feind versteckt hielt, stehen geblieben und die
Leute, unter einander berathend, sammelten sich um ihn.
»Mir gleich,« rief da Rothkopf, indem er sich, dem Baum gerade
gegenüber, auf den Boden und sein Gewehr neben sich auf das Laub warf,
»wenn ich meinen Willen nicht haben soll, dann macht's wie Ihr wollt.«
Sein Auge haftete gedankenlos und mürrisch, wie er so sprach, an dem
Wipfel der Casuarine, und Tolmer durfte kein Glied rühren, wenn er sich
nicht verrathen wollte.
»Es bleibt sich auch gleich,« sagte da Gentleman John, »denn die
Uebrigen folgen ja doch in wenig Tagen. Keiner von uns mag
zurückbleiben, wo es gilt, dies verwünschte Land auf immer zu verlassen.
Ist es Euch also recht, so wähl' ich mir die, die ich jetzt bei mir
haben will, selber aus, und Ihr werdet es begreiflich finden, daß ich
mir dazu _die_ nehme, die jetzt am anständigsten und am wenigsten
verdächtig aussehen. Ich kann Euch nicht als Buschrähndscher, ich muß
Euch vor der Hand als _Arbeiter_ bei meinen Freunden einführen. Ist
Einer unter Euch, der das Zimmerhandwerk versteht?«
»Das versteh' ich, Capitän, und der einäugige Henry da drüben,« sagte
Einer der Burschen, indem er vortrat.
»Vortrefflich -- Euch beide kann ich gleich an Bord beschäftigen. Einen
Segelmacher haben wir wohl nicht unter uns?«
»Doch, Sir,« lautete die Antwort von der andern Seite, »wir sind hier
unserer drei Seeleute, die alle eine Segelnadel zu führen wissen.«
»Dann tretet Ihr hier auch herüber -- aber ein bischen zustutzen müßt
Ihr Euch, ehe wir auf die Station kommen. Wetter noch einmal, Burschen,
Euch sieht man den Buschrähndscher gleich an der Stirne an.«
»Ich würde ihnen einen Frack machen lassen,« sagte Rothkopf, indem er
sein Messer aus der Scheide zog, und die um ihn her liegenden Gumblätter
damit anspießte.
Gentleman John antwortete nicht darauf, wählte sich noch drei der
bestaussehenden Individuen -- und die Wahl wurde ihm wirklich dabei
schwer -- zu seinen Begleitern, und gab den Uebrigen dann noch einige
gleichgültige Befehle, wie sie sich hier in der kurzen Zeit ihres
Aufenthaltes zu betragen hätten, die Aufmerksamkeit der benachbarten
Stationshalter nicht zu sehr auf sich zu ziehen.
»Und wie weit seid Ihr mit Euerem Schiff?« frug da Rothkopf, als sich
Jener zum Aufbruch rüstete.
»Wie uns Hennigs heute gemeldet,« lautete die Antwort, »ist es an seinem
Ankerplatz eingetroffen. Die nöthigen Provisionen können recht gut
in drei Tagen herbei und an Bord geschafft werden -- vielleicht noch
früher, wenn mein _Freund_ Bloome --« er sprach die Worte mit einem
hämischen Lächeln -- »die mir gegebenen Versprechungen alle gehalten.
Nur das Einnehmen des nöthigen Wassers wird uns noch aufhalten. Wir
müssen wenigstens genug davon an Bord haben, eine der Südseeinseln zu
erreichen.«
»Und Munition?«
»Damit sieht's freilich bös aus,« erwiderte Gentleman John, »denn um
keinen Verdacht zu erregen, durfte ich nicht solche Aufträge dafür
geben, als ich sonst gewünscht, doch denk' ich, haben wir genug.«
»Genug an Bord,« rief Rothkopf, »das kann ich mir etwa denken, aber
nicht hier in den Bergen. Wir Alle sitzen hier mit kaum genug Pulver und
Blei, unsere Gewehre noch einmal zu laden, wenn wir sie abschießen, und
würden wir jetzt von drei Polizeisoldaten mit Musketen angefallen, wären
wir verloren. Aus der Gefahr mach' ich mir nichts; ich denke das
habe ich bewiesen; aber ich muß wenigstens eine Waffe haben, mich zu
vertheidigen, und so wie jetzt bleib' ich keinen Tag länger in den
Bergen, und wenn ich die nächste Station plündern müßte, mir Pulver und
Blei zu verschaffen.«
»Das ist nicht rathsam,« entgegnete aber John, »und würde uns die Leute
vor der Zeit auf den Hals setzen. Doch dem soll abgeholfen werden. Kommt
morgen früh mit Tagesanbruch an die leere Rindenhütte, die gleich dort
drüben an der Grasbaum-Ebene steht, Rothkopf, und ich will Euch selber
genug Munition für alle Fälle bringen. Seid Ihr das zufrieden?«
»Meinetwegen,« brummte der Lieutenant, »wenn ich nur wieder Futter für
meine Flinte bekomme. Die Wallobis tanzen Einem ja jetzt ungestraft auf
der Nase herum.«
»Gut denn,« sagte der Führer, »also morgen früh an der Rindenhütte. Und
nun lebt wohl. Ich muß heut Abend noch vor Dunkelwerden am Cap Borda
sein. Zur bestimmten Zeit schick' ich Euch Broadley, und folgt dem so
rasch Ihr irgend könnt.«
Er wandte sich bei den Worten, von den von ihm ausgewählten Leuten
gefolgt, das Thal hinab, und Rothkopf blieb, noch ganz in seiner
früheren Stellung, mit den Uebrigen unter der Casuarine zurück.
»Und was nun?« sagte da Einer der Leute, »gehen wir nach dem Lager
zurück, oder habt Ihr sonst irgend etwas für uns zu thun?«
»Ich?« sagte Rothkopf, »der Capitän hat Euch, denk' ich, Euere
Beschäftigung deutlich genug angewiesen -- wiederkäuen, bis er Euch
rufen läßt.«
»Aber --«
»Kümmert Euch um Nichts,« unterbrach ihn der Buschrähndscher-Lieutenant,
»Ihr habt Zeit genug, Euerer Bequemlichkeit nachzugehen, wenigstens noch
für 48 Stunden Provisionen, und Wasser bis zur nächsten Dürre -- was
wollt Ihr mehr?«
»Branntwein,« sagte Einer der Leute mürrisch.
»Ja so; an den hatte ich nicht gedacht,« lachte Rothkopf, »aber beruhigt
Euch nur; der Capitän hat versprochen, Euch einen Korb Champagner
herüberzuschicken, und dem wird er wohl ein Fäßchen Rum beifügen. Seid
Ihr damit zufrieden?«
»Müssen ja wohl!« brummte der Sprecher.
»Nun gut;« sagte Rothkopf, »dann seid so gut und geht jetzt zum Lager
hinauf, daß uns das Mittagsessen nicht anbrennt. Ich will indessen
sehen, ob ich uns bis dahin ein Wallobi schießen kann -- verstanden?«
»Gut, Lieutenant,« sagte der Bursche, »Ihr sprecht jedenfalls deutlich
genug, und wenn das Abwarten auch langweilig sein mag, ist es jedenfalls
das Bequemste.«
Die Leute wandten sich ab und schlenderten langsam den Weg zurück, den
sie vor etwa einer halben Stunde gekommen. Nur Rothkopf blieb noch, kaum
fünfzehn Schritt von der Casuarine entfernt, und das Gesicht dem Baum
zugekehrt sitzen, stieß langsam sein Messer in die Scheide zurück, und
nahm dann seine Doppelflinte vor sich auf die Knie. Hieran untersuchte
er die Pistons, reinigte sie, schüttete frisches Pulver hinein, setzte
trockene Zündhütchen auf, und schien sich solcher Art allerdings für die
angekündigte Wallobijagd vorzubereiten. Seine Gefährten waren indessen
schon lange das Thal hinaufgestiegen und Tolmer, der Alles erfahren,
was er nur gewünscht, hoffte jetzt sehnlichst, daß der Bursche unter
dem Baum sein Gewehr endlich in Stand hätte, und ihm ebenfalls Raum gab,
seine durch die Länge der Zeit unbequem werdende Stellung verlassen zu
können.
Rothkopf schien aber keine derartige Absicht, wenigstens nicht für die
nächste Zeit zu haben; denn, sein völlig in Stand gesetztes Gewehr
noch immer auf den Knien, blieb er ruhig in der vorhin eingenommenen
Stellung, und nickte nur manchmal, still vor sich hinlächelnd, mit dem
Kopf. Tolmer's Lage wurde mit jedem Augenblick peinlicher; Arm und
Knie schmerzten ihn, und doch wagte er nicht sich zu regen. Da hob der
Buschrähndscher langsam den Kopf zu dem Baum empor, an dem jener saß,
betrachtete den Wipfel eine Weile und sagte dann, so ruhig, als ob er
mit einem seiner Leute redete.
»Nun, Mate, ich denke Ihr könntet jetzt da oben ausgeschlafen haben.
Donnerwetter, andere Vögel streichen mit Tagesanbruch ab, und Ihr bleibt
bis zum hellen Mittag in den Zweigen mit dem Kopf unter dem Flügel
sitzen.«
Tolmer regte sich nicht -- das Herz schlug ihm wie ein Hammer in der
Brust. Noch aber blieb ihm immer die Hoffnung, daß der Buschrähndscher
mit jemand Anderem, nicht mit ihm spreche, und er doch noch vielleicht
der Entdeckung entgehen könnte. Rothkopf machte aber seinen Zweifeln
bald ein rasches Ende. Er stand auf, nahm sein Gewehr in Anschlag, und
den Lauf gerade gegen den Wipfel der Casuarine richtend, sagte er mit
nicht lauterer Stimme als vorher, aber mit trockenem, spöttischem und
doch auch wieder drohendem Ton:
»Nun, wird's bald, Kamerad? oder soll ich Euch etwa Beine machen. Ich
habe nicht übermäßig Munition, und möchte die Ladung Schrot und die
Todtengräberkosten gern ersparen. Euch mein' ich da oben in dem Baum
d'rin -- habt Ihr mich verstanden?«
Tolmer sah sich entdeckt, und wenn ihm auch die Hand im ersten
Augenblick nach den Pistolen zuckte, fühlte er doch auch zugleich, daß
er mit seinen verklommenen Armen nicht im Stande sein würde, sein Ziel
sicher zu treffen, und dann war er verloren. Außerdem konnte der Schuß
die übrige noch nicht so ferne Schaar herbeirufen. Die List blieb noch
seine einzige Hülfe.
»Hallo, Mate,« rief er deßhalb, gute Miene zum bösen Spiel machend, vom
Baum nieder, »nehmt das vertrackte Schießeisen weg, es könnte Euch aus
Versehen in der Hand losgehen, und Ihr wollt doch wahrhaftig nicht einen
Kameraden wie einen Papagei vom Baum herunterschießen.«
»Kameraden?« wiederholte Rothkopf, ohne jedoch seine drohende Stellung
zu verändern, »den müssen wir uns erst einmal in der Nähe betrachten.
Kommt Ihr?«
»Ei gewiß,« lautete die Antwort, »bedenkt nur, daß mir Arm und Beine
ganz verquollen sind. Ich habe da oben in keinem Lehnstuhl gesessen.«
Er rutschte, während er sprach, vorsichtig an der glatten Rinde nieder,
und sah sich gleich darauf dem Buschrähndscher und dessen auf ihm
gerichteten Gewehr gegenüber.
»Nun,« sagte er, als er den Boden berührte und sich gegen den
Buschrähndscher umdrehte, »ist das ein Empfang? Ihr habt doch von mir
wahrhaftig nichts zu fürchten. Seht Ihr denn nicht, daß ich unbewaffnet
bin?«
»Auswendig, ja,« lachte Rothkopf, »doch das Andere wollen wir nachher
untersuchen. Jetzt vor allen Dingen, wie kommt Ihr auf den Baum, und was
habt Ihr da oben gesucht? -- etwa Vogelnester ausgenommen?«
Tolmer blieb nur eine einzige Ausflucht. Natürlich trug er keine
Uniform, sondern seine alten Buschkleider, die durch die Känguruhdornen
überdies arg mitgenommen waren. So glich er denn allerdings eher
selber einem Buschrähndscher, als einem Polizeiofficianten, und das zu
benutzen, war jetzt seine Sorge.
»Wenn Ihr das von mir erfahren wollt,« erwiderte er deßhalb mit
angenommener Ruhe, »so gebt mir erst etwas zu essen, denn wenn ein
Mensch, wie ich, tagelang in dem verdammten Busch da drüben am festen
Lande umhergehetzt und dann in See beinahe verhungert und verdurstet
ist, nur um die Insel hier zu erreichen, hat er nicht viel Kräfte mehr
übrig, und braucht eine Stärkung. Habt Ihr einen Schluck Brandy?«
»Nicht einen Tropfen. Aber wer hat _Euch_ gehetzt, mein Bursche,« setzte
er hinzu, und betrachtete sich den Fremden aufmerksam vom Kopf bis
zu den Füßen -- »ich dächte doch, die Buschrähndscher sind _drüben_
ziemlich dünn geworden, seit _wir_ fort sind.«
»Wer? -- nun die verdammte Polizei!« sagte Tolmer ärgerlich.
»Oh, _die_ habt Ihr _hinter_ Euch gehabt? ja das kann ich mir denken,«
lachte der Buschrähndscher, »Mr. _Tolmer_ soll ein trefflicher _Führer_
sein.«
»Wer?« sagte Tolmer mit angenommenem Erstaunen.
»O, Ihr kennt den Mann wohl nicht,« meinte Rothkopf trocken, »schade,
daß ich keinen _Spiegel_ hier habe, ich könnte Euch sonst eine
vortreffliche Beschreibung seiner Person geben.«
»Einen Spiegel?« sagte Tolmer, und fast unwillkürlich suchte seine Hand
das versteckte Pistol, denn einmal erkannt, wußte er sich auch verloren.
»Laßt die Waffen nur stecken, Mr. Tolmer,« sagte da Rothkopf, in
aller Ruhe die Hähne seines eigenen Gewehres in Ruhe setzend, und dem
Polizeibeamten fest in's Auge schauend, »Ihr seht, ich kenne Euch, und
schieße Euch weder über den Haufen, noch rufe ich meine Leute, daß sie
sich vielleicht einen besonderen Spaß mit Euch machten. Aber -- die
Wahrheit ist, Ihr kommt mir da wie gerufen, und dem allein habt Ihr's
auch zu danken, daß ich Euch nicht gleich, wie wir hier ankamen, und ich
Euch im Baum bemerkte, eine Ladung Posten durch den Leib jagte.«
»Und wenn ich nun _nicht_ jener Tolmer wäre?« sagte dieser.
»Beruhigt Euch darüber,« erwiderte ihm der Räuber, »ich habe Euch
_einmal_ gesehen, als ich vor vier Jahren, gerade frisch eingefangen,
vor Euch gebracht wurde, und ein verdammt gutes Gedächtniß für alte
Bekannte. Doch zur Sache. Ihr seid nach Känguruh-Insel gekommen, um
unsern »Gentleman« John einzufangen, wie?«
»Ja,« sagte Tolmer nach kurzem Zögern mit entschlossener Stimme -- »zum
Henker noch einmal, ich sehe jetzt keinen Grund mehr, Euch ein Geheimniß
daraus zu machen.«
»Gesprochen wie ein Mann,« lachte der Buschrähndscher, »aber -- ich
kann mir nicht gut denken, daß Ihr die »Kleinigkeit« allein solltet
unternommen haben.«
»Ich habe Hülfe« erwiderte Tolmer, aber doch nicht ohne einiges Zögern.
»Bei der Hand?«
»Nicht weit.«
»Hm,« sagte der Buschrähndscher, »aber Ihr wißt, wie ungewiß Euer Erfolg
ist, wenn John den geringsten Verdacht schöpft.«
»Allerdings,« erwiderte Tolmer, der den Plan des Burschen jetzt leicht
durchschaute, und freier Athem schöpfte, »aber _Ihr_ wißt auch,
welchen Preis die Regierung _dem_ zugedacht hat, der uns den Verbrecher
überliefern hälfe. Fort _könnt_ Ihr nicht mehr; der Schooner ist schon
beobachtet und kann nicht mehr auslaufen, und die Insel hier nicht groß
genug, Euch lange Zuflucht zu gewähren.«
»Hm, ja,« erwiderte Rothkopf, »wenn's auch vielleicht noch nicht so
schlimm ist, als Ihr es macht; denn die Geschichte von dem Schooner habt
Ihr doch nur erst oben im Baum gehört.«
»Er liegt an Cap Borda,« erwiderte Tolmer ruhig, »ist von einem Bruder
Bloomes, der das Fahrzeug navigiren soll, in Adelaide angekauft, und
Bloome glaubt, daß es zwischen Sidney, Neuseeland und der Insel Handel
treiben soll.«
»Alle Teufel!« rief Rothkopf überrascht, »dann hat die Polizei also doch
Wind davon bekommen. Aber das,« fuhr er, die Zähne auf einander beißend,
fort, »wißt Ihr _nicht_, daß Gentleman John, Verräther der er ist,
beabsichtigt, _uns_ hier im Stiche zu lassen und über Hals und Kopf den
Schooner in See haben will, um uns los zu werden.«
»Ich weiß vielleicht noch mehr als das,« lächelte Tolmer, »aber das sind
Nebensachen, die hier mit unserem Geschäft nichts zu thun haben. Wollt
Ihr mir beistehen, diesen Gentleman John einzufangen?«
»Ja! -- aber Ihr sichert mir freien Pardon?« frug der Buschrähndscher,
ihn dabei scharf fixirend.
»Den sichere ich Euch, und außerdem den halben Fangpreis, der auf seinen
Kopf gesetzt ist. -- Seid Ihr damit zufrieden?«
»Die Sache ist abgemacht!« rief Rothkopf, ihm die Hand zum Einschlagen
hinhaltend, »und nun an die That. Habt Ihr von Eueren Leuten Einige bei
der Hand?«
»Sie sind Alle an Cap Borda.«
»Hm -- müssen wir ihn _lebendig_ fangen?«
»Lebendig oder todt,« erwiderte Tolmer.
»Gut -- dann brauchen wir auch Niemand weiter. Ihr habt gehört, daß er
mir morgen früh an eine bezeichnete Stelle Munition bringen will. Wo
liegt Euer Gewehr versteckt?«
»Ich habe nur Pistolen bei mir,« sagte Tolmer.
»Das ist Nichts,« rief Rothkopf, »die sind nicht sicher genug, und
spaßen dürfen wir nicht mit ihm. Seid Ihr ein guter Schütze mit der
Flinte?«
»Ich treffe meinen Mann auf hundert Schritte mit der Kugel.«
»Gut, dann werdet Ihr ihn auch auf fünfzehn mit Rehposten nicht fehlen,
und mögt dazu _mein_ Gewehr nehmen. Jetzt geht in's Thal hinunter und
lagert irgendwo am Eingang der Schlucht. Mit hinauf darf ich Euch nicht
nehmen, denn Einer der Anderen könnte Euch so leicht erkennen wie ich,
aber ich werde dafür sorgen, daß Euch Keiner von ihnen in den Weg läuft,
und daß _Ihr_ dort auf mich wartet, ist Euer eigener Vortheil -- deshalb
vertrau' ich Euch auch. Morgen früh mit Tagesanbruch bin ich an der
einzelnen Casuarine, die dicht am Pfad steht. Kennt Ihr den Baum?«
»Ich habe ihn heute passirt,« erwiderte Tolmer.
»Gut denn, auf Wiedersehen,« sagte der Buschrähndscher, und schritt
rasch die Schlucht hinauf, den Polizeibeamten seinem eigenen Nachdenken
überlassend.
Tolmer wußte aus eigener Erfahrung, wie nützlich dieser Bursche, der
sich von seinem Kameraden vielleicht mit gutem Grund verrathen glaubte,
ihm werden konnte. Die Abfahrt des Schooners mochte er allerdings mit
seinen Leuten leicht verhindern, der Führer der Bande aber, und Einer
der schlauesten Räuber, die je die australischen Wälder unsicher
gemacht, war damit noch nicht gefangen, und hätte mit einem Boot leicht
wieder das feste Land erreichen können. War Gentleman John aber erst
einmal in seiner Gewalt, oder überhaupt unschädlich gemacht, dann durfte
er hoffen, die Andern leicht zu bewältigen, und mit der Hülfe seines
neugefundenen Freundes hatte er jetzt die beste Hoffnung, dies am
nächsten Morgen in's Werk zu setzen.
Verrath brauchte er hier kaum zu fürchten. Er war schon in der Gewalt
des Räubers gewesen, und dessen eigener Vortheil lag mit dem seinen
jetzt in einer Schale. Deshalb folgte er auch ohne Weiteres der
erhaltenen Weisung und lagerte die Nacht an der ihm vom Rothkopf
bezeichneten Stelle, um am nächsten Morgen bei der Hand zu sein.
Rothkopf ließ auch nicht auf sich warten. Kaum dämmerte der Tag, als
ein leiser Pfiff Tolmer auf seine Nähe aufmerksam machte, und die beiden
Männer schritten nach einem sehr frugalen, rasch eingenommen Mahl neben
einander der von Gentleman John selber angegebenen Hütte zu. Unterwegs
machte der Buschrähndscher den Polizeibeamten mit seinem Plane bekannt,
und in der Hütte selber angekommen, legte sich Tolmer mit des Räubers
Flinte in den Hinterhalt, während sich dieser, den Rücken gegen
die dünne Rindenwand gelehnt, auf einen dort zu einer Art Bank
hergerichteten Stamm setzte, und solcher Art ruhig die Ankunft seines
verrathenen Chefs erwartete.
»Und seid Ihr auch sicher, daß er wirklich kommt?« frug Tolmer endlich,
als sie wohl schon eine Stunde regungslos in ihrer Stellung verharrt
hatten, aus dem Haus heraus, »hol' s der Henker, mir wird die Zeit lang,
und ich fürchte fast, Gentleman John war klüger wie wir Beide zusammen.«
»Nur keine Furcht, Camerad,« flüsterte ihm sein Genosse zurück, »wenn
ich nicht gewiß wüßte, daß unser Vogel auf die Leimruthe geht, hätte ich
Euch wahrhaftig nicht hierher geführt. Daß ihm der Böse das Licht halte,
thut er es doch nur, mich desto sicherer zu machen. Aber ich kenne ihn,
den Hallunken;« setzte er mit fest zusammengebissenen Zähnen und wie mit
sich selber redend hinzu, »der Rothkopf ist ihm nach und nach zu klug
geworden, und daß der fragen konnte, was aus all dem Geld geworden, hat
ihm nicht gefallen. Aber warte, mein Bursch -- hast jetzt einen Seemann
an Bord, nicht wahr, der etwa ein Schiff in offener See zu halten weiß
und glaubst, du könntest den Rothkopf entbehren. Was dann aus dem
hier und den Anderen auf der Insel wird, was kümmert's dich. -- Willst
dasselbe Spiel hier wieder spielen, das du drüben am Murray den armen
Teufeln eingebrockt. O ich kenne dich, Hallunke, vergißt aber, daß der
Rothkopf damals selber mit dabei war und dir in die Karten gesehen hat.«
»Dort kommt Jemand den Hang herunter,« flüsterte Tolmer, der durch eine
Spalte der Wand, hinter der er versteckt lag, die offene Höhe vor sich
übersehen konnte.
»Das ist er,« flüsterte Rothkopf, fast unwillkürlich zusammenfahrend,
»geht es, fangen wir ihn lebendig, riecht er aber Lunte, dann haltet ihm
nur um Gotteswillen sicher auf den Bug, wir sind sonst Beide verloren.«
»Fürchtet Ihr ihn?« frug Tolmer spöttisch.
»Fürchten?« brummte der Buschrähndscher ärgerlich in den Bart, »wenn
Ihr, wie ich, Zeuge gewesen wäret, wie der Mann da -- doch das ist
vorbei,« brach er kurz ab, »und zum Plaudern keine Zeit mehr. Habt jetzt
Acht -- es gibt kaum einen stärkeren, und wahrhaftig keinen schlaueren
und verwegeneren Burschen in sämmtlichen Colonien als den, der da so
sorglos den Hügel herab in sein Verderben geht -- und jetzt kein Wort
mehr. Er hat ein Auge wie ein Falke und ein Ohr so scharf wie ein
Känguruh -- macht Euch fertig.«
* * * * *
Rothkopf hatte ganz recht; es gab wohl kaum einen schlaueren und
verwegeneren Verbrecher innerhalb wie außer den Colonien, als diesen
Gentleman John, der jetzt gerade im Begriffe stand, mit einem von seinem
Raube angekauften Schiffe die Colonien zu verlassen, um jedenfalls sein
Unwesen in irgend einem anderen Lande auf's Neue zu beginnen.
So glücklich und erfolgreich er aber bis jetzt, jedes Mittel gut
heißend, das ihn seinem Ziele entgegen führte, diesen einen Zweck
verfolgt, so sollte er sich plötzlich aus seiner geträumten Sicherheit
aufgerüttelt, und der früheren Verfolgung preisgegeben sehen. Sein
Lieutenant Rothkopf hatte ihn allerdings nur zu gut durchschaut;
Gentleman John war seiner überdrüssig und wollte mit den Ausgewählten
seiner Schaar so rasch als möglich die Känguruh-Insel verlassen. Was
aus den Cameraden, von denen sich ein großer Theil erst hier zu ihm
gefunden, werden würde, kümmerte ihn nicht. Selbst auf diesen Abend
war die Abfahrt bestimmt. Der Schooner lag, mit Proviant und Wasser
versehen, vor seinem Wurfanker, und Mr. Bloome, der Squatter, ahnte
nicht, welch' gefährlichem Compagnon er einen großen Theil seines
Eigenthums im Begriff war zu vertrauen.
Nur um seinen bisherigen Lieutenant zu beruhigen und die kurze Frist
zu gewinnen, in der dieser mit der erhaltenen Munition zu den Uebrigen
zurückkehren würde, hatte er sich dazu verstanden, ihm selber das
Verlangte zu überbringen. Durfte er ja doch auch keinem seiner
anderen Leute trauen, die mit Rothkopf allein gelassen, vielleicht gar
gemeinschaftliche Sache mit ihm gemacht hätten.
Daß ihm die Polizei schon auf der Fährte sei, ahnte er allerdings nicht,
trotzdem näherte er sich nur mit äußerster Vorsicht dem von ihm selber
bezeichneten Hause, von dem er schon aus der Ferne seinen Lieutenant
erkannte. Er trug sein Gewehr in der Hand und die versprochene Munition
in einer umgeschnallten Tasche, und hing sich die bereit gehaltene
Waffe erst über die Schulter, als er Rothkopf vollkommen unbewaffnet ihn
erwarten sah. Nur daß dieser ruhig vor dem Hause sitzen blieb, und ihm
nicht entgegen kam, erregte wieder seinen rasch geweckten Verdacht.
»Nun, Camerad,« rief er ihn an, indem er, etwa fünfzig Schritt vom Haus
entfernt, Halt machte, seine Tasche auf den Boden warf und, das Gewehr
im Arm, daneben stehen blieb, »da bin ich. Aber Ihr scheint es verdammt
kaltblütig zu nehmen. -- Hier ist Euer Pulver und Blei, das mir schwer
genug geworden -- ich dächte, Ihr könntet's die übrige Strecke selber
tragen.«
»Dank Euch, Capitän,« rief Rothkopf, der ihn gern näher zum Haus gehabt
hätte, indem er jetzt von seinem Sitze aufstand und langsam auf ihn
zuging, »ich wußte im Anfang gar nicht, ob Ihr's wäret. Aber kommt
herein -- ich habe ein Feuer darinnen angemacht und ein Stück saftig
Wallobi daran stecken -- oder -- habt Ihr keinen Hunger?«
Gentleman John horchte hoch auf -- sein scharfes Ohr hatte das Knacken
eines Hahnes -- ein ihm nur zu wohlbekannter Laut -- erreicht, und im Nu
erkannte er die Gefahr, in der er sich befand.
»Hunger?« rief er zurück, »gewiß. Ich bin vor dem Frühstück vom Haus
fortgegangen und Euer Wallobi soll mir vortrefflich schmecken. Ist sonst
noch Jemand bei Euch?«
»Keine Seele,« erwiderte Rothkopf, indem er zu ihm trat und auf die am
Boden liegende Tasche zuschritt.
»Gut -- so nehmt Euer Pulver und Blei mit zum Haus,« sagte der Capitän,
indem er sich so stellte, daß er den Lieutenant fortwährend zwischen
sich und dem vermutheten Hinterhalt behielt. »Ihr hättet Euch Jemanden
mitbringen sollen; das Zeug ist verwünscht schwer.«
»Allerdings,« sagte Rothkopf, die Tasche etwas lüftend und dann über die
linke Schulter hängend, »doch es ist nicht so weit bis zu unserm Lager
und ich werde sie schon fortbringen.«
»Rothkopf,« sagte da Gentleman John, indem er ihm vertraulich auf die
Achsel klopfte, »ich habe Euch nicht umsonst hierherbeschieden -- ich
habe noch ein Geheimniß, das ich Euch anvertrauen möchte -- wenn ich
eben auf Euere Verschwiegenheit und Treue rechnen könnte.«
»Und das wäre?« rief Rothkopf, indem er überrascht zu seinem Hauptmann
aufsah.
»Ich habe hier in der Nähe Geld vergraben,« flüsterte ihm dieser zu,
indem er sich wie scheu und vorsichtig dabei umsah.
»Alle Teufel,« rief Rothkopf mit unterdrückter Stimme, »und wo da?«
»Wir wollen zum Haus gehen, dort will ich Euch den Fleck beschreiben.«
»Zum Haus? -- hm,« sagte der Buschrähndscher, »ja -- recht gern -- aber
könnt Ihr es mir nicht hier sagen?«
»Hab' ich Dich, Bursche?« lachte da John, indem er einen Schritt von ihm
zurücktrat und sein Gewehr aufgriff, aber dabei noch immer vorsichtig
ihn zwischen sich und dem Hause hielt. »Rühr' Dich jetzt von der Stelle
und Du bist --«
»Teufel!« rief der also überlistete Lieutenant, indem er den sich dessen
nicht gleich versehenden Buschrähndscher unterlief und mit seinen Armen
umschlang, »hierher zu Hülfe -- hierher -- verdammt wenn ich Dich
nicht --«
»Danke Dir,« sagte Gentleman John ruhig. Mit raschem Griff hatte er
aber auch in demselben Moment ein Pistol aus seiner Tasche gerissen, und
während er es in das Ohr seines Lieutenants abdrückte, flog sein Blick
schon nach dem Haus hinüber, aus dem jetzt Tolmer mit gespannter Flinte
herbeisprang, seinem Verbündeten beizustehen.
Gentleman John wollte rasch sein eigenes Gewehr aufgreifen, Rothkopf
aber riß es, durch das Gewicht seines stürzenden Körpers, mit sich zu
Boden nieder, daß sich beide Läufe entluden, und der Buschrähndscher
sah jetzt sein Heil gegen den besser bewaffneten Feind nur in rascher
Flucht. Den anderen Angreifer hielt er natürlich für Einen der im Busch
verlassenen Bande, der nicht wagen durfte, ihm weit gegen die Ansiedlung
hin zu folgen, und in schnellem Sprung einen Baum zwischen sich und
den Verfolger bringend, floh er mit raschen Sätzen den nur hie und da
bewaldeten Hang hinauf.
Tolmer feuerte allerdings sein Rohr auf ihn ab; das Gestrüpp entzog
aber den Flüchtigen gleich darauf seinen Blicken, und es blieb ihm jetzt
keine andere Wahl, als so rasch als möglich seine Leute zu erreichen und
den offenen Kampf gegen den Verbrecher und seinen Trupp zu beginnen.
Sein Schuß war aber doch nicht ohne Wirkung geblieben, denn wenn er den
Räuber auch nicht in seiner Flucht hemmte, hatte ihn doch ein einzelner
Rehposten in die Seite getroffen. Trotzdem, und den Schmerz verbeißend,
gewann er bald die offene Stelle der Ansiedlung und eilte in die Hütte,
in der er Jenny ihn erwartend wußte.
Die unglückliche Frau saß am Kamin, das Haupt auf die Lehne des Stuhles
gedrückt, auf dem sie ruhte, und regte sich nicht, als er die Thüre
öffnete.
»Jenny!« rief da John mit von Leidenschaft heiserer, nur gewaltsam
gedämpfter Stimme, »komm -- der Augenblick zur Flucht ist erschienen --
mein Schiff liegt bereit, uns aufzunehmen. Komm, Herz, ermanne dich und
laß das dumpfe Brüten -- Todt ist todt, und alle Thränen erwecken dein
armes Kind doch nicht zum Leben wieder.«
»Todt ist todt,« stöhnte da die arme Frau, indem sie das bleiche
Antlitz und thränenlose starre Auge wild zu ihm erhob. »Sagst Du mir
das, _Mörder_ meines Kindes.«
»Unsinn, Schatz!« rief der Räuber, in aller Hast seine im Zimmer
umhergestreuten wenigen Habseligkeiten und Waffen zusammenraffend. »Was
kann ich dafür, daß das schwache Ding die Strapatzen unseres Marsches
nicht ertragen konnte. Hab' ich es nicht den halben Tag geschleppt? --
Aber eile Dich -- weiß der Teufel, wie die Kunde so rasch über die Insel
gekommen ist, aber Dein Mann, mein Schatz ist hinter uns her, und wir
müssen wahrhaftig machen, daß wir an Bord kommen.«
»Dort liegt es,« rief da plötzlich die Frau, den Arm von sich gestreckt,
das glanzlose Auge in die Leere starrend, »dort, dort, in seinem armen
kalten Bett -- in der harten, erbarmungslosen Erde, die es hält und
nimmer, nimmer wiedergeben will -- kein warmes Tuch dabei, seine zarten
Glieder einzuhüllen -- kein Kissen selbst, das kleine liebe Haupt darauf
zu betten -- nicht einmal einen kahlen, harten Sarg für das Wesen, für
das ich mit Freuden mein Leben hingegeben hätte. Fort -- fort von mir!«
schrie sie plötzlich, seine nach ihr ausgestreckte Hand mit Abscheu
zurückstoßend, »fort, oder beim ewigen Gott da droben, ich schlage meine
Zähne in Dein Fleisch und würge Dich, wie Du mein Kind gewürgt.«
»Wahnsinnig, bei Allem was da lebt,« brummte der Buschrähndscher vor
sich hin, »und der ganze Aufenthalt umsonst. Da bleibt mir freilich
nichts Anderes übrig, als --«
Die Thüre wurde in diesem Augenblicke aufgerissen und Broadley's
erschrecktes, todtenbleiches Gesicht zeigte sich darin.
»Unke,« rief ihm der Capitän entgegen, »was bringst Du?« --
»Der Schooner ist genommen!« rief der Unglücksbote, den Verdacht
und sein Aussehen vollkommen rechtfertigend. »Polizeiboote haben ihn
geentert und die Masten gekappt.«
»Die Masten gekappt?« rief John erschreckt.
»Es ist Alles vorbei,« drängte aber der Bursche, »und die Boote rudern
schon wieder an Land. Uns bleibt keine andere Zuflucht als der Busch.«
John knirschte die Zähne wild auf einander, aber das einmal Geschehene
ließ sich nicht mehr ändern, die solcher Art abgeschnittene Flucht zu
Wasser konnte nach dieser Richtung hin nicht mehr erzwungen,
sondern mußte auf andere Weise versucht werden. Deshalb seine Waffen
aufgreifend, warf er noch einen Blick auf die wild und erstaunt zu ihm
aufschauende Frau, und winkte dann Broadley, ihm zu folgen.
Wie er nur vor die Hütte trat, sah er schon, daß sein Begleiter Wahrheit
gesprochen. Der Schooner draußen an der Point lag, ein Wrack, vor seinem
Anker, und während Bewaffnete aus einem schon gelandeten Boot an's
Ufer sprangen, eilten Andere von dem Hauptstationshaus auf seine eigene
Wohnung zu. Kamen sie als Freunde oder Feinde? -- er hatte nicht Lust
ihr Kommen abzuwarten, und flüchtete, von Broadley dicht gefolgt, mit
langen Sätzen dem nächsten Dickicht zu.
Schon hatte er dieses erreicht, schon verbargen ihn die nächsten
Gumbüsche den Augen der Verfolger, als dicht vor ihm eine dunkle Gestalt
sich wie aus dem Boden hob, und ihm die Arme bittend entgegenstreckte.
Es war Lloko, sein schwarzes Weib, den Opossum-Mantel locker um die
Schulter geschlagen, die schwarzen Haare wirr die Stirn umflatternd.
»Halt!« rief sie ihm mit mehr drohend als bittender Stimme entgegen,
da er fast scheu vor ihr zurückweichen und an ihr vorübereilen wollte,
indem sie seinen Rock ergriff und hielt. »Halt! falscher weißer Mann --
wo ist dein ander Weib, mit den bleichen Wangen und dem lichten Haar --
wie? und wo ist das Kind, das Du ihr auf dem Wege todt und in den Boden
gedrückt hast -- wie? Wohin gehst Du jetzt? -- wieder zu meinem Stamm?
-- nimm mich mit, nimm mich mit. Lloko hungert hier und Niemand giebt
ihr zu essen.«
»Ist denn der Teufel heute in die Weiber gefahren?« rief John, mit
eiserner Faust die schwache Hand der Frau ergreifend und von sich
werfend. Aber schon hatte Lloko die andere in seinen Gürtel gekrallt und
schrie mit wilder, gellender Stimme:
»Teufel -- ja, _das_ ist Euer Wort für Alles, was bös und schlecht
--_Teufel_. Das ist Dein Name Gentleman John, und wenn da droben so ein
Wesen wohnt --«
»Fort mit Dir!« rief zwischen den Lippen durchzischend der gereizte
Räuber, und sein Faustschlag traf die Unglückliche so rauh an die Stirn,
daß sie den Gürtel loslassen mußte und halb bewußtlos auf den Boden
zurücktaumelte. Im nächsten Augenblick waren die beiden Männer auch im
Busch verschwunden.
Gentleman John hätte übrigens nicht in so großer Eile zu sein brauchen,
denn die aus der Station zu ihm hinüber Springenden waren nur Bloome
und dessen Bruder gewesen, die ihr Fahrzeug im ersten Augenblick von
Buschrähndschern überfallen glaubten, und den vermeintlichen Capitän zu
Hülfe holen wollten. Nur zu bald sollten sie aber aus solchem Irrthum
gerissen werden, denn wenn sie schon die übereilte Flucht des vermeinten
Freundes stutzen machte, benahmen ihnen die rasch erkannten Uniformen
der Polizeisoldaten den letzten Zweifel.
Tolmer hielt sich jedoch nicht mit langen Erklärungen auf. Er glaubte
nämlich sicher, daß sich der entflohene Räuber nach dem Tode Rothkopf's
auch ohne weiteres seiner Bande wieder anschließen würde, um mit dieser
vereint verzweifelten Widerstand zu leisten. Wußte er doch nicht, daß
ihn Gentleman John selber für einen seiner eigenen Schaar gehalten, und
in jedem jetzt den Verräther glauben mußte. Hier nun lag für die
kleine Truppe Polizeisoldaten der einzige Vortheil darin, die erste
Ueberraschung der Buschrähndscher zu benutzen, einen entscheidenden
Schlag gegen sie zu führen. Einmal zersprengt, hoffte er ihrer dann
schon leicht Meister zu werden.
Kaum im Busch angelangt, trafen sie da auf die noch immer halb
betäubte Schwarze, an der die Leute, ohne sie weiter zu beachten, rasch
vorbeistürmen wollten. Tolmer erkannte aber augenblicklich in ihr das
frühere Weib des Räubers, und der Scene an dem Hause eingedenk, rief er
seinen Leuten ein Halt zu, das arme, hülflose Wesen erst wieder zu sich
zu bringen. Einer der Constabler hatte eine Flasche mit Brandy bei
sich, und Lloko, wie ihr die Schläfe damit gerieben und ein paar Tropfen
eingegeben waren, erholte sich bald genug, sich selber aufzurichten.
Erstaunt sah sie sich inmitten der vielen fremden weißen Männer, und ihr
erstes Gefühl war, in den Busch zu fliehen, um denen zu entgehen. Tolmer
aber trat ihr in den Weg und sagte freundlich:
»Fürchte Nichts von uns. Wir wollen das Land nur von denen säubern, die
Haß und Feindschaft zwischen schwarzen und weißen Stämmen säen, von Raub
leben und von Blut sich nähren. Weißt Du, wen ich meine?«
Das Weib sah ihn mit großen stieren Augen an und rief:
»Ihr sucht Gentleman John!«
»Allerdings,« sagte Tolmer rasch, »weißt Du, wo hinaus er ist?«
»Fluch ihm!« rief da Lloko, während die Erinnerung an die erlittene
Schmach das Blut in ihre dunkle Schläfe jagte, »er hat mich geschlagen,
und die Hand möge sein Gott dort oben verdorren lassen, die gegen meine
armen Schläfe traf.«
»Das soll _unsere_ Sorge sein, ihm das zu besorgen,« lachte Morris.
»Hier auf der Insel haben wir ihn sicher, und er kann uns nicht
entgehen.«
»Und wißt Ihr, wo Ihr ihn findet?« frug da Lloko plötzlich, während ihr
dunkles Auge rasch und forschend von einem der Männer zum Andern flog.
»Ich denke ja,« erwiderte Tolmer, »er wird wohl am Torrensberg wieder zu
seinen Freunden geflohen sein.«
»_Freunden_?« rief Lloko, verächtlich den Kopf zurückwerfend. »Der
_Verräther_ hat keinen Freund, seit er Lloko geschlagen. Kommt --
kommt!« rief sie plötzlich, sich gewaltsam empor raffend, und den Arm
Tolmers ergreifend, »ich will Euch führen. Wie ein Dingo auf der Fährte
des speergetroffenen Känguruh, will ich an seinen Schritten hängen. --
Kommt -- er hat mich geschlagen -- der Kopf brennt mir, wo mich seine
Hand traf -- wenn der Schmerz nachläßt, hab' ich die Rache vielleicht
vergessen.«
Ihren Mantel dabei fester um sich herschlagend, drückte sie die ihr
nachstehenden Männer zurück, dort wo Gentleman John vorbeigesprungen,
die frischen Spuren wieder aufzufinden.
Morris hielt es nun freilich für bedenklich, der Führung einer
Schwarzen, die sie eben so gut zum Besten haben konnte, zu vertrauen.
Tolmer aber kannte die Eingebornen besser. Er begriff, welche
Leidenschaft in diesem Augenblick in dem Herzen des armen, verrathenen
Weibes wühlte, und bedachte sich keinen Augenblick, den, ihrem Zweck
günstigen Moment zu benutzen.
Lloko hatte indessen, trotz des trockenen Bodens und darüber gestreuten
dürren Laubes die Spuren der beiden Männer rasch aufgefunden, und folgte
ihnen, ohne sich nach den Weißen auch nur weiter umzusehen. Diese waren
indessen durch den größten Theil des letzten Trupps der Polizeisoldaten
noch verstärkt worden, da der seeuntüchtig gemachte Schooner den etwa am
Strand befindlichen Verbrechern keinen Weg zur Flucht mehr bot, und
nur erst, als Lloko an dem Pfad vorbei eilte, der, wie Tolmer recht gut
wußte, nach dem Versteck des Torrensberges hinüber führte, hielt er es
für nöthig, ihre schwarze Führerin darauf aufmerksam zu machen.
Lloko erwiderte aber kein Wort. Nur mit der ausgestreckten Hand deutete
sie auf den Boden vor sich, auf dem die Weißen allerdings auch nicht
das Zeichen einer Fährte mehr entdecken konnten, und schritt weiter.
-- Folgte doch kein Schweißhund je der Spur des angeschossenen Wildes
sicherer als sie den Fährten des Mannes, für den sie einst Vater, Mutter
und Stamm verlassen, und der es jetzt gewagt hatte, sie zu _mißhandeln_.
So blieben sie in den Spuren des Räubers bis der Abend dämmerte und eine
weitere Verfolgung unmöglich machte. Das wildeste Dickicht hatten
sie dabei zu passiren, Stellen, an denen sich die Weißen in den
Känguruhdornen oft nur so Bahn brechen konnten, daß sie sich mit
Schulter und Rücken hindurch preßten. Die halbnackte Indianerin achtete
nicht darauf. Ihren Fellmantel um sich geschlagen und rücksichtslos, ob
ihr die Dornen Arm und Füße wund rissen, war sie den Spuren gefolgt,
bis sie die Dunkelheit zwang, davon abzugehen, und in der Fährte selber
kauerte sie nieder unter einen Baum, verhüllte ihren Kopf mit dem
Opossum-Mantel und weigerte sich sowohl zu dem bald darauf von den
Weißen entzündeten Feuer zu kommen, als irgend eine Nahrung von ihnen
anzunehmen.
Tolmer, der die Schwarze übrigens sich vollkommen selber überließ,
begriff allerdings noch nicht recht, wo hinaus zu die beiden Verbrecher
geflohen sein könnten, denn daß Gentleman John mit seinem Begleiter nach
Marsden Point zurückkehren würde, war ihm nicht wahrscheinlich. Nichts
desto weniger vertraute er dem Scharfsinn der Schwarzen genug, nicht an
ihrer richtigen Führung zu zweifeln und beschloß, jedenfalls noch bis
morgen Mittag ihrer Leitung zu folgen.
Am nächsten Morgen waren sie schon vor Sonnenaufgang wieder gerüstet,
und sobald nur der dämmernde Tag Licht genug in den Wald warf, die
Spuren wieder zu erkennen, folgte ihnen Lloko mit altem Eifer.
Kaum eine Stunde aber war sie darauf hingegangen, als sie plötzlich
stehen blieb und die Nase emporhob, wie ein Hund es thut, wenn er das
Wild wittert.
»Komm, komm, Lubra,«[11] sagte aber Morris, der es bemerkte, und dem das
nicht gefallen mochte, »guck auf den Boden und laß die Faxen. Daß Du ein
Auge wie ein Falke hast, kann ich bezeugen, denn wo nur irgend der Boden
weich war, haben wir die Fährten der beiden Schufte hinter Dir gefunden;
aber auf das _Riechen_ wollen wir uns doch lieber nicht verlassen.«
[11] Lubra, Name für schwarze Frau.
»Ich rieche Rauch,« sagte aber die Frau, ohne die Worte des Fremden zu
beachten oder ihn auch nur eines Blicks zu würdigen.
»Das kann wohl möglich sein,« flüsterte Tolmer. »In dem verzweifelten
Dickicht hier haben die Burschen auch nicht bei Nacht und Nebel
fortkommen können, und sind jedenfalls liegen geblieben. Vielleicht
treffen wir sie im Lager.«
Vorsichtig setzten sie ihren Weg fort. Wenn aber auch Lloko den Rauch
richtig gespürt, fanden sie nur noch das halb niedergebrannte Feuer. Die
beiden Buschrähndscher hatten ihre Flucht wahrscheinlich, wie sie ihre
Verfolgung, mit anbrechendem Tage fortgesetzt. Von hier aus schienen sie
aber eine andere Richtung genommen zu haben, und Lloko, die derselben
eine Zeitlang folgte, faßte plötzlich Tolmers Arm und flüfterte:
»Das Boot! -- Sie sind nach dem versteckten Boot!«
»Und so wird's auch sein!« rief Tolmer, ärgerlich mit dem Fuße
stampfend, »und _wir_ kommen nachher gerade zeitig genug an den Strand,
sie in der Ferne absegeln und uns auslachen zu sehen. Daß ich an das
verdammte Boot nicht früher gedacht, und eines von den unseren hier
herum geschickt habe, ihre Flucht abzuschneiden.«
»Kommt,« sagte da Lloko, die sich indessen nach allen Seiten umgesehen,
als ob sie erkennen wollte, wo sie sei, »kommt mit mir.«
»Hallo, Schwarze,« brummte aber Morris, als er sah, daß sie links von
der Fährte abbog, »da hinaus geht's nicht. Hier im offenen Sande kann
ich die Spuren auch erkennen, und die führen dort hinaus.«
»Kommt,« rief aber die Eingeborene noch einmal, ohne sich an den
Widerspruch zu kehren. »Wir treffen ihn, ehe er das Boot besteigt.«
»Die Schwarze ist nicht mit Gold zu bezahlen,« lachte Tolmer, sich
vergnügt die Hände reibend, vor sich hin. -- »Was meint Ihr, Bill?
es wäre ein Hauptspaß, wenn wir ihm die Flucht so vor der Nase
abschnitten.«
Bill, der frühere Mailführer, der sich bei der Polizei hatte anwerben
lassen und die Expedition als Freiwilliger seinem alten Groll gegen den
Buschrähndscher zu Liebe mitmachte, nickte mit dem Kopf und brummte:
»Bringt mich ihm nur in Sprungnähe, und verdammt will ich sein, wenn er
mir diesmal wieder aus den Klauen soll.«
»Dazu kann Rath werden,« rief Tolmer, »aber vorwärts mit Euch, Ihr
Leute. Die Schwarze, seit sie nicht mehr nach den Fährten zu sehen
braucht, läuft wie der helle Teufel.«
Er hatte recht. Lloko glitt wie das Wallobi ihrer Wälder rasch und
behend durch das niedere aber dichte Gestrüpp der Waldung, daß ihr
die Weißen wirklich kaum zu folgen vermochten, und Tolmer sie mehrmals
anrufen mußte, nur so lange wenigstens zu halten, bis sie nachkämen.
Eine fieberhafte Ungeduld schien sich der Schwarzen bemächtigt zu
haben, die sie nur vorwärts, immer vorwärts drängte, bis sie endlich
das Seegestade erreichte, das hier seine niederen Gumbüsche über kurz
abgebrochene Felswände bis fast zu den Flutwogen niederhing.
Eine kleine, dürftige Quelle rieselte hier dem Meere zu, deren Lauf
Lloko die letzten zehn Minuten gefolgt war, und das Wasser des in der
Regenzeit wohl manchmal stark angeschwollenen Baches hatte hier eine
kleine Bucht ausgewaschen, in der das eifersüchtige Weib damals, als sie
den Fährten des Buschrähndschers und der unglücklichen Frau nachspürte,
das hier versteckte Boot des Gentleman John entdeckt hatte.
Fremd auf der Insel, fand ihr Fuß doch leicht und sicher wieder mit
jenem wunderbaren Ortssinn der Eingebornen den Weg dahin zurück, und
ein triumphirendes Lächeln zuckte über ihre Züge, als sie, auf einen der
vorragenden Felsen springend, das Fahrzeug noch dort entdeckte, wo es
der Räuber gelassen; aber kein Laut kam über ihre Lippen.
»Ist es da, Lkoko?« rief Tolmer mit unterdrückter Stimme.
»Bst!« warnte aber die Schwarze mit aufgehobenem Finger, indem ihr
jubelnder Blick und der niederdeutende Arm den Fund verkündete.
Vorsichtig horchte sie dabei nach der Richtung hin, in der sie die
Flüchtigen erwartete. Ihr Auge glühte, ihre ganze Gestalt zitterte, und
die angstvoll geöffneten Lippen schienen die Luft einzusaugen, die von
dort herüberwehte.
»Sie kommen!« flüsterte Tolmer den ihm Nächsten zu, »fort mit Euch --
drückt Euch hinter Stein und Busch.«
»Alle Teufel!« brummte Morris, und glitt hinter einen der Ufersteine,
auf dem er gerade stand. Nur Lloko regte sich nicht, und das Weib, wie
es da lauschend dicht am Ufer stand, glich einer aus schwarzem Marmor
gehauenen Statue, einer dunklen Najade, die eben scheu und zitternd der
Meeresflut entstiegen.
»Nieder mit Dir, Lubra,« flüsterte ihr da Tolmer zu, »wenn er Dich
sieht, ist Alles verrathen und unsere ganze Arbeit umsonst.«
Die Eingeborne antwortete ihm nicht, aber an der Stelle, wo sie bis
jetzt gestanden, sank sie in die Knie und barg ihr Antlitz in den beiden
Armen.
»Zum Henker noch einmal, ich sage Dir aber ja, dies _muß_ die Stelle
sein,« rief da eine rauhe Stimme ganz in der Nähe, »oder ich habe den
ganzen Platz versehen und finde den verdammten Ort gar nicht wieder.«
»So weit sind wir aber doch gar nicht mit dem Boot gesegelt,« wandte
Broadley's Stimme dagegen ein. »Wir müssen wahrlich noch eine Strecke
voraus.«
»Und hier ist der Bach,« rief da Gentleman John, nicht zehn Schritte
mehr von der Lichtung entfernt, an deren Rand seine Feinde versteckt
lagen. »Ich _wußte_, daß ich recht hatte -- und da ist auch die See.
Gott sei Dank, daß wir aus den vermaledeiten Dornen endlich herauskamen.
Das ist der Platz, ich kenne ihn an den Felsen, ha, ha, ha -- jetzt
mögen sie da drinnen herumkriechen und den Torrensberg und dessen
Nachbarschaft belagern wie sie wollen. Bis sie _uns_ auf die Fährte
kommen, sind wir drüben in Sicherheit. -- Ha, was ist das!«
»Halt!« donnerte ihm da Tolmers Stimme entgegen, der mit dem von
Rothkopf erhaltenen Gewehr im Anschlag dicht vor ihm wie aus dem Boden
herausstieg. »Ergib Dich, oder Du bist eine Leiche.«
»Ergeben?« rief John, eine Pistole aus seinem Gürtel reißend, »für den
Galgen, wie?« -- In demselben Augenblick traf aber sein Blick auf rechts
und links aufspringende Gestalten, und die Pistole auf's gerathewohl
mitten hineinfeuernd in die Feinde, wollte er mit flüchtigem Satz das
Dickicht wieder gewinnen. Hier aber verrannte ihm Bill, der Kutscher,
den Weg.
Mit allem Respect vor Feuerwaffen, mit denen er selber nur höchst
mittelmäßig umzugehen wußte, bückte er sich allerdings bei dem Schuß,
fuhr aber auch gleich in demselben Moment, einer früher erhaltenen
Lection eingedenk, in derselben Stellung auf den Buschrähndscher zu, den
er an dem einen Bein erwischte und mit sich zu Boden riß.
Wieder fiel ein Schuß, aber diesmal aus Tolmers Rohr, dem davon
springenden Broadley nach, der einen wilden Schrei ausstieß, seitab und
willenlos in den Busch hinein taumelte und dort zur Erde stürzte. Tolmer
aber, ohne den Verwundeten weiter eines Blicks zu würdigen, sprang jetzt
auf den gestürzten Buschrähndscher zu, über den sich schon drei oder
vier der anderen Polizeisoldaten geworfen hatten.
Gentleman John machte indessen seinen Gegnern viel zu schaffen, denn mit
einem plötzlichen Ruck seinen Arm frei bekommend, hatte er ein breites
Messer gezogen, mit dem er rechts und links um sich stieß und seine
Sieger zu verwunden suchte. Tolmer sah die Gefahr, in der sich die
Seinen befanden, und riß das Gewehr an den Backen, mit dem zweiten
Schuß den zur Verzweiflung getriebenen Räuber unschädlich zu machen; im
nächsten Moment aber änderte er seinen Plan. Der Lauf des Gewehres
hob sich, der Schuß donnerte in die Luft hinein, und den Kolben dann
umdrehend hieb er den wüthend um sich Stoßenden mit solcher Gewalt über
den Schädel, daß der Schaft in Splittern auseinanderfuhr, der Getroffene
aber bewußtlos und wie todt in sich zusammenbrach.
Im Nu war er jetzt an Händen und Füßen gebunden, seiner Waffen beraubt
und in's Boot geworfen, wo zwei der Leute, Bill und noch ein Anderer, zu
seiner Bewachung blieben. Broadley, der zum Tod getroffen im Busch
lag, wurde dann ebenfalls hineingeworfen, und als die von dem Räuber
Verwundeten nothdürftig ihre Risse verbunden hatten, wollte Tolmer eben
vom Land abstoßen, seine Beute nach Cap Borda hinüber zu rudern. Da fiel
sein Blick auf Lloko, die bis dahin regungslos, wie sie das Nahen ihres
früheren Gatten erwartet, dicht am Ufer gekniet hatte.
Jetzt erst, als das Boot zur Abfahrt bereit war, richtete sie sich
empor, warf einen flüchtigen Blick auf die Gefangenen und war mit einem
Sprung an Tolmers Seite.
»Alle Wetter, das wird zu viel im Boot!« rief Morris, der hinten am
Steuer saß und sich eben bemühte, das kleine schwanke Fahrzeug vom Lande
freizubringen.
»Laßt sie,« erwiderte ihm aber Tolmer, »der Bursche hat sie ihrem Stamm
entführt, und sie mag mit uns, wenn wir die übrige Bande aufgerieben,
nach Adelaide zurückkehren. -- Alles klar da vorn?«
»Alles klar, Sir.«
»Gut, dann stoßt ab, und jetzt so rasch als möglich diesen Burschen in
Sicherheit gebracht; der andere Theil der Bande soll uns dann leichte
Beute werden.«
Das kleine Fahrzeug schoß in See hinaus, den Bug nach Westen wendend.
Mitten darin aber, des Räubers blutiges, bleiches Haupt auf dem Schooß,
saß Lloko, und große, helle Thränen rollten ihr die dunklen Wanden
nieder und mischten sich dem Blut auf des Gefangenen Stirn, den sie dem
Galgen überliefert hatte.