Sollten sich die Schriftzeichen auf dem Kühnhaider Stein als Runen
erweisen, so könnte man wohl annehmen, daß das Bild ein germanisches
Heiligtum war, das bei einer Wanderung über das Gebirge im Moore
verloren oder versenkt wurde, oder daß es, wie der Hornhausener
Reiterstein, das Gedächtnis an das Grab eines auf der Heerfahrt
umgekommenen Fürsten oder Helden festhalten sollte. Die Wahl des am
Fundort vorhandenen, sonst für ein Bildwerk wenig geeigneten Gneises
und die offenbar flüchtige Art der Arbeit würden dafür sprechen.
Sollten sich die Schriftzeichen als griechische erweisen, so würde
man in dem Kopfe einen ganz alten schlichten Typus des Bildes Christi
erkennen dürfen, einen Vorläufer des ebenfalls kreisrunden, bartlosen
Christuskopfes von Elstertrebnitz (s. Abbildung 3). Die ersten
Schriftzeichen auf der Rückseite des Steines lassen sich allenfalls
als ΧΡ (= Christos) deuten, und gerade diese beiden Buchstaben
sind ja auch ein sehr altes, schon auf den Feldzeichen (~labarum~)
Konstantins des Großen vorkommendes Symbol des christlichen Kultus. In
diesem Fall eröffnet sich eine ganze Reihe von Deutungsmöglichkeiten.
Vielleicht hängt dieses Steinbild irgendwie mit dem Kriegszuge
zusammen, auf dem Bischof Arno von Würzburg am 13. Juli 892 gegen die
heidnischen Slawen in der Nähe des Flusses Chemnitz fiel, oder die
Tätigkeit der Slawenapostel Methodios († 885) und Kyrillos hat auch
einen Missionszug über das Erzgebirge zu den Elbslawen veranlaßt,
bei dem dieses steinerne Kultbild für ein augenblickliches Bedürfnis
geschaffen und dann verloren wurde, oder es bezeichnete den Weg, auf
dem die böhmische Prinzessin Judith als Braut Wiprechts von Groitzsch
über das Gebirge kam. So umschweben unser Kühnhaider Steinbild eine
ganze Reihe ungelöster Rätselfragen, und es könnte Befremden erregen,
daß ich, ohne die Untersuchung zu Ende geführt und ohne mich selbst
für eine der Möglichkeiten entschieden zu haben, schon heute diesen
Aufsatz in so unfertiger Gestalt herausgebe. Aber gerade dadurch hoffe
ich um so mehr Teilnahme für den rätselvollen Stein zu erwecken und
Nachrichten darüber zu erhalten, ob etwa jemand von einem ähnlichen
Fund auf sächsischem oder Sachsen benachbartem Boden gehört hat. Vor
allem bitte ich die kleineren Museen des Landes und alle Privatsammler,
die ein ähnliches Fundstück im Besitz haben sollten, mir gütigst davon
Mitteilung zu machen. Denn in jedem Fall eröffnet der Kühnhaider Stein
ein weites Gesichtsfeld in eine ferne Vergangenheit unseres Landes
und auf Anfänge einer Kultur, von der wir noch keine festumrissene
Vorstellung haben.
_Nachtrag._ Als dieser Aufsatz schon gesetzt war, fand sich in
einem Schranke der staatlichen vorgeschichtlichen Sammlung eine
Bleistiftzeichnung der Vorder- und der Rückseite des Kühnhaider
Steines in der Viertelgröße des Originals und zwei danach
hergestellte Lichtdruckabzüge, deren Veröffentlichungsort ich
noch nicht ermitteln konnte.
Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt
– Druck: Lehmannsche Buchdruckerei Klischees von Römmler & Jonas,
sämtlich in Dresden