Der Kühnhaider Stein ist ein Block des körnigen, roten Eruptiv-Gneises,
wie er in der Gegend von Kühnhaide fast überall angetroffen wird. Man
wird also mit der Möglichkeit zu rechnen haben, daß das Bildwerk unweit
der Fundstelle entstanden sein kann. Das auf unserer Abbildung nicht
sichtbare, in der Mitte der unteren Schmalfläche befindliche Zapfenloch
macht es wahrscheinlich, daß der dreieckige Stein entweder auf einem
Postament aufsaß oder mit einer anderen Steinplatte verbunden war, die
die Fortsetzung des Körpers enthielt, dessen Kopf auf dem erhaltenen
Block dargestellt ist. Ich ziehe zunächst die erste Ansicht vor, da die
ganze rohe Gestalt des Blockes nicht dafür spricht, daß der Verfertiger
des Steinbildes mehrere solcher Blöcke zusammengesetzt habe. Der
eingemeißelte bartlose Kopf ist mit sehr einfachen Mitteln in den
Gneis vertieft, aber doch schon mit Anwendung eines Steinmeißels. Zu
beachten ist auch, daß der Bildner den Versuch gemacht hat, die Pupille
in der Mitte des Auges durch eine Vertiefung anzudeuten. Trotz der
Schlichtheit der Arbeit zeigt der Kopf, vielleicht ist es Zufall, einen
gewissen Ausdruck der Müdigkeit oder der Milde. Schon aus diesem Grunde
wird man kein slawisches Götterbild in dem Kopfe finden können. Alles,
was wir von der Darstellung slawischer Götter wissen, widerspricht
diesem Bilde. Hier ist nichts Drohendes, nichts Schreckendes,
wie bei dem Zadeler Stein. Über dem Kopf findet sich ein System
vielleicht korrespondierender vertiefter Linien, durch einzelne kleine
Bruchflächen unterbrochen, die ebensogut Reste einer Bekrönung des
Kopfes wie Schriftzeichen darstellen können. Ebensolche Schriftzeichen
finden sich auf der Rückseite des Blocks. Es wird von diesen beiden
Stellen in diesen Tagen mit weicher Papiermasse ein Abklatsch
gemacht werden, der die Bestimmung der Zeichen erleichtern wird. Aber
soviel läßt sich heute schon sagen, daß diese Schriftzeichen entweder
germanische Runen oder griechische Buchstaben darstellen. Vor kurzem
ist bei Asch in Böhmen ein kleinerer Sandstein gefunden worden, der
Runenzeichen trägt. »Die Museumsverwaltung in Asch stellte fest, daß es
sich hier um ein echtes Fundstück aus germanischer Vorzeit handelt. Die
in den Stein tief eingeschnittenen Runenzeichen sind die Buchstaben ~G~
und ~A~ des gemeingermanischen Runenalphabets. In dem Fund erblickt
man einen Beweis für die geschichtliche Annahme, daß vor mehr als
fünfzehnhundert Jahren in der Gegend von Asch, Elster und im Erzgebirge
Germanen ansässig gewesen sind, die über das Fichtelgebirge herüber den
andrängenden Slawen entgegengezogen waren (Dresdner Anzeiger 1924, 24.
Sept.).« Ich habe mich bereits mit der Museumsverwaltung in Asch in
Verbindung gesetzt, um ein Bild dieses Fundes zum Vergleich zu erlangen.
[Illustration: