Von _Kurt Siegel_

Ein wunderlicher Tag geht über die alte Erde. Es schimmert in allen

Farben und Stimmungen. Grau im Nebel und grämlich im Regen schleicht er

dahin, andächtig und still wandelt er ohne einen Lufthauch – mit wildem

Lärmen und Heulen saust er im Winde daher, bis zuletzt alles gegen

die Nachmittagsdämmerung hin im sanften Regengeriesel einzuschlummern

scheint.

Das ist die heimatliche, heimelige Schummerstunde, wo im Sinnen

und Träumen und Dämmern Gestalten kommen, von draußen und drinnen,

Gestalten lebendig werden, die einem lieb geworden im Laufe der Jahre –

und die Gestalten grüßen aus goldenem Eiland und erinnern an Zeiten, da

man selbst noch glücklicher war. Der Heidebusch aber vor mir auf meinem

Schreibtische duftet mir heute besonders entgegen und läßt mich träumen

von einem, der auch gewesen, mit dessen Werken und Wirken ich mich oft

in stillen Stunden beschäftigte. Und die Gedanken flechten sich zu

Bildern, und leibhaft ersteht vor meinem geistigen Auge _Hermann Löns_,

dieser moderne Klassiker der Naturschilderung, dieser im geistigsten

Sinne urdeutsche Mann. Und meine Gedanken tragen mich mit ihm hinaus in

seine Heide, in seine Dörfer und Wälder, hinauf auf die Berge. Ich bin

in der schönen, reinsten und heiligsten Natur, ich bin bei dem Besten

und Echtesten, was das Leben der suchenden Seele bietet. Durch ihn

redet auch heute wieder die Natur zu mir, durch ihn sprechen die Tiere,

die Wälder rauschen und die Quellen lächeln. Und Menschen wandeln

dazwischen von starker Echtheit und Kraft, von harter Lebenstreue und

bitterer Daseinswahrheit, von milder Süße und träumerischer Schönheit,

wie sie nur Sinn und Seele eines echten Dichters hegen und hergeben

können.

Und was diese stille Stunde in mir geweckt und was ich aus seinen

Werken gelesen, das will ich hier noch einmal – in kurzen Zügen –

entrollen, will doch auch der Landesverein Sächsischer Heimatschutz

diesem edlen Mann in den Herzen seiner Mitglieder ein bleibendes

Denkmal setzen.

Willst du den Dichter recht verstehn,

Mußt du in Dichters Lande gehn!

Man muß einen Dichter erleben, sonst hat man nichts von ihm.

Hermann Löns, der Dichter, verdient es ganz besonders, ein Erlebnis zu

sein. Nur so gewinnt man das richtige Verständnis von ihm. Und das ist

ja der Zweck meiner kurzen Worte und des heutigen ganzen Abends. Liebe

zu ihm und seinen Werken soll erweckt werden und die Würdigung, die er

verdient.

Das aber soll gleich vorweg deutlich ausgesprochen werden: Hermann Löns

ist kein »Jagdschriftsteller«, als der er so gern abgezeichnet wird, er

ist auch kein »Heimatschriftsteller« oder ein »Heidedichter«, sondern

er ist einfach ein Mensch und ein Dichter, wie wir nicht viele gehabt

haben und nicht viele haben.

Ein Dichter nimmt das ganze Leben wie eine Dichtung, und jede seiner

Dichtungen nimmt er wie das ganze Leben. Darin liegt sein Glück und

sein Unglück. Wer ihm das nachfühlen kann, der ist ebenso glücklich

oder unglücklich.

Alle die Verwirrungen und Irrungen, an denen das Leben Löns oft

krankte, liegen in der tiefsten Seele seiner Dichternatur begründet,

und wer hier beschreiben, erzählen und kennen lernen will, der muß

gründlich und lange in diese Tiefen hinabtauchen und den Grund klären.

Löns gehört zu denen, denen die Dichtung und die ungeheure Tiefe ihrer

Empfindung und Einbildungskraft glühende Male in die Seele brannte,

und wo Brandwunden waren, da bleiben Narben, und manche Feuerwunden

des Herzens heilen niemals. Wenn er gefehlt hat, so trugen Verwirrung,

Verirrung und Krankheit die Schuld daran.

Hermann Löns hat selbst das Beste über sich, sein Werden und Schaffen

geschrieben. Das steht im ersten Heft des deutschen Literaturblattes

»Eckart« im vierten Jahrgang von 1909.

Löns ist am 29. August 1866 in Kulm an der Weichsel geboren; seine

Eltern waren Westfalen. Sein Vater war Gymnasialoberlehrer; seine

Mutter Klara geb. Kramer stammte aus Paderborn. Als Hermann ein Jahr

alt war, wurde sein Vater nach Deutsch-Krone versetzt, wo die Familie

Löns siebzehn Jahre blieb. Seine erste Kindheitserinnerung, die für

seinen Sinn recht bezeichnend ist, war, daß er in einem blauen Kittel

auf einem gepflasterten Hofe saß und grün und rot gefärbte Blattkäfer

in eine Pillenschachtel sammelte. »Mit fünf Jahren lockte mich eine

tote Maus mehr als ein Stück Kuchen.« Immer größer wurde seine Liebe

zur Natur, vereint mit einem Hange zum Alleinsein; er war auch

_deshalb_ meist einsam, weil er sich in dem fremden Lande als Westfale

nicht einheimisch fühlen konnte. Meist ganz für sich durchstreifte er

Heide, Wälder und Moore und erlebte dabei allerlei Abenteuer:

»Beim Besuch einer Seeschwalbensiedlung, die sich auf einer Insel im

Klotzowmoor befand, ertrank ich beinahe. Acht Tage nachher biß mich

eine Kreuzotter.«

»Teils durch meinen Vater, teils durch das Leben auf Gütern und

Förstereien, auf denen ich meist die Ferien verbrachte, wurde ich

Fischer und Jäger, doch war mir schon damals ein unbekannter Fisch, ein

seltener Vogel, eine regelwidrig gefärbte Eichkatze von größerem Werte

denn ein gutes Geweih oder eine ganze Tasche voller Hühner. – Ich

schoß auf meinen ersten Hirsch wie nach der Scheibe, aber als ich in

den Sägemühler Fichten eine Schwarzdrossel als Brutvogel fand, flog mir

das Herz. Schon damals war ich der Heide angeschworen. Ich konnte vor

Freude über die Pracht des maigrünen Buchenwaldes nasse Augen bekommen,

aber die Heiden, Kiefernwälder, Moore und Brüche lockten mich doch

mehr. Ähnlich ging es mir mit den Menschen; auch bei ihnen lockte mich

das Ursprüngliche!«

Seine ursprüngliche Urwüchsigkeit, die er in seinem ganzen Leben und

Denken nicht verloren hat, zeigte sich auch in seinem Verkehr: »Ich

war ein Freund der Hütejungen, Fischerknechte, Waldarbeiter; meine

sehr zivilisierten Mitschüler, die mit achtzehn Jahren Zigaretten

rauchten und Fensterpromenaden machten, langweilten mich.« Als Hermann

achtzehn Jahre alt war, wurde sein Vater in die Heimat, nach Münster

versetzt. Eine Woche Aufenthalt in Berlin machte auf den Jüngling

keinen besonderen Eindruck; er erinnerte sich nur noch an das, was er

im Zoologischen Garten und im Aquarium sah. Er erwachte gewissermaßen

erst, als er jenseits der Elbe die ersten Rabenkrähen erblickte und

später bei Paderborn wirkliche, lebendige Salamander fing.

In Paderborn, der Heimatstadt seiner Mutter, entdeckte er seinen Sinn

für Geschichte und deutsche Vergangenheit.

»Bisher hatte ich mich ganz als Einzelwesen gefühlt, nun empfand ich

Stammesbewußtsein. Stärker wurde es, als ich nach Münster kam, und

es waren kaum zwei Jahre vergangen, da war ich bewußt das, was ich

unbewußt immer gewesen: Niedersachse.

Ein Heißhunger nach tieferer Bildung kam über mich. Zum ersten Male

in meinem Leben arbeitete ich zäh und zielbewußt für die Schule und

konnte, als ich eben das Gymnasium verlassen hatte, einige kleine

Arbeiten in zoologischen Fachblättern herausgeben, die heute noch in

gewisser Weise ihren Wert haben.«

In Münster, Greifswald und Göttingen studierte Löns Medizin und

Naturwissenschaften und er war ein recht fröhlicher Student, der sich

überall gut durchzusetzen wußte und, wenn es nötig war, eine sehr

gute Klinge schlug. Das erwachende deutsche Schrifttum erweckte seine

lebhafte Teilnahme; Arzt mochte er nicht werden, die zoologische

Laufbahn war gänzlich aussichtslos; so kam es, daß Löns »mit beiden

Beinen in das Zeitungsfach sprang.«

Schließlich, nach mancherlei Reisen, die ihn teilweise auch in das

Ausland führten, wurde er in Hannover Redakteur und begnügte sich

vorläufig damit, auf diesem Gebiet sehr vielseitig und hervorragend zu

wirken.

»Wenn ich das Heftchen sah, in das ich als Bursch meine Verse

geschrieben hatte, überkam mich ein aus Spott und Mitleid gemischtes

Gefühl. Jahrelang kam ich kaum zu mir selbst. Ich führte ein ganz

äußerliches Leben, das sich in der Hauptsache zwischen der Zeitung und

der Jagd abspielte.«

Die Jagd, worunter er, wie jeder richtige Jäger, den stillen, innigen

Verkehr mit der Natur versteht, ließ ihn immer wieder zur Besinnung

auf sich selbst, zur inneren Einkehr kommen, und sie erweckte auch

wieder den Dichter in ihm, und was der Wind, der über die Heide ging,

ihm erzählte, das gewann Gestalt, und so entstand, fast unbewußt, sein

»Braunes Buch«, dessen unaussprechlicher Zauber noch immer unerreicht

ist, diese »Heidbilder«, die uns im Kleinen die Größe und Herrlichkeit

des Alls zeigen.

Darum ist auch so wenig von ihm über das zu sagen, was man gewöhnlich

»Entwicklung« nennt. Seine Entwicklung und sein Leben sind in

seinen Büchern zu lesen, denn seine eigenen Dichterwerke sind ja

auch Selbstbekenntnisse. Gerade bei Löns hat das Unbewußte eine

hervorragende Bedeutung, so daß der Ausspruch Schopenhauers: »Ein

großer Dichter ist ein Mensch, der wachend tun kann, was wir alle

im Traum,« gerade auf ihn paßt. So wuchsen auch seine Gedichte und

Balladen aus einem innerlichen Drange heraus, wie er selbst bekennt:

»Alles, was in Dichtungen, sei es Vers, sei es Prosa, gut ist, steht

außerhalb meines äußeren Wollens.« Die Balladenstoffe, die er gesammelt

hat, lassen ihn nicht los, bis er sie in eine poetische Form gebracht

hat und in seinem »Blauen Buche« herausgibt. Und neben diesen beiden

entsteht sein »Goldenes Buch« mit sechzig kurzen, goldenen Liedern.

Menschenseele und Natur eng verbunden klingen und singen hier, und eine

unendliche Schönheit und Tiefe und Leidenschaft ist darin zu finden.

1911 kam dann eine wundersame Volksliedersammlung heraus: »Der kleine

Rosengarten«, 110 Volkslieder. Er weiß es selbst nicht, wie es kam und

woher sie erklungen sind. In ihnen findet man alles, was man sucht

in trüben und heiteren Stunden. Sie sind so echt, daß sie alle im

Wunderhorn stehen könnten und so sangbar, daß sich viele Tondichter

schon mit mehr oder weniger Glück daran versucht haben.

Jeder, der Sinn für eine gemütvolle und innige Vereinigung von Dichtung

und Liedkunst hat, greife zu diesen schlichten, lebenswahren Liedern,

die auch dann noch leben werden, wenn das Volk längst vergessen haben

wird, wer sie zuerst gesungen. –

Zuletzt wohnte Löns, nachdem er sich 1911 und 1912 in der Schweiz,

in Wiesbaden, in Holland und in einigen norddeutschen Heideorten

aufgehalten hatte, in Hannover, und hier in dem alten hannoverschen

Lande, dessen herbe Natur, dessen Geschichte und Menschen es Löns

angetan hatten, wurde er zum begeisterten, unvergeßlichen Sänger

der Lüneburger Heide. Was er, der Jäger, Forscher, Dichter uns an

Naturschilderungen aus der Heide bietet, ist so köstlich, so tief

dichterisch erschaut und erfühlt, daß wir beim Lesen oft den Atem

anhalten und für Minuten das Buch sinken lassen müssen.

Auch, was uns Löns an Jagdbüchern geschenkt hat, steht hoch über

allen ähnlichen Stoffen. Sie sind eigener und ganz anderer Art.

Die künstlerische Behandlung des Stoffes ist auf eine solche Höhe

gebracht, daß schließlich das Gegenständliche – das Wild und seine

Erlegung – zum Vorwand wird, um dem draußen Belauschten, Ersonnenen

den Rahmen zu geben. Und wie weiß Löns die Landschaft uns nahe zu

bringen, wie wundervoll zeichnet er uns das Bild des Moors, der Heide,

wie werden die Farben des Jahres und die Stimmungen des Tages, das

Wechselspiel von Luft und Licht, Wind und Wolken lebendig! Er zwingt

zum Nacherleben. All die tausend Wunder der Schöpfung erfaßt er

liebevoll, ihm entgehen nicht die Fährten des Wildes im Heidesande, er

sieht den heimlich erbitterten Kampf der Pflanzen um Licht und Luft,

die Falterwelt ist ihm vertraut und das Heer der Hautflügler, er kennt

Glück und Leid des Schlängleins, das seinen Weg kreuzt. Keine Stimme

draußen, sei’s die eines Vogels oder andern Getiers, die er nicht

deuten könnte, kein Geschöpf, das er nicht liebte.

Ein reicher Schatz seines Schaffens ist uns aus dieser Zeit geworden:

»Mümmelmann« mit seinem herzerfrischenden Humor. Sorglos, arglos

lernt man bei den reizenden Tier- und Jagdnovellen lachen. Wahrhaft

künstlerisch nach Form und Inhalt geben diese Novellen etwas ganz

Neues, Eigenartiges, voll von poetischer Schönheit und zarter

Empfindung. »Auf der Wildbahn« ist ein Buch reich an mannigfaltigen

Stimmungen. Tiefe, ureigene Erlebnisse gibt der Dichter hier wieder,

wie in den »Heidbildern« die toten Dinge in der Natur Leben erhalten.

So steckt in diesen und anderen seiner Werke ein Stück Ewigkeitswert,

der noch unsere Kinder und Enkel erquicken und befriedigen wird.

Überhaupt müßten die vier Bücher: »Das braune Buch«, »Mümmelmann«,

»Aus Wald und Heide« und »Was da kreucht und fleucht« in Millionen von

Stücken unter der Jugend verbreitet werden. Es gibt keinen Ersatz dafür

und nichts Gleichwertiges.

Und weil Löns so unerbittlich und naturnotwendig »draußen« wurzelt, so

macht er auch in seinen Romanen die Natur zur Trägerin der Stimmung.

Derb und kraftvoll, zart und lieblich weiß schon sein erster Roman:

»Der letzte Hansbur«, dieser Bauernroman aus der Lüneburger Heide von

Anfang bis zum Schluß zu fesseln.

In seinem anderen Romane: »Da hinten in der Heide« steht vor jedem

Abschnitte der Name eines Vogels, das ist ein äußeres Zeichen für die

eigenartige Poesie, die in diesem Buche ruht. Auch hier schildert er

die Menschen in der Heide, und die Liebe zur Heimat findet und weckt

ein lebendiges Echo.

Sein bestes, wertvollstes Buch aber ist der »Wehrwolf«, ein Buch, von

dem man nicht wieder loskommt, ein Kriegslied, auch für die jetzige

harte, hohe, grausame, stolze Zeit, wie es schöner nicht gesungen

werden kann. Jeder Satz gräbt sich ein in Geist und Gemüt, und von

diesen Menschen voller Kraft und Leben kann man sein Empfinden

und Denken nicht wieder trennen, sie müssen durch das ganze Leben

begleiten. Wie ein gewaltiges Tonwerk braust diese Bauernchronik aus

dem Dreißigjährigen Kriege dahin, es liegt die Geschichte eines ganzen

Volkes darin, wie es sich mit eiserner Kraft, mit aufgezwungener

Härte und eingepreßter Grausamkeit geradezu hindurchwürgt und

hindurcharbeitet durch die wilde Zeit. Das Werk paßt für alle Zeiten,

für alle Völker, es hat Ewigkeitsgedanken und Ewigkeitswerte. Aber

gerade für uns ist alles groß, schwer, heilig und erhebend, was darin

zu lesen ist, und mit erschauerndem Herzen übertragen wir manches

auf unsre Tage. – Und wie er dieses umstellte, umdrohte Volk der

Heidebauern, das sich in Not und Untergang behauptet, als das deutsche

_Volk_ empfand, so daß er selbst sagte: »Mein Kriegslied von 1914 habe

ich 1910 geschrieben im Wehrwolf«, so verdichtete sich ihm diese Liebe

zu seinem Volk in einer unvergeßlichen Gestalt im »Zweiten Gesicht«,

seinem letzten Erzählbuche. Wer Hermann Löns ganz kennen lernen will,

muß diese Dichtung lesen; er selbst und vieles aus seinem Leben ist in

diesem Bekenntnisbuche verborgen. Der, dessen Seele so reich, dessen

Herz – trotz eines durchstürmten Lebens – so rein geblieben war, hat

es nicht verstanden, das Glück an sich zu fesseln. Auch dann, als er

sich schon wirtschaftlich freier regen konnte, ward dem herben Manne

keine Ruhe geschenkt – innere Unrast, leidenschaftliches Gequältsein

folterten durch Jahre den, der andern soviel Sonne und Wärme geben

konnte.

Vom Leben enttäuscht und todmüde flüchtet er sich in seine Heide,

da ist es das Volkskind Annemieken, das ihn tröstet und stärkt,

Annemieken, das Backen hat, rot wie Rosen, Augen blau wie Bachblumen

und Haar, das aussieht wie Haferstroh im Schnee. »In ihr küßt er sein

Volk, ließ er sein Bewußtsein untergehen, wärmte er sein altes Herz an

ewig jungem Leben.«

Weidwund schleppte sich Hermann Löns durch die letzten Jahre, nur die

treue Büchse war ihm geblieben. So holte er sich Kraft immer und immer

wieder auf seinen einsamen Gängen und Pirschfahrten im unwegsamen Moor,

im menschenleeren Wildland.

Wer Löns aber im Kreise seiner geliebten »Heidjer« im Dorfkruge traf,

wo er mit tausend Schnurren alle in Atem hielt, würde nie geglaubt

haben, daß diesem hartgewöhnten, helläugigen Manne der Tod am Herzen

saß, wie er uns ja auch in seinem Buche: »Der zweckmäßige Meyer« als

ein echter Humorist entgegentritt, in diesen scheinbar harmlosen

Geschichten, in denen aber doch so viel geistige Überlegenheit steckt,

aus denen der richtige Leser so viel Lebenswahrheit, wahre Vornehmheit

und reiche Anregung zu echter Bildung herausholen kann. Wir lesen da

von den Liebesliedern der Vögel, und daß auch der Spatz Liebeslieder

singt, von dem Vogel Wupp, dem Mauersegler, der in den Städten lebt,

wo es keine Natur gibt. Wir erfreuen uns an dem köstlichen Teckel

Bettermann und seinen Lebensweisheiten: »Sage mir, wie jemand riecht

und ich will dir sagen, was er wert ist.« Und wie in seinen Büchern war

er auch in Wirklichkeit ein wundervoller Erzähler, der, wenn er einmal

alles Herzeleid vergaß, die Dörfler in der Heideschenke ebenso wie die

Freunde in der Großstadt zu fesseln vermochte. Wenn Löns sprach, hing

alles – vornehm und gering, Männlein und Weiblein – an seinen Lippen,

und die Stunden schwanden im Nu dahin. Löns wurde viel geliebt, denn er

war von Herzen liebenswürdig.

Und doch hörten auch die, die ihm fernstanden, aus seinen letzten

Arbeiten mehr und mehr den müden, hoffnungslosen Ton heraus. So war

der Ausbruch des Weltkrieges wie eine Erlösung für ihn. Schulter an

Schulter mit seinem Volke, für »sein Volk, das einzige, das er auf der

Welt noch liebte«, zu kämpfen, todestrotzig, in entfesselter Kraft,

das war Erfüllung, das war die Vollendung seines Lebens und Dichtens.

Keinen Augenblick zögerte der fast Fünfzigjährige, der ungediente

Landstürmer, in die Reihen der Kämpfenden einzutreten, und bald finden

wir ihn bei der 4. Kompanie des 73. Infanterie-Regiments vor Reims

stehen. Von hier aus sind noch Postkarten bekannt geworden, in denen er

strahlend vor Glück von dem wild-schönen Leben im Schützengraben seinen

Freunden schreibt. Löns war ja auch wie geschaffen zu solchem Leben;

seine scharfen Augen, seine seit Kindestagen geübte Schießfertigkeit,

seine ganze harte Natur und sein Vertrautsein mit »draußen« schufen

ihn geradezu zum Idealkrieger. Er wußte nicht, was Furcht ist und

hohnlachte stets jeder Gefahr ins Gesicht.

Und auch im Schützengraben konnte Angst und nervenstörende Spannung

nicht aufkommen, wo Löns mit unerschütterlichem Gleichmute und Humor

Stimmung schuf. Alle fühlten sich geborgen in seiner Nähe. Und weil er

allen so viel bedeutete, weil man den Dichter-Forscher dem Vaterland

erhalten wollte, wendete man ohne sein Wissen Gefahren möglichst von

ihm ab. Löns bat und bettelte, an größeren Operationen teilnehmen zu

dürfen, bis es schließlich nicht mehr möglich war, ihm nicht den Willen

zu lassen.

So kam der 26. September 1914 heran, an dem seiner Kompagnie

Sturmangriff befohlen war. Löns war glückselig; ein verwundeter

Mitkämpfer erzählte später, daß er ihn nie so ausgelassen gesehen

hätte, als an diesem Morgen. Um fünf Uhr ging der Sturm los. Löns mit

einem Kameraden voraus ohne Deckung über weite Stoppeln dem Feind

entgegen. Da prasselt auch schon feindliches Infanteriefeuer in die

Reihen, und ehe die Kompagnie eine kurze Strecke vorwärtsgekommen war,

brach Löns an einem Herzschuß zusammen. »Ich habe eins gekriegt,« das

war sein Letztes.

So, wie er sich’s gewünscht durch Jahre, so hat er den Tod gefunden.

Mitten aus dem starken Leben heraus, mitten aus seinem Liede. »Kurz

war der Knall und schnell war sein Tod« – so hatte er einst in seinem

»Braunen Buche« das Ende eines von ihm erlegten Rehbockes geschildert

– »wohl dem, dem solch Ende beschieden wird: aus der Sonne hinaus

den Sprung in die Nacht hinein!« So ist er über die dunkle Schwelle

geschritten und eingegangen in das Land ewiger Schönheit und ewigen

Friedens, nach dem er sich so lange gesehnt hat.

Wir aber wollen dankbar sein, daß wir einen deutschen Dichter, einen

mannhaften Mann haben, wie Hermann Löns. Kraft brauchen wir, reine

deutsche Kraft und Gesundheit in Leben und Dichtung. Gesunde Dichter

brauchen wir, die festwurzeln im deutschen Land und in seiner herben,

treuen Natur, die feststehen im echten Volkstum, aber dennoch auch in

weite himmelblaue Ferne schweifen und nach den höchsten Sternen greifen.

Und so einer war Hermann Löns. Er lernt uns wieder deutsch denken,

deutsch fühlen, und hat uns gezeigt, welch ungeheuren Reichtum unser

deutsches Vaterland an literarisch würdigen Stoffen besitzt, und die

Heimat, die deutsche Heimat ist endlich wieder einmal durch ihn so ganz

in den Mittelpunkt gerückt.

Und darum wollen wir trachten, daß sein Werk und der Geist seines

Schaffens unter uns lebendig bleibt zum Segen für uns und die deutsche

Heimat.

Meine Worte aber mögen ausklingen mit dem Gedichte, das er selbst zu

seinen liebsten gezählt hat: »Abendsprache«, von dem so manches wahr

geworden ist.

Und geht es zu Ende, so laßt mich allein

Mit mir selber auf einsamer Heide sein;

Will nichts mehr hören, und nichts mehr sehn,

Will wie ein totes Getier vergehn.

Das graue Heidmoos mein Sterbebett sei,

Die Krähe singt mir die Grablitanei;

Die Totenglocke läutet der Sturm,

Begraben sollen mich Käfer und Wurm.

Auf meinem Grabe soll stehen kein Stein,

Kein Hügel soll dorten geschüttet sein;

Kein Kranz soll liegen, da wo ich starb,

Keine Träne fallen, wo ich verdarb.

Will nichts mehr hören und nichts mehr sehn,

Wie Laub und Gras, so will ich vergehn;

Und darum kein Hügel und deshalb kein Stein:

Spurlos will ich vergangen sein.

_Anmerkung_: Die gesamten Werke von Hermann Löns sind in acht

geschmackvoll gebundenen Bänden vereint. Gesamtpreis 80 M.

Bezug durch unsre Geschäftsstelle Dresden-A., Schießgasse 24.

Ratenzahlung möglich.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 7-8 · 第 30 / 61 题