Nichts Historisches mit Daten und Zahlen und Begebenheiten. Etwas
von dem eigenartigen Reize dieses wunderlichen kleinen Städtchens
möchte ich wiedergeben, das den fremden Besucher seltsam anheimelt,
wie ein altes frommes Bildchen aus Großmutters Album. Gewiß, es gibt
hübschere kleine Städte, idyllischer, äußerlich reizvoller, mit uralten
Bauweisen und romantischen Resten einstiger Ritterherrlichkeit;
Städtchen, die an Spitzweg, Schwind, Ludwig Richter gemahnen, aber
das eine, ganz Besondere, das hat eben nur Herrnhut. – Ist es die
rührende Schlichtheit der Bewohner, die feine, stille Art, wie sie
ihr Tagewerk erledigen, ihre Feste feiern, die ganze Gemeinde _eine_
große Familie, in Leid und Freude miteinander verbunden? Ein Hauch von
Güte und Vornehmheit umfängt uns unter diesen Leuten und den modernen
Großstadtmenschen überkommt ein nachdenkliches Verwundern und dann eine
mehr oder weniger tiefe Beschämung. Denn – Hand aufs Herz – zuerst
hat er prickelnde Spottlust verspürt über all das »Rückständige«,
das ihm dort begegnete. Auf dem kaum fußbreiten »Trottoir« kamen ihm
Leute entgegen, die er linkisch und altmodisch fand und belustigt
musterte. Aber da sah er unbekümmerte Freundlichkeit und fast kindlich
anmutende Arglosigkeit in Gruß und Gebärde. Und weiter, durch offene
Fenster blickte er in saubere Zimmer mit blanken alten Möbeln und
vielen schneeweißen Häkeldeckchen. Und immer stand da auch ein
Blumenstrauß und immer lag da irgendwo auf Tisch oder Fensterplatz
das Buch des Hauses: die Bibel. Und von den »altmodischen« Menschen,
denen die reine Herzensgüte aus den Augen blickt, von den blanken
Stuben mit Häkeldeckchen und Bibel und Blumenstrauß geht ein feiner
Zauber aus, der den Spötter von vorhin restlos gefangennimmt. – Die
lieben schlichten Häuser! So ein richtiges Herrnhuter Häuschen hat
eine spiegelnd geputzte Messingklinke an der Haustür, eine gute
alte Schelle dahinter, die chronisch heiser ist und einen kühlen
dämmrigen Hausflur, mit weißem Sand bestreut. Eine knarrende hölzerne
Treppe führt ins Obergeschoß, manchmal ist sie aus Stein, blütenweiß
getont. Hinter dem Hause das Gärtchen, ein liebes verträumtes
Hausgärtlein mit einer lebenden Hecke darum; Malven blühen darin und
mancherlei Nützliches. – Und dann ist der »Herrschaftsgarten« da, das
Schmuckstück des Ortes, für alle zugänglich, von jedermann geschont
und respektiert. Wo in der weiten Welt blühen die Rosen schöner,
leuchten die Nelken stärker? Ich wüßte mir kein friedlicheres Plätzchen
als im Herrnhuter Herrschaftsgarten, an sonnigen Sommertagen! Ein
Duften ist da, ein köstliches Gemisch von Rosen, Nelken, Reseden,
Wicken und Buchsbaum; und dazwischen duften noch viele längst
vergessene Blümlein und Kräuter, die es anderswo gar nicht mehr
gibt, so pietätvoll-altväterisch, so gepflegt und anheimelnd wie
das ganze Herrnhut selbst. Weiße Bänke unter Linden und Kastanien.
Blätterrauschen, Bienensummen, dann und wann behutsame Schritte auf
den Kieswegen, Kinderstimmen, irgendwoher die Klänge eines Chorals.
Eine Uhr schlägt, tief, versonnen; Schwälblein schwatzen am Hausgiebel
irgendwo, alles verhalten, geruhsam, von Frieden durchtränkt.
[Illustration: =Herrnhut=, im Hintergrund sein berühmter Friedhof]
Der Gottesacker: Eine schmale Lindenallee führt hinauf. Ja und dann
steht man verwundert wie in einer großen Buchenlaube und sieht, daß
das hier keine Gräber sind, wie wir sie kennen auf unseren Friedhöfen,
mit teueren und billigen Grabsteinen, prachtvoll geschmückten
Erbgrüften neben verwahrlosten Rasenhügeln. Nein, hier liegen sie
alle gleich, die stillen Schläfer und man hat das Gefühl, daß sie
wirklich friedlich ruhen unter den schmucklosen Steinplatten. Was
sollten hier prunkvolle Monumente und kunstvolles Schmiedewerk, hier,
wo Äußerlichkeit _nichts_, tiefste Innerlichkeit _alles_ gilt! Nur
eine schmale Platte mit Namen, Geburts- und Todestag und einem Spruch
darunter, kaum handhoch über dem Erdboden. Aber einem jeden Sarg gab
die ganze Gemeinde das Geleit, wie sie auch der Taufe und der Trauung
jedes einzelnen Mitgliedes beiwohnt und es gibt wohl keinen bedeutsamen
Festtag, an dem sie sich nicht zu innigem Gedenken um die Gräber ihrer
Verstorbenen versammelt.
Die Kirche? Ja, die übliche Kirche mit Turm und Portal sucht man
vergebens. Inmitten des Ortes, von den Häusern und Häuschen umgeben
wie eine gute Mutter von ihrer Kinderschar, liegt es, das Gotteshaus.
Weiß, schmucklos, mit winzigem Türmchen, das man gar nicht als
Kirchturm anerkennen kann. Drinnen in dem einfachen hellen Saal haben
sie alle ihren bestimmten Platz: die Alten, die Jungen, die Jüngsten;
hüben die Frauen, drüben die Männer. Weiß die Wände, die Emporen, die
Orgel; auf weißem sandbestreutem Fußboden die weißen Bänke. Vor den
hohen Fenstern, die das Licht ungebrochen hereinlassen, ein dunkel
verhangenes Pult, ein besonderer Stuhl dahinter. Hier spricht der
Prediger zu seiner Gemeinde. Und er _spricht_ wirklich. Nichts, was
Auge und Ohr ablenkt in Farbe und Ausdruck, reines tiefdurchdachtes
Gotteswort wird hier gegeben. Hier begreift man mit einemmal diese
Menschen in ihrer rührenden Anspruchslosigkeit, ihrer Weltfremdheit,
ihrer Treue an ihren Toten.
Krieg und Revolution haben auch Herrnhut ihre Spuren aufgedrängt. Aber
das stört nicht weiter; so wenig, wie die paar modernen Stadthäuser
zwischen den ehrwürdigen grauen Häuschen. Autos rasen über das holprige
Pflaster der Staatsstraße in der Richtung Löbau–Zittau zu, es gibt
sogar Sommergäste in Herrnhut, was tut’s? Einer stillen unberührten
Insel gleich liegt es ruhig im »brausenden Strom der Zeit« und wer von
seinem heilsamen Frieden kostete, der denkt sein mit Heimweh.