Als ich zurückfuhr, rief mich ein Mann mittleren Alters an und bat

mich, seinen Knaben von ungefähr acht Jahren, den er an der Hand mit

fortschleppte, zu mir zu nehmen. Er war ein ausgewanderter Mainzer,

welcher, mit großer Hast und Lust seinen bisherigen Aufenthalt

verlassend, herbeilief, den Auszug der Feinde triumphierend

anzusehen, sodann aber den zurückgelassenen Klubisten Tod und

Verderben zu bringen schwor. Ich redete ihm begütigende Worte zu und

stellte ihm vor: daß die Rückkehr in einen friedlichen und häuslichen

Zustand nicht mit neuem bürgerlichen Krieg, Haß und Rache müsse

verunreinigt werden, weil sich das Unglück ja sonst verewige. Die

Bestrafung solcher schuldigen Menschen müsse man den hohen Alliierten

und dem wahren Landesherrn nach seiner Rückkehr überlassen, und was

ich sonst noch Besänftigendes und Ernstliches anführte; wozu ich ein

Recht hatte, indem ich das Kind in den Wagen nahm und beide mit einem

Trunk guten Weins und Bretzeln erquickte. An einem abgeredeten Ort

setzt' ich den Knaben nieder, da sich denn der Vater schon von weitem

zeigte und mit dem Hut mir tausend Dank und Segen zuwinkte.

Den 24. Juli. Der Morgen ging ziemlich ruhig hin, der Ausmarsch

verzögerte sich, es sollten Geldangelegenheiten sein, die man so bald

nicht abtun könne. Endlich zu Mittag, als alles bei Tisch und Topf

beschäftigt und eine große Stille im Lager sowie auf der Chaussee

war, fuhren mehrere dreispännige Wagen, in einiger Ferne voneinander,

sehr schnell vorbei, ohne daß man sich's versah und darüber nachsann;

doch bald verbreitete sich das Gerücht: auf diese kühne und kluge

Weise hätten mehrere Klubisten sich gerettet. Leidenschaftliche

Personen behaupteten, man müsse nachsetzen, andere ließen es beim

Verdruß bewenden, wieder andere wollten sich verwundern: daß auf dem

ganzen Wege keine Spur von Wache, noch Pikett, noch Aufsicht

erscheine; woraus erhelle, sagten sie, daß man von oben herein durch

die Finger zu sehen und alles, was sich ereignen könnte, dem Zufall

zu überlassen geneigt sei.

Diese Betrachtungen jedoch wurden durch den wirklichen Auszug

unterbrochen und umgestimmt. Auch hier kamen mir und Freunden die

Fenster des Chausseehauses zustatten. Den Zug sahen wir in aller

seiner Feierlichkeit herankommen. Angeführt durch preußische

Reiterei, folgte zuerst die französische Garnison. Seltsamer war

nichts, als wie sich dieser Zug ankündigte; eine Kolonne Marseiller,

klein, schwarz, buntscheckig, lumpig gekleidet, trappelten heran, als

habe der König Edwin seinen Berg aufgetan und das muntere Zwergenheer

ausgesendet. Hierauf folgten regelmäßigere Truppen, ernst und

verdrießlich, nicht aber etwa niedergeschlagen oder beschämt. Als die

merkwürdigste Erscheinung dagegen mußte jedermann auffallen, wenn die

Jäger zu Pferd heraufritten; sie waren ganz still bis gegen uns

herangezogen, als ihre Musik den Marseiller Marsch anstimmte. Dieses

revolutionäre _Te Deum_ hat ohnehin etwas Trauriges, Ahndungsvolles,

wenn es auch noch so mutig vorgetragen wird; diesmal aber nahmen sie

das Tempo ganz langsam, dem schleichenden Schritt gemäß, den sie

ritten. Es war ergreifend und durchtbar und ein ernster Anblick, als

die Reitenden, lange hagere Männer von gewissen Jahren, die Miene

gleichfalls jenen Tönen gemäß, heranrückten; einzeln hätte man sie

dem Don Quichote vergleichen können, in Masse erschienen sie höchst

ehrwürdig.

Bemerkenswert war nun ein einzelner Trupp, die französischen

Kommissarien. Merlin von Thionville in Husarentracht, durch wilden

Bart und Blick sich auszeichnend, hatte eine andere Figur in gleichem

Kostüm links neben sich; das Volk rief mit Wut den Namen eines

Klubisten und bewegte sich zum Anfall. Merlin hielt an, berief sich

auf seine Würde eines französischen Repräsentanten, auf die Rache,

die jeder Beleidigung folgen sollte: er wolle raten, sich zu mäßigen,

denn es sei das letztemal nicht, daß man ihn hier sehe. Die Menge

stand betroffen, kein einzelner wagte sich vor. Er hatte einige

unserer dastehenden Offiziere angesprochen und sich auf das Wort des

Königs berufen, und so wollte niemand weder Angriff noch Verteidigung

wagen; der Zug ging unangetastet vorbei.

Den 25. Juli. Am Morgen dieses Tags bemerkt' ich, daß leider abermals

keine Anstalten auf der Chaussee und in deren Nähe gemacht waren,

um Unordnungen zu verhüten. Sie schienen heute um so nötiger, als

die armen ausgewanderten, grenzenlos unglücklichen Mainzer, von

entfernteren Orten her nunmehr angekommen, scharenweis die Chaussee

umlagerten, mit Fluch- und Racheworten das gequälte und geängstigte

Herz erleichternd. Die gestrige Kriegslist der Entwischenden gelang

daher nicht wieder. Einzelne Reisewagen rannten abermals eilig die

Straße hin, überall aber hatten sich die Mainzer Bürger in die

Chausseegraben gelagert, und wie die Flüchtigen einem Hinterhalt

entgingen fielen sie in die Hände des andern. Der Wagen ward

angehalten, fand man Franzosen oder Französinnen, so ließ man sie

entkommen, wohlbekannte Klubisten keineswegs.

Ein sehr schöner dreispänniger Reisewagen rollt daher, eine

freundliche junge Dame versäumt nicht, sich am Schlage sehen zu

lassen und hüben und drüben zu grüßen; aber dem Postillion fällt man

in die Zügel, der Schlag wird eröffnet, ein Erz-klubist an ihrer

Seite sogleich erkannt. Zu verkennen war er freilich nicht, kurz

gebaut, dicklich, breiten Angesichts, blatternarbig. Schon ist er bei

den Füßen herausgerissen; man schließt den Schlag und wünscht der

Schönheit glückliche Reise. Ihn aber schleppt man auf den nächsten

Acker, zerstößt und zerprügelt ihn fürchterlich; alle Glieder seines

Leibes sind zerschlagen, sein Gesicht unkenntlich. Eine Wache nimmt

sich endlich seiner an, man bringt ihn in ein Bauernhaus, wo er auf

Stroh liegend zwar vor Tätlichkeiten seiner Stadtfeinde, aber nicht

vor Schimpf, Schadenfreude und Schmähen geschützt war. Doch auch

damit ging es am Ende so weit, daß der Offizier niemand mehr

hineinließ; auch mich, dem er es als einem Bekannten nicht

abgeschlagen hätte, dringend bat: ich möchte diesem traurigsten und

ekelhaftesten aller Schauspiele entsagen.

Zum 25. Juli. Auf dem Chausseehause beschäftigte uns nun der fernere

regelmäßige Auszug der Franzosen. Ich stand mit Herrn Gore daselbst

am Fenster, unten versammelte sich eine große Menge; doch auf dem

geräumigen Platze konnte dem Beobachtenden nichts entgehen.

Infanterie, muntere wohlgebildete Linientruppen, kamen nun heran;

Mainzer Mädchen zogen mit ihnen aus, teils nebenher, teils

innerhalb der Glieder. Ihre eigenen Bekannten begrüßten sie nun mit

Kopfschütteln und Spottreden: "Ei, Jungfer Lieschen, will Sie sich

auch in der Welt umsehen?" und dann: "Die Sohlen sind noch neu, sie

werden bald durchgelaufen sein!" ferner: "Hat Sie auch in der Zeit

Französisch gelernt? -- Glück auf die Reise!" und so ging es

immerfort durch diese Zungenruten; die Mädchen aber schienen alle

heiter und getrost, einige wünschten ihren Nachbarinnen wohl zu

leben, die meisten waren still und sahen ihre Liebhaber an.

Indessen war das Volk sehr bewegt, Schimpfreden wurden ausgestoßen,

von Drohungen heftig begleitet. Die Weiber tadelten an den Männern,

daß man diese Nichtswürdigen so vorbeilasse, die in ihrem Bündelchen

gewiß manches von Hab und Gut eines echten Mainzer Bürgers mit sich

schleppten, und nur der ernste Schritt des Militärs, die Ordnung

durch nebenhergehende Offiziere erhalten, hinderte einen Ausbruch;

die leidenschaftliche Bewegung war furchtbar.

Gerade in diesem gefährlichsten Momente erschien ein Zug, der sich

gewiß schon weit hinweggewünscht hatte. Ohne sonderliche Bedeckung

zeigte sich ein wohlgebildeter Mann zu Pferde, dessen Uniform

nicht gerade einen Militär ankündigte, an seiner Seite ritt in

Mannskleidern ein wohlgebautes und sehr schönes Frauenzimmer, hinter

ihnen folgten einige vierzpännige Wagen mit Kisten und Kasten

bepackt; die Stille war ahndungsvoll. Auf einmal rauscht' es im Volke

und rief: "Haltet ihn an! Schlagt ihn tot! Das ist der Spitzbube von

Architekten, der erst die Domdechanei geplündert und nachher selbst

angezündet hat!" es kam auf einen einzigen entschlossenen Menschen

an, und es war geschehen.

Ohne Weiteres zu überlegen, als daß der Burgfriede vor des Herzogs

Quartier nicht zuletzt werden dürfe, mit dem blitzschnellen

Gedanken, was der Fürst und General bei seiner Nachhausekunft sagen

würde, wenn er über die Trümmer einer solchen Selbsthülfe kaum seine

Tür erreichen könnte, sprang ich hinunter, hinaus und rief mit

gebietender Stimme: "Halt!"

Schon hatte sich das Volk näher herangezogen; zwar den Schlagbaum

unterfing sich niemand herabzulassen, der Weg aber selbst war von der

Menge versperrt. Ich wiederholte mein "Halt!" und die vollkommenste

Stille trat ein. Ich fuhr darauf stark und heftig sprechend fort:

hier sei das Quartier des Herzogs von Weimar, der Platz davor sei

heilig; wenn sie Unfug treiben und Rache üben wollten, so fänden sie

noch Raum genug. Der König habe freien Auszug gestattet, wenn er

diesen hätte bedingen und gewisse Personen ausnehmen wollen, so würde

er Aufseher angestellt, die Schuldigen zurückgewiesen oder gefangen

genommen haben; davon sei aber nichts bekannt, keine Patrouille zu

sehen. Und sie, wer und wie sie hier auch seien, hätten, mitten in

der deutschen Armee, keine andere Rolle zu spielen, als ruhige

Zuschauer zu bleiben; ihr Unglück und ihr Haß gebe ihnen hier kein

Recht, und ich litte ein für allemal an dieser Stelle keine

Gewalttätigkeit.

Nun staunte das Volk, war stumm, dann wogt' es wieder, brummte,

schalt; einzelne wurden heftig, ein paar Männer drangen vor, den

Reitenden in die Zügel zu fallen. Sonderbarerweise war einer davon

jener Perückenmacher, den ich gestern schon gewarnt, indem ich ihm

Gutes erzeigte. -- "Wie!" rief ich ihm entgegen, "habt Ihr schon

vergessen, was wir gestern zusammen gesprochen? Habt Ihr nicht

darüber nachgedacht, daß man durch Selbstrache sich schuldig macht,

daß man Gott und seinen Oberen die Strafe der Verbrecher überlassen

soll, wie man ihnen das Ende dieses Elends zu bewirken auch

überlassen mußte", und was ich sonst noch kurz und bündig, aber laut

und heftig sprach.

Der Mann, der mich gleich erkannte, trat zurück, das Kind schmiegte

sich an den Vater und sah freundlich zu mir herüber; schon war das

Volk zurückgetreten und hatte den Platz freier gelassen, auch der Weg

durch den Schlagbaum war wieder offen. Die beiden Figuren zu Pferde

wußten sich kaum zu benehmen. Ich war ziemlich weit in den Platz

hereingetreten; der Mann ritt an mich heran und sagte: er wünsche

meinen Namen zu wissen, zu wissen, wem er einen so großen Dienst

schuldig sei, er werde es zeitlebens nicht vergessen und gern

erwidern. Auch das schöne Kind näherte sich mir und sagte das

Verbindlichste. Ich antwortete, daß ich nichts als meine Schuldigkeit

getan und die Sicherheit und Heiligkeit dieses Platzes behauptet

hätte; ich gab einen Wink, und sie zogen fort. Die Menge war nun

einmal in ihrem Rachesinn irre gemacht, sie blieb stehen; dreißig

Schritte davon hätte sie niemand gehindert. So ist's aber in der

Welt: wer nur erst über einen Anstoß hinaus ist, kommt über tausend.

_Chi scampa d'un punto, scampa di mille._

Als ich nach meiner Expedition zu Freund Gore hinaufkam, rief er mir

in seinem Englisch-Französisch entgegen: "Welche Fliege sticht Euch,

Ihr habt Euch in einen Handel eingelassen, der übel ablaufen

konnte."

"Dafür war mir nicht bange", versetzte ich; "und findet Ihr nicht

selbst hübscher, daß ich Euch den Platz vor dem Hause so rein

gehalten habe? Wie säh' es aus, wenn das nun alles voll Trümmer läge,

die jedermann ärgerten, leidenschaftlich aufregten und niemand

zugute kämen? mag auch jener den Besitz nicht verdienen, den er

wohlbehaglich fortgeschleppt hat!"

Indessen aber ging der Auszug der Franzosen gelassen unter unserm

Fenster vorbei; die Menge, die kein Interesse weiter daran fand,

verlief sich; wer es möglich machen konnte, suchte sich einen Weg, um

in die Stadt zu schleichen, die Seinigen und was von ihrer Habe

allenfalls gerettet sein konnte, wiederzufinden und sich dessen zu

erfreuen. Mehr aber trieb sie die höchst verzeihliche Wut, ihre

verhaßten Feinde, die Klubisten und Komitisten, zu strafen, zu

vernichten, wie sie mitunter bedrohlich genug ausriefen.

Indessen konnte sich mein guter Gore nicht zufrieden geben, daß

ich, mit eigener Gefahr, für einen unbekannten, vielleicht

verbrecherischen Menschen so viel gewagt habe. Ich wies ihn immer

scherzhaft auf den reinen Platz vor dem Hause und sagte zuletzt

ungeduldig: "Es liegt nun einmal in meiner Natur: ich will lieber

eine Ungerechtigkeit begehen, als Unordnung ertragen."

Den 26. und 27. Juli. Den 26. gelang es uns schon, mit einigen

Freunden zu Pferd in die Stadt einzudringen; dort fanden wir

den bejammernswertesten Zustand. In Schutt und Trümmer war

zusammengestürzt, was Jahrhunderten aufzubauen gelang, wo in der

schönsten Lage der Welt Reichtümer von Provinzen zusammenflossen und

Religion das, was ihre Diener besaßen, zu befestigen und zu vermehren

trachtete. Die Verwirrung, die den Geist ergriff, war höchst

schmerzlich, viel trauriger, als wäre man in eine durch Zufall

eingeäscherte Stadt geraten.

Bei aufgelöster polizeilicher Ordnung hatte sich zum traurigen

Schutt noch aller Unrat auf den Straßen gesammelt; Spuren der

Plünderung ließen sich bemerken in Gefolg innerer Feindschaft.

Hohe Mauern drohten den Einsturz, Türme standen unsicher, und was

bedarf es einzelner Beschreibungen, da man die Hauptgebäude

nacheinander genannt, wie sie in Flammen aufgingen. Aus alter

Vorliebe eilte ich zur Dechanei, die mir noch immer als ein kleines

architektonisches Paradies vorschwebte; zwar stand die Säulenvorhalle

mit ihrem Giebel noch aufrecht, aber ich trat nur zu bald über den

Schutt der eingestürzten schöngewölbten Decken; die Drahtgitter

lagen mir im Wege, die sonst netzweise von oben erleuchtende Fenster

schützten; hie und da war noch ein Rest alter Pracht und Zierlichkeit

zu sehen, und so lag denn auch diese Musterwohnung für immer

zerstört. Alle Gebäude des Platzes umher hatten dasselbige Schicksal;

es war die Nacht vom 27. Juni, wo der Untergang dieser Herrlichkeiten

die Gegend erleuchtete.

Hierauf gelangt' ich in die Gegend des Schlosses, dem sich niemand

zu nähern wagte. Außen angebrachte bretterne Angebäude deuteten auf

die Verunreinigung jener fürstlichen Wohnung; auf dem Platze davor

standen, gedrängt ineinander geschoben, unbrauchbare Kanonen, teils

durch den Feind, teils durch eigene hitzige Anstrengung zerstört.

Wie nun von außen her durch feindliche Gewalt so manches herrliche

Gebäude mit seinem Inhalt vernichtet worden, so war auch innerlich

vieles durch Roheit, Frevel und Mutwillen zugrunde gerichtet.

Der Palast Ostheim stand noch in seiner Integrität, allein

zur Schneiderherberge, zu Einquartierungs- und Wachstuben

verwandelt -- eine Umkehrung, verwünscht anzusehen! Säle voll Lappen

und Fetzen, dann wieder die gips-marmornen Wände mit Haken und großen

Nägeln zerspengt, Gewehre dort aufgehangen und umher gestellt.

Das Akademiegebäude nahm sich von außen noch ganz freundlich aus,

nur eine Kugel hatte im zweiten Stock ein Fenstergewände von

Sömmerrings Quartier zersprengt. Ich fand diesen Freund wieder

daselbst, ich darf nicht sagen eingezogen, denn die schönen Zimmer

waren durch die wilden Gäste aufs schlimmste behandelt. Sie hatten

sich nicht begnügt, die blauen reinlichen Papiertapeten, so weit sie

reichen konnten, zu verderben; Leitern, oder übereinander gestellte

Tische und Stühle mußten sie gebraucht haben, um die Zimmer bis an

die Decke mit Speck oder sonstigen Fettigkeiten zu besudeln. Es

waren dieselbigen Zimmer, wo wir vorm Jahr so heiter und traulich

zu wechselseitigem Scherz und Belehrung freundschaftlich beisammen

gesessen. Indes war bei diesem Unheil doch auch noch etwas

Tröstliches zu zeigen; Sömmerring hatte seinen Keller uneröffnet und

seine dahin geflüchteten Präparate durchaus unbeschädigt gefunden.

Wir machten ihnen einen Besuch, wogegen sie uns zu belehrendem

Gespräch Anlaß gaben.

Eine Proklamation des neuen Gouverneurs hatte man ausgegeben. Ich

fand sie in eben dem Sinne, ja fast mit den gleichen Worten meiner

Anmahnung an jenen ausgewanderten Perückenmacher; alle Selbsthülfe

war verboten; dem zurückkehrenden Landesherrn allein sollte das

Recht zustehen, zwischen guten und schlechten Bürgern den Unterschied

zu bezeichnen. Sehr notwendig war ein solcher Erlaß, denn bei der

augenblicklichen Auflösung, die der Stillstand vor einigen Tagen

verursachte, drangen die kühnsten Ausgewanderten in die Stadt und

veranlaßten selbst die Plünderung der Klubistenhäuser, indem sie die

hereinziehenden Belagerungssoldaten anführten und aufregten. Jene

Verordnung war mit den mildesten Ausdrücken gefaßt, um, wie billig,

den gerechten Zorn der grenzenlos beleidigten Menschen zu schonen.

Wie schwer ist es, eine bewegte Menge wieder zur Ruhe zu bringen!

Auch noch in unserer Gegenwart geschahen solche Unregelmäßigkeiten.

Der Soldat ging in einen Laden, verlangte Tabak, und indem man ihn

abwog, bemächtigte er sich des Ganzen. Auf das Zetergeschrei der

Bürger legten sich unsere Offiziere ins Mittel, und so kam man über

eine Stunde, über einen Tag der Unordnung und Verwirrung hinweg.

Auf unseren Wanderungen fanden wir eine alte Frau an der Türe eines

niedrigen, fast in die Erde gegrabenen Häuschens. Wir verwunderten

uns, daß sie schon wieder zurückgekehrt, worauf wir vernahmen, daß

sie gar nicht ausgewandert, ob man ihr gleich zugemutet, die Stadt zu

verlassen. "Auch zu mir", sagte sie, "sind die Hanswürste gekommen

mit ihren bunten Schärpen, haben mir befohlen und gedroht; ich habe

ihnen aber tüchtig die Wahrheit gesagt: Gott wird mich arme Frau in

dieser meiner Hütte lebendig und in Ehren erhalten, wenn ich euch

schon längst in Schimpf und Schande sehen werde. Ich hieß sie mit

ihren Narreteien weiter gehen. Sie fürchteten, mein Geschrei möchte

die Nachbarn aufregen, und ließen mich in Ruhe. Und so hab' ich die

ganze Zeit teils im Keller, teils im Freien zugebracht, mich von

wenigem genährt, und lebe noch Gott zu Ehren; jenen aber wird es

schlecht ergehen."

Nun deutete sie uns auf ein Eckhaus gegenüber, um zu zeigen, wie nahe

die Gefahr gewesen. Wir konnten in das untere Eckzimmer eines

ansehnlichen Gebäude hineinschauen, das war ein wunderlicher Anblick!

Hier hatte seit langen Jahren eine alte Sammlung von Kuriositäten

gestanden, Figuren von Porzellain und Bildstein, chinesische Tassen,

Teller, Schüsseln und Gefäße; an Elfenbein und Bernstein mocht'

es auch nicht gefehlt haben, so wie an anderem Schnitz- und

Drechselwerk, aus Moos, Stroh und sonst zusammengesetzten Gemälden

und was man sich in einer solchen Sammlung denken mag. Das alles war

nur aus den Trümmern zu schließen: denn eine Bombe, durch alle

Stockwerke durchschlagend, war in diesem Raume geplatzt; die

gewaltsame Luftausdehnung, indem sie inwendig alles von der Stelle

warf, schlug die Fenster herauswärts, mit ihnen die Drahtgitter,

die sonst das Innere schirmten und nun zwischen den eisernen

Stangengittern bauchartig herausgebogen erschienen. Die gute Frau

versicherte, daß sie bei dieser Explosion selbst mit unterzugehen

geglaubt habe.

Wir fanden unser Mittagsmahl an einer großen Wirtstafel; bei vielen

Hin- und Widerreden schien uns das beste, zu schweigen. Wundersam

genug fiel es aber auf, daß man von den gegenwärtigen Musikanten den

Marseiller Marsch und das _Ça ira_ verlangte; alle Gäste schienen

einzustimmen und erheitert.

Bei unserm folgenden Hin- und Herwandern wußten wir den Platz, wo die

Favorite gestanden, kaum zu unterscheiden. Im August vorigen Jahrs

erhub sich hier noch ein prächtiger Gartensaal; Terrassen, Orangerie,

Springwerke machten diesen unmittelbar am Rhein liegenden Lustort

höchst vergnüglich. Hier grünten die Alleen, in welchen, wo der

Gärtner mir erzählte, sein gnädigster Kurfürst die höchsten Häupter

mit allem Gefolge an unübersehbaren Tafeln bewirtet; und was der gute

Mann nicht alles von damastnen Gedecken, Silberzeug und Geschirr zu

erzählen hatte. Geknüpft an jene Erinnerung, machte die Gegenwart nur

noch einen unerträglichern Eindruck.

Die benachbarte Kartause war ebenfalls wie verschwunden, denn man

hatte die Steine dieser Gebäude sogleich zur bedeutenden Weißenauer

Schanze vermauert. Das Nonnenklösterchen stand noch in frischen, kaum

wieder herzustellenden Ruinen.

Die Freunde Gore und Krause begleitete ich auf die Zitadelle. Da

stand nun Drusus' Denkmal ohngefähr noch ebenso, wie ich es als

Knabe gezeichnet hatte, auch diesmal unerschüttert, so viel

Feuerkugeln daran mochten vorbeigeflogen sein, ja daraufgeschlagen

haben.

Herr Gore stellte seine tragbare dunkle Kammer auf dem Walle

sogleich zurechte, in Absicht, eine Zeichnung der ganzen durch die

Belagerung entstellten Stadt zu unternehmen, die auch von der Mitte,

vom Dom aus, gewissenhaft und genau zustande kam, gegen die Seiten

weniger vollendet, wie sie uns in seinen hinterlassenen, schön

geordneten Blättern noch vor Augen liegt.

Endlich wendeten sich auch unsere Wege nach Kastel; auf der

Rheinbrücke holte man noch frischen Atem wie vor alters und betrog

sich einen Augenblick, als wenn jene Zeit wiederkommen könnte.

An der Befestigung von Kastel hatte man während der Belagerung

immerfort gemauert; wir fanden einen Trog frischen Kalks, Backsteine

daneben und eine unfertige Stelle; man hatte nach ausgesprochenem

Stillstand und Übergabe alles stehn und liegen lassen.

So merkwürdig aber als traurig anzusehen war der Verhau rings um die

Kasteler Schanzen; man hatte dazu die Fülle der Obstbäume der

dortigen Gegend verbraucht. Bei der Wurzel abgesägt, die äußersten

zarten Zweige weggestutzt, schob man nun die stärkeren, regelmäßig

gewachsenen Kronen ineinander und errichtete dadurch ein

undurchdringliches letztes Bollwerk, es schienen zu gleicher Zeit

gepflanzte Bäume, unter gleich günstigen Umständen erwachsen, nunmehr

zu feindseligen Zwecken benutzt, dem Untergang überlassen.

Lange aber konnte man sich einem solchen Bedauern nicht hingeben,

denn Wirt und Wirtin und jeder Einwohner, den man ansprach, schienen

ihren eigenen Jammer zu vergessen, um sich in weitläufigere

Erzählungen des grenzenlosen Elends herauszulassen, in welchem die

zur Auswanderung genötigten Mainzer Bürger zwischen zwei Feinde, den

innern und äußern, sich geklemmt sahen. Denn nicht der Krieg allein,

sondern der durch Unsinn aufgelöste bürgerliche Zustand hatte ein

solches Unglück bereitet und herbeigeführt.

Einigermaßen erholte sich unser Geist von alle dem Trübsal und

Jammer, bei Erzählung mancher heroischen Tat der tüchtigen

Stadtbürger. Erst sah man mit Schrecken das Bombardement als ein

unvermeidliches Elend an, die zerstörende Gewalt der Feuerkugeln war

zu groß, das anrückende Unglück so entschieden, daß niemand glaubte,

entgegenwirken zu können; endlich aber, bekannter mit der Gefahr,

entschloß man sich, ihr zu begegnen. Eine Bombe, die in ein Haus

fiel, mit bereitem Wasser zu löschen, gab Gelegenheit zu kühnem

Scherz; man erzählte Wunder von weiblichen Heldinnen dieser Art,

welche sich und andre glücklich gerettet. Aber auch der Untergang von

tüchtigen wackern Menschen war zu bedauern. Ein Apotheker und sein

Sohn gingen über dieser Operation zugrunde.

Wenn man nun, das Unglück bedauernd, sich und andern Glück wünschte,

das Ende der Leiden zu sehen, so verwunderte man sich zugleich, daß

die Festung nicht länger gehalten worden. In dem Schiffe des Doms,

dessen Gewölbe sich erhalten hatten, lag eine große Masse

unangetasteter Mehlsäcke, man sprach von andern Vorräten und von

unerschöpflichem Weine. Man hegte daher die Vermutung, daß die letzte

Revolution in Paris, wodurch die Partei, wozu die Mainzer

Kommissarien gehörten, sich zum Regiment aufgeschwungen, eigentlich

die frühere Übergabe der Festung veranlaßt. Merlin von Thionville,

Reubel und andere wünschten gegenwärtig zu sein, wo, nach überwundnen

Gegnern, nichts mehr zu scheuen und unendlich zu gewinnen war. Erst

mußte man sich inwendig festsetzen, an dieser Veränderung teilnehmen,

sich zu bedeutenden Stellen erheben, großes Vermögen ergreifen,

alsdann aber bei fortgesetzter äußerer Fehde auch da wieder mitwirken

und, bei wahrscheinlich ferner zu hoffendem Kriegsglück, abermals

ausziehen, die regen Volksgesinnungen über andere Länder

auszubreiten, den Besitz von Mainz, ja von weit mehr wieder zu

erringen trachten.

Belagerung von Mainz · 第 2 / 3 段