Jagdausflug. -- Die allerjüngste Dichterschule. -- Rittergut
Groß-Wackernitz. -- Pferdeloos und Menschenschicksal. -- Ein
feines Souper mit Zubehör.
_6. Februar._ Die Schreckensbilder des gestrigen Tages hatten mir die
Nachtruhe geraubt, sie trieben mich am nächsten Vormittag in's Freie;
der frische Wintermorgen, hoffte ich, werde sie verscheuchen. Ich war
etwa eine halbe Stunde ziellos durch die Straßen gestrichen, als ich
plötzlich von einem Officier angeredet wurde.
»Morgen, alter Knabe, wie geht's Dir denn?!«
Verwundert sah ich auf. Die Stimme kam mir bekannt vor. Richtig, er
war's, mein Schulkamerad und Studiengenosse M. -- und erfreut über die
Begegnung schüttelte ich seine dargebotene Rechte.
»Nimm mir's nicht übel, Du siehst ziemlich schlecht aus,« begann M.,
indem er sich bei mir einhängte, »das Berliner Klima scheint Dir
schlecht zu bekommen«.
Ich gab eine ausweichende Antwort; es wäre mir nicht möglich gewesen,
meine Erlebnisse jetzt zum Besten zu geben.
»Du mußt Dich zerstreuen!« erwiderte mir M., »damit Du die Melancholie
los wirst; weißt Du was, komm mit mir; wir sind fünf oder sechs gute
Bekannte für morgen zu einer Jagd da in der Nähe eingeladen. Heute
Nachmittag fahren wir mit der Anhalter Bahn hinaus, Abends giebt's ein
feines Souper mit Zubehör« -- M. lachte sonderbar, als er das sagte --
»und morgen in der Früh' geht's auf die Hasen. Komm mit, es wird lustig,
das kann ich Dir sagen!«
Der Vorschlag kam mir nicht ungelegen; ich fühlte wirklich, daß ich
etwas thun müsse, um die Gespenster los zu werden, die mir bei Tag und
Nacht keine Ruhe mehr ließen. Ich nahm also mit Dank die Einladung an
und fand mich pünktlich zur angegebenen Stunde am Bahnhofe ein, wo ich
M. bereits in Gesellschaft einiger Herren traf: junge Banquierssöhne,
Großgrundbesitzer und Gardeofficiere, wie ich aus der üblichen
Vorstellung entnehmen konnte.
Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß die Unterhaltung während
der Fahrt besonders geistreich gewesen wäre; das Gesprächsthema bildete
hauptsächlich ein neues Stück, welches das Repertoire eines der größten
Theater der Residenz zur Zeit beherrschte. Soviel ich aus den
Bemerkungen darüber entnehmen konnte, spielte es größtentheils in einem
Bordell und die Vorstellung war Abend für Abend ausverkauft.
Sein Glanzpunkt war die sog. Nothzuchtsscene im dritten Act, in welcher
die Heldin des Stückes, ein junges, noch unschuldiges Geschöpf, von
einem Stammgast des besagten Etablissements auf offener Bühne in
Gegenwart ihrer Mutter entehrt wird. Diese Scene wurde jedesmal wüthend
beklatscht. Meine neuen Bekannten fanden es unverzeihlich, daß ich schon
fast acht Tage in Berlin war, ohne dieses glanzvolle Product der
allerjüngsten deutschen Dichterschule gesehen zu haben.
Nach etwa einstündiger Fahrt stiegen wir an einer kleinen Station aus
und fanden dort mehrere mit prächtigen Pelzen und Decken versehene
Schlitten unser harren, deren feurige Gespanne uns mit Windeseile über
die weite schneebedeckte Ebene unserem Ziele, dem Rittergute
Groß-Wackernitz, entgegen führte. Das palastähnliche, im reichsten
Barokstyl erbaute Herrenhaus öffnete uns bald seine Pforten, und aufs
freundlichste bewillkommnet vom Gutsbesitzer, einer stattlichen
eleganten Erscheinung begab sich zunächst jeder von uns in das ihm zur
Verfügung gestellte Fremdenzimmer, um den Staub der kurzen Reise von
seinen Füßen zu schütteln. War die Einrichtung dieser Räume schon das
Raffinirteste an Luxus und Bequemlichkeit, was mir bis dahin vor Augen
gekommen, so wurde dies alles noch übertroffen von dem Speisesalon, in
dem wir uns bald darauf zu einem Imbiß zusammenfanden. Das Tageslicht
hatte in diesen Raum keinen Eintritt. Die Wände ringsum waren nicht mit
Tapeten, sondern mit kunstvoll drapirten Vorhängen verkleidet, die aus
einem sonderbaren Stoff bestanden; unendlich weich und üppig, wie das
Federgewand tropischer Vögel, oder das Pelzkleid unbekannter
Polarthiere, ließ dieser Stoff das Haupt, welches sich gegen seine
Falten lehnte, tief in seiner weichlichen Hülle versinken. Das Ganze war
derart arrangirt, daß längs der Zimmerwände eine Anzahl lauschiger
Nischen und versteckter Winkel gebildet wurde, in denen man ungesehen
auf üppigen Lagerstätten aus dem gleichen Stoffe sich ausstrecken
konnte. Das Ganze schwamm in einem Meere bläulich weißen electrischen
Lichtes. Als ich neugierig eine der halb zurückgezogenen Gardinen
lüftete, sagte M., der just neben mir stand, schmunzelnd:
»Jetzt ist noch nichts darin, lieber Freund, aber später, später --« er
schnalzte mit den Lippen und lachte laut auf, als er meinen fragenden
Blicken begegnete. Der Aufenthalt in dem wollüstigen, mit
eigenthümlichem Parfüm erfüllten Gemache behagte mir nicht sonderlich.
Ich nahm ein Glas des schweren, von tadellos befrackten Dienern
credenzten Weines, einige Bissen des in großen Cristallschalen vor uns
stehenden Gebäcks und trachtete, Kopfweh vorschützend, ins Freie zu
gelangen. Fast gierig sog ich, über die Stufen der Freitreppe
hinabsteigend, die belebende Luft des Wintertages ein. Leichte Schatten
der Dämmerung begannen sich schon über die schneebedeckten Bäume des
herrschaftlichen Parkes zu legen. Ziellos schritt ich dahin und gelangte
nach einigen Minuten vor ein großes, abseits stehendes Gebäude, dem eine
von korinthischen Säulen eingefaßte Vorhalle fast den Charakter eines
Tempels verlieh.
Neugierig trat ich durch die weitgeöffnete Pforte und sah mich zu meinem
Erstaunen im Innern eines -- Pferdestalles. Das trübe Licht des
Winternachmittags fiel von oben durch große, matt geschliffene
Glasscheiben ein, aber einige Augenblicke nach meinem Eintritte
schlossen sich plötzlich diese Oeffnungen durch Jalousien, welche
geräuschlos, von unsichtbaren Kräften bewegt, sich darüber hinschoben
und statt des fahlen Dämmerlichtes flammten hundert Glühlichter an Decke
und Wänden auf. An fünfzig edle Thiere, lauter Exemplare reinster
Rassen, erblickte ich in den, aus Marmor und dunkelgebeiztem Eichenholz
zusammengefügten Ständen, die, jeder ein Meisterwerk der
Kleinarchitektur, sich zu beiden Seiten des breiten, mit bunten
Mosaikplatten belegten Ganges hinzogen. Kein Stäubchen Unrath beleidigte
das Auge bei der Wanderung durch diesen, von behaglicher Wärme erfüllten
Pferdepalast und eine vorzüglich functionirende Ventilation sorgte für
Entfernung des sonst so penetranten Stallgeruches.
Ein Heer von Bediensteten war unausgesetzt um die schlanken, prachtvoll
gebauten Thiere beschäftigt; hier ergoß sich, auf den Druck an einem
electrischen Taster, eine Fülle goldgelben Hafers in die Marmorkrippen,
dort bemühten sich zahlreiche Hände um die Reinhaltung der Stände und
Gänge, und an anderen Orten frottirten Diener mit in Rothwein getauchten
Tüchern Schenkel und Hufe ihrer edlen Pfleglinge.
Nachdem ich mir Alles genugsam betrachtet hatte, setzte ich meinen
Spaziergang durch den Park fort und gelangte mit zunehmender Dämmerung,
aus einem Gitterthor tretend, auf einen breiten, tief ausgefahrenen
Feldweg, an dessen Saume rechts und links sich eine Anzahl niederer
Gebäude erhob, die weit eher, als das soeben geschilderte, auf den Namen
eines Stalles Anspruch machen durften.
Unter den fast bis zur Erde reichenden Strohdächern waren hie und da
kleine Fenster, kaum größer als ein Quadratschuh, angebracht. Aus einem
derselben leuchtete ein matter Lichtschein und mir war, als ob ein
leises Wimmern an mein Ohr dränge. Ich trat näher heran und bemühte
mich, durch das Fenster das Innere zu erspähen. Es war aber vergeblich,
die winzigen Scheiben waren mit einer dicken Eiskruste überzogen, welche
jeden Einblick verwehrte. So entschloß ich mich denn, den abgerissenen
kläglichen Lauten, welche sich jetzt deutlich vernehmen ließen,
nachzugehen und gelangte, wenige Stufen abwärts schreitend, durch eine
niedrige Thür in einen finsteren Vorflur, in welchem ein feuchter,
modriger Duft mir entgegenquoll. Aus einer Ritze schimmerte Licht und im
nächsten Augenblicke stand ich in dem Gemache, aus dem sich jene
stöhnenden Laute hatten vernehmen lassen. Es war von einer eisigkalten
übelriechenden Luft erfüllt. Die ganze Einrichtung bestand in einem
Haufen Stroh und Lumpen, der in einem Winkel des von Schmutz starrenden
Estrichs lag. Auf diesem Lager krümmte sich in Fieberschauern eine
menschliche Gestalt, ein alter Mann mit wirrem Haar und Bart. Vor ihm,
beim Scheine einer Stalllaterne, kniete ein vielleicht siebenjähriges
Mädchen, nur mit einem zerlumpten Hemd und kurzem Röckchen bekleidet,
zitternd vor Frost, mit blauen, aufgedunsenen Lippen und Wangen. Das
Kind fuhr bei meinem Eintritt empor und streckte mir flehend die
furchtbar abgemagerten Aermchen entgegen: »Großvater stirbt!« schluchzte
sie, »oh, wie ich mich fürchte!«
»Bist Du denn ganz allein?« frug ich. »Ist denn gar Niemand in der Nähe,
der helfen könnte?« Sie schüttelte den Kopf.
»Sie sind alle bei der Arbeit, weit fort von hier, stundenweit. Sie
kommen erst spät in der Nacht heim, und in aller Frühe gehen sie
wieder!«
»Und Du bleibst allein bei dem Kranken?«
»Ganz allein.«
Sie sagte das mit einer solchen Trostlosigkeit in Ton und Geberde, daß
es mir tief ins Herz schnitt.
»Habt ihr keinen Arzt?« frug ich weiter.
»Arzt? Nein, _der_ kommt nicht zu uns. Vor drei Tagen war der Thierarzt
hier, der drüben die kranke Stute behandelt, aber er ging gleich wieder
fort und sagte, da könne er nicht mehr helfen!«
Sie schauerte zusammen vor Frost.
»Es ist so kalt hier und mich hungert so!«
Sie wies mit dem Finger auf den Fußboden, da lagen in einer Ecke einige
geschälte, kalte Kartoffeln.
»Das lassen mir die Eltern hier, wenn sie in der Frühe zur Arbeit gehen,
aber der Herr giebt uns kein Holz, um Feuer zu machen, und so müssen
wir's kalt essen.«
»Sonst hast Du nichts für Dich und den Kranken?«
Sie blickte verwundert auf, dann schüttelte sie wieder den Kopf.
»Wir essen nie etwas anderes!«
Ich hatte genug gehört.
»Ich komme gleich wieder!« rief ich und eilte zur Thür hinaus. Im
Laufschritt durcheilte ich die Wegstrecke bis zum Herrenhaus, athemlos
kam ich dort an. Es gelang mir, einen Diener aufzufinden und ihn durch
ein gutes Trinkgeld meinem Wunsche geneigt zu machen.
Eine Viertelstunde später standen er und ich wieder vor der Hütte,
beladen mit Holz, warmen Decken, Kleidern und Nahrungsmitteln aller Art.
Bald verbreitete ein lustig flackerndes Feuer behagliche Wärme in dem
öden Gemach, eine Schüssel dampfender Suppe stand bereit und -- aber was
soll ich noch weiter sagen? So gut als es möglich war, wurde für den
Augenblick geholfen, aber das frohe Gefühl, das aus diesem Grunde mich
erfüllte, wich einer unaussprechlichen Bitterkeit, als ich auf dem
Rückwege zum Schlosse an dem -- Pferdestalle vorbeikam, aus dessen
geöffneten Thüren ein Strom elektrischen Lichtes hervorquoll.
Bis in's tiefste Herz erfüllt von dem Eindrucke des soeben Erlebten,
beachtete ich es wenig, als mir bei meiner Rückkehr ein Diener meldete,
daß ich bereits den größten Theil des Soupers versäumt habe. Am liebsten
würde ich mein Mahl jetzt allein verzehrt haben, aber das ging doch
nicht an, und so begab ich mich zunächst auf mein Zimmer, um ein wenig
Toilette zu machen. Kaum war ich dort eingetreten, als ein Läutewerk an
dem in einer Ecke angebrachten Fernsprechapparat mir zu verstehen gab,
daß mich Jemand zu sprechen wünsche. Ich trat an's Telephon. Es war
Elly's Vater, dessen Stimme mich von Berlin aus anrief: »Komm so schnell
als möglich zurück; ich habe sehr Wichtiges mit Dir zu besprechen.
Schluß!« Das war Alles. Ich wollte fragen, was das zu bedeuten habe,
aber ich erhielt keine Antwort mehr. Eine heftige Unruhe begann sich
meiner zu bemächtigen. Was konnte geschehen sein. War vielleicht Elly
erkrankt oder verunglückt?
Ich schellte dem Diener.
»Wann kommt der nächste Zug nach Berlin in die Station?«
»In einer guten Stunde, gnädiger Herr.«
»Dann bitte ich, mir sogleich einen Schlitten einspannen zu lassen. Ich
muß unverzüglich abreisen!«
»Aber das Souper, gnädiger Herr!«
»Ich werde in Berlin soupiren. Nur geschwind, bitte ich, damit ich den
Zug nicht versäume.«
Der Diener verbeugte sich schweigend und verschwand.
In einigen Minuten war ich zur Abreise gerüstet und begab mich in den
Speisesalon, um mich von der Gesellschaft zu verabschieden.
Als ich die Thüre öffnete, bot sich mir ein Anblick dar, der mir das
Blut in die Schläfen jagte.
Das Souper war beendet. Auf Sesseln und Divans dehnten sich, halb
berauscht, die Theilnehmer an diesem Mahle, jeder ein Weib umschlungen
haltend, von denen Einzelne noch mit einem kurzen Hemdchen bekleidet,
Andere aber vollständig nackt waren.
Ekel und Empörung kämpften in mir angesichts der schamlosen Scenen,
deren Augenzeuge ich sein mußte. Die Nischen an den Wänden des Gemaches
erfüllten jetzt ihren Zweck.