9. Capitel.

Jagdausflug. -- Die allerjüngste Dichterschule. -- Rittergut

Groß-Wackernitz. -- Pferdeloos und Menschenschicksal. -- Ein

feines Souper mit Zubehör.

_6. Februar._ Die Schreckensbilder des gestrigen Tages hatten mir die

Nachtruhe geraubt, sie trieben mich am nächsten Vormittag in's Freie;

der frische Wintermorgen, hoffte ich, werde sie verscheuchen. Ich war

etwa eine halbe Stunde ziellos durch die Straßen gestrichen, als ich

plötzlich von einem Officier angeredet wurde.

»Morgen, alter Knabe, wie geht's Dir denn?!«

Verwundert sah ich auf. Die Stimme kam mir bekannt vor. Richtig, er

war's, mein Schulkamerad und Studiengenosse M. -- und erfreut über die

Begegnung schüttelte ich seine dargebotene Rechte.

»Nimm mir's nicht übel, Du siehst ziemlich schlecht aus,« begann M.,

indem er sich bei mir einhängte, »das Berliner Klima scheint Dir

schlecht zu bekommen«.

Ich gab eine ausweichende Antwort; es wäre mir nicht möglich gewesen,

meine Erlebnisse jetzt zum Besten zu geben.

»Du mußt Dich zerstreuen!« erwiderte mir M., »damit Du die Melancholie

los wirst; weißt Du was, komm mit mir; wir sind fünf oder sechs gute

Bekannte für morgen zu einer Jagd da in der Nähe eingeladen. Heute

Nachmittag fahren wir mit der Anhalter Bahn hinaus, Abends giebt's ein

feines Souper mit Zubehör« -- M. lachte sonderbar, als er das sagte --

»und morgen in der Früh' geht's auf die Hasen. Komm mit, es wird lustig,

das kann ich Dir sagen!«

Der Vorschlag kam mir nicht ungelegen; ich fühlte wirklich, daß ich

etwas thun müsse, um die Gespenster los zu werden, die mir bei Tag und

Nacht keine Ruhe mehr ließen. Ich nahm also mit Dank die Einladung an

und fand mich pünktlich zur angegebenen Stunde am Bahnhofe ein, wo ich

M. bereits in Gesellschaft einiger Herren traf: junge Banquierssöhne,

Großgrundbesitzer und Gardeofficiere, wie ich aus der üblichen

Vorstellung entnehmen konnte.

Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß die Unterhaltung während

der Fahrt besonders geistreich gewesen wäre; das Gesprächsthema bildete

hauptsächlich ein neues Stück, welches das Repertoire eines der größten

Theater der Residenz zur Zeit beherrschte. Soviel ich aus den

Bemerkungen darüber entnehmen konnte, spielte es größtentheils in einem

Bordell und die Vorstellung war Abend für Abend ausverkauft.

Sein Glanzpunkt war die sog. Nothzuchtsscene im dritten Act, in welcher

die Heldin des Stückes, ein junges, noch unschuldiges Geschöpf, von

einem Stammgast des besagten Etablissements auf offener Bühne in

Gegenwart ihrer Mutter entehrt wird. Diese Scene wurde jedesmal wüthend

beklatscht. Meine neuen Bekannten fanden es unverzeihlich, daß ich schon

fast acht Tage in Berlin war, ohne dieses glanzvolle Product der

allerjüngsten deutschen Dichterschule gesehen zu haben.

Nach etwa einstündiger Fahrt stiegen wir an einer kleinen Station aus

und fanden dort mehrere mit prächtigen Pelzen und Decken versehene

Schlitten unser harren, deren feurige Gespanne uns mit Windeseile über

die weite schneebedeckte Ebene unserem Ziele, dem Rittergute

Groß-Wackernitz, entgegen führte. Das palastähnliche, im reichsten

Barokstyl erbaute Herrenhaus öffnete uns bald seine Pforten, und aufs

freundlichste bewillkommnet vom Gutsbesitzer, einer stattlichen

eleganten Erscheinung begab sich zunächst jeder von uns in das ihm zur

Verfügung gestellte Fremdenzimmer, um den Staub der kurzen Reise von

seinen Füßen zu schütteln. War die Einrichtung dieser Räume schon das

Raffinirteste an Luxus und Bequemlichkeit, was mir bis dahin vor Augen

gekommen, so wurde dies alles noch übertroffen von dem Speisesalon, in

dem wir uns bald darauf zu einem Imbiß zusammenfanden. Das Tageslicht

hatte in diesen Raum keinen Eintritt. Die Wände ringsum waren nicht mit

Tapeten, sondern mit kunstvoll drapirten Vorhängen verkleidet, die aus

einem sonderbaren Stoff bestanden; unendlich weich und üppig, wie das

Federgewand tropischer Vögel, oder das Pelzkleid unbekannter

Polarthiere, ließ dieser Stoff das Haupt, welches sich gegen seine

Falten lehnte, tief in seiner weichlichen Hülle versinken. Das Ganze war

derart arrangirt, daß längs der Zimmerwände eine Anzahl lauschiger

Nischen und versteckter Winkel gebildet wurde, in denen man ungesehen

auf üppigen Lagerstätten aus dem gleichen Stoffe sich ausstrecken

konnte. Das Ganze schwamm in einem Meere bläulich weißen electrischen

Lichtes. Als ich neugierig eine der halb zurückgezogenen Gardinen

lüftete, sagte M., der just neben mir stand, schmunzelnd:

»Jetzt ist noch nichts darin, lieber Freund, aber später, später --« er

schnalzte mit den Lippen und lachte laut auf, als er meinen fragenden

Blicken begegnete. Der Aufenthalt in dem wollüstigen, mit

eigenthümlichem Parfüm erfüllten Gemache behagte mir nicht sonderlich.

Ich nahm ein Glas des schweren, von tadellos befrackten Dienern

credenzten Weines, einige Bissen des in großen Cristallschalen vor uns

stehenden Gebäcks und trachtete, Kopfweh vorschützend, ins Freie zu

gelangen. Fast gierig sog ich, über die Stufen der Freitreppe

hinabsteigend, die belebende Luft des Wintertages ein. Leichte Schatten

der Dämmerung begannen sich schon über die schneebedeckten Bäume des

herrschaftlichen Parkes zu legen. Ziellos schritt ich dahin und gelangte

nach einigen Minuten vor ein großes, abseits stehendes Gebäude, dem eine

von korinthischen Säulen eingefaßte Vorhalle fast den Charakter eines

Tempels verlieh.

Neugierig trat ich durch die weitgeöffnete Pforte und sah mich zu meinem

Erstaunen im Innern eines -- Pferdestalles. Das trübe Licht des

Winternachmittags fiel von oben durch große, matt geschliffene

Glasscheiben ein, aber einige Augenblicke nach meinem Eintritte

schlossen sich plötzlich diese Oeffnungen durch Jalousien, welche

geräuschlos, von unsichtbaren Kräften bewegt, sich darüber hinschoben

und statt des fahlen Dämmerlichtes flammten hundert Glühlichter an Decke

und Wänden auf. An fünfzig edle Thiere, lauter Exemplare reinster

Rassen, erblickte ich in den, aus Marmor und dunkelgebeiztem Eichenholz

zusammengefügten Ständen, die, jeder ein Meisterwerk der

Kleinarchitektur, sich zu beiden Seiten des breiten, mit bunten

Mosaikplatten belegten Ganges hinzogen. Kein Stäubchen Unrath beleidigte

das Auge bei der Wanderung durch diesen, von behaglicher Wärme erfüllten

Pferdepalast und eine vorzüglich functionirende Ventilation sorgte für

Entfernung des sonst so penetranten Stallgeruches.

Ein Heer von Bediensteten war unausgesetzt um die schlanken, prachtvoll

gebauten Thiere beschäftigt; hier ergoß sich, auf den Druck an einem

electrischen Taster, eine Fülle goldgelben Hafers in die Marmorkrippen,

dort bemühten sich zahlreiche Hände um die Reinhaltung der Stände und

Gänge, und an anderen Orten frottirten Diener mit in Rothwein getauchten

Tüchern Schenkel und Hufe ihrer edlen Pfleglinge.

Nachdem ich mir Alles genugsam betrachtet hatte, setzte ich meinen

Spaziergang durch den Park fort und gelangte mit zunehmender Dämmerung,

aus einem Gitterthor tretend, auf einen breiten, tief ausgefahrenen

Feldweg, an dessen Saume rechts und links sich eine Anzahl niederer

Gebäude erhob, die weit eher, als das soeben geschilderte, auf den Namen

eines Stalles Anspruch machen durften.

Unter den fast bis zur Erde reichenden Strohdächern waren hie und da

kleine Fenster, kaum größer als ein Quadratschuh, angebracht. Aus einem

derselben leuchtete ein matter Lichtschein und mir war, als ob ein

leises Wimmern an mein Ohr dränge. Ich trat näher heran und bemühte

mich, durch das Fenster das Innere zu erspähen. Es war aber vergeblich,

die winzigen Scheiben waren mit einer dicken Eiskruste überzogen, welche

jeden Einblick verwehrte. So entschloß ich mich denn, den abgerissenen

kläglichen Lauten, welche sich jetzt deutlich vernehmen ließen,

nachzugehen und gelangte, wenige Stufen abwärts schreitend, durch eine

niedrige Thür in einen finsteren Vorflur, in welchem ein feuchter,

modriger Duft mir entgegenquoll. Aus einer Ritze schimmerte Licht und im

nächsten Augenblicke stand ich in dem Gemache, aus dem sich jene

stöhnenden Laute hatten vernehmen lassen. Es war von einer eisigkalten

übelriechenden Luft erfüllt. Die ganze Einrichtung bestand in einem

Haufen Stroh und Lumpen, der in einem Winkel des von Schmutz starrenden

Estrichs lag. Auf diesem Lager krümmte sich in Fieberschauern eine

menschliche Gestalt, ein alter Mann mit wirrem Haar und Bart. Vor ihm,

beim Scheine einer Stalllaterne, kniete ein vielleicht siebenjähriges

Mädchen, nur mit einem zerlumpten Hemd und kurzem Röckchen bekleidet,

zitternd vor Frost, mit blauen, aufgedunsenen Lippen und Wangen. Das

Kind fuhr bei meinem Eintritt empor und streckte mir flehend die

furchtbar abgemagerten Aermchen entgegen: »Großvater stirbt!« schluchzte

sie, »oh, wie ich mich fürchte!«

»Bist Du denn ganz allein?« frug ich. »Ist denn gar Niemand in der Nähe,

der helfen könnte?« Sie schüttelte den Kopf.

»Sie sind alle bei der Arbeit, weit fort von hier, stundenweit. Sie

kommen erst spät in der Nacht heim, und in aller Frühe gehen sie

wieder!«

»Und Du bleibst allein bei dem Kranken?«

»Ganz allein.«

Sie sagte das mit einer solchen Trostlosigkeit in Ton und Geberde, daß

es mir tief ins Herz schnitt.

»Habt ihr keinen Arzt?« frug ich weiter.

»Arzt? Nein, _der_ kommt nicht zu uns. Vor drei Tagen war der Thierarzt

hier, der drüben die kranke Stute behandelt, aber er ging gleich wieder

fort und sagte, da könne er nicht mehr helfen!«

Sie schauerte zusammen vor Frost.

»Es ist so kalt hier und mich hungert so!«

Sie wies mit dem Finger auf den Fußboden, da lagen in einer Ecke einige

geschälte, kalte Kartoffeln.

»Das lassen mir die Eltern hier, wenn sie in der Frühe zur Arbeit gehen,

aber der Herr giebt uns kein Holz, um Feuer zu machen, und so müssen

wir's kalt essen.«

»Sonst hast Du nichts für Dich und den Kranken?«

Sie blickte verwundert auf, dann schüttelte sie wieder den Kopf.

»Wir essen nie etwas anderes!«

Ich hatte genug gehört.

»Ich komme gleich wieder!« rief ich und eilte zur Thür hinaus. Im

Laufschritt durcheilte ich die Wegstrecke bis zum Herrenhaus, athemlos

kam ich dort an. Es gelang mir, einen Diener aufzufinden und ihn durch

ein gutes Trinkgeld meinem Wunsche geneigt zu machen.

Eine Viertelstunde später standen er und ich wieder vor der Hütte,

beladen mit Holz, warmen Decken, Kleidern und Nahrungsmitteln aller Art.

Bald verbreitete ein lustig flackerndes Feuer behagliche Wärme in dem

öden Gemach, eine Schüssel dampfender Suppe stand bereit und -- aber was

soll ich noch weiter sagen? So gut als es möglich war, wurde für den

Augenblick geholfen, aber das frohe Gefühl, das aus diesem Grunde mich

erfüllte, wich einer unaussprechlichen Bitterkeit, als ich auf dem

Rückwege zum Schlosse an dem -- Pferdestalle vorbeikam, aus dessen

geöffneten Thüren ein Strom elektrischen Lichtes hervorquoll.

Bis in's tiefste Herz erfüllt von dem Eindrucke des soeben Erlebten,

beachtete ich es wenig, als mir bei meiner Rückkehr ein Diener meldete,

daß ich bereits den größten Theil des Soupers versäumt habe. Am liebsten

würde ich mein Mahl jetzt allein verzehrt haben, aber das ging doch

nicht an, und so begab ich mich zunächst auf mein Zimmer, um ein wenig

Toilette zu machen. Kaum war ich dort eingetreten, als ein Läutewerk an

dem in einer Ecke angebrachten Fernsprechapparat mir zu verstehen gab,

daß mich Jemand zu sprechen wünsche. Ich trat an's Telephon. Es war

Elly's Vater, dessen Stimme mich von Berlin aus anrief: »Komm so schnell

als möglich zurück; ich habe sehr Wichtiges mit Dir zu besprechen.

Schluß!« Das war Alles. Ich wollte fragen, was das zu bedeuten habe,

aber ich erhielt keine Antwort mehr. Eine heftige Unruhe begann sich

meiner zu bemächtigen. Was konnte geschehen sein. War vielleicht Elly

erkrankt oder verunglückt?

Ich schellte dem Diener.

»Wann kommt der nächste Zug nach Berlin in die Station?«

»In einer guten Stunde, gnädiger Herr.«

»Dann bitte ich, mir sogleich einen Schlitten einspannen zu lassen. Ich

muß unverzüglich abreisen!«

»Aber das Souper, gnädiger Herr!«

»Ich werde in Berlin soupiren. Nur geschwind, bitte ich, damit ich den

Zug nicht versäume.«

Der Diener verbeugte sich schweigend und verschwand.

In einigen Minuten war ich zur Abreise gerüstet und begab mich in den

Speisesalon, um mich von der Gesellschaft zu verabschieden.

Als ich die Thüre öffnete, bot sich mir ein Anblick dar, der mir das

Blut in die Schläfen jagte.

Das Souper war beendet. Auf Sesseln und Divans dehnten sich, halb

berauscht, die Theilnehmer an diesem Mahle, jeder ein Weib umschlungen

haltend, von denen Einzelne noch mit einem kurzen Hemdchen bekleidet,

Andere aber vollständig nackt waren.

Ekel und Empörung kämpften in mir angesichts der schamlosen Scenen,

deren Augenzeuge ich sein mußte. Die Nischen an den Wänden des Gemaches

erfüllten jetzt ihren Zweck.

Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa · 第 9 / 20 题