Leonhard Thurneyßer, genannt zum Thurn, war ein Goldschmiedsohn aus
Basel und 1530, im Jahr der Übergabe der Augsburger Konfession, geboren.
Er sollte wie sein Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei
Doktor Huber, dem er Kräuter sammeln und Arzneien zubereiten half und
aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Schon in seinem
siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater mit einer Witwe, die
ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch einen falschen Freund kam er in
Händel mit Juden und verließ die Heimat im achtzehnten Jahr seines
Alters. Er ging in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach
Frankreich, und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des
Markgrafen Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, in
der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyßer von Christoph von
Karlowitz gefangengenommen. Er verließ nun den Kriegsdienst und
verschaffte sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in Bergwerken und
Schmelzhütten, auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und
Steinzeichnen. Da seine Frau von ihm geschieden worden war, heiratete
er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus Konstanz und zog mit ihr
nach Imst in Tirol, wo er eine Schmelz- und Schwefelhütte anlegte und
Bergbau auf eigene Rechnung trieb. Zwei Jahre später nahm ihn der
Erzherzog Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schönen Philippine Welser,
in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach Schottland und den
orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal und in die Berberei, nach
Äthiopien, Ägypten, Syrien, Arabien und Palästina, wurde auf dem Berg
Sinai, im Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter der
heiligen Katharina und kehrte über Kandia, Griechenland und Italien nach
Tirol zurück.
Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als Botaniker und
besonders als Arzt, wurde er der berühmteste Wundermann seiner Zeit. Er
fing jetzt an, seine Schriften herauszugeben, zuerst das in deutschen
Reimen abgefaßte Buch »Archidoxa«, darin der »wahre Lauf, Wirkung und
Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper, auf alle Gewerbe und
Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien der Alchimie«
enthalten waren. Als Wunderdoktor lernte ihn der Kurfürst Joachim
Friedrich von Brandenburg im Jahre 1571 während der Huldigungsfeier zu
Frankfurt an der Oder kennen. Thurneyßer besorgte hier die Publikation
einer andern Schrift, die den Titel hatte: »Pison, von kalten, warmen,
mineralischen und metallischen Wässern samt Vergleichung der Pflanzen«,
und die dem Kurfürsten von Sachsen zugeeignet war. An einer Stelle heißt
es: »Große und starke Personen sind von kalter Natur, haben eine böse,
unreine Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist auch
Herr Christoph Sparre, der kurfürstliche Oberhofmeister in Berlin.«
Oder: »Diejenigen, die von Person lang, schmal, dürr und kleine runde
Köpfe haben, besitzen gar keine Geschicklichkeit und führen weibische
Reden wie weiland Kaiser Rudolf von Habsburg.« Er war auch Anatom, und
Kaiser Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu sezieren,
der zur Strafe die Adern geöffnet waren, daß sie sich totbluten solle.
[Illustration: Leonhard Thurneyßer, nach einem 1583 erschienenen
Holzschnitt.]
Das Vertrauen des Kurfürsten erwarb er sich gleich, denn er war ein Mann
von stattlichem Ansehen; die den Schweizern eigene Manier von
Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis und sein lebhaftes
Temperament nahmen für ihn ein. Er verstand es, die Schwächen großer
Herren und ihre Neigungen auszuforschen und sich gegen diejenigen klug
zu betragen, an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfürstin war krank,
Thurneyßer übernahm die Behandlung, und der Erfolg bewirkte, daß von
Stund an sein Glück bei den brandenburgischen Herrschaften gemacht war.
Sie nahmen ihn mit nach Berlin, der Kurfürst ließ auf seine Kosten
Thurneyßers Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen
hatte, aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen.
Thurneyßer hatte dem Kurfürsten Blätter aus dem »Pison« gezeigt, welche
die Flüsse in der Mark und deren unerkannte Reichtümer betrafen. So hieß
es unter anderm darin: »Das Wasser der Spree ist grünfarbig und lauter.
Es führet in seinem Schlich Gold und eine schöne Glasur. Das Gold hält
23 Karat 1/2 Gramm.« Daß die Spree Gold führe, war bisher unerhört,
blieb auch unerhört. Ebenso beschrieb Thurneyßer Orte in der Mark, wo
man Rubine, Smaragde und Saphire finden könne. Bisher hatte man sie
nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. Aber die
glänzenden Verheißungen lockten bei Hof nicht wenig, den Mann
festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. Alle Hofleute waren von
ihm entzückt, und sogar das kurfürstliche Hoffrauenzimmer breitete
seinen Ruhm im ganzen Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fräulein
und verheirateten Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn um
Schminke baten, oder um Schönheitsöl, oder um Waschwasser, nebst
Beschreibung des Gebrauchs. Sie schließen gemeiniglich mit dem Ersuchen,
es niemand wissen zu lassen, noch andern davon zu geben.
Thurneyßer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, die gute Meinung
zu nutzen, die man von ihm gefaßt hatte, um sich bedeutende Reichtümer
zu erwerben. Er wußte sich in seinen Glücksumständen bis an das Ende
seines Lebens zu erhalten, -- wo er dann freilich um Geld und Ehre kam.
Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und eine nicht zu ermüdende
Wißbegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus hatte er die Natur
unmittelbar aus ihren Werken studiert, und da er mit Aufmerksamkeit eine
Menge von Gegenständen in nahen und weitentlegenen Ländern betrachtet
hatte, war er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht
so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bücherlesen eingenommen; er
hatte mehrere medizinische und historische Werke studiert. Mit dem
Griechischen war er auf seinen Reisen bekannt geworden, auch mit einigen
orientalischen Sprachen, so daß er später eine Schriftgießerei in
ausländischen Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben
konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten Jahr bei
dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand sich auf die Kunst
des Zeichnens und konnte die für seine anatomischen Handleitungen und
sein Kräuterbuch beschäftigten Formschneider wohl anweisen. Er hatte
eine Karte der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals noch
nicht besaß. Seine Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und
Astrologie waren nicht unbedeutend, so daß er nicht nur die weit und
breit berühmten Kalender veröffentlichte und sich mit dem Stellen der
Nativität abgeben konnte, sondern er vermochte auch für die Jahre 1580
bis 1590 die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen.
Der Kurfürst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein stehendes
Gehalt betrug 1352 Taler, eine für jene Zeit ansehnliche Summe. Daneben
hatte er auf vier Pferde Futter, die Hofkleidung, die Hofdeputate und
bei Reisen Vorspann. Kurfürst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen
von Einkäufen, die er zu Leipzig, zu Nürnberg und zu Venedig durch seine
Schreiber und Bekanntschaften besorgen mußte. Der Kurfürst war ein
Liebhaber von Silbergerät; die Goldschmiede hatten so viel für den Hof
zu tun, daß Joachim Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen
ließ, und Thurneyßer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte die
Kurprinzessin Katharina von Küstrin ein außerordentliches Vertrauen in
Thurneyßer. Ihr Gemahl war Administrator von Magdeburg, sie selbst
residierte in Halle. Sie ließ ein Laboratorium bauen und ersuchte
Thurneyßer, zu ihr zu kommen. Der Kurfürst gab nur ungern seine
Einwilligung, weil er Thurneyßer stets um sich haben wollte. Katharina
brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren Geschäften; wenn sie
Geld nötig hatte, mußte er auf der Leipziger Messe in seinem Namen zwei,
drei und mehrere tausend Taler für sie aufnehmen. Sie ließ durch ihn
Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte ihm Leute
zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, in der Imitation von
Rubinen und Smaragden und im Wappen- und Steinschneiden unterrichten
sollte.
Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfürst eine geräumige
Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, dem grauen Kloster,
gegeben, damit er Platz zu einer weitläufigen Haushaltung haben möge. Er
richtete sich dort in großem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach
seinem silbernen Buch die Arkana präpariert, die geheimen Arzneien, die
ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, Goldtropfen, Amethystenwasser,
Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, Perlen- und Korallentinktur, auch
Bernsteinöl. Er hatte Mittel »wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht,
dasselbe zu erläutern und zu dealbieren.« Ein Lot #spiritus vini#
kostete vier Taler, ein Lot #Spiritus vini correcti# sogar sechs Taler,
ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gräfin Lynar schickte er einmal
einige Öle zum äußerlichen Gebrauch, die fünfunddreißig Taler kosteten,
und schrieb ihr dazu: »Ihre Gnaden würde zum besonderen Vergnügen
gereichen, diese kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen
dürften.« Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken müsse.
Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, seine
Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, aus Dienern,
Schreibern, Laboranten, Boten zum Verschicken und den Arbeitern in der
weitläufigen Druckerei, die mit deutschen, lateinischen, griechischen,
hebräischen, chaldäischen, syrischen, türkischen, persischen,
arabischen, sogar mit abessinischen Typen versehen war, in der seine
Schriften fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern
Gelehrten, zum Teil aus fernen Städten, jede mit der Aufschrift:
gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter und Bedienten waren
fast alle verheiratet und wohnten mit Frauen und Kindern bei Thurneyßer.
Der Aufwand zu ihrem Unterhalt war so groß, daß er monatlich einen
Ochsen schlachten ließ. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen und
seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht war, auch
täglich mit seidenen Strümpfen. Noch kurz ehe Thurneyßer nach Berlin
kam, hatte der Markgraf Johann zu Küstrin seinem geheimen Rat Barthold
von Mandelsloh, der die seidenen Strümpfe aus Italien mitgebracht hatte
und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, zugerufen:
»Barthold! Ich habe auch seidene Strümpfe, aber ich trage sie nur des
Sonn- und Festtags.« Thurneyßer prangte nicht nur in seidenen Strümpfen
und Kleidern, sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten mit
daran hängenden Kur- und Fürstenbildnissen, goldnen Gnadenpfennigen und
Kontrefaitmünzen. Wenn er ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580
verrichteten diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph
von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht der Tetzel
von Kirchsittenbach und Vohra zu Nürnberg. Ihre Eltern wohnten in
Denelohe, einem im fränkischen Altmühlkreis gelegenen Reichsrittersitz;
1582 dankte der Vater dem Doktor Thurneyßer dafür, daß er seine Kinder
zu sich genommen; er sei überzeugt, daß sie im ganzen Kurfürstentum
nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und Tugend erzogen werden
könnten. Oft speisten große Gesellschaften von den Vornehmsten des Hofes
bei ihm, und wenn auswärtige Herren ankamen, sich seines Rats zu
erholen, nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Fürsten
Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. König Friedrich II. von
Dänemark bat ihn, die einst von Heinrich dem Löwen verschütteten
Salzbrunnen zu Adeslon zu untersuchen; König Stephan Bathory von Polen,
den er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach ihn um
Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm der Weise von Hessen forderte
von ihm eine Erklärung fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft
Katzenellenbogen aufgefundenen Gipsstein. Der König von Schweden
schickte ihm einen schönen Luchspelz. Die Schreiber breiteten seine
Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene gemalte Bücher,
Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen und Kräuter mit. Sie erzählten
auch, was an auswärtigen Höfen und in anderen Ländern vorfiel, und mit
diesen Nachrichten wußte Thurneyßer sich bei seinem Herrn sehr beliebt
zu machen.
Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. Bei den einzelnen
Monatstagen pflegte er Buchstaben und verblümte Worte als Prognostika
beizufügen, und im folgenden Jahr schickte er dann die Erklärungen, wenn
die Begebenheiten richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 steht
beim 17. Dezember: schändliche Tat einer fürstlichen Person. 1580
lautete die Erklärung: auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren
Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember
gestorben.
Als Nativitätssteller begründete er seinen Ruf mit der Versicherung, er
habe dem König Sigismund August von Polen ohne Aberglauben und
Teufelskünste Jahr, Monat und Tag seines Todes prophezeit; sowie in
einer fürstlichen oder gräflichen Familie in Deutschland ein Kind
geboren war, wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen
mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand der Planeten,
forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie gestanden, bemerkte die
Aspekten gegeneinander und bestimmte daraus die Influenzen auf den
Geborenen. Er beurteilte seine künftigen Schicksale, seine natürlichen
Neigungen und Fähigkeiten, ob er glücklich, reich oder arm, zu Ehren
gelangen werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen
werde oder nicht, was er für Krankheiten zu erwarten und in welchem
Alter er sterben würde. Das alles interessierte damals die Leute
ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran, auf den Universitäten
wurden Collegia über das Nativitätstellen gelesen, und Bischöfe und hohe
Geistliche gaben sich damit ab.
Die Bestimmung der Nativität hatte keinen Zweck, wenn man nicht die
Talismane trug, die Thurneyßer fabrizierte. Er versah die ganze Mark und
die benachbarten Länder mit Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der
berühmte Streittheolog in Königsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz
eine Kette um den Hals. Als Thurneyßer, eine goldne Kette um den Hals,
1574 nach Königsberg reiste, um den blödsinnigen Herzog zu heilen,
benutzte er bei seinen Kuren die Talismane. Es waren sogenannte große
Jupiter-Talismane, #Sigilla solis#. Sie finden sich noch in den
Münzkabinetten; Jupiter erscheint auf ihnen wie ein Württemberger
Professor mit Bart und Pelzrock und einem großen Buch, aus dem er
doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger
Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl in den sechzehn
Feldern der Länge nach oder der Breite nach oder in der Diagonale
addieren. Die #Sigilla solis# waren oft sechs Dukaten schwer. Einer ist
vierzehn Dukaten schwer. Er trägt die Namen Gottes und der zehn Fürsten
der Engel und die hebräischen Worte, die der berühmte Abt Trieheim aus
der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von Nettelsheim in
seinem Werk #De occulta philosophia# erklärt hatte. Die #Sigilla solis#
waren dazu bestimmt, die solarischen Krankheiten abzuwenden, wozu die
des Gehirns zählten. Es gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern
Planeten, und diese verhüteten die astralischen Krankheiten. Ferner gab
es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in einem
festgesetzten Verhältnis und mit Beobachtung der Konstellation: wann sie
geschmolzen waren und wann der Stempel aufgeprägt war; diese hatten eine
besondere verborgene Kraft, Menschen, in unglücklicher Stunde geboren,
glücklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst großer
Herren, beförderten zu Ehrenstellen, ließen Heiratshändel gelingen, und
wenn Mars beim ersten Eintritt in das Zeichen des Skorpions darauf
geprägt war, verliehen sie dem Soldaten Mut und Sieg. Thurneyßer
verkaufte Talismane zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom
Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem Zepter kreuzweis
gelegte Sense andeuten, die sich auf den Münzen befinden. Er erzeugte
auch sympathetische Ringe, die von der fallenden Sucht befreiten.
Durch alle diese Geldquellen wurde Thurneyßer sehr reich. Sein Schatz
bestand aus zwölftausend Goldstücken, teils einfachen und doppelten
Portugalesern, teils vierfachen Kronen, Rosenobeln, Engalotten und
Dukaten. Er besaß über neun Zentner an Trinkgeschirren und einen
silbernen vergoldeten Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern
ausgeziert, in seinem großen Saale hing. Seine Bibliothek soll
ihresgleichen weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett
enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus allen Teilen der Welt. Er
hatte Präparate von getrockneten Teilen des menschlichen Körpers und von
seltenen Tieren. Er hatte Skorpione in Baumöl, die der gemeine Mann für
entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen Kloster war
voll botanischer Kuriositäten, und ein Elentier, das ihm der Fürst
Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach seiner Vaterstadt Basel, um
sich bei seinen Landsleuten in Respekt zu setzen. Die frommen Baseler
hielten es aber auch für einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm
einen Apfel mit zerbrochenen Nähnadeln zu fressen.
Thurneyßer zog eine Menge kunstverständige Ausländer nach Berlin und
brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf. Eine Menge Schriftgießer,
Stempelschneider, Kupferstecher, Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und
Goldschmiede hatten beständig für ihn zu tun. Er war der erste, der die
chemischen Arzneien einführte, deren kleine aber wirksame Dosen den
verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen des brandenburgischen
Adels annehmlicher dünkten, als die bisherigen kopiosen galenischen
Arzneitränke. Er half den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den
Glashütten. Aus der Grimnitzer Glashütte in der Uckermark hatte er einen
gläsernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel saß, während
außen Fische schwammen. Dieser Vogel war dem gemeinen Mann gleichfalls
ein Zaubervogel, da er scheinbar mitten im Wasser mit schwimmenden
Fischen lustig herumsprang, als ob er in freier Luft lebte.
Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurneyßer in der unverminderten Gnade
des Hofes. Der Kurfürst gab ihm das Zeugnis, »daß er sich nach seinen
ihm von Gott verliehenen Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch
vielen anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig,
nützlich und wohl erzeiget habe«. Im Jahre 1575 war Thurneyßers Frau
gestorben, das Schweizerheimweh kam über ihn, der Kurfürst wollte ihn
nicht ziehen lassen, nun reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und
heiratete dort 1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus
Basel, eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstieß sie, und sie
brachte ihn um Ehre und Vermögen. Es entspann sich ein skandalöser
Prozeß, worin beide Teile Schriften gegeneinander veröffentlichten, und
seine sämtlichen Habseligkeiten, die er nach Basel geschickt hatte,
wurden mit Beschlag belegt und der Frau zugesprochen. Darauf entstand in
der Mark eine große Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und
Wucherer gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte öffentlich
gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des Kirchenbanns für
würdig. Er verließ Berlin, wurde katholisch, ging nach Rom und begab
sich unter den Schutz des Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici,
bei dem er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach
der Tafel stellte der Kardinal darüber ein Zeugnis aus, das man lange
Zeit nebst dem Nagel als große Merkwürdigkeit den Fremden in Florenz
zeigte. Es fand sich aber später, daß das Wunder durch einen Betrug
zustande gekommen war.
Thurneyßer lebte ein paar Monate dann in Belvedere, wanderte dann wieder
nach Deutschland und starb endlich in ärmlichen Umständen in einem
Kloster bei Köln, fünfundsechzig Jahre alt, genau an dem Tage, auf den
er sich selbst das Horoskop gestellt hatte.