Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale und Ereignisse ist
zum größten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossen gewesen, ich
hatte aber die Veröffentlichung in dem Gefühl verschoben, daß ein
solches Buch mehr als ein anderes von einem Bedürfnis gefordert werden
müsse. Der gegenwärtige Krieg, den wir Deutsche als einen Nationalkrieg
empfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkes die Bilder
einiger seiner merkwürdigsten Männer wachzurufen. Es kam darauf an, das
festzuhalten, was im allgemein Gültigen zugleich das begrenzteste
Persönliche gibt; darum mußte ich den ursprünglichen Plan des Werkes
verändern und diejenigen Lebensbeschreibungen, Erzählungen und Anekdoten
entfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hatten als
Exemplarisches, mehr äußeren Bezug als inneren, mehr Oberfläche als
Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine, sie ist zumeist wörtlich
die der Historiker und der Quellen, die im Inhaltsverzeichnis namentlich
angeführt werden; ich habe das Material übernommen, wie es sich bot, mit
keinem andern Maßstab messend, als mit dem der fühl- und spürbaren
Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunkt ordnend, den
ein natürlicher Überblick ergab. Den außerordentlichen Schicksalen,
dient nur das Wort treu ihrem Verlauf, wohnt soviel Überzeugungskraft
von selber inne, daß Stilkünste sie nur verschleiern und verzerren
können, und wenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stil
ist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur, die von
der Geschichte, der Überlieferung in den meisten Fällen so gesetzmäßig
und methodisch besorgt wird, wie von einem Strom, der alles trübe
Gemengsel und unreinen Stoffe alsbald an die Ufer schwemmt oder auf den
Grund sinken läßt.
Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen Stücken durch
Ausdeutung oder Betrachtung künstliche Brücken herzustellen; das
Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen, die scheinbare Willkür in der
Wahl kann sich nur auf einen Zwang der Phantasie berufen, die
Entscheidung gab allein ihre deutsche Herkunft und deutsche
Beschaffenheit.
Unabweisbar drängt sich hier die Frage auf: Was ist ein deutscher
Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was ist ein deutsches
Ereignis?
* * * * *
Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere ich eine Gestalt,
die aus der Erfahrung gezogen und zur Idee gesteigert ist; als solche
schließt sie eine Summe von Eigenschaften in sich, welche sowohl dem
Wesen des Volkes als Ganzes zukommen, als auch dem uns überlieferten
Bilde repräsentativer Männer entsprechen. Den Maßstab hierzu liefert
mir das lebendige und fließende Element der Geschichte. Indem sie mir
eine zergliederte, beseelte Nachricht über das Ereignis gibt, wie auch
über die Personen, die in ihm eine Rolle gespielt haben, erlaubt sie mir
zugleich, Ereignis und Figur zu deuten, in freier Betrachtung zu
erweitern und zu verallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal
fühlen, die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weg gewaltet
haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunft wenigstens
flüchtig und ahnend zu erleuchten.
In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zu reden und ihn als ein
Umgrenztes und Unterscheidendes zu erklären. Es wäre nicht einmal
notwendig, auf Stammeseigentümlichkeiten zu verweisen, auf ausgebildete
und in jeder Landschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf die
Landschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen, das
größere oder geringere Maß von Freiheit, von Wohlfahrt, von
Begünstigungen, die die Natur gewährt oder die durch vornehmliche Kraft,
Tapferkeit, durch Fleiß oder Glück erworben wurden; man kann in einem so
reichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eine Nation ist,
eine unendliche Vielfalt und Variabilität der Lebenskristallisationen
feststellen, und doch wird die Nation in ihrer Gesamtheit gegen eine
andere, sei es auch benachbarte, sogar verwandte Nation ein völlig
verschiedenes Lebens- und Wesensbild zeigen. Es eignet eben jeder
Nation, genau wie jedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre
besondere Willenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der
Zusammenfassung erleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter den
Grund legt.
Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, die Natur hat ihn nicht
verschwenderisch beschenkt. Die Berichte aus der Vorzeit erzählen schon
von dem rauhen Klima und der Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu
unermüdlicher Arbeit aufforderte und durch Überfluß nicht verwöhnte.
Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosphäre milder, aber die
Fülle oder nur die unerwartete Gabe hat der Bauer nie erfahren, der
Gärtner, der Obstzüchter nie; genau nach dem Maß seines Tuns ward ihm
gelohnt.
Das Leben des Urvolks war gewiß dem Kindheitszustand aller andern Völker
ähnlich; an den Grenzen finden die Feinde nur wenig natürliche
Hindernisse; kriegerische Horden, von Osten und Westen her eindringend,
zerstampfen die Saaten, verwüsten die Siedlungen; kann der Aufruf des
Fürsten Bewaffnete genug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroher
entgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchem
Unternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannen in ihren festen
Plätzen. Immerhin mußte der Deutsche als Bewohner des Herzlands Europas
mehr als andre drauf gefaßt sein, daß alles, was er baute und schuf, was
er säte und sparte, was er liebte und schmückte, seine Bäume und sein
Vieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werke darin, die
Beute von schweifenden Eroberern wurde.
Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war, konnte jeder
Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund von gestern zum Feind von
morgen werden. Die Folge davon, eine immer größere Zerstückelung des
Gebiets, eine beständige Lostrennung einzelner Teile, die sich dann zu
selbstwilligen und der Gesamtheit trotzig entgegengesetzten
Interessensphären entwickeln, trat gar bald ein und enthüllte sich als
ein nationales Unglück. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland der
Schauplatz aufreibender egoistischer Kämpfe und eines Faustrechts, das
jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gefährdete. Um ihren Handel zu
schützen, auf welchem allein der Wohlstand, ja die Existenz des
Bürgertums beruhte, mußten die Städte zu Mitteln greifen, die sie auch
als wehrhafte Macht in Achtung setzten, und nach und nach wurde jede
Stadt, auch die nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da
entstand nun die schönste und eigentümlichste Blüte der Volkskraft, ein
beständiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation. Die großen
Schwurgesellschaften übernahmen den Schutz des Privatlebens und
ersetzten so den Staat, alle einzelnen traten in Genossenschaften
zusammen, und diese wieder standen durch Bünde gegeneinander.
Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend. Ordnung muß die
Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, das die Freiheit fördert. Der
Mann ist König in seinem Haus, Diener in brüderlichen Verbänden. Nur
Arbeit verleiht Würde, nur Bewährung einen Vorrang, und ohne Hingebung
an eine Sache wird der Geist für nichts geachtet. Wenn aber der Geist
sich zur Sachlichkeit gesellt, entsteht die Idee, die das Individuum
formt und das Gemeinwesen entwicklungsfähig macht. Welche Wege auch
immer der Ritter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, die
Zukunft der Nation lag in den Händen des Bürgers.
Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres; ihre Häuser
drängten sich wie Männer, die Achsel an Achsel stehen, so dicht
zusammen, daß für ein Blumenbeet der Raum nicht blieb. Die
spitzgiebeligen Dächer erschienen als Wahrzeichen der zur Höhe
gedrängten Kraft, die engen Gassen gaben das Gefühl der Umschlossenheit,
und alles Schmuckwerk wuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit
massiver Gitter, die geschwungenen Steinquadern unerschütterlicher
Brücken, die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, deren
ursprünglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesen immer mehr zu
eigen wurden.
Während alle andern abendländischen Völker verhältnismäßig früh zur
Bildung eines staatlichen Organismus gelangten, war dies bei den
Deutschen erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts der Fall.
Deutsche Zerrissenheit war das Merkwort, mit dem sich der Deutsche
selbst in die Unabänderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eine
Tatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt.
Nach allem, was wir von dem Volk der Germanen wissen, scheint es, als ob
ihr religiöses Leben durch den Eintritt in das Christentum eine
bedeutende Störung erlitten, als ob eine natürliche Entfaltung ihrer
religiösen Anlage ein andres Ergebnis gehabt hätte als das durch die
Geschichte hervorgebrachte. Darauf läßt namentlich die immer wieder
zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen den Klerus, gegen das
Papsttum und seine unumschränkte Gewalt schließen. Der Papst strebte
nach Weltherrschaft; ein Weltimperium zu schaffen war auch der tiefe
Wille der Deutschen; ist es nicht denkbar, daß die eingeborne Macht
dieser Idee dadurch gebrochen worden ist, daß die Kaisergeschlechter der
Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromiß schlossen, indem sie
eine römische Weltherrschaft auf deutschem Boden gründen, die Nation in
ein römisches Kaisertum verwandeln wollten? Es war dies eine poetische
Idee und nicht eine politische, und darin liegt das Verhängnis, darin
der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. Der Zug über die Alpen:
das romantische Abenteuer; Italien, die zweite Heimat, Provinz des
Lichtes und der Schönheit, der holde Traum, die Lockung der
Jahrhunderte.
Immer wieder setzen die Kräfte an diesem Punkte an, immer wieder brechen
sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer, bis ins Unbewußte
gedrungener Glaube, daß es die Herrenrolle in Europa wieder übernehmen
werde, die nach alten Überlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt;
aber diese Überzeugung kam stets nur in den Leistungen und Werken
einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auch nicht der Schwermut und
Klage; das Staatswesen schien davon unberührt zu bleiben. Während die
Reformation, diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, die
langersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat im Kaiserhaus
selbst einen Feind, der ihn beständig an Rom und an die Romanen verrät,
und die Hoffnung der Freien und Befreiten wird durch den Dreißigjährigen
Krieg, das größte Unglück, von welchem je ein Volk getroffen wurde,
erstickt. Langsam sammeln sich die Kräfte wieder; es ist ein erhabenes
Zeugnis für die der Nation innewohnende Tüchtigkeit und Kraft, daß sie
kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einer Blüte der Bildung und des
geistigen Lebens zu gelangen, wie sie die Geschichte keines andern
Volkes kennt, eine Blüte allerdings, die nach Gustav Freytags tiefem
Wort die wundergleiche Schöpfung einer Seele ohne Leib ist.
Erst mit dem Heraufkommen des preußischen Staates kündigt sich eine neue
und verheißungsvolle Periode des nationalen Lebens an. Ein neues
Lebensgesetz wird von den einzelnen ergriffen und bindet sie. Gleichsam
gereinigt in der Glut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel
hingestellt durch das Genie der Dichter, das Beispiel großer Feldherrn,
großer Fürsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde,
erkennen die Führer, erkennt das Volk die Notwendigkeit politischer
Sammlung und finden den Weg, das Ideal praktisch zu verwirklichen. Alte
Instinkte trotziger Selbständigkeit werden niedergezwungen und dem
Allgemeinen dienstbar gemacht, schädliches Fremdes wird ausgeschieden,
nützlich und tüchtig Fremdes angeschmolzen.
[Illustration: Ziethen, nach einem Stich von Townley.]
In preußischer Zucht und Schule wächst das neue Deutschland zur
Erkenntnis und zur Erfüllung seiner Aufgabe heran. Dort vollzieht sich
die Sonderung, die Wandlung, der Zusammenschluß. Ein König, dessen
unerschütterliche Energie im Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum
Werkzeug des Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamente macht,
gibt aus scheinbar bürgerlicher Enge das ungeheure Wort von der
Suveränität, die er als einen #rocher de bronze# statuiere, und ein
Philosoph in ebenso scheinbarer bürgerlicher Enge formuliert den
kategorischen Imperativ als Stützpunkt einer die ganze moderne Welt
überwölbenden Moral- und Sittenlehre.
Friedrich der Große war dann der Gestalter, wenn auch nicht der
Vollender, die Verkörperung wesentlicher politischer und
organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeit ihre Arbeit
beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Ende seiner unvergleichlichen
Laufbahn noch nicht einmal bewußt, wie sehr er Bürger war, indem er
König war. Und da seine Taten ihn zum Helden machten, schuf er eben
dadurch, daß er König und Bürger zugleich war, einen neuen Begriff des
Heroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeit vorbildlich
wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seine krönende Gültigkeit
erhalten und seinen beredtesten Ausdruck.
Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph Ambergers Bildnis eines
Augsburger Patriziers vor, und Holbeins Bildnis des Bürgermeisters
Meyer, und Lukas Cranachs Bildnis eines alten Mannes; ich denke an
Luthers Gesicht, an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks
Gesicht, an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immer
dieselben Züge wie die von Brüdern und Gefährten in der Reihe der
wechselnden Geschlechter.
Sie wissen den Tod, ohne ihn zu sehen, sie spüren ihn, ohne ihn zu
fürchten. Wie der Tod innerstes Gefühl wird, ist in dem Dürerschen
Porträt des Patriziers Oswald Grell über alle Beschreibung wahr
ausgedrückt, neben einem Antlitz von feierlich ernster Versunkenheit ist
eine Landschaft mit zarten Bäumen hingesetzt wie die Vision einer
höheren Welt.
Was macht ihr Auge so schön, so merkwürdig? Ist es der traumvolle Blick,
der dennoch im Lichte badet, die Güte ohne Weichheit, die Strenge ohne
Härte? Oder das Wissen um menschliche Dinge, um die deutsche Not, die
Menschennot? Es wohnt ein Horchen in ihm, wie durch Stimmen aus der
Überwelt erzeugt, ein ungewisser Schimmer, der auf Vertrautheit mit den
letzten Entscheidungen des Schicksals deutet. Im Schluß der Lippen liegt
ein bewältigter Zorn, der sich bald in Trauer wenden mag, oder eine
Stille, die die Resignation trotzig ablehnt; die Nase ersteht aus
Gruben, die von Seelenleiden ausgehöhlt sind, und um die Schläfen zuckt
es wie Nachgewitter von Leidenschaften, die gegen die Mitte der Stirne
hin sich in einen See ruhiger und reiner Gedanken auflösen.
Dem Deutschen ward verliehen, die Dinge zu sehen und durch die Dinge
hindurch sich in ein Verhältnis zu Gott zu begeben. Zwischen ihm und
Gott steht das Ding; das Ding wird sein eigen oder Gott wird sein eigen,
er wird Gottes oder auch des Dinges. Symbolisch groß sieht man deshalb
auf der Dürerschen Melancholia eine Leiter, eine Sanduhr, einen Zirkel,
einen Würfel, ein Winkelmaß und manche andere »Dinge«.
In vielen deutschen Märchen ist der schlummernde Königssohn, der
Schläfer, Siebenschläfer, Scheinschläfer eine Figur wie aus
Selbstanklage und dunkler Verheißung gewebt. Leicht versank der Deutsche
in sich selbst, verlor sich, vergaß sich, verspielte sich, versäumte die
Stunde, die Gelegenheit, die Tat. Kehrte er aber einmal sein Inwendiges
nach außen, so war seine Tat so heftig, wie vorher der Traum von ihr
glühend. Es mußte aber ein Unbedingtes sein, ein Höheres, gleichsam
nicht mehr das Ding, sondern Gott, was ihn wandelte. Dann bot er sich
zum Opfer an, und das Opfer war ihm selbstverständlich, die eigene
Person stets der Preis, den er ohne Prahlerei, mit vollkommener
Einfachheit des Gemütes einsetzte.
Niemand kann kleiner sein als der Deutsche, wenn ihn die Alltäglichkeit
beherrscht, niemand platter und lichtloser; niemand aber auch größer,
wenn das Unbedingte an ihn herantritt, das Pathos großer Ereignisse ihn
hinaufreißt. In keiner Sprache gibt es ein Wort, das den Zustand
unnützer und spielerischer Wehrhaftigkeit so in den Bereich des
Komischen stellte wie das Wort Spießbürger; aber in keiner auch ein
Wort, das höchste Tugend so karg und metallen ausdrückte, wie das Wort
Held. Spießbürger und Held, das sind die Pole deutschen Lebens, und daß
aus einem Spießbürger ein Held werden kann, hat der Deutsche in jeder
Stunde der Gefahr bewiesen. Hierzu brauchte er nur den Glauben an die
Gerechtigkeit der Sache; es durfte nur der Sache nichts Erschlichenes
anhaften, nichts Künstliches, nichts Verfeinertes, nichts Advokatisches;
sie mußte sozusagen rauh und urtümlich sein und ihn im Mittelpunkt des
Herzens treffen, dann wurde sein Herz zum Mittelpunkt der Welt.
Seine Anteilnahme kann bis zur Unbequemlichkeit lärmen, doch seine
Begeisterung ist fast immer von stiller Art. Romanischen Völkern eignet
oft eine Begeisterung ohne Tiefe, eine müßige und eitle, der
begleitenden Tat ermangelnde; deutsche Begeisterung ist wie Essenfeuer;
Hammer und Amboß, Huf und Schwert sind nicht weit davon entfernt. Der
still Begeisterte, mehr Erglühte als Entflammte, das ist der Mensch, der
des Fanatismus nicht fähig ist, und die Zustände jenseit der
Selbstbesinnung finden wir beim Deutschen mehr im Gebiet des Religiösen
und rein Geistigen, der Mystik und des Prophetentums, als in dem der
Politik und des gemeinen Lebens.
So ist auch das Exzentrische dem deutschen Wesen fremd; seine Anlage ist
konzentrisch. Er ist gefaßt; er weiß um seine Grenzen, wennschon sein
Verlangen stets nach dem Grenzenlosen geht. Er ist beschaulich, bleibt
aber nicht im Bilde ruhen, sondern verirrt sich gern in die Labyrinthe
der Spekulation. Alles muß für ihn Bezug haben, Verbindung, Folge, --
insoweit es das Geistige betrifft; daher seine Schwerfälligkeit, seine
Pedanterie, sein Respekt vor dem Wissen, sein Zuviel an Schulbildung,
sein Mangel an Glätte, an Schmiegsamkeit und an Manier. Insoweit es
aber das Gemüthafte betrifft, braucht er keinen Bezug und achtet keine
Folge; da wird ihm die Welt zum einheitlichen Gebilde, das Schicksal ein
gerechter Herr, und in seiner Seele ist die Menschheit.
Wichtig vor allem ist ihm die Scholle; erstes Gesetz, die Hantierung,
die er gelernt, zur Vollkommenheit auszubilden; einem Herrn zu dienen
Bedürfnis und Freude; einen großen Gedanken in seiner Brust zu hegen und
zu wärmen beinahe Kultus. In den Zeiten seiner politischen Unreife
übersah er, daß die Scholle nur ein winziger Teil des Ganzen ist und
segensvoller gedeiht, wenn auf der Nachbarscholle nicht der beargwöhnte
Gegner, sondern der mitwirkende Freund haust; bedachte er nicht, daß die
Hantierung vom Allgemeinen aus- und zum Allgemeinen zurückgehen muß,
damit ineinanderwachsende Kräfte durch Überlieferung erstarken und
erblühen können und nicht das einzelne vereinzelt mit sich selber
stirbt; mißkannte er, daß es keinen Herrn gibt, der nicht der Diener
seiner Diener ist; versäumte es, sich zum Herren seiner Herren zu machen
und so, im Geflecht von Ordnung und Herrschaft, von Bürgerpflichten und
Herrenrechten, von Herrenpflichten und Bürgerrechten das glückliche
Glied eines glücklichen Volkes zu werden.
Dies ist anders geworden. Es war ein Prozeß, so schwierig und
langwierig, daß die Besten immer wieder an ihrer Hoffnung verzweifelten
und das Blut edler Märtyrer vergeblich geopfert schien. Der Prozeß ist
gewonnen. Das verflossene Jahrhundert hat die deutsche Nation
wiedergeboren, sie aus romantischer Dämmerung an den lichten Tag der
Geschichte geführt und ihr, in Pflicht und Liebe, in Neigung und
Interesse das Reich der Realität geöffnet. »Der Realismus, welchen man
rühmend oder zürnend die Signatur der Gegenwart nennt,« sagt Gustav
Freytag, »ist in Kunst und Wissenschaft, im Glauben wie im Staate nichts
als die erste Bildungsstufe einer aufsteigenden Generation, welche das
Detail des gegenwärtigen Lebens nach allen Richtungen zu vergeistigen
sucht, um dem Gemüt neuen Inhalt zu geben.«
Der Deutsche hat die ihm gemäße Art von Politik gefunden; ich möchte sie
die Politik des unbeirrbaren Triebes nennen; die Politik der Entfaltung,
der Erkenntnis und der Bestimmung. Sie kann der Winkelzüge, der
veralteten Rezepte und geheimen Wege entraten, da sie auf den
natürlichen Rechten des Geistes und Herzens ruht, nicht auf
willkürlichen Machenschaften, sondern auf einer Notwendigkeit und einer
welthistorischen Idee.
Der Siebenschläfer, aufgewacht ist er ja längst, hat sich auf diesem
Planeten ein gewaltiges Haus gebaut. Gestern ist es unter Dach gebracht
worden. Schon grüßen die Tannenreiser vom First.