Frau Caroline hatte die Vorbereitungen zu ihrer Verlobungsfeier mit
erklärlichem Eifer getroffen. Außer dem unvermeidlichen Platenkuchen
hatte sie einen Puffer gebacken, groß genug, um die ganze Nachbarschaft
abfüttern zu können. Trotzdem stand sie nicht davon ab, auch noch bei
ihrem Brotträger einen gefüllten Kringel zu bestellen. "Der Mann soll
auch was davon haben", sagte sie.
"Aber wo sollen wir mit all dem Kuchen hin, liebe Tante", wandte Therese
ein.
"Man keine Angst, der wird schon alle werden. Kuchen muß sein", erklärte
die Wittfoth. "Wenn mal, denn mal. So'n powern Kram mag ich nicht."
Die Feier dieses wichtigen Ereignisses war bis nach Mimis Abgang
aufgeschoben worden, um Hermanns Teilnahme zu ermöglichen. Auch einem
auswärtigen älteren Bruder des Bräutigams, der nicht früher hatte
abkommen können, wurde auf diese Weise Gelegenheit gegeben, mitzufeiern.
Onkel Martin, ein kleiner Hufner in der Nähe von Oldesloe, kam denn auch
schon am Morgen des Familienfesttages mit dem Frühzug an, mit ihm ein
geräumiger Korb mit Eiern, Würsten und Speck.
"Min Lowise wär gor to girn mit kamen", entschuldigte er seine Frau.
"Aber de Lütt is erst veer Wochen, nu Se weten wull."
"Na, gratuleer ok!" rief die Wittfoth. "In Se ehr Oeller."
"Jau, eenunsöstig is 'n Oeller", meinte er bedenklich.
"Wo veel hebbt Se denn, Beuthien?" fragte Frau Caroline.
"Neegen Stück."
"Herr des Lebens! Therese", rief die Wittfoth in die Küche hinein. "Denk
Dir, Herr Beuthien hat neun Kinder."
"Neun?" lautete die verwunderte Rückfrage.
"Und all fix und gesund, min Dochter", sagte der Alte. Und als Therese
in ihren Husten ausbrach, der sie noch immer hartnäckig belästigte,
meinte der gutmütige Mann, sie solle nur mal zu ihm aufs Land kommen, da
könnte sie sich mal ordentlich "rausessen".
"Satt kriegt sie hier auch", sagte Frau Caroline pikiert. Sie war in
dieser Hinsicht etwas empfindlich.
"Glöw ick, glöw ick", beruhigte Onkel Martin. "Aber de Hosten, de oll
Hosten, de geföllt mi nich."
"Ja, ich weiß gar nicht, was das mit dem Husten ist", klagte die Tante.
"Das geht nun schon wochenlang so. Wir müssen wirklich mal nach'n Arzt
schicken."
"Arzt! Arzt!" rief der alte Mann. "Wat sall de Keerl? Luft, frische Luft
möt se hebben."
"Bei Ihnen is es auch viel zu stickig, nehmen Sie mir das nich übel",
setzte er hinzu.
"O, Tante sitzt am liebsten bei offenen Thüren und Fenstern," erklärte
Therese, "aber meine Erkältung verträgt den Zug nicht."
"Soll sie auch nicht", entschied Onkel Martin. "Zug is schädlich. Aber
frische Luft, de hätt noch keenen Minschen umbrögt."
"Sag ich das nicht immer?" rief Frau Caroline. "Aber alles will immer
gleich sterben, wenn ich nur mal die Thür aufmach. Mir soll's gleich
sein. Ich sag nichts mehr."
Nachmittags um fünf Uhr wurde das Geschäft geschlossen, das heißt, die
Vorhänge vor den Schaufenstern wurden herabgelassen. Da der einzige
Zugang zur Wohnung durch den Laden führte, mußte dieser geöffnet
bleiben.
Um nun jede Störung durch Käufer fern zu halten, hatte Tetje Jürgens den
Vorschlag gemacht, ein Plakat drucken zu lassen, mit der Aufschrift:
Dieses Geschäft ist heute von fünf Uhr Nachmittags an wegen Verlobung
der Inhaberin geschlossen.
Aber sein praktischer Vorschlag drang nicht durch.
Eine große Freude war es der Wittfoth und namentlich auch Therese, daß
Hermann zugesagt hatte, zu kommen.
Sonst waren nur noch Tetje Jürgens nebst Frau Gemahlin gebeten.
Tetje, wie er kurz bei seinen Freunden hieß, versprach am Abend
nachzukommen, da er seine Wirtschaft nicht den ganzen Nachmittag dem
Mädchen und dem Kellner alleine überlassen mochte, für den Abend aber
eine Schwester seiner Frau nach dem Rechten zu sehen versprochen hatte.
Frau Sophie aber wollte sich schon zum "Puffer" einstellen.
Auch Wilhelm Beuthien hatte sich fürerst entschuldigen lassen müssen. Er
hatte eine Fahrt nach Blankenese nicht abweisen können, da es sich um
gute Kunden handelte, und war erst gegen acht Uhr zurückzuerwarten.
Frau Caroline hatte keine Mühe gescheut, es ihren Gästen gemütlich zu
machen. Im Wohnzimmer war jeder Flicken, jedes Fädchen, jede Erinnerung
an Geschäft und Arbeit, sorgfältig entfernt worden. Ein Bouquet Rosen
und Reseda, mit dem Therese schon am frühen Morgen die Tante überrascht
hatte, prangte in einer weißen Biskuitvase inmitten der in einem Kreis
arrangierten Kaffeetassen, zwischen den Kuchenbergen und der
Zuckerschale.
Reine Gardinen und sauberstes Tischzeug verstand sich bei der
Reinlichkeitsfanatikerin, als welche Frau Caroline sich gerne ausgab,
von selbst, ebenso die frisch gewaschenen, gehäkelten Sofaschoner,
Hermanns größter Aerger. "Pfingstlappen" hatte er sie getauft, weil die
Tante einmal an diesem hohen Festtag sämtliche Sitzmöbel mit solchem
Zierat behangen hatte.
Im "besten" Zimmer war die Herrichtung fast blendend. Hier prangte
mitten auf dem runden Sofatisch in einer blauen Sevre-Vase ein
geschmackvoll gebundenes Bouquet aus roten und weißen Rosen, das der
galante Bräutigam geschickt hatte. In einer gleichen Vase auf dem
Spiegelschrank stand protzend ein mächtiger Strauß buntfarbiger
Georginen, den Onkel Martin seinem ländlichen Garten entnommen hatte.
Auch auf dem Fensterbrett prunkten in Wassergläsern kleinere Bouquets
und ein vom Krämer gespendetes rosagarniertes Blumenkörbchen. Der
praktische Mann hatte geglaubt, der Kundschaft wegen doch auch etwas
thun zu müssen. Die angeheftete Visitenkarte trug unter seinem Namen
Gotthilf Ochs zwischen zwei Ausrufungszeichen ein flott geschriebenes
"!Viel Glück und Heil!"
Den zierlichen, geschnitzten Rauchschrank, eine Hinterlassenschaft ihres
Seligen, hatte Frau Caroline mit Cigarren gefüllt, die Hermann hatte
besorgen müssen.
Als die kleine Gesellschaft, außer Tetje und Wilhelm, um den Kaffeetisch
versammelt war, traf noch ein Bouquet von auffallendem Umfang ein, mit
Spitzen und Schleifen garniert.
Ein allgemeines Ah des Entzückens empfing die wundervoll duftende Gabe.
Hermann, der sie dem Boten abgenommen hatte, öffnete das beigegebene
parfümierte Couvert.
"Mit herzlichem Glückwunsch von Emil Pohlenz nebst Braut", las er von
der kleinen Elfenbeinkarte ab.
"Liebe Tante." Mit einer komisch sein sollenden Verbeugung überreichte
er das Bouquet, dessen lautester und unermüdlicher Bewunderer.
Therese beobachtete ihn still.
Nachdem die Angriffskräfte auf die Kuchenberge erschöpft waren und auch
die Unterhaltung über Wetter, Pferde, Kuchenbacken und den neuesten
Raubmord auf St. Pauli ins Stocken kam, schlug Hermann einen kleinen
Skat vor. Er sah wohl, daß die lange Zeit bis zum Abendessen sonst
unerfüllbare Anforderungen an die geselligen Talente eines jeden stellen
würde.
Die drei Herren zogen sich zum Spiel ins Nebenzimmer zurück. Der
Cigarrenschrank wurde geöffnet, und Therese stellte einige Flaschen
Löwenbier zur Hand.
Die Damen vertrieben sich die Zeit mit Häkeln, Albumbesehen und
Küchengesprächen. Versiegten diese Quellen, waren die Fehler und
Thorheiten der Nachbarinnen eine ergiebige Fundgrube interessantesten
Unterhaltungsstoffes.
Die Krämersfrau war nun schon dreimal in vierzehn Tagen ins Theater
gegangen. Eine Mutter von zwei kleinen Kindern hätte doch wahrhaftig
andere Pflichten.
Die aus der zweiten Etage, die immer so vornehm that, kaufte neulich,
Tante Tille hatte es mit ihren eigenen tauben Ohren gehört, für einen
ganzen Pfennig Korinthen. Daß die Person sich nicht schämte. "Und dabei
thut solch Volk, als ständen sie mit'n Bürgermeister auf Du und Du."
Und als nun Frau Jürgens die "Behnsch" erwähnte, geriet Frau Caroline in
eine kreiselnde Beweglichkeit.
"Wissen Sie schon das?" "Haben Sie schon dies gehört?" "Nu lassen Sie
sich aber mal erzählen." So schwirrte es durcheinander.
Es war eine Freude, wie gut die Zeit mit solchen angenehmen Gesprächen
vertrieben wurde, und wie sehr die drei Damen in ihrer Lebensanschauung,
in ihrem Urteil über Welt und Menschen übereinstimmten.
Nur Therese erlaubte sich dann und wann eine abweichende Meinung. Da sie
sich jedoch sehr abgespannt fühlte und ihres Hustens wegen nicht viel
sprechen wollte, ließ sie häufig fünf gerade sein und schwieg.
Auch das überlaute Sprechen, durch Tante Tilles Schwerhörigkeit bedingt,
griff sie an. Sie ging ab und zu, machte sich mehr als nötig in der
Küche zu schaffen und beobachtete das Spiel im Nebenzimmer, wo Hermann
besonders vom Glück begünstigt wurde.
Auch einige Käufer, die sich von den herabgelassenen Vorhängen nicht
hatten abschrecken lassen, beschäftigten sie zeitweilig.
Endlich kam auch Tetje Jürgens und gleich nach ihm Wilhelm. Die beiden
nahmen die Plätze der Brüder am Spieltisch ein, und diese zogen sich zu
den Damen zurück.
Die Gesellschaft erhielt allmählich einen immer nüchterneren Anstrich,
hatte gar nichts Verlobungsfeierliches mehr. Es ward Zeit, daß man zur
Hauptnummer des Festprogramms, den Tafelfreuden, überging.
Mit einigem Geräusch vollzog man den Umzug in das andere Zimmer.
Therese hatte die Tafel geschmackvoll arrangiert, die Bouquets zwischen
dem kalten Aufschnitt und der süßen Speise geschickt aufgestellt und
jedem Teller ein Extrasträußchen beigelegt.
Auf dem Sofa saß das Brautpaar, rechts von Frau Caroline Onkel Martin
mit Frau Jürgens, links von dem Bräutigam Tante Tille und Tetje Jürgens,
neben diesem Therese, Wilhelm gegenüber, dem sein Platz neben Frau
Jürgens angewiesen worden war. Hermann hatte seinen Sitz unten am Tisch,
zwischen Wilhelm und Therese, vor sich die Bowle, denn ihm war das Amt
des Mundschenken übertragen worden.
Frau Caroline hatte für guten "Stoff" gesorgt, mit Hilfe Tetjes, der
sich als Fachmann darauf verstand. Der Punsch war in der That vorzüglich
und weckte gar bald die eigentliche Feststimmung.
Hermann brachte den ersten Toast auf das Brautpaar aus, dann folgte Rede
auf Rede. Hermann sprach gern, etwas pathetisch und schulmeisterlich,
mit reichlichem Citatenaufwand. Auch diesmal hatte er begonnen "Ehret
die Frauen, sie flechten und weben".
Tetje toastete auf Tante Tille, die erst von Frau Caroline darauf
aufmerksam gemacht werden mußte, daß ihr das Hoch gelte. Wilhelm
Beuthien, der im übrigen ziemlich wortkarg und zerstreut war, ließ die
Damen leben, und selbst Onkel Martin schlug mit dem Messer an das Glas.
Er möchte doch auch ein paar Worte an die Brautleute richten und ihnen
wünschen, daß es ihnen immer gut gehen möge, "in truge Fründschaft un
Leev, un mit Gottes Segen."
"Un upp de Nakommenschaft," setzte er hinzu, als die Gläser aneinander
klangen.
Die Stimmung ward immer gemütlicher. Hermann, der dem Punsch reichlich
zusprach, hatte bereits mit Wilhelm Beuthien Duzbrüderschaft getrunken.
Tetje Jürgens hatte die alte Negendank sogar einmal mit "min oll söte
Deern" angeredet, und Therese sich schon mehrmals die Stirn am Handstein
in der Küche gekühlt, da sich Kopfschmerzen bei ihr einstellten.
Wilhelm Beuthien, dem anfangs schweigsamen, löste sich allmählich die
Zunge, da Hermann ihm fleißig einschenkte, und er rückte mit allerlei
gewagten Anekdoten und Rätseln heraus, die Tetje zu Theresens Aerger
noch überbieten zu müssen glaubte.
Hermann, der den "Stoff" auf die Neige gehen sah, raunte der Tante seine
Wahrnehmung zu.
Frau Caroline machte ein bedenkliches Gesicht und zuckte verlegen die
Achsel.
Hermann erbot sich "die Sache schon zu machen", und sie trug, gefolgt
von ihm, die Terrine hinaus.
"Halt, wohin damit", rief Tetje und folgte gleichfalls.
"In min Köök hebbt Se nix to söken", drängte die Wittfoth ihn zurück und
schloß die Thür.
Hier machte Hermann "die Sache" dann mit reichlicher Benutzung der
Wasserleitung, einer Citrone und des letzten Restes einer von der Tante
noch aufgefundenen Rumflasche.
Triumphierend trugen sie die neue Füllung auf den Tisch.
Vorsichtig probierte Tetje das erste Glas.
"Der schadt' nix, der is fromm", lobte er ironisch, "für die Damens
vielleicht noch 'n bischen zu feurig."
Frau Caroline gab ihm einen leichten Klaps mit ihrer Serviette. Das
bräutliche Glück und der genossene Punsch leuchteten ihr aus den kleinen
Augen.
"Nu Musik", meinte sie.
"Dat's 'n Wort", rief Tetje, "Musik möten wie hebben."
Man sprach schon seit geraumer Zeit meist platt.
"Wo hest Din Matrosenklaveer?" hieß es, und Wilhelm mußte seine
Handharmonika holen. Es sollte getanzt werden. Man rückte Tische und
Stühle zusammen und rollte den Teppich auf.
Wilhelm setzte sich hinter dem Tisch in die linke Sofaecke und begann
den Spreewalzer zu spielen.
Das Brautpaar eröffnete den Familienball. Onkel Martin tanzte mit Frau
Jürgens, und Tetje zerrte die sich sträubende Tante Tille einmal durchs
Zimmer. Hermann tanzte abwechselnd mit seiner Tante und Frau Jürgens.
Therese aber stand, an den Thürpfosten gelehnt, und sah, das
Taschentuch, des Staubes wegen, vor den Mund pressend, mit müde
flackernden Blicken und brennenden Backen zu. Sie fühlte sich sehr
elend, klagte aber nicht, um die Fröhlichkeit nicht zu stören. Ihr Kopf
schmerzte heftig, ebenso die Brust, infolge des anhaltenden Hustens, zu
dem sie das viele Sprechen, der Staub und Tabaksqualm in den kleinen
Räumen reizten.
Sie sehnte das Ende der Festlichkeit herbei, mußte sich aber noch
vorher, von Abspannung überwältigt, zurückziehen.
Es war schon zwei Uhr nachts, als sich endlich auch die Tante zur Ruhe
legte, beim Auskleiden die Leidende mit punschseliger Geschwätzigkeit
quälend.