Lulu Behn hatte sich vergeblich gesträubt, mit zum Rennen zu fahren. Sie
hatte Kopfschmerz vorgeschützt, ihr häufiges Uebel, aber der Vater hatte
es nicht gelten lassen wollen und gemeint, das gäbe sich unterwegs, in
frischer Luft, am besten.
So gutmütig er war, so verlangte er doch von anderen dieselbe Härte
gegen kleine körperliche Unbequemlichkeiten, die er gegen sich selbst
übte.
Lulu, um nicht unnötige Besorgnis zu erregen, die ihr aus guten Gründen
gefährlich schien, gehorchte und nahm ihren Sitz in der offenen Droschke
neben der Mutter ein, während Paula mit dem Vater auf dem Rücksitz Platz
nahm.
Es war dieselbe Droschke, in der sie mit Beuthien ihre häufigen
heimlichen Fahrten gemacht hatte, der alte wohlbekannte Braune, und, was
ihr das Schrecklichste, war, Wilhelm fuhr selbst.
Nach jenem Besuch des Horner Wäldchens hatten sie sich erst einmal
wieder gesehen. Beuthien wich ihr aus, und sie schämte sich vor ihm.
Dieses eine Mal aber mußte sie ihn sprechen, um ihm zu sagen, was sie
befürchtete.
Er hatte sie ausgelacht und ihr allerlei Ratschläge gegeben und die
Geängstigte beruhigt.
Wie er es so leicht nahm und so zuversichtlich sprach, ward auch sie
gefaßter. Beuthien würde sie nicht sitzen lassen, er würde sie heiraten.
Heute aber fuhr sie mit der Gewißheit des ihr Bevorstehenden durch die
bunte Menge nach Horn hinaus, in der Stimmung eines Verbrechers, der
nach dem Schauplatz seiner That geführt wird.
Wie meisterlich sich Beuthien beherrschte. Nicht einmal errötet war er,
als Lulu mit leichtem Neigen des Kopfes an ihm vorbei in den Wagen
stieg. Und wie gleichmütig er dort oben auf dem Bock saß, und wie
sicher er seinen Gaul durch das Gewirr der Fuhrwerke lenkte.
Der alte Behn wurde unterwegs doch besorgt, als Lulu mehrmals die Augen
schloß und sich erblassend zurücklehnte.
"Willst Du doch aussteigen?" fragte er. "Du kannst noch bequem mit der
Pferdebahn zurückfahren."
Sie wehrte ab. Sie wollte es jetzt durchsetzen. Beuthiens stoische Ruhe
hatte sie geärgert, und sie wollte es ihm nachthun.
Bevor der Weg nach dem Rennplatz abbog, sah sie in der Ferne jenes
Wäldchen liegen, wie ein niedriges, schwarzes Buschwerk ragte es über
die welligen Felder hinweg.
Ob er hinüber sah?
Sie beobachtete ihn, aber er hatte keinen Blick für die Umgebung. Er
mußte seine ganze Aufmerksamkeit auf das Fahren richten.
Sie aber mußte immer wieder hinüber sehen nach dem schwarzen Fleck
dahinten, über dem jetzt eine einzelne weiße Wolke, wie ein fabelhaftes
Ungetüm, schwebte.
Wie unheimlich diese einsame Wolke aussah. Wie verloren schwebte sie im
blauen Luftmeer, wie ein verschlagenes Segel im grenzenlosen Ocean.
Ein wunderliches, nie gekanntes Gefühl der Vereinsamung überkam Lulu.
Mühsam beherrschte sie sich.
"Was guckst Du immer nach der Wolke?" fragte Paula.
Lulu schrak zusammen.
"Ich?" fragte sie. "Das ist doch man so."
Sie wußte es kaum, daß sie beständig dort hinüber starrte.
"Lulu trinkt nachher etwas Selterwasser", meinte die Mutter. "Das
frischt ihr auf."
Der Vater wollte sie jetzt mit der Droschke zurückschicken, Beuthien
sollte dann zum Schluß des Rennens zurückkommen.
Fast heftig lehnte Lulu ab. Um keinen Preis wäre sie jetzt mit ihm
allein gefahren.
Ein dumpfer Widerstand gegen seine Macht über sie begann sich seit ihrer
letzten Unterhaltung zu regen.
Er kam ihr so anders vor, als sonst. Es war ihr, als sähe sie schärfer,
wie durch ein Vergrößerungsglas.
Zuerst fielen ihr die vielen Fältchen unter den Augen auf, und das
häufige nervöse Zucken der Lider. Eine kleine warzenartige Erhöhung auf
dem Rand der linken Ohrmuschel, die sie nie gesehen zu haben meinte,
drängte sich ihren Augen förmlich auf. Die breite Hautfalte über dem
kräftigen gebräunten Nacken, dicht unter dem kurzgehaltenen schwarzen
Haar, gab seinem Kopf, von hinten gesehen, etwas brutales.
Sie hatte während der ganzen Fahrt fast immer diese wulstige Nackenfalte
ansehen müssen, und den etwas fettigen Kragen seines Rockes.
Wie garstig!
Als sie jedoch auf dem Rennplatz, mit einem flüchtigen Blick vom Wagen
aus, ihn zwischen seinen Kollegen stehen sah, stattlich vor allen, und
sah, wie er in einer kurzen scherzhaften Balgerei seine überlegenen
Kräfte anstrengungslos brauchte, fühlte sie sich wieder auf seinem Arm,
wehrlos seinem Willen unterworfen, und wie eine glühende Welle stieg das
alte Gefühl für ihn wieder in ihr auf.
Teilnahmlos verfolgte sie das Rennen, nur mit sich beschäftigt. Die
vorgeschützten Kopfschmerzen hatten sich nun wirklich eingestellt,
infolge der Gemütsbewegung und der Hitze, die auf dem freien Felde
herrschte. So war sie froh, als man sich für den Heimweg rüstete.
Auf der Rückfahrt gab der Ausfall der verschiedenen Rennen Stoff zur
lebhaften Unterhaltung, in die auch Beuthien hineingezogen wurde. Man
hatte nicht trockenen Gaumens in der Sonne des Sommernachmittags
ausgehalten, und das genossene Getränk hatte namentlich auf Paula seine
erregende Wirkung nicht verfehlt.
Sie hatte gebeten, bei Beuthien auf dem Bock sitzen zu dürfen, und der
alte Behn war froh gewesen, erhitzt wie er war, die Breite des Sitzes
für sich allein benutzen zu können.
Paula, schon von Natur nicht mundfaul, war infolge der genossenen
Anregungen beständig im Schwätzen mit Beuthien, der sich an dem Mädchen
ergötzte, das ihn oft mit so eigentümlichen leuchtenden Blicken
anblitzte.
"Die wird noch mal", dachte er. "Zwei Jahre weiter spielen wir mit."
Der große, derbknochige Backfisch mit den fliegenden blonden Haaren, dem
weißen, sommersprossigen Teint, den breiten sinnlichen Lippen und dem
runden, festen Kinn, versprach, sich mehr nach seinem Geschmack zu
entwickeln, als Lulu es gethan, deren weiche, kraftlose Formen ihn
nicht auf die Dauer reizten.
Paula sah heute besonders vorteilhaft aus mit ihrer leuchtenden roten
Bluse und der gleichfarbigen Federgarnitur des weißen Strohhutes.
"Brennende Liebe" taufte die Mode poetisch dieses flammende Rot.
Lulu sah das vertrauliche, lustige Plaudern der beiden und ward
plötzlich eifersüchtig.
Es war nicht Paula, "das dumme Gör", die sie fürchtete, aber in der
Schwester personifizierte sich ihr die Gefahr, die ihr möglicherweise
von anderer Seite drohen könnte.
Wenn Beuthien sie verließe?
Wieder kam einer jener Momente über sie, wo sie mit grauenhafter
Deutlichkeit in die Zukunft sah. Entweder Schande, oder seine Frau,
Kutschersfrau.
Wenn er sie nun nicht heiraten wollte, würde ihr Vater ihn zwingen?
Würde er ihn als Schwiegersohn anerkennen?
Sie schloß die Augen, als könne sie sich dadurch gegen alles
Widerwärtige absperren.
Stumpfsinnig hatte sie in den letzten Tagen dahingelebt. Das wollte sie
weiter, die Sache an sich herankommen lassen. Es war ihrer Natur am
angemessensten, sich treiben und schieben zu lassen. Mochte es gehen,
wie es ging.
Aber dann störte wieder ein Blick auf Paula sie auf, die mit ihrer
"brennenden Liebe" so auffallend dort oben paradierte. Die meisten
Blicke aus dem Publikum galten dem "feurigen" Backfisch auf dem
Kutscherbock, nur einige Offiziere, die in einem leichten Jagdwagen ihre
Droschke überholten, musterten fast auffällig das blasse Mädchen in der
weißen, gürtelumschlossenen Bluse, das mit so müden Blicken vor sich
hinstarrte.
Lulu hatte kein Auge für die Herren. Sie war ganz mit sich beschäftigt.
Etwas wie Haß auf die Schwester regte sich, die noch immer Beuthien mit
ihrem naiven Geschwätz unterhielt, unschuldig, ein Kind noch, und doch
schon seit jenem Tanz mit ihm mit einem Fuß in dem verbotenen Garten,
von dessen Früchten sie selbst bereits genascht hatte.
Ein häßlicher Gedanke stieg in ihr auf und sprach sich in einem kurzen,
höhnischen Blick aus.
Lach nur, mein Kind, dachte sie. Auch deine Zeit kommt.