Hermann Heinecke.
Als Mimi den Brief las, überkam sie zuerst das Gefühl einer großen
Bestürzung. Nun ward es ernst.
Dann aber kam die Eitelkeit zum Wort.
Sie las zum zweiten Mal und ward nun gerührt. Er war doch ein guter
Mensch. Namenlos glücklich sollte sie ihn machen.
Mein Gott, es ist doch etwas Schönes um die Liebe. Sie barg den Brief in
ihrer Tasche und brach in ein unterdrücktes Schluchzen aus.
"Nun, was ist Ihnen denn passirt?" fragte die Wittfoth, die sie bei
diesem Ausbruch ihres im Grunde weichen Gemütes überraschte.
"Meine Freundin ist so krank", stotterte Mimi.
"Ist es denn zum Sterben?" erkundigte sich Frau Caroline.
"Das nicht," war die Antwort.
"Na, denn ist es ja noch immer Zeit zum Weinen," tröstete die Wittfoth.
"Ich sag ja", dachte sie, als Mimi bald nachher ihre Thränen getrocknet
hatte. "Tief geht nichts bei der. Lachen und Weinen in einem Atem."
"Na, Fräulein," fragte sie mit leisem Spott, "es ist wohl man halb so
schlimm?"
"Ach ja, ich erschrak mich nur so furchtbar", gab Mimi zu.
"Dann schreiben Sie nu auch man gleich", mahnte die Wittfoth gutmütig.
"Ja, das wollte ich auch, heute Abend noch", erklärte Mimi.
Und am selben Abend schrieb sie an Hermann:
Geehrter Herr Heinecke!
Wie schmeichelhaft mich Ihr wertes Schreiben berührt hat, brauche ich
wohl nicht erst zu sagen. Ich achte Sie hoch und glaube gewiß, daß Sie
eine Frau so glücklich machen werden, wie sie es verdient, aber nehmen
Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich nach reiflicher Erwägung zu dem
Entschluß gekommen bin, Ihren werten Antrag nicht annehmen zu können,
so gerne ich dieses auch möchte.
Ich meine ohne rechte Liebe ist es eine Sünde, wenn ich ja sagen
wollte und im Herzen denke ich ganz anders. Nicht wahr, Sie verzeihen
mir meine Ehrlichkeit? Es ist ein gar zu schwerer Schritt, den Sie von
mir verlangen, und das Leben ist doch so furchtbar ernst. Es thut mich
leid, Ihnen weh thun zu müssen, aber es giebt ja noch ganz andere
Mädchen, als ich eine bin, und Sie werden gewiß noch einmal so
glücklich, wie Sie es verdienen. Selbiges wünscht Ihnen von Herzen
Ihre Mimi Kruse.
Sie hatte diesen Brief zweimal geschrieben, da die erste Niederschrift
ein Petroleumfleck verunzierte. Sie hatte sich beim Höherschrauben der
Lampe die Finger beschmutzt und beim Umwenden des Briefbogens diesen
befleckt.
Mit brennenden Wangen und fliegendem Atem las sie wiederholt ihr
Schreiben und malte vorsichtig mit zitternder Hand noch einige
vergessene U-striche hinein. Dann schloß sie den Brief in ein Couvert.
Aber ihr fiel eine Nachschrift ein, und sie öffnete es wieder.
"Was die Geschenke anbelangt, die Sie so gütig waren mir zu schenken",
fügte sie hinzu, "so erlauben Sie mir wohl, dieselbigen als Andenken zu
behalten. Nochmals meinen besten Dank für alles Gute."
Sie nahm ein neues Couvert und versah es mit der Aufschrift.
Herrn Volksschullehrer
Hermann Heinecke
p. Adr.: Frau Ww. Thielemann
Hierselbst.
Raboisen 27, III.