Denn man setze: sie habe einen Anfang. Da der Anfang ein Dasein ist,
wovor eine Zeit vorhergeht, darin das Ding nicht ist, so muß eine
Zeit vorhergegangen sein, darin die Welt nicht war, d.i. eine leere
Zeit. Nun ist aber in einer leeren Zeit kein Entstehen irgend eines
Dinges möglich; weil kein Teil einer solchen Zeit vor einem anderen
irgendeine unterscheidende Bedingung des Daseins, vor die des
Nichtseins, an sich hat (man mag annehmen, daß sie von sich selbst,
oder durch eine andere Ursache entstehe). Also kann zwar in der Welt
manche Reihe der Dinge anfangen, die Welt selber aber kann keinen
Anfang haben, und ist also in Ansehung der vergangenen Zeit unendlich.
Was das zweite betrifft, so nehme man zuvörderst das Gegenteil an, daß
nämlich die Welt dem Raume nach endlich und begrenzt ist; so befindet
sie sich in einem leeren Raum, der nicht begrenzt ist. Es würde also
nicht allein ein Verhältnis der Dinge im Raum, sondern auch der Dinge
zum Raume angetroffen werden. Da nun die Welt ein absolutes Ganze
ist, außer welchem kein Gegenstand der Anschauung, und mithin kein
Korrelatum der Welt, angetroffen wird, womit dieselbe im Verhältnis
stehe, so würde das Verhältnis der Welt zum leeren Raum ein Verhältnis
derselben zu keinem Gegenstande sein. Ein dergleichen Verhältnis aber,
mithin auch die Begrenzung der Welt durch den leeren Raum, ist nichts;
also ist die Welt, dem Raume nach, gar nicht begrenzt, d.i. sie ist in
Ansehung der Ausdehnung unendlich.*
* Der Raum ist bloß die Form der äußeren Anschauung (formale
Anschauung), aber kein wirklicher Gegenstand, der äußerlich
angeschaut werden kann. Der Raum, vor allen Dingen, die ihn
bestimmen (erfüllen oder begrenzen), oder die vielmehr eine seiner
Form gemäße empirische Anschauung geben, ist, unter dem Namen des
absoluten Raumes, nichts anderes, als die bloße Möglichkeit äußerer
Erscheinungen, sofern sie entweder an sich existieren, oder zu
gegebenen Erscheinungen noch hinzukommen können. Die empirische
Anschauung ist also nicht zusammengesetzt aus Erscheinungen und dem
Raume (der Wahrnehmung und der leeren Anschauung). Eines ist nicht
des anderen Korrelatum der Synthesis, sondern nur in einer und
derselben empirischen Anschauung verbunden, als Materie und Form
derselben. Will man eine dieser zwei Stücke außer der anderen setzen
(Raum außerhalb allen Erscheinungen), so entstehen daraus allerlei
leere Bestimmungen der äußeren Anschauung, die doch nicht mögliche
Wahrnehmungen sind. Z.B. Bewegung oder Ruhe der Welt im unendlichen
leeren Raum, eine Bestimmung des Verhältnisses beider untereinander,
welche niemals wahrgenommen werden kann, und also auch das Prädikat
eines bloßen Gedankendinges ist.
Anmerkung zur ersten Antinomie
I. zur Thesis
Ich habe bei diesen einander widerstreitenden Argumenten nicht
Blendwerke gesucht, um etwa (wie man sagt) einen Advokatenbeweis zu
führen, welcher sich der Unbehutsamkeit des Gegners zu seinem Vorteile
bedient, und seine Berufung auf ein mißverstanden Gesetz gerne gelten
läßt, um seine eigenen unrechtmäßigen Ansprüche auf die Widerlegung
desselben zu bauen. Jeder dieser Beweise ist aus der Sache Natur
gezogen und der Vorteil beiseite gesetzt worden, den uns die
Fehlschlüsse der Dogmatiker von beiden Teilen geben könnten.
Ich hätte die Thesis auch dadurch dem Scheine nach beweisen können,
daß ich von der Unendlichkeit einer gegebenen Größe, nach der
Gewohnheit der Dogmatiker, einen fehlerhaften Begriff vorangeschickt
hätte. Unendlich ist eine Größe, über die keine größere (d.i. über die
darin enthaltene Menge einer gegebenen Einheit) möglich ist. Nun ist
keine Menge die größte, weil noch immer eine oder mehrere Einheiten
hinzugetan werden können. Also ist eine unendliche gegebene Größe,
mithin auch eine (der verflossenen Reihe sowohl, als der Ausdehnung
nach) unendliche Welt unmöglich: sie ist also beiderseitig begrenzt.
So hätte ich meinen Beweis führen können: allein dieser Begriff stimmt
nicht mit dem, was man unter einem unendlichen Ganzen versteht. Es
wird dadurch nicht vorgestellt, wie groß es sei, mithin ist sein
Begriff auch nicht der Begriff eines Maximum, sondern es wird dadurch
nur sein Verhältnis zu einer beliebig anzunehmenden Einheit, in
Ansehung deren dasselbe größer ist als alle Zahl, gedacht. Nachdem die
Einheit nun größer oder kleiner angenommen wird, würde das Unendliche
größer oder kleiner sein; allein die Unendlichkeit, da sie bloß in dem
Verhältnisse zu dieser gegebenen Einheit besteht, würde immer dieselbe
bleiben, obgleich freilich die absolute Größe des Ganzen dadurch gar
nicht erkannt würde, davon auch hier nicht die Rede ist.
Der wahre (transzendentale) Begriff der Unendlichkeit ist: daß die
sukzessive Synthesis der Einheit in Durchmessung eines Quantum niemals
vollendet sein kann.* Hieraus folgt ganz sicher, daß eine Ewigkeit
wirklicher aufeinanderfolgenden Zustände bis zu einem gegebenen (dem
gegenwärtigen) Zeitpunkte nicht verflossen sein kann, die Welt also
einen Anfang haben müsse.
* Dieses enthält dadurch eine Menge (von gegebener Einheit), die
größer ist als alle Zahl, welches der mathematische Begriff des
Unendlichen ist.
In Ansehung des zweiten Teils der Thesis fällt die Schwierigkeit,
von einer unendlichen und doch abgelaufenen Reihe zwar weg; denn das
Mannigfaltige einer der Ausdehnung nach unendlichen Welt ist zugleich
gegeben. Allein, um die Totalität einer solchen Menge zu denken, da
wir uns nicht auf Grenzen berufen können, welche diese Totalität von
selbst in der Anschauung ausmachen, müssen wir von unserem Begriffe
Rechenschaft geben, der in solchem Falle nicht vom Ganzen zu der
bestimmten Menge der Teile gehen kann, sondern die Möglichkeit eines
Ganzen durch die sukzessive Synthesis der Teile dartun muß. Da diese
Synthesis nun eine nie zu vollendende Reihe ausmachen müßte; so
kann man sich nicht vor ihr, und mithin auch nicht durch sie, eine
Totalität denken. Denn der Begriff der Totalität selbst ist in diesem
Falle die Vorstellung einer vollendeten Synthesis der Teile, und diese
Vollendung, mithin auch der Begriff derselben, ist unmöglich.