Wir haben oben die Dialektik überhaupt eine Logik des Scheins genannt.
Das bedeutet nicht, sie sei eine Lehre der Wahrscheinlichkeit; denn
diese ist Wahrheit, aber durch unzureichende Gründe erkannt, deren
Erkenntnis also zwar mangelhaft, aber darum doch nicht trüglich ist,
und mithin von dem analytischen Teile der Logik nicht getrennt werden
muß. Noch weniger dürfen Erscheinung und Schein für einerlei gehalten
werden. Denn Wahrheit oder Schein sind nicht im Gegenstande, sofern er
angeschaut wird, sondern im Urteile über denselben, sofern er gedacht
wird. Man kann also zwar richtig sagen: daß die Sinne nicht irren,
aber nicht darum, weil sie jederzeit richtig urteilen, sondern weil
sie gar nicht urteilen. Daher sind Wahrheit sowohl als Irrtum, mithin
auch der Schein, als die Verleitung zum letzteren, nur im Urteile,
d.i. nur in dem Verhältnisse des Gegenstandes zu unserem Verstande
anzutreffen. In einem Erkenntnis, das mit den Verstandesgesetzen
durchgängig zusammenstimmt, ist kein Irrtum. In einer Vorstellung der
Sinne ist (weil sie gar kein Urteil enthält) auch kein Irrtum. Keine
Kraft der Natur kann aber von selbst von ihren eigenen Gesetzen
abweichen. Daher würden weder der Verstand für sich allein (ohne
Einfluß einer anderen Ursache), noch die Sinne für sich, irren; der
erstere darum nicht, weil, wenn er bloß nach seinen Gesetzen handelt,
die Wirkung (das Urteil) mit diesen Gesetzen notwendig übereinstimmen
muß. In der Übereinstimmung mit den Gesetzen des Verstandes besteht
aber das Formale aller Wahrheit. In den Sinnen ist gar kein Urteil,
weder ein wahres, noch falsches. Weil wir nun außer diesen beiden
Erkenntnisquellen keine anderen haben, so folgt: daß der Irrtum nur
durch den unbemerkten Einfluß der Sinnlichkeit auf den Verstand
bewirkt werde, wodurch es geschieht, daß die subjektive Gründe des
Urteils mit den objektiven zusammenfließen, und diese von ihrer
Bestimmung abweichend machen*, so wie ein bewegter Körper zwar für
sich jederzeit die gerade Linie in derselben Richtung halten würde,
die aber, wenn eine andere Kraft nach einer anderen Richtung zugleich
auf ihn einfließt, in krummlinige Bewegung ausschlägt. Um die
eigentümliche Handlung des Verstandes von der Kraft, die sich mit
einmengt, zu unterscheiden, wird es daher nötig sein, das irrige
Urteil als die Diagonale zwischen zwei Kräften anzusehen, die das
Urteil nach zwei verschiedenen Richtungen bestimmen, die gleichsam
einen Winkel einschließen, und jene zusammengesetzte Wirkung in die
einfache des Verstandes und der Sinnlichkeit aufzulösen, welches in
reinen Urteilen a priori durch transzendentale Überlegung geschehen
muß, wodurch (wie schon angezeigt worden) jeder Vorstellung ihre
Stelle in der ihr angemessenen Erkenntniskraft angewiesen, mithin auch
der Einfluß der letzteren auf jene unterschieden wird.
* Die Sinnlichkeit, dem Verstande untergelegt, als das Objekt, worauf
dieser seine Funktion anwendet, ist der Quell realer Erkenntnisse.
Eben dieselbe aber, sofern sie auf die Verstandeshandlung selbst
einfließt, und ihn zum Urteilen bestimmt, ist der Grund des Irrtums.
Unser Geschäft ist hier nicht, vom empirischen Scheine (z.B. dem
optischen) zu handeln, der sich bei dem empirischen Gebrauche
sonst richtiger Verstandesregeln vorfindet, und durch welchen die
Urteilskraft, durch den Einfluß der Einbildung verleitet wird, sondern
wir haben es mit dem transzendentalen Scheine allein zu tun, der
auf Grundsätze einfließt, deren Gebrauch nicht einmal auf Erfahrung
angelegt ist, als in welchem Falle wir doch wenigstens einen
Probierstein ihrer Richtigkeit haben würden, sondern der uns selbst,
wider alle Warnungen der Kritik, gänzlich über den empirischen
Gebrauch der Kategorien wegführt und uns mit dem Blendwerke einer
Erweiterung des reinen Verstandes hinhält. Wir wollen die Grundsätze,
deren Anwendung sich ganz und gar in den Schranken möglicher Erfahrung
hält, immanente, diejenigen aber, welche diese Grenzen überfliegen
sollen, transzendente Grundsätze nennen. Ich verstehe aber unter
diesen nicht den transzendentalen Gebrauch oder Mißbrauch der
Kategorien, welcher ein bloßer Fehler der nicht gehörig durch Kritik
gezügelten Urteilskraft ist, die auf die Grenze des Bodens, worauf
allein dem reinen Verstande sein Spiel erlaubt ist, nicht genug
achthat; sondern wirkliche Grundsätze, die uns zumuten, alle
jene Grenzpfähle niederzureißen und sich einen ganz neuen Boden,
der überall keine Demarkation erkennt, anzumaßen. Daher sind
transzendental und transzendent nicht einerlei. Die Grundsätze des
reinen Verstandes, die wir oben vortrugen, sollen bloß von empirischem
und nicht von transzendentalem, d.i. über die Erfahrungsgrenze
hinausreichendem Gebrauche sein. Ein Grundsatz aber, der diese
Schranken wegnimmt, ja gar gebietet, sie zu überschreiten, heißt
transzendent. Kann unsere Kritik dahin gelangen, den Schein dieser
angemaßten Grundsätze aufzudecken, so werden jene Grundsätze des bloß
empirischen Gebrauchs, im Gegensatz mit den letzteren, immanente
Grundsätze des reinen Verstandes genannt werden können.
Der logische Schein, der in der bloßen Nachahmung der Vernunftform
besteht, (der Schein der Trugschlüsse,) entspringt lediglich aus einem
Mangel der Achtsamkeit auf die logische Regel. Sobald daher diese auf
den vorliegenden Fall geschärft wird, so verschwindet er gänzlich. Der
transzendentale Schein dagegen hört gleichwohl nicht auf, ob man ihn
schon aufgedeckt und seine Nichtigkeit durch die transzendentale
Kritik deutlich eingesehen hat. (Z.B. der Schein in dem Satze: die
Welt muß der Zeit nach einen Anfang haben.) Die Ursache hiervon
ist diese, daß in unserer Vernunft (subjektiv als ein menschliches
Erkenntnisvermögen betrachtet) Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs
liegen, welche gänzlich das Ansehen objektiver Grundsätze haben, und
wodurch es geschieht, daß die subjektive Notwendigkeit einer gewissen
Verknüpfung unserer Begriffe, zugunsten des Verstandes, für eine
objektive Notwendigkeit, der Bestimmung der Dinge an sich selbst,
gehalten wird. Eine Illusion, die gar nicht zu vermeiden ist, so wenig
als wir es vermeiden können, daß uns das Meer in der Mitte nicht höher
scheine, wie an dem Ufer, weil wir jene durch höhere Lichtstrahlen als
diese sehen, oder, noch mehr, so wenig selbst der Astronom verhindern
kann, daß ihm der Mond im Aufgange nicht größer scheine, ob er gleich
durch diesen Schein nicht betrogen wird.
Die transzendentale Dialektik wird also sich damit begnügen, den
Schein transzendenter Urteile aufzudecken, und zugleich zu verhüten,
daß er nicht betrüge; daß er aber auch (wie der logische Schein) sogar
verschwinde, und ein Schein zu sein aufhöre, das kann sie niemals
bewerkstelligen. Denn wir haben es mit einer natürlichen und
unvermeidlichen Illusion zu tun, die selbst auf subjektiven
Grundsätzen beruht, und sie als objektive unterschiebt, anstatt daß
die logische Dialektik in Auflösung der Trugschlüsse es nur mit einem
Fehler, in Befolgung der Grundsätze, oder mit einem gekünstelten
Scheine, in Nachahmung derselben, zu tun hat. Es gibt also eine
natürliche und unvermeidliche Dialektik der reinen Vernunft, nicht
eine, in die sich etwa ein Stümper, durch Mangel an Kenntnissen,
selbst verwickelt, oder die irgendein Sophist, um vernünftige Leute
zu verwirren, künstlich ersonnen hat, sondern die der menschlichen
Vernunft unhintertreiblich anhängt, und selbst, nachdem wir ihr
Blendwerk aufgedeckt haben, dennoch nicht aufhören wird, ihr
vorzugaukeln und sie unablässig in augenblickliche Verirrungen zu
stoßen, die jederzeit gehoben zu werden bedürfen.