I. Vom transzendentalen Schein

Wir haben oben die Dialektik überhaupt eine Logik des Scheins genannt.

Das bedeutet nicht, sie sei eine Lehre der Wahrscheinlichkeit; denn

diese ist Wahrheit, aber durch unzureichende Gründe erkannt, deren

Erkenntnis also zwar mangelhaft, aber darum doch nicht trüglich ist,

und mithin von dem analytischen Teile der Logik nicht getrennt werden

muß. Noch weniger dürfen Erscheinung und Schein für einerlei gehalten

werden. Denn Wahrheit oder Schein sind nicht im Gegenstande, sofern er

angeschaut wird, sondern im Urteile über denselben, sofern er gedacht

wird. Man kann also zwar richtig sagen: daß die Sinne nicht irren,

aber nicht darum, weil sie jederzeit richtig urteilen, sondern weil

sie gar nicht urteilen. Daher sind Wahrheit sowohl als Irrtum, mithin

auch der Schein, als die Verleitung zum letzteren, nur im Urteile,

d.i. nur in dem Verhältnisse des Gegenstandes zu unserem Verstande

anzutreffen. In einem Erkenntnis, das mit den Verstandesgesetzen

durchgängig zusammenstimmt, ist kein Irrtum. In einer Vorstellung der

Sinne ist (weil sie gar kein Urteil enthält) auch kein Irrtum. Keine

Kraft der Natur kann aber von selbst von ihren eigenen Gesetzen

abweichen. Daher würden weder der Verstand für sich allein (ohne

Einfluß einer anderen Ursache), noch die Sinne für sich, irren; der

erstere darum nicht, weil, wenn er bloß nach seinen Gesetzen handelt,

die Wirkung (das Urteil) mit diesen Gesetzen notwendig übereinstimmen

muß. In der Übereinstimmung mit den Gesetzen des Verstandes besteht

aber das Formale aller Wahrheit. In den Sinnen ist gar kein Urteil,

weder ein wahres, noch falsches. Weil wir nun außer diesen beiden

Erkenntnisquellen keine anderen haben, so folgt: daß der Irrtum nur

durch den unbemerkten Einfluß der Sinnlichkeit auf den Verstand

bewirkt werde, wodurch es geschieht, daß die subjektive Gründe des

Urteils mit den objektiven zusammenfließen, und diese von ihrer

Bestimmung abweichend machen*, so wie ein bewegter Körper zwar für

sich jederzeit die gerade Linie in derselben Richtung halten würde,

die aber, wenn eine andere Kraft nach einer anderen Richtung zugleich

auf ihn einfließt, in krummlinige Bewegung ausschlägt. Um die

eigentümliche Handlung des Verstandes von der Kraft, die sich mit

einmengt, zu unterscheiden, wird es daher nötig sein, das irrige

Urteil als die Diagonale zwischen zwei Kräften anzusehen, die das

Urteil nach zwei verschiedenen Richtungen bestimmen, die gleichsam

einen Winkel einschließen, und jene zusammengesetzte Wirkung in die

einfache des Verstandes und der Sinnlichkeit aufzulösen, welches in

reinen Urteilen a priori durch transzendentale Überlegung geschehen

muß, wodurch (wie schon angezeigt worden) jeder Vorstellung ihre

Stelle in der ihr angemessenen Erkenntniskraft angewiesen, mithin auch

der Einfluß der letzteren auf jene unterschieden wird.

* Die Sinnlichkeit, dem Verstande untergelegt, als das Objekt, worauf

dieser seine Funktion anwendet, ist der Quell realer Erkenntnisse.

Eben dieselbe aber, sofern sie auf die Verstandeshandlung selbst

einfließt, und ihn zum Urteilen bestimmt, ist der Grund des Irrtums.

Unser Geschäft ist hier nicht, vom empirischen Scheine (z.B. dem

optischen) zu handeln, der sich bei dem empirischen Gebrauche

sonst richtiger Verstandesregeln vorfindet, und durch welchen die

Urteilskraft, durch den Einfluß der Einbildung verleitet wird, sondern

wir haben es mit dem transzendentalen Scheine allein zu tun, der

auf Grundsätze einfließt, deren Gebrauch nicht einmal auf Erfahrung

angelegt ist, als in welchem Falle wir doch wenigstens einen

Probierstein ihrer Richtigkeit haben würden, sondern der uns selbst,

wider alle Warnungen der Kritik, gänzlich über den empirischen

Gebrauch der Kategorien wegführt und uns mit dem Blendwerke einer

Erweiterung des reinen Verstandes hinhält. Wir wollen die Grundsätze,

deren Anwendung sich ganz und gar in den Schranken möglicher Erfahrung

hält, immanente, diejenigen aber, welche diese Grenzen überfliegen

sollen, transzendente Grundsätze nennen. Ich verstehe aber unter

diesen nicht den transzendentalen Gebrauch oder Mißbrauch der

Kategorien, welcher ein bloßer Fehler der nicht gehörig durch Kritik

gezügelten Urteilskraft ist, die auf die Grenze des Bodens, worauf

allein dem reinen Verstande sein Spiel erlaubt ist, nicht genug

achthat; sondern wirkliche Grundsätze, die uns zumuten, alle

jene Grenzpfähle niederzureißen und sich einen ganz neuen Boden,

der überall keine Demarkation erkennt, anzumaßen. Daher sind

transzendental und transzendent nicht einerlei. Die Grundsätze des

reinen Verstandes, die wir oben vortrugen, sollen bloß von empirischem

und nicht von transzendentalem, d.i. über die Erfahrungsgrenze

hinausreichendem Gebrauche sein. Ein Grundsatz aber, der diese

Schranken wegnimmt, ja gar gebietet, sie zu überschreiten, heißt

transzendent. Kann unsere Kritik dahin gelangen, den Schein dieser

angemaßten Grundsätze aufzudecken, so werden jene Grundsätze des bloß

empirischen Gebrauchs, im Gegensatz mit den letzteren, immanente

Grundsätze des reinen Verstandes genannt werden können.

Der logische Schein, der in der bloßen Nachahmung der Vernunftform

besteht, (der Schein der Trugschlüsse,) entspringt lediglich aus einem

Mangel der Achtsamkeit auf die logische Regel. Sobald daher diese auf

den vorliegenden Fall geschärft wird, so verschwindet er gänzlich. Der

transzendentale Schein dagegen hört gleichwohl nicht auf, ob man ihn

schon aufgedeckt und seine Nichtigkeit durch die transzendentale

Kritik deutlich eingesehen hat. (Z.B. der Schein in dem Satze: die

Welt muß der Zeit nach einen Anfang haben.) Die Ursache hiervon

ist diese, daß in unserer Vernunft (subjektiv als ein menschliches

Erkenntnisvermögen betrachtet) Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs

liegen, welche gänzlich das Ansehen objektiver Grundsätze haben, und

wodurch es geschieht, daß die subjektive Notwendigkeit einer gewissen

Verknüpfung unserer Begriffe, zugunsten des Verstandes, für eine

objektive Notwendigkeit, der Bestimmung der Dinge an sich selbst,

gehalten wird. Eine Illusion, die gar nicht zu vermeiden ist, so wenig

als wir es vermeiden können, daß uns das Meer in der Mitte nicht höher

scheine, wie an dem Ufer, weil wir jene durch höhere Lichtstrahlen als

diese sehen, oder, noch mehr, so wenig selbst der Astronom verhindern

kann, daß ihm der Mond im Aufgange nicht größer scheine, ob er gleich

durch diesen Schein nicht betrogen wird.

Die transzendentale Dialektik wird also sich damit begnügen, den

Schein transzendenter Urteile aufzudecken, und zugleich zu verhüten,

daß er nicht betrüge; daß er aber auch (wie der logische Schein) sogar

verschwinde, und ein Schein zu sein aufhöre, das kann sie niemals

bewerkstelligen. Denn wir haben es mit einer natürlichen und

unvermeidlichen Illusion zu tun, die selbst auf subjektiven

Grundsätzen beruht, und sie als objektive unterschiebt, anstatt daß

die logische Dialektik in Auflösung der Trugschlüsse es nur mit einem

Fehler, in Befolgung der Grundsätze, oder mit einem gekünstelten

Scheine, in Nachahmung derselben, zu tun hat. Es gibt also eine

natürliche und unvermeidliche Dialektik der reinen Vernunft, nicht

eine, in die sich etwa ein Stümper, durch Mangel an Kenntnissen,

selbst verwickelt, oder die irgendein Sophist, um vernünftige Leute

zu verwirren, künstlich ersonnen hat, sondern die der menschlichen

Vernunft unhintertreiblich anhängt, und selbst, nachdem wir ihr

Blendwerk aufgedeckt haben, dennoch nicht aufhören wird, ihr

vorzugaukeln und sie unablässig in augenblickliche Verirrungen zu

stoßen, die jederzeit gehoben zu werden bedürfen.

Kritik der reinen Vernunft (Erste Fassung 1781) · 第 34 / 70 题